3. Kapitel
EIN WEITES LAND
›Liebste Magdalena!
Es ist nicht so, dass ich nicht an Dich denke – im Gegenteil! Aber erst jetzt bin ich wieder in der Lage, Dir zu schreiben. Zuerst muss ich Dir sagen, dass mich die Sehnsucht nach Dir fast umbringt! Wenn dieser Krieg doch endlich zu Ende wäre und wir für immer beisammen sein könnten! Mich quält der Gedanke, Du könntest vielleicht einen Anderen, Besseren finden, wenn ich nicht bei Dir bin!
Der endgültige Abschied von den Kameraden der Fliegerstaffel hat mich ziemlich niedergedrückt – aber es hilft nichts – mit zwei Fingern weniger bin ich nach Meinung der Feldleitstelle nicht mehr in der Lage, ein Flugzeug zu bedienen. Jetzt soll ich wenigsten als Fahrer des Kommandanten Dienst tun! Das ist auf jeden Fall besser, als in irgendeiner Schreibstube hocken. Du weißt doch, wie schwer es mir fällt, lange still zu sitzen! Ich habe eine schier endlose und anstrengende Fahrt über die Karpaten hinter mir, und es hat zwei Wochen gedauert, Krakau zu erreichen. Wir sind ein großer Haufen Soldaten und hatten jede Menge technisches Gerät zu transportieren. Es ging so langsam vorwärts, weil unsere Lok einen Güterwagen mit Steinen vor sich herschob, damit eventuelle auf die Schienen gelegte Bomben zur Explosion kommen, bevor der ganze Zug darüberfährt. Die Gegend war ziemlich einsam, und wenn der Lok das Wasser ausging, standen wir still und froren erbärmlich in unserer, dem rauen Klima nicht sehr angepassten Ausstattung. Die wilde, menschenleere Natur mit den zerklüfteten Bergen hatte etwas Bedrohliches, und wir mussten uns ganz besonders wegen versteckter Partisanen in Acht nehmen, die im Hinterhalt lauerten und gezielt auf uns schossen, wenn wir uns nicht absicherten.
Als wir Odessa erreichten, wurde alles auf Fahrzeuge geladen, und unsere Wagenkolonne bewegte sich über Nikolajew und Cherson in Richtung Krim. Wie Du bestimmt gehört hast, ist die Krim bereits in deutscher Hand. Nur der äußerste Zipfel, die der Krim vorliegende Halbinsel Kertsch und die Festung Sewastopol, also die schwierigsten Gebiete, die vom Meer aus versorgt werden können, beherrschen noch die Russen. Sewastopol soll angeblich die stärkste Festung der Welt sein – aber mit unseren neuen Raketen, den schweren Werfern und Bomben, die elektrisch gezündet werden, haben wir die Möglichkeit, dort durchzukommen. Unser Vorgesetzter, Generaloberst von Manstein, ist ein kluger, bedächtiger Mann, zu dem wir Vertrauen haben.
Trotzdem fällt die Umstellung mir nicht leicht. Es ist ein großer Unterschied zwischen der Fliegertruppe unseres Generals von Richthofen und den Bodentruppen der 11. Armee. Wir halten uns zurzeit in Bereitstellung im Jaila-Gebirge und zwar bei den sehr deutschfreundlichen Tartarenverbänden. Die Tartaren sind ein einfaches, aber freundliches Volk; sie haben uns voll Begeisterung als ihre Befreier empfangen und helfen uns, wo sie können. Von den Russen sind sie immer als Menschen zweiter Klasse behandelt, unterdrückt und gedemütigt worden. Sie stellen sogar für uns Wachen auf, geben auf Partisanen Acht und verpflegen uns mit besonderen Speisen. Wir respektieren natürlich ihre Religion und da sie sehr gläubig sind, segnen sie uns vor jedem Einsatz.
Gestern habe ich mir eine arge Rüge des Kommandeurs eingefangen. Wegen einer Reparatur musste ich sein Geländefahrzeug, ein Mercedes Cabriolet, zur nächsten Reparaturstelle in die Nähe von Kachovka bringen. Auf dem Weg dorthin kamen mir plötzlich Tiefflieger entgegen. Ich bog so schnell wie möglich von der Rollbahn ab, landete in einem Gebüsch und sprang aus dem Wagen in Deckung. Sie flogen erneut an und feuerten. Als sie endlich abdrehten und außer Sichtweite waren, war ich heilfroh, dass außer ein paar MG Treffern im Blech nichts Gravierendes passiert war. Erst auf der Rückfahrt bemerkte ich, dass der schwarzgelbe Ständer am Auto fehlte, der die Anwesenheit des Chefs signalisiert. Etwas Schlimmeres konnte mir wohl nicht passieren, denn gerade unser Oberst ist sehr eigen und ein Kommandeur ohne Ständer am Wagen für ihn undenkbar!
Denk nicht, Liebes, wir hätten hier keine anderen Sorgen; aber die äußere Form und der Rang, der jedem zusteht, sind nicht unwichtig, und all das hält eine Truppe wie die unsere zusammen. Ich musste eine gehörige Strafpredigt über mich ergehen lassen, und der Oberst hat mich sofort von meinem Amt als sein persönlicher Fahrer enthoben. Jetzt bin ich vorläufig Kradfahrer und Melder, um Nachrichten von Posten zu Posten zu übermitteln. Diese Aufgabe ist kein Pappenstiel – man muss höllisch aufpassen, nicht abgeschossen zu werden und alles heil zu überbringen. Es gibt kaum Straßen, höchstens Wege, und man sinkt in den nach dem Frost aufgetauten Boden fast bis zum Knie ein. Er besteht aus zähem, festen Lehm, der vor allem an den Reifen festklebt. Aber ich bin zuversichtlich, tagsüber scheint die Sonne schon ziemlich warm herunter und der Boden wird sicher bald fest werden. Ach, Magdalena! Hast Du schon mit deiner Mutter gesprochen, damit wir bei meinem nächsten Heimaturlaub gleich heiraten können? Ich möchte, dass Du endlich zu mir gehörst!
Ich bin zuversichtlich, dass es Dir gelingen wird, sie von unserer Liehe zu überzeugen!
Verzeih mir, aber meine linke Hand ist taub vor Verkrampfung, die Augen fallen mir zu, und ich kann keine gerade Linie mehr ziehen. Ich umarme und küsse Dich innig, mein Liebling, meine Einzige! Und damit Du siehst, wie sehr ich Dich liebe und an Dich denke, sende ich Dir diese Verse, die mir an einsamen Abenden, an denen ich in der Ferne das Meer vor mir schimmern sah, in den Sinn kamen.
Nur unserer großen Liebe Macht
leitet uns durch die einsame Nacht
Hin zum Glück, dem hellen Licht
Das wie ein Hoffnungsstrahl aus der Ferne bricht.
Schwer ist die endlose Trennungszeit
Die Tage werden zur Ewigkeit
Fern der Heimat, allein steh ich hier
Liebste, wann bin ich wieder bei Dir?
Für immer in treuer Liebe
Dein Paul

Magdalena presste den Brief mit einem verklärten Lächeln an ihr Herz und küsste ihn. Sie las ihn wieder von vorn, Wort für Wort, Zeile für Zeile. Immer dann, wenn sie Post von Paul erhielt, schloss sie sich für eine Weile in ihr Zimmer ein, um allein zu sein und so den Inhalt auf sich wirken zu lassen, als wäre er es selbst, der zu ihr sprach und sie hinter seinen Schriftzügen ansah. Das einfache Gedicht bewahrte sie wie einen Schatz, es sprach ihr mehr als alles andere von seiner Liebe und seiner Sehnsucht.

Diesmal war sie jedoch spät dran und musste sich zum Abendessen beeilen. Natürlich hatte sie noch nicht mit der Mutter wegen einer Heirat gesprochen. Sie schob es immer wieder hinaus, denn die abwesende, fremde Miene, ihre das Schicksal anklagende Haltung, in der sie seit Lutz’ Tod förmlich erstarrt schien, machte ihr Angst. Auch Großmama Louise war wortkarger geworden, ihre Parolen und Begeisterung für Hitler klangen in letzter Zeit eher gedämpft – wenn sie überhaupt noch einmal über den Krieg sprachen.

Die Glocke klingelte zu Tisch, und wie gewöhnlich war die Tafel mit Silber, Kristall und gutem Porzellan eingedeckt, an dem niemals gespart wurde. Magdalena setzte sich auf ihren Platz und entfaltete die gestärkte Serviette. Die Atmosphäre war ruhig und gedrückt, obwohl die Großmama sich Mühe gab, eine Konversation in Gang zu bringen. Als es an der Tür läutete, führte das Mädchen den Besucher herein, Gottfried von Treskow, der in der Zeit seines vierzehntägigen Heimaturlaubs auffallend oft vorsprach und jedes Mal zum Essen eingeladen wurde. Die Stimmung lebte zwar sichtlich auf, doch Magdalena fühlte sich in seiner Gegenwart seltsam unwohl, und seine Aufmerksamkeiten waren ihr peinlich. Aus dem verklärten Blick, mit dem Gottfried sie bei Tisch ständig ansah, erriet selbst der Dümmste, aus welchem Grund er so häufig erschien. Auch diesmal konnte sie das nachsichtige Lächeln Louises, die zustimmende Miene der Mutter, das Tuscheln der Geschwister kaum ertragen.

Theo grinste, als Gottfried aus Verlegenheit leicht an einer Falte des Teppichs hängen blieb, und stieß Gertraud, die bei seinem Eintreten auffallend errötet war, unter dem Tisch mit dem Fuß an. »Guck mal, was Magdalena für ein Gesicht macht. Sie kann ihn überhaupt nicht leiden!«

Gertraud schubste ihn zurück. »Weil sie blöd ist!«, flüsterte sie. »Aber was geht dich das an. Halt lieber den Mund von Sachen, die du nicht verstehst.« Sie lächelte Gottfried schmelzend entgegen, der nach einem kurzen Gruß oberflächlich über sie hinwegsah und nur der Schwester innig die Hand küsste. Gertrauds Mundwinkel zogen sich nach unten: Wenn er ihr doch auch einmal einen solchen Blick senden würde! Aber wie immer hatte er nur Augen für Magdalena, die ihn wie einen lästigen Eindringling behandelte. Wie hypnotisiert starrte sie über die Kerzen des Leuchters hinweg den jungen Mann an, der stocksteif an seinem Platz saß und die Krawatte am Kragen seines weißen Hemdes zurechtrückte, als sei sie ihm zu eng. Gottfried galt ihr als der Held aller Helden – seit er kürzlich zum Leutnant befördert worden war und man ihm trotz seiner Jugend das Ritterkreuz verliehen hatte.

Die Großmutter beugte sich zu dem Gast hinüber. »Ich freue mich, dass Sie unserer Einladung gefolgt sind, lieber von Treskow! An unserer Tafel ist immer ein Platz für Sie frei! Wie lange bleiben Sie noch in Königsberg?«

Gottfried lächelte geschmeichelt. »Oh, nur noch ein paar Tage. Ich kann es eigentlich gar nicht erwarten, wieder an die Front zurückzukommen.«

»Dann erzählen Sie uns doch einmal ausführlich, wie es zum Ritterkreuz, dieser hohen Auszeichnung eigentlich kam!«

Das wollte sich Gottfried nicht zweimal sagen lassen, und er erzählte stolz, was der Wehrmachtsbericht des »Großdeutschen Rundfunks« schon vor einigen Wochen zu Propagandazwecken verbreitet hatte. Als Mitglied des »Adlergeschwaders« war es ihm nämlich mit seiner JU 88 in einer einzigartigen Glückssträhne gelungen, dem modernsten britischen Flugzeugträger, der »Ark Royal« im Sturzflug einen Nahtreffer an die Bordwand und noch einen weiteren auf das Vorschiff zu versetzen.

Zwar kannte inzwischen schon jeder die Geschichte der »Ark Royal«, aber interessanter war es doch, alles aus dem Mund des jugendlichen Helden zu hören.

Gertraud lauschte mit halb offenem Mund und heißen roten Wangen. Sie verschlang Gottfried förmlich mit den Augen, und Magdalena hatte fast ein wenig Mitleid mit ihr. Wenigstens schien auch die Mutter eine Weile aus ihrer stummen Lethargie erwacht, mit der sie seit Lutz‘ Tod jeden Tag versunken am Tisch saß und appetitlos im Essen stocherte.

Gottfried beendete seinen packenden Bericht, ließ sich den Schweinebraten mit Klößen schmecken und sah mit gerötetem Gesicht erwartungsvoll über den Rand seines Weinglases zu Magdalena hinüber, die ihm mit gezwungener Höflichkeit zulächelte.

»Es ist jedes Mal ein Vergnügen für mich, mit Ihnen zu plaudern, gnädige Frau!«, wandte er sich jetzt an Großmutter Louise, nachdem Frau von Walden auf einige seiner Bemerkungen nicht geantwortet und nach etlichen, rasch heruntergestürzten Gläsern Wein und einem unauffälligen Griff in das kleine Tablettendöschen vor ihr wieder in abwesende Teilnahmslosigkeit gefallen war, mit der sie blicklos auf die Tischdecke starrte. »Ihre Ansichten stimmen so ganz mit den meinen überein.«

»Ihre Eltern müssen sehr stolz auf Sie sein!« Wohlwollend nickte Louise ihm zu, sah aber gleichzeitig nach dem Zifferblatt der Standuhr und winkte dem die Teller abräumenden Diener Johann, den Radioapparat aufzudrehen. Aufgeregt trommelte sie mit den Fingern auf die weiße Tischdecke. Alle schwiegen nun erwartungsvoll vor dem Kommenden, gebannt der forschen Stimme des Nachrichtensprechers lauschend, der mit den Meldungen eines britischen Luftangriffes auf Essen und Köln und des Großangriffes der sowjetischen Krim-Front gegen die 11. deutsche Armee begann. Anlässlich des Heldengedenktages kam nach einer Weile schließlich Hitler selbst zu Wort. Seine aufpeitschende Stimme klang, vom Quäken und Knarzen des Radioapparates unterbrochen, durch den Äther: ›Die bolschewistischen Horden an der Krim, die unsere deutschen Soldaten in diesem Winter nicht zu besiegen vermochten, werden von uns im kommenden Sommer bis zur Vernichtung geschlagen sein!‹ Aufbrausender Jubel des Publikums verschluckte den Rest.

Magdalena fühlte ihr Herz so laut klopfen, dass sie beinahe keine Luft mehr bekam. Paul, ihr Paul kämpfte an der Krim! Wenn ihm dort nur kein Leid geschah! Die weiteren Meldungen, wie die Forderung von Reichsjustizminsters Freisler, der bei Zuchthausstrafen über zehn Jahren die Todesstrafe verhängen wollte, rauschten an ihrem Ohr vorbei, fanden aber den Beifall von Gottfried. Es entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, in der der junge Mann in flammender Zustimmung dem Justizminister recht gab und nach einer rigorosen Säuberung des deutschen Staates, vor allem von den Juden, verlangte.

»Ihre Kommilitonin Hanna Kreuzberger ist ein gutes Beispiel!«, wandte er sich plötzlich an Magdalena. »Nicht, dass ich persönlich etwas gegen sie hätte – aber sie ist eben jüdischer Abstammung und gehört nicht in unsere Mitte! Ihr Studienplatz könnte einem deutschen Mädel zur Verfügung stehen! Aber das wird sich ja bald ändern …«, er zögerte, konnte aber voller Wichtigkeit nicht an sich halten. »Ich sollte eigentlich nicht darüber sprechen – aber im Vertrauen gesagt: Ich hörte, dass eine Deportation Königsberger Juden ins nahe Ausland bevorsteht. Es soll eine Nacht- und Nebelaktion werden und ganz schnell über die Bühne gehen.«

Empört schluckte Magdalena die scharfe Entgegnung hinunter, die ihr auf der Zunge lag. Eine Deportation ins Ausland? Bei Nacht und Nebel? Wozu? Was bildete sich Gottfried eigentlich ein, der sich jetzt in einer Tirade gegen jüdische Mitbürger verlor, deren Schicksal er mit scheinheiligem Ernst bedauerte. Sie wagte nicht, ihm am Tisch offen zu widersprechen und war froh, als er endlich auf die Uhr sah und aufstand. Mit einem beklemmenden Gefühl dachte sie an Hanna Kreuzberger und den ernsten kleinen Jakob.

Nachdem Gottfried sich verabschiedet hatte, überlegte sie ernsthaft, ob sie mit Mama darüber sprechen sollte. Sie hatte Hanna immer gern gemocht und ihre Beziehung mit Lutz nicht ungern gesehen. Sie ging auf ihre Mutter zu und umarmte sie. »Mama … ich muss dir etwas sagen … «, begann sie.

»Nicht jetzt, Kind!«, die Mutter erhob sich torkelnd, klammerte sich an den Tisch und sah mit glasigen Augen förmlich durch ihre Tochter hindurch. »Später …«

Nichts schien mehr durch den unsichtbaren Panzer der traurigen Abwesenheit zu dringen, der sie umgab, nichts sie zu interessieren. Magdalena hielt sich enttäuscht zurück. Es gab so viele Dinge, die sich verändert hatten. Schon lange nicht mehr hatte sich die Mutter wie früher nach den kleinen Sorgen der Tochter erkundigt – nach ihren Fortschritten in der Universität – oder auch nur gefragt, ob es ihr gefiel, dass dieser von Treskow immer erschien! Entgegen ihrer früheren Gewohnheit ging sie jetzt auch nach dem Abendessen sofort zu Bett. Magdalena hatte sich darüber gewundert – bis das Hausmädchen ihr eines Tages die Batterie Flaschen mit Hochprozentigem unter ihrem Bett zeigte. Das war schockierend, denn schließlich nahm die Mutter ja auch regelmäßig das Beruhigungsmittel, das ihr der Dr. Grabert, ihr Hausarzt nach Lutz Tod verschrieben hatte. Als sie mit Großmutter Louise darüber reden wollte, sah diese sie nur streng über ihre Brillengläser hinweg an. »Was redest du denn da für einen Unsinn, Kind!« Das war genau der preußisch strenge Tonfall, den sie immer anschlug, wenn sie keine Widerworte duldete. »So etwas kommt doch in unserer Familie nicht vor! Deine Mutter wird dieses Unglück überwinden! Als Lutz in den Krieg zog, musste man mit allem rechnen. Er hat sein Leben dem Vaterland geopfert. Wir stehen in Deutschland mit einem solchen Verlust schließlich nicht allein da. Die Zeit heilt alle Wunden!« Damit hatte sie wieder zu ihrem Buch, einer Ausgabe von Goethes Briefen an Frau von Stein, gegriffen und das Gespräch damit beendet.

Mutlos ging Magdalena in ihr Zimmer und setzte sich an den kleinen Schreibtisch, um einen neuen Brief an Paul zu beginnen. Doch ihre Hand gehorchte ihr nicht, ihr Kopf war leer, und sie war zu aufgewühlt. Immer wieder musste sie an Hanna denken und an Gottfried von Treskows Worte. Eine Nacht- und Nebelaktion? Was bedeutete das genau – und wann würde das sein? Sollte sie zu ihr gehen – sie noch einmal warnen? Aber das hatte sie ja bereits getan – Hanna vertraute ihrem Schicksal, war blind gewesen, gegen die Gefahr, die ihr drohte.

Sie legte sich zu Bett, ohne gleich einschlafen zu können. Ein unruhiges Gefühl hielt sie wach, und als sie weit nach Mitternacht gerade in einen leichten, oberflächlichen Schlummer gefallen war, wurde sie von Geräuschen draußen im Garten geweckt. Ihr war, als höre sie das unterdrückte Weinen eines Kindes. Und jetzt – ein Ton wie ein Kratzen an ihrem Fenster; nein, es waren kleine Steinchen, die mit einem leisen Klacken gegen die Scheibe fielen. Sie fuhr hoch, sprang mit einem Satz aus dem Bett und riss das Fenster auf. Unten stand Hanna, den Arm um Jakob geschlungen. Ihr Gesicht war verzerrt, weiß vor Angst, und sie streckte flehend die Hand nach ihr aus.

Viele tausend Kilometer weit weg, kämpfte sich Paul mit seinem Motorrad über den mit zähem Lehmschlamm bedeckten Boden der weiten, russischen Felder. Der Himmel war grau, es regnete in Strömen und immer wieder blieb sein Krad in der aufgeweichten Erde stecken, und es kostete große Mühe, es herauszuziehen und wieder flott zu machen. Seine Hand, erst kurz verheilt, schmerzte höllisch unter dem Druck, die Maschine in gerader Stellung zu halten und nach einem Sturz wieder aufzurichten. Immer abends, wenn er todmüde auf sein Lager fiel und seine Hand massierte, schmerzten und plagten ihn die fehlenden Finger, als seien sie noch vorhanden. Das einzig Erfreuliche war, dass die deutsche Armee weiterhin erfolgreich vorrückte. Aber noch hatten sie die Halbinsel Kertsch nicht erobert.

Immer wieder knallte auch an diesem Tag mehrfach feindliches Geschützfeuer, und er musste sich jedes Mal der Länge nach in den matschigen Dreck schmeißen, der danach fest an seinen Kleidern haftete. Auch die Angst vor Heckenschützen war immer da, den unsichtbar hinter Büschen lauernden Partisanen, die schon viele Kameraden mit einem einzigen, gezielten Schuss hinterrücks von ihrem Motorrad geholt hatten. Mehr als einmal verfluchte er seine Unachtsamkeit, den Verlust des Ständers am Kommandeurwagen, der ihn in diese Lage gebracht hatte.

Endlich erreichte er nach einer anstrengenden und gefährlichen Rumpelfahrt durch die unebene Schlammwüste die von den Kameraden provisorisch errichtete, etwas erhöht liegende Rollbahn. Die Fahrt ging trotzdem nicht gerade leichter voran, denn er musste höllisch aufpassen, nicht auf den abschüssigen Rand zu gelangen. Der Regen fiel jetzt heftiger und verwandelte die Rollbahn von einer Minute auf die andere in eine scheußlich glitschige Fläche. Die Nässe, von Windböen getrieben, brannte in seinen Augen und nahm ihm die Sicht. Er schien wie durch eine Welt aus Watte und Feuchtigkeit zu fahren. Aus dem Nichts der wässrigen Nebelschwaden tauchte urplötzlich ein Laster auf, der in hohem Tempo auf ihn zukam. Der Fahrer, der ihn zu spät sah, versuchte noch auszuweichen, doch sein Anhänger schleuderte und fegte ihn mitsamt dem Krad seitlich von der Bahn. In hohem Bogen landete er in einem wassergefüllten Graben und spürte nur noch, wie das Hinterteil des Motorrads gegen seinen Kopf knallte. Dann verlor er das Bewusstsein.

Die fremde Stimme mit den gutturalen Tönen drang zwar schwach, aber eindringlich an sein Ohr. Er öffnete die Augen, ohne seinen ertaubten Körper zu spüren, mit dem er bis zum Hals im kalten Wasser des Grabens lag. Irgendjemand hatte das Motorrad herausgezogen und packte ihn jetzt unter den Armen.

»Dawai, dawai«, befahl die Stimme erneut, und als er den Kopf hob, erkannte er im Nebel halben Bewusstseins die deutsche Uniform eines Kommandanten mit den dazugehörigen Abzeichen auf der Schulter, der Befehle an umstehende Soldaten erteilte, deren scharf geladene Gewehre merkwürdigerweise direkt auf ihn gerichtet waren. Er wollte etwas sagen, aber er schlotterte so an allen Gliedern, dass er nichts Verständliches herausbrachte. Man legte ihn auf eine Pritsche und verfrachtete ihn in einen Wagen. Dann spürte er, wie man versuchte, ihm etwas Heißes durch die Kehle zu flößen. Gott sei Dank, er war gerettet!

»Danke!«, stammelte er, »danke, Kameraden.« Prickelnd und brennend rann das Blut in seinen Körper zurück, und er sank erneut in Ohnmacht.

Jemand rüttelte ihn aus den Tiefen der Bewusstlosigkeit an der Schulter. »Aufwachen!« Vorsichtig versuchte er, sich aufzurichten. In seinem Kopf dröhnte es. »Wo bin ich?« Niemand antwortete, doch das leise Bullern des Ofens in der Ecke, in dem ein Feuer prasselte, hatte etwas Anheimelndes. Er befand sich in einem dunklen, bunkerähnlichen Raum.

»Du warst auf dem Weg zum Armeegefechtsstand, nicht wahr? Wir haben die Nachricht an deine Einheit gelesen, die du bei dir hattest«, sagte eine stark akzentuierte Stimme in korrektem Deutsch. Sie klang sehr hoch, wie die eines sehr jungen Mannes. »Aber das meiste darin war verschlüsselt. Darum ist es gut, dass du wieder aufgewacht bist!«

Paul kniff die Augen zusammen, um im Halbdunkel das Gesicht des Sprechenden zu erkennen, der in der Ecke stand.

»Du wirst uns jetzt Rede und Antwort stehen und alles sagen, was du weißt, vor allem, was in der chiffrierten Nachricht steht!«

Paul begriff nicht. Der Mann in deutscher Uniform ging jetzt mit gesenktem Kopf vor ihm auf und ab, und unter der Mütze konnte Paul im flackernden Schein des Talglichtes nur die Umrisse seines Gesichtes sehen. Was wollte man von ihm wissen? »Sie haben mir das Leben gerettet«, stammelte er und betastete seinen Körper. Er war bis auf ein paar Schrammen und einen Brummschädel wohl unverletzt. »Wer sind Sie – ich meine, aus welcher Kompanie … «

Der Offizier unterbrach ihn barsch. »Wann wird der Angriff auf die Halbinsel Kertsch stattfinden und wie soll das geschehen?« Die Frage war unumwunden, direkt und ziemlich seltsam. Paul versuchte, seinen schmerzenden Kopf anzustrengen.

»Wo wollt ihr durchbrechen? Mit wie viel Mann, welchen Geschützen? Ich will den Tag wissen, die Uhrzeit, Daten und Fakten, alles! Habt ihr Unterstützung der Luftwaffe? Komm, rück raus damit! Sag uns alles, sag uns die ganze Wahrheit, oder wir schmeißen dich in den Graben zurück!« Jetzt klang die Stimme richtig böse.

Paul kapierte gar nichts. Es musste an seinem Zustand liegen, seiner Benommenheit. Wo war er bloß, und wieso wollte dieser Uniformierte etwas von ihm erfahren, das ihm eigentlich doch bekannt sein musste?

»Aber … das wissen Sie doch …«, stotterte er schließlich verwirrt.

»Njet!«, schrie der Mann, und Paul fasste sich an die Stirn. Wahrscheinlich funktionierte sein Gedächtnis noch nicht ganz.

»Ich weiß einiges, aber nicht alles, was du mir sagen könntest. Du wärst beinahe ertrunken, Soldat!«, sprach die Stimme weiter. »Im Sumpfwasser. Ich hoffe, wir haben dich nicht umsonst rausgezogen.«

»Wer sind Sie?«, fragte Paul noch einmal und versuchte aufzustehen.

Doch die beiden Bewacher rechts und links neben der Tür sprangen herbei, drückten ihn auf sein Lager zurück und pressten ihm den Lauf ihrer Gewehre auf die Brust. Jetzt erst sah er, dass es sich um russische Soldaten handelte.

Die Situation erhellte sich ihm mit einem Schlag. »Ein Spion«, schoss es Paul durch den Kopf, »der Mann, der mich verhört, ist ein Überläufer aus deutschen Reihen. Ein Verräter, der sich kaufen ließ!«

»Mir ist nicht ganz klar, was Sie meinen«, fragte er langsam, um Zeit zu gewinnen, »aber ich habe wirklich keine Ahnung, was in den Rohrpostbriefen steht, die ich von einem Gefechtsstand zum anderen transportiere. Es sind Geheimsachen! Glauben Sie mir doch! Ich bin bloß Bote, ein kleiner Kradmelder!« Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, denn er wusste genau, dass der Gegner getäuscht werden und der Angriff auf die Stadt Kertsch der Halbinsel durch eine Überraschungsoffensive erfolgen sollte.

»Wo bin ich?« Er sah sich in dem engen, dunklen Raum um. »Und was machen wir hier? Wer sind Sie?«

»Du bist in einem Bunker, einer Festung, tief im Felsen an der Küste!« Die Stimme des Offiziers in der deutschen Uniform klang stolz. »Und wer ich bin, geht dich nichts an. Du wirst den Bunker so lange nicht verlassen, bis du uns alles verraten hast, was wir wissen wollen. Dann lassen wir dich vielleicht wieder zu deiner Einheit zurück. Wir wissen, dass ihr Deutschen es auf Sewastopol abgesehen habt, die stärkste Festung der Welt.« Er ging mit klackenden Schritten zum kleinen Fenster, das wie ein Bullauge aussah, aber wenig Licht gab.

Paul hörte ein Rauschen, das wie rhythmisch sich brechende Wellen des Meeres klang. Vielleicht in einer Kasematte in der Nähe der Küste?

»Aber da habt ihr euch getäuscht – denn du wirst uns eure Pläne verraten und von welcher Seite ihr angreifen werdet! Antworte!«

Das Talglicht auf dem Tisch beleuchtete jetzt das junge Gesicht des Offiziers, der seinen Kopf zurücklegte und die Mütze abnahm. Langes, schwarzes Haar rieselte in dichten Locken über seinen Rücken.

Eine Frau! Eine Russin in deutscher Uniform. Paul starrte sie dermaßen entgeistert an, dass sie in lautes Lachen ausbrach.

»Schaut ihn euch an!«, sagte sie spöttisch zu den Soldaten, die sie umstanden und mit rauem Gelächter einstimmten. »Ich glaube, den könnt ihr getrost mir allein überlassen!« Sie wurde wieder ernst. »Geht! Das Bürschchen kriege ich schon noch klein!« Die Soldaten verließen salutierend den Bunker und schlossen die gepanzerte Eisentür hinter sich.

»Nun, was ist? Mir kannst du doch alles sagen!«, forderte sie Paul auf, schüttelte ihre schwarze Mähne, die offen bis zum Gürtel reichte, und beugte sich so nah über ihn, dass ihr Haar seine Wangen kitzelte. Er sah fasziniert zu ihr auf. War es das flackernde warme Talglicht in dem düsteren Bunker, war es die unwirkliche Atmosphäre? Eine so schöne Frau glaubte er noch nie in seinem Leben gesehen zu haben! Die milchweiße Haut ihres Gesichts mit den breiten Backenknochen war makellos, mandelförmige dunkle Augen mit langen Wimpern brannten darin mit seltsamer Eindringlichkeit, und der volle, fein gezeichnete Mund unter der schmalen Nase hatte einen spöttisch kühlen Zug. Sie erhob sich, zufrieden mit der Bewunderung, die sie in Pauls Augen gelesen hatte. Ihre biegsame schlanke Gestalt mit den langen Beinen steckte in der eng sitzenden deutschen Uniform wie in einem Maßanzug. Er glaubte zu träumen. »Wieso sprechen Sie meine Sprache?«, stieß er hervor. »Und wie kommen Sie zu dieser … Uniform?«

»Das möchtest du wohl gerne wissen, he? Aber das geht dich gar nichts an!«, fuhr sie ihn grob an. »Starr mich nicht so an. Das gehört sich nicht.« Sie nahm die Kappe, fasste ihr Haar zusammen und stülpte sie sich wieder über den Kopf. »Und jetzt rede – sonst rufe ich meine Leute herein, und dann wirst du dein blaues Wunder erleben!« Lässig zog sie eine Pistole hervor. »Los! Sprich! Ich höre!«

»Und wenn Sie mich vierteilen!«, rief Paul aus. »Ich kann nur das aussagen, was ich so nebenbei mitgekriegt habe. Es ist ja alles noch in der Vorbereitungsphase.«

»Dann raus damit!«, schrie sie in grobem Ton und stieß den Pistolenlauf gegen seinen Kehlkopf. »Wir haben gehört, dass ihr einen besonderen Plan habt, irgendeinen faulen Trick – und genau den will ich jetzt erfahren!«

Paul stieß einen Schmerzenslaut aus. Er musste jetzt etwas sagen, irgendetwas! »In der Parpatschlinie …«, würgte er hervor, » im Norden werden wir in Stellung gehen. Ein Großangriff mit Werfern und elektrisch gezündeten Bomben … damit wir über den Panzergraben durchbrechen können … «

Aufs Geratewohl erläuterte ihr Paul den ersten, einfachen Plan, von dem er wusste, dass General von Manstein ihn bereits längst infrage gestellt hatte. Der kluge Stratege wollte sein Vorgehen ändern und suchte nach einer anderen Möglichkeit – einem Täuschungsmanöver, das die Russen in die Knie zwingen konnte. Er wollte den Feind irreführen, ihn einkesseln, möglicherweise von Süden aus, über das Meer. Aber wie das geschehen sollte, war noch nicht ganz klar gewesen. Er hütete sich jedoch, von diesem Vorhaben auch nur ein Wort zu verraten, zumal der andere Angriffsplan weitaus plausibler klang.

»So was haben wir uns bereits gedacht. Aber das ist lächerlich! Wir fangen euch ab wie die Hasen – über unseren Panzergraben kommt niemand lebend hinüber!« Die Russin lächelte schwach, schien aber noch nicht ganz zufrieden. »Nun weiter – was habt ihr sonst noch vor?«

Paul überlegte krampfhaft. Er musste sie auf die falsche Spur führen und noch einiges dazu erfinden, wie man den Wölfen etwas zum Fraß vorwarf, um sie ruhig zu stellen.

»Wie ich schon sagte, dachten wir daran, bei vollem Bombardement am Panzergraben durchbrechen …«Er stockte.

Sie nahm die Pistole und richtete sie ungeduldig auf Pauls Schläfe. »Weiter! Welche Waffen werdet ihr einsetzen, und mit welcher Wirkung ist zu rechnen? Unser Graben ist breit, mit Wasser gefüllt und perfekt abgesichert. Ich warne dich zum letzten Mal. Wenn du nicht die Wahrheit sagst, schieße ich dich nieder wie einen tollwütigen Hund!«

»Lassen Sie mich nachdenken! Glauben Sie wirklich, dass ich das alles so aus dem Ärmel schütteln kann?«

Paul versuchte, in ihren halb zusammengekniffenen Augen eine menschliche Regung zu erkennen. War diese Frau wirklich so grausam, wie sie tat? Als sich ihre Blicke trafen, schien es Paul, als mildere sich das feindliche Blickfeuer, mit dem sie ihn musterte. Er legte den Kopf schräg und versuchte ein schmales Lächeln, das ihm bei seinem Grübchen im Kinn bei Frauen immer mehr als Sympathie eingebracht hatte. Es schien, als zaudere sie einen Augenblick, als öffneten sich ihre vollen Lippen, doch dann fuhr sie ihn grob an. »Was grinst du mich so einfältig an?«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür. »Anouschka?«, rief eine tiefe, beinahe grollende Stimme, und ein bärtiger Hauptmann trat ein. Er musterte ihn mit grimmigem Blick, dann wandte er sich um: »Täubchen, wo bleibst du denn?«

Die so Angesprochene erhob sich, steckte die Pistole in ihren Gürtel und antwortete ihm etwas auf Russisch, das er nicht verstand. Sie versetzte Paul noch einen heftigen Tritt und zischte. »Wenn ich wiederkomme, erzählst du mir auch den Rest. Du wirst mir auch alles genau aufzeichnen. Ich will wissen, wie eure Stellungen sein werden, wo sich euer Hauptquartier befindet und an welchem Platz sich der General während des Kampfes aufhält! Hörst du! Dieser von Manstein – den wollen wir uns kapern, ihn ausschalten, verstehst du? Dann wird die ganze Sache ein Kinderspiel werden!« Sie ballte die Faust, während der Hauptmann zufrieden nickte. Die Eisentür knallte hinter den beiden zu, dass es von den Betonwänden widerhallte. Paul hörte, wie sich draußen der Schlüssel mehrmals rasselnd im Schloss drehte.

Magdalena wich vom Fenster zurück. Was machte Hanna mitten in der Nacht hier? War es das, womit Gottfried von Treskow noch vor ein paar Stunden geprahlt hatte, diese obskure Nacht- und Nebelaktion, der Abtransport jüdischer Mitbürger aus der Stadt? Schnell legte sie sich einen Schal um und lief auf bloßen Füßen zum Eingangsportal, um so leise wie möglich die Tür aufzuriegeln. Hanna rannte wie von Furien gehetzt hinein und fiel ihr schluchzend um den Hals. Den kleinen Jakob schüttelte ein leises Wimmern. Er war schon so eingeschüchtert, dass er kaum wagte, Laute von sich geben.

»Komm rein, Hanna, schnell, hier in mein Zimmer!«, flüsterte Magdalena, die Angst hatte, irgendjemand im Haus könnte die Geräusche gehört haben. Besonders vor Gertraud, der eigenen Schwester, die Gottfried von Treskow so abgöttisch verehrte und überzeugtes Mitglied der HJ war, musste sie sich in Acht nehmen.

»Psst!«, sie legte den Finger auf den Mund. »Seid ganz leise, man darf euch nicht hören!«

Hanna zog die Schuhe aus, nahm den zitternden Kleinen auf den Arm und Magdalena führte sie vorsichtig die knarrende Treppe in den ersten Stock hinauf, in dem die Schlafzimmer lagen. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, hörte sie Gertrauds Tür und ihre Schritte im Flur.

»Magdalena!«, rief sie halblaut. »Irgendetwas war da im Garten. Hast du das auch gehört?«

Magdalena öffnete ihre Tür einen Spalt. »Nichts Besonderes. Geh wieder zu Bett. Mir war nicht gut und ich musste an die frische Luft. Hab wahrscheinlich heute zu viel zu Abend gegessen.« Sie hörte die Schwester noch eine Weile herumkramen, und als alles wieder ruhig war, wandte sie sich Hanna zu, die kreidebleich und völlig aus der Fassung auf ihrem Bett saß. Der kleine Jakob war, den Daumen im Mund, auf den weichen Kissen bereits vor Erschöpfung eingeschlafen. Magdalena deckte ihn zu und legte beruhigend den Arm um Hannas Schulter. »Gut, dass du gekommen bist. Was ist denn passiert?«

»Ich schlief schon, als in der Nacht plötzlich laut an die Tür gehämmert wurde«, berichtete sie stockend und unter Tränen. »Dann läutete es Sturm. Unser Hausmädchen hat nicht gewagt aufzumachen, Mutter war noch geschwächt von ihrer Krankheit, und Jakob fing an zu schreien. Irgendwann haben sie die Tür eingeschlagen. Mama war im Nachthemd, sie trat ihnen entgegen. Sie haben sie mitgenommen, so wie sie war. Nicht mal umziehen durfte sie sich!«, sie schluchzte auf, und Magdalena legte ihr mit einem leisen »Pscht!« die Hand auf den Mund.

»Sie waren so grob, haben sie an den Haaren gerissen und mit sich gezogen, als sie sich geweigert hat. Zum Schluss nahmen sie noch unsere beiden Silberleuchter vom Kamin, packten sie ein und meinten, das bräuchten wir ja jetzt doch nicht mehr. Draußen wartete ein Lastwagen mit laufendem Motor. Wie ein Stück Vieh stießen sie Mama zu den Leuten hinein, die schon gedrängt darin saßen. Wir haben durch den Türspalt alles mit angesehen, Jakob und ich. Dann kamen sie noch einmal ins Haus zurück, wollten auch uns holen. Da hab ich Jakob bei der Hand genommen, und wir sind einfach davongelaufen, auf die Terrasse über den Garten und in die Büsche, durch eine kleine Pforte. Wir wussten nicht wohin – dann kamen mir deine Worte in den Sinn und … «

Magdalena hatte dem Redestrom unbeweglich zugehört. In ihrem Kopf arbeitete es. Ohne groß darüber nachzudenken, hatte sie Hanna in einem plötzlichen Impuls angeboten, sie zu verstecken, und das war ehrlich gemeint gewesen. Und nun war dieser Fall schneller als gedacht eingetreten! Jedenfalls war sie gar nicht vorbereitet. Wo und wie sollte sie die Flüchtlinge nun unterbringen, ohne dass ihre Familie oder sonst jemand es bemerkte?

»Gut, dass du das gemacht hast!«, ermutigte sie Hanna hastig, als sie die Angst in ihren Augen sah. »Aber hier, in diesem Zimmer könnt ihr natürlich nicht bleiben! Das würde auffallen. Lass mich überlegen!« Eine Stille entstand, in der niemand etwas sagte und nur die raschen, ängstlichen Atemzüge Hannas zu hören waren, die mit geschlossenen Augen totenbleich und zusammengesunken auf der Bettkante saß.

»Das Einzige, was mir im Augenblick einfällt, ist der Dachboden«, begann Magdalena unsicher. »Dort oben ist ein Kämmerchen mit einem Tresor, in dem Wertsachen und Papiere hinterlegt sind. Alles ist angefüllt mit altem Gerümpel – es ist eng, aber es gibt wenigstens ein Dachfenster! Da könntet ihr bleiben – vorläufig, bis wir Näheres wissen. Dahinter ist auch noch ein Hohlraum – für den Notfall. Ich bringe euch zu essen – und alles, was ihr braucht. Aber ihr müsst sehr leise sein – niemand darf auch nur ahnen, dass ihr hier seid. Versprich es mir, Hanna! Du musst gut auf Jakob aufpassen, damit er nicht schreit oder laut ist.«

Hanna nickte, verzweifelt krampfte sie die Hände zusammen. »Ach Magdalena, in welcher Zeit leben wir bloß! Was wird aus Mama werden, wohin bringt man sie? Sie ist ja nicht gesund!«

»Das kann ich dir nicht sagen. Aber du musst jetzt an dich und deinen Bruder denken. Deine Mutter würde es nicht anders wollen, hörst du!« Rasch packte sie Decken und Sofakissen zusammen und suchte Kleidungsstücke aus ihrem Schrank heraus. »Hier! Das muss für heute Nacht genügen.«

Der kleine Jakob stöhnte im Schlaf, dann schlug er die Augen auf. »Durst, Durst!«, rief er. Hanna legte ihm die Hand auf den Mund. »Psst, Jakobchen, sei ganz still. Du kriegst gleich was.«

»Wartet auf mich, aber rührt euch nicht!« Magdalena schlich barfuß in die Küche hinunter und packte in einen Korb Brot, eine Kanne mit Wasser, der sie etwas selbst gemachten Holundersirup hinzufügte. Dann nahm sie noch einen großen Putzeimer und trug alles, leise ihre Schritte auf die Treppenstufen setzend, hinauf bis zum Dachboden. Aber wie sollte sie bloß die Luke geräuschlos öffnen und herabziehen, deren Ring weit oben nur mit einem langen Stab mit Haken zu erreichen war? Wie lange war man dort schon nicht mehr hinaufgestiegen? Eigentlich war es ein ideales Versteck – und für Hanna würde es sicher nicht für lange sein!

Behutsam stocherte sie mit dem Holzstab an dem verrosteten Eisenring herum, der sich beim besten Willen nicht von der Stelle bewegen ließ. Es fehlte ihr einfach die Kraft, und sie stellte fest, dass sie unbedingt die Hilfe einer zweiten Person brauchte, um die Luke mit der Leiter herabzuziehen. Leise stieg sie die Treppen wieder herunter, an Gertrauds Zimmer vorbei, in dem glücklicherweise alles ruhig blieb.

»Hanna, komm mit – du musst mir helfen, die eingerostete Luke zu öffnen!«

Hanna warf einen Blick auf den schlafenden Jungen. Konnte sie ihn hier für ein paar Minuten allein lassen? Was wäre, wenn er wieder aufwachte und begänne zu schreien? Sie musste das Risiko eingehen. Sie folgte Magdalena, die vorsichtshalber das Zimmer hinter sich abschloss, auf den Dachboden, und gemeinsam schafften sie es, die unangenehm knarrende Dachluke Stück für Stück herunterzuziehen. Hanna kletterte ein paar Sprossen empor und nahm die Decken und den Eimer mit den Vorräten entgegen. Auf halbem Wege nach unten hörten sie, wie der allein gelassene Jakob plötzlich aus Leibeskräften zu rufen und zu weinen begann und gegen die verschlossene Tür klopfte. Magdalena schob Hanna in ihr Zimmer, schloss hinter ihr ab, schwang sich über den Handlauf nach unten und war in der nächsten Minute im Wohnzimmer, am Radioempfänger. Sie drehte ihn bis zum Anschlag auf und schraubte an ihm herum, bis dass das Krächzen, Quietschen, die Teile von Stimmen und Musikfetzen schier unerträglich laut herausdröhnten und das ganze Haus mobil machten. Oben hatten sich schon die Schlafzimmertüren geöffnet, und die Erste, die unten neben ihr stand, war Gertraud.

»Bist du jetzt ganz übergeschnappt?«, schrie sie und hielt sich die Ohren zu. »Was machst du denn mitten in der Nacht für einen Krach?« Auch Theo kam verschlafen herbeigewankt, tippte sich an die Stirn, während Oma Louise ihr zerknittertes Gesicht durch die Tür steckte und versuchte, ihre Brille aufzusetzen.

Nur Mama schlief offenbar so fest, dass sie nichts hörte.

»Magdalena! Was ist denn in dich gefahren?«, rügte Louise, die das Radio energisch abstellte und sie streng durch die schief sitzenden Brillengläser ansah. Die plötzliche Stille sauste ungewohnt in den Ohren.

»Ich … ich konnte nicht schlafen«, Magdalena stellte sich zerknirscht, »mir … mir war nicht gut. Ich hab mir wohl den Magen verdorben, und da dachte ich, ich schaue mal, was im Radio ist. Aber es war wohl falsch eingestellt, und als es so laut wurde, habe ich nicht gleich den richtigen Knopf gefunden …«

»So ein Unsinn«, die Großmutter schüttelte den Kopf, »jetzt nimmst du mal Bullrichsalz und gehst wieder zu Bett. Ich mache dir eine Wärmflasche – da wird es dir sicher bald besser gehen!«

»Die spinnt doch!«, rief Gertraud erbost. »Die ganze Zeit rumort sie schon im Haus herum, und zwar so laut, dass ich nicht schlafen kann!«

»Halt den Mund, du Schlafmütze!«, fauchte Magdalena die Schwester an. »Steck dir doch Watte in die Ohren, wenn du so empfindlich bist!«

Mit einem giftigen Blick verschwand Gertraud wieder in ihrem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Louise machte sich in der Küche zu schaffen, und als sie mit der Wärmflasche herauskam, war Hanna mit ihrem kleinen Bruder im Arm bereits in fliegender Eile über die Luke auf den Dachboden geklettert. Sie hatte sich den Lärm zunutze gemacht und die quietschende Leiter so weit wie möglich hochgezogen. Doch ein deutlich sichtbarer Spalt blieb bestehen. Magdalena hatte sich mit der Wärmflasche und dem Bullrichsalz gehorsam in ihr Zimmer begeben und lauschte nun darauf, dass im Haus wieder alles ruhig wurde. Ihr Herz klopfte wie wild vor Angst, dass Gertraud oder Theo die noch halb offene Dachluke bemerkten. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als noch einmal hinaufzuschleichen und sie ganz zu schließen!

Es klopfte leise an ihre Tür, und Magdalena sprang erschrocken mit einem Satz ins Bett. Louise trat ein, setzte sich zu ihr auf den Bettrand und sah sie mit ihren hellen Augen hinter den runden Brillengläsern kritisch an. »Fühlst du dich jetzt besser, Kind? Gibt es etwas, was du mir sagen möchtest?«

»Nein, Omi, wirklich nichts! Aber mir geht es wie Mama – ich kann das mit Lutz nicht vergessen. Nachts muss ich immer daran denken, und dann ist es mit dem Einschlafen vorbei, oder ich habe schlechte Träume. Warum musste er bloß so früh sterben?«

»Was für eine dumme Frage!« Louise drehte den Kopf zur Seite, damit man nicht sah, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen. »Ich kann sie dir nicht beantworten. Auch für mich ist das sehr schwer zu begreifen. Er war mein Liebling. Aber er hat sein Vaterland verteidigt und ist dabei gefallen. Wir müssen uns damit abfinden.« Sie betupfte sich mit dem Taschentuch den Augenwinkel. »Du solltest heiraten, meine Kleine!« Sie nahm Magdalenas eiskalte Hand. »Dann kämst du auf andere Gedanken.«

Magdalena machte eine abwehrende Bewegung, und die Großmutter fuhr fort. »Ich weiß ja, du hast nur diesen Paul im Kopf! Aber diese Kleinbürgerfamilie, die Mutter, die von Tür zu Tür rennt, um ihr Papier zu verkaufen – so etwas ist doch nichts für dich!« Sie zog indigniert die Augenbrauen hoch. »Glaub mir! Dieser von Treskow dagegen … so einen würde ich mir für dich wünschen! Ein aufrechter, gerader Charakter aus guter Familie! Mutig, stolz und …«

»... langweilig!«, setzte Magdalena rasch hinzu und richtete sich gerade im Bett auf. »Niemals! Ich empfinde nichts für ihn und werde es nie tun. Von mir aus kann Gertraud ihn ruhig haben. Ich heirate nur aus Liebe und keinen anderen als Paul!«

»Liebe!« Luise lachte in einem Ton auf, den Magdalena noch nie an ihr gehört hatte. »Liebe – was ist das schon! Ein kurzer Moment Glückseligkeit und ein Leben lang Enttäuschung!«

»Bei mir und Paul nicht! Da bin ich ganz sicher!«, sagte Magdalena eigensinnig und warf sich auf die Kissen zurück.

»Ich weiß schon – wie könnte es auch anders sein!«, die Großmama seufzte nachsichtig. »Du hast den Dickschädel von mir geerbt. Ich wollte auch nie hören – bis ich fühlen musste!« Sie zog die Decke über Magdalenas Schultern. »Gute Nacht, Lena. Schlaf jetzt. Und träum diesmal etwas Schönes!«

Sie zog die Tür hinter sich zu und Magdalena horchte auf ihre schleppenden Schritte auf der Treppe. Dann sprang sie wieder auf und lief nach oben. Leise auf einen Fußschemel steigend, drückte sie aus Leibeskräften gegen die Luke, während Hanna von oben zog. Schließlich versetzten sie der Holzklappe noch einen kräftigen Schubs, bis sie mit einem bösartigen und durchdringenden Knarren endlich einschnappte. Morgen würde sie sich Schmieröl besorgen und die Scharniere gut fetten, das war ihr letzter Gedanke, als sie sich nach einem Gute Nacht Klopfgruß für Hanna in ihrem Bett ausstreckte und todmüde einschlief.