9. Kapitel
FLUCHT
Am nächsten Tag fand sich Magdalena mit klopfendem Herzen wieder im Kinderkrankenhaus ein. Ob Dr. Friedländer einen Pass für Hanna hatte? Sie wartete unruhig in dem kalten, weiß gestrichenen Warteraum mit den harten Stühlen, doch der Arzt schien heute sehr beschäftigt. Er sei noch im Operationssaal, beschied ihr die Schwester, und es schien sich um einen komplizierten und länger dauernden Eingriff zu handeln.
Nach einer guten Stunde sah sie wieder nach ihr. »Sie sind ja immer noch da?«, wunderte sie sich. »Ich glaube nicht, dass der Doktor heute noch Zeit für Sie hat.«
Als Magdalena eigensinnig schwieg, machte sie sich an dem kleinen Tisch, auf dem bunte Broschüren lagen, zu schaffen und legte sie sorgfältig zusammen. »Heute ist sowieso alles durcheinander!«, flüsterte sie ihr schließlich wichtigtuerisch zu. »Es war schon eine Kommission da, die nach dem Doktor gefragt hatte. Aber die Kleine da drin«, sie wies mit dem Daumen auf den Operationssaal, »ist die Tochter eines hohen Funktionärs, eines gewissen von Schrobenberg. Blinddarmdurchbruch – und viel zu spät eingeliefert. Bei der kleinen Katharina geht es um Leben oder Tod! Sie hätten mal sehen sollen, wie dieser Schrobenberg die komischen SS Leute angeschnauzt hat, die heute Morgen unseren Doktor sprechen wollten!«
Magdalena fuhr der Schreck in die Glieder. SS Leute? Es war also so weit, jetzt wollten sie auch schon den Doktor abholen!
»Und deshalb bin ich mir fast sicher, dass er heute für niemanden mehr zu sprechen ist!«, fuhr die Schwester fort.
Magdalena sprang auf. »Aber ich muss zu ihm – wenigstens ganz kurz! Es ist dringend, er … er wollte mir nur etwas geben!«
»Etwas geben?«, die Schwester sah sie an und überlegte. »Sind Sie etwa Magdalena von Walden?«
Magdalena bejahte. »Dann kommen Sie mit, ich habe einen Umschlag für Sie. Das hätten Sie mir aber wirklich schon vorher sagen können.« Sie schüttelte unwillig den Kopf, und Magdalena folgte ihr in den Nebenraum, eines der Ordinationszimmer des Chefs. Dort lag ein großer weißer Umschlag mit ihrem Namen. Mit zitternden Händen nahm Magdalena ihn entgegen, bedankte sich höflich und setzte sich mit ihm in eine Ecke des jetzt leeren Wartezimmers. Sie konnte es kaum erwarten, den fest mit Klebeband verschlossenen Umschlag zu öffnen, in dem sich vorsichtshalber noch ein zweiter befand. Ungeduldig riss sie ihn auf, und als Erstes fiel ihr ein Pass auf den Namen Anna Fischer entgegen. Anna Fischer – so musste sich Hanna ab jetzt nennen! Sie nahm den Brief Dr. Friedländers, dessen Schrift seltsam verzerrt und hastig hingeworfen wirkte, in die Hand und las seine Worte ohne Anrede und Unterschrift.
Er erklärte, dass nur noch das Bild Hannas im Pass fehle und dass sie schon morgen früh, gleich um fünf Uhr am Hafen sein solle. Dort müsse sie nach einer Familie Brückner suchen und sich ihr anschließen. Sie würden sich dann gemeinsam mit der »Donau« nach Kopenhagen einschiffen. In Kopenhagen gäbe es Übernachtungsmöglichkeiten im Bispebjerg Hospital und Helfer, die die weitere Überfahrt mit der »Batory« über den Oresund ins sichere Schweden organisieren würden. Die Überfahrt koste 2000 Kronen, die Hanna unbedingt in bar mitbringen solle. Der letzte Satz war dann noch die Bitte, den Brief sofort zu verbrennen.
Magdalena ließ das Papier sinken. 2000 Kronen! Wo sollte das Geld für die Fahrt herkommen? Ihr schwindelte vor der Verantwortung, die mit einem Mal auf ihren schwachen Schultern lag. Und so früh schon am Hafen: Das hieße, mit Hanna bereits in der Nacht aufzubrechen, um morgen in aller Frühe am Hafen zu sein. Sie ahnte dunkel, dass es sich bei der genannten Familie Brückner nur um die Angehörigen Doktor Friedländers handeln konnte! Mit zitternder Hand hielt sie jetzt ein Streichholz an den Brief und sah zu, wie er im Papierkorb des Wartezimmers verglühte.
»Rauchen verboten!« Die Dame von der Anmeldung kam schnuppernd herbeigeeilt und sah sie vorwurfsvoll an.
»Das muss ein Irrtum sein«, antwortete Magdalena und zog die Augenbrauen hoch, »ich rauche niemals! Auf Wiedersehen.« Sie trat auf die Straße und machte sich mit gesenktem Kopf, in dem die Gedanken wild durcheinander kreisten, auf den Heimweg. Gerade, als sie die Haustür aufschließen wollte, hörte sie jemanden rufen. »Fräulein von Walden!«
»Ja bitte?« Magdalena sah erschrocken hoch. Den süßlichstrengen Ton dieser Stimme kannte sie. Frau Schmitz, die Nachbarin, die zu dem Fenster gehörte, hinter dem sich die Gardinen manchmal so verdächtig bewegten, kam näher. »Das trifft sich heute sehr gut, dass wir uns begegnen. Ich würde gerne einmal unter vier Augen mit Ihnen sprechen!«
Magdalenas Herz begann, wie rasend zu klopfen. Sie hat etwas gesehen, sie will mich anzeigen, hämmerte es hinter ihren Schläfen. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben und einen freundlichen Ton anzuschlagen.
»Aber gerne, bitte kommen Sie doch herein.« Sie schloss die Tür auf und ging voraus in den Salon. Louise ließ sich nicht sehen, obwohl Magdalena wusste, dass sie zu Hause sein musste. Frau Schmitz ließ ihre facettengleichen dunklen Äuglein blitzschnell über alle Ecken des Raumes gleiten, als suche sie etwas, und nahm dann kerzengrade auf dem äußersten Rand des ihr angebotenen Sessels Platz. Magdalena setzte sich ihr gegenüber, die verkrampften Hände fest ineinander verschlungen. »Nun? Worum geht es denn?« Sie versuchte ein schwaches Lächeln.
Die Besucherin sah sich wieder nach allen Seiten um. »Ist Ihre Großmutter nicht da?«
»Sie ist einkaufen gegangen!«, log Magdalena und versuchte, höflich zu bleiben.
»Nun, dann wollen wir nicht lange um die Sache herumreden«, begann Frau Schmitz und kniff ihre Lippen zu einem dünnen Spalt zusammen. »Ich möchte Sie warnen – im Grunde meine ich es ja nur gut mit Ihnen. Aber ich habe da gewisse Beobachtungen gemacht... «
Magdalena sah sie mit gespielter Unschuldsmiene fragend an, während ihr Herz zu rasen begann. »Beobachtungen? Was wollen Sie damit sagen?«
»Nun, Sie wissen schon, was ich meine. Verdächtige Bewegungen, nachts – in Ihrem Park, um es geradeheraus zu sagen. Wenn ich nicht schlafen kann, schnappe ich gerne am Fenster ein wenig frische Luft. Und da habe ich in Ihrem Garten öfter jemanden umherspazieren sehen. Das hat den nicht unbegründeten Verdacht in mir erweckt, dass sich eine Person in Ihrem Haus befindet, die da nicht hingehört. Ein junges Mädchen, dunkle Haare. Sie wissen doch, dass es verboten ist, Juden zu beherbergen?«, sagte sie jetzt geradeheraus und sah Magdalena mit jenem lauernden Ausdruck ins Gesicht, den sie von jeher an ihr verabscheut hatte.
»Wo denken Sie hin?«, erwiderte sie so schnell, dass sie beinahe ins Stottern kam. »Warum sollte ich so etwas tun? Sie müssen sich getäuscht haben!«
»Auf keinen Fall. Ich weiß, was ich gesehen habe«, sie erhob sich und zeigte mit dem Finger auf Magdalena. »Sie sind zwar noch sehr jung – aber trotzdem sollten Sie keine solchen Dummheiten machen. Ich habe Erkundigungen eingezogen. Ihr Herr Bruder war doch mit einem Fräulein Kreuzberger befreundet, nicht wahr? Hanna Kreuzberger. Und diese junge Dame ist samt ihrem kleinen Bruder auf mysteriöse Weise aus Königsberg verschwunden.«
»Woher wissen Sie das alles?«, Magdalena war empört aufgesprungen. »Spionieren Sie etwa für die Gestapo?«
»Ich bin nur für Recht und Ordnung«, wich Frau Schmitz aus, »und respektiere die Befehle des Führers und der Obrigkeit! Die Juden müssen weg – Deutschland muss frei sein, rein! Jeder im Volk muss mithelfen, dieses Werk zu vollenden!« Ihre Stimme senkte sich von dem pathetischen Ton, den sie angeschlagen hatte, jetzt zu künstlicher Sanftheit, beinahe zu einem Flüstern. »Da wir immer gute Nachbarn waren, wollte ich Ihnen das sagen, bevor ich gezwungen bin, Anzeige bei der Polizei zu erstatten! Entfernen Sie dieses Judenmädchen rechtzeitig aus Ihrem Haus. Ich möchte mir in dieser Hinsicht nichts vorwerfen lassen.«
»Nichts vorwerfen lassen – außer unmenschlich zu sein?«, Magdalena konnte sich jetzt nicht länger beherrschen. »Bitte gehen Sie! Ich habe den Anschuldigungen einer Schnüfflerin wie Ihnen nichts entgegenzusetzen!« Sie war in diesem Augenblick förmlich über sich selbst hinausgewachsen. Wie eine flammende Rachegöttin stand sie vor der Nachbarin, deren Blicke sie wie giftige Pfeile durchbohrten.
»Sie werfen mich hinaus? Nennen mich Schnüfflerin? Das werden Sie noch bereuen, Sie einfältiges Kind, Sie!«, zischte die Nachbarin mit verkniffenem Gesichtsausdruck. »Bis jetzt hatte ich Mitleid mit Ihrer Jugend. Aber solche Frechheiten muss ich mir nicht bieten lassen! Sie hören von mir! Ich habe ohnehin bereits Meldung gemacht!«
Wutschnaubend verließ sie den Salon und knallte die Tür geräuschvoll hinter sich zu, während Magdalena empört hervorstieß.
»Geh doch zum Teufel, du widerwärtige Klatschtante!« Dann brach sie in Tränen aus.
»Was ist denn hier los?« Louise war leise eingetreten und legte beruhigend den Arm um sie. »Reg dich doch nicht so auf, mein Schatz. Warum ist Frau Schmitz denn so aufgebracht? Was meint sie denn mit ›sie habe Beobachtungen gemacht‹?«
»Ach, sie redet Unsinn, bildet sich da etwas ein …«
»Dann ist es ja gut. Diese Frau war uns ja noch nie wohlgesonnen. Deine Mutter hat sie gar nicht ernst genommen! Aber wir haben doch ein gutes Gewissen. Am besten, so sagte sie immer, wir beachten sie gar nicht! Und das musst du auch tun, versprich es mir!«
Magdalena nickte unter Tränen. In ihrem Kopf wirbelten die Gedanken, bis nur ein einziger übrig blieb. Hanna musste fort. Aber nicht erst heute Nacht, sondern auf der Stelle, ohne eine einzige Minute Zeit zu verlieren. Wenn Frau Schmitz wirklich bereits Meldung gemacht hatte, dann konnte die Polizei ja jeden Augenblick da sein und nach dem Rechten sehen! Sie musste Louise reinen Wein einschenken!
»Großmama!« Sie atmete heftig aus, überlegte, wie sie ihr so schnell alles erklären sollte. »Bleib jetzt ganz ruhig. Ich muss dir etwas gestehen. Frau Schmitz hat recht – wir haben tatsächlich jemand Fremden im Haus.«
»Was sagst du da?« Louise verdrehte die Augen und hielt sich krampfhaft am Treppenpfeiler fest. »Um Himmels willen!«
»Ja, Oma, eine Jüdin. Erinnerst du dich an Hanna Kreuzberger?« Bleich wie die Wand nickte Louise.
»Ich habe sie oben auf dem Dachboden versteckt. Ich dachte, es sei nur für ein paar Tage – doch nachdem sich die Situation so zuspitzte, wusste ich nicht mehr, was ich mit ihr anfangen sollte.«
»Kind …, wie konntest du nur so etwas tun?« Entsetzen stand in den Augen der Großmutter.
»Lutz zuliebe! Sie war seine Freundin, wie du weißt! Aber hör zu!« Magdalenas Stimme wurde drängend. »Morgen früh geht ein Schiff nach Dänemark. Hanna wird mitfahren – sie hat einen falschen Pass. Es ist alles organisiert, ich bringe sie zum Hafen. In Kopenhagen wird man ihr weiterhelfen. Aber die weitere Überfahrt nach Schweden kostet 2000 Kronen! Hanna hat nichts mehr!«, sie schluckte und atmete tief auf. »Mit meinen Ersparnissen bringe ich nicht mal die Hälfte zusammen – und jetzt kommt mir in letzter Minute auch noch diese bösartige Schwätzerin dazwischen!«
»Aber was sollen wir denn jetzt tun?«, flüsterte Louise entsetzt, als könne es jemand hören. »Wir kommen alle ins Gefängnis, wenn man erfährt, dass wir eine Jüdin bei uns versteckt haben!«
»Ich weiß, sie ist ja auch bald fort – morgen!« Magdalena biss sich ungeduldig auf die Lippen. »Dann kann man uns nichts mehr nachweisen. Aber wenn Frau Schmitz ihre Drohung wahr macht, wird die Polizei alles durchsuchen … Wir müssen Hanna sofort aus dem Haus schaffen und alle Spuren beseitigen. Du musst mir helfen!« Sie holte einen bedruckten Jutesack aus der Küche. »Komm, lass uns gleich damit anfangen.«
»Wie kannst du uns bloß in eine solche Lage bringen«, wimmerte Louise ratlos, »wenn das deine selige Mutter wüsste!«
»Hätte ich Hanna von der Gestapo verhaften lassen sollen?«, schrie Magdalena erregt. Sie rannte, gefolgt von Louise, die Treppen zum Dachboden hinauf und ließ die Leiter herunter. Oben erschien Hannas bleiches, verweintes Gesicht. Sie erschrak, als sie hinter Magdalena deren Großmutter erkannte.
»Gott behüte!«, Louise war so bleich geworden, dass Magdalena fürchtete, sie könne in Ohnmacht fallen.
Die Haustür klappte – irgendetwas fiel zu Boden. Gertraud war aus der Schule zurück, kam gleich die Treppe hinaufgerannt und starrte auf die heruntergelassene Leiter, auf der Hanna eben herabstieg. »Wer … wer ist denn das?«, fragte sie erstaunt. »Was geht hier vor?«
»Du darfst niemandem etwas davon erzählen, hörst du?«, fuhr Magdalena geistesgegenwärtig die Schwester an, die verstummte und nur mit großen Augen beobachtete, was sich vor ihren Augen abspielte. »Schon gar nicht Gottfried. Jetzt geh in dein Zimmer! Und lass dich nicht sehen. Sonst nimmt die Polizei auch dich mit!«
»Die Polizei?« Gertraud kniff die Augen zusammen.
»Ich erkläre es dir später, aber jetzt tu gefälligst, was ich dir sage!« Der Ton war drohend, und Gertraud drehte sich auf dem Absatz herum und verschwand hinter der Tür.
»Hanna, du musst sofort das Haus verlassen! Die Polizei wird vielleicht schon bald hier sein. Jemand hat dich gesehen, dich verraten … «
»Aber wo soll ich denn hin …« Hanna sah von einem zum anderen und ihre Stimme klang verzweifelt.
»Morgen geht dein Schiff nach Dänemark und von dort nach Schweden. Da bist du vorläufig in Sicherheit. Ich habe deinen falschen Pass. Bitte Louise«, flehte sie die Großmama an, »bring hier oben alles in Ordnung, damit keine Spuren zu sehen sind, wenn man das Haus durchsucht! Stopf einfach alles in den großen Sack.«
Ohne ein weiteres Wort zu erwidern, begann diese hastig, alles einzusammeln und aufzuräumen.
Magdalena zerrte die völlig verwirrte Hanna hinter sich her die Treppe herunter. »Komm, wir müssen gleich zum Hafen! Besser, du verbringst den Rest des Tages und die Nacht dort – irgendwo hinter alten Tonnen oder Kisten. Es ist ja nur für ein paar Stunden!«
Gerade als sie die Tür öffnen wollten, war draußen Motorengeräusch zu hören. Magdalena lief ans Fenster. Ein Polizeiwagen hielt mit quietschenden Bremsen und zwei Männer vom Sicherheitsdienst in feldgrauer SD-Uniform sprangen heraus und kamen raschen Schrittes auf die Villa der von Waldens zu. Es klingelte Sturm. Hanna stieß einen unterdrückten Schrei aus und begann leise zu schluchzen. »Lass mich! Ich gehe freiwillig mit!«
»Du spinnst wohl!«, Magdalena packte sie grob beim Handgelenk. »Wenn sie dich hier finden, müssen wir alle ins Gefängnis. Mitgefangen, mitgehangen!« Sie zerrte Hanna in den Flur zur Kellertür. Dort gab es noch einen Hinterausgang für die Lieferanten. Wenn die SD-Leute nicht daran gedacht hatten, würde es vielleicht möglich sein, sie dort hinauszuschmuggeln. Sie drückte ihr den falschen Pass in die Hand. »Steck das ein und verlier es bloß nicht – das ist lebenswichtig! Du heißt jetzt Anna Fischer!« An der Garderobe sah sie den Schultornister und die Kappe mit dem HJ Zeichen von Gertraud hängen. »Hier, setz das vorsichtshalber auf! Und schnall dir den Tornister um!«
Hanna gehorchte, stocksteif vor Angst und Aufregung. Sie stolperte hinter Magdalena die dunkle Kellertreppe hinunter, während die Tür hinter ihnen zufiel. Sie hatten kein Licht gemacht. Vorsichtig trat Magdalena als Erste durch die unter Efeuranken ein wenig versteckt liegende, niedrige Tür, die in den Garten führte und stieg die Stufen empor. Sie schrak zurück. Tatsächlich befand sich auf der Rückseite des Anwesens ein Polizist, der gelangweilt auf der Straße auf und ab schritt. Die beiden SD-Leute warteten immer noch im Vorderbereich auf das Öffnen der Tür.
Eine Gruppe lachender und sich neckender Grundschüler kam in der Ferne angetrottet.
»Siehst du die Kinder?«, flüsterte Magdalena. »Wenn der Polizist dir den Rücken zudreht, läufst du los. Du könntest es bis zu dem Baum da an der Kreuzung schaffen. Dann tust du so, als gehörtest du zu den Schülern. Du bist klein – schließ dich ihnen an, niemand wird es merken.«
Hanna nickte tapfer.
»Warte noch!« Sie nahm Hannas dickes Haar, teilte es und flocht es in fliegender Eile auf jeder Seite zu einem lockeren Zopf. Die Zöpfe ragten nun unter der Mütze hervor und verliehen Hanna ein kindliches Aussehen. Hastig flüsterte sie ihr zu: »Dr. Friedländer hat mir alles erklärt. Im Hafen liegt ein Schiff mit Namen ›Donau‹. Es geht morgen früh nach Kopenhagen. Frag nach einer Familie Brückner und schließ dich ihr an. Sofort bei deiner Ankunft in Kopenhagen musst du dich an das Bispebjerg Hospital wenden. Merk dir den Namen gut! Die helfen dir weiter, organisieren die Transporte für die Flüchtlinge, die Überfahrt mit der ›Batory‹ nach Schweden. Das ist eine polnisch-amerikanische Linie, die auf der Fahrt nach Amerika Kopenhagen und Schweden anläuft. Jetzt geh – zum Hafen! Versteck dich da – wir sehen uns morgen früh! Ich komme hin und bringe dir das Geld für die Überfahrt nach Schweden mit!«
»Aber wo?«, flüsterte Hanna ängstlich.
»Weiß nicht. Irgendwie werde ich dich schon finden!« Magdalena blickte angestrengt zu dem Polizisten hinüber, der, die Hände auf dem Rücken verschränkt, gerade wieder seinen Marsch auf der anderen Straßenseite aufnahm. Die schwatzenden Schüler waren jetzt ganz nah.
»Los!«, flüsterte sie der zitternden Hanna zu und schob sie mit einem Ruck vor. Halb auf Zehenspitzen lief das Mädchen nun mit großen Schritten durch den Garten, von dort über die Straße. Der Mann vom Sicherheitsdienst hatte Schritte gehört, doch als er sich umwandte, sah er nur eine Gruppe Schüler mit braunen HJ-Baskenmützen, die gerade in die Allee einbog. Er suchte mit den Augen kurz die Villa und deren Umgebung ab, doch als sich nichts Verdächtiges zeigte, wandte er sich wieder ab und zuckte die Achseln. Man musste schließlich jeder Denunziation nachgehen, auch wenn manchmal die dümmsten Falschmeldungen darunter waren!
Erst, als die SD-Männer so heftig gegen die Tür polterten, als wollten sie sie aufbrechen, öffnete Louise und setzte eine indignierte Miene auf. Die alte, vornehm wirkende Dame mit den sorgfältig frisierten grauweißen Haaren, der man immer noch ansah, dass sie in besseren Zeiten eine Schönheit gewesen sein musste, blickte sie durch ihre goldumrandeten Brillengläser ein wenig strafend an. »Aber meine Herren! Was gibt es denn so eilig!«
»Hausdurchsuchung! Sie werden verdächtigt, Juden zu verstecken!«
»Was?«, Oma Louise machte ein empörtes Gesicht. »Das ist ja unerhört! Aber bitte, wenn Sie das glauben, meine Herren, dann sehen Sie sich doch überall um. Darf ich bitten!« Sie öffnete die Tür einladend weit, nicht ohne einen vorwurfsvollen Blick zum Nachbarhaus hinübergeworfen zu haben, wo Frau Schmitz breit, die Ellenbogen auf ein Kissen gestützt, auf der Balkonbrüstung thronte und mit triumphierender Genugtuung hinüber blickte. Dann folgte sie den beiden Männern und versetzte im Vorübergehen dem fest mit einem Knoten zusammengebundenen Jutesack mit der Aufschrift »Grüne Erbsen« einen energischen Tritt, damit auch sein letzter Zipfel noch in der Speisekammer verschwand.
Magdalena, die hinaufgerannt war und sich, völlig außer Atem, in ihrem Zimmer an den Schreibtisch gesetzt hatte, tat so, als schriebe sie eifrig an ihrem Referat über den Einfluss des Philosophen Voltaire auf Friedrich den Großen. Hinter der halb geöffneten Tür lauschte sie jedoch gespannt nach draußen und hörte die beiden Uniformierten rumoren, die nach einer Weile auch die Luke zum Dachgeschoss öffneten und hinaufstiegen. Louise war ihnen mit unguten Ahnungen gefolgt. Hoffentlich hatte sie so schnell nichts übersehen oder gar liegen gelassen! Es war ja schließlich nicht mehr viel Zeit gewesen, alles zusammenzuraffen und in den Jutesack zu stecken! Gerade eben war es ihr noch gelungen, eine Schicht Erbsen über seinen Inhalt zu streuen und den Sack in die Speisekammer zu werfen.
Gertraud war inzwischen aus ihrem Zimmer getreten und schaute den Männern mit verschränkten Armen zu. Sie hatte einen merkwürdigen, beinahe verächtlichen Zug um den Mund und warf ihrer Großmutter vorwurfsvolle Blicke zu. Einer der Männer war gerade vom Dachboden heruntergeklettert und hielt Louise das Amulett mit dem Marienbild unter die Nase. Er öffnete es. »Was ist denn das hier?« Im Innern zeigte sich das Bild Hannas, die den Betrachter darauf glücklich anlachte. Louise zuckte wie zu Eis erstarrt die Schultern. Der Mann nahm ein Foto aus seiner Tasche und verglich es mit dem des Amuletts. »Das ist doch Fräulein Kreuzberger – genau die, die wir suchen. Was sagen Sie denn dazu, gnädige Frau?«
Louise verlor keinen Augenblick die Contenance. »Selbstverständlich ist das Hanna. Sie war die ehemalige Freundin meines Enkels Lutz. Er ist für das Vaterland gefallen!«
»Und was macht dieses Amulett dann auf dem Dachboden?«
»Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen. Vielleicht ist es aus seiner Kleidung gerutscht! Nachdem die traurige Nachricht kam, haben wir seine ganzen Sachen, die man uns in einer Pappschachtel sandte, dort oben aufbewahrt.«
Der SS Mann kratzte sich unschlüssig am Kopf. Er wusste nicht recht, ob er Louise glauben sollte oder nicht. »Konfisziert!«, stellte er fest. »Weitersuchen! Los, in den Keller!« Akribisch untersuchten die beiden Männer jeden Winkel des Hauses, schauten in jedes Zimmer, unter jeden Tisch, jeden Schrank. Louise hatte sich mit ihrer Strickarbeit würdevoll in ihren Sessel gesetzt. Stricken beruhigt die Nerven, hatte sie früher immer gesagt, und jetzt verbarg das Hantieren mit den Nadeln geschickt das Zittern ihrer Hände.
Nachdem die beiden SD-Leute alle Räume auf den Kopf gestellt hatten, ohne etwas Verdächtiges zu finden, schrieben sie eine Vorladung aus. »Aus dem gefundenen Gegenstand ersehen wir, dass Sie Kontakt zu der jüdischen Familie … «, der Mann sah auf sein Blatt, »namens Kreuzberger hatten! Dazu werden Sie auf dem Revier noch näher befragt werden.
»Wie bitte?«, empörte sich Louise. »Was soll ich dazu noch sagen können, außer dem, was Sie bereits notiert haben? Lutz war mein Enkelsohn, und er war mit diesem Mädchen befreundet. Sie haben zusammen studiert. Das ist ja wohl kein Verbrechen. Der Junge kann Ihnen dazu leider nichts mehr sagen. Wie ich schon sagte: Er ist von der Front nicht wiedergekehrt!« Ihre Stimme erstickte, sie presste das Taschentuch vor die Lippen und weinte lautlos vor sich hin.
»Mein Beileid!«, murmelte einer der Männer, während die Miene der beiden anderen eisig blieb. »Sie hören dann von uns!« Mit einem zackigen Hitlergruß drehten sie sich auf dem Absatz herum und verließen ohne Entschuldigung das Haus.
Louise, die ihr »Heil Hitler« halb verschluckt hatte, ließ sich mit geschlossenen Augen seufzend zurück in den Sessel sinken und öffnete die obersten Kragenknöpfe ihrer weißen Bluse. Als sie wieder aufsah, stand Gertraud mit in die Hüften gestemmten Armen vor ihr. »Was sollte das bedeuten, Oma? Wie konnten wir bloß in einen solch unglaublichen Verdacht – und schlimmer noch, in diese Situation kommen?«
Louise, die sich vorkam wie bei der Fortsetzung des Verhörs, richtete sich wieder gerade auf. »Das verstehst du noch nicht, Traudi!«, versuchte sie abzuwiegeln.
»Und ob ich das verstehe!«, gab Gertraud trotzig zurück. »Aber ich weiß nicht, was Gottfried von Treskow sagen wird, wenn er das erfährt!«
»Lass jetzt bitte diesen Grünschnabel aus dem Spiel!«, brauste die Großmutter auf, die begann, die Geduld zu verlieren. »Soll ich bei allem was ich tue, erst überlegen, was er davon denken könnte?«
Gertraud sah sie starr an. »Wie kannst du so etwas sagen! Gottfried ist kein Grünschnabel! Er hat an der Front gekämpft... er ist mutig. Und er verabscheut die Juden!«
»Dann sollte er besser seine Gesinnung ändern. Man kann nicht alle Menschen über einen Kamm scheren!«, herrschte Louise sie in ärgerlichem Ton an, doch Gertraud brach von einer Minute auf die andere in Tränen aus. »Er wird die Verlobung lösen, wenn er erfährt«, sie schluchzte heftig, »dass wir im Verdacht stehen, einen Juden versteckt zu haben!«
Louises Herz schmolz bei dem Kummer ihrer Enkelin. Sie legte tröstend den Arm um die kräftigen Schultern des jungen Mädchens. »Aber Kind! So war es doch nicht gemeint! Ich habe eben die Nerven verloren! Niemand kann etwas dafür, dass wir in diese Situation gekommen sind und dass uns«, sie trat ans Fenster, wo man Frau Schmitz immer noch auf der Brüstung ihres Balkons thronen sehen konnte, »dieses falsche Weibsbild denunziert hat!«
Gertraud folgte ihrem Blick und schluchzte weiter vor sich hin.
»Wenn dein Gottfried dich wirklich liebt, wird er sich von solch dummen Gerüchten nicht beeinflussen lassen!«, setzte sie entschlossen hinzu.
»Wenn Mama noch am Leben wäre, wäre das alles nicht passiert!« Gertraud riss sich los und lief die Treppen hinauf und knallte die Tür hinter sich zu.
Magdalena, die es erst jetzt gewagt hatte, ihr Zimmer zu verlassen, sah ihr erstaunt nach. Doch sie war zu erleichtert, als dass sie sich ärgern konnte. Sie hatte nur noch einen Gedanken: Zum Hafen – das Schiff finden und Hanna das Geld übergeben, dann war sie gerettet!
»Sind sie endlich weg?«
Louise wandte sich seufzend ab. So wie sie von Treskow einschätzte, würde es der fanatische junge Mann tatsächlich fertigbringen, sich wegen eines solchen Vorfalls von Gertraud abzuwenden!
»Ja, sie sind fort, aber wir müssen noch mal zum Revier kommen, damit sie uns verhören können. Die lassen einfach nicht locker! Hättest du dich bloß nicht auf so einen Leichtsinn eingelassen! Was geht uns das überhaupt an, wenn sie die Juden aus dem Land bringen! Vielleicht geschieht ihnen ja gar nichts …«
»Das glaubst du doch selbst nicht, Omi!« Magdalenas Wangen färbten sich. »Sie werden in Lagern zusammengetrieben und heimtückisch ermordet!«, erwiderte sie aufgebracht. »Das ist eine furchtbare Ungerechtigkeit! Dem können wir doch nicht einfach zusehen! Hitler führt uns alle ins Verderben, nicht nur die Juden … «
»Sei doch still – schweig, um Himmels willen!« Louise rang die Hände. »Du bringst uns mit deinem Gerede geradewegs ins Gefängnis!«
»Das ist es ja gerade!« Es war beinahe ein Aufschrei. »Nicht einmal die Wahrheit kann man mehr aussprechen! Man soll die schlimmsten Verbrechen mit ansehen und tun, als wäre das ganz normal!«
»Dann denk wenigstens an deine Schwester – sie will Gottfried von Treskow heiraten …«
Magdalena lachte bitter auf. »Pah! Der mit seinen hohlen Phrasen und Heldengetue! Von mir aus soll er sich zum Teufel scheren. Wir hätten ihn niemals einladen sollen!«
Stumm lehnte sich die Großmutter zurück und fasste sich mit der Hand ans Herz. Sie war bleich wie die Wand. »Ich halte diese Aufregungen nicht mehr aus! Ihr bringt mich noch unter die Erde!«
Magdalena war mit wenigen Schritten bei ihr und umarmte sie ernüchtert. »Oma Louise, sag das nicht! Bitte entschuldige! Ich wollte dich wirklich nicht aufregen! Aber ich musste Hanna doch helfen! Es war alles so hoffnungslos – aber jetzt wird alles gut! Wenn sie erst auf dem Schiff ist, haben wir nichts mehr mit der ganzen Sache zu tun. Wir wissen von nichts! Man kann uns nichts anhaben.«
Mit geschlossenen Augen wiederholte die Großmutter monoton. »Ja, ja, wir wissen von nichts.« Dann hob sie den Kopf. »Ich verstehe dich ja, Kind! Deshalb habe ich dir ja auch geholfen. Aber … « Sie erhob sich seufzend und nahm eine Zeitung aus dem Regal. »Es gibt da noch etwas.« Mit zitternden Händen deutete sie auf einen Artikel. »Hier – hast du das schon gelesen?«
Magdalena schüttelte schweigend den Kopf und überflog die Schlagzeile. Anklage wegen Volksverhetzung! Frank Schiffner, Student der Medizin in der Universität Albertina, gesteht, in der Druckerei seines Vaters obstruse Schriften mit infamer Beleidigung des Führers und unserer im Feld kämpfenden Soldaten hergestellt zu haben. Man sucht nach seinen Komplizen …
Louise sah sie ängstlich und zugleich forschend an. »Weißt du davon? Du warst doch eng mit Frank befreundet? Sag mir bitte die Wahrheit!« Sie knüllte die Zeitung zusammen und warf sie zu Boden. »Frank wird vor Gericht gestellt werden!«
Magdalena wich aus. »Aber was denkst du denn, Omi! Damit hab ich wirklich nichts zu tun. Natürlich wusste ich, dass Frank und die anderen so etwas machen, aber mehr nicht. Ich schwöre es!« Sie hob die Hand, kreuzte aber mit der anderen auf dem Rücken die Finger. »Das mit Hanna war etwas ganz anderes!«
Die Großmutter atmete schwer. »Gut! Ich glaube dir. Aber versprich mir, dass du in Zukunft vorsichtiger sein wirst und dich nicht in Dinge mischst, die gefährlich sind! Hörst du?« Sie sah sie beschwörend an. »Versprich es!«
Magdalena nickte nur. Sie wollte etwas sagen, aber ihre Kehle war von langsam aufsteigender Angst wie zugeschnürt. Die Geschichte mit den Flugblättern! Daran hatte sie in letzter Zeit gar nicht mehr gedacht! Wenigstens hatte Frank bis jetzt niemanden verraten. Und wenn, dann würde sie alles abstreiten! Irgendein Unheil schien heranzuziehen, wie eine dunkle, drohende Wolke. Sie fürchtete sich plötzlich nicht nur davor, zum Hafen zu gehen, um Hanna den falschen Pass zu übergeben, sondern auch vor einer weiteren Hausdurchsuchung durch SS-Leute, die entdecken könnten, dass auch sie an der Verbreitung der Flugblätter beteiligt war! Nur der Gedanke, dass davon nur noch ein paar zerrissene Reste existierten, die unkenntlich geschwärzt im Keller unter einem Haufen Kohlen lagen, beruhigte sie ein wenig. Trotzdem, sobald sie das mit Hanna erledigt hatte, würde sie alles gründlich im Kamin verbrennen!
Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, und sah Louise fest in die Augen, die noch immer auf eine Antwort wartete. »Ja, ich verspreche es! Aber damit Hanna die zweitausend Kronen für die Überfahrt zahlen kann, musst du mir noch Geld leihen. Bitte! Und pack mir etwas Proviant für sie ein!« Louise erstarrte vor der Entschlossenheit, die sie in den Augen der Enkelin las. Sie ging in die Küche, rumorte in den Schränken und drückte Magdalena ein Bündel zusammengelegter Banknoten in die Hand. »Hier, nimm das. Aber dann will ich nichts mehr von all dem wissen. Sag mir nur Bescheid, wenn es vorüber ist. Gott schütze dich, mein Kind!«, murmelte sie mit trockenen Lippen. »Du hast ein gutes Herz!«
In der folgenden Nacht machte Magdalena kein Auge zu. Sie schlich sich im Dunkeln, weit vor Anbruch der Dämmerung, aus dem Haus. Zum Hafen war es ein gutes Stück, aber es war ihr lieber zu laufen, als im Bett zu liegen und zu grübeln. Kaum hatte sie die Kais erreicht, auf denen mit dem ersten Morgenschimmer am Horizont schon eifriges Hin und Her herrschte, stürzte aus einer dunklen Ecke hinter Kisten und Tonnen Hanna auf sie zu. Sie hatte sich dort mit den Brückners und einigen anderen Passagieren, die auf die Abfahrt der »Donau« warteten, versteckt.
Stürmisch, mit Tränen in den Augen, aber zugleich erleichtert, umarmte sie sie.
Magdalena drückte ihr hastig das Proviantpaket und den Umschlag mit dem Geld in die Hand: »Hier, das ist die nötige Summe für die Überfahrt nach Schweden. Der Rest ist für Notfälle. Denk an das Sanitätsfahrzeug im Kopenhagener Hafen und merk dir das Bispebjerg Hospital. Ich wünsch dir Glück bei der Fahrt über den Öresund. Ich bin sicher, du wirst es schaffen!«
Hanna nickte und fiel ihr stürmisch um den Hals. »Wie kann ich dir nur danken, Magdalena«, flüsterte sie, »für alles, was du für mich getan hast? Und wenn du etwas von Mama oder meinem Bruder Felix erfährst … ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sie doch noch leben.«
Magdalena nickte. Auch ihr kamen jetzt die Tränen. »Ich muss gehen! Du weißt, diese schreckliche Nachbarin ist immer auf der Lauer! Sie ärgert sich bestimmt furchtbar, dass man bei uns niemanden gefunden hat«, versuchte sie zu spaßen, um ihre Bewegung zu verbergen. »Wir haben sie ganz schön ausgetrickst!« Sie fuhr sich über die Augen und ging ohne sich noch einmal umzuwenden über den Kai davon, während die bleigraue Dämmerung einem zarten rosaroten Schein wich, der wie hingetupft unter den Wolken am Horizont erschien.
Hanna, die die Hand zum Winken gehoben hatte, ließ sie enttäuscht sinken und reihte sich mit den anderen an der Reling vor dem Schiff in die Schlange der wartenden Passagiere ein.