17. Kapitel
DER RÜCKZUG

Kommandant von Seidel trat erregt, mit rotem Kopf und einem per Funk durchgegebenen Befehl in die provisorische Bretterbude, die der Unterstellung der technischen Geräte diente. »Sofort alle verfügbaren Fahrzeuge bereitstellen«, schrie er, »an der Woronesch-Front geht alles drunter und drüber. Die Russen stehen vor der Tür. Die Front ist völlig aufgelöst! Wir müssen den Rückzug sofort einleiten!«

Paul klappte die Motorhaube des Kastenwagens zu, in dem er gerade den Verteiler gereinigt hatte. Er wischte sich die schwarzen Hände an einem Lappen ab und lächelte spöttisch. »Den Rückzug einleiten – mit welchen verfügbaren Fahrzeugen? Sie und ich wissen nur zu genau, dass dieser ganze Haufen Blech nicht mehr richtig funktioniert und wir nicht mal genügend Öl und Benzin haben.«

»Machen Sie was, oder wollen Sie etwa zu Fuß gehen?«, schrie von Seidel, am Ende seiner Nerven.

»Wunder kann ich keine vollbringen. Wenn wir wenigstens die Wagen der Italiener hätten, die sind noch einigermaßen brauchbar. Aber die sind ja bereits Hals über Kopf verschwunden, wie ich hörte!«

Von Seidel ließ sich erschöpft auf eine Kiste fallen und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Ich habe das Ganze kommen sehen. Wir sind die Dummen hier, harren auf Befehl des Führers bis auf den letzten Drücker aus und jetzt...«

»Als ich diesen Schrotthaufen hier vorfand«, wagte Paul vorsichtig einzuwerfen, »war mir klar, wie das endet!«

»Ja, ja«, winkte der Kommandant müde ab. »Jetzt weiß es natürlich jeder besser. Aber was sollte ich denn machen? Und wer hätte gedacht, dass die Russen uns so schnell überholen? Und dann die Lücken in den ungarischen und italienischen Stellungen … Man hat ja gar keinen Überblick mehr!«

Es war das erste Mal, dass von Seidel wirklich Klartext sprach und den Tatsachen ins Auge sah.

»Unsere Division muss so schnell wie möglich hier weg … «

Von Seidel nickte. Er saß da wie ein Häufchen Elend. »Genau. Wir haben nur noch fünf Batterien. Aber unser größtes Problem ist, dass die Rückzugsstraße in Richtung Kursk inzwischen total überfüllt ist – eine völlige Katastrophe. Die Russen sind uns nicht nur auf den Fersen, sondern quasi überall, rechts, links, hinter uns und zugleich vor uns. Wer weiß denn überhaupt noch, wo die Hauptkampflinie ist? Es gibt sie ja gar nicht mehr. Jeder hat Angst und will nur Richtung Westen. Wenn ein Fahrzeug stecken bleibt, müssen andere von der Straße runter. Alles ist blockiert, gesäumt von im Graben liegenden Wagen, die teilweise umgekippt sind.«

In diesem Augenblick riss Robert Schmidt die Tür auf. »Hast du gehört, Paul...«, er stutzte, blieb auf der Schwelle stehen und nahm Haltung an. »Oh, Verzeihung, ich wollte nicht stören«, stotterte er.

»Treten Sie ruhig näher, Schmidt, wir haben keine Geheimnisse zu besprechen«, ermutigte ihn von Seidel, »im Gegenteil, jetzt müssen wir alle zusammenhalten, sonst geht es uns an den Kragen.« Er erhob sich und ging mit festen Stiefeltritten auf und ab. »Alles, was wir nicht mit auf den Rückzug nehmen können, verbrennen! Selbst Unbrauchbares, das wir zurücklassen, anzünden. Das ist ein Befehl!«

Tanja, die sich nahezu unsichtbar in einer Ecke mit einem Stapel frischer Wäsche zu schaffen gemacht hatte, fühlte, wie ihr Herz sich schmerzhaft zusammenkrampfte. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit mit Paul – so viel hatte sie verstanden! Und sie liebte ihn mit der ganzen Kraft ihres einfachen Gemütes! Sie kauerte sich in eine Ecke und schluchzte leise vor sich hin. Nein – sie konnte ihn nicht allein gehen lassen – niemals! Genauso wenig wie sie je wieder ihren ungehobelten Sergej ertragen konnte, den stämmigen, rotköpfigen Kommissar, der sie bei seinen Jähzornanfällen mit einem Birkenstock schlug! Endlich hatte sie die Liebe gefunden, nach der sie sich ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte. Sie würde mit ihm gehen, ihm wie ein unsichtbarer Schatten folgen, an seiner Seite sein, wenn er sie brauchte. Aber was war mit Kolja, ihrem Jungen, ihrem Liebling? Er war ja fast schon groß! Er sollte bei der Großmutter bleiben, bis sie ihn später zu sich holte.

Draußen herrschte schon eine fiebrige Geschäftigkeit, mit der der Aufbruch eingeleitet wurde. Die Parole von Seidels lautete: Hinhaltender Widerstand, bis bei Poltawa wieder eine neue Front aufgebaut war.

Zu diesem Zweck ließ er zwei Batterien abtrennen, während sich die anderen drei Batterien in Richtung Kursk bewegen sollten.

Tanja hatte ihr Köfferchen gepackt und stand abseits. Sie ahnte die Schwierigkeiten, sah die Gefahren voraus, in die Paul geraten würde und vor denen sie ihn aus einem tiefen Urinstinkt einer Liebenden heraus beschützen wollte. Schließlich kannte sie das russische Land, die Eigenheiten der Menschen, ihre Sprache und auch die unvorhersehbaren Kapriolen des Wetters.

Niemand achtete auf sie.

Paul hatte alle Hände voll zu tun, denn sie besaßen nur noch vier funktionsfähige Zugmaschinen und die gleiche Anzahl Geschütze. Als einer der beladenen Lastwagen in langsamem Tempo anfuhr, sprang Tanja rasch auf und versteckte sich unter der Plane. Niemand hatte den blinden Passagier bemerkt, der mit der Truppe nun ins Ungewisse fuhr.

Die einzige, ausgebaute Rückzugsstraße war wie vorhergesehen ständig durch liegen gebliebene Fahrzeuge blockiert, und sie kamen daher nur in beängstigendem Schneckentempo voran. Die Lage für die deutsche Armee in Russland sah jetzt tatsächlich bitterernst aus. Die Front war verwischt, sie hatten die Sowjets im Rücken, oder, was noch schlimmer war, sie waren ihnen vielleicht sogar voraus.

In der ersten Nacht im provisorischen Lager, das sie in Igelstellung aufgebaut hatten, wälzte sich Paul schlaflos auf seiner Pritsche, dann trat er hinaus ins Freie, zu dem Wache habenden Schützen Hans. »Willst du?«, fragte er und zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche. Der andere nickte, und den aufsteigenden Rauchwölkchen nachsehend, dachten sie ohne viel Worte an das Gleiche, nämlich daran, dass sie hier auf einem Pulverfass saßen, das jeden Augenblick in die Luft gehen konnte. »Ob wir wohl noch mal gesund nach Hause kommen?«, fragte Hans. »Wer hätte gedacht, dass sich das Blatt mal so wendet.«

»Besser, wir denken da nicht drüber nach. Irgendwie geht es auch mal wieder andersrum.«

»Aber haben wir dann noch genügend Munition, genügend Männer, die kämpfen wollen? Zu viele, die an den Sieg geglaubt haben, sind schon den Bach runter.«

Paul antwortete nicht. Er kniff die Augen zusammen, als habe er in der Ferne etwas gesehen. Doch in der Weite der russischen Felder war kein Zeichen von Leben zu erkennen, kein Haus und kein Mensch. Er blickte in den ruhigen, glasklaren Sternenhimmel, dann stand er auf und überflog mit einer plötzlich aufsteigenden, inneren Unruhe noch einmal den in der Mitte zusammengestellten Fuhrpark. Da, da war es wieder! Ein Geräusch in einem der Lastwagen, ein Rumoren und eine leise Bewegung an der Bedeckung ließ ihn hellwach werden. Eine Ratte? Leise schlich er näher, stieg auf die Ladefläche und schlug mit einem Ruck die Plane zur Seite. Tanja, in einer alten Männerhose und weiten Jacke, starrte ihn mit großen Augen ängstlich an. »Moi ljublimez«, (Mein Liebling) stammelte sie leise und wollte ihm um den Hals fallen. »Ich immer bei dir bleiben!«, fügte sie in ihrem gebrochenen, drolligen Deutsch hinzu. »Waschen, kochen, alles!« Sie nahm eine Scheibe Brot aus einem Papier und hielt es ihm hin. »Da – für dich!«

»Bist du verrückt geworden?« Paul stieß sie so grob zurück, dass das Brot zu Boden fiel. »Verschwinde«, schimpfte er. »Wie kommst du bloß auf die Idee, mir nachzulaufen? Das hier ist kein Spiel – das ist Krieg. Da können wir keine Frauen gebrauchen. Und außerdem bist du eine Russin.«

Tanja sah schuldbewusst zu Boden, sie verzog das Gesicht wie ein kleines Kind und begann, lautlos zu weinen. Ihr ersticktes Schluchzen rührte Paul. Liebte sie ihn tatsächlich so sehr, dass sie alles im Stich ließ, ihr Heim, ihre alte Mutter und sogar ihren Sohn Kolja? Er legte vorsichtig den Arm um sie. »Tanja! Das musst du doch verstehen! Du bist in Lebensgefahr. Wir wissen ja selbst nicht, ob wir hier noch heil herauskommen. Deine eigenen Landsleute werden dich abknallen!«

Sie klammerte sich mit aller Kraft an ihn. »Egal, du bei mir!«

Er schüttelte den Kopf. Dieser Frau war nicht zu helfen. Zurückschicken war von hier aus unmöglich. Aber was sollte er jetzt bloß mit ihr anfangen?

Schüsse zerrissen plötzlich die Luft, das Rollen von schwerem Gerät ertönte, Feuersalven aus Mörsern durchpflügten den vorher noch so ruhigen Himmel. Tanja zog sich zu Tode erschrocken wieder unter die Plane zurück, bevor um sie herum die Hölle losbrach. Alle Mann waren plötzlich auf den Beinen und machten die Sturmgeschütze klar. Paul lief nach vorne. Jetzt hieß es, die eigene Haut zu verteidigen.

»Feuer«, befahl der Kommandant. »Indirektes Schießen! Auf die Infanterie!«

Indirektes Schießen war das einzige Mittel, um gegen die russische Übermacht bestehen zu können. Dazu wurde das Rohr so ausgerichtet, dass die Granaten flach über den Boden und nach oben gehend explodierten – eine Methode, die eine zehnfache Wirkung erzielte.

Nachdem der Angriff des Feindes gleich mit solcher Vehemenz abgewehrt worden war, erfolgte in dieser Nacht kein zweiter mehr, und es trat vorerst trügerische Ruhe ein.

Am nächsten Tag ging es weiter, so schnell sie es mit den geringen Mitteln vermochten. Irgendwann würden sie ja hoffentlich auf die versprochene Verstärkung stoßen, auf starke Panzer und Geschütze. Dann konnten sie sich mit frischem Material und Munition ganz neu aufstellen. Bei jedem Halt mussten sie jetzt darauf achten, den Russen nicht die Möglichkeit zu geben, sie einzukesseln. Dazu nisteten sie sich in verlassenen Kolchosen und in ärmlichen Dörfern ein, wo sie den Ortsein- und – ausgang mit Geschützen verbarrikadierten und zusätzliche Wachen aufstellten. Russische Panzer umkreisten sie, trauten sich jedoch nicht, offen anzugreifen.

Paul sah ein, dass ihm nichts anderes übrig blieb, als dem Kommandanten die Anwesenheit Tanjas zu gestehen, bevor er selbst darauf kam. Er zog sie hinter sich her, und sie stand vor ihm wie eine arme Sünderin, die großen, dunklen Augen mit bezaubernder Schwermut auf ihn geheftet.

»Bitte mich nicht wegschicken«, fleht sie mit erhobenen Händen, »ich sehr nützlich sein! Kapusta kochen, Wäsche waschen, alles tun!«

»Das ist doch Wahnsinn!«, schrie von Seidel, als er begriffen hatte, um was es ging. »Wenn das Kreise zieht! Man wird sagen, wir haben eine russische Spionin bei uns!«

Paul senkte den Kopf. »Ich schwöre, ich habe davon nichts gewusst, Herr Kommandant. Sie tauchte plötzlich unter der Plane auf … «

»Zurückschicken! Sofort!«, unterbrach von Seidel. »Verdammter Mist!« Er lief aufgeregt hin und her. »Können Sie mir vielleicht sagen, wie? In dieser Einöde?« Er hielt sich den Kopf. »Aber wenn wir sie bis Poltawa mitnehmen, wird das die Moral der Truppe untergraben.«

»Wir haben jetzt doch wirklich andere Sorgen, als uns um Moral zu kümmern!«, konnte sich Paul sich nicht enthalten einzuwerfen.

Von Seidel starrte ihn ratlos an. »Ich kann das nicht verantworten.«

»Überlassen Sie mir die Verantwortung«, sagte Paul entschlossen, »Frau Oblanska muss versprechen, sich vernünftig zu verhalten.«

Der Kommandant seufzte tief auf. Er war wie alle anderen ausgebrannt, ausgehungert, und man spürte, dass es auch bei ihm jetzt nur noch um das bisschen Leben ging, das er sich bis zur endgültigen Kapitulation erhalten wollte; erschöpft, wie er war, von all den Anstrengungen und Entbehrungen, die der vergangene Winter von ihm und seiner Division gefordert hatte.

»Gut«, sagte er schließlich. »Sie haben recht. Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.« Er schüttelte den Kopf. »Kenn einer sich mit den Weibern aus – ausgerechnet die Frau eines russischen Kommissars … «

»Ich danke Ihnen«, Paul reichte ihm die Hand, »und verspreche, das in Ordnung zu bringen. Niemand wird von der Sache erfahren.«

Er kehrte in die Baracke zurück, in der Tanja auf ihn wartete und die Suppe für ihn warm hielt. »Du kannst noch bis Poltawa bleiben«, sagte er kurz, »aber nur, wenn du versprichst, dort umgehend zu deiner Familie zurückzukehren!«

Tanja presste die Lippen zusammen und blieb stumm. Sie hatte das Gefühl, als risse ihr Herz in zwei Teile.

Die Soldaten betrachteten die junge Frau in Männerhosen zunächst mit seltsamen und verwunderten Blicken. Sie wussten nicht so recht, was von der ganzen Sache zu halten war. Die Welt schien verdreht und auf den Kopf gestellt. Im Verlauf der nächsten Tage zeigte sich jedoch, dass Tanja in vielerlei Hinsicht ausgesprochen nützlich war. Sie verhandelte mit dem Dorfschulzen in seiner Sprache, um ihnen Unterkunft und Essen zu sichern, sie feilschte um Nahrungsmittel, die den bohrenden Hunger bei der schlechten Lebensmittelversorgung stillten. Sie kaufte Kapusta, den russischen Kohl, Machorka, um Zigaretten zu drehen und natürlich Hafer für gutes, magenfüllendes Kascha, den traditionellen Haferbrei.

Aber dann zeigte sich doch, dass die Anwesenheit Tanjas in der Männergemeinschaft einige Unruhe auslöste. Spitze Hilfeschreie, die eines Nachts aus dem LKW, den sie zu ihrem Nachtlager gemacht hatte, tönten, schreckten die Männer auf. Paul sprang auf, lief hinaus und packte die Gestalt am Kragen, die sich gerade aus dem Staub machen wollte. »Du Dreckskerl!«, schrie er den langen Proviantmeister an, der Tanja schon immer begehrlich nachgesehen hatte, und verpasste ihm einen heftigen Schlag ins Gesicht. »Lass die Frau in Ruhe, sonst kriegst du es mit mir zu tun!«

»Das wirst du mir büßen!«. Der Angegriffene spuckte hasserfüllt vor ihm aus und hielt sich die Backe. »Deine russische Hure kannst du ruhig behalten! Jetzt tut sie so, als ob nichts gewesen wäre. Dabei hat sie mir schon die ganze Zeit schöne Augen gemacht, das Miststück!«

Paul wollte noch einmal ausholen, doch Robert hielt seine Hand fest. »Komm, heb dir deine Kräfte für was anderes auf und verschwende sie nicht an diese schmutzige Küchenschabe!«, sagte er mit einem drohenden Blick.

Tanja stand zitternd auf dem Trittbrett des LKWs und raffte das zerrissene Hemd um die Schultern. »Ich nichts machen, gar nichts …«

Paul trat auf sie zu: »Leg dich wieder hin, Tanja, und beruhige dich! Wer dir etwas tut, der bekommt es mit mir zu tun«, er warf dem Mann noch einen wilden Blick zu. »Lass dich nicht mehr hier sehen, du Schwein, ich rate es dir gut!«

»Nächstes Mal nehme ich mein Messer mit – das kriegst du dann in die Rippen, wenn du mir zu nahe kommst, verdammter Hurensohn!«, drohte der Lange schwitzend, ballte die Faust und verschwand.

Am nächsten Morgen ließ der Kommandant Paul und Robert rufen. »Ich habe etwas Ähnliches befürchtet«, begann er mit ernster Miene, »aber jetzt ist es tatsächlich eingetreten. Es gibt Unruhe, wenn eine Frau im Lager ist. Und das können wir uns in unserer Situation überhaupt nicht leisten. Ich habe mich entschieden, sie nicht bis Poltawa mitzunehmen. Sie bleibt im nächsten Dorf, das wir erreichen!« Als Paul den Mund öffnen wollte, sagte er mit einem harten Unterton. »Das ist ein Befehl. Und Sie werden ihn ihr ausrichten, Hofmann!«

Tanja wagte diesmal keinen Widerspruch. Sie schien wie zerschmettert. Traurig und niedergeschlagen sah sie Paul an, der die Kiefer zusammenpresste. »Komm wiedär!«, sagte sie ihm zum Abschied in dem winzigen, gottverlassenen Weiler, wo man sie beim Dorfschulzen absetzte, »ich warte auf dich, äwig!« Mit diesen Worten nahm sie ein kleines Kreuzchen aus billigem Metall von ihrem Hals und legte es Paul in die Hand. »Christus mit dir!«

Paul sah zu Boden. Irgendetwas brannte in seinen Augen. Dann drehte er sich um, ging zu seiner Truppe zurück und trat im Kübelwagen ein wenig zu heftig auf das Gaspedal.

Der Schnee war endgültig geschmolzen und wieder hatte sich die Landschaft in ein lehmiges Schmutzloch verwandelt. Erde klebte an Rädern, Kettengestängen, Stiefeln und an allem, was irgendwie mit dem Boden in Berührung kam. Bis jetzt waren sie einigermaßen durchgekommen, die Fahrzeuge hielten sich besser als erwartet, wenn man von einem Pkw absah, der sich neben der Rollbahn überschlagen hatte. Durch Funksprüche wurden die Soldaten weitergeleitet, bis zu einem Ort namens Atürka, wo sie sich vorläufig in einem verlassenen Fabrikgebäude installieren sollten.

Doch als sie in Atürka ankamen, war der Ort bereits von Rumänen und Ungarn besetzt. Antonescu, der rumänische Ministerpräsident, hatte sich vorbehalten, dass man seiner Armeeführung ohne Verbindungsoffizier keinen Befehl erteilen durfte; aber dieser war nicht auszumachen, weil alles drunter und drüber ging. Viele Versprengte irrten umher, unter denen sich auch deutsche Infanteristen befanden.

Um sie zu sammeln, erteilte Kommandant von Seidel nach der Beschlagnahmung der leeren Fabrik Paul den Auftrag, am Ortsausgang mit einer Wache von fünf Mann dafür zu sorgen, dass flüchtende Deserteure aufgehalten wurden. Er regte sich wortreich darüber auf, dass erbärmliche Drückeberger die anderen in einer solchen Situation im Stich ließen und sich einfach aus dem Staub machten. Etliche, die unter fadenscheinigen Vorwänden vorbei wollten, waren bereits wieder in den Ort zurückgeschickt worden.

Da kam plötzlich mit aufheulendem Motorengeräusch ein PKW mit Vollgas angebraust. Der deutsche Leutnant, der auf dem Trittbrett stand, rief ihm schon von Weitem zu: »Rumänische erste Armee, sofort durchlassen!«

»Halt! Stehen bleiben!« Paul sprang beiseite, hob die Waffe, schoss aber nicht. »Verdammt noch mal, du feiger Hund!«, knirschte er zwischen den Zähnen. »Lässt seine Kameraden im Stich und nimmt noch einen Wagen mit!« Aber da war nichts zu machen, und sie mussten ihn wohl oder übel passieren lassen.

Der Proviant wurde knapper und knapper und die Versorgungslage allmählich kritisch. Wann kam endlich Hilfe, die versprochene Verstärkung mit frischen Soldaten, mit Lebensmitteln?

In der folgenden Nacht waren ein paar Männer, darunter Robert und der Bayer Franz Dandl, unter der Führung Pauls zu einem Spähtrupp eingeteilt worden. Geschickt getarnt mit Zweigen und Büschen saßen sie eher trübsinnig in einem sumpfigen Erdloch am Ortseingang und hielten abwechselnd Wache. Plötzlich, kurz vor der Morgendämmerung, um drei Uhr, sah Paul dicht vor sich auf der Straße die Schatten einer langen, feindlichen Kolonne. Es waren Bespannfahrzeuge und etliche Motorisierte, die wohl die eindeutige Absicht hatten, die Deutschen im Ort noch in der Dunkelheit zu überraschen und ihnen den Weg abzuschneiden.

Er alarmierte die Kameraden, und sie beeilten sich, so schnell wie möglich zur Fabrik zu kommen.

»Alarm! Russische Kolonne bewegt sich im Halbkreis auf uns zu, in der Absicht, uns einzuschließen.«

Die Männer sprangen ohne Licht zu machen von den Pritschen und gingen an die Geschütze. Noch bevor die völlig überraschten Russen draußen reagieren konnten, wurde das Feuer eröffnet, und die ruhige Morgenstunde verwandelte sich in ein tödliches Desaster. Die Pferde bäumten sich auf vor dem tödlichen Gewitter, das aus dem Nichts über sie hereinprasselte, und gingen durch, die umgekippten Wagen hinter sich herschleifend. Die Russen stoben wild auseinander, ergriffen schließlich die Flucht und ließen dabei alles stehen und liegen, was sie mit sich geführt hatten.

Auf der Straße verstreut lagen bei Sonnenaufgang neben den zu Bruch gegangen Resten der Wagen Branntweinfässchen und vor allem jede Menge Lebensmittel, scharfe Würste und Speck, lang entbehrter Proviant, auf den sich die ausgehungerten, an magere Kost gewöhnten Deutschen stürzten. Die Männer schleppten alles in den Hof des Gebäudes, zündeten ein Feuer an und veranstalteten ein Festmahl, bei dem sie sich nach langer Zeit einmal wieder so richtig satt aßen.

Der Proviantmeister, der endlich die alltägliche Erbsensuppe mit einer ordentlichen Scheibe Geräuchertem versehen konnte, drohte Paul jedes Mal, wenn er in seine Nähe kam, einen Napf heißer Suppe über den Kopf zu gießen. Er hatte einen dumpfen Hass auf ihn entwickelt, den der Streit und die Rivalität um Tanjas Gunst ausgelöst hatte.

»Das gewöhn ich dem ab!«, kündigte Paul an, vom scharfen Branntwein aus den erbeuteten Fässchen enthemmt. »Dem zeig ich es jetzt!« Er stürmte mit geballter Faust auf ihn zu, doch die anderen warfen sich auf ihn und rissen ihn zurück.

»Spinnst du?«, fuhr ihn Robert an. »Wegen einer Frau so ein Theater zu machen! Als wenn wir nicht genug andere Sorgen hätten!«

Paul senkte ernüchtert den Kopf und ließ den Arm fallen. Der Kamerad sollte recht behalten. Die versprochene Verstärkung kam nicht zu ihnen durch, die Russen blockten sie ab, und die Lage wurde allmählich richtig brenzlig. Als Nächstes fuhren vor dem Dorf erneut eine gute Anzahl russischer Panzer auf, die die Straße nach Westen abriegelten und den Eindruck erweckten, als seien sie zu allem entschlossen. Sie umkreisten bedrohlich den Ort, schienen aber noch unschlüssig, was sie genau unternehmen sollten. Im Lager machte sich Unruhe ob der verfahrenen Situation breit.

»Jetzt sind sie wohl endgültig sauer auf uns!« Schmidt kratzte sich am Kopf. »Sie kommen zwar nicht so leicht ins Dorf hinein – aber wir auch nicht zu unseren Leuten hinaus! Eigentlich sitzen wir in der Falle. Die warten jetzt auf uns, wie die Katze vor dem Mauseloch!«

»Irgendwie entwischen wir ihnen schon noch, verlass dich drauf!« Paul war wie immer optimistisch. »Der Funker hat unsere Position durchgegeben, und Hitler hat versprochen, uns Tigerpanzer zu schicken. Die werden uns schon noch raushauen.«

»Das hat man in Stalingrad auch gehört. Und was war dann, hmm?«

»Mach hier mal keine miese Stimmung. Du wirst es schon noch sehen!« Er blickte nervös über die Ebene, vor der sich die dunklen Silhouetten der wartenden Panzer wie ein Exekutionskommando abhoben.

Der Kommandant ging von einem zum anderen, kontrollierte Munition und Reserven und versuchte, jedem gut zuzureden. »Wir dürfen jetzt nichts überstürzen, Leute – behaltet vor allem die Nerven!«

In der Nacht kam dann endlich der erlösende Funkspruch:

»Ausbrechen aus der Stadt, egal wie! Wir schicken euch drei neue Tigerpanzer entgegen, die den Weg freihalten!«

Von Seidel war ein wenig blass um die Nase, als er unter die Männer trat.

»Leute! Wir haben nur noch zwei Sturmgeschütze! Sammelt alle Fahrzeuge, macht die Zugmaschinen startklar! Wir warten, bis es Nacht wird, genau bis ein Uhr. Dann wagen wir den Ausbruch. Die Straße nach Westen führt zu einem breiten Fluss, einer Furt, hinter der sich ein Terrain befindet, das von unserer Infanterie noch gehalten wird. Dort wartet die versprochene Verstärkung auf uns. Wir müssen schnell sein, einfach durchbrechen. Es wird nicht leicht sein, rüberzukommen, denn dieser Abschnitt liegt unter feindlichem Beschuss. Aber wenn es uns gelingt, haben wir es geschafft.« Er machte eine nachdenkliche, kurze Pause. »Tut euer Bestes, gebt ordentlich Gas. Wir dürfen nicht stecken bleiben, sonst haben wir den Salat.«

»Da kommen wir nie mit heilen Knochen durch«, erhob sich eine Stimme.

»Wer war das?« Niemand meldete sich, und von Seidel fuhr fort: »Wenn wir über dem Fluss sind, gehen wir wieder in Stellung und bauen die Geschütze auf, damit für die Infanterie der Weg frei ist, um sich zurückzuziehen. Ist das klar?«

Undeutliches Gemurmel erhob sich.

»Hofmann und Dandl, in den letzten Wagen. Und jetzt viel Glück, seht zu, dass ihr durchkommt.«

Es gab kein Nachdenken über das Für und Wider, nur eine emsige Betriebsamkeit mit einem letzten Warten auf das Signal und das erhoffte Kommando: »Los!«

Die Nacht war ungewöhnlich dunkel, und der Tross mit den Fahrzeugen setzte sich um punkt eins in Bewegung, rollte in rasantem Tempo durch den Ort und auf den Fluss zu. Er führte zwar wenig Wasser, aber da Paul die Besonderheiten des Geländes bereits kannte, befürchtete er, dass der Boden an der Furt so sumpfig sein könnte, dass man dort hängen blieb. Franz Dandl saß geduckt neben ihm, das Gewehr im Anschlag. Die ersten Meter ging alles glatt, der Gegner hatte den nächtlichen Ausbruch nicht gleich bemerkt, und die vorderen Wagen waren bereits gut durchgekommen. Doch nach der ersten Überraschung begannen die Russen, aus allen Rohren zu schießen. Vor Paul war jetzt unglücklicherweise ein Wagen mitten im Flussbett stecken geblieben. Er bog mit den anderen nach links ab und raste einen aufgeschütteten Feldweg entlang, um zumindest aus der Schusslinie zu sein. Von allen Seiten spürte er es um seine Ohren knallen, als er holpernd und im schlingernden Wagen hin und her geworfen, mehrfach in Gefahr geriet, im Graben oder im Fluss zu landen. Die russischen Panzer spuckten Feuersalven, aber sie wagten sich aus Respekt vor den gefürchteten Sturmgeschützen nicht allzu nahe heran. Überall lagen getroffene Kameraden, aber es gab kein Halten, nur ein blindes aufs Gaspedal drücken und drauflosfahren, ohne jetzt ganz genau zu wissen, wohin. Der Feldweg war plötzlich zu Ende, und Paul gab Vollgas und preschte quer über eine Wiese in ein Waldstück hinein. Zwischen den Bäumen musste er scharf bremsen. Hier waren sie vorerst aus dem gröbsten Kreuzfeuer, etwas abseits von den todbringenden Panzern und Granaten, die eben noch aus nächster Nähe an ihnen vorbeigezischt waren!

»Grad noch mal geschafft!«, seufzte Paul erleichtert. »Aber wie kommen wir jetzt auf die andere Seite und finden unsere Infanteristen? Keine Ahnung, wo wir hier sind. Schau mal auf der Karte nach, Franz!« Der Angesprochene reagierte nicht. »He, Franz!« Als er seinen Beifahrer an der Schulter rütteln wollte, kippte dieser halb zur Seite. Der Stahlhelm war heruntergerutscht, und man sah Einschüsse am Hals und in Stirnnähe. Das Blut rann ihm über die offenen, im Schreck erstarrten Augen über die Brust. Er versuchte, ihn zu halten.

»Komm, mach keinen Quatsch, Franz, wir sind doch gleich da …«, schrie er ihn an, als müsse er ihn aufrütteln. Doch seine Stimme erstarb. Ein seltsam unheimliches Gefühl bemächtigte sich seiner, und er spürte, wie seine Nerven zu flattern begannen. Jetzt bloß nicht durchdrehen, redete er sich selbst ein, indem er versuchte, seinen Atem zu kontrollieren und so kühl wie möglich zu bleiben. Jetzt musste er allein den Anschluss an die Kolonne am anderen Flussufer finden, sonst war er verloren. Er hatte die Scheinwerfer ausgeschaltet. Seine Augen waren an die Dunkelheit gewöhnt, als er langsam wieder anfuhr. Das Wasser des Flusses plätscherte leise an einer ebenen Stelle, die ihm nicht allzu schwierig zu durchfahren schien; aber auf der anderen Seite befand sich eine unebene Böschung. Da konnte er, wenn überhaupt, nur mit Anlauf hinüberkommen. Mit zusammengepressten Lippen, alle Glieder aufs Äußerste gespannt, ließ er den Motor aufheulen und schoss über die Wiese über den Fluss – aber an der Böschung rollte er wieder zurück. Franz fiel wie eine Puppe neben ihm hin und her, aber er vermied es hinzusehen und blickte stur geradeaus. Ein zweiter, ein dritter Versuch – beim vierten gelang es. Er war oben. Jetzt noch zurück zur Straße; sie war unweit seiner Position am aufblitzenden Geschützfeuer zu erkennen. In der Gegenrichtung sah er Panzer, die auf die Kolonne zurollten, und hielt schnurgerade auf sie zu. Endlich Hilfe! Das mussten die versprochenen deutschen Tigerpanzer sein! Jubelgeschrei um ihn ertönte. Als er ganz nahe war, sah er plötzlich, wie die eigenen Leute der Geschützbedienung plötzlich von ihren Zugmaschinen absprangen und sich unter Büschen und Sträuchern verkrochen. Er begriff nicht sofort – erst als er erkannte, dass auch andere aus ihren Wagen sprangen und vor dem rundum ausbrechenden Feuerwerk kreuz und quer davonliefen, dämmerte ihm die Wahrheit. Eine Täuschung – das waren keine deutschen, sondern russische Panzer! In diesem Moment brummte auch schon der erste Koloss auf ihn zu und feuerte mit seinem MG mitten in die Kolonne. Mit einem letzten Impuls seines Überlebensinstinktes ließ Paul sich aus dem Wagen fallen und stellte sich tot. Der Panzer drehte ab, fuhr auf das Fahrzeug zu, das ihm am nächsten war, zerquetschte es zu einem unkenntlichen Blechhaufen, schob es in den Graben und kam dann auf Pauls Wagen zugedonnert. Doch plötzlich, als würde es sich nicht mehr lohnen, stoppte er, kehrte um und fuhr zurück.

Die Sturmgeschütze befanden sich noch in vollem Gefecht mit den russischen Panzern, und Paul konnte unbemerkt ins Gebüsch robben und sich dort zentimeterweise voranschieben, ohne die Kampfsituation aus den Augen zu lassen. Er kroch weiter, von Busch zu Busch, dann sprang er auf und lief irgendwo hin, den anderen Flüchtlingen nach, so lange, bis ihm der Atem ausging. Wie durch ein Wunder war ihm nichts geschehen. In einem kleinen Waldstück trudelten nach und nach dann die Reste seiner Truppe ein, Robert, der Kommandant von Seidl und die besagten Infanteristen, die immerhin noch Panjewagen und Karren besaßen. Diese Übriggebliebenen waren jetzt nur mehr ein schwaches, kleines Häuflein und mussten den Gedanken an das Schicksal der anderen weit von sich schieben. Sobald sie sich einigermaßen wieder gefasst hatten, wurde abgezählt. Nur etwa zwanzig Mann der fünften Batterie hatten es geschafft, die anderen waren zu schwer verletzt, zerstreut oder tot. Aber diese Überlebenden mussten jetzt weiter Richtung Poltawa zu der rettenden Division – schnell fort von hier, von der tödlichen Bedrohung, die sie, nicht weit von den russischen Panzern entfernt, noch umlauerte. Robert hinkte – er spürte erst jetzt den Schmerz und dass er stark blutete, weil eine Kugel in seinen Oberschenkel eingedrungen war. Paul riss sich ein Stück Stoff aus dem Hemd, verband notdürftig die Wunde und legte den vor Schmerzen Stöhnenden auf einen Karren. Er dachte an Franz Dandl, der jetzt noch im Kübelwagen auf dem Feld lag. Aber seine Gefühle waren wie abgestumpft, zugefroren, und er sah sich selbst wie in einem Traum zu, aus dem er bald aufwachen würde, weil er ja gar nicht wahr sein konnte. Schwankend, mit schmerzendem Magen und halb erfrorenen Füßen stolperte er den anderen nach, marschierte er mit den erschöpften Männern endlose Kilometer hinein in die Weite des russischen Landes.

Obwohl es auf den Sommer zuging, war es nachts nicht allzu warm. Es regnete viel, und da Paul Mantel und Jacke auf der Flucht verloren hatte, war seine Kleidung immer durchnässt, und ihn fror ständig. Ein bellender, schmerzhafter Hustenreiz begann ihn zu quälen, der seine Brust in Abständen erschütterte. Er spürte, dass er Fieber bekam, müde wurde, aber er wollte einfach nicht aufgeben. Von Zeit zu Zeit schlürfte er brackiges Wasser aus einem Loch, um das Brennen und den Durst in seiner Kehle zu stillen. Aber er stapfte weiter – automatisch einen Fuß vor den anderen setzend. Hunger quälte ihn und die Gedanken in seinem Kopf begannen sich zu verwirren, sich mit den Erlebnissen von früher zu vermischen. Manchmal glaubte er, den Geschmack von Champagner und den unvergesslichen Königsberger Klopsen auf der Zunge zu spüren und Magdalenas Stimme zu hören: »Ich habe noch nie etwas Köstlicheres gegessen …«

Dann war ihm, als sei er wieder so betrunken wie damals, von Liebe, von dem Geruch der würzigen Seeluft und der Wirkung des Champagners, von dem er nie zuvor einen Schluck gekostet hatte. »Aber du hast es nicht gemerkt, Liebste, sei ehrlich!« Magdalena nickte ihm durch den Nebel seiner Träume zu. »Halte durch!«, schien sie zu sagen. Ein Lächeln verzog sein Gesicht. Er merkte nicht, dass er mit sich selbst sprach, dass seine Füße wie in Trance marschierten, während sich sein Kopf bereits in einer anderen Welt befand. Er spürte Hunger und Fieber nicht mehr, stapfte wie ein Automat über den lehmigen Boden, sank ein und zog sich mit Gewalt wieder heraus. Dann hielt er sich nur noch mit beiden Händen an dem rappelnden, voranrollenden Panjewagen eines Infanteristen fest und fürchtete sich nur davor, ganz das Bewusstsein zu verlieren. Durch die verschwommenen Bilder in seinem Hirn geisterte der eiserne Vorsatz: Halte durch! Er sagte es jetzt zu sich selbst, ermunterte sich, spornte seinen erschöpften Körper immer wieder an: Durchhalten, um jeden Preis, du willst doch wissen, was mit Magdalena geschehen ist – willst sie wieder sehen, sie beschützen …

Ab und zu kaute er an einem Stück Holz, irgendeiner Wurzel, und schluckte den bitteren Saft, um den nagenden Schmerz in seinem Innern ein wenig zu besänftigen.

Irgendetwas blendet plötzlich seine Augen. Er zwinkerte, packte irgendeine Hand, die sich kalt und leblos anfühlte. »Was ist das?«, fragte er. »Seht ihr das?«

»Die Russen«, stammelte jemand in seiner Nähe mit steifen Lippen. »Sie kommen, sie sind wieder da!«

Paul reckte sich hoch und kniff die Augen zusammen. Freund oder Feind, jetzt war schon alles egal. Scheinwerfer blitzten auf, blendeten ihn. Oder waren es Farben? Grün, Rot, alles wogte in bunten Wellen durcheinander. Er konnte nicht mehr unterscheiden, was es war. Er zog seine Pistole, schwankte – dann brach er in die Knie.