19. Kapitel
NOT SCHWEISST ZUSAMMEN

In Poltawa fanden sich Robert und Paul im Lazarett wieder und hatten Zeit, über das Geschehene und die Lage, in der sich die deutsche Armee befand, gründlich nachzudenken. Pauls guter Konstitution war es zu verdanken, dass seine schwere Bronchitis nicht in eine Lungenentzündung übergegangen war. Trotzdem brauchte er geraume Zeit, um sich von den überstandenen Strapazen zu erholen.

Überraschend erging dann doch der Befehl, den Rest der erschöpften Kompanie, die nur noch über abgewracktes und kaputtes Material verfügte, mit Zügen aus Russland herauszubringen und in eine Kaserne nach Hamm in Westfalen zurückzuverlegen. Dort sollten sich dann die Männer regenerieren und neue Kräfte schöpfen; eine Maßnahme, die sich als unbedingt notwendig erwies.

Nach nicht allzu langer Zeit wurde dann zum großen Erstaunen der Soldaten auf einmal alles wieder neu eingeteilt und geordnet, die Mannschaft mit jungen Kräften aufgefüllt und mit flammneuen Fahrzeugen ausgestattet. Es hieß, dass es nun nach Norden gehen sollte, um die dortige Heeresgruppe gegen Russland zu verstärken.

»Lauter Frischlinge! Und das sind auch die Ersten, die ins Gras beißen«, flüsterte Paul Robert zu, dem nach einer Notoperation ein leichter Defekt an der Sehne seines Beines geblieben war.

»Ja, uns alte Hasen kriegt man dagegen nicht so schnell kaputt«, sagte Robert kopfschüttelnd. »Guck dir bloß mal die arroganten Offiziere und blutjungen Leutnants in ihren neuen Uniformen an! Von denen haben wir, weiß Gott, schon genug hopsgehen sehen.« Er lachte zynisch auf. »Noch haben sie eine große Klappe! Weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt.«

»Immerhin haben wir Altgedienten mit der Zeit ein Gefühl für Gefahr bekommen«, erwiderte Paul leise, »wir spüren sie und wissen, wie wir ihr ausweichen können.«

»Genau! Bei den Haubitzen, da höre ich immer auf den Abschuss – dann sind es nur noch ein paar Sekunden bis zum Einschlag. Da muss man sich schon weggeduckt haben.«

Paul nickte, und beide sahen beinahe mitleidig zu den forschen Neulingen und den Batteriechefs hinüber, die voll Feuereifer kaum erwarten konnten, an die Front zu kommen und gleich ein paar Gewehrübungen veranstalten ließen.

Nun ging alles wieder von vorne los: Die Verladung des neuen Materials auf die Eisenbahn, aufgerüstet mit Schwimmwagen, betriebsstarken Geländefahrzeugen und den besten Geschützen. Robert und Paul ließen sich ein wenig von der positiven Stimmung anstecken, besonders als die Nachricht verbreitet wurde, dass die Heeresgruppe Mitte in Russland deutliche Erfolge erzielt hatte. Dazu die versprochene Wunderwaffe, und das Blatt würde sich vielleicht doch wieder zugunsten Deutschlands wenden!

Aber der Zug, der mit der neuen Ausrüstung und seiner Truppe gen Osten rollen sollte, blieb bei Berlin plötzlich auf einem Nebengleis stehen. Keiner wusste genau, was los war. Einen Tag und eine Nacht standen die voll bepackten Güterzüge da, mit den ratlosen Insassen. Gerüchte kursierten von Attentaten und darüber, dass Hitler kapituliert hätte. Doch sie bewahrheiteten sich nicht – plötzlich fuhr der Zug mit den Ersatzsoldaten wieder an und setzte seinen Weg nach Litauen, über Lettland und Riga fort, mit dem Ziel, der dortigen Heeresgruppe Nord, die von der Roten Armee attackiert wurde, zu Hilfe zu kommen. Doch die Situation spitzte sich wieder unangenehm zu: Nach einer erneuten Niederlage musste die Heeresgruppe Nord weiter zurückweichen und die Ersatzsoldaten kamen sich allmählich ein wenig herumgeschoben vor. Denn jetzt sollte es plötzlich mit einem Einsatzbefehl in die Südukraine gehen, wo es ebenfalls äußerst kritisch aussah.

Paul begriff in diesem Moment, dass dieses Hin und Her ein bloßes Hinhalten und zähe, sinnlose Verteidigung war. Die Männer um Stauffenberg hatten recht gehabt, das Schlimmste verhindern zu wollen – der Krieg war verloren. Zum ersten Mal, seit er Soldat war, fühlte er tiefe Resignation. Bis zur letzten Patrone – aber zu welchem Zweck?

Er hatte es so hindrehen können, dass Robert ihm wegen seines noch etwas schwachen Gesundheitszustandes bei der Verteilung und Reparaturen der Fahrzeuge assistierte. Die beiden, die so viel miteinander erlebt hatten, rückten nun immer näher zusammen und diskutierten oft im Geheimen über die kritische Lage. Die Männer, die jetzt noch als Reservesoldaten an die Front geschickt wurden, waren tatsächlich nur noch Kanonenfutter. Aber was konnte man bloß tun? Der Russe hatte plötzlich Fahrzeuge, Kanonen, Waffen ohne Ende – und vor allem immer neue Ersatztruppen, frische Kräfte, denen die ausgebrannten, ermüdeten Soldaten nicht mehr standhalten konnten. Kapitulation – das war wirklich die letzte Hoffnung! Aber Hitler verkroch sich in seinem Bunker, gab sich Illusionen hin, wollte nicht aufgeben. Der deutsche Soldat kämpft bis zur letzten Kugel, und wenn alles zusammenbricht!

»Wenn der Krieg zu Ende ist, dann treffen wir beide uns in meiner Kneipe in Berlin ›Das kleine Eck‹, nicht wahr? Und wir saufen zur Feier des Tages eine ganze Flasche Schnaps aus!« Robert hielt ihm die Hand hin. »Bist du dabei?«

Paul schlug ein. »Klar. Und Champagner! Und drei Portionen Königsberger Klopse …« Er senkte den Kopf, denn in diesem Augenblick waren Tränen in seine Augen getreten.

»Königsberger Klopse?« Robert sah ihn erstaunt an. »Nee, für mich dann lieber ein ordentliches Steak. Vorausgesetzt, wir kommen aus diesem Schlamassel hier noch lebend raus!«, wiederholte er schnell, ohne völlig davon überzeugt zu sein.

Als die Rote Armee die Rigaer Bucht erreichte, war die Heeresgruppe Nord bereits in Estland und Lettland abgeschnitten. Doch immer noch wurden Illusionen genährt, die kaum einer mehr glaubte. Die neue Hiobsbotschaft, Königsberg sei bei einem schweren Bombenangriff in Schutt und Asche gelegt worden, war für Paul wie ein Hieb in den Magen. Was war mit Christine, seiner Schwester? Hatte sie das überlebt? An Magdalena wagte er gar nicht mehr zu denken. Sie hatte ihn vergessen, war abgetaucht dorthin, wo er keinen Zugang hatte. Und immer neue, schreckliche Nachrichten verbreiteten sich, von zerstörten Städten, von Brand- und Napalmbomben, von Gasangriffen, von der fortschreitenden Vernichtung und Zerstörung eines ganzen Landes.

Pauls Vorgesetzter, ein neu eingesetzter junger Offizier mit Namen von Steinheim, der noch nicht viel vom Krieg gesehen hatte, war einer derjenigen, die immer noch fanatisch an Hitlers Märchen vom Endsieg glaubten und vor Tatendrang platzten. Als eine in Schwierigkeiten geratene Einheit per Funk um Hilfe und Ersatzteile wegen eines schweren Motorschadens bat, wollte er unbedingt seinen Mut beweisen. Da man durch die mit Maschinengewehren überwachte Schusslinie der Russen hindurchmusste, um die Kameraden zu erreichen, wurde das Vorhaben als unmöglich eingestuft. Doch der junge Offizier schlug alle Warnungen in den Wind und befahl ausgerechnet Paul, den er wegen seiner technischen Kenntnisse schätzte, ihn bei seinem wahnwitzigen Vorhaben zu begleiten. Ohne Deckung durch ein stabiles Geschütz oder einen Panzer schien ein Durchkommen unmöglich, aber Paul musste zähneknirschend gehorchen, die notwendigen Ersatzteile herrichten, bevor er auf dem Beifahrersitz Platz nahm. Von Steinheim brauste mit Vollgas los. Es war eine Höllenfahrt, und sie blieben, wie im schlimmsten Fall vorausgesehen, mitten auf der Strecke in einem Schlagloch stecken.

Paul sprang aus dem Wagen, schob an und kassierte dabei eine Kugel in den Unterarm und einen Streifschuss an der Schulter. Der Offizier brach mit einer Rückenverletzung über dem Steuer zusammen und verlor das Bewusstsein. Paul schob ihn beiseite, drängte sich mühsam neben ihn und kehrte um. Während das Maschinengewehr der Russen hinter ihnen herknallte, dass die Ohren taub wurden, brachte er den Wagen gerade noch zurück, bevor auch er ohnmächtig wurde.

Als er erwachte, fand er sich in einer schmutzigen Baracke wieder, einem provisorischen Lazarett. Sein Arm und die linke Schulter waren verbunden, und die überforderte einzige Krankenschwester, die gerade eine Spritze aufzog und nicht wusste, wen sie zuerst verbinden und wo lagern sollte, erklärte ihm, sein Blutverlust sei beträchtlich gewesen, als man ihm die Kugel aus dem Arm entfernt habe. Das an der Schulter sei nur sehr oberflächlich. Der übermüdete Arzt, der draußen auf einem Brett, das auf einem Baumstumpf lag, Verletzte operierte, würdigte ihn keines Blickes, aber er sah so bleich aus, als brauchte er selbst ganz dringend eine Behandlung.

Paul erschrak, als er neben sich leblos, mit offenem Mund und starren Augen von Steinheim liegen sah, der zuvor noch so forsch mit seinem Mut angegeben hatte.

In diesem Augenblick packten ihn zwei Sanitäter, legten ihn auf eine Pritsche und schleppten ihn zum Abtransport in einen der Güterwaggons, vollgepfropft mit stöhnenden Verletzten, wo sie ihn neben anderen Kranken kurzerhand auf dem Boden ablegten. Ein bestialischer Gestank nach Blut, Eiter und Exkrementen raubte ihm den Atem. Aber noch bevor er lautstark protestieren konnte, wurde die Waggontür mit hässlichem Quietschen zugezogen, und es wurde bis auf die Ritzen im Holz dunkel um ihn. Ohne Angabe von Gründen, ohne ärztliche Hilfe allein mit den stöhnenden Schwerkranken, ohne Toiletten und Wasser blieb der Waggon stundenlang auf den Gleisen stehen. Paul stieg über die anderen hinweg und schleppte sich zur Schiebetür, hatte aber kaum die Kraft, die Waggontür zu bewegen, die mit einem Riegel von außen verschlossen war. Verdammt, sollte er hier drinnen ersticken, krepieren in dieser Gruft, wo es weder Hilfe noch frische Luft gab? Er untersuchte selbst seine Verletzungen, die ihm nicht allzu ernst schienen. Der Streifschuss war kaum der Rede wert, nur die Verletzung am Arm, wo man die Kugel entfernt hatte, würde eine Weile zur Heilung brauchen. Irgendwann, nach einer Zeit, die ihm endlos vorkam, waren von draußen Geräusche zu hören, ein Rangieren, Hin- und Herruckeln und dann setzte sich der Waggon endlich in Bewegung. Das Ächzen und Jammern der Verwundeten hielt die ganze Nacht an, und etliche waren bereits verstorben, als der Transport plötzlich anhielt. Als sich die Tür von außen öffnete, taumelte Paul als Erster heraus und sog die frische Luft mit vollen Zügen in seine Lungen. Die Sanitäter wichen vor dem Gestank, der ihnen von drinnen entgegenschlug, zurück und mussten sich Tücher vor Mund und Nase binden. Zuerst wurden die Toten herausgeschafft, dann die Verletzten, die man in das behelfsmäßige Lazarett einer einfachen Baracke brachte. Paul ließ sich einen frischen Verband anlegen und dachte über seine Lage nach. Egal, wo er sich befand, er musste weg, weiter nach Westen. Was nützte es, wenn er hier im Lazarett gesund würde, wenn ihn dann die Russen kaperten, die sozusagen bereits vor der Tür standen? Im schlimmsten Fall würden sie ihn erschießen oder auf Nimmerwiedersehen als Kriegsgefangenen nach Sibirien schicken.

»Wo sind wir hier?«, fragte er einen Sanitäter, der sich in der Nähe zu schaffen machte.

»In Graudenz«, antwortete dieser mit resigniertem Ton. »Und der Russe ist schon ganz in der Nähe – wenn er nicht schon voraus ist.«

Paul sprang wie elektrisiert von seiner Pritsche, obwohl sein Arm dabei schmerzte. Ihm war eine Idee gekommen. »Meine Verletzung ist geringfügig«, stieß er hervor. »Ich muss zum Regimentsstab, möchte wieder eingesetzt werden! Wo kann ich mich melden?«

»Was? Sie wollen wieder eingesetzt werden?« Der Sanitäter sah ihn verblüfft an und schüttelte den Kopf. »Jetzt noch? Und mit dem Arm? Da sind Sie aber die große Ausnahme.« Mit einem müden Lächeln deutete er hinüber auf die andere Seite, zu einem schlaksigen, völlig verdreckten Leutnant. »Na, dann fragen Sie den da mal!«

Paul hängte seine Jacke um, trat so aufrecht wie möglich vor und grüßte den Leutnant vorschriftsmäßig. »Mein Name ist Paul Hofmann. Nach mehreren Einsätzen in Russland hatte ich den Auftrag, mich um neue Maschinenersatzteile für unsere Truppe zu kümmern. Ich sollte nach Berlin, um verschiedenes Material aus dem dortigen HKP (Heereskampfinstandsetzungspark) zusammenzustellen. Auf dem Weg sind wir von den Sowjets angegriffen und ich bin hierher ins Lazarett gebracht worden. Leider habe ich die gesamten Papiere verloren. Aber meine Verletzung ist so geringfügig, dass ich eigentlich bereits wieder einsatzfähig bin. Ich möchte dem Vaterland weiter dienen.«

Auch der Leutnant sah ihn verwundert an. »Na ja, wenn Sie meinen – und ohnehin nach Berlin mussten …« Er überlegte. »Ich bringe Sie zum Regimentsgefechtsstab, damit man Ihnen einen Marschbefehl nach Berlin, zur Frontleitstelle ausstellt. Sind Sie sicher«, er musterte Pauls Verband unter der Jacke, »dass Sie dazu in der Lage sind?«

Paul nickte so überzeugend er es vermochte. »Doch, doch, die Verletzung ist wirklich gering. Ein kleiner Kratzer. Nicht der Rede wert.«

Ein Wagen fuhr vor, Paul stieg mit dem Leutnant ein, und sie fuhren zu einer Art Zelt, das sich gut getarnt im Wald befand. Dort erhielt er seinen Marschbefehl. Um alles Weitere sollte er sich selbst kümmern. Instinktiv hatte er jetzt nur noch den einen Gedanken: Nach Westen, um sich dem Anrücken der roten Armee zu entziehen. Vielleicht nach Berlin, wo Hitler sich inzwischen in seinen gesicherten Bunker unter der Reichskanzlei zurückgezogen hatte. Dann würde man weitersehen.

Die Wunde schmerzte jetzt ziemlich, und er ließ sich am Bahnhof von den dort assistierenden Rotkreuzkrankenschwestern noch einmal den Verband wechseln und mit Schmerzmitteln versorgen. Auf dem Bahnsteig wimmelte es vor Menschen mit Koffern und allem möglichen Gepäck. Alles drängte fort, quetschte sich gewaltsam in die abfahrenden Züge, von denen jeder der Letzte sein konnte.

In der Bahnhofshalle sah er ein halb abgerissenes Werbeplakat: ›Aufruf zum Volkssturm! Waffenfähige Männer zwischen 16 und 60 meldet Euch! Das Vaterland braucht Euch!‹

Diese Worte zu lesen war der reine Hohn, wenn man wie er wusste, wie es an der Front aussah!

Die Zugfahrt nach Berlin ging mit mehreren Unterbrechungen durch Bombenangriffe einigermaßen vonstatten, und als er sich bei der Frontleitstelle meldete, in der alles drunter und drüber ging, schnauzte ihn der Feldwebel an. »Was wollen Sie denn hier? Wir sind doch keine Sammelstelle für Kriegsversehrte! Gehen Sie gefälligst ins Standlazarett und kommen in vierzehn Tagen wieder zur Untersuchung. General Unruh hat gerade angeordnet, dass wir noch ein paar Leute als Ersatztruppenteil nach Leipzig schicken sollen. Da können Sie dann gleich mitfahren.«

Das betreffende Lazarett war tatsächlich so überfüllt, dass man Paul, in Anbetracht der vielen ernsten Fälle, gar nicht aufnahm. Stattdessen erhielt er einen Urlaubsschein – aber wo sollte er in der kurzen Zeit hin? Nach Königsberg konnte und wollte er nicht zurück. Und da er in Berlin kein Dach über dem Kopf hatte, meldete er sich wieder in der Kaserne und ließ sich zu leichten Hilfs- und Schreibarbeiten einteilen.

Eines Tages sah er bei einem seiner kleinen Spaziergänge durch den Berliner Osten eine Gruppe halbwüchsiger Flakhelfer in Uniform umherschlendern. Das Gesicht eines der jungen Burschen kam ihm auf seltsame Weise bekannt vorkam.

Er trat auf ihn zu. »Einen Moment bitte. Kennen wir uns nicht? Wie ist Ihr Name?«

»Ich?« Der Angesprochene sah ihn verdutzt an und wusste im ersten Moment nicht, mit wem er es zu tun hatte. »Theodor von Walden«, sagte er dann. »Wieso? Wer sind Sie denn?«

»Ich bin Paul, Paul Hofmann aus Königsberg, erinnerst du dich nicht, Theo?« Paul spürte, wie sein Herz aufgeregt klopfte. »Ich bin … war mit deiner Schwester verlobt, Magdalena.«

Jetzt zog ein Zug des Erkennens über Theos Gesicht. »Ach so … Und was machen Sie hier, Herr Hofmann?«

»Das Gleiche könnte ich dich auch fragen. Ich wurde in Russland verwundet und vorübergehend in Berlin stationiert. Sag, wie geht es … deiner Schwester, Magdalena?«

Theo zuckte die Achseln, und sein Gesicht verschloss sich. »Keine Ahnung. Ich weiß gar nichts von ihr. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen – aus … aus bestimmten Gründen. Die Gestapo sucht sie. Sie haben vielleicht davon gehört.«

Pauls Kehle war wie zugeschnürt. »So ungefähr …«, sagte er schließlich vage. »Und du hast überhaupt keine Idee, wo sie sich aufhalten könnte?«

Theo sah sich nach allen Seiten um, doch seine Kameraden waren schon weitergegangen. Dann schüttelte er bedrückt den Kopf. »Leider nicht.« Er beugte sich näher zu ihm. »Ich würde es Ihnen sagen, wenn ich es wüsste. Eine Zeit lang ist sie bei Verwandten untergekommen. Ich habe nur erfahren, dass sie ein Kind hat, eine kleine Tochter.«

»Sie hat … ein Kind?« Paul versuchte, sich seine Erschütterung nicht anmerken zu lassen. »Danke, dass du so offen zu mir warst.« Dann fasste er sich und zwang sich zu einem freundlichen Gesicht. »Ich sehe, du bist hier Luftwaffenhelfer, nicht wahr? Da drüben in dem olivgrauen Flakturm?«

»Ja, wir wohnen auch da. Das Kasino ist im selben Gebäude, da wird gar nicht schlecht gekocht. Vom Turm aus können wir sehr gut die Stadt überblicken. Aber die Angriffe kommen jetzt so geballt, dass es schwer ist, sie zu verhindern. Gestern haben sie den Dom getroffen und er brannte in einer riesigen Kupferflamme aus.«

»Wie bei dem Angriff auf Königsberg …« Paul konnte den Satz nicht vollenden und musste sich räuspern.

»Ja, da muss es wohl besonders schlimm gewesen sein. Das alte Königsberg soll völlig zerstört sein.« Er senkte den Kopf und schluckte. »Die Leute wurden evakuiert – es gibt eine lange Liste von Toten. Man kann sie im Rathaus einsehen.«

Pauls Herz krampfte sich zusammen. Die anderen Jungen waren bereits ein gutes Stück entfernt. Theo sah ihnen unruhig nach. »Ich muss gehen – hab bald wieder Dienst. Hat mich gefreut, Sie getroffen zu haben, Herr Hofmann. Wenn der Krieg zu Ende ist, sehen wir uns sicher wieder. Heil Hitler!« Er hob die Hand zum Gruß, doch Paul blieb die Antwort im Halse stecken. Er spürte einen bitteren Geschmack im Mund, als er weiterging. Ein Kind! Magdalena hatte ein Kind! Es gab also einen anderen Mann in ihrem Leben! Sie dachte nicht mehr an ihn, hatte ihn vergessen! Er fühlte sich wie zerschmettert. So war das also: Aus den Augen, aus dem Sinn!

Traurig kehrte er in die Kaserne zurück. Der Nachrichtendienst meldete neue Anflüge, die Sirenen schrillten Alarm, und wieder begann die Flucht der Menschen in die Luftschutzkeller. Man musste jetzt sehr schnell sein, denn die Amerikaner versuchten neuerdings, die Radarüberwachung und Flakabwehr mit durch die Luft fliegenden Stanniolstreifen außer Kraft zu setzen. Fast im gleichen Augenblick, als die Sirenen aufheulten, kam auch schon das Geschwader schneller Mustangs mit B 17 Bomben der USAFS herangebraust, die in wenigen Augenblicken ihre tödliche Last ausklinkten, die ganze Straßenzüge zerstörte. Jeder, der nicht schnellstens einen Unterschlupf fand, war in Gefahr, von den fliegenden Todesmaschinen niedergemäht zu werden. Es gab keine Rücksicht auf Zivilisten mehr – die Alliierten hatten sich vorgenommen, Berlin von der Landkarte zu radieren, und so wie es jetzt aussah, würde ihnen das auch gelingen.

Nach dem Angriff ging Paul durch die rauchenden Trümmer zum Roten Rathaus, das zwar stark beschädigt, aber noch einigermaßen intakt war, und überflog mit einem Kloß im Magen die Listen der Königsberger Toten. Seine Schwester Christine und Doktor Gabriele Braun waren glücklicherweise nicht darunter. Er dachte manchmal an die junge Ärztin, hatte den Kontakt zu ihr aber nicht weiter aufrechterhalten, weil er spürte, dass sie ihm niemals so nahe sein würde wie seine große Liebe Magdalena. Er konnte sie einfach nicht vergessen.

Mit schweren Schritten kehrte er wieder in die Schreibstube der Kaserne zurück und versuchte, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben und vor allem nicht mehr an Magdalena und ihr Kind zu denken. Automatisch überflog er das Defizit der Maschinenersatzteile und Waffen und stellte es den zahlreichen Anforderungen neuen Materials, das eigentlich gar nicht mehr vorhanden war, gegenüber. Es war sinnlos, weiter daran zu arbeiten, denn es zeigte ganz deutlich, dass die Wehrmacht in diesem Stadium den nötigen Nachschub nicht mehr liefern konnte. Seufzend legte er den Stift beiseite. Seine noch nicht ganz auskurierte Verletzung schmerzte wieder. Aber er hatte weder Lust, sich zu schonen, noch sich in eines der überfüllten Lazarette zu begeben, in denen es nach Blut und Eiter stank und in denen Ärzte und Schwestern in Operationsräumen, die Schlachthöfen glichen, meist vergeblich gegen den Tod kämpften.

Seine Illusionen über den »Blitzkrieg« und den »Führer« waren längst wie Seifenblasen zerplatzt; jetzt hieß es nur noch, alles lebend zu überstehen, bis die Kapitulation kam, das Ende dieser sinnlosen Kämpfe, des nur noch ›Sich-Wehrens‹, das jeden Tag unnötige Tote und Verwundete kostete.

Während Paul in der schlecht geheizten Schreibstube über den deprimierenden Zahlen der Materialverluste brütete, marschierten die Russen unaufhörlich weiter vor, starben unzählige deutsche Soldaten in weiteren, sinnlosen Kämpfen. Es wurde immer enger, die Monate vergingen in Angst und mit endlosen Bombardierungen.

Robert, sein Kamerad, war kurz vor seinem Einsatz in die Ukraine desertiert. Man hatte ihn bisher nicht gefasst, und Paul wünschte ihm insgeheim viel Glück. Ob sie es schaffen würden, sich dereinst in der besagten Kneipe zu treffen?

Dann näherte sich der Winter mit einer Anhäufung von Niederlagenmeldungen, dem letzten Aufbäumen in Form eines unsinnigen Einsatzes halbwüchsiger »Hitlerjugend« und dem »Volkssturm« älterer Männer. Der Endkampf begann – die letzten Reserven wurden jetzt aufgeboten.

Pauls Arm war inzwischen gut verheilt, und nach einiger Zeit ereilte ihn unerwartet ein neuer Einsatzbefehl. Nachdem der Stabsarzt ihn nach kurzer Untersuchung seines Armes »bedingt tauglich« geschrieben hatte, wurde er mit anderen »Reservisten« zu einem Transport nach Polen eingeteilt. Es sollte nach Tschenstochau gehen, eine Stadt, deren Namen man mit dem traurigen Kapitel der Judenerschießungen in Verbindung brachte. Als eine der wenigen war sie noch von deutschen Soldaten besetzt. Doch kaum mit der Truppe dort angekommen, hieß es, der Russe sei bereits fünfzehn Kilometer vor der Stadt und man müsse schnellstens wieder alles räumen. Überstürzt ging es zum Bahnhof zurück, der Transport an einen anderen Ort wurde angekündigt und organisiert, diesmal nach Neusalz an der Oder. Dort, am Ostufer des Flusses, sollte Neusalz von den eingetroffenen Reservekräften verteidigt werden, denn auch dort war die Rote Armee schon angekommen. Ein Widerstand erwies sich in der Folge aber beim besten Willen als nicht durchführbar. In einem Wirrwarr ohnegleichen wurden schließlich Marschbefehle ausgeteilt, mit denen sich jeder auf eigene Faust auf den Weg machen sollte. Resignierend blickte Paul auf den Strom der Flüchtlinge, auf die letzten Reserven bedingt kampffähiger Soldaten, die sich mit den noch Gehfähigen aus dem Lazarett mischten. Alle strömten, humpelten, eilten gen Westen und füllten die Straßen, so weit man sah. Da er kein anderes Ziel hatte, beschloss Paul, in die Berliner Kaserne zurückzukehren. Eigentlich war ihm alles gleichgültig – er ließ sich vom Strom der Menschen mitziehen. Er hatte keine Zukunftsperspektive und keine Heimat mehr; Deutschland lag am Boden, Königsberg gab es nicht mehr – die Zukunft schien düster und ausweglos.