12. Kapitel
VERZWEIFELTE LAGE
Der Zug ratterte mit monotonem Stampfen über die Gleise, und Magdalena sah im Innern des voll gepfropften Waggons in die vorbeifliegende Landschaft hinaus. Die Luft war stickig, Kinder schrieen, saure Essensgerüche von ausgepackten Broten mischten sich mit Schweiß und ungelüfteten Kleidern. Sie war jedoch heilfroh, überhaupt einen Platz in dem überfüllten Zug nach Berlin ergattert zu haben. Viele mussten stehen.
»Kontrolle! Die Fahrkarten bitte!« Der Schaffner, gefolgt von einem Uniformierten, zwängte sich durch die Reisenden, stieg über im Weg stehende Koffer und Pakete und ließ sich verschiedentlich auch die Ausweise zeigen. Magdalena klopfte das Herz bis zum Halse. Wie, wenn man schon nach ihr fahndete? Sie hier verhaftete? Sollte sie sagen, sie hätte ihren Ausweis vergessen? In ihrer feuchten, zitternden Hand hielt sie den halb zerknitterten Fahrschein.
»Und Ihren Ausweis bitte!«, der Schaffner stand vor ihr und sah sie, wie ihr schien, forschend an.
»Ich … ich …«, stotterte sie, als ein dumpfes Poltern und ein darauf folgender durchdringender Schrei seine Aufmerksamkeit ablenkte. Ein schwerer Koffer war in einer langen Kurve aus dem Gepäcknetz gefallen und hatte eine ältere Frau, die im Gang stand, zu Boden gerissen. Der Schaffner wandte sich um, sah nach dem Rechten und half der Frau auf, die glücklicherweise unverletzt geblieben war. Als er zurückkehrte, fand er zu seinem Erstaunen den Platz des jungen Mädchens leer. Er überlegte kurz, blätterte in den Namenslisten, die er bei sich führte, und diskutierte mit einem Mann in Uniform, der sich sogleich auf die Suche nach der Verschwundenen begab.
Ein dumpfes Pochen an der verriegelten Toilettentür, hinter der Magdalena sich ängstlich verborgen hielt, ertönte.
»Offnen, Ausweiskontrolle!«, erklang die gedämpfte Stimme des Ordnungshelfers. Magdalena hielt den Atem an. Was sollte sie tun? Wenn sie nicht aufmachte, würde man die Tür mit Gewalt öffnen. Dabei war es fast unmöglich gewesen, sich bei der langen Schlange vor der überbelegten, einzigen Toilette überhaupt vorzudrängen. In einem spontanen Einfall hatte sie dem jungen Mann, der als Nächster an der Tür stand, eines der von Louise eingepackten Leberwurstbrote angeboten. Er war hungrig gewesen und hatte sie unter Protest der übrigen Wartenden vorgelassen. Doch es hatte nichts genutzt – es klopfte weiter energisch gegen die Tür.
»Aufmachen, sonst hole ich die Polizei!«, rief die Männerstimme erneut. Magdalena duckte sich mäuschenstill, geradezu vor Schreck erstarrt. Was sollte sie tun? Ausgerechnet jetzt, so kurz vor Berlin so eine dumme Kontrolle! Wieder ertönte das dumpfe Klopfen einer Faust, diesmal stärker, und die leichte Tür erbebte. Sie atmete tief ein und schob todesmutig den Riegel beiseite. »Entschuldigung«, flötete sie mit honigsüßer Stimme, »aber ich beeile mich ja schon!« Die Leute vor ihr starrten sie mit neugierigem, aber zugleich furchtsamem Ausdruck an. Magdalena legte ihren ganzen Charme in ihr Lächeln, und das Stirnrunzeln des Soldaten milderte sich sofort. »Ist etwas passiert?«, fragte sie mit dem unschuldigsten Blick der Welt.
»Kommen Sie bitte mit«, beschied ihr der Soldat kurz, »der Schaffner hat mich gebeten, Ihren Ausweis zu kontrollieren.«
»Aber gerne!« Voll Herzklopfen und ganz schwach vor Angst folgte sie dem jungen Mann in eine ruhige Ecke und reichte ihm ihren Ausweis. Er sah sie lange an, verglich sie mit dem Lichtbild auf dem Papier und gab ihr nach einer Weile, die ihr ewig dünkte, den Schein wieder zurück.
»Alles in Ordnung!«, sagte er kurz, zwinkerte ihr zu und hob die Hand. »Gute Weiterreise! Heil Hitler!«
Magdalena zwang sich, in gleicher Weise zurückzugrüßen und kehrte aufatmend auf ihren Platz zurück. Der Schaffner, am Ende des Ganges, lauschte dem Bericht des Soldaten, musterte sie jedoch voller Misstrauen. Sein Gefühl sagte ihm, dass da etwas faul war – aber beweisen konnte er es nicht.
In Berlin musste Magdalena umsteigen und drängte sich durch die eilende Menge. Der Bahnhof war voller Menschen, Frachtgut und Gepäckstücke verstopften die Durchgänge, und es schien, als sei alles im Aufbruch. Das gleiche Bild zeigte sich in Dresden; zudem hatte der Zug erhebliche Verspätung, weil er zeitweise mitten auf der Strecke mit quietschenden Bremsen anhalten musste. Man öffnete die Fenster, beugte sich heraus, schrie sich gegenseitig Informationen zu, aber niemand wusste genau, was geschehen war. Ein Schaffner war diesmal nirgendwo zu erblicken, und der Zug wurde schließlich wegen Schienenarbeiten auf ein anderes Gleis umgeleitet.
Magdalena hatte bis Dresden keinen Platz ergattern können, und so musste sie sich wie viele andere auf den schmutzigen Boden setzen. Ihr hellblaues Kleid mit weißem Kragen und passender Strickjacke, das sie für die Reise gewählt hatte, war zerknittert und wies bereits mehrere Schmutzflecken auf. Das blonde Haar trug sie hochgesteckt, damit es ihr in der stickigen Luft nicht am Nacken klebte. Obwohl Louise ihr genügend Proviant mitgegeben hatte, verspürte sie keinen Hunger und trank nur hin und wieder einen Schluck warmen Tee aus ihrer Thermosflasche. Ganz plötzlich überfiel sie ein beängstigendes Gefühl der Verlassenheit. Was sollte sie den Verwandten sagen, an die sie sich kaum erinnerte, aber vor deren Tür sie in Kürze stehen würde?
Nachdem sie den Anschlusszug nach Teplitz verpasst hatte und ein weiterer erst in fünf Stunden gehen sollte, kauerte sie sich in eine Ecke des überfüllten Wartesaals zwischen stumpfsinnig und erschöpft dreinblickenden Reisenden und schreienden Kindern zusammen, legte den Kopf auf die Knie und schloss die Augen.
Sie würde Paul schreiben, dass sie in Schwierigkeiten steckte und ihm alles erklären! Natürlich nicht direkt unter ihrem Namen, aber das war wohl auch nicht nötig. Was würde er wohl als überzeugter Anhänger der Politik des Dritten Reiches, als Soldat, der so fest vom erfolgreichen Ausgang dieses Krieges überzeugt war, zu einer solchen Sache wie der mit den Flugblättern sagen? Sie kam nicht dazu, lange darüber nachzudenken, denn ohne dass sie es merkte, fiel sie in einen leichten, oberflächlichen Schlaf und schreckte erst hoch, als die Frau neben ihr, die ein kleines Kind in einem Tuch um ihre Brust gebunden hatte, sich erhob und sie dabei anstieß. Ein junger Soldat in Uniform, aus der er scheinbar länger nicht mehr herausgekommen war, setzte sich mit einem freundlichen Gruß auf die freie Stelle neben sie. Er stank jedoch so stark nach Schweiß, dass Magdalena ganz übel wurde. Und als ihr Blick zufällig auf seine vor Schmutz starrenden Ärmel fiel, sah sie, wie eine Anzahl Läuse über die Manschetten geradewegs ins Hemdinnere liefen. Den Soldaten schien das nicht zu stören, er lehnte sich zurück, zog seine Mütze über die Augen und begann umgehend zu schnarchen. Magdalena, von Ekel geschüttelt, begann es überall am Körper zu jucken. Sie ergriff ihr Gepäck, legte den Rucksack um und trat auf den Bahnsteig. Der Geräuschpegel war unglaublich, und in ihren Ohren dröhnten die Durchsagen des Lautsprechers, die Verspätungen und Abfahrtszeiten ankündigten. Dann hockte sie sich auf ihren Koffer neben anderen Wartenden und betrachtete das Gewimmel der Menschen, die vorbeiströmten. Nicht weit von ihr, an einen Pfosten gelehnt, stand ein Mann in Uniform, der eine Zeitung in der Hand hielt. Sie beugte sich leicht vor und versuchte, das Dickgedruckte zu entziffern.
Rede des Führers zum vierten Kriegswinter: » Wir haben Stalingrad so gut wie erobert!«
»Möchten Sie die ganze Zeitung lesen?« Amüsiert lächelnd sah der Fremde sie an. »Hier, Sie können sie gerne haben!«
»Nein … nein, danke!« Ablehnend streckte Magdalena die Hände aus. »Die Überschrift ist mir nur ins Auge gefallen …«
»Tja«, er faltete das Blatt zusammen, »pathetische, aber vielleicht leere Worte, die Hitler da in den Mund nimmt: »Niemand wird uns mehr aus Russland wegbringen …«
Magdalena sah sich nach allen Seiten um, als fürchtete sie, es könne jemand mithören.
Der Fremde lachte auf: »Keine Angst, ich bin Reporter, Kriegsberichterstatter, ich kann mir schon ein paar Dinge erlauben. Gestatten«, er verbeugte sich höflich, und der Duft eines angenehmen Rasierwassers wehte zu ihr hinüber. »Richter, Heinz Richter vom Völkischen Kurier. Ich komme gerade aus Russland und habe deshalb so meine Zweifel, ob wir dieses weite Land bezwingen. Fahren Sie auch nach Teplitz?« Er strich sich über das sorgsam gescheitelte, braune Haar und zündete sich mit einer lässigen Handbewegung eine Zigarette an.
Magdalena nickte reserviert und versuchte, dem forschenden Blick seiner auffallend hellen, blauen Augen auszuweichen. »Ja, ich besuche Verwandte.«
»Vielleicht werden wir uns ja einmal begegnen. Ich bin dort geboren. Erst in vier Wochen muss ich weiter nach Berlin.« Richter nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette und betrachtete sie mit einem Blick, unter dem sich Magdalena ein wenig unbehaglich fühlte. Der Mann war gepflegt, sah zweifellos gut aus und schien außerdem genau zu wissen, wie man mit Frauen umging.
»Mein Verlobter kämpft an der Ostfront«, sagte sie vorbeugend, »an der Krim.«
»Oho«, die Stimme Richters klang nicht respektlos, aber doch so, dass Magdalena sich über den Tonfall ärgerte. »Einer unserer Helden! Das ist sicher kein Zuckerschlecken!«
»Ich wünschte, alles wäre bald vorbei. Es ist doch Wahnsinn, dass so viele Menschen sterben müssen, nur … « Sie biss sich auf die Lippen, als habe sie zu viel gesagt.
Er zuckte gleichmütig die Schultern. In diesem Moment näherte sich der Zug nach Teplitz, und die Lok stampfte, in dichte Rauchschwaden gehüllt, heran. Richter ergriff, ehe sie es verhindern konnte, ihren kleinen Koffer, bahnte ihr geschickt den Weg und half ihr beim Einsteigen. Als wäre es ganz selbstverständlich, bot er ihr seinen Platz an. »Ich habe reserviert, setzen Sie sich doch. Sie müssen sehr müde sein!«
Magdalena, dankbar für so viel Fürsorge, hatte nicht die Kraft abzulehnen. Sie war tatsächlich erschöpft und matt und wusste zudem nicht genau, wie ihr künftiges Leben weitergehen sollte und was sie erwartete. In Gedanken hatte sie bereits mehrmals den Entwurf eines Briefes an Paul durchdacht, überlegt, auf welche Weise sie ihm schildern, erklären sollte, was geschehen war und warum sie nicht zum Bahnhof kommen konnte. Aber wie die richtigen Worte finden? Vor allem durfte sie den Brief nicht selbst aufgeben, um ihren Aufenthaltsort nicht zu verraten. Vielleicht tat ihr ja der Fremde den Gefallen, ihn mitzunehmen und in Berlin aufzugeben, wenn er wieder dorthin fuhr? Der hatte gerade das Fenster geöffnet und sich eine neue Zigarette angezündet. Sein Haar flatterte im Fahrtwind, während er nachdenklich in die vorbeiziehende, herbstlich bunte Landschaft hinaussah. Nach einer Weile schloss er das Fenster mit einem Ruck und sah eindringlich auf sie herab. Magdalena gefiel dieser Blick nicht, sie senkte den Kopf und schlug die Augen nieder.
Vorsichtig streckte er die Hand aus und hob ihr Kinn mit einer sanften Geste. »Sehen Sie mich doch einmal an!«, bat er leise in einem beinahe zärtlichen Ton. »Sie sind wirklich wunderschön, kleines Mädchen. Wissen Sie das überhaupt? Ihr Verlobter ist zu beneiden.«
Damit senkte er seine hellen Augen verführerisch und mit einem tiefen Blick in die ihren.
Magdalena wandte ärgerlich und ein wenig verwirrt ihren Kopf zur Seite. »Lassen Sie das bitte! Ich möchte das nicht!« Sie erhob sich abrupt. »Danke, dass Sie mir Ihren Platz angeboten haben. Aber Sie werden ihn sicher jetzt selbst brauchen!« Mit diesen Worten nahm sie ihren Koffer und drängte sich aus dem Abteil in den Gang.
»Warten Sie doch …«, die Stimme klang enttäuscht, doch Magdalena ließ sich nicht beirren. Sie würde schon jemanden finden, der ihren Brief transportierte.
Als der Zug endlich am Bahnhof des mittelgroßen Kurortes anlangte, glaubte sie sich nach dem Gewirr in den anderen Städten in eine andere Welt versetzt. Man konnte aufatmen – alles schien beschaulich und ruhig, und es war wenig von dem Aufruhr zu spüren, in den dieser Krieg die ganze Welt versetzt hatte. Sie stieg rasch aus und wartete an den Gleisen vor den Anschlagtafeln, um sicher zu sein, dass ihre neue Bekanntschaft fort war. Dann erst sah sie sich am Bahnhofsvorplatz nach einem Taxi um. Doch der Stand war wie leergefegt und auch der Schalter bereits geschlossen. Ihr Magen knurrte jetzt beharrlich, sie war durstig und sehnte sich danach, endlich irgendwo anzukommen und ihre Beine hochzulegen. Sie setzte sich auf eine Bank unter einem Lindenbaum und schlang hastig zwei von Louises Butterbroten hinunter. Eine Viertelstunde studierte sie aufmerksam den Stadtplan – doch dann griff sie entschlossen nach ihrem Koffer und marschierte los. So weit konnte Windenstein, das Gut der von Papenburgs, doch nicht sein! Vielleicht nahm sie ja irgendein Viehkarren ein Stück mit! Es war ein leuchtender, trockener Herbsttag, aber ihre Füße schmerzten in den unbequemen Stadtschuhen, und die noch warmen Sonnenstrahlen brannten auf ihrer Stirn. Gerade, als sie am Ortsrand angekommen war, hielt ein Auto mit quietschenden Bremsen vor ihr. Erschrocken trat sie zurück. Heinz Richter beugte sich charmant lächelnd aus dem Fenster. »Da sind Sie ja! Ich habe Sie schon vermisst. Können wir Sie irgendwohin mitnehmen? Steigen Sie ein – meine Schwester war so nett, mich am Bahnhof abzuholen.« Er öffnete einladend die Tür des Wagens, aus dessen Innern sie eine junge Frau freundlich ansah.
Magdalena hätte am liebsten nein gesagt, doch der Gedanke an den langen Marsch mit Koffer und Rucksack, mit schmerzenden Füßen über die lang gezogene Landstraße, ließ sie es sich anders überlegen. Sie stieg ein und lehnte sich aufseufzend in die weichen Lederpolster des grauen Cabriolets. »Vielen Dank – ich glaube wirklich, ich kann nicht mehr!«
»Ja, und wohin soll’s nun gehen?« fragte Richter betont munter. »Clarissa, darf ich dir Magdalena von Walden, meine reizende Zugbekanntschaft vorstellen?« Er flüsterte verschwörerisch an ihrem Ohr: »Sie hat noch nicht lange den Führerschein – drum wird eine kleine Übung ihr ganz guttun.«
Die »kleine« Schwester am Steuer, eine attraktive, weibliche Ausgabe ihres Bruders, drehte sich halb herum. Ihr Haar war blond gefärbt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie lächelte mit rot geschminkten Lippen zu Magdalena hinüber und reichte ihr die Hand. »Freut mich. Sagen Sie ruhig Clarissa zu mir. Aber glauben Sie meinem Bruder kein Wort...«
»Ich möchte nach Gut Windenstein«, sagte Magdalena hastig, und Clarissa zog die Augenbrauen hoch. »Das schönste und größte Gut der ganzen Gegend? Verbringen Sie Ihre Ferien dort?« Sie gab Gas, und der Wagen machte einen Satz nach vorn.
»So könnte man es nennen«, wich Magdalena aus, die sich unter den leicht spöttischen und fordernden Blicken Richters ein wenig unbehaglich fühlte. Seine Selbstsicherheit, die Art, wie er mit ihr und vielleicht mit allen Frauen umging, zog sie an und stieß sie gleichzeitig ab. Aber seine blauen Augen erinnerten sie auf fatale Weise an die Pauls.
Sie war heilfroh, sich nicht für den Fußweg entschieden zu haben, denn die Landstraße ging nun in einen ungepflasterten, mit Büschen bewachsenen und holprigen Weg über, der erst nach etlichen Kilometern an einer breiten Kastanienallee endete. Das Tor stand offen, und im Hintergrund sah man schon das schlossähnliche Gebäude des Windensteinschen Anwesens mit seinem wuchtigen Eichenportal, zu dem eine Freitreppe hinaufführte. Es bot einen imposanten Anblick mit dem Backsteinturm aus dem 14. Jahrhundert, den breiten Erkern, den Nebengebäuden und anliegenden Ställen. Von dem großen Gutshof waren ihr eigentlich nur die Pferdekoppeln, hinter denen man weidende Kühe und Schafe erblickte, in Erinnerung geblieben.
»So, da sind wir nun!« Heinz Richter stieg als Erster aus dem Auto und öffnete ihr direkt vor der steinernen Treppe des Herrenhauses galant den Wagenschlag, während Clarissa ihr nur kurz zuwinkte. »Sehen wir uns einmal, so lange ich noch in Teplitz bin?«
»Vielleicht!« Magdalena konnte diese Frage jetzt unmöglich mit einem Nein beantworten.
»Dann hole ich Sie ab – sagen wir übermorgen Nachmittag um vier?« Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang er wieder ins Auto, das in einer dichten Staubwolke davonbrauste.
Magdalene schüttelte den Kopf. Nach typischer Reporterart hatte ihre neue Bekanntschaft sie ganz einfach überrumpelt. Sie versuchte, ihre Fassung wiederzufinden und sich auf ihr vorbereitetes Sprüchlein beim Empfang durch ihren Großonkel zu konzentrieren.
Langsam stieg sie die Treppe hinauf. Eine Weile stand sie reglos und wie verloren mit ihrem Koffer vor dem Portal des Gutes. Kreischende Kinderstimmen drangen vom Hof her zu ihr hinüber, in die sich die scheltende des Kindermädchens mischte. Eine rothaarige Frau mittleren Alters mit einer ein wenig aus den Fugen geratenen Figur in weitem Rock und weißer Rüschenbluse tauchte hinter dem Gatter des hübschen Bauerngartens auf. Sie trug einen bunten Herbststrauß im Arm und stutzte, als sie Magdalena mit ihrem Gepäck erblickte. Zwei munter schwatzende kleine Mädchen in blau-weiß getupften Kleidern mit duftigen Puffärmeln sprangen um sie herum, hübsch anzusehen mit einem über den blonden Zöpfen thronenden Kranz aus gelben und orangefarbenen Astern. Es war ein idyllisches Bild, das so gar nicht zu der entbehrungsreichen Kriegszeit passte.
»Du musst Johanna sein«, rief Magdalena freundlich und hielt ihr die Hand entgegen. Mit zusammengezogener Stirn kam die Frau jetzt zögernd auf sie zu. »Ich bin Magdalena, Magdalena von Walden. Erinnerst du dich nicht?«
»Magdalena? Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht! Was machst du denn hier?«
»Wie schön, dich zu sehen, meine Liebe!« Magdalena zwang sich zu einem strahlenden, nicht ganz echten Lächeln. »Hat Louise dir nicht geschrieben, dass ich euch besuchen komme?«
Die Angesprochene schüttelte den Kopf. »Nein, nicht dass ich wüsste. Übrigens – mein tiefes Beileid noch einmal zum tragischen Tod deines Bruders und deiner Mutter.« Sie reichte ihr die Hand zur Begrüßung. »Zwei schreckliche Nachrichten auf einmal. Wir konnten leider nicht zur Beerdigung kommen. Das Gut, die Kinder …, du weißt schon …« Sie musterte sie kritisch von oben bis unten. »Ist sonst alles in Ordnung – zu Hause, meine ich?«
»Danke, dass du mit uns fühlst«, antwortete Magdalena artig, ohne auf die Frage einzugehen. »Es war sehr schwer. Aber Großmama, Theo und Gertraud geht es gut. Sie wird übrigens bald heiraten! Gottfried von Treskow ist der Auserwählte.«
Sie stockte unter dem Blick Johannas. »Ich hoffe, mein Besuch passt euch?«
»Nun ja … aber wenn du schon einmal hier bist, dann komm doch erst mal rein. Du bist natürlich willkommen. Wie lange willst du denn bleiben?«
»Ich weiß noch nicht – das hängt von verschiedenen Dingen ab.«
»Von verschiedenen Dingen?« Johanna warf ihr einen verständnislosen Blick zu.
»Ja, ich dachte, ich kann euch vielleicht zwischendurch etwas helfen – mit den Kindern, meine ich. Oder im Haushalt, was gerade anfällt!«, plapperte Magdalena scheinbar unbekümmert weiter, während sie hinter der Hausherrin, die ihren leichten Unmut über den plötzlichen Besuch so gut wie möglich verbarg, ins Haus ging.
»Ich sag gleich Ludwig Bescheid, damit er dich begrüßen kann!« Johanna läutete aufgeregt dem Diener und schien in leichter Verwirrung nicht zu wissen, was sie als Erstes machen sollte. »Franz!«, rief sie mit durchdringender Stimme, als auf ihr Läuten niemand erschien. Zugleich versuchte sie, eines der beiden Mädchen, das laut zu kreischen begonnen hatte, davon abzuhalten, seine Schwester an den Zöpfen zu ziehen. Magdalena bückte sich nach dem heruntergerissenen und zerdrückten Blumenkranz, während sich Johanna entnervt die Ohren zuhielt und auf einen Stuhl fallen ließ. »Ich werde einfach nicht mehr mit den Kindern fertig – sie sind so lebhaft!«, stöhnte sie, während ihr fleischiger Hals bis zum Dekolleté eine rote Farbe annahm.
Mit aufgekrempelten Ärmeln, braun gebrannt, näherte sich jetzt der hochgewachsene, grauhaarige Gutsherr. Er war über zwanzig Jahre älter als seine Frau und bereits siebzig, jedoch bis auf sein von Wind und Wetter gegerbtes, markantes Gesicht mit vielen Falten schlank und elastisch geblieben, sodass der Altersunterschied kaum ins Gewicht fiel. Verblüfft starrte auch er jetzt Magdalena an. Dann umarmte er sie herzlich und küsste sie auf beide Wangen. »Das ist ja eine Überraschung, Mädel! Wie groß du geworden bist! Und wie geht es meiner guten Louise?« Er hielt betrübt inne. »Johanna hat sich sicher schon entschuldigt, dass wir nicht zur Beerdigung deiner Mutter und deines Bruders nach Königsberg kommen konnten. Die weite Reise – es ist unmöglich, das Gut in der schlechten Zeit allein zu lassen! Das verstehst du doch, oder?«
»Natürlich!« nickte Magdalena. »Ich soll dir viele Grüße von Louise bestellen. Sie meinte, ich brauchte einmal Luftveränderung – nach all den Schicksalsschlägen. Außerdem sollte ich zum Arbeitsdienst – und davor drücke ich mich lieber. Ich hab mir Studienmaterial mitgebracht. Hier kann ich ja auch lernen!«. Sie zögerte einen Moment, »und besser, ihr redet nicht drüber, dass ich da bin, sonst muss ich vielleicht doch noch ran!«
In Ludwigs Blick trat eine prüfende, fast misstrauische Nuance. »Nein …, natürlich nicht. Wie du willst. Es braucht ja keiner zu wissen, dass du da bist! Du hast doch nichts angestellt, Mädchen?«
»Nicht … nicht direkt! Lass uns ein andermal reden. Ich bin furchtbar müde.«
Während Magdalena wenig später in der großen Küche einen wohlgefüllten Teller Bohnensuppe löffelte und die Köchin ihr dazu noch eine dicke Scheibe vom Laib des duftenden, gerade gebackenen Brotes herunterschnitt und einen ordentlichen Batzen goldgelbe frische Butter darauflegte, war Johanna in das Arbeitszimmer ihres Mannes getreten. Ihre ohnehin wenig zufriedene Miene hatte durch ihre herabgezogenen Mundwinkel eine mürrische Nuance mehr bekommen. »Was sagst du dazu, Ludwig? Nicht, dass ich irgendetwas gegen deine Großnichte hätte – aber einfach so, aus heiterem Himmel …«, sie brach ab und schüttelte den Kopf, »ich meine, so ohne Ankündigung herzukommen!«
»Hmmh«, Ludwig legte bedächtig den Stift aus der Hand, mit dem er gerade die Ausgaben für diesen Monat berechnete. »Warum soll Magdalena uns nicht einmal besuchen kommen? Vielleicht wollte sie nach dem Tod ihrer Mutter und ihres Bruders nur in eine andere Umgebung?«
»Ach, Unsinn!«, Johannas Stimme wurde lauter. »Da stimmt doch was nicht. Sie studiert doch, und da bricht man nicht so einfach ab und reist in der Welt umher … «
»Du magst das Mädchen nur nicht!«, unterbrach Ludwig barsch. »Hast sie nie gemocht!«
Johanna wurde rot vor Ärger. »Das hab ich nicht gesagt! Aber was sollen wir mit ihr anfangen, wenn sie länger bleibt?«
»Sie hat doch selbst gesagt, dass sie helfen will, die Kinder zu beaufsichtigen. Die alte Martha wird ohnehin schlecht mit ihnen fertig. Und dann gibt es im Haus ja auch eine Menge zu tun.«
»Das glaubst du doch selbst nicht, dass sie uns nützlich ist«, platzte Johanna plötzlich heraus. »Sie war schon immer eine verwöhnte Göre! Sie wird uns bloß fremde Männer ins Haus bringen. Hast ja gesehen, sie hatte gleich einen dabei!«
»Du übertreibst immer so«, wehrte Ludwig seufzend ab, öffnete die Akte vor ihm und fuhr fort, Zahlenkolonnen zu addieren. Es hatte keinen Sinn, sich mit seiner Frau auf ein Streitthema einzulassen – sie steigerte sich bloß immer weiter hinein. Wahrscheinlich war sie auf die hübsche, langhaarige Großnichte nur eifersüchtig! Aus diesem Grund hatte sie auch ja schon einige Dienstmädchen aus dem Haus gegrault! Johanna, die sah, dass ihr Mann ihr nicht mehr zuhören wollte, drehte sich wutschnaubend auf dem Absatz herum und knallte hörbar die Tür hinter sich zu.
›Mein liebster Paul!
Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Brief anfangen soll – zuerst sollst Du jedoch wissen, wie sehr ich Dich liebe und immer lieben werde, egal, was geschieht! Jede Nacht weine ich mich in den Schlaf, weil ich nicht weiß, wann wir uns wiedersehen und oh Du mich in der Zwischenzeit nicht völlig vergessen hast!
Es quält mich, dass ich Dir nicht schreiben kann, aus welchem Grund ich nicht zum Bahnhof gekommen bin, warum das Schicksal es wollte, dass wir uns im Café zum Goldenen Löffel verpasst haben und viele andere Dinge mehr, die Du wissen solltest! Aber ich schwöre Dir bei Gott und allem, was mir teuer ist, ich habe es versucht! Du musst mir glauben, Liebster, dass das, was geschah und worüber ich auf diesem Papier schweigen muss, nicht meine Schuld ist! Ich flehe Dich an, hab Geduld, bis ich Dir meine Geschichte Auge in Auge, Hand in Hand, erzählen kann!
Denk an mich, an den Abend, an dem wir vom Champagner und unserem Glück berauscht so unvergessliche Augenblicke erlebt haben! Kein Kaviar, kein Gericht der Welt wird mir im Leben mehr so schmecken, wie die einfachen Königsberger Klopse damals in der Hafenkneipe! Dieser Abend wird immer in meinem Herzen sein, egal, was geschieht! Gott behüte und beschütze Dich vor allen Gefahren, bis wir uns wiedersehen. Ich liebe Dich! Für immer und ewig …‹
Magdalena ließ ihren Füllhalter sinken und brach in bittere Tränen aus. Erst nach einer Weile hatte sie sich so weit gefangen, dass sie den Brief unterschreiben und in einen Umschlag stecken konnte. Sie würde ihn ihrer Zugbekanntschaft, dem Reporter mitgeben, und ihn bitten, ihn auf jeden Fall erst in Berlin in den Postkasten zu stecken. An Louise schrieb sie unter falschem Namen eine unverfängliche Ansichtskarte, die sie am Bahnhof in Berlin erstanden hatte, um ihr ein Zeichen zu geben, dass sie angekommen und alles in Ordnung sei.
Ohne ihre Koffer auszupacken oder ihre wenigen Kleider in den Schrank zu räumen, zog sie sich aus und legte sich auf das schmale Bett in dem bescheidenen Mansardenstübchen im Obergeschoß, das man ihr zugeteilt hatte. Sie war so erschöpft, dass sie sofort und mitten in ihren sehnsüchtigen Gedanken an Paul einschlief.