6. Kapitel
DIE LAGE WIRD ERNST
Das feiste, grinsende Gesicht des russischen Soldaten verzerrte sich durch mehrere Einschüsse, er sackte zusammen und stürzte in den Sand. Als Paul sich umwandte, bemerkte er einen Trupp näher gekommener deutscher Pioniere, die die Waffen senkten. Sie waren ausgeschwärmt, um die Bucht zu sichern.
»Danke für die Rettung, Kameraden! Das war knapp!« Erst jetzt bemerkte er, wie verzerrt seine Worte zwischen den krampfartig zusammengebissenen Zähnen klangen. Ihm war immer noch kalt.
»Wo kommt ihr denn her?«, rief ihn der Truppenführer erstaunt an, der unter seinem Stahlhelm einen übernächtigten und erschöpften Eindruck machte.
»Von der Besatzung der Sturmboote! Wir haben einen Treffer abgekriegt, sind gekentert und an Land geschwommen!« Er deutete auf Hans, der sich mit schmerzverzogenem Gesicht auf den Boden gesetzt hatte. »Mein Kumpel ist verletzt! Er hat wohl auch Blut verloren.«
»Ich kann leider nicht mehr für euch tun«, erwiderte der Feldwebel eilig, Hans nur mit einem flüchtigen Blick streifend, »wir sind mit allen Leuten im Einsatz, haben Befehl, den Kameraden da drüben beizustehen und den Kessel zuzumachen.« Er wies in die Richtung des rauchenden Hafens von Sewastopol und zerrte im Weitermarschieren noch ein paar Verbandspäckchen aus seinem Tornister, um sie Paul zuzuwerfen. »Am besten, ihr steigt ganz nach oben«, rief er noch über die Schulter zurück, »dort stoßt ihr auf den Rest der Truppe. Meldet euch, die können jeden Mann brauchen.«
Paul sah zur Höhe der steilen Felswand mit ihrem schwindelerregenden schmalen Pfad auf, und ihn packten leise Zweifel. Als Erstes hob er das Päckchen Mullbinden auf und begann, den verletzten Kameraden zu verarzten. Die Wunde schien nicht allzu tief, aber die Kugel steckte noch drin, und es blutete ziemlich. Dann zog er sein nasses Hemd aus und streckte sich neben Hans der Länge nach auf dem Felsplateau aus, das von der Sonne etwas angewärmt war. Seine Muskeln zitterten immer noch unaufhörlich, vom Schock der Erlebnisse oder vom kalten Wasser, aber er spürte, wie sie sich unter den stärker werdenden Sonnenstrahlen langsam beruhigten. Sie mussten sich erst etwas ausruhen, bevor sie es wagen konnten, weiter aufzusteigen.
Aus dem Morgennebel, der sich allmählich lichtete, sah er hinter ihnen auf dem kleinen Vorsprung die Trümmerlandschaft einer in die Felsen geschlagenen Festungsanlage auftauchen. Von dort ertönten gedämpft vereinzeltes Gewehrfeuer und immer wieder neue Sprengungen. Es sah so aus, als bliebe den wenigen Überlebenden angesichts der deutschen Übermacht nichts anderes übrig, als sich zu ergeben. Paul richtete sich auf, kniff die Augen zusammen, um in der Ferne Genaueres erkennen zu können. Die Sonne beschien jetzt deutlich herausgeschlagene Felsentrümmer, zwischen denen Leichen lagen, von denen bereits ein penetrant süßlicher Geruch ausging, der nach oben stieg. Die Pioniertruppe von vorhin stürmte weit voran und hatte bereits den Strandstreifen der Bucht in Richtung Sewastopol besetzt, während das nahe Rauchfeuer der Geschütze den lieblichen Morgen verdunkelte.
»Schau sich einer das da unten an!« Er wandte sich Hans zu und deutete auf die Felsenhänge am Nordufer der Bucht, von der immer neue Detonationen Kunde von der Eroberung neu entdeckter Bunker und Höhlen gaben, die tief in die Felsen hineinreichten und deren Bewohner sich verzweifelt verteidigten. »Die geben nicht auf«, murmelte er, »lieber bringen sie sich um, als in Gefangenschaft zu geraten.«
Sein Blick streifte die steilen Ufer der Küste mit den zackigen Einschnitten. »Wie geht es dir? Traust du es dir zu, am Grat raufzusteigen?«
Hans betrachtete mit flackerndem Blick die Felswand, presste die Lippen zusammen und zog ächzend sein Bein hoch, um es von allen Seiten zu betasten. »Weiß nicht, ob ich das schaffe – die Wunde tut ziemlich weh. Aber mir bleibt wohl nichts anderes übrig.«
Unten auf dem Meer, von der anderen Seite her, tauchten aus dem Dunst des Morgens plötzlich zwei dunkel gestrichene Boote auf, die sich kaum von der blauen, bewegten Wasserfläche abhoben. Sie landeten in der durch eine weit ins Wasser reichende Landzunge getrennten, zweiten Bucht und legten dort am steinigen Strand an. Undeutlich konnte Paul eine Gruppe Bewaffneter erkennen, die ausstiegen und an Land gingen. »Verdammt noch mal, siehst du das ? Das könnten russische Soldaten sein – oder Partisanen! Ich glaube, wir sind jetzt genau zwischen den beiden Fronten. Wenn die uns erwischen, dann gute Nacht! Wir müssen nach oben, und zwar so schnell wie möglich! Komm, ich helfe dir!«
Hans stöhnte auf. »Ich bin nicht schwindelfrei – und der Schmerz …«
Paul ließ seinen Einwand nicht gelten. »Beiß die Zähne zusammen – wenn du hierbleibst, bist du so gut wie tot! Komm, wir gehen erst mal über das gerade Stück zu den Felsen da«, er wies auf einen der unweit umherliegenden Felsentrümmer, »und dann steigen wir Schritt für Schritt auf. Wenn ich mich nicht irre, gibt es sogar eine schmale Spur; sieht wie ein Pfad aus.« Er beschattete die Augen mit der Hand. »Da, an dem seitlichen Gestrüpp findest du Halt. Und wenn es dir zu steil wird«, er schnallte seinen Gürtel ab und reichte ihm das andere Ende, »dann ziehe ich dich damit hoch.«
Hans ließ seine skeptischen Blicke über die Felsabhänge schweifen und nickte mit gequältem Ausdruck. Er war blass geworden. »Gut, ich versuche es. Aber in den Felsen sind wir doch lebendige Zielscheiben!«
»Kommt ganz darauf an, ob die Russen ausgerechnet jetzt Zeit haben, auf zwei einzelne Männer zu schießen«. Es sollte spöttisch klingen, doch Paul fühlte ein Grummeln im Magen und das Zittern in Kiefer und Armen wurde wieder stärker. »Sie haben jetzt wirklich zu tun, sich selbst zu verteidigen.« Eine neue Explosion von den Sapun-Höhen her unterstrich seine eher flapsig gemeinte Bemerkung. »Überhaupt sieht es ganz so aus, als hätten unsere Leute einen entscheidenden Vorteil errungen. Das ganze Terrain ist bereits in deutscher Hand. Da!« Er deutete auf den Ort, von dem aus schwarzer Qualm zum Himmel stieg, aus dem helle Flammen schlugen. Das Fort Sewastopol auf dem Felsen im Meer schien jetzt zu brennen, und die stärkste Festung der Welt zitterte bis auf ihre Grundmauern. Über die davor liegende Ssewernaja-Bucht fegte unablässig donnerndes Geschützfeuer aus allen Rohren der deutschen Division, und Meer und Land lagen unter einer dunklen Rauchwolke.
»In der Festung kämpfen sie bis zum letzten Mann! Aber bald werden sie sich ergeben müssen.«
»Diesen Zeitpunkt können wir jetzt leider nicht mehr abwarten!«, versuchte Paul zu scherzen und deutete zu der Truppe russischer Soldaten hinüber, die die benachbarte Bucht über die Felsen erreicht hatten und nun mit schussbereitem Gewehr von einer Deckung zur anderen über den Kies geradewegs in ihre Richtung liefen.
»Los, komm! Das schaffen wir!«, ermunterte ihn Paul und überquerte das Plateau und schlug den Pfad aufwärts ein. Hans folgte ihm humpelnd, so schnell es sein verletztes Bein erlaubte. Geduckt liefen sie hinter den Geröllbrocken entlang. Aber der schwierigste Teil lag noch vor ihnen – der Aufstieg durch das steile, steinige Gelände. Paul riss einen neuen Streifen aus seinem Hemd und band ihn über Mund und Nase, denn der von unten kommende üble Geruch, der sich rasch zersetzenden, zu Hunderten umherliegenden Leichen war penetranter geworden und raubte ihnen den Atem. Hans, dessen Bein durch die Anstrengung neu in den Verband hineinblutete, hinterließ rote Spuren auf dem trockenen Fels. Außer dornigem, vertrocknetem Gestrüpp zeigte sich an den verkrusteten Abhängen weder Baum noch Strauch, der Schutz bot.
Wie einen Rettungsanker umklammerte Hans Pauls Gürtel, den dieser fest um seine Hand geschlungen hatte. Er fühlte jedoch, wie seine Kräfte durch die ungewohnte Anstrengung stark abnahmen. Gepeinigt durch höllischen Durst, der durch seinen Blutverlust noch verstärkt wurde, sah er schwarze Punkte vor seinen Augen tanzen und fürchtete zu mehreren Malen, das Bewusstsein zu verlieren. Sein Leben hing jetzt nicht an einem seidenen Faden, sondern an dem Ledergürtel, mit dem ihn Paul, selbst bis zum Äußersten erschöpft, hinter sich herzog.
Auf dem zweiten Felsvorsprung, wo sie völlig außer Atem rasten mussten, lag eine Höhle, ein verlassenes Munitions- und Waffenlager der Russen mit aufgesprengter Bunkertür. Zunächst sanken beide vor der ein wenig Schatten gebenden Höhle zusammen, doch als sie sich umsahen, wichen sie vor dem grausamen Bild, das sich ihnen bot, zurück. Wieder hatten sich hier die russischen Höhlenbesetzer selbst in die Luft gesprengt, als ein deutscher Sturmtrupp eindringen wollte. Unter den zahlreichen Toten, die hier lagen, befanden sich diesmal auch die bedauernswerten Opfer deutscher Soldaten, die nur noch an der Uniform und den Stahlhelmen zu erkennen waren. Sie hatten ihren Mut, als Erste in die Höhle einzudringen, mit dem Leben bezahlt, und ihre Angehörigen würden über ihren sinnlosen Tod weinen! Über zahlreiche Kadaver und herausgeschleuderte Steine hinwegsteigend, kletterte Paul ins Innere der Höhle, um nach Resten von Proviant und Getränken zu suchen, während Hans erschöpft und angewidert liegen blieb. Auf jeden Fall schien es hier keine Überlebenden mehr zu geben, und er konnte sich nur noch mit ein paar Handgranaten versorgen, die er in seine Taschen stopfte. Im Hintergrund entdeckte er unter einem Haufen Glassplitter auch eine Flasche Wodka. Er köpfte sie an der Felswand und brachte sie zuerst Hans, der apathisch und wie leblos am Boden lag und gierig davon trank, bevor er auch selbst einige Schlucke nahm, die ihm sofort zu Kopfe stiegen. Der Alkohol verlieh ihm jene lockere Gleichgültigkeit der Gefahr gegenüber, die er normalerweise vermied. Aber diesmal nahm er ihm die Angst vor dem schmalen, kaum erkennbaren Pfad am bröckeligen, ungesicherten Rand des Abgrunds. Die Trittspuren in dem abschüssigen Gelände führten jetzt steil aufwärts. Den Blick nur einen halben Meter voraus auf den Boden gerichtet, setzte er vorsichtig Schritt für Schritt, während Hans ihm stöhnend und fluchend folgte. Über der grauen Wand in schroffer Höhe leuchtete jetzt ein blauer Himmel ohne die kleinste Wolke, und die Herbstsonne blendete unangenehm. Hans brach von Zeit zu Zeit kraftlos in die Knie, sich mit einer schweißnassen Hand verzweifelt an die dürren Zweige eines stacheligen Gestrüpps klammernd und mit der anderen an Pauls Gürtel.
Als sich beide gerade auf der Mitte eines schmalen Grates zwischen zwei Felsabhängen befanden, tauchte plötzlich hinter einer Biegung eine zerlumpte Gestalt mit tiefbraunem, ledernen Gesicht aus einer Felsenhöhle auf. Alle erschraken gleichzeitig. Paul blieb stehen, da nur ein einziger falscher Schritt ihn in das türkisgrün schimmernde Meer katapultieren würde, dessen schaumgekrönte Wellen gierig an den spitzen Felsen leckten. Der Partisane trat zurück, griff nach seiner Waffe, doch diese hastige Bewegung hatte einen Stein unter seinen Füßen ins Rollen gebracht. Erde bröckelte herab, er strauchelte und fiel taumelnd, mit einem lang gezogenen Schrei und rudernden Armen, kopfüber in den Abgrund, wo er platschend auf der gurgelnden, grünlichen Wasseroberfläche aufschlug und sofort versank. Eine Lücke klaffte nun auf dem Grat und trennte den Pfad in zwei Teile. Paul, sich an einen Felsen klammernd, war geistesgegenwärtig hinübergesprungen, doch Hans, dem das andere Ende des Gürtels aus der Hand geglitten war, befand sich noch auf der anderen Seite. Er war in die Hocke gegangen und starrte in die aufgewühlten Wassermassen unter ihm, die den Fallenden wie der Rachen eines bösen Tieres verschlungen hatten. Er begann, am ganzen Körper zu zittern. Ein Sog schien von der bedrohlichen Tiefe auszugehen, und um nicht vornüberzukippen, schloss er die Augen. »Hilf mir!«, stöhnte er auf, »lass mich nicht im Stich!«
»Halt dich irgendwo fest!«, schrie Paul ihm zu, »sieh nicht nach unten!« Sollte er es wagen, Hans den Gürtel zuzuwerfen, versuchen, ihn damit auf die andere Seite ziehen? Aber würde ihn der Kamerad, falls er schwankte, dann nicht mit sich in die Tiefe reißen? Hans biss die Zähne zusammen und heftete seinen Blick ausschließlich auf die silbrig glänzende Felswand vor sich, an deren Schrunden und Vorsprüngen er sich einkrallte. Die starken Regenfälle in den letzten Wochen hatten jedoch den Boden aufgeweicht, die sandige Erde zwischen den Steinen teilweise weggeschwemmt, bevor der Wind sie wieder austrocknete. Er wusste, dass es nur eine Chance gab: Der beherzte Sprung über das Loch auf die andere Seite; selbst auf die Gefahr hin, dass durch den heftigen Druck das rissige Erdreich einbrach.
»Du musst springen«, rief Paul dem Kameraden über das Geräusch der tosenden Wellen zu. »Zu mir – los, beeil dich!«
Hans verharrte totenbleich, mit geschlossenen Augen, als habe er mit dem Leben abgeschlossen, und stieß hervor: »Ich kann nicht! Grüße meine Frau – meine Kinder! Sie sollen mich nicht vergessen …«
»Spring!«, brüllte Paul ihn jetzt grob an. »Versuch es wenigstens! Soll ich deiner Frau und deinen Kindern erzählen, dass du ein Feigling bist? Ich zähle bis drei und dann los! Hier – meine Hand.« Er presste seinen Rücken fest gegen den von einem dornigen Klettergewächs überzogenen Überhang des Felsens hinter ihm und streckte den Arm aus.
Hans blinzelte, der Schweiß rann ihm in großen Tropfen über die Stirn. In diesem Moment knallte ein Schuss durch das Tosen der Brandung, ein zweiter, und ein dritter fuhr mit pfeifendem Geräusch nah an den Köpfen der beiden vorbei und prallte am harten Felsgestein ab. Der Trupp russischer Soldaten aus dem Boot hatte die beiden in der Felswand erspäht. Hans war mit einem Schrei zusammengefahren und hatte gleichzeitig einen großen Satz nach vorne gemacht – direkt auf die andere Seite des Grats. Dort packte er Pauls Arm, der sich mit einem gewagten Klimmzug ein wenig weiter nach oben zog, bis sein suchender Fuß einen Spalt fand und er sich auf weiterführendem Gestein in Sicherheit bringen konnte. Hans atmete erleichtert auf, krallte sich in ein Büschel trockenen Gestrüpps an der scharfkantigen Felswand, ohne zu begreifen, wie er genau über das Loch gekommen war. Paul war ihm ein Stück voraus und setzte jetzt bedächtig wieder einen Fuß vor den anderen, ohne nach rechts, links und schon gar nicht nach unten zu sehen. Nach der vorangegangenen brenzligen Situation kletterte er nun mit viel größerer Sicherheit als zuvor – aber auch Hans hatte neuen Mut geschöpft.
Die russischen Soldaten in der Bucht hatten sich nach einem kräftigen Maschinengewehrbeschuss unter einem Felsüberstand in Sicherheit gebracht und sich dann vorsichtshalber ganz verzogen.
Doch ganz unvermittelt zeigte sich ein neues, noch ernsteres Hindernis: Hinter einem Felsstück, mitten ins Gestein geschlagen, klaffte ein unüberwindbares Loch, vermutlich verursacht von einem Treffer aus einem Flugzeug. Geröll war gesplittert, ins Rutschen gekommen und hatte Unmengen von Steinen abgebrochen und ins Meer absinken lassen.
Keuchend blieb Paul stehen. Unter den zackigen Felsen rauschte die blaue Flut mit weißen Schaumkronen. Was nun? Jetzt war alles aus. Zurück ging nicht, das würden sie nicht mehr schaffen. Die höher gewanderte Sonne flimmerte weiß und blendend und vor seinen Augen verschwammen die Konturen. Sollten sie nach all der Anstrengung hier verhungern, ins Meer stürzen, in die Felsen fallen, damit ihre Kadaver von der Sonne ausdörrten wie reife Pflaumen? Nie mehr die Heimat wiedersehen?
Lieber Gott, lass es schnell gehen! Einfach vornüber fallen lassen, dann spürt man nicht viel. Magdalena, dachte er nur noch, Magdalena, bevor er langsam die Augen schloss.
»He! Kameraden«, der raue Ton der Stimme riss ihn gerade noch rechtzeitig zurück, »hierher!« Als er aufsah, erkannte er etliche Meter über sich wie eine Fata Morgana schweißbedeckte, geschwärzte Gesichter unter vertrauten Stahlhelmen, Männer, die sich über die steile Wand beugten und mit einer Seilwinde hantierten.
»Los, pack an!« Vor seinem Gesicht baumelte ein herabgelassener, fester Strick. Rettung in letzter Minute? Er griff zu, schlang das Ende um seine Hüften und knüpfte es zusammen. Schon schwebte er über dem Abgrund.
»Hans!«, brüllte er zu dem schon halb Besinnungslosen hinunter. »Halt aus, bald haben wir es geschafft.« Ein zweites Seil sank herab. Er packte es und warf es ihm zu. Wie ein schlaffes Bündel hing auch Hans kurz darauf über den Felsen, während von oben die Seilwinde in Gang gesetzt wurde. Sie waren oben! Ein Glücksgefühl, als wäre er in diesem Moment neu geboren, durchzog Paul. Davongekommen – wieder einmal! Er schickte einen Dankesblick zum immer noch wolkenlos blauen Himmel und fiel den Kameraden völlig erschöpft in die Arme.
Hans, dessen verletztes Bein nach all der Anstrengung stark blutete, war jetzt so schwach, dass man ihn auf eine Trage betten musste.
Erst am Abend, als alle zutiefst erschöpft, bei doppelter Verpflegung und einer Ration Wein zur Belohnung, ihr Quartier bezogen hatten, spürte Paul auch seine eigene Verletzung, die er bis dahin verdrängt hatte. Es war zwar nur ein Kratzer an der Schulter, aber Schmutz war eingedrungen. In der Nacht begann es darin zu pochen, er fror und spürte, wie er leichtes Fieber bekam. Am nächsten Morgen wurde auch er ins Lazarett eingewiesen und traf so wieder mit Hans zusammen, der ihm blass und mitgenommen von seiner Pritsche entgegensah. Sein Bein war verbunden, und der Arzt hatte ihm die Kugel, die zwar nur oberflächlich, aber dennoch schmerzhaft im Oberschenkel steckte, entfernt. Jetzt musste er sich allerdings noch von dem nicht unerheblichen Blutverlust erholen, den er durch die unfreiwillige Kletterpartie erlitten hatte. Paul erhielt auf seine Bitte ein Lager neben dem neu gewonnenen Freund, der sich immer wieder für die Rettung seines Lebens bedankte, das er bereits abgeschlossen glaubte.
Pauls Fieber blieb noch in leichter Form bestehen; er war von den Strapazen der letzten Wochen körperlich sehr erschöpft und hatte auch an Gewicht verloren. Der Stabsarzt schrieb ihn eine Zeit lang krank, damit er sich erst einmal erholte. Nach den hinter ihm liegenden Ereignissen, den blutigen Kämpfen, die in diesen Wochen ausgefochten wurden, war er allerdings auch nicht sehr erpicht, sofort wieder ins Gefecht geworfen zu werden.
In der Baracke des Lazaretts ging es allerdings keineswegs ruhig zu – es lagen dort fast fünfhundert Patienten, zum größten Teil Schwerverletzte auf engem Raum. Sie wurden von zumeist rumänischen Sanitätern und fünf Krankenschwestern betreut, die fast unablässig Dienst tun mussten. Die Verhältnisse waren beengt, die Verwundeten stöhnten die ganze Nacht, und die Operationen erfolgten fast ohne Pause.
Draußen, an der Küste der Krim ging die Schlacht weiter, wurde verbissen um die Festung gekämpft. Würde es tatsächlich gelingen, diese vom Meer geschützte, Eisen und Feuer spuckende Bastion aus Felsen und Beton ganz einzunehmen?
›Meine liebste, über alles geliebte Magdalena!
Ich schreibe Dir heute aus dem Lazarett in Simferopol – aber erschrick nicht, mir ist nichts Schlimmes geschehen. Ich habe wieder einmal Glück gehabt und Gott hat mich bei dem riskantesten Unternehmen, an dem die 11. Armee bisher beteiligt war, beschützt. Nur ein kleiner Kratzer an der Schulter und leichtes Fieber erinnern mich noch an die Überfahrt in der Nacht am stürmischen Meeresufer der Küste der Krim, wo wir mit Sturmbooten hinter dem Panzergraben, den die Russen zu unserer Abwehr errichtet hatten, von der Seeseite her landeten. Als unser Boot als einziges einen Treffer erhielt, habe ich mich mitten durch die hohe Brandung ans Ufer gerettet und das, obwohl ich gar kein guter Schwimmer bin!
Nun sind wir der Eroberung von Sewastopol, der »stärksten Festung der Welt«, mit seiner Unzahl von kleinen Bunkern und Befestigungen, die rundherum ein weites Gebiet abdecken, schon ganz nahe gekommen. Ich bin zuversichtlich, dass wir das mit allen militärischen Finessen ausgestattete Fort in den nächsten Tagen ganz einnehmen werden.
Stell dir diese uralte Festung hellenischen Ursprungs einmal vor – wie sie am blauen, weiten Meer liegt – ein Denkmal der Geschichte! Schon seit Jahrhunderten wurde sie von Tartaren, Römern und Engländern berannt und belagert! Es ist ein erhebender Gedanke, ein solches Monument zu erobern, aber dieser Kampf ist erbittert und grausam.
Jetzt liege ich hier und habe Zeit, an Dich zu denken, mir Dein liebes Gesicht vorzustellen und von Dir zu träumen! Meine Sehnsucht ist immer da, wo Du bist und folgt Dir, wohin Du auch gehst. Denkst Du auch an mich, mein geliebtes Herz? Die Trennung macht mir Angst und oft erwache ich aus einem Alptraum, in dem ich Dich überall suche, aber nicht finden kann! Wirst Du mir immer treu sein – werde ich gesund zurückkehren? Das sind Fragen, die mich bei der erzwungenen Ruhe immer wieder quälen. Kein Wunder: Ich sehe hier im Lazarett so viele Kameraden, die ein Bein oder gar einen Arm verloren haben … Sag, würdest Du mich auch dann noch lieben, wenn ich so verstümmelt zurückkehrte? Ich glaube, ich wagte es nicht, Dir so unter die Augen zu treten! Du, das schönste Geschöpf unter der Sonne, solltest keinem Krüppel angehören …
Aber wenn Gott will, dass ich eines Tages heil aus diesem Krieg heimkomme, dann, wenn endlich Frieden ist, möchte ich mit Dir, meine Liebste, einmal hierher zurückkehren! Dieses wunderbare Stückchen Erde mit seinen orientalisch anmutenden Überbleibseln, kleinen Schlösschen, verspielten Bauten und lieblichen Dörfern, das wir jetzt mit unseren Kanonen, Werfern und dem Blut beider Nationen beschmutzen, das unser russischer Gegner betoniert, sprengt, unterhöhlt und zu Bunkern missbraucht, das ist in Wahrheit das verlorene Paradies! Wenn du die Früchte in den Tartarendörfern sehen würdest, die Pracht der seltenen Blumen und Gewächse, den Reichtum der Kolchosen! Doch alles hat der Russe hier zerstört, den armen Leuten die Lebensader abgeschnitten, nur, damit der Feind nicht von ihren Vorräten profitiert! Dabei geben die Tartaren uns noch freiwillig von dem wenigen ab, was ihnen geblieben ist! Auf eine rührend anhängliche Art stellen sich diese einfachen Menschen nun auf unsere Seite und möchten am liebsten mit uns kämpfen …‹
Hier hielt er inne, weil mit einer Art schlechten Gewissens der Gedanke an Anouschka in ihm aufstieg, an ihre leidenschaftlichen Umarmungen und den milden, warmen Abend, an dem er mit ihr an der gastfreundlichen Tafel der Bauernfamilie gesessen hatte. Wo mochte sie jetzt sein? Mit ihrem wilden Temperament musste sie ihn doch hassen, bei allem, was er ihr vorgetäuscht hatte! Magdalenas liebliches Bild schob sich vor das der schönen Russin, ihr sanfter Blick, ihre feinen Züge verdrängten das gröbere Gesicht mit den leidenschaftlich lodernden Augen, den breiten Wangenknochen und wilden schwarzen Haaren. Wie anders sie doch war, wie zart und perlmuttern ihre Haut schimmerte, wie anmutig sie sich zu bewegen verstand! Niemals würde sie sich wie Anouschka in einen Mann verwandeln können!
Hans, der sich mit leisem Stöhnen auf der Pritsche höher zog, war erwacht und beobachtete ihn mit unverhohlener Neugier. »Du schreibst ja so fleißig – sicher an deine Frau?«
»Das wird sie hoffentlich bald sein!«, antwortete Paul mit verträumter Miene. »Ich lade dich schon jetzt zur Hochzeit ein!«
»Wenn wir das alles überleben«, seufzte Hans mit pessimistischem Unterton, »komme ich natürlich gerne!« Leiser fügte er hinzu: »Aber ich fürchte, Hitler wird sich mit diesem Sieg nicht begnügen – manchmal denke ich, er ist größenwahnsinnig geworden, will sich mit der ganzen Welt anlegen! Am liebsten würde ich abhauen! Mein Bein ist eigentlich schon ganz gesund.«
»Psst, nicht so laut!« Paul sah sich nach allen Seiten um. »Du willst wohl an die Wand gestellt werden?«
»Na dann gute Nacht!« Hans grinste, rückte das harte Rosshaarkissen zurecht und war im nächsten Moment wieder eingeschlafen.
Es war mitten in der Nacht, als Paul auf einmal einen leichten Druck auf seiner Wange spürte, einen leisen Hauch nach Jasminblüten, der ihn umwehte und sanft kitzelte. »Magdalena«, flüsterte er schlaftrunken, halb im Traum und streckte sich den weichen vollen Armen entgegen, die ihn umfingen. Er glaubte immer noch zu träumen, als er samtige, wollüstige Lippen auf den seinen fühlte und gab sich unbewusst dem leidenschaftlichen Kuss hin, der seine Sinne erregte. Der scharfe Schmerz spitzer Zähne ließ ihn jedoch im nächsten Moment zusammenzucken und hellwach werden. Nein, es war kein Traum, und es war auch nicht Magdalena, die über ihn gebeugt ihn mit funkelnden Augen betrachtete. Er schmeckte das warme Blut, das ihm übers Kinn rann und starrte der Krankenschwester ins Gesicht, die ihn mit einem seltsamen, fast wehmütigen Lächeln betrachtete.
»Du?«, fuhr er auf. »Was machst du hier?«
Anouschka legte den Finger auf die Lippen. »Du hast mich gerufen, weil du Schmerzen hast«, säuselte sie kaum hörbar, »und ich wollte dir etwas zur Beruhigung geben«, sie schob die Hand mit der Spritze vor, die sie hinter dem Rücken gehalten hatte, »für eine ewige Ruhe!«
Paul wich zurück und starrte sie stumm, mit weit aufgerissenen Augen an.
»Büßen sollst du!«, stieß sie heftig hervor, doch dann ließ sie ihren Arm plötzlich sinken. Ihre Hand zitterte wie Espenlaub und die Spritze rollte zu Boden. »Es ist unmöglich – ich kann es nicht tun …«, murmelte sie wie zu sich selbst. Tränen schossen in ihre Augen und ihr Mund zuckte.
»Du … du wolltest mich umbringen?«, stieß Paul entsetzt hervor und packte schnell ihre Hand mit festem Griff. »Und wenn ich jetzt den Sanitäter rufe?« Sie wehrte sich gegen ihn, während sie zu Hans hinübersah, der auf dem Rücken lag und mit offenem Mund geräuschvoll schnarchte.
In der nächsten Minute hatte sie sich wieder in der Gewalt und ihre frühere Kaltblütigkeit kehrte zurück. »Du kannst mir gar nichts beweisen«, zischte sie mit funkelnden Augen. Mit diesen Worten riss sie ihre Hand aus der seinen und stieß ihn auf sein Lager zurück. »Mach kein Aufsehen – du bist krank und phantasierst!« Sie sah sich um, doch ringsumher hörte man nur ein gemischtes Schnarchkonzert. »Nimm dich in Acht, mein Lieber, du bist hier ganz in meiner Hand!«
»Nicht, wenn ich laut um Hilfe schreie. Dann bist du verraten!«
»Schrei doch, du Schuft!«, gab sie zurück. »Aber in der nächsten Sekunde wirst du mausetot sein!« Sie hob rasch die Spritze auf und hielt sie wie eine Waffe. Paul, der wusste, wie skrupellos sie war, versuchte, keine Furcht zu zeigen und zog sich weiter auf der Pritsche zurück.
»Mir kannst du keine Angst einjagen! Wie bist du überhaupt hierher gekommen?«
»Dumme Frage, ich bin Krankenschwester, wie du siehst. Ich habe mich freiwillig gemeldet.« Ohne ihn aus den Augen zu lassen, drehte sie leicht den Kopf mit dem Häubchen, auf dem das Rote Kreuz-Zeichen prangte. »Das hier habe ich mir leicht besorgen können! Und wie du weißt, spreche ich eure Sprache sehr gut.«
»Du bist ein Teufelsweib! Bist du bloß gekommen, um mich zu töten oder was willst du von mir?«
»Ich bin gekommen, um das zu fordern, was du mir versprochen hast – Liebe! Wir wollten zusammenbleiben, hast du das etwa vergessen? Aber du hast mich reingelegt, angelogen, getäuscht. Und das sollst du mit deinem Leben bezahlen!« Sie setzte sich wieder zu ihm auf den Rand der Pritsche, während sie die aufgezogene Spritze außer Reichweite hielt. »Hier, darin ist eine geringe Menge Zyankali. Es wirkt sofort – ein einziger Stich in die Haut, dann hast du keine Sorgen mehr! Der Chirurg hat es für sich selbst aufbewahrt, für den Fall, dass der Feind das Lazarett stürmt. Aber diese Gefahr besteht ja jetzt nicht mehr.« Sie lächelte mit verzerrter Miene. »Du kannst mir nicht entgehen. Ich will dich, tot oder lebendig!« In ihren Augen flackerte ein irres, beinahe dämonisches Feuer, und sie schob die Hand mit der Spritze langsam vor. »Aber wenn ich dich töte, dann wäre es mir lieber, wenn es langsam geschieht, damit ich mich an deinen Qualen weiden kann. Du sollst das fühlen, was du mir selbst zugefügt hast!«
»Was für ein Unsinn!« Paul blieb ruhig, unbeweglich und wich ihrem Blick nicht aus, ihr fest in die Augen sehend. »Und wenn ich es darauf ankommen lasse? Sie werden dich verhaften und in ein Gefangenenlager stecken!«
Anouschka lachte böse auf. »Ich habe an alles gedacht. Niemand wird deinen Tod untersuchen oder ausgerechnet mich verdächtigen!« Ihr Lächeln erstarb so plötzlich wie es gekommen war. »Ich könnte auch mich töten! Dann wirst du verdächtigt! Liebster – zwing mich nicht, solche Dummheiten zu begehen!«
Mit einer kurzen Bewegung schlug er ihr plötzlich die Spritze aus der Hand, die unter die Pritsche rollte. Das klirrende Geräusch weckte Hans, er fuhr hoch, sah auf die Krankenschwester und fragte verschlafen: »Ist was passiert?«
»Nichts Besonderes, brauch nur ein Schlafmittel!«, antwortete Paul gequält und Hans drehte sich knurrend auf die andere Seite und schlief weiter.
Die beiden hatten für kurze Zeit die Luft angehalten, doch dann stöhnte Anouschka leise wie ein verwundetes Tier auf. »Ich liebe dich doch so sehr!«, hauchte sie. »Und auch du liebst mich – das habe ich gespürt!«
Paul starrte sie an. Sie würde zu allem fähig sein, und es war besser, auf sie einzugehen. »Ich habe noch nie eine Frau wie dich getroffen«, er überlegte, wie er es am besten formulieren konnte, »und mit solcher Leidenschaft geliebt! Aber du musst verstehen, dass ich meinen Gefühlen nicht nachgeben konnte …«
Sie zögerte einen Moment, es ging wie ein Licht über ihr Gesicht, und sie flüsterte hastig. »Das war es also – ich wusste es! Aber es ist ja noch nicht zu spät. Ich bin bereit, deinen Fehler zu vergessen – lass uns noch einmal von vorn beginnen. Fjodor ist tot – ich weiß es. Er ist bei dem Angriff auf den Bunker ums Leben gekommen. Komm mit mir – wir fliehen zusammen ins Gebirge, so wie wir es geplant hatten! Niemand wird uns dort suchen. Der Krieg ist bald zu Ende. Du musst nicht mehr kämpfen. Wir fangen ein neues Leben an, nur wir beide … « Ihre Augen sahen über ihn hinweg zum Fenster des Lazaretts, hinter dem der volle Mond die Nacht erhellte. »Ich liebe dich! Ich kann ohne dich nicht mehr leben!« Ihre Stimme erstickte, sie nahm seine Hand und küsste sie beinahe andächtig. »Sag, dass auch du mich liebst – das alles nur ein Irrtum war. Dass du mich nie mehr verlassen wirst... «
Sie ist wahnsinnig!, schoss es Paul durch den Kopf. Diese Frau hat völlig den Verstand verloren! Und sie kann mich damit in Teufels Küche bringen!
»Es ist unmöglich für mich zu fliehen«, antwortete er heiser, »so etwas kann ich nicht machen. Desertation – dafür wird man bei uns an die Wand gestellt! Verschwinde, solange es noch Zeit ist. Sonst zeige ich dich an!«
»Wenn du das tust, werde ich behaupten, dass du mit der russischen Seite konspirierst... und das Gegenteil musst du erst mal beweisen!«, fauchte Anouschka. »Ich habe an alles gedacht. In deinem Spind liegen die russische Uniform und die Papiere eines Oberst. Man wird dir nicht glauben – dich gerade deswegen an die Wand stellen! Überleg es dir, aber nicht zu lange.« Sie beugte sich zu ihm und er spürte ihre weichen, sinnlichen Lippen auf seinem Mund, und es schien ihm, als schmelze jeder Widerstand in einem berauschenden Schwindelgefühl, mit dem er ihren Kuss erwidern musste, ob er wollte oder nicht.
»Ich weiß, du liebst mich!«, triumphierte sie. »Komm – die Tür ist offen!« Über ihn gebeugt, hatte sie ihre Hand unter sein Hemd geschoben, um ihn zu liebkosen. Sie sah die Verwirrung in seinen Augen, und ihre Stimme war nur noch ein verführerisches Gurren: »Wir nehmen eines der Motorräder aus dem Fuhrpark und einen Kanister Benzin. Mehr brauchen wir vorerst nicht. Alles andere kannst du mir überlassen! Komm!«
»Gut! Ich gehe mit dir!«, willigte Paul schließlich zum Schein ein und erhob sich so leise wie möglich von der knarrenden Pritsche. Es gab keine andere Möglichkeit – er musste zumindest so tun, als ginge er auf ihren Vorschlag ein, bevor sie irgendeinen Unsinn erzählte und sich Geschichten zusammenphantasierte, die nicht so schnell zu widerlegen waren!
Auf Zehenspitzen verließen sie den Saal des Lazaretts. Die Nacht draußen war schwül und von einer Mischung aus Qualm und süßlichem Leichengeruch, der aus den Höhlen an der Küste herüberwehte, durchsetzt.
Ihre Lider flatterten, als sie ein paar Nadeln aus ihrem Haar nestelte und die schwarze Flut ihrer Haare über Schultern und Rücken fiel. Kokett setzte sie das weiße Häubchen darüber. Dann öffnete sie mit gekonntem Griff die oberen Knöpfe ihrer weißen Bluse bis zum Busenansatz. Sie war schön, viel zu schön, als dass ein Mann ihr widerstehen konnte, und es fiel ihr nicht schwer, die Wachen in ein kleines Geplänkel zu verwickeln und sie eine Weile ihren Dienst vergessen zu lassen. Leise tat Paul inzwischen so, als ob er zum Fuhrpark schlich, während er krampfhaft überlegte, auf welche Weise er die leidenschaftliche Wildkatze, die ihn nicht aus ihren Fängen lassen wollte, am besten loswurde.
Aber wem sollte er sich anvertrauen? Was sagen? Dass eine Frau, eine Spionin zwischen zwei Fronten ihn aus dem Lazarett entführt hatte? Weil sie ihn liebte? Man würde ihn auslachen, ihm nicht glauben, das war so gut wie sicher.
Wenn er Hans doch wenigstens einmal von dieser Geschichte erzählt hätte! Er zischte einem Wachtposten zu: »Weck den Stabsarzt, Dr. Müller! Gib Alarm! Ich erklär’s dir später!«
Dieser sah ihn so verständnislos an, dass er sich fragte, ob er überhaupt begriffen hatte, was er von ihm wollte. Er schob eine der Maschinen heraus, eine BMW und versuchte, sie zu starten. In diesem Moment hörte er das Alarmsignal durch das Lager schrillen. Scheinwerfer gingen an und die Soldaten sprangen aus ihren Betten.
Anouschka rannte auf ihn zu, doch er drückte ihr nur den Lenker des Motorrades in die Hand. »Flieh!«, schrie er, »rette dich! Du tust mir leid.«
Die Wachposten sahen mit Verwirrung und Zögern zu, wie Anouschka sich auf den Sitz der Maschine schwang. Das war doch eine der tüchtigen Rot-Kreuz-Helferinnen. Wo wollte die denn hin?
»Nehmt sie fest, die falsche Krankenschwester: Das ist eine russische Spionin«, schrie jetzt jemand, und Anouschka, die erkannte, dass alles vergeblich gewesen war, spuckte Paul verächtlich vor die Füße, bevor sie rücksichtslos Gas gab. Die Unsicherheit, mit der man nicht auf eine Frau in Schwesterntracht schießen wollte, ließ sie Zeit gewinnen. In halsbrecherischem Tempo raste sie unter den erstaunten Blicken der Soldaten, die das schussbereite Gewehr sinken ließen, davon.
»Eine Verrückte!«, murmelte Hans, der mit den anderen Gehfähigen aus dem Lazarett gehumpelt kam. »Kennst du sie? Habe ich die nicht eben an deinem Bett gesehen?«
Paul schüttelte den Kopf. »Eine russische Spionin! Sie hat sich hier eingeschlichen und wollte mich zwingen, ihr zu helfen!«
Dr. Müller, der Stabsarzt, schlurfte verschlafen aus der Baracke. »Was ist denn hier los? Ich hab die paar Stunden Schlaf wirklich nötig …«
»Nichts Besonderes!«, winkte Paul ab. »Es tut mir leid – aber diese Krankenschwester, die vorgestern eingestellt wurde, hat plötzlich durchgedreht. Sie hat mir irgendeinen Unsinn erzählt, mich mit einer Giftspritze bedroht und wollte mich zwingen, mit ihr zu gehen. Natürlich hab ich das nicht gemacht. Als der Alarm schrillte, hat sie Angst bekommen und ist abgehauen. Die Maschine, die sie geklaut hat, werden wir leider verschmerzen müssen.«
»Was ist denn das für ein Gequatsche? Sind Sie von allen guten Geistern verlassen, Mann? Hier Liebeleien anfangen!«, schrie der Stabsarzt und strich sich das wirre Haar zurück. Sein Gesicht war müde und grau, sein Hemd durchgeschwitzt, und man sah ihm an, dass er keine Lust hatte, sich mitten in der Nacht mit so unwichtigen Dingen zu befassen.
Paul senkte den Kopf. »Ich hab wirklich nichts gemacht!«
»Erzählen Sie das doch Ihrer Großmutter!« Sein Ton wurde ein wenig leutseliger. »Aber nicht mitten in der Nacht!« Er schwieg kurz und wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. »Ich verstehe Sie ja!«, brummte er. »Diese schwarzhaarige Vollbusige ist mir sofort aufgefallen. Eine seltene Schönheit, viel zu schade für die Drecksarbeit hier! Aber lassen Sie in Zukunft solche Dummheiten und verdrehen Sie meinen Krankenschwestern hier nicht den Kopf. Wir brauchen sie alle dringend. Wenn so etwas noch mal vorkommt, mache ich Meldung!« Er gähnte und ging mit schleppendem Schritt in seine Baracke zurück. Morgen standen den ganzen Tag wieder Operationen auf dem Plan. Und die Bedingungen, die in diesem Lazarett herrschten, waren wirklich nicht die besten.