4. Kapitel
IN RUSSISCHER HAND

Die schöne Anouschka hatte bei ihrem nächsten Besuch im düsteren Bunker Papier und Bleistift dabei. Sie löste die Handfesseln des Gefangenen und verlangte unumwunden, dass Paul ihr auf einer vorgegebenen Skizze die Stellungen der Deutschen aufzeichnete und Angaben über das mögliche Vorgehen eines Angriffs machte. Paul hatte erst versucht, sich weiter unwissend zu stellen – doch da wurde sie so wütend, dass er Angst bekam, sie würde ihn auf der Stelle erschießen. Ein rettender Gedanke ging ihm durch den Kopf: Er würde einfach etwas erfinden, einigermaßen plausible Fakten, die nichts mit den wirklichen Plänen zu tun hatten. Auf der Skizze erkannte er sogleich die Schwierigkeit des Geländes und das dichte Netz kleinerer russischer Anlagen, die sich vom Belbek Tal bis zum Schwarzen Meer hinzogen. Es war ein ganzes, stark ausgebautes, hervorragend verteidigtes Festungsfeld aus Stahl, Beton und Fels, das außer dem mit Wasser gefüllten Panzergraben unzählige andere Hindernisse wie Minenfelder, zahlreiche Stacheldrahtverhaue, Panzerbatterien und Granatwerfer aufwies. Wenn er das nur seinem General zeigen könnte! Er wusste, dass von Manstein gezögert, es als eine Unmöglichkeit bezeichnet hatte, von dieser Seite anzugreifen! Also konnte er in der Hinsicht alles Mögliche erfinden, das sicher nicht geschehen würde! Nebenbei versuchte er, sich die Befestigungen des Feindes zu merken und gut ins Gedächtnis zu prägen. Bereitwillig zeichnete er einen ausführlichen Phantasieplan, auf dem er die 11. deutsche Armee an der schwierigsten Stelle im Norden angreifen ließ und bezeichnete dort auch einen imaginären Punkt, an dem der General, sein Stab und die Positionen der Soldaten sich angeblich befänden. Schließlich fügte er noch etliche andere, völlig aus der Luft gegriffene Dinge hinzu und bemerkte, dass seine Geschichte Eindruck zu machen schien und Anouschka scheinbar mit ihm zufrieden war. Ihre Augen blickten sanfter, sie verschwand mit den Papieren und brachte ihm beim nächsten Mal etwas zu essen und sogar eine Flasche Wodka mit. Wahrscheinlich dachte sie, der Alkohol würde seine Zunge lösen und ihm noch letzte Geheimnisse entlocken. Ein paar Gläser des scharfen Zeugs hatten ihn tatsächlich erhitzt – aber auch auf eine völlig andere Idee gebracht. Als sie, die obersten Knöpfe ihrer Bluse aufgeknöpft, ihm mit übereinandergeschlagenen Beinen gegenübersaß und sich manchmal gespannt über das Papier neigte, um erkennen zu können, was er da zeichnete, kam sie ihm so nahe, dass ihr langes schwarzes Haar seine Wangen kitzelte und er den Duft ihrer Haut riechen konnte.

»Wie schön Sie sind!«, murmelte er plötzlich heiser und fast unhörbar und erlaubte sich, behutsam eine Strähne, die ihre Wangen umspielte, zurückzustreichen. Sie ließ es seltsamerweise geschehen, und es schien sie zu amüsieren, dass sie ihren Gefangenen ein wenig verwirrte. Tatsächlich kämpfte er gegen ein beinahe animalisches Gefühl an, sie an seine Brust zu ziehen und die Wärme ihres Körpers zu fühlen. So, als spüre auch sie die Spannung, die auf einmal in der Luft lag, stand sie ganz plötzlich auf, drehte ihm den Rücken zu und trat an das halb blinde Bullauge, das nur in einen leeren Schacht führte.

An ihrer milderen Behandlung am nächsten Tag, dem immer größeren Vertrauen, das sie ihm nach und nach entgegenbrachte, erkannte Paul, dass auch er ihr nicht ganz gleichgültig zu sein schien. So gut es unter diesen Umständen überhaupt möglich war, achtete er jetzt sehr auf sein Äußeres und verlangte Rasierzeug und Seife, was ihm auch gewährt wurde. Immer wieder suchte er den Blickkontakt mit seiner schönen Feindin und sah ihr tief und fordernd in die Augen. Sie wich aus, versuchte aber manchmal standzuhalten, bis ihr Blick weich wurde und ein leises Feuer darin zu lodern begann. Würde der ewige Zauber auch hier, in diesem schmutzigen, dunklen Bunker wirken? Es war wie ein Spiel um den Eros, ein Kräftemessen, und er wollte gewinnen, denn er spielte um sein Leben. Einmal, als sie ihm nahe genug war, wagte er es sogar, seine Hand vorsichtig auf ihr Knie zu legen. Ohne etwas zu sagen oder sich groß aufzuregen, schob sie sie nur leicht zur Seite – aber das leichte Flackern und weiche Verschwimmen in ihren Augen verriet ihre Verwirrung. Eines war sicher: Der Funke war übergesprungen, und er war dieser Frau gewiss nicht mehr so gleichgültig, wie sie tat! Das hier war seine einzige Chance! Es würde niemandem nützen, wenn er aus diesem Bunker nicht mehr lebendig herauskam und man ihn mit einer Kugel im Kopf in fremder Erde verscharrte. Seine beiden groben Bewacher betrachteten ihn mit gleichgültigen Mienen, er war hier nicht mehr als ein Stück Vieh, das man benutzte, um es dann auf die Schlachtbank zu führen. Er spannte all seinen Lebenswillen an: Er musste hier raus, egal wie, aber auf jeden Fall noch, bevor General von Manstein seinen Angriff startete! Denn dann würde man spätestens erkennen, dass er völlig erfundene Angaben gemacht hatte! Ob sein Plan aufgehen würde? Noch war er unsicher.

»Ich träume jede Nacht von dir«, sagte er am fünften Tag seiner Gefangenschaft zu Anouschka, und sein Blick wanderte von ihren dunklen, unergründlichen Augen bis zur vollkommenen Form ihrer Lippen, »davon, dich in meine Arme zu nehmen und zu küssen!«

Sie wich zurück. »Hör mit den Dummheiten auf, du Idiot«, fuhr sie ihn an, »was soll das?«

»Was das soll?«, antwortete er unbeirrt fort, ohne sie aus den Augen zu lassen. »Ich liebe dich – das weißt du ganz genau! Diese Leidenschaft, die in mir brennt, verzehrt mich, macht mich ganz verrückt! Du fühlst es doch auch, nicht wahr? Diese Anziehung, die Magie zwischen dir und mir?« Er fasste ihre Hand, ihre Taille, um sie an sich zu pressen und seltsamerweise schien sie sich nicht ernsthaft zu wehren.

»Das bildest du dir bloß ein!« Jetzt hatte sie sich doch losgerissen. »Ich vergesse niemals, dass du auf der falschen Seite stehst. Und außerdem bin ich vergeben.« Ihr hochmütiges Gesicht mit den hohen Backenknochen hatte sich leicht erhitzt und die Lider ihrer mandelförmigen Augen begannen zu flattern.

»Was macht das schon!« Paul bemühte sich, seiner Stimme einen rauen, verführerischen Klang zu geben und senkte seine Augen tief und verlangend in die ihren. Die blonde Locke war ihm in die Stirn gefallen und gab ihm ein verwegenes Aussehen. Er strich sie nicht zurück, trat auf sie zu und legte kühn seinen Arm um ihre Taille. »Komm«, flüsterte er mit aufleuchtenden Augen, »ich will dich, egal was geschieht! Komm heute Nacht zu mir! Wir werden uns lieben, uns aneinander wärmen! Niemand wird davon erfahren!« Sie starrte ihn wie hypnotisiert an, als er sie leicht an sich zog, die Hand hob und ihr zart von der Wange zum Hals hinunter strich, bis zur samtigen Weichheit ihrer vollen Brüste, die sich nun heftiger hoben und senkten.

»Njet!« Brüsk stieß sie seine Hand zurück und stürzte aus dem Raum, die Eisentür noch heftiger als gewöhnlich hinter sich zuknallend. Paul legte sich auf die Pritsche zurück. Ein zufriedenes Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Es hatte gewirkt – die uralte Masche, so abgedroschen sie auch war, hatte selbst unter diesen miserablen Umständen ihren Effekt nicht verfehlt. Würde sie kommen? Jetzt musste er nur noch abwarten – aber es durfte nicht allzu lange dauern, bis sie sich ergab. Er wusste nicht, wann der Angriff auf die Halbinsel Kertsch und auf Sewastopol, die stärkste Festung der Welt, beginnen würde – aber wenn er dann noch hier war, hatte er das Spiel verloren und war tot!

Anouschka hatte den Bunker verlassen, als wäre sie auf der Flucht vor sich selbst. Sie wusste nicht, was mit ihr los war. Aber dieser blonde deutsche Gefangene mit dem Grübchen am Kinn und den blauen Augen, mit denen er sie so eindringlich ansah, verfolgte sie bis in ihre Träume. Sie musste unablässig an ihn denken, an seine zärtlichen, wie zufälligen Berührungen, die sie so erregten, dass sie fast den Verstand verlor. Er war so anders als ihr russischer Ehemann, so sanft, so – sie wagte es kaum zu denken – so verführerisch! Hatte Fjodor ihr jemals gesagt: Ich liebe dich? Jemals von verzehrender Leidenschaft gesprochen? Wie süß diese Worte klangen und wie der blonde Gefangene sie dabei angesehen hatte! Der zärtliche Ton seiner Stimme vibrierte noch in ihrem Ohr, die Berührung seiner Hand brannte auf ihrer Brust; sie hatte sie ganz durchschauert. Sie spürte, dass sie unter seinen Blicken ganz weich, ganz willenlos wurde, dass die harte Schale ihres kühlen überlegenen Äußeren, mit der sie sich umgab, wie eine brüchige Eierschale einzuknicken drohte und sie nur noch den Wunsch hatte, sich fallen zu lassen. Einmal sich hingeben, an seine Brust sinken, sich von seinen Armen umfangen lassen; seine Hände überall auf ihrem Körper zu fühlen und ihren Mund auf seine fordernden Lippen zu pressen …

Wenn Fjodor auch nur im Entferntesten ahnen würde, welch unsinniges und närrisches Begehren sie plötzlich plagte, er würde sie umbringen! Er war ein Bär von Mann, kräftig und praktisch visierte er sein Ziel an. Ihre Intelligenz, ihren Ehrgeiz und auch die für eine Frau so seltene Härte hatte er immer bewundert. Auch sie war immer stolz darauf gewesen, dass sie sich niemals von Gefühlen leiten ließ. Diese Eigenschaft, verbunden mit blindem Gehorsam und einer angeborenen Kälte des Gewissens, die vor Grausamkeiten nicht zurückschreckte, waren Grund genug gewesen, dass sie von den Genossen in Moskau für die Rolle einer Agentin ausgewählt worden war. Deshalb hatte man auch in sie investiert, sie in Hamburg studieren und sich die Sprache aneignen lassen. Immer hatte sie große Genugtuung darüber empfunden, für den Geheimdienst zu spionieren, denn ihr Hass auf die Deutschen, die ihren Vater ermordet hatten, ging tief. Der Offizier, dessen Uniform sie trug, hatte ihre Rache am eigenen Leib zu spüren bekommen – dieser Idiot! Es war ihr Auftrag, ihn zu benutzen, auszuhorchen und dann, wenn er unnütz geworden war, zu erschießen. Nichts hatte es ihr ausgemacht, gar nichts, ihn eigenhändig, ohne Gewissensbisse in ein Loch zu werfen! Tausende russische Soldaten ereilte bei den Deutschen das gleiche Schicksal, Tausende aus ihrem Volk mussten leiden und sterben!

Und gerade deshalb durfte sie nicht nachgeben, auch wenn diese gefährliche, unangebrachte Schwäche für den deutschen Soldaten nahezu übermächtig wurde und ihre Seele zu erweichen drohte! Der Gefangene hatte geredet, ihr alles gesagt und aufgezeichnet, was er wusste. Und sie war sich genau darüber im Klaren, was sie jetzt mit ihm tun musste, auch wenn ihr allein schon der Gedanke daran tief ins Herz schnitt. Sie ballte die Faust, um sich Stärke zu verleihen, doch ihre Hände zitterten, irgendetwas Feuchtes rann plötzlich über ihre Wangen. Tränen? Seit ihrer Kindheit hatte sie nicht mehr geweint. Ärgerlich wischte sie sie fort – doch es wurden mehr, eine nach der anderen strömte herab, ihr Mund verzog sich zu einer Grimasse, und sie schlug die Hände vor die Augen und versuchte vergeblich, das heftige Schluchzen, das tief aus ihrem Innern heraufstieg, zu unterdrücken.

Ein leises Geräusch, Flüstern vor der Tür und Schritte der Wachen, die sich entfernten, schreckten Paul mitten in der Nacht von seiner Pritsche. Ein Schlüssel rasselte im Schloss, die schwere Tür ging auf, und Anouschka stand vor ihm. Sie zitterte am ganzen Körper, und ohne ein Wort warf sie sich nur mit einem unterdrückten Stöhnen an seine Brust und küsste ihn mit unerwarteter Leidenschaft. Paul war verwirrt, er nahm den Kopf der jungen Frau in beide Hände und sah sie an. »Anouschka! Weißt du, was du da tust?«

»Es ist mir egal!« Ihre Stimme klang schluchzend, weich und samtig. »Noch nie habe ich so empfunden. Mir ist, als sei ich erwacht, als sei mein bisheriges Leben nur ein Gehorchen gewesen, ein Funktionieren im Lager der Bolschewisten! Aber jetzt weiß ich, was ich will«, ihre Augen brannten sich in die seinen. »Dich – nur dich!« Sie bedeckte sein Gesicht mit kleinen Küssen und murmelte: »Vielleicht bin ich jetzt erst eine Frau geworden, erwacht aus einem langen, leblosen Schlaf, in dem mein ganzes Fühlen unter Pflicht und Gehorsam begraben war! Lieber will ich tot sein, als so weiterzuleben!«

In Pauls Kopf überschlug sich eine Vielzahl von Überlegungen und Empfindungen. Jetzt kam es darauf an, ob er es schaffte, Anouschka von seiner Liebe zu überzeugen, damit sie keinen Verdacht schöpfte. Angst und Unsicherheit wechselten mit seinem Lebenswillen zu entkommen und dem körperlichen Begehren, Anouschka zu besitzen und sie zu bezwingen. Er wusste, dass es keinen Kompromiss für ihn gab, als er die schöne Russin an sich presste und ihr zärtliche Worte ins Ohr murmelte. Das, was die sonst so unerbittliche Spionin im Rang eines russischen Offiziers da tat, war Wahnsinn, Wahnsinn für sie – aber für ihn die Rettung aus einer Lage, die unweigerlich seinen Tod bedeutete! Nur noch ein ganz flüchtiger Gedanke an Magdalena streifte ihn. Anouschka spürte sein leises Zaudern und nahm sein Gesicht in beide Hände. Sie suchte seine Augen und sagte etwas, was er nicht verstand. Dann warf sie sich erneut in seine Arme, und ihre Hände glitten sehnsüchtig unter sein Hemd und suchten seine nackte Haut, während ihre Lippen seinen Hals liebkosten. »Moi ljublimez« (Mein Liebling), murmelte sie wie in Trance und schmiegte sich an ihn. Er nahm sie mit großer Anstrengung bei den Schultern und hielt sie ein Stück weit von sich weg.

»Aber wie stellst du dir das vor … was ist danach … ich meine, was sollen wir tun?«

»Ich gehe mit dir.« Anouschkas Stimme war nur noch ein zärtlicher Hauch. »Alles ist vorbereitet. Wir werden zusammen fliehen. Ich werde sagen, dass ich den Befehl habe, dich an einen anderen Ort zu überstellen. Wir verstecken uns vorerst bei Bauern – bei den Tartaren! Nur wir beide, zusammen!« Ihre Augen leuchteten. »Tief in den Wäldern Russlands wird uns niemand mehr finden. Dort werden wir überleben, bis der Krieg zu Ende ist! Ich habe dir eine russische Uniform mitgebracht.« Sie legte ein verschnürtes Paket auf die Pritsche. »Und auch deine deutsche – je nachdem, was du brauchen wirst!«, fügte sie hastig hinzu. »Aber es hat keine Eile – lass uns zuerst den Moment genießen … ich will nur bei dir sein. Hier sind wir ungestört. Mein schöner, blonder Germane! Hast du nicht gesagt, dass du mich liebst?«

Paul zog sie wieder an sich, während er jedes Wort abwog. Er durfte jetzt nichts Falsches tun, geschweige denn sagen. »Doch, ja, ich … liebe dich. Aber … was ist mit den Wärtern? Vielleicht schöpfen sie Verdacht, wenn du dich so lange in der Zelle aufhältst?«

»Sie würden es tun!« Anouschka lachte gurrend. »Wenn ich sie nicht fortgeschickt hätte … « Ihre Worte erstickten in dem leidenschaftlichen Kuss, mit dem sie Paul ungeduldig zu sich auf die Pritsche zog. Sie war nackt unter ihrem Anzug und der leichten Bluse, die er mit einem Griff von ihren Schultern streifte, um ihre Brüste zu liebkosen. Die Arme um ihn schlingend, bot sie sich ihm dar und stöhnte vor unterdrückter Lust auf, als er, ohne zu viel Zeit zu verlieren, von ihrem Körper Besitz ergriff. Es war wie ein Rausch, der sie beide überkommen hatte, eine Leidenschaft, in der der Verstand für kurze Zeit keine Rolle mehr spielte.

Pauls Denken begann jedoch mit verstärkter Intensität wieder einzusetzen, als er sich von ihr löste. Sie öffnete die Augen, trunken, fast schläfrig wie eine satte, zufriedene Katze schnurrte sie an seiner Schulter und atmete mit einem tiefen Seufzer aus. Dann schüttelte sie ihr schwarzes, an den Schläfen feucht gewordenes Haar zurück. »Ja ljublju« (Ich liebe dich), flüsterte sie ihm noch ein über das andere Mal ins Ohr, während sie sich mit trägen Bewegungen wieder anzog. »Lass uns fliehen! Die Wachen können ihre Posten vor morgen früh nicht verlassen.« Sie nahm aus ihrem Rucksack eine Flasche Wodka und etwas Proviant. »Dann sind wir längst fort. Ich habe einen Wagen organisiert, der draußen wartet. Komm«, sie zögerte leicht, »noch einen Kuss!« Sie sank wieder an seinen Hals, presste die Lippen auf seinen Mund, hing nahezu unersättlich an ihm und liebkoste ihn mit aller Inbrunst und allem Feuer, das bisher unerweckt in ihr geschlummert hatte. Vorsichtig schob Paul sie von sich. »Anouschka, wir haben doch noch so viel Zeit vor uns. Ich bin unruhig – lass uns erst fliehen.«

Sie nickte mit einem verzückten Lächeln. »Ja, du hast recht, Geliebter. Ich will alles tun, was du willst.« Noch einmal bedeckte sie seine Brust und Arme mit schnellen Küssen, bevor sie ihm die löchrige Decke, die auf seiner Pritsche lag, über die Schultern legte.

»Komm!« Er zog sie mit sich, doch als sie an der Tür waren, hörte man harte Stiefeltritte, die sich klackend und laut über den Betonboden näherten. Der Schlüsselbund klirrte.

»Was ist das?«, Anouschka fuhr erschrocken zurück. Die Eisentür schlug gegen die Mauer, so heftig wurde sie aufgestoßen.

»Höh – Sobaka!« (Verdammt), brüllte eine grobe Stimme, und Paul rann das vorher so erhitzte Blut plötzlich wie Eiswasser durch die Adern. In der Tür stand Fjodor, der bullige russische Offizier, Anouschkas Ehemann. Er war betrunken, sein Gesicht stark gerötet, und er schwankte sichtlich.

»Swinja (Schwein)«, grollte er unheildrohend in seine Richtung. »Was du machen mit meiner Frau?« Eine Alkoholfahne schlug Paul entgegen, als er sich ihm näherte und eine russische Schimpfkanonade auf ihn niederprasseln ließ, von der er nicht das Geringste verstand. Nicht ohne Furcht sah er ihm entgegen, aber er wich nicht zurück, als dieser mit der Faust vor seinem Gesicht herumfuchtelte.

»Beruhigen Sie sich!«, versuchte er ihn so kühl wie möglich in seinem gebrochenem Russisch anzusprechen. »Das … das ist alles ganz harmlos! Sie hat mich nur verhört...«

Er kam nicht dazu, weiter zu reden, denn der Offizier hatte ihm einen Faustschlag versetzt, bei dem er zu Boden stürzte. Schon holte er wieder aus, und Paul duckte sich zur Seite. Doch zu seinem Erstaunen hielt der Betrunkene plötzlich inne und begann irr zu lachen.

»Haha«, grunzte er. »Haha … haha …« Sein ganzer, kräftiger und muskulöser Körper wurde von diesem Lachen geschüttelt, und er trat noch einen Schritt auf ihn zu, ihn unverwandt ansehend. Doch dann wurde er ernst und seine Mundwinkel zogen sich grimmig nach unten. Er machte die Bewegung des Halsabschneidens und stieß kehlig und stockend, aber für Paul verständlich, hervor: »Du deutscher Teufel – ich dich umbringen!«

Paul erhob sich taumelnd. Sterne tanzten vor seinen Augen und in seinen Ohren summte es. Der Russe stieß ihn mit einem gutturalen Laut grob vor die Brust und zog dann die Pistole aus dem Koppel. Langsam hob er den Arm und kniff ein Auge zusammen, um besser zielen zu können, während Paul immer weiter vor ihm zurückwich. Er spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten und er zur Unbeweglichkeit erstarrte. Jetzt war alles aus.

Doch dann warf Anouschka, die sich zuerst in die Ecke der Zelle zurückgezogen hatte, sich plötzlich dazwischen. Die Pistole fiel zu Boden. Der bullige Offizier stürzte sich jetzt wie ein rasender Stier auf sie und brüllte: »Kurwa!« (Hure) Er packte sie bei den langen, schwarzen Haaren und umschloss ihre Kehle mit eisernem Griff. Die junge Frau stöhnte und würgte, als er erbarmungslos zudrückte. In diesem Augenblick gab es eine gewaltige Detonation, die den gesamten Bunker bis in die Grundfesten erschütterte und die Ohren ertauben ließ. Fjodor stolperte und fiel mit Anouschka zu Boden. Alarm schrillte. Die Wachen, die auf die Hilfeschreie und den Tumult in der Zelle herbeigeeilt waren, liefen zum Rapport. In der allgemeinen Verwirrung packte Paul die Pistole, die zu Boden geglitten war, versetzte Fjodor, der sich erheben wollte, einen kräftigen Stiefeltritt und zog Anouschka mit sich aus der Zelle, deren Tür er von außen ins Schloss schnappen ließ.

Sie liefen den Gang entlang, der in seinen Grundfesten erzitterte, und mit leichtem Schaudern dachte Paul einen kurzen Moment an die schweren deutschen Werfer, die mit ihrer unfehlbaren Reichweite selbst stärkste Betonplatten durchschlugen. Sollten ihn jetzt wie unter einem Fluch die eigenen Landsleute treffen? Wieder erschütterten starke Detonationen das Gebäude, Mauerteile fielen herab, und weißer Staub breitete sich wie eine Wolke vor ihnen aus. Die Wachen flüchteten mit ihnen in blinder Hast. Er folgte Anouschka nach Luft ringend durch die feuchten Gänge, und sie rannten um ihr Leben durch den engen Felsentunnel, der stellenweise bereits eingebrochen war. In fieberhafter Eile kletterten sie über im Weg liegenden Schutt und Betonteile, während aufeinander folgende, immer heftigere Erschütterungen Putz und Erde herabrieseln ließen und nun auch größere Brocken den Durchgang versperrten. Gerade, als sie den Ausgang erreicht hatten, blitzte eine neue, schwere Explosion wie ein Feuerball auf. Mit seinem siebten Sinn für Gefahr riss Paul Anouschka mit sich zu Boden und rollte sich mit ihr zur Seite in einen Graben.

Magdalena hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Am Morgen fühlte sie sich wie gerädert. Was für eine vertrackte Lage! Wie sollte es weitergehen mit den Flüchtlingen im Haus? Wie lange konnte sie Hanna und den kleinen Jakob dort oben auf dem Dachboden verbergen, ohne dass irgendjemand Wind davon bekam? Sollte sie nicht doch die Mutter ins Vertrauen ziehen? Aber Frau von Walden schien es heute nicht sehr gut zu gehen, denn als Magdalena leise die Tür zu dem um diese Zeit noch verdunkelten Schlafzimmer öffnete, tönte ihr die fremd scheinende, schleppende Stimme der Mutter unwirsch entgegen, man solle sie in Ruhe lassen, da sie schlecht geschlafen habe. Magdalena wusste nicht, was sie davon halten sollte; seit Jahren war sie als Stütze der Familie immer die Erste gewesen, die in aller Frühe auf den Beinen war. Und so verwarf sie den Gedanken wieder, sie einzuweihen. Mama war nicht mehr die gleiche couragierte und lebenstüchtige Frau wie vordem – der plötzliche Tod des Vaters im letzten Jahr, dann der von Lutz – all das hatte etwas in ihr zerbrochen. Seit sie trank und abwechselnd Beruhigungs- und Schmerzmittel nahm, konnte man nicht mehr vernünftig mit ihr reden. Oma Louise schied ebenfalls aus – hatte sie doch aus einer gewissen Abneigung gegen die Juden nie ein Hehl gemacht. Unwohlsein vorschützend, beschloss sie, heute nicht in die Universität zu gehen, um erst einmal zu überlegen, was zu tun sei. In der Zeitung, dem Volksboten, der in der Diele lag, leuchtete ihr die Schlagzeile in fetten Druckbuchstaben entgegen: Juden raus aus Königsberg! Darunter stand ein Bericht über die vergangene nächtliche Blitzaktion, die angeblich schon lange fällig gewesene Deportierung jüdischer Mitbürger aus der Stadt in ein außerhalb gelegenes Lager. Hochtrabend war noch erwähnt, dass die von den Juden unrechtmäßig erworbenen Gelder und Gebäude konfisziert seien und dem deutschen Staat nun wieder zugeführt würden. Das bedeutete wohl nichts anderes, als dass Hanna und ihre Mutter ihr ganzes Vermögen verloren hatten und ihr Haus nie mehr betreten durften! Ein zum Himmel schreiendes Unrecht – aber wie musste erst Hanna das empfinden? Würde sie ihre Mutter, ihren Bruder Felix jemals wieder sehen? Sie hatte keine Ahnung, wie sie ihr das alles erklären sollte!

Als Gertraud und Paul in der Schule waren und Louise mit dem Hausmädchen zum Einkaufen ging, holte sie heimlich Essen und Getränke aus der Küche und schleppte alles hinauf auf den Dachboden. Vorsichtig zog sie die Luke herunter, die erneut erbärmlich quietschte und in den Angeln knarrte.

Hannas übermüdetes und blasses Gesicht erschien in der Öffnung. Sie lächelte Magdalena dankbar an, als diese ihr Brot, Butter und warme Milch hinaufreichte. »Jakob ist erst im Morgengrauen eingeschlafen«, flüsterte sie halblaut, »er war die ganze Nacht so unruhig und wollte zu Mama. Er hatte Alpträume und Angst vor den bösen Männern, die ins Haus kamen und sie mitgenommen haben! Ich habe selbst kein Auge zugetan, musste ihn beruhigen und erzählen, wir blieben jetzt so lange hier, bis Mutter wieder kommt.« Bang und mit ängstlichem Ausdruck setzte sie hinzu: »Hast du etwas erfahren können, wohin man sie gebracht hat – wohin der Transport gegangen ist?«

Magdalena schüttelte wortlos den Kopf. Es hatte keinen Zweck, Hanna mit dem Zeitungsbericht noch mehr in Angst zu versetzen. Sie tropfte Schmieröl auf die eingerosteten Scharniere und bewegte die Luke hin und her, bis kein Geräusch mehr zu hören war. »Reich mir die Wasserkaraffe, die leeren Teller und alles, was du da oben nicht mehr brauchen kannst.«

Verschämt reichte Hanna ihr auch den Eimer mit den Exkrementen hinunter, die sich nur auf diese Weise entsorgen ließen.

»Wir müssen abwarten!«, sagte Magdalena, so beruhigend sie es vermochte. »Ich komme später wieder und bring dir etwas zu lesen. Dann können wir überlegen, was wir unternehmen werden. Ich versuche auf jeden Fall, etwas in Erfahrung zu bringen. Allzu lange kannst du schließlich nicht hier in dem engen Loch verbringen.«

Unten begegnete ihr Louise, die gerade aus der Stadt zurückgekehrt war. Ihr silbernes Haar war tadellos frisiert, die rosigen Bäckchen gepudert und der weiße Blusenkragen mit der dezenten Spitze hoch geschlossen. Wie immer umgab sie ein zarter Duft von Lavendel und Seife. Magdalena kannte die Großmutter, die auf Stil hielt, nicht anders, hatte sie auch tagsüber noch nie nachlässig gekleidet oder gar im Morgenmantel gesehen.

»Ich sehe, es geht dir wieder besser, mein Kind«, sie bedachte Magdalena mit einem kritischen Blick, »aber eine simple Magenverstimmung sollte dich auf keinen Fall davon abhalten, deine Bücher vorzunehmen!«

»Was ist eigentlich mit Mama los?«, fragte Magdalena, um das Thema zu wechseln. »Sie liegt immer noch im Bett! Dabei ist sie doch gar nicht krank.«

Das Gesicht der Großmutter blieb unbewegt. »Das kannst du nicht beurteilen. Deine Mutter hatte immer schon Anfälle starker Migräne! Sie ist in dieser Hinsicht sehr empfindlich. Aber ich werde vorsichtshalber Doktor Grabert kommen lassen. Soll er auch einmal nach dir schauen?«

»Nein, nein«, erwiderte Magdalena hastig, »es geht mir schon bedeutend besser!« Bei der verschlossenen Miene Louises wagte sie nicht zu fragen, ob sie denn noch nichts gemerkt hatte, von Mamas ständiger Müdigkeit, ihrer schwankenden Teilnahmslosigkeit und vor allem davon, dass sie jeden Tag so stark nach Alkohol roch! Aber so etwas Ungeheuerliches hatte in einer Familie wie der von Waldens eben einfach nicht vorzukommen! Es war ein Tabu, etwas Unaussprechliches, über das man schwieg, es weitgehend ignorierte.

»Übrigens, Johann hat gekündigt«, wechselte Louise das Thema und zupfte an einem Löckchen ihrer Frisur. »Ich glaube, wir können in diesen unsicheren Zeiten auf einen Diener verzichten. Schließlich geben wir ohnehin keine Gesellschaften mehr.«

Magdalena nickte gleichgültig. Sie hatte andere Sorgen. Sobald es im Haus ruhig war, weil Louise den Speiseplan für die nächste Woche mit der Köchin besprach, nahm sie ein paar Bücher, die sie Hanna bringen wollte, und stieg wieder auf den Dachboden. Wenigstens quietschte und knarrte nun nichts mehr, und wenn man sich vorsah, würde niemand auf die Idee kommen, dass sich hier oben etwas anderes verbarg als altes Zeug, das man vor langer Zeit ausrangiert hatte. Zum ersten Mal sah sich Magdalena genauer in dem engen Raum mit dem winzigen Dachfenster um, in dem man nur gebückt stehen konnte. Alles war staubig und voller Gerümpel. Hinter der vom Tresor verdeckten Tür stand in einer Ecke auch der Eimer für die Notdurft. Im vorderen Bereich hatte Hanna mit Decken und Kissen, so gut es ging, ein Lager für sich und Jakob gerichtet und die Essensvorräte auf ein Tablett gestellt. Der Kleine, den Daumen im Mund, schlief immer noch fest und sah mit seinen roten Bäckchen und den blonden, zerzausten Locken so lieblich wie ein kleiner Engel aus.

»Was soll nun bloß werden?« Hanna sah sie ratlos und mit verzweifelter Miene an. »Vielleicht hätte ich Mama doch nicht allein lassen sollen. Aber ich war so in Panik. Nun weiß ich nicht einmal, wohin man sie gebracht hat – vielleicht ist sie im Judenhaus vor den Toren der Stadt! Die Männer waren so grob zu ihr …«

»Mach dir keine Sorgen. Ich werde Anton fragen, einen Bekannten von mir, der im Kommissariat der NSDAP oben in Quednau arbeitet! Vielleicht kann er sich darum bemühen, dass man deine Mutter zurück nach Königsberg bringt«, beschwichtigte sie Magdalena, die sich einer dunklen Vorahnung nicht erwehren konnte. »Sie ist doch krank, nicht wahr? Ich könnte sagen, dass sie unbedingt ärztliche Hilfe braucht. Es wird alles gut werden. Du und Jakob, ihr seid hier erst mal in Sicherheit.«

»Aber meine Kleider, meine Wäsche – mein Schmuck, Jakobs Sachen! Alles ist noch im Haus. Ich konnte gar nichts mitnehmen … «

»Dann gehe ich einfach hin und hole dir das Nötigste«, sagte Magdalena nach kurzer Überlegung. »Hast du einen Schlüssel?«

»Ja, natürlich. Wenn du das für mich tun könntest!« Hanna ergriff dankbar ihre Hand. »Vor der Haustür ist rechts an der Seite unter einem Rosenbusch ein Stein. Darunter liegt immer ein Ersatzschlüssel!«

Jakob stieß ein leises Wimmern aus und drehte sich auf die andere Seite. Er war von dem leisen Flüstern nicht erwacht, und Magdalena betrachtete sein blasses Gesicht, in dem die Wangen unnatürlich rot wie kreisrunde Flecken leuchteten. In einem plötzlichen Impuls legte sie die Hand leicht auf seine Stirn.

»Ich glaube, Jakob hat Fieber!«, sagte sie unsicher. »Er ist krank. Fühl selbst, er ist ja ganz heiß!« Hanna erschrak, als sie seine kleine Hand in die ihre nahm, an der der Puls wie rasend pochte. »Stimmt! Um Himmels willen, er glüht ja!«, jammerte sie. »Und ich habe gar nichts bemerkt, außer dass er etwas unruhig war. Was hat er bloß?«

»Vielleicht ist es nur die Aufregung!«, beruhigte sie Magdalena. »Wir müssen abwarten, ob es sich von selbst legt. Kinder bekommen leicht Fieber! Gib ihm viel zu trinken! Ich muss jetzt gehen – später komme ich dann wieder, bring Leinenlappen und frisches Wasser mit, damit du ihm vorsichtshalber Wadenwickel machen kannst!« Sie kroch zur Leiter, um hinabzusteigen.

»Jakob, mein kleiner Schatz!«, hörte sie Hanna leise vor sich hin weinen, die vor dem Bruder kniete. »Du darfst doch jetzt nicht krank werden – nicht ausgerechnet in diesem Moment – und nicht hier!« Magdalena brach es fast das Herz, als sie ihr verzweifeltes Gesicht hinter der Luke verschwinden sah.

Unten hörte sie plötzlich etwas mit dem lauten Klirren zerbrechenden Glases zu Boden fallen. Sie lief in den Salon. Aus den Scherben einer zerbrochenen Karaffe und dazugehörigen Gläsern stieg ihr der scharfe und gleichzeitig süßliche Geruch von Alkohol in die Nase. Dazwischen kniete Mama im Nachthemd und schaute mit einem glasigen Blick zu ihr auf. »Oh … pardon«, stammelte sie, »es ist nichts. Nur – eine kleine ›Bêtise‹«, lallte sie verlegen, die französische Umschreibung für Unannehmlichkeit wählend, und starrte auf die Bescherung vor ihr. Ihre Hand blutete, weil sie in die Splitter gegriffen hatte. Ein Speichelfaden rann ihr über das Kinn und ihre Haare waren zerzaust.

»Schon gut, Mama, ich mach das gleich weg!« Mit einem Gefühl inneren Entsetzens half Magdalena ihr auf und führte sie zum Sessel. Noch nie hatte sie ihre immer so beherrschte und gepflegte Mutter in einem solchen Zustand gesehen! Mit zitternden Fingern suchte sie in dem kleinen Medikamentenschrank bei der Anrichte nach einem Pflaster und verarztete die Teilnahmslose. Dann holte sie rasch einen Lappen und eine Kehrschaufel aus der Besenkammer und wischte die klebrige Lache vom Boden auf, bevor irgendjemand die Bescherung sehen konnte.

Die Mutter starrte immer noch hilflos, mehr im Sessel hängend als sitzend, vor sich hin. So eindeutig betrunken war sie noch nie gewesen, und ihr Anblick jagte Magdalena schreckliche Angst ein. »Gib mir noch was – ich brauch das jetzt unbedingt«, stammelte die Mutter, ohne recht zu wissen, was sie sagte und wie es wirkte, »dann wird alles leichter. Glaub mir, Kind … «

In diesem Moment klingelte es. Gertraud und Theo mussten aus der Schule zurück sein – aber sie durften ihre Mutter auf keinen Fall in diesem Zustand sehen! Was sollte sie bloß tun? Sie hörte die Schritte des Hausmädchens, das im Begriff war, die Tür zu öffnen. »Du musst ins Bett, Mama«, sagte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, »komm, ich helfe dir. Ich bringe dir auch gleich noch was ins Zimmer!«

»Aber sofort, hörst du?«, quengelte die Mutter in kindlichem Ton. »Etwas Starkes – was mich wieder auf die Beine bringt! Ich fühl mich so komisch.«

Von draußen ertönte das übliche Gezänke zwischen Gertraud und Theo wegen irgendwelcher nichtiger Kleinigkeiten. Magdalena packte die Mutter energisch unter den Achseln und führte sie über die kleinere Treppe des Salons in den ersten Stock hinauf. Hoffentlich kam Doktor Grabert bald, damit sie mit ihm über Mama sprechen konnte! Ob er schon wusste, dass die Migräneanfälle seiner Patientin eigentlich Alkoholexzesse waren, mit denen sie sich in letzter Zeit betäubte?

Im Esszimmer begann das Eindecken für die Mittagstafel, das Großmutter Louise wie gewöhnlich selbst überwachte. Magdalena war sicher, dass sie diesmal keinen Bissen herunterbrachte – sie würde einen Teil ihres Essens für Hanna und Jakob beiseite stellen. Ja, und die Essigumschläge für den kranken Kleinen! Das hätte sie beinahe vergessen! Mit bebenden Händen wrang sie ein paar alte Küchenhandtücher unter kaltem Wasser aus und kippte, ohne dass die Köchin es sehen konnte, ein wenig Essig darauf. Jetzt musste sie nur noch abwarten, bis alle an der Tafel saßen, bevor sie Essen und Umschläge nach oben zu Hanna bringen konnte. Schon wieder läutete es an der Tür. Das Hausmädchen meldete ausgerechnet Anton Schäfer und führte ihn herein.

»Ich hoffe, ich störe nicht, aber ich war gerade auf dem Weg und wollte nur einmal sehen, wie es dir geht!« Anton schien sichtlich verlegen. »Ich habe in der Mittagspause zufällig Marga, deine Kommilitonin, getroffen. Die sagte, du seiest krank!«

»Ach, ist schon fast vorbei!«, sagte Magdalena und bot Anton einen Platz an, obwohl sie ihn am liebsten rausgeschmissen hätte. Doch das wäre in ihrer Situation äußerst unklug gewesen. »Kopfweh! Ich hab nicht gut geschlafen. Möchtest du mit uns essen?«

»Nein danke, sehr liebenswürdig«, lehnte Anton höflich ab. »Aber eigentlich bin ich hauptsächlich gekommen, weil ich dich und deine Familie persönlich einladen wollte – zu einem Festakt der NSDAP in einer Woche, bei dem Ehrungen und Auszeichnungen für verschiedene Soldaten aus Königsberg vergeben werden. Die offizielle Einladung kommt natürlich noch.« Er tat geheimnisvoll. »Ich dürfte ja nicht darüber sprechen – aber dein Bruder Lutz ist auch dabei, posthum, meine ich!«

Magdalena gab es einen Stich ins Herz. Wie naiv war Anton eigentlich? Sie fühlte, wie Wut in ihr hochstieg. »Meinst du wirklich, Mama und Louise hätten etwas davon, nach seinem Tod so etwas entgegenzunehmen? Das ist doch reiner Hohn!«

»Aber …«, Anton sah sie verständnislos an. »Ich habe mich selbst dafür eingesetzt! Dein Bruder hat es sicher verdient, er ist ein Held des Vaterlandes … «

»Held hin oder her!«, fauchte Magdalena, die sich jetzt nicht mehr beherrschen konnte, »ich wünschte, er lebte noch und würde nicht geehrt.« Sie brach in Tränen aus. Antons Gesicht verschloss sich beleidigt, sein gelblicher Teint wirkte wie aus Wachs, und hinter der Brille gingen seine Knopfaugen nervös hin und her. »Ich bin erstaunt, dass du so denkst«, sagte er dann kühl und in einem Ton, der Magdalena zur Vorsicht mahnte. Sie durfte sich Anton auf keinen Fall zum Feind machen.

»Entschuldige!«, sie legte die Hand auf seinen Arm und zwang sich zu einem Lächeln, »aber ich bin nach der schlaflosen Nacht wohl etwas mit den Nerven runter. Und Mama ist krank. Ich weiß nicht, ob sie es schafft zu kommen. Aber ich werde beim Festakt natürlich dabei sein – mit meiner Oma Louise.« Hastig fügte sie hinzu: »Übrigens sollten wir bald einmal in Ruhe einen Kaffee zusammen trinken? Willst du? Natürlich nicht heute – aber sobald ich wieder in Ordnung bin.«

Antons Miene entspannte sich. »Gern. Sag mir Bescheid, wann du Lust hast. Erlaubst du mir, hin und wieder bei dir vorbeizuschauen?«

»Warum nicht?«, Magdalena tat ganz unbeschwert. »Gerne! Ich wollte dich übrigens noch etwas fragen. Komm doch mit in mein Zimmer. Vielleicht kannst du mir einen kleinen Gefallen tun!« Sie nahm seine Hand, zog ihn mit sich und zwinkerte ihm verschmitzt zu. Der fahle Teint Antons rötete sich langsam. »Wenn es in meiner Macht steht«, versuchte er lässig zu bleiben und stieg hinter ihr die Treppen hinauf.

Sie bot ihm einen Platz auf ihrem kleinen Sofa, während sie auf dem zierlichen Rokokosessel vor dem Schreibtisch Platz nahm.

Anton sah sich interessiert um. »Schön hast du es hier. Sind das echt antike Möbel?«

»Ja, ich habe sie selbst zusammengestellt. Ich mag alte Sachen. Übrigens, die Aktion heute Nacht – ich meine, die mit den Juden! Die Kreuzbergers, von denen wir neulich gesprochen haben – die hat man doch sicher auch weggebracht … ich meine, deportiert? Hast du eine Ahnung, wohin?«

»Wieso willst du das denn wissen?«, gab Anton sofort misstrauisch zurück. »Hast du etwa noch eine Verbindung zu ihnen?«

»Ich nicht... aber du weißt ja, Lutz war früher mal mit Hanna befreundet. Er hat noch ein Medaillon von ihr – das möchte ich natürlich auf keinen Fall behalten, du verstehst doch?«

»Klar!« Anton schien zu überlegen. »Also, soviel ich weiß, wurden der Transport nach Minsk umgeleitet – in ein Konzentrationslager! Aber darüber darf ich eigentlich gar nicht reden.«

»Nach Minsk! So weit weg?« Magdalena versuchte, ihre Aufregung hinter einer gleichgültigen Miene zu verbergen. »Warum denn dorthin?«

»Geheimsache!« Das Gesicht Antons verschloss sich. »Es ist eine Sammelstelle, in der alle Juden untergebracht werden. Später wird dann entschieden, was mit ihnen geschieht.«

Magdalena fühlte, wie eine kalte Hand nach ihrem Herzen griff. Sie durfte sich jetzt nicht zu weit vorwagen. »Aber … man wird ihnen doch wohl nichts tun?«, fragte sie wie nebenbei.

Anton ging darüber hinweg. »Wir brauchen hier keine Juden. Unsere Stadt wird nach der endgültigen Ausweisung ganz anders sein. Gereinigt – würde ich sagen. Wenn wir endlich unter uns sind, hat jeder Deutsche größere Chancen. Übrigens – das Medaillon kannst du ruhig mir überlassen. Ich gebe es weiter an die Sammelstelle, die sich um die konfiszierten Vermögen des Judenpacks kümmert.«

Magdalena wäre ihm am liebsten an die Kehle gegangen, aber sie beherrschte sich. Es wäre unklug, es mit ihm zu verderben.

»Ich gebe es dir gerne beim nächsten Mal!«

Er wechselte das Thema. »Übrigens – hast du schon von dem neuesten Skandal in Königsberg gehört? Von der Universität Albertina aus sollen Flugblätter gegen das Nationalsozialistische Regime überall in der Stadt verbreitet worden sein.« Empört sah er sie an. »Welche feigen Hunde da wohl dahinterstecken! Wenn du irgendwelche Beobachtungen gemacht hast, oder vielleicht einen Verdacht hast, kannst du mir das ruhig mitteilen.«

Magdalena schüttelte den Kopf, ohne etwas zu sagen, aber ein eisiger Schauer rann ihren Rücken herab. »An der Universität?«, fragte sie mit matter Stimme und starrte wie gelähmt auf die Buchreihe, hinter der sie die restlichen Flugblätter gelagert hatte. »Weiß man denn, wer … «

»Nein, noch nicht. Ich habe diese unglaubliche Nachricht gestern erhalten und bin gerade dabei, sie genau zu untersuchen«, fuhr Anton, sich ereifernd, fort. »Keine Gnade diesen Verrätern! Aus den eigenen Reihen! Aber wir stöbern sie auf – und sie werden diese Dummheit noch bereuen!«

Er sah auf seine Armbanduhr, stand auf und reichte ihr die Hand. »Ich muss jetzt leider gehen! Meine Mittagspause ist vorbei. Hoffentlich geht es dir bald besser. Du bist wirklich noch ganz blass. Bleib nur, ich finde schon allein hinaus. Auf bald!«

Magdalena nickte mit trockenem Mund und sah ihm nach. Das Blut war ihr aus dem Kopf gewichen, und sie fühlte sich tatsächlich einer Ohnmacht nahe. Die Flugblätter – irgendetwas war da schiefgelaufen. Und was sollte sie jetzt bloß Hanna sagen?

Die Wachen vor dem Bunker waren damit beschäftigt, sich selbst vor den Erschütterungen in Sicherheit zu bringen und so achtete im allgemeinen Durcheinander niemand groß auf Anouschka und Paul. Anouschka schritt in ihrer russischen Offiziersuniform hoch erhobenen Hauptes voraus, während Paul ihr als Gefangener mit gesenktem Kopf wie zu einer Hinrichtung folgte. Rasch durchquerten sie unbehelligt den Sicherheitstrakt bis zur Absperrung, und Anouschka herrschte den dortigen Wachmann an, der mit einem Feldstecher gespannt die Truppenbewegungen in der Ferne beobachtete, sie augenblicklich aus der Gefahrenzone zu lassen. Er gehorchte sofort. Die Wolldecke über den Schultern stellte Paul sich, als sei er immer noch gefesselt. Eine neuerliche Explosion ertönte, und sie rannten jetzt mit großen Schritten zielgerade zu dem wendigen Geländewagen der Marke Ford, zu dem Anouschka die Schlüssel besaß. Ohne sich umzusehen setzte sie sich ans Steuer und gab sofort Gas. Immer noch befand sich die gesamte Bunkerbesetzung im Alarmzustand und versuchte, sich den anrollenden Panzereinheiten mit ihren feuerspeienden schweren Werfern entgegenzustellen. Befehle schallten, und alles lief wirr durcheinander.

Als die Genossin Anouschka Gregorewitsch, deren Ausweis die Soldaten an der Windschutzscheibe erkannten, nun in rasender Fahrt angebraust kam, ließen sie sie ungehindert passieren. Ein kurzes Salutieren – und der Wagen fuhr an den russischen Panzerbatterien vorbei und durfte das Sperrgebiet durchqueren.

Als die beiden Flüchtlinge endlich freieres Gelände erreichten, war hinter ihnen noch einmal eine ohrenbetäubende Detonation zu hören. Als sie sich umwandten, sahen sie mit Schaudern ein gewaltiges Flammenmeer am Horizont auflodern, das aus der Richtung des Felsenbunkers am Meer kam, den sie gerade verlassen hatten.

»Schade um die vielen Sektflaschen, die da unten lagern und die jetzt in die Luft gegangen sind«, sagte Anouschka zynisch. »Sicher hat es deshalb so geknallt.«

»Sekt?« Paul sah sie fragend an.

»Ja. Dein Gefängnis, das 30 Meter tief in den Felsen reichte, war das Depot einer Sektkellerei, bevor wir es im Krieg zu einem Munitionslager, Gefängnis und Lazarett umfunktionierten. Die Bunkeranlagen wurden übrigens direkt in die Felsen der Steilküste der Ssewernaja Bucht hineingehauen!«

»Dabei dachte ich schon, ich hätte mir das Geräusch der Meeresbrandung nur eingebildet!« Er sah sie von der Seite an, und sie erwiderte seinen Blick mit einer zärtlichen Geste, bevor die Fahrt weiter in Richtung des gebirgigen Hinterlandes ging. Anouschka war nervös, sie gab ordentlich Gas, fuhr in hohem Tempo und verlangsamte ihre Fahrt nicht einmal, als der Boden auf der provisorischen Straße uneben und holprig wurde.

Auf der Anhöhe eines buschig bewachsenen Hügels hielt sie schließlich den Wagen an. In einer Felshöhlung befand sich ein kleines, unbewachtes Munitionslager.

»Komm mit mir!« Sie zog ihn mit sich, fiel ihm wie besessen um den Hals und riss sich die Uniformjacke bis zur Brust auf. Es war unmöglich für Paul, ihr zu widerstehen und sie jetzt abzuwehren. Sie sanken atemlos auf den steinigen Boden und liebten sich mit einer Ekstase, als sei es das letzte Mal in ihrem Leben. Anouschka presste sich mit unersättlicher Gier an ihn, sie stöhnte, biss ihn, um ihn dann wieder verzückt zu streicheln, so als müsse sie das Gefühl, das sie beherrschte, in dieser einen Stunde bis zur Neige auskosten.

»Du bist ein Teufelsweib!«, murmelte er schließlich zwischen zwei leidenschaftlichen Küssen. »Und ich kann gar nicht genug von dir haben. Aber hier ist es zu gefährlich. Wenn man deinen Mann im Kerker entdeckt, wird man uns suchen … «

Der Gedanke an den brutalen Fjodor kühlte Anouschka augenblicklich ab. »Du hast recht – er wird toben, und wenn er auf irgendeine Weise die Sprengung überlebt haben sollte, dann Gnade uns Gott. Er wird mich suchen, und wenn er mich findet, bringt er mich um und dich dazu! Aber das ist mir egal.« Sie erhob sich wie erwachend, nahm ihre Uniform, klopfte den Staub heraus und begann, sich langsam und mit verführerischen Gesten anzuziehen. Zärtlich sah sie Paul in die Augen. »Ich liebe dich! Es gibt für mich nichts anderes mehr auf der Welt als dich!«

»Komm, sonst werde ich wieder schwach!« Paul zog sie ins Auto. »Aber wir müssen weiter!«

Sie wandten sich noch einmal zurück und sahen auf das in der Ferne aufsteigende schwarze Rauchgewölk über der schwelenden Kasematte am Meer. »Dieser Felsenbunker galt als einer der sichersten an der Küste … «, ein leiser Schauer lag in Anouschkas Stimme, »ich hätte nicht gedacht, dass man ihn sprengen könnte. Wir haben wirklich großes Glück gehabt!« Sie ließ den Motor aufheulen, und es ging weiter in halsbrecherischer Fahrt über Stock und Stein an unzähligen Befestigungen und Widerstandsnestern vorbei, die teilweise in dichtem Buschwald lagen oder tief in die Felsenhöhlen des gebirgigen Umfeldes hineingesprengt waren. Paul staunte insgeheim über den gewaltigen Aufwand, den die russische Seite vor Ort geleistet hatte, und betrachtete aus der Ferne die verwirrenden Umrisse von Panzergräben, Bunkern und Drahthindernissen. Er war sich nicht sicher, ob er die Position der in die Erde gegrabenen, gut getarnten Partisanenverstecke, die geschickt verborgenen Felsstationen, die ihm Anouschka beim Verhör auf ihrem Lageplan gezeigt hatte, auf Dauer im Gedächtnis behalten würde.

Immerhin ließ man die beiden in ihren olivfarbenen russischen Offiziersuniformen überall anstandslos passieren, nur ein russischer Vorposten, der mit einer kleinen Panzergrenadierkompanie unterwegs war, hielt den Wagen neugierig an. Anouschka empfahl Paul, auf jeden Fall den Mund zu halten und sich taub und verletzt zu stellen.

»Kommt ihr von der Küste?«, rief er ihnen entgegen.

»Ja, ich habe meine Leute verloren, bin versprengt«, antwortete Anouschka. »Wir sahen, wie es an den Felsen brannte und alles explodierte. Die anderen waren plötzlich weg, und jetzt wollte ich wieder Anschluss an die Division hinter Charkow finden! Diesen Mann hier«, sie deutete auf Paul, der die Hände auf die Ohren presste und sein Gesicht verzerrte, als habe er Schmerzen, »muss ich ins Lazarett bringen. Es hat ihn erwischt – Kopfverletzung. Er hat sein Gedächtnis und die Sprache verloren.« Sie tippte mit dem Zeigefinger an die Stirn.

»Verstehe!« Der Russe schüttelte den Kopf und betrachtete mit Hochachtung die Offiziersabzeichen auf Anouschkas Schulter. »Da haben Sie aber großes Glück gehabt, Genossin! Wenn Sie eine Ahnung hätten, was da unten inzwischen los ist!« Er deutete in Richtung Küste. »Wir haben die Funksprüche abgehört. Die Deutschen bombardierten von Norden und haben den Felsenbunker über den Panzergraben hinweg mit einer Art Wunderwaffe getroffen.«

»Ich habe die Detonation gehört!« Anouschka nickte. »Es sieht so aus, als sei beinahe der ganze Küstenfelsen explodiert!«

»Das Schlimmste war leider, dass unsere Leute von den Kommissaren den Befehl hatten, den Bunker bei drohender Übergabe in die Luft zu sprengen. Nichts sollte in die Hände der Feinde fallen. Irrtümlicherweise haben sie diesen Befehl gleich ausgeführt, obwohl es noch gar nicht nötig war. Ich denke, da hat niemand überlebt.« Er schüttelte bedrückt den Kopf und sein volles Gesicht glich dem eines beleidigten kleinen Jungen.

Anouschka zog die Augenbrauen zusammen. »Soviel ich weiß, befand sich in den Nachbarhöhlen der Felswand ein ganzes Lazarett – mindestens tausend Landsleute! Dazu die Zivilbevölkerung … Das muss Genosse Stalin doch gewusst haben!«

Der Soldat nickte mit unbeweglicher Miene. »Kapitulation ist bei uns eben verboten, Genossin. Wir sterben, damit Mütterchen Russland lebt.« In seinen Augen stand der stoische Gehorsam, dem ein jahrelanger Drill vorausgegangen war.

Paul verstand kein Wort der Unterhaltung, erriet aber aus dem Mienenspiel und den Gesten, um was es sich handeln musste. Was für ein Glück, rechtzeitig aus dieser Hölle entkommen zu sein!

Anouschka schwieg – nur einen kurzen Moment dachte sie an Fjodor, ihren Mann, der das Unglück wahrscheinlich nicht überlebt hatte. Doch sie empfand kein wirkliches Bedauern über seinen Tod.

»Schließt euch uns an, Genossen«, sagte der Vorposten schließlich, »wir ziehen uns hinter die Frontlinie zurück. Dort ist ein Notlazarett eingerichtet, und da wird man uns neu aufstellen.«

Anouschka blieb nichts anderes übrig, als einzuwilligen, um keinen Verdacht zu erwecken. Doch sie behielt den Wagen im Auge, ließ ihre Sachen darin und machte Paul ein Zeichen, dass sie sich im Dunkeln bei der ersten Gelegenheit davonmachen würden. Es gab in den Bergen etliche Dörfer, in denen sie Zuflucht finden konnten.

Als die Nacht hereinbrach, verwickelte Anouschka zwei der sich geschmeichelt fühlenden Wachen in ein kokettes Geplauder, und Paul, der inzwischen noch einige Kanister Benzin aus dem Lager organisiert hatte, machte sie wenig später aus dem Hinterhalt mit einem kurzen Nackenschlag des Pistolenlaufs kampfunfähig.

Mit allen Kräften bemühten sich die beiden Flüchtlinge nun, den leichten Geländewagen so geräuschlos wie möglich vorwärtszurollen, denn das Brummen eines Motors so dicht am Lager wäre allzu verräterisch gewesen. Erst, als sie genügend Abstand hatten, wagten sie ihn zu starten.

Gegen Morgen, nach etlichen mühsamen Kilometern landwärts durch unwegsames, steppenartiges und gebirgiges Gebiet lag plötzlich, in ein enges Felsental eingebettet, ein malerischer Ort vor ihnen, das Tartaren-Dorf Juchary Karales. Müde und erschöpft beschlossen sie, dort zu bleiben. Paul war auf der Hut, denn er wusste, dass in diesem Gebiet auch deutsche Infanterie-Divisionen der 11. Armee untergebracht waren. Es war also angezeigt, die Kleidung zu wechseln; das hieß für Anouschka, ein Kopftuch und einen hässlich verschlissenen Wollrock anzulegen, den sie einer zahnlosen Bäuerin abgekauft hatte, und für Paul, seine deutsche Uniform anzuziehen. Den Ford versteckten sie geschickt zwischen Bäumen und Büschen. Da die freiheitsliebenden Tartaren das bolschewistische Joch hassten und die Deutschen bewunderten, durch die sie sich eine Befreiung durch die russische Übermacht erhofften, gab sich auch Anouschka als Deutsche aus. Nachdem sie einer Tartarenfamilie Geld für eine abgeteilte Unterbringung in ihrem einfachen, ein wenig abseits des Ortes liegenden Holzhäuschen geboten hatten, das eher einer komfortablen Bretterbude glich, schien sie vor allem erst einmal glücklich zu sein, Paul nun ganz für sich zu haben.

Die kinderreiche Tartarenfamilie, bei der sich Anouschka vorsichtshalber als Deutsche ausgab, war freundlich und der Großvater, ihr Oberhaupt, lud das Pärchen sofort zum gemeinsamen Abendessen ein.

Mit Händen und Füßen, einige deutschen Brocken eingestreut, sprach der Alte, dessen Augen vor Hass funkelten, davon, wie sehr sie sich von den Russen unterdrückt und ausgenutzt fühlten, weil diese Kolchosen errichteten und ihnen alles wegnahmen, was sie besaßen. Die Empörung war gerade groß, weil russische Vernichtungs-Bataillone aus Kriegsgründen rücksichtslos ihre sämtlichen Mühlen und Lebensmittellager zerstört hatten, um die Krim zu räumen.

»Ein Teufelswerk«, ereiferte sich der Alte, »die Religion zu verbieten und aus unserem blühenden Land eine kommunistische Wüste zu machen!«

Mit Anouschka als Übersetzerin berichtete Paul ihm von der Tragödie im Felsenbunker und wie er der russischen Gefangenschaft und Todesgefahr bei der Explosion entronnen war. Der Alte bekreuzigte sich und musterte ihn andächtig. »Gelobt sei Jesus Christus, er hat dich beschützt!«

Während des einfachen, aber ausgedehnten Mahls schweiften Pauls Gedanken jedoch immer wieder ab und kreisten um seine eigene verzwickte Lage. Er hatte von dem Alten erfahren, dass im benachbarten Ort eine deutsche Kompanie einquartiert sei. Dorthin musste er sobald wie möglich gelangen und sich Anouschka vom Hals schaffen, die in ihrer blinden Besessenheit wie eine Klette an ihm hing und ihm in vielerlei Hinsicht im Wege war. Sie wollte eine Liebe von ihm, die er ihr nicht geben und auch nicht länger vorspielen wollte. Wenn man ihn zudem in den Armen einer Russin erwischte, ohne dass er sich vorher bei seiner Truppe gemeldet hatte, war wohl sein Schicksal besiegelt. Noch während des Essens verließ er nach etlichen unvermeidlichen Gläsern des selbst gebrauten Schnapses heimlich das Haus, nahm den Wagen und fuhr davon, um die Garnison zu suchen.

Der Hauptmann der deutschen Kompanie lauschte dann verwundert seiner schier unglaublichen Geschichte, seiner Gefangenschaft im Felsenbunker, der er wie durch ein Wunder entkommen war. Natürlich erwähnte Paul mit keinem Wort seine Begegnung mit Anouschka, die er nun ihrem Schicksal überlassen musste. Aber er hatte kein Mitleid – seiner Einschätzung nach würde eine Frau wie sie überall durchkommen.

Der Befehlshabende, der zunächst noch einige Zweifel an seiner abenteuerlichen Erzählung hegte, sandte sofort einen Funkspruch zum Hauptquartier, das seine Aussage bestätigte, er sei der vermisste Kradmelder Paul Hofmann, den man tot oder in russischer Gefangenschaft glaubte.

Nahtlos reihte man ihn gleich unter die Soldaten der Truppe ein, denn jeder Mann wurde gebraucht. Die Vorbereitungen zur Eroberung der angeblich uneinnehmbaren Festung von Sewastopol liefen bereits auf vollen Touren. Der Großangriff sollte sich vorerst vor allem auf die Sapun-Höhen und die Sswernaja-Bucht konzentrieren – aber es war von einer besonderen Aktion die Rede, einem Spezialfall, der vorerst noch geheim gehalten wurde.

Anouschka, von dem reichlich genossenen Rübenschnaps des Tartarenbauern benebelt und in gelöster Stimmung, bemerkte erst spät, dass Paul schon seit geraumer Zeit fort war und nicht wieder erschien. Sie wurde langsam unruhig, wartete noch eine Weile, sah immer wieder zu der niedrigen Holztür und brachte bald keinen Bissen mehr herunter. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und lief hinaus. Die Nacht war dunkel, ruhig und sternenklar. Hinten, im Schatten des Gebüschs war der Wagen verschwunden. Es war, als steche ihr jemand ein Messer mitten ins Herz. Er war fort! Sie hastete zu dem barackenartigen Verschlag, in dem sie die Nacht verbringen wollten. Seine deutsche Uniformjacke, die dort gelegen hatte, war nicht mehr da und die Russische lag zusammengeknüllt am Boden. Anouschka stieß einen unterdrückten Laut zwischen Wut und Schmerz aus, der begleitet wurde von einem Schwall russischer Flüche und Verwünschungen. Es fiel ihr schwer zu begreifen, dass der Mann, für den sie alles aufs Spiel gesetzt hatte, den sie grenzenlos liebte, sich so einfach aus dem Staub gemacht, sie getäuscht und verlassen hatte! Ein brennendes Gefühl der Rache stieg in ihrem Herzen auf, das sich bisher so unverwundbar und gefühllos glaubte! Sie würde ihn finden, wo auch immer er sich aufhielt! Wutentbrannt packte sie das in ihrem Gürtel verborgene Messer und stieß es so lange in die weiche Erde, bis sie keuchend innehalten musste. »Das wirst du mir büßen, du falscher Hund!«, keuchte sie. So würde sie ihn treffen, wenn er noch einmal vor ihr stünde, ihm die verräterischen blauen Augen auskratzen, ihm den Schädel einschlagen! Vernichten wollte sie ihn – das schwor sie sich in diesem Moment, während sie ihre Hände um einen dicken Ast krallte, als müsse sie prüfen, ob sie stark genug seien, ihn damit zu erwürgen! »Betrüger – Lügner! Aber ich finde dich!«, stieß sie hasserfüllt hervor, »wo du auch bist! Und wenn ich selbst dabei draufgehe!« Erschöpft schluchzend wie ein enttäuschtes Kind brach sie schließlich am Fuß des Baumes zusammen.

Paul hatte dem Hauptmann der Kompanie eine genaue Schilderung seiner Gefangenschaft im russischen Bunker tief im Felsen der Küste gegeben – und auch, wie es ihm gelungen war, von dort zu fliehen. Auf einem Blatt Papier begann er noch in der Nacht, aus dem Gedächtnis Zeichnungen von der Umgebung, den versteckten Widerstandsnestern und Minenfeldern anzufertigen und deren Lage, so gut es ging, zu bestimmen. Der Hauptmann erkannte sogleich, dass Paul durch seine ausgezeichneten Geländekenntnisse hervorragend dafür geeignet war, sich in vorderster Linie zu bewähren. Per Funkspruch gab er alle Informationen durch, die er von ihm erhalten hatte. Dennoch würde es ein schwieriges Unternehmen werden, der Festung Sewastopol Herr zu werden. In unaufhörlichen Diskussionen rang man darum, wie man am besten vorgehen sollte. Der erste, von General von Manstein entwickelte Plan, die Festung von Norden und vom Land her mit seiner 11. Armee möglichst lückenlos von allen Seiten einzukreisen und abzuschließen, um den Hafen der Ssewernaja-Bucht unter Kontrolle zu bekommen, war ja von ihm selbst inzwischen verworfen worden. Trotzdem das Gelände und vor allem die Bunker im felsigen Gelände aus der Ferne erfolgreich bombardiert werden konnten, würden die Panzer-Divisionen am tiefen, gut verteidigten Panzergraben mit seinen Drahtverhauen und unzähligen Hindernissen sicher schon bei der ersten Angriffswelle scheitern. Außerdem erwarteten kampfbereite Russen sie gerade an dieser Stelle, und so würde es hohe Verluste geben.

Ein weiterer Plan stand jetzt im Raum, der erwogen und mehrfach als zu unsicher und gefährlich verworfen wurde, bis General von Manstein ihn wieder aufgriff und leidenschaftlich verteidigte. Wenn man nun den Angriff im Norden nur vortäuschte, um die Aufmerksamkeit des Gegners auf diesen Punkt zu lenken, sich aber zur gleichen Zeit unbemerkt von der Seeseite her näherte? Eine tollkühne Idee, und wenn das Wagnis glückte, hatte man gewonnen. Nach einigem Hin und Her wurde beschlossen, bemannte Sturmboote ostwärts von Feodosia auf den Weg über das nächtliche Meer zu schicken. Sie sollten sich leise rudernd heranpirschen – erst ganz nahe am Ufer die Motoren anlassen. Das Unternehmen war gewagt, schwierig, von Zufällen abhängig und deswegen hoch gefährlich. Bis tief in die Nacht hinein saß der General mit seinem Stab über den letzten Planungen. Dann war die »Operation Störfang« festgelegt.

Wenn das Durchbrechen an der südlichen Front gelang, die Sturmboote unbemerkt zur Landung kamen, konnte es gelingen, die Sowjets von der Krim und aus der Festung Sewastopol zu vertreiben.

Schnell hatten sich mutige Männer gefunden, die mit dem Navigieren von Booten vertraut waren. Alle dafür eingesetzten Soldaten ahnten, dass es ein Selbstmordkommando sein konnte, aber sie zögerten keine Minute, auch wenn sie genau wussten, dass, wer im Boot auf den schwankenden Wellen trieb, im Fall einer Entdeckung als Zielscheibe diente und keine Rettung mehr erwarten konnte.

Paul hatte sich freiwillig gemeldet, da er mit seinem Vater oft genug auf den stürmischen Wellen der Ostsee gesegelt war und die Tücken des Meeres kannte. Alle hofften, dass man mit einer täuschenden List, einem einzigen Schachzug den Gegner auf einen Schlag mattsetzen konnte! Der Befehl erging, die Vorbereitungen liefen an. Die »Operation Störfang« konnte beginnen.

Während großer Gefechtslärm im Norden anbrach, wurden auf der anderen Seite still und heimlich Sturmboote und Waffen über die Felsen geschleppt und nicht ohne Mühe zu Wasser gelassen.