2. Kapitel
HEIMATURLAUB
›Meine Liebste!
Entschuldige das fürchterliche Gekritzel, aber ich schreibe dir heute mit links aus dem Lazarett in Smolensk. Meine rechte Hand ist vorgestern operiert worden, und man hat mir den Mittel- und Ringfinger amputiert. Trotz Fieber und scheußlicher Schmerzen bin ich mir ganz dessen bewusst, welch großes Glück es war, aus einer nicht mehr steuerbaren, abstürzenden Maschine heil entkommen zu sein! Ich schwöre es Dir: Im Moment der Gefahr war meine einziger Gedanke, meine einzige Sorge, Dich, mein Herz, nie mehr wiederzusehen! Nur der Gedanke an Dich hält mich aufrecht, tröstet mich; sofern man von Trost sprechen kann – denn um mich herum gibt es nur ein einziges Stöhnen und Klagen, Tod und immer neuen Schrecken. Gestern, in den späten Abendstunden, als ein Lazarettzug am Bahnhof von Smolensk gerade abfahrbereit war, griff ein russischer Bomber den Bahnhof an und warf seine Bombenlast genau über dem Zug mit dem Rot-Kreuz-Zeichen ab, ein Signal, das ihn eigentlich schützen sollte! Wie ist so etwas möglich, wie kann so etwas geschehen? Dieser Krieg wird immer grausamer und unmenschlicher! Um ein Haar wäre auch ich in diesem Zug gewesen – doch es gab dringendere Fälle, und so sollte ich erst in den nächsten Tagen abtransportiert werden. Das hat mir wieder einmal das Leben gerettet! Doch das entsetzliche Chaos unter den Verwundeten nach dem Angriff werde ich wohl nie mehr vergessen. Die ganze Nacht hatten die Ärzte im Lazarett zu tun, um die Todkranken zu versorgen. Direkt neben mir lag ein Siebzehnjähriger, der mit immer schwächer werdender Stimme nach seiner Mutter rief – ich habe versucht, ihn zu beruhigen, und hielt seine Hand, bis er starb …‹
Paul ließ seinen verkrampften linken Arm sinken, die Anstrengung hatte ihn ermüdet. Sollte er Magdalena überhaupt von Leid und Verwundung schreiben? Er bewegte die geschwollenen, restlichen Finger der rechten Hand, nahm den Stift und fuhr dann krakeliger als zuvor fort.
›Sobald ich gesund bin, bekomme ich Erholungsurlaub in der Heimat. Ich kann es gar nicht erwarten, Dich endlich wieder in meinen Armen zu halten! Ich küsse Dich zärtlich Dein Paul‹

Ein neuer, ebenfalls überfüllter Lazarettzug nahm wenige Tage später Paul auf und brachte ihn mit vielen anderen Kranken mit einigen Unterbrechungen sicher nach Westen in ein Lazarett. Ein verborgener Splitter komplizierte die Heilung der Hand und erst nach zwei weiteren Nachoperationen traf er im Frühling endlich in Königsberg ein. In der Stadt merkte man im Übrigen nicht allzu viel von den Unruhen des Krieges; da sie ein wenig außerhalb des Brennpunkts lag, hatte sich das Leben dort bisher nicht allzu sehr verändert.

Als er sich im Spiegel betrachtete, bekam er zunächst einmal einen Schrecken. Dieser bleiche, abgemagerte Bursche mit dem verlausten Haarschopf und der verbundenen Hand hatte wirklich wenig gemeinsam mit dem blonden muskulösen Mädchenschwarm, der er zuvor gewesen war. So konnte er Magdalena auf keinen Fall unter die Augen treten!

Nachdem er sich einige Tage ausgeruht, sein Äußeres hergerichtet und sich mit guter Kost entsprechend von seiner Mutter hatte pflegen lassen, passte er Magdalena vor der Albertina-Universität ab.

Sie errötete vor Freude, als sie ihn sah. Aber erst an ihrem heimlichen Treffpunkt am Oberteich konnte er sie dann endlich in die Arme schließen. »Magdalena!« Die Seligkeit, die er empfand, entschädigte ihn für alles, was er inzwischen erlebt hatte. Nach dem ersten, kaum enden wollenden Kuss hielt er sie ein Stück von sich weg, um sich endlich an ihrem süßen Gesichtchen, von dem er all die einsamen Stunden auf der harten Feldpritsche geträumt hatte, satt zu sehen. Doch ihre sanften braunen Augen schienen ihm verschattet und um ihren Mund entdeckte er einen bitteren Zug. Liebte sie ihn vielleicht nicht mehr?

»Was ist? Was hast du?«, fragte er mit leisem Erschrecken.

»Ach …« Statt einer Antwort seufzte Magdalena und senkte den Kopf. Tränen schossen ihr in die Augen und strömten langsam über ihr Gesicht. »Lutz, mein Bruder – er ist gefallen! Ich wollte es dir nicht schreiben – es ist so unendlich traurig. Wir vermissen ihn so sehr!«

»Dass es gerade ihn treffen musste«, murmelte Paul und schloss beschützend die Arme um sie, »dass er einen solchen Preis zahlen musste!« Sie barg ihren Kopf an seiner Brust und schluchzte. Erst nach einer Weile war sie imstande zu sprechen.

»Den Preis für was?«, brachte sie mit erstickter Stimme hervor. »Dafür, dass wir den Krieg gewinnen? Er wollte ihn nicht. Er war sanft und friedlich – aber man hat ihn dazu gezwungen. Sein Leben ist vorbei – seine Beerdigung hat alles in unserer Familie verändert. Nichts wird mehr so sein wie vorher. Sein Tod war völlig sinnlos. Und seitdem habe ich Alpträume – Angst um dich!« Sie sah zu ihm auf. »Siehst du denn nicht, dass alles, was Hitler will, Wahnsinn ist? Es kann nicht gut ausgehen! Und wenn wir gewinnen – wie soll dann unser Leben aussehen? Deutschland wird ein Überwachungsstaat werden! Lutz hat das schon immer gewusst – er wollte Widerstand leisten, aber er hat es nicht geschafft. Aber ich habe mir geschworen, sein Werk fortzusetzen!«

Paul runzelte die Stirn und ließ sie los. »Aber Liebling! Was redest du da – welches Werk willst du denn fortsetzen? Du als Frau kannst doch in dieser Maschinerie gar nichts bewirken. Es wäre Unsinn, dich mit irgendwelchen Torheiten in Gefahr zu bringen.«

»Torheiten?«, unterbrach ihn Magdalena und sah ihn mit tränenfeuchten Augen an. »Ich sehe das anders. Und das ist mein heiliger Ernst!«

»Du wirst nichts ändern können, glaub mir doch! Es besteht gar kein Grund dazu – wir haben bis jetzt immer gesiegt und wir werden auch weiter siegen! Deinen Bruder hat es erwischt, so wie es jedem von uns gehen kann. Er ist den Heldentod gestorben! Und Deutschland steht eine große Zukunft bevor, genauso wie der Führer es uns versprochen hat!«

»Der Führer! Das glaubst du doch wohl selbst nicht! Hast du nicht von der Konferenz am Wannsee gehört, von den Verhandlungen über die sogenannte Endlösung der Judenfrage? Endlösung – das bedeutet Tod, Vernichtung! Es ist einfach Wahnsinn! Die Juden sind doch nicht anders, nur weil sie eine andere Religion haben!«

Paul zögerte. »Ja, das dachte ich auch. Eigentlich habe ich gar nichts gegen sie. Aber man kann ihnen nicht trauen, sie nehmen uns Arbeitsplätze weg, horten Geld …«

»Das sagen nur Hitler und seine Generäle«, eigensinnig schüttelte sie den Kopf, »und alle glauben es! Aber es ist nicht wahr!«

»Können wir nicht über etwas anderes reden«, lenkte er ab, »wir haben doch nur so wenig Zeit für uns! Mit dieser Diskussion werden wir die Weltgeschichte nicht ändern. Lass uns doch nur einfach unser Zusammensein genießen – die wenigen Stunden, die wir haben!« Er zog sie näher zu sich, küsste zärtlich ihr Haar, ihren Nacken und ihren Mund. Dann umfasste er ihr Gesicht mit beiden Händen, hob es zu sich empor und sah ihr mit ungewohntem Ernst in die Augen. »Ich möchte, dass du so bald wie möglich meine Frau wirst!« Er stieß es so heftig hervor, als habe es ihm schon die ganz Zeit auf der Zunge gebrannt. »Am liebsten gleich! Ich will nicht mehr warten! Wenn du mich wirklich lieb hast, dann lass uns heiraten, bevor ich wieder ins Feld ziehe!«

Magdalena verharrte eine Weile reglos und sah in seinen blauen Augen jene treuherzige Entschlossenheit, die sie gleich zu Beginn ihrer Liebe in den Bann gezogen hatte. Sie konnte nicht anders und fiel ihm um den Hals. »Ja, ja, tausendmal ja! Ich hab dich lieb – und ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen, als für immer zu dir zu gehören!«, hauchte sie ihm ins Ohr. Doch dann fiel ein Schatten über ihr Gesicht und sie senkte den Kopf. »Aber nicht jetzt, Paul – nicht in diesem ungünstigen Moment, so kurz nach Lutz Tod. Meine Mutter würde nicht zustimmen … vielleicht später, wenn sie alles ein wenig verwunden hat … «

»Ich weiß schon, sie mag mich nicht!«, Paul hatte sie losgelassen und sah trotzig zu Boden. »Ich bin ihr eben nicht gut genug. Der Sohn eines Druckers kann sich eben nicht mit einem Ministerialrat aus alter preußischer Adelsfamilie messen.«

Magdalena seufzte. Sie wusste, dass er die Wahrheit sprach. Die Mutter zog jedes Mal indigniert die Augenbrauen hoch, wenn die Rede auf Paul kam.

»Wir könnten uns heimlich verloben!«, schlug sie zaghaft vor, »dann wissen wir, dass wir zusammengehören! Komm!«, sie zog ihn mit sich. »Lass uns Ringe kaufen! Ich werde es Mama später ganz schonend beibringen – und in deinem nächsten Urlaub heiraten wir. Egal, ob sie einverstanden ist oder nicht!« Lächelnd sah sie ihn an, dann riss sie sich los und lief quer über die mit Löwenzahn übersäte Wiese. Paul blickte ihr ein wenig verwirrt nach. So hatte er es sich eigentlich nicht vorgestellt – aber das Wichtigste war doch, dass Magdalena ihn liebte und zu ihm hielt! Das Gefühl, dass sie ja gesagt und ihm für immer angehören wollte, machte ihn stolz und weitete seine Brust. Er rannte ihr nach und als er sie lachend einfing, sanken sie gemeinsam auf den weichen Grasboden. Schwindlig vor Liebe und vom Glück des Augenblicks wie berauscht, schloss er sie so fest in seine Arme, als wolle er sie nie mehr loslassen.

Die beiden Wochen des Urlaubs zogen wie ein schöner Traum an ihnen vorbei; es herrschte wunderschönes Frühlingswetter in Königsberg, und der Krieg war so weit weg wie ein böses Märchen, von dem man hoffte, dass es ein gutes Ende nehmen würde. Magdalena stahl sich in jeder freien Minute von zu Hause fort und schwänzte sogar einige Vorlesungen der Universität. Sie hatten sich Ringe gekauft und sie einander in der Nikolaikirche angesteckt. Magdalena bewahrte ihren Ring jedoch lieber in einem Medaillon auf, um die Mutter und Großmutter nicht zu beunruhigen. Die beiden Frauen, die jeden Tag das Grab von Lutz besuchten, waren so in ihrer Trauer erstarrt, dass es ihnen gar nicht auffiel, dass Magdalena, statt in ihrem Zimmer für die Prüfungen zu arbeiten, den ganzen Tag bei Paul verbrachte.

Pauls Mutter, Erika Hofmann, war eine temperamentvolle, jung gebliebene Frau, die seit dem Tod ihres Mannes den bescheidenen Papiergroßhandel weiterführte, der von der kleinen Druckerei, die ihr Mann in der Wirtschaftskrise übereilt verkauft hatte, geblieben war. Er hatte sein mühsam erarbeitetes Geld auf die Bank gebracht, doch diese machte wenig später Bankrott. Pauls Vater überlebte den Schicksalsschlag nicht lange – der Kummer über seine Unvorsichtigkeit brachte ihn ins Grab, und die Mutter versuchte, sich wenigstens die Kunden des Papiergroßhandels zu erhalten. Nachdem sie den Vertreter entlassen musste, besuchte sie selbst die Druckereien und kaufte in den Fabriken zum günstigsten Preis ein. Nun bewohnte sie mit ihrer noch ledigen Tochter Christine eine bescheidene Wohnung in einem Reihenhaus der Vorstadt mit einem kleinen Lager für die Papiervorräte. Die Wahl ihres ältesten Sohnes betrachtete sie zunächst mit dem üblichen Misstrauen einer zukünftigen Schwiegermutter. War dieses verwöhnte Fräulein von Walden, das Philosophie studierte und sich sicher wenig mit Haushaltsfragen beschäftigte, wohl die Richtige für ihren Sohn? Aber beim ersten Kennenlernen schloss sie das junge Mädchen mit dem blonden, zu einem dicken Zopf gebundenen Haar, dem ernsten, träumerischen Gesicht und den wachen, lebendigen Augen sofort in ihr Herz.

Weder Paul noch Magdalena kümmerten solche Fragen. Sie waren einfach nur glücklich, zusammen sein zu können. Paul schob den Gedanken an ein Ende der unbeschwerten und glücklichen Tage weit von sich; ahnte er doch dunkel, dass seine Karriere bei der Fliegerstaffel Richthofens seiner amputierten Finger wegen wohl endgültig vorbei war. Sein Traum vom Fliegen war geplatzt – aber was kam jetzt? Wohin schickte man ihn, den ausgebildeten Maschinenbauingenieur, der seine rechte Hand, die zwar jetzt einigermaßen verheilt war, nicht mehr richtig gebrauchen konnte? Als er sich bei der Frontleitstelle meldete, versuchte er vergeblich, das bange Vorgefühl, das ihn überkam, zu unterdrücken. Man beschied ihm zunächst, er sei nun der 11. Armee zugeteilt, die unter Generaloberst von Manstein um die Vorherrschaft auf der bereits von deutschen Truppen besetzten Krim kämpfte. Die Fahrt mit den Soldaten sollte zusammen mit Transportmitteln und anderem Material auf den Güterwaggons eines Zuges nach Odessa gehen und von dort mit Fahrzeugen weiter über die Landenge von Perekob. Als der Zug sich in Bewegung setzte, war ihm schwer ums Herz. Der Abschied von Magdalena schien ihm das Schlimmste; er hatte jetzt schon Sehnsucht nach ihr, vor allem, weil ihm niemand sagen konnte, ob und wann sie sich das nächste Mal wiedersahen!

Gertraud, das Pummelchen in der Familie von Walden, saß am Tisch der penibel aufgeräumten Küche, schmierte sich gerade ein Butterbrot und häufte dick Marmelade darauf. Die Köchin hatte heute ihren freien Tag, und den nahm Gertraud gerne zum Anlass, sich aus allen verbotenen Töpfen mit Köstlichkeiten aus der Speisekammer zu bedienen. Sie sah ihrer Schwester neugierig entgegen. »Na, ist er weg?«, fragte sie zwischen zwei Bissen mit vollem Mund.

Magdalena ließ sich auf einen Stuhl fallen, stützte den Kopf in die Arme und antwortete nicht.

»War’s denn wenigstens schön?«, setzte Gertraud betont gedehnt hinzu und leckte sich das rote, klebrige Gelee von den Lippen. »Willst du auch was?«

Die Schwester schüttelte müde den Kopf. Sie fühlte sich wie ausgebrannt, seit Paul fort war, und hatte zu nichts Lust, nicht einmal zu reden.

»Sei froh, dass Mama nichts gemerkt hat …«, fuhr Gertraud fort und biss noch einmal herzhaft in ihre Schnitte.

»Was?«, fuhr Magdalena auf, »was soll sie gemerkt haben?«

»Na, dass du zweimal sogar die ganze Nacht weg warst!«, prustete Theo, der mit seinem Fußball unter dem Arm in der Tür stand. Er kickte den Ball voran, dribbelte hinterher und stibitzte Gertraud, die entrüstet aufschrie und ihn wegschubsen wollte, im Vorbeilaufen das Marmeladenbrot.

»Wir sind doch nicht blöd – uns kannst du doch nichts vormachen. Aber nett ist er, dein Paul, da kann man nichts sagen. Jedenfalls ist er nicht schlecht im Fußball, hat gleich ein Tor gemacht, neulich, als er uns auf der Wiese spielen sah.« Theodor kaute in gebührendem Abstand von Gertraud mit vollen Backen, steckte den Löffel in das Glas mit Johannisbeergelee und stopfte sich noch einen ganzen Löffel davon in den Mund. Gertraud war aufgesprungen, rannte um den Tisch herum und versuchte, ihn zu erwischen. »Immer musst du gleich so unverschämt sein und alles nehmen«, zeterte sie. »Das merke ich mir. Da kannst du demnächst was erleben!«

Theodor beachtete sie nicht, baute sich vor Magdalena auf und streckte die offene Hand aus. »Was kriege ich, damit ich nicht petze?«

»Du spinnst ja!«, fuhr Magdalena auf. »Gar nichts kriegst du. Außerdem werde ich Paul heiraten, ob es Mama passt oder nicht!«

»Ich hab gehört, wie sie zu Oma sagte, dass so ein Habenichts ihr nie ins Haus käme – schon gar nicht als Schwiegersohn!«, triumphierte er feixend. »Der hat nichts und ist nichts, ja, genau das hat sie gesagt. Frag Gertraud, die hat es doch auch gehört!«

Die Schwester nickte beifällig, während sie sich die goldgelbe Butter fingerdick aufs Brot strich. »Der Gottfried von Treskow war übrigens hier – er hat nach dir gefragt. Er hat so eine vornehme Art, der weiß, was sich gehört. Von mir aus könnte er öfter vorbeikommen!«

»Ist das der schlaksige, pickelige Jüngling mit dem großen Adamsapfel?« erkundigte sich Theo glucksend. »Sag bloß, dass der dir gefällt?«

Gertraud zog es vor, nicht zu antworten, und strafte den kleinen Bruder nur mit einem giftigen Blick.

»Ach, lasst mich doch in Ruhe mit euren Streitereien!« Magdalena, der jetzt bei jeder Gelegenheit die Tränen in die Augen traten, presste die Lippen zusammen. »Und wenn Mama etwas gegen Paul hat, geh ich einfach mit ihm fort, ganz weit weg!« Sie schluchzte auf und lief, so schnell sie konnte, in ihr Zimmer.

Die Geschwister sahen ihr erstaunt nach. Gertraud schüttelte den Kopf: »In letzter Zeit ist sie wirklich übertrieben empfindlich. Ich konnte ihr nicht mal sagen, dass Mama Gottfried von Treskow zum Abendessen eingeladen hat. Ich werde mich schon mal umziehen.«

Theo ließ ein künstliches Stöhnen hören. »Ach du liebe Zeit! Das wird ja wieder ein langweiliger Abend! Dauernd erzählt er von seinen Heldentaten – oder er fragt mich, was wir in der Schule gemacht haben.« Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Der ist doch blöd – ich kann ihn einfach nicht leiden!«

»Du bist selber blöd!«, kreischte Gertraud entrüstet auf. »Ich find ihn sehr, sehr nett! Mir bringt er auch immer Pralinen mit!«

»Du bist ja total verknallt in ihn!«, stellte Theo schadenfreudig fest und brachte sich vorsichtshalber in Sicherheit. Doch der erwartete Protest blieb aus, Gertraud schraubte mit einem fast träumerischen Blick den Deckel über das Marmeladenglas, nahm die Butter und stellte alles zusammen wieder in die Speisekammer zurück. Im Vorbeigehen betrachtete sie sich selbstvergessen im Spiegel, drehte und wendete sich und zog ein paar Locken aus ihrem Pferdeschwanz. Sie freute sich auf den Abend.

In ihrem Zimmer betrachtete Magdalena das Amulett mit der heiligen Jungfrau, das sie Hanna Kreuzberger zurückbringen wollte. An der tristen Beerdigung von Lutz hatte das junge Mädchen zwar teilgenommen, war aber ohne ein Wort ganz plötzlich verschwunden gewesen. Und ihr selbst war danach immer etwas dazwischengekommen, das sie abgehalten hatte, die Kaufmannsfamilie, die vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Königsberg ein großes Warenhaus besaß, aufzusuchen. Die Kreuzbergers hatten nach einiger Zeit, zermürbt von häufigen Attacken, eingeschlagenen Fensterscheiben und an die Wand geschmierten ›Juden raus‹ – Parolen, ihr Geschäft geschlossen und sich ins Privatleben zurückgezogen. Eines Tages war Hannas Vater unter undurchsichtigen Gründen vorübergehend ins Quednauer Gefängnis gebracht worden. Seitdem wusste man nichts mehr von ihm.

Matt sank Magdalena auf ihr Bett, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte gegen die Decke. Der Abschied von Paul hatte sie aufgewühlt und mit dunklen Gedanken erfüllt. Sie spürte weder Lust zum Lesen, noch dazu, sich auf die Vorlesung morgen in der Universität vorzubereiten. Nach einer Weile erhob sie sich seufzend. Sie musste es endlich hinter sich bringen und sich jetzt gleich zu Fuß auf den schweren Gang zu Hanna machen. Vielleicht würde dieser Besuch sie ja auch auf andere Gedanken bringen.

Als sie nach einem längeren Spaziergang schließlich vor dem großen Portal stand, an dem ein Mädchen mit Haube und weißer Schürze ihr erst nach geraumer Weile öffnete, spürte sie sofort die beklemmende Atmosphäre, die Angst, die unsichtbar hinter diesen Mauern herrschte. Schon eine Weile war Hanna nicht mehr zu den Vorlesungen gekommen – vielleicht hatte sie das wachsende Misstrauen entmutigt, die Abneigung gegen alles Jüdische, die Verachtung, die ihr plötzlich entgegenschlug.

Im Haus war es ungewöhnlich still, niemand von der Familie ließ sich sehen, als sie hinter dem Mädchen die Treppe zu Hannas Zimmer im ersten Stock hinaufstieg. Hanna stand am Fenster, als sie eintrat. Sie war blass, in einem dunklen Kleid mit weißem Kragen, und ihre zierliche, kleine Gestalt wirkte geradezu zerbrechlich.

»Guten Tag, Hanna!« Magdalena ergriff ihre Hand, die kalt und schlaff war. Sie versuchte, ein paar belanglose Worte zu drechseln, tat so, als habe sie Hanna an der Universität vermisst und geglaubt, sie sei krank. Doch der traurige Blick aus ihren dunkel umschatteten Augen machte sie verlegen. Unvermittelt unterbrach das Mädchen ihre Rede. »Ich bin sehr froh, dass du mich besuchst, Magdalena. Aber du weißt bestimmt nichts von dem Furchtbaren, das inzwischen mit uns geschehen ist. Man hat nach meinem Vater nun auch meinen Bruder Felix verhaftet und weggebracht – vielleicht in irgendein Gefangenenlager!« Ihre Stimme erstickte und sie musste sich erst wieder fassen. »Und bald wird man Mama, mich und Jakob auch holen. Dann sollen wir, wie alle Juden in Königsberg, deportiert werden. Wohin, weiß keiner.«

Hanna verzog das Gesicht, bedeckte die Augen mit der Hand und wandte sich ab.

Bestürzt sah Magdalena sie an. »Felix – man hat ihn verhaftet? Ich hatte ja keine Ahnung.« Ihr fehlten für einen kurzen Moment die Worte. »Du meinst, man wird es wagen …«, sie brach ab, weil sie das Wort nicht herausbrachte und schüttelte den Kopf. »Aber doch nicht euch, eine der angesehensten Familien in Königsberg?«

»Seit zweihundert Jahren leben wir hier – mein Vater ist Ehrenbürger«, sagte Hanna mit tonloser Stimme und wischte sich die Tränen ab. »Aber jetzt weiß ich nicht mehr, was ich tun soll. Mutter liegt mit Fieber im Bett, sie fantasiert und hat ein schwaches Herz. Der Doktor kommt nicht, jeder wendet sich von uns ab. Diesen Kummer, diese Demütigung, als sie Vater abführten und dann Felix verhafteten … das hat Mutter völlig zerschmettert.«

Magdalena blieb stumm. Sicher hatte man den Juden unter dem Nationalsozialismus das Leben in den letzten Jahren schwer genug gemacht, ja die meisten bereits aus Königsberg vertrieben – aber das, was jetzt geschah, spottete aller Humanität. Auch wenn die Ergebnisse der Konferenz am Wannsee bereits als bedrohlicher Schatten am Horizont der Zukunft standen, so machte es doch Mühe, die Unmenschlichkeit zu begreifen, mit der man die Stadt mit dem Flüstergespenst des Terrors unterhöhlte.

»Hanna, du musst fliehen – dich irgendwo verstecken, sofort!«, beschwor sie in einem ersten Impuls das Mädchen, das darauf nur unsicher die Schultern zuckte und sie mit großen, verweinten Augen ansah. »Aber wohin soll ich denn gehen?« Ihre Stimme klang wie ein Aufschrei. »Ich kann doch meinen Bruder und meine Mutter nicht allein hier lassen! Jakob ist noch klein – er versteht ja gar nicht, worum es geht! Als Lutz noch lebte«, ihre Stimme erstickte, sie brach in heftiges Schluchzen aus und war erst nach Weile in der Lage weiterzusprechen, »da haben wir überlegt, ob wir zusammen fliehen sollten. Aber dann wagten wir es nicht – es ging auch alles so schnell, als er eingezogen wurde. Es sollte eben nicht sein.« Mit einem tiefen Seufzer brach sie ab. »Ich danke dir jedenfalls, Magdalena, dass du überhaupt gekommen bist. Ich muss mich wohl in mein Schicksal fügen …«

»Musst du nicht«, unterbrach Magdalena sie scharf. »Ich kann nicht zulassen, dass man dich von hier verschleppt. Das bin ich meinem Bruder schuldig! Komm mit zu mir. Ich versteck dich, wenn es nötig ist. Bis alles vorbei ist …«

Hanna schüttelte abwehrend den Kopf. »Verstecken? Aber nein, wie stellst du dir das vor? Soll ich etwa hier weggehen und Mama, Jakob, das ganze Haus allein zurücklassen? Damit alles geplündert wird? Niemals!«

»Wie du willst! Aber ich wüsste nicht, was du sonst tun könntest!« Erschüttert sah Magdalena sie an. Dann besann sie sich darauf, weswegen sie überhaupt gekommen war. »Warte …«, sie zog das Amulett aus ihrer Tasche, »das wollte ich dir eigentlich schon die ganze Zeit zurückgeben. Lutz hatte es bei sich, als er …«, jetzt versagte auch ihr die Stimme und sie musste einen Augenblick innehalten, »in seinem letzten Moment.«

Hanna nahm das Amulett hastig an sich und küsste es mit tränenblinden Augen. Dann legte sie es sich um ihren Hals. »Ich werde es immer aufbewahren. Und ich danke dir – du bist sehr lieb zu mir! Das werde ich dir nie vergessen. Grüß alle, die mich kennen, von mir.«

»Versprich mir, dass du daran denkst – dass du zu mir kommst, wenn du in Schwierigkeiten bist!« Magdalena kamen die Worte wie von selbst über die Lippen, obwohl sie gar nicht wusste, wie es überhaupt möglich sein würde, Hanna und ihrer Familie zu helfen.

Hanna nickte mit einem schwachen Lächeln, bevor sie sich wieder zum Fenster wandte. »Adieu!«

Magdalena verließ bedrückt und mit langsamen Schritten das Zimmer. Die Leblosigkeit des Hauses, das Halbdunkel bei vorgezogenen Gardinen schien ihr plötzlich so unheimlich wie die Ruhe vor dem Sturm. Irgendetwas klapperte, als sie sich umwandte, sah sie einen kleinen, etwa fünfjährigen Jungen, der vor einem Kamin des Salons mit einer Spielzeuglokomotive spielte. Still hielt er ein, als sie vorbeiging, und sah sie aus großen dunklen Augen wortlos an. Das musste Jakob, Hannas jüngerer Bruder sein, von dem sie gesprochen hatte. Das arme Kind – welches Schicksal würde wohl auf ihn warten? Er schien zu spüren, dass etwas Unbegreifbares im Gange war, etwas Drohendes über allem lag, dem man sich nicht entziehen konnte. Magdalena versuchte ein Lächeln und ein Scherzwort, doch Jakob wandte sich mit ernster Miene ab und ließ seine Eisenbahn weiter hin und her fahren.

Als sie das Haus verließ und über die Straße ging, stand auf der anderen Seite plötzlich wieder der schlaksige Anton vor ihr und sah sie scheinbar verwundert an. »Das ist ja eine nette Überraschung«, sagte er gedehnt und grinste, »wir treffen uns bereits zum zweiten Mal... ganz zufällig! Was machst du denn hier?«

Magdalena war zusammengefahren, als er sie so unvermittelt ansprach, und versuchte, in seinen Knopfaugen unter dem straff zurückgebürsteten, aschblonden Haar irgendeine Absicht zu erkennen. Er versuchte ein einnehmendes Lächeln, das ihm aber misslang. Eine heftige Abneigung gegen ihn, sein knochiges Gesicht mit dem schmalen Mund, den er gerne zusammenpresste, um seine etwas schief geratenen Vorderzähne nicht sehen zu lassen, stieg in ihr auf.

»Ach Anton, du! Wohnst du hier?«, fragte sie und bemühte sich um eine freundliche Miene.

»Nicht direkt«, gab er mit besonderer Betonung zurück. »Hier wären mir zu viele Juden«, er streifte mit einem neidischen Blick die hübschen Villen und großzügigen Gärten. »Es störte mich, wenn ich jeden Tag in ihre dummen Gesichter sehen müsste! Die können sich natürlich mehr leisten als unsereiner. Aber das wird sich bald ändern, das garantiere ich dir.« Er verschwieg gerne, dass er eigentlich noch in einer engen, fast ärmlichen Mietwohnung mit seinen Eltern lebte. »Aber was machst du eigentlich hier?«

Magdalena schluckte und hatte schon eine schnippische Antwort auf der Zunge, dass ihn das eigentlich gar nichts anging. Dann besann sie sich. »Ich bin nur zufällig hier durchgekommen«, sagte sie leichthin. »Es ist eine ruhige Gegend, eigentlich ganz nett zum Spazierengehen. Ich muss noch einiges für meine Klausur lernen – das gelingt mir beim Spazierengehen am besten.« Sie hielt ihm ihre Mappe hin, als müsse sie ihre Worte beweisen. »Manchmal streife ich durch die Straßen und bin ganz verwundert, wo ich mich auf einmal befinde!«

»Verstehe. Wenn du erlaubst, begleite ich dich noch ein Stück. Und diesmal spricht ja wohl nichts gegen meine Einladung zu einem Kaffee, oder?« Er sah sie beinahe lauernd an.

Magdalena nickte; sie würde sich überwinden, um sich den eifrigen Parteigänger und Kommissaranwärter nicht unnötig zum Feind zu machen, oder, was genauso schlimm war, sich sein Misstrauen zuzuziehen. Irgendwie war sie sich nicht sicher, ob er ihr gefolgt und sie beobachtet hatte, oder ob diese häufigen Treffen wirklich nur dem Zufall entsprangen.

»Es wird Zeit, dass allmählich alle Juden in Königsberg enteignet werden und in die Judenhäuser der Vorstadt kommen«, begann er unvermittelt. »Die nehmen uns hier doch nur Platz weg, findest du nicht?«. Er nahm seine Brille ab und putzte die Gläser mit einem Taschentuch, während er Magdalena mit seinen kurzsichtigen grauen Augen anblinzelte. »Ich habe diesbezüglich bereits einen Antrag bei der Stadt gestellt.«

»Aber .. .ich kenne einige jüdische Mitbürger, die sehr viel für unsere Stadt getan haben, Dr. Friedländer, der Leiter des Kinderkrankenhauses zum Beispiel«, wagte Magdalena einen schwachen Einwand, »er hat meinem Bruder Theodor einmal das Leben gerettet, als er einen Blinddarmdurchbruch hatte … «

»Das hat doch damit nichts zu tun. Wir dürfen in Einzelfällen keine Ausnahme machen«, fuhr Anton sie scharf an. »Der Führer will eine rein arische Rasse – Mädchen wie dich zum Beispiel!«, fuhr er pathetisch fort und nahm vertraulich ihren Arm. »Mütter unserer zukünftigen Nation! Da haben die anderen keinen Platz. Sie müssen weg!« Dicht vor ihm stehend, schlug Magdalena sein schlechter Atem ins Gesicht, und sie sah wie unter einem Vergrößerungsglas sein weißes, unebenes Gesicht vor sich, das von der Erregung rote Flecken bekommen hatte, die fettige, aschblonde Haarsträhne, die ihm in die flache Stirn fiel, seine grauen, ausdruckslosen Augen unter farblosen Wimpern hinter der Brille. Unwillkürlich wich sie zurück und ging einfach weiter. Anton folgte ihr, und eine Weile schritten sie schweigend nebeneinander her, bis sie an der Konditorei Vogel anlangten. Anton schlug die Hacken zusammen, hielt ihr die Tür auf, und sie nahmen an einem kleinen Tisch in der Nähe des Fensters Platz. Man sah, dass er sich nun ganz in seinem Element fühlte. Die Ellenbogen aufgestützt, kaute er mit vollen Backen und schwafelte unablässig. Dabei blieben unappetitliche Reste und Tortenkrümel an seinem kurzen Oberlippenbart hängen, die Magdalena angewidert betrachtete und die ihr den Appetit auf die marzipanverzierte Schokoladentorte verdarben, die vor ihr stand. Dessen ungeachtet, erläuterte ihr Gegenüber die neuen Pläne der Partei, schwärmte von der Strategie des Führers und berichtete von Säuberungsaktionen der Stadt, die schon bald im Frühjahr geplant seien und bei denen man die unerwünschten Juden Königsbergs nach Russland abtransportieren würde. Magdalena erschrak zutiefst: Hanna hatte mit ihren Befürchtungen recht gehabt – es war fünf Minuten vor zwölf. Mit einem schleimigen Lächeln rückte Anton jetzt näher und versuchte, den Arm um sie zu legen. »Magdalena, du weißt, ich sehe dich sehr gern … wäre schön, wenn wir uns öfter treffen könnten. Was hältst du davon?«

Magdalena hätte ihm am liebsten einen Stoß vor die Brust versetzt, ihm eine Ohrfeige verpasst und laut Nein geschrien, so sehr fühlte sie sich von ihm und seiner ganzen Art abgestoßen. Aber sie beherrschte sich mit aller Gewalt und rückte nur beiseite. Mit einem sittsamen Augenaufschlag erwiderte sie. »Lass mir Zeit – der Tod meines Bruders hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen. Ich möchte mich im Augenblick nur auf mein Studium konzentrieren! Was die Zukunft bringt – das werden wir sehen.«

Anton schien entzückt und fügte salbungsvoll hinzu: »Du bist eben ein durch und durch deutsches Mädchen. Gradlinig, offen, pflichterfüllt. Gerade das gefällt mir so an dir! Darf ich dich wenigstens nach Hause begleiten?«

Magdalena verzog leicht das Gesicht, schüttelte den Kopf und reichte Anton die Hand. »Nein, Anton, ein andermal vielleicht. Ich habe noch ein paar Kleinigkeiten für meine Mutter zu erledigen. Aber ich danke dir für die Einladung.«

Anton sah ihr mit offenem Mund nach, als sie, leichtfüßig und als könne es ihr gar nicht schnell genug gehen, das Café verließ und um die nächste Ecke verschwand.