14
Ein Schatten schwimmt durch den Schlamm unter mir, gestaltlos. Er bekommt einen Kopf, ein helles Auge, Arme. Mit aufgesperrtem Rachen greift er nach mir. Ich springe auf und bürste mich ab.
Der weiße Felsblock ist noch da. Ich merke, ich muss hin.
Der Felsen ist nass und riecht nach dem Meer. Unten klebt Seetang an ihm. Um ihn herum liegen halb verdeckt kleinere Steine im Sand. Vielleicht Teile des Ganzen. Wenn man die Augen ein wenig zusammenkneift, sodass es dunkler wird, sehen sie wie Finger aus. Der Felsen ist ein Körper im Sand. Ich muss an den Mythos von dem steinumschlossenen Mann denken. In dem Felsen lassen sich bei genauem Hinsehen, wenn man nur will, die Konturen eines Gesichts erkennen, ein Gesicht, das nicht sprechen kann, weil es für alle Zeit erstarrt ist.
Andalus ist es allerdings nicht. Sein brüchiges Bild ist aus meinem Kopf verschwunden.
Ich setze mich in den Sand, lehne mich an den Felsblock. Greife nach ein paar Steinchen, lasse sie durch meine Finger rieseln. Ich bin von schwarzen Gesteinsbrocken umgeben, die von den einstürzenden Steilwänden ausgespien wurden. Und dazwischen dieser weiße, fremd, nicht hergehörig. Eine Halluzination.
Ich denke an die Toten zurück. Neunhundertundsiebzehn. Fortgespült wie die Kliffs im Regen.
Durch den Regen, das nasse Gras, das graue Licht kehre ich zur Höhle zurück. Über mir fliegt eine Möwe. Immer wieder drehe ich mich um und blicke nicht zum Horizont, sondern auf den Boden direkt hinter mir, den Schlamm. Meine Fußabdrücke hinterlassen eine Spur im Riedgras. Sie füllen sich mit Wasser. Wenn ich die Füße aus dem Schlamm ziehe, entsteht ein schmatzendes Geräusch, und schon schließt er sich wieder über der Spur. Ich bleibe einen Augenblick im Schlamm stehen. Meine Füße sinken ein, Schlamm sickert mir durch die Zehen. Ich stelle mir vor, dass sie auf etwas Kaltem stehen: einem Stein, einer Urne, einem Gesicht. Ich stelle mir vor, dass eine Hand sich von unten heraufstreckt, um mich zu berühren. Ich ziehe meine Füße heraus und gehe weiter. Nach ein paar Schritten sind die Spuren völlig verschwunden. Ich bleibe erneut stehen. Sinke wieder ein. Diesmal laufe ich weg. Ich laufe durch den Schlamm, bis ich zum Gras komme und nicht mehr einsinke. Vornübergebeugt schnappe ich nach Luft. So sollte ich nicht zittern.
In der Höhle lege ich Holz aufs Feuer und setze mich davor, ohne mich am Rauch zu stören. Ich bleibe sitzen, bis Dampf von meinen Kleidern aufsteigt. Aber trocken wird hier nichts. Nicht ganz. Bin ich vorne trocken, bin ich hinten nass. Drehe ich mich um, geht die feuchte Luft wieder ans Werk. Das Wasser lässt sich nicht aussperren. Ich rolle mich auf dem Riedbett zusammen und schließe die Augen.
Mitten in der Nacht erwache ich von lautem Pochen an der Tür, einem nicht nachlassenden Klopfen. Schlaftrunken stehe ich auf, um nachzusehen. Ich habe Angst und weiß nicht, was mich erwartet, ob Freund oder Feind, aber ich sehe trotzdem nach. Ich hätte keine Angst zu haben brauchen. Der Wind hat aufgefrischt, und die Tür klappert gegen den Stein. Draußen ist niemand. Dennoch grüße ich in die Dunkelheit. Meine Stimme hört sich komisch an.
Der Wind ist neu. So stark bläst er hier selten. In all den Jahren kam das erst ein- oder zweimal vor.
Am nächsten Tag stürmt es weiter. Ich liege noch auf der Matratze und füttere das Feuer mit Holz, Torf, allem, was ich habe. Der Rauch macht mich husten. Den zweiten Tag hintereinander esse ich nichts.
Stundenlang stehe ich vor der Wand der Zeit. Ich habe einen Stein in der Hand. Ich füge der Wand keine Kerbe hinzu. Ich lasse den Stein fallen.
Am Abend passiert es wieder. Ich höre die Tür im Wind klappern. Es hört sich an, als ob jemand klopft. Ich gehe hin, öffne die Tür und sage Hallo. Daraufhin scheint der Wind nachzulassen.
Am Morgen nehme ich meine Angel und gehe an den Strand. Ich stelle mich so hin, dass ich möglichst das Steilufer im Blick habe. Dennoch muss ich ab und zu nach der im Wasser liegenden Schnur sehen und kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass ich beobachtet werde, beobachtet von einem, der direkt hinter der Kliffkante kauert, den Mund dicht überm Gras, mit dem er vielleicht flüstert, genau wie er mir etwas zuflüstert, nur weiß ich nicht, was. Es ist eine Sprache, die ich nicht kenne.
Ich fange einen kleinen Fisch, gehe zur Höhle zurück und backe ihn in der Glut des Feuers.
Nachdem ich das Feuer zwei Tage fast ununterbrochen in Gang gehalten habe, sind meine Holz- und Torfvorräte aufgebraucht. Ich weiß, dass ich mich darum kümmern muss. Ich raffe mich auf und ziehe mit der Axt in der Hand los. Den Spaten lasse ich da. Zum Torfmoor will ich nicht. Noch nicht. Ich weiß, dass ich auch dort wieder hingehen werde. Aber vorläufig muss der Mann warten.
Der Weg zum Wald ist beschwerlich, und mir geht die Puste aus. Nahrungsmangel, sage ich mir. Ich erinnere mich nicht, dass es je so mühsam war. Meine Füße sinken sogar ein, wenn ich auf Gras laufe. Ich sehe auf sie runter. Wenn ich fester auftrete, steigt das Wasser an die Oberfläche. Gras und Schlamm glitschen mir über die Füße. Immer wieder blicke ich mich um, warte ich darauf, dass hinter mir Hügel entstehen, als würden sie von einem mannsgroßen maulwurfartigen Geschöpf aufgewühlt. Nie tut sich etwas.
Ich erreiche den Wald. Der Boden ist hier etwas höher als das umliegende Flachland.
Wald kann man es nicht mehr nennen. Ein Kreis von hundertfünfundzwanzig dürren Bäumen. Um sie herum ein brauner Nadelteppich. Die Bäume sind keine vier Meter hoch. Ein Fachmann kann sie mit je zwanzig Axthieben schlagen.
Dunkel ist es hier. Dunkel durch die Bäume.
Als ich mich in die Mitte des Baumkreises stelle, kann ich schauen, wohin ich will, immer ist in meinem Rücken ein mögliches Versteck. Schaue ich nach Norden, zur Steilküste hin, spüre ich, dass sich hinter mir etwas bewegt. Schaue ich nach Süden, Richtung Torfmoor, verzieht sich die Gestalt nach Norden.
Die Schemen hinter meinen Augenlidern sind immer bei mir.
Ich sehe wieder auf meine Füße. Wenn ich mir diesen anderen nicht einbilde, muss er sich unterirdisch fortbewegen. Durch ein Netz von Tunneln, das sich unter dem Wald herzieht, mit verborgenen Eingängen. Oder sie laufen unter der gesamten Insel durch. Ein Vermächtnis aus der Zeit des Qualms. Müsste ich nur graben, um einen Tunnel, ein Tunnelnetz, ein ganzes Labyrinth von Gängen zu entdecken, eine Siedlung oder sogar eine Stadt? Liegt eine Welt unter mir? Eine Welt, in der Wesen auf den Spuren des Landtiers umherhuschen, dessen Anwesenheit sie über sich spüren? Sie warten auf den geeigneten Zeitpunkt, es durch Schlick, Moos, Erde zu sich hinabzuziehen. Vielleicht sind die Tunnel mit Wasser gefüllt. Vielleicht laufe ich auf einer hohlen Insel herum, an der nur die Oberfläche fest ist.
Ich nehme die Axt, schwinge sie über den Kopf und schlage sie mit voller Wucht in die Erde. Sie fährt durch Laub und Erdreich und trifft dann auf etwas Festeres. Ich grabe hektisch mit den Händen, doch es ist nur eine Wurzel. Ich habe eine Wurzel glatt durchtrennt. Saft sickert aus der Wunde.
Ich weiß, was ich zu tun habe, weiß, was ich will. Ich ergreife wieder die Axt und mache mich an den ersten Baum. Nach ein paar schnellen Schlägen sind jedoch meine Finger feucht, die Axt fliegt mir aus den Händen, und ich rutsche selber aus. Ich stehe auf und sehe etwas aus dem Augenwinkel. Etwas Weißes huscht hinter den Bäumen entlang. Ich rufe, höre aber nur mein eigenes Echo. Ich bin zu schnell aufgestanden und außer Atem. Punkte tanzen mir vor den Augen, und ich muss mich zwischen den Kiefern hinsetzen. Wo ich die Gestalt gesehen zu haben meine, ist nichts mehr.
Ich hacke weiter. Jetzt gehe ich langsam und systematisch vor. Ab und zu blicke ich mich um. Als der Baum fällt, schneide ich Laub und Äste nicht ab, sondern mache mich an den nächsten Baum. Und als der fällt, an den nächsten und wieder den nächsten. Ich hacke die ganze Nacht durch. Woher ich die Ausdauer nehme, weiß ich nicht. Mitte des nächsten Nachmittags liegt jeder einzelne Baum am Boden. Von einem schneide ich die Äste ab und nehme so viele mit, wie ich tragen kann.
Ich laufe mit meinem Bündel durchs Gras. Erst, als ich wieder in der Höhle bin, merke ich, wie ich keuche.
Völlig durchgefroren liege ich in der Nacht wach. Ich werfe noch einen Schwung Holz aufs Feuer und lege mich wieder auf das feuchte Gras. Ich ziehe die Jacke enger um mich. Ich schließe die Augen und denke an Tora. Die freundlichen Worte, das Lächeln. Auch an Amhara denke ich, wie sie läuft und lacht und in einer menschenleeren Siedlung um die Ecken fegt. Im Gedanken an die Berührung von Toras warmem Körper schlafe ich ein, ihren Kopf an meiner Schulter, ihren Atem im Genick. Das sehe ich, das fühle ich im Einschlafen.
Heute schüttet es. Ich ziehe mich nackt aus und laufe hinaus in den Regen. Mit seitlich ausgestreckten Armen die Balance haltend, laufe ich den Hang hinunter, stolpere, purzele ein Stück, stehe auf und laufe weiter. Ich bin wieder zum Kind geworden. Nach ein paar Minuten ist mir nicht mehr kalt. Ich laufe auf die Ebene hinaus, und da wird es schwieriger. Meine Füße sinken ein, ich sehe mich wie in Zeitlupe, dann fliege ich durch die Luft. Ich lande mit dem Gesicht im Matsch und kann mich nicht abfangen, meine Arme sind nutzlos. Ich liege im Matsch, und er gerät mir in den Hals. Ich wälze mich herum, würge und lege mich auf den Rücken. Alle viere von mir gestreckt, ringe ich nach Atem. Und dann merke ich, wie es passiert: ich versinke.
Und im Versinken spüre ich die Hände. Sie betasten mich, suchen etwas zum Festhalten. Sie ergreifen meine Finger, meine Hände, ziehen sie nach unten und versuchen mich dann an den Haaren zu packen, doch ich schüttle den Kopf. Sie werden hektischer, rutschen aber von meinen nassen Armen und Beinen ab, und ich wälze mich immer wieder herum.
Ich bin jetzt voller Schlamm, wenn auch der Regen jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, einen Teil davon wegspült. Sicher bin ich ein merkwürdiger Anblick, weiße Oberseite, braune Unterseite. Ein Mensch in Auflösung.
Ich setze mich aufrecht und sehe mich um. Das Gras erstreckt sich endlos. Ich betrachte die Stelle, wo ich gerade gelegen habe. Der Schlamm bewegt sich, er lebt. Ich weiß, dass er dabei ist, sich zu setzen. Dennoch stehe ich rasch auf und gehe davon.
Ich gehe zum Torfmoor hinüber. Kurz davor halte ich an und gehe in die Hocke. Nichts rührt sich. Ich sehe nur Gras, Schlamm, Wasser.
Mir ist flau. Schwarze Punkte tanzen mir vor den Augen. Ich schließe sie, und alles dreht sich. Nahrungsmangel. Die Kälte.
Als ich die Augen öffne, steht er vor mir: ausgekugelte Schulter, zahnlos herabhängender Kiefer, rote Haarsträhnen, die im Wind wehen.
Dann ist er wieder weg, und ich sehe nur Schlamm, Wasser und den düstergrauen Himmel.
Ich rufe. Ich bringe das Gesicht nah an den Boden und brülle aus vollem Hals. Es ist kein Wort. Es ist nur ein Laut, ein tiefes Brüllen aus der Kehle. Der Schrei eines Tiers in seiner Höhle, das von Menschen verhöhnt wird.