7

Kurz vor Tagesanbruch erwache ich. Andalus hat den Arm um mich geworfen. Was empfinde ich für ihn, diesen Mann, dieses Gespenst? Die Wahrheit ist, ich empfinde immer weniger. »Empfinden« ist nicht das richtige Wort. Anfangs habe ich etwas empfunden. Für kurze Zeit hatte ich Angst, dann Mitleid, dann war ich wütend. Bis wir die Insel verlassen haben, schwankte ich zwischen Mitgefühl oder Verständnis und Abscheu darüber, dass er bei mir eingedrungen war und den Mund nicht aufmachte. Aber in die Wut mischten sich immer auch Schuldgefühle. Nicht nur, weil er vielleicht so viel durchgemacht hatte, dass er ein gebrochener Mann war, sondern auch, weil ich genau wusste, dass er mir als Vorwand diente, als Rückfahrschein von der Insel. Seine fehlende Bereitschaft, über die einfachste Mimik hinaus zu kommunizieren, ist in mancher Hinsicht nützlich. Wenn er mir die Wahrheit gesagt hätte, mit seiner Geschichte herausgeplatzt wäre, hätte ich es vielleicht nicht vor mir rechtfertigen können, die Insel zu verlassen und die Siedlung auf ihn aufmerksam zu machen. Sein Schweigen war mir nützlich. Ich bin mir über meine Beweggründe nicht im Unklaren. Aber ich muss ihn zum Sprechen bringen. Und zwar bald.

Während ich da im Halbdunkel liege, frage ich mich, wann ich wohl erkannt werde, als der gesehen werde, der ich bin, der ich war. Wer wird der Erste sein? Wer wird als Erster den Blick von seinem Teller heben und mich anstarren? Ob er dann die Zähne zusammenbeißt und die Stirn runzelt? Wird es still im Raum, während ich mich nichts ahnend dem warmen Essen und dem Wein widme, und sehe ich, wenn ich dann aufblicke, ein ganzes Heer von Männern, die finster ihren Exmarschall anstarren? Wer greift als Erster zur Sichel und geht auf mich los, schreit mich an, säbelt mich nieder?

Oder geht es freundlicher ab – ein Ausdruck des Wiedererkennens in den Augen des Marschalls, eine hochgezogene Braue und ein »Ach, Sie sind das!«?

Oder erkennt Tora mich als Erste? Wenn ich sie finde, dann bestimmt. Sie kann mich nicht vergessen haben. Einen Menschen, mit dem man fast ein halbes Leben lang das Bett geteilt hat, vergisst man nicht. Seinen Versorger vergisst man nicht. Den Mann, der die einzige Verwandte, die man noch hatte, aufhängen ließ, vergisst man nicht.

Das hat sie mir verziehen.

Sie musste es mir verzeihen. Es stand so im Gesetz.

Außerdem hatte sie mir selbst von der Hinfälligkeit ihrer Mutter erzählt, hatte sie selbst dem Henker die Tür geöffnet.

Das habe ich ihr verziehen.

Ich musste es ihr verzeihen. Ich selbst hatte sie gezwungen, ihre Mutter im Stich zu lassen, einen Menschen zu verraten, den sie liebte.

Warum sie es getan hat, darüber habe ich nicht weiter nachgedacht. Alle machten es ja so. Aber bei Tora war es anders. Sie war diejenige, die gesagt hatte: »Lieber sterben als zum Mörder an den eigenen Leuten werden.« Ich hätte sie fragen sollen. Ich hätte mehr darüber nachdenken sollen, warum sie es getan hat, was sich hinter dem ungerührten Augenausdruck verbarg. So vieles hätte ich tun sollen. Jetzt kann ich nur raten.

Ich denke daran zurück, wie ich sie an jenem Abend festgehalten habe, als sie zum ersten Mal nach dem Tod ihrer Mutter wieder zu mir kam. Hat sie mir etwas zugeflüstert? Vielleicht gesagt: »Sie hatte genug gelitten. Bestimmt wollte sie erlöst werden«? Ich überlege. Ich höre etwas. Vielleicht ist es nur der Wind draußen, der durch die Straßen fegt.

Erst nach vier Tagen kam sie und sagte mir Bescheid. So lange hätte sie nicht warten dürfen. Was sie wohl in dieser Zeit durchgemacht hat?

Ich kann nicht glauben, dass Tora wie die anderen war. Sie nicht. Kalt. Schwach. An sie möchte ich glauben. Ich kann unmöglich glauben, dass es nicht irgendeinen anderen Grund, eine Erklärung für ihr Handeln gab. Ich kann sie doch nicht so umgekrempelt haben. So entmenscht.

Ich werfe Andalus’ Arm von mir und klettere aus dem Unterstand. Er kommt gähnend hinter mir her. Ich sage ihm, er soll im Unterstand bleiben. Er rührt sich nicht, kommt mir aber auch nicht nach, als ich auf die Straße gehe. Ich nehme ihn später mit, im Augenblick bin ich lieber allein. Ohne ihn komme ich schneller voran.

Ich will zu Abel. Wenn mir irgendjemand die gegenwärtige Lage erklären kann, dann er. Ich bin neugierig zu erfahren, wieso er nicht mehr Marschall ist. Man wird zwar in das Amt gewählt, aber bestimmte Wahlperioden hatten wir nicht. Tod und offenbar auch Verbannung waren unsere Gründe für Neuwahlen. Wenn ein Volk mit lebensbedrohlichen Umständen konfrontiert ist, schert es sich nicht um Feinheiten der politischen Einstellung, es schert sich nicht darum, wer richtiger liegt, wer moralisch höher steht. Es will nur einen starken Führer, einen Führer mit klaren Vorstellungen und klarem Kopf. Es vergeudet auch nicht seine Energien damit, dass es sich über etwas so belangloses wie Wahlperioden streitet. Unser Volk ist Wandel nicht gewohnt, und Abel war genau der Richtige, um mein Vermächtnis noch viele Jahre fortzuführen. Willensstark, offen, traditionsbewusst, hätte er eigentlich genau das sein müssen, was diese Stadt brauchte.

Aber die Menschen ändern sich. Anzeichen davon habe ich bereits gesehen. Vielleicht hatten sie durch die geringer werdenden Belastungen mehr Zeit zu grübeln, unzufrieden zu sein, mehr Zeit zum Umdenken. Abel hat aber bestimmt nicht kampflos seinen Platz geräumt.

Ich erinnere mich deutlich an sein Haus, die Wände aus dem gleichen grau gebleichten Holz wie die anderen Gebäude, hier und da mit Lehm verstärkt. Auf meinem täglichen Rundgang durch die Stadt bin ich oft daran vorbeigekommen. Ich lief immer vom Rathaus zum Stadttor und gegen den Uhrzeigersinn zurück. Anderthalb Stunden brauchte ich für die fünf Meilen. Meine Insel war größer. Sein Haus kam nach drei Vierteln der Strecke, ein Stück weg von der Stadtmauer, zu erreichen über einen schmalen Durchgang. Im Vorbeigehen schaute ich manchmal auf das eine Fenster, das von der Straße aus zu sehen war.

Hin und wieder sah ich Abel am Fenster stehen, oder ich sah, wie er gerade kam oder ging. Dann winkte ich ihm. Nur selten blieb ich stehen. Wir verbrachten den ganzen Tag zusammen und brauchten uns nicht noch nebenher zu unterhalten. Gegen Ende sah ich einmal auch andere Beamte bei ihm. Es war schon spät. Ich hielt mich im Mauerschatten und glaube nicht, dass sie mich gesehen haben. Als seine Gäste fort waren, stand er noch von Licht umrahmt im Eingang. Ich verlagerte mein Gewicht, und meine Füße knirschten auf dem Kies. »Wer ist da?«, rief er. Ich antwortete nicht. Obwohl er in meine Richtung schaute, weiß ich, dass er mich nicht gesehen hat. Sonst hätte er gegrüßt. Ich kannte sie alle – schließlich hatte ich sie selbst berufen –, warum habe ich mich also nicht bemerkbar gemacht? Weil ich Bescheid wusste, auch wenn ich es mir damals noch nicht eingestand. Argwohn wächst von innen her. An jenem Abend fing alles an, Monate bevor etwas geschah, Monate vor meiner Festnahme.

Ich glaube, ich wollte ihm ein wenig Angst machen, auch wenn mir natürlich nicht bewusst war, wieso. Er sollte Angst vor der Dunkelheit haben, vor dem, was dort sein könnte. Aber nur Menschen mit Fantasie können Angst haben, und ich hatte schon immer den Eindruck, dass es ihm daran fehlte. Ich war derjenige, der sich ein besseres Leben ausdachte. Er führte Befehle aus. Fantasievoll würde ich sein Komplott nicht nennen. Zweckmäßig ja, fantasievoll nein.

Während ich an der Stadtmauer entlanggehe, werfe ich gelegentlich einen Blick über die Schulter, ob mich jemand beobachtet, und fahre mit den Fingern über das Mauerholz. Das habe ich auch früher schon gemacht. Es war ein gutes Gefühl, die handfeste Bestätigung, dass das, was innerhalb dieser Mauer lag, von mir abhing. Mir gefiel auch, dass jedes Mal, wenn meine Finger über die Mauer strichen, Holzteilchen, Splitter zu Boden fielen. Jedes Mal wurde die Mauer ein wenig zerstört. Das ist die Instinkthandlung eines, der Höhenangst hat: ohne es zu wollen, fühlt man sich vom Abgrund angezogen, verspürt man den Drang zu springen.

Nie habe ich Tora aus diesem Haus kommen sehen.

Noch ehe ich recht weiß, dass ich da bin, stehe ich vor dem Durchgang. Ich schaue auf das Fenster, in dem aber ein Rollo runtergezogen ist, sodass ich nichts sehen kann. Ich gehe zu dem Haus und klopfe dreimal laut an die Tür. Niemand kommt. Die Tür klappert in der Angel. Sie wäre leicht einzutreten.

Ich bücke mich, um durch den Spalt unter der Tür zu schauen. Ich probiere es auch mit dem Schlüsselloch, das aber versperrt ist, ich sehe nur einen schwachen Lichtschein. Vielleicht steckt ein Schlüssel von innen. Ich stelle mich hin und warte. Fünf Minuten vielleicht. Ich lege das Ohr an die Tür und klopfe noch einmal leiser.

Ich merke, dass oben am Durchgang jemand steht. Er ist alt. Er hält die Arme neben dem Körper, er sieht mich unverwandt mit offenem Mund an. Ich richte mich auf. Ich mache einen Schritt auf ihn zu. Auch mein Mund steht offen. Ich mache noch einen Schritt, und er dreht sich auf dem Absatz um und nimmt Reißaus. Ich beobachte ihn oben vom Durchgang aus. Er läuft wie ein alter Mann. Ich hole tief Luft, grinse und setze ihm nach. Ich ermahne mich, ihm nicht wehzutun, wenn ich ihn einhole.

Er ist zwar alt, aber nicht so langsam, wie ich dachte. Jedes Mal, wenn ich meine, ihn zu haben, verschwindet er um die nächste Ecke. Ins nächste Haus und wieder raus. Ich rufe ihm nicht hinterher. Er weiß, dass ich ihn kenne.

Ich kämpfe gegen den in mir aufsteigenden Zorn an.

Ich schieße um die Ecke und stoße frontal mit einem Mann zusammen. Es wirft mich um. Er hat den ausgestreckten Arm vor sich gehalten. Er schweigt, der Mann. Ich kann nichts sehen. Ich bin benommen, aber ich spüre, dass er sich ansieht, wie ich da am Boden liege. Dann geht er davon. Ich rappele mich langsam hoch, erst auf die Knie, dann auf die Füße. »Sie da!«, rufe ich ihm nach. Er tut, als ob er es nicht hört. Ich lehne mich gegen die Mauer und verschnaufe.

Der andere, der Alte, ist mir entwischt, der Richter, der mich auf Abels Befehl aus der Siedlung Bran verbannt hat.

Ich kehre zu Abels Haus zurück. Ich staune noch über meine Gefühle beim Anblick des Richters. Bislang hatte ich ihm keinen Vorwurf daraus gemacht, dass er mich fortgeschickt hat, aber ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich ihn eingeholt hätte.

Trotzdem bin ich zufrieden. Ich habe jemanden von früher gesehen, einen mir namentlich Bekannten, an den ich mich nicht bloß dunkel erinnere. Er ist hier. Und ich bin sicher, er hat mich erkannt. Fürs Erste genügt das.

Leicht hinkend gehe ich ein paar Meter und setze mich auf eine Bank im Schatten der Stadtmauer bei Abels Haus. Ich warte darauf, dass er nach Hause kommt oder das Haus verlässt.

Aber es tut sich nichts. Rein gar nichts. Auf der Straße ist es still. Wenn Leute vorbeigehen, sehen sie mich nur kurz an und schauen gleich wieder weg. Das geht schnell, aber ich bilde es mir nicht nur ein. Manchmal scheinen sie mich gar nicht wahrzunehmen. Ein paar Kinder spielen Fangen. Die meiste Zeit ist niemand auf der Straße. Vor allem aber rührt sich im Haus nichts, soweit ich es mitbekomme. Der Vorhang bewegt sich nicht, die Tür geht nicht auf. Ich sitze im Schatten, den Kopf an die Mauer gelehnt. Eine Fliege setzt sich auf meine Stirn, und ich wische sie weg. Ich spüre die Sonne im Gesicht, auf der Haut, und die Augen fallen mir zu.

Abel. Das ist ein verbreiteter Name in Bran. Die Herkunft ist unklar, aber man erzählt sich von zwei Brüdern am Anbeginn der Zeit. Abel wird von seinem Bruder ermordet. Er ist das erste Opfer des Bösen. Wie man seinen Kindern den Namen von Opfern geben kann, habe ich nie verstanden. Die Geschichte handelt von einem Mann, der seinen Bruder auf einen Acker führt. Der Mann ist eifersüchtig auf seinen jüngeren Bruder. Auf was genau, weiß er nicht. Darauf, dass der Bruder jünger ist. Er wartet, bis er ihm den Rücken zukehrt, und ergreift einen Stein. Während er damit immer wieder zuschlägt, fliegt erschrocken ein Schwarm Krähen von dem Acker auf. Es sind Hunderte. Sie geben keinen Laut von sich. Oder aber er hört sie nicht. Sie verdunkeln den Himmel. Die rote Erde erstreckt sich von Horizont zu Horizont.

Abel war kein Opfer.

Der Richter sitzt auf einem erhöhten Podium. Hinter ihm ist die Wand, auf der unter der Überschrift »Marschälle von Bran« mein Name mit dem dazugehörigen Datum steht, »Bran, BI«. Der Richter spricht: »Marschall Bran, Sie werden hiermit für alle Zeit verbannt. Sie werden ein Boot und Proviant erhalten und damit ostwärts in See stechen. Finden Sie vor den Territorien von Axum Land, haben Sie dort zu bleiben. Finden Sie keines, müssen Sie Ihr Glück in Axum versuchen. Unter keinen Umständen dürfen Sie nach Bran zurückkehren. Sonst werden Sie hingerichtet. Das Volksgericht hat beschlossen, Ihnen das Schicksal zu ersparen, das Sie anderen so überaus bereitwillig zugeteilt haben. Sie lassen nicht erkennen, dass Sie Ihre Handlungsweise bereuen, obwohl Sie mit Ihrer Politik offensichtlich allein dastehen. Die Stadt wird Ihnen niemals verzeihen, denn wir löschen Sie hiermit aus unserem Gedächtnis.« Er verschränkt die Hände vor sich, beugt sich ein wenig nach vorn. »Sie waren einmal ein Krieger, ein Mann mit Weitblick. Jetzt …«, er schweigt, lehnt sich zurück, »jetzt bleiben Sie uns fern!« Damit winkt er den Soldaten, die kommen und mich ohne Gewalt bei den Armen fassen, um mich wieder in die Zelle zu führen. Im Saal ist es still. Ich blicke mich um. Abel steht im Publikum. Er gibt den Leuten um ihn herum die Hand. Mir sieht er nicht in die Augen. Tora ist nicht da. Ich sehe sie erst an dem Tag wieder, der für zehn Jahre mein letzter in der Stadt sein wird.

Eine Hand auf meiner Schulter weckt mich. Noch halb im Schlaf blicke ich auf. Die Sonne ist hinter ihrem Gesicht. Die Haare glänzen golden. Zuerst denke ich, es ist meine Geliebte. Ich setze mich jäh auf. Sie ist es nicht. Es ist Elba.

»Guten Morgen«, sagt sie. Lange habe ich nicht geschlafen.

»Ja. Hallo.« Ich bin immer noch ein wenig verwirrt.

»Genießen Sie die Sonne?«

»Ich bin müde. Ich habe eine lange Reise hinter mir. Die holt mich vielleicht jetzt ein.«

Sie tritt aus der Sonne und setzt sich neben mich. Ihre Haut ist gerötet. »Haben Sie Hunger?«

»Ja.«

»Dann gehen Sie doch mit mir zur Küche.«

Wir stehen von der Bank auf und gehen langsam Richtung Gemeindeküche. »Können Sie sich wieder an Tora erinnern?«, frage ich sie.

»An wen?« Die Rückfrage kommt sehr schnell.

»Ob Ihnen die Frau wieder eingefallen ist, von der ich gesprochen habe.«

Sie lächelt mich an. Ich finde das etwas frustrierend, aber das Lächeln macht sie jünger, als sie ist. Sie strahlt. »Leider nicht.«

Ich starre sie ein paar Sekunden an. »Sie wissen, wer ich bin.« Es ist keine Frage.

»Leider nein. Sie haben mir ja Ihren Namen nicht gesagt.«

Darüber gehe ich hinweg. »Ich habe heute Morgen den Richter gesehen.« Ich mustere sie. Sie antwortet nicht. »Den Richter. Von vor zehn Jahren.«

Sie schaut geradeaus. »Was möchten Sie denn essen?«, sagt sie nur, aber sie nimmt mich beim Arm. Ich schweige.

In der Küche sagt sie: »Setzen Sie sich, wohin Sie wollen.«

Ich schaue ihr nach, als sie davongeht. Sie ist nicht alt, aber auch nicht mehr in der Blüte ihrer Jahre. Ob sie einen Mann hat, einen Liebhaber? Ich muss an Tora denken und wende mich ab.

Als sie mit dem Essen wiederkommt und es vor mich hingestellt hat, bleibt sie am Tisch stehen, anstatt zu gehen. Ich sehe sie an, als ich die Gabel zum Mund führen will. »Darf ich?«, sagt sie und zeigt auf den Platz neben mir.

»Bitte sehr«, antworte ich und schicke mich an, ihr den Stuhl herauszuziehen, aber sie kommt mir zuvor, und in meiner Hast fällt mir das Messer auf den Boden.

»Danke«, sagt sie, und schon nimmt sie von einem anderen Gedeck ein sauberes Messer, das sie vor mich hinlegt. Es ist eine beiläufige Bewegung, die meine Ungeschicklichkeit vergessen lässt. Sie wäre eine gute Ehefrau.

Ein paar Sekunden lang weiß ich nicht weiter.

»Keinen Hunger?« Sie deutet auf das Essen.

»O doch«, sage ich lächelnd.

»War sie eine alte Liebe von Ihnen?« Ich bin etwas verblüfft über die unverblümte Frage, aber nur kurz. Ich entschließe mich, ehrlich zu antworten.

»Ja. Sie war zwölf Jahre lang meine Geliebte, ehe ich fortging. Zwölf glückliche Jahre.«

Ein ernster Ausdruck tritt in ihr Gesicht. »Warum sind Sie fortgegangen?«

Wenn das ein Spiel ist, spielt die Frau es sehr gut. Einen Moment lang frage ich mich, ob ich mich stärker verändert habe, als ich meine. Vielleicht sehe ich nach den zehn Jahren Regen wirklich anders aus. Schlanker bin ich auf jeden Fall und wahrscheinlich auch viel brauner. Es ist, als wäre der Torf von den Füßen her in mich eingedrungen und hätte meine Haut dunkelbraun gefärbt.

»Ich bin fortgeschickt worden.« Ich beobachte sie, doch ihr Gesichtsausdruck ändert sich nicht.

»Weshalb?«

»Das Gericht hat mich fortgeschickt. Der Richter.«

»Ach, Sie sind einer von unseren Botschaftern. Waren Sie lange weg? Sieht ganz so aus.«

»Wieso denn?« Ich lasse mir meine Überraschung darüber, dass sie von Botschaftern gesprochen hat, nicht anmerken.

»Sie scheinen …« Sie hält inne. »Vielleicht hat sich in der Zwischenzeit einiges geändert. Sie gewöhnen sich bald wieder an uns.«

»Ja«, sage ich. »Das werde ich wohl.« Ich sehe ihr etwas länger als nötig in die Augen.

»Wie lange waren Sie fort?«

»Zehn Jahre.« Ich schaue sie immer noch an. Sie senkt den Blick und zögert.

»Und die Frau? Warum ist sie nicht mitgegangen?«

»Das wäre nicht richtig gewesen.«

»Verzeihen Sie«, sagt sie. »Ich frage zu viel.« Sie macht Anstalten aufzustehen. Ohne nachzudenken fasse ich sie beim Handgelenk.

»Bleiben Sie. Bitte. Wenn Sie nicht arbeiten müssen, meine ich.« Sie setzt sich wieder hin. »Wie gesagt, sie hat hier auch gearbeitet.«

»Ja, das haben Sie gesagt, aber ich erinnere mich an niemanden namens Tora. Ich bin schon fast zwölf Jahre hier. Keine Tora.«

»Sie hat diese Küche ins Leben gerufen. Sie hat die Gemeindetafel überhaupt erst organisiert.«

Sie zuckt die Achseln. »Tut mir leid.«

»Sie sah Ihnen ein bisschen ähnlich«, sage ich. Wieder schaut sie weg.

»Was haben Sie vor, wenn Sie sie finden?«

»Wenn ich sie finde?« Jetzt zögere ich. »Es ist lange her. Ich weiß nicht. Das hängt vom ersten Wiedersehen ab, glaube ich. Dann weiß ich mehr.« Ich sage ihr nicht, dass Tora der einzige Mensch war, den ich je geliebt habe. Ich erzähle ihr auch nicht von dem Prozess, bin aber überzeugt, dass sie davon weiß. Wie könnte es anders sein? Auch von Abel rede ich nicht. Und nicht von der Insel. Aber bald werde ich ihr sagen, weshalb ich zurückgekommen bin. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Was ich aber mache, wenn ich Tora wiedersehe, weiß ich wirklich nicht.

Die Frau spürt, dass meine Stimmung umgeschlagen ist. »Ich geh mal wieder an die Arbeit«, sagt sie.

Ich möchte, dass sie meine Verbündete bleibt. »Verzeihen Sie mir bitte«, sage ich. »Ich wollte nicht unhöflich sein. Ich würde mich gerne noch mal mit Ihnen unterhalten. Dürfte ich Sie mal besuchen?«

Sie dreht sich schüchtern um. »Abends arbeite ich nicht. Sie könnten heute Abend vorbeikommen.« Sie wendet sich ab, um zu gehen, hält aber inne und kommt zurück.

Sie beugt sich zu mir runter. »Sie sollten auf der Straße keine Leute verfolgen«, sagt sie leise. »So etwas mögen wir nicht. Das ist nicht gut für Sie.« Sie geht davon, ehe ich ihr antworten kann. Ich mache mich auf den Weg zum Büro des Marschalls. Erst gehe ich am Unterstand vorbei und bringe Andalus etwas zu essen, das ich mir in der Küche habe geben lassen.

Als er fertig ist, nehme ich ihn mit zum Rathaushof. Wieder ist niemand zu sehen. Ich gehe zur Tür des Marschalls und klopfe an. Auch beim zweiten Mal antwortet niemand. Es ist mitten am Tag, da sollte das Büro geöffnet sein. Und wenn schon der Marschall nicht am Platz ist, sollten wenigstens ein paar Schreiber und Beamte da sein. Ohne Verwaltung kann eine Siedlung nicht funktionieren. Die Bewohner scheint das aber nicht zu kümmern. Es ist ein verschlafener Ort, ganz anders als zu meiner Zeit. Auf den Straßen sind kaum Leute. Ich frage mich, wie viele gestorben sind. In einer so fruchtbaren Gegend wird schwerlich die ganze Einwohnerschaft aus Nachgeborenen bestehen. Man sieht keine Leute, und wenn, dann haben sie etwas Verstohlenes an sich, sie sehen einen kaum an und gucken immer schnell wieder weg. Außer den Kindern, die ein Beweis dafür sind, dass die Stadt nicht ausstirbt. Und der Frau aus der Küche. Ich spüre, dass sie eine Geschichte in sich trägt. Aber sie hat etwas Unnahbares. Sie ist weit weg.

Ich öffne die Hand und schlage gegen die Tür. Ich höre ein Echo. Ich drücke die Klinke runter, aber es ist abgeschlossen. Ich drehe mich um, um zu gehen, und Andalus ist direkt hinter mir. Fast wäre ich mit ihm zusammengestoßen. »Möchten Sie’s mal versuchen?« Ich schiebe ihn zur Tür hin. Er bleibt untätig davor stehen. Dann dreht er sich langsam zu mir um. Schüttelt er den Kopf? Ich kann es nicht sehen. Er steht im Schatten, ich in der Sonne. Ich sehe ihn nicht.

Er kommt mir auch so nach. Wir kehren zum Unterstand zurück, und ich lege mich hin. Ich werde es später noch mal versuchen. Ohne zu murren. Ich werde höflich bleiben. Mein Anliegen ist heikel genug, auch ohne dass ich aus der Haut fahre.

Bekäme Andalus den Mund auf, würde alles viel einfacher. »Branier«, höre ich ihn im Geiste sagen, »mein Land Axum wird von einer Horde Menschen belagert, die weder euch noch uns bisher begegnet sind. Ich entkam, weil ich auf Überwachungsfahrt war, als sie einfielen. Ich wollte Axum zu Hilfe eilen, kam aber nicht durch. Da fiel mir Bran ein, der frühere Feind und jetzige Verbündete. Auf dem Weg zu euch kam ich vom Kurs ab. Diese Menschen, die Dritten, könnten jetzt durchaus auf dem Weg hierher sein. Vielleicht stürmen sie nachts über die Hügel, die Augen glutrot über vieltausend staubtretenden Füßen. Sie sind stark. Sie werden nicht ruhen, bis Bran und Axum hingemetzelt sind. Das ist ein neuer Menschenschlag. Wir können sie besiegen, aber nur, wenn wir uns vereinen.« Dann bekäme ich ohne Weiteres das, weshalb ich gekommen bin.

Eine dritte Kraft. Mehr Menschen. Vielleicht ein Segen. Wahrscheinlich ein Fluch. Die Welt ist so riesig, unsere Erinnerung daran so spärlich. Alles, was wir sehen, jedes Land, auf das wir stoßen, jede Ruinenstätte – neu, und doch haben wir immer das Gefühl, dort schon gewesen zu sein, es schon gesehen zu haben. Wir sind Menschen, die ihr Gedächtnis verloren haben, aber noch wissen, dass da etwas war. Einst waren wir Könige. Jetzt hat offenbar ein schrecklicher Unfall, ein Untergang, ein Fluch unser Gedächtnis leer gefegt. Beinahe leer. Ab und zu steckt noch etwas von tief drinnen den Kopf heraus und zeigt sich, wie in den Gestalten meiner Fantasie, die aus dem Erdinnern hinaus in den Rauch klettern. Man wird krank bei dem Gedanken, was da gewesen sein könnte.

Sind andere uns vielleicht näher, als wir meinen? Wir haben viel erforscht, aber es gab immer noch mehr zu sehen. Vielleicht sind sie uns entgangen. Das denke ich oft. Unberührt von unserem Fluch, ein Dorf mit grünem Gras, rauchenden Schornsteinen, wohlgenährten Kindern, die singen.

Mein Volk schien Angst zu haben vor der Suche, den Ruinen, dem zu entdeckenden Neuen. Es gab Anzeichen dafür, doch die übersah ich geflissentlich. Meine Geschichten fielen auf taube Ohren. Kaum jemand wollte etwas von den Ruinen hören, den Bildern, die ich fand, halb im Sand vergrabenen seltsamen Geräten. Einmal zogen wir durch einen Wüstenstreifen. Wir wanderten auf einen vermeintlichen Baum in der Ferne zu. Es war eine Steinsäule. Eine Tür an ihrem Sockel führte in die Tiefe. Meine Männer wichen zurück. Ich fragte, wer freiwillig mit mir hinabsteigen würde. Alle ließen die Köpfe hängen. »Dann geh ich allein. Damit ihr seht, dass da nichts zu befürchten ist.« Ich nahm mir eine Fackel. Einer bat mich, zu bleiben. Er packte mich sogar am Arm. Ich stieß ihn fort und befahl ihnen, das Lager aufzuschlagen.

Ich stieg die Steintreppe hinab. Der Fackelschein zuckte über die Wände. Trotz der warmen Fackel war es kühl unter der Erde. Der verwinkelte Gang führte immer tiefer hinunter. Ich markierte meinen Weg mit einem Stein. Nach langer Zeit kamen sie in Sicht. In die Wände eingelassene Borde. Auf jedem Bord ein Toter, manche in Tücher gewickelt, andere nicht. Ich ging tiefer in die Höhle hinein. Hunderte und Aberhunderte, vom Boden an bis über Kopfhöhe auf beiden Seiten.

Schließlich gelangte ich zu einer runden Kammer. Auf einer Steinplatte dort ein Metallobjekt in Form eines Kreuzes. In der Kreuzmitte ein roter Stein. Er flackerte im Feuerschein.

Es war kalt, und ich beeilte mich, wieder nach oben zu kommen. Ich wusste nicht, was ich von dem Ganzen halten sollte, ich war wie betäubt. Selbst für mich verbargen sich da zu viele Geschichten.

Die Männer oben mochten mir nicht in die Augen sehen. Sie schwiegen. Ich sagte ihnen nicht, was ich gesehen hatte. Erst nach drei Tagen fingen sie sich wieder.

Später am Nachmittag kehre ich zum Büro des Marschalls zurück, diesmal allein. Eine ganze Zeit lang klopfe ich an, warte und rufe. Einmal trete ich gegen die Tür. Als die Sonne untergeht, gehe ich. An mir kommt der Marschall nicht vorbei. Ich werde sagen, was ich zu sagen habe.

Zu Elba gehe ich allein. In der Siedlung gehen die Lichter an und die Vorhänge zu, sodass kaum Licht auf die Straße fällt. Gestalten schieben sich an den Lichtern, den geschlossenen gelben Vorhängen vorbei, schweben wie Gespenster, entschweben ins Dunkel. Ich spüre, dass noch mehr da sind, noch mehr Gestalten sich möglichst geräuschlos hinter den Mauern bewegen.

Keine Toten also.

Ich gehe den langen Weg zu ihrer Wohnung und sehe kaum Leute draußen. Ich komme zu einer Stelle an der Mauer, wo man zum Wehrgang hinaufsteigen kann. Normalerweise wird der Zugang bewacht, aber jetzt ist niemand da. Die Tür ist nur geschlossen, nicht abgesperrt. Ich öffne den Riegel und steige die schmale Treppe hinauf. Hier war ich früher schon öfter, meistens abends, an stillen Sommerabenden. Wie ich jetzt über die Stadt, die stille, dunkle Stadt hinschaue, kann ich sie ganz sehen. Ich sehe das Rathaus. Ich sehe die Mauern und die grauen Holzbauten, die schon so lange stehen, die Architektur eines Volkes mit wenig Fantasie, wenig Entschlossenheit, seine Lage zu verbessern. Ich weiß noch, ich war hin- und hergerissen zwischen väterlichen Gefühlen – dem Wunsch, dieses Mischvolk zu schützen – und Wut über den Mangel an Fantasie, den fehlenden Willen, etwas Ungewöhnliches zu tun, etwas Besonderes zu sein. Das Versagen der Einbildungskraft. Manchmal machte es mich wütend, dass es mir als stärkerem Kopf überlassen blieb, diese einfachen Menschen zu führen, mir ein Leben für sie auszudenken, etwas wie Ordnung in ihr Dasein zu bringen. Lohnte sich das? Einen Wilden gerettet zu haben ist vielleicht kein so großes Verdienst.

Eine Zeit lang hatten sie allerdings andere Vorstellungen. Aber glaubten sie wirklich daran, oder stand nur Eigennutz dahinter? Ich befürchte Letzteres. Andererseits kam auch mir, wenn ich nachts wach lag, manchmal der Glaube abhanden. Das habe ich nie jemandem erzählt. Aber es war zu spät. Zu spät verlor ich den Glauben. Zu spät, um die Gesichter abzustellen, die mir im Dunkeln erschienen, das Geschrei der Kinder in der Inselnacht.

Ich habe nicht viel erreicht seit meiner Rückkehr. Ich habe mein Anliegen nicht vorgebracht, ich habe weder Tora noch Abel gefunden. Ich brauche eine Reaktion, um weiterzusehen. Irgendwo in dieser Stadt, in einem der Gebäude vor mir, liegt die Antwort, liegt meine Zukunft. Irgendwo in der Stadt, so sie leben, oder gleich außerhalb der Mauer, falls sie tot sind, liegen ihre Körper, meine Prüfsteine. Ob sie atmen oder nicht, atmen oder verwesen, ich stelle mir vor, wie ihre Dünste im warmen Wind herüberwehen, mir in die Nase steigen. Ich könnte ihnen nachspüren wie ein Hund seiner Beute. So nah sind sie.

Aber nicht nah genug. Nach langer Abwesenheit bin ich heimgekommen, und meine Kinder haben ihre eigenen Regeln aufgestellt. Der Patriarch ist zurück, doch seine Kinder kennen ihn nicht mehr. Oder sie geben es nicht zu.

Wenn ich nicht bald eine Reaktion bekomme, muss ich die Sache selbst in die Hand nehmen.