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Ausrüstung und Proviant sind bereits auf dem Floß und sicher an den Planken festgemacht. Ich setze Andalus mitten auf das Floß und schiebe es aufs offene Meer hinaus. Als mir das Wasser bis zur Taille geht, klettere ich an Bord. Ein paar Meter rudere ich noch, dann hisse ich das Segel. Es geht ein starker Wind, aber ich glaube nicht, dass er dem Mast etwas anhaben kann. Als sich das Segel in der Brise bläht, bin ich begeistert. Ich hätte nicht gedacht, dass dieses selbst gebaute, schwere Floß so schnell sein kann. Bald haben wir das Ende meiner Schwimmzone erreicht. Der Wind kommt von hinten, über die Insel. Ein paar Sekunden lang schließe ich die Augen. Ich spüre das brausende Wasser unter mir, den Wind, die Gischt.
Ich sehe Tora am Ufer stehen. Jetzt hebt sie den Kopf. Sie ist zu weit weg, als dass ich ihr Gesicht sehen könnte.
Hinter uns eine Kielwelle, ein Streifen ruhigeren Wassers, der bis zum Strand reicht. Lächelnd blicke ich noch einmal zur Insel.
Einen Moment bevor es passiert, merke ich, dass etwas nicht stimmt. Der Mast legt sich schief, eine Ecke des Floßes geht unter, und die andere Seite hebt sich aus dem Wasser. Andalus kommt ins Rutschen, der Mast bricht und fällt nach vorn. Zu hören scheine ich davon nichts. Ich will Andalus etwas zurufen, bringe aber keinen Ton heraus. Er reagiert nicht. Der Mast fällt auf ihn, und ich sehe nur noch seine vom Segel wie in ein Leichentuch gehüllte Gestalt, als ich über Bord gehe.
Das Wasser ist warm, wärmer als erwartet. Einen Moment lang möchte ich einschlafen, mich auf den Grund sinken lassen, den goldenen Sand, mich wie ein Baby in Seetang wickeln lassen. Es ist still hier: kein Wind, kein flatterndes Segel, nichts.
Durch das Wasser sehe ich Andalus in seinem weißen Umhang. Ich sehe seine Gestalt vornübergebeugt am Bug kauern, gebrochen vom Licht, schimmernd wie ein Trugbild.
Dann tauche ich hustend und prustend auf. Ich werfe den Kopf, und das Erste, was ich sehe, ist Andalus, der sich von dem Segel befreit hat, auf dem Floß steht und zu mir herüberschaut. Das Floß schaukelt auf den Wellen. Der kaputte Mast liegt quer überm Bug. Ich schwimme hin, halte mich am Floß fest und lege den Kopf auf die nassen Planken. Ich würge Meerwasser heraus, dann schließe ich die Augen.
Ich höre ihn kommen. Er streckt mir die Hand entgegen. Ich blicke zu ihm hoch, aber der Himmel ist zu hell, als dass ich klar sehen könnte. Ich will mich an seinem Arm hochziehen, rutsche aber ab. Es ist, als wäre er nicht da. Ich winke ihn weg.
Die Flut trägt uns zurück. Als wir den Strand erreichen, lasse ich mich erschöpft in den Sand fallen. Andalus legt sich ebenfalls hin, die Arme über den Kopf gestreckt. Das Floß dümpelt im Flachwasser. Ich rühre mich stundenlang nicht. Dann vertäue ich das Floß an den Felsen, nehme mir etwas von dem Proviant und mache mich auf den Weg zur Höhle.
Als ich dort bin, fällt mir Andalus ein. Ich glaube zwar nicht, dass er das Floß flottbekommt, aber es wäre ein Unglück, wenn er allein damit losfahren würde. Ich gehe noch mal zurück und tippe ihm auf die Schulter. Er steht auf, ohne mich anzusehen.
Ich weiß, dass der gebrochene Mast nur einen Rückschlag bedeutet, der meinem Übereifer geschuldet ist. Es bedeutet nicht, dass es nicht geht und ich zum Scheitern verurteilt bin, aber das wird mir erst nach einiger Zeit klar. Zwei Tage lang liege ich in der Höhle und kehre nur zum Floß zurück, um Proviant zu holen. Ich mache noch zwei Striche an die Wand. Ganz langsam mache ich die.
Am dritten Tag komme ich zur Besinnung. Ich repariere den Mast. Der glatte Bruch macht wenig Mühe. Zum Schluss habe ich einen kürzeren, leichteren Mast, und das ist überhaupt kein Nachteil. Am vierten Tag sammle ich Knollen und Grassamen, denn am fünften will ich wieder los.
Andalus lasse ich die ganze Zeit in der Höhle. Er scheint die Ruhe selbst zu sein und schläft meistens. Als ich am Abend des vierten Tages meinen Fang prüfe, komme ich zu dem Ergebnis, dass ich den verbrauchten Proviant zwar nicht mehr ganz ersetzen kann, dass er aber immer noch für eine Fahrt von neunzehn oder zwanzig Tagen reicht. Ich kann also fünf Tage nach der ersten Ausfahrt zum zweiten Mal aufbrechen. Wieder bin ich aufgeregt.
Am Morgen des fünften Tages ist alles ruhig. Der Regen macht eine Pause. Es ist warm. Als ich, Andalus dicht hinter mir, an den Strand komme, fällt mir ein, dass ich die veränderten Tidenzeiten nicht berücksichtigt habe. Wir sind fast vier Stunden zu früh. Ich könnte versuchen, das Floß hinunter ins Wasser zu ziehen, aber der Sand ist weich, das dauert lange und kostet Kraft, die ich vielleicht später brauche. Ich werde warten müssen. Ich setze mich auf einen Stein, aber ich bin unruhig. Ich muss daran denken, wie ich mich vor einem Gefecht immer gefühlt habe: Enge in der Brust, rascher Herzschlag, leicht ablenkbar. Man lernt das unter Kontrolle zu bringen. Das muss man, sonst wird man nicht alt. Unmittelbar vor einem Kampf darf man nicht unkonzentriert sein. Ich habe nachgelassen. Der Inselalltag hat meinen Körper gestählt, aber meinen Kampfinstinkt einschlafen lassen. Der könnte mir allerdings auch schon vorher abhandengekommen sein. Ich erinnere mich an den Tag, als der Prozess begann. Tora war bei mir. Ich konnte nicht stillsitzen, lief im Zimmer hin und her und überlegte, was ich sagen sollte, statt ihr zuzuhören. Einmal stand sie auf und kam auf mich zu. Ich hob gereizt die Hand, um sie zurückzuhalten. Sie blieb stehen. Ein wenig verblüfft vielleicht. Es tat mir leid. Aber ich war auch wütend. Wütend auf mein Volk. Wütend auf sie, die sich bemühte, mir beizustehen, obwohl sie nicht mehr mit mir zusammen war. Ich trat hinter sie und küsste sie auf den Kopf. Ihre Schultern zuckten ein wenig. Ich nahm sie nicht in den Arm. Es war mein Tag, nicht ihrer. Ich stehe auf und gehe in raschem Tempo, fast im Laufschritt, den Strand entlang. Ich spüre, dass Andalus hinter mir herschaut, drehe mich aber nicht um. Solange Ebbe ist, kann er nichts machen.
Ich entschließe mich, in der Hälfte der verbleibenden Zeit so weit wie möglich um die Insel herumzugehen und dann umzukehren. So kann ich der Insel Lebewohl sagen. Seit der Ankunft meines Gefährten habe ich keine Zeit mehr für meine Expeditionen, meine Erkundungsgänge gehabt. Ich musste mehr Zeit für notwendige Arbeiten aufwenden und deshalb die Erforschung der Insel und des Lebens auf ihr vernachlässigen. So ist das mit den Menschen, den Übriggebliebenen: Sie sind zu sehr mit Überleben beschäftigt, um unser Wissen wieder aufzubauen. Außer mir. Ich war niemals so beschäftigt, dass ich nicht versucht hätte, unsere Geschichte wieder zusammenzusetzen, das, was wir einmal waren, der Vergessenheit zu entreißen. Es ärgert mich, dass Andalus mich davon abgebracht hat, und doch diente das wohl einem höheren Zweck, meiner Rückkehr nämlich – einer Rückkehr, die unser Wissen voranbringen und helfen wird, die Wunden der Vergangenheit zu heilen.
Aber zuerst mache ich einen Umweg. Wie mein Schwimmen, wie meine Forschung hatte ich auch die Besuche des Steinfelds aufgegeben. Da gehe ich jetzt hin.
Ich war zwar nicht mehr dort, habe aber nicht aufgehört, darüber nachzudenken, mich nach seinem Sinn zu fragen, dem Sinn, den es für mich hat. Die Steine glänzen. Viele sind halb im Schlamm versunken. Ich bücke mich nach einem und wische mit der Hand darüber. Er ist glatt. Ich hebe ihn auf. Wo er lag, bohrt sich ein Wurm ins Erdreich.
Gedenkstätten werden zu Ehren der Toten errichtet, zur Erinnerung an sie. Ich versuche mir die Gesichter vorzustellen, und gleichzeitig versuche ich sie zu verdrängen. So kann man nicht leben. Wie die Leiber, so liegen auch die Erinnerungen in flachen Gräbern. Ich laufe darüber weg. Meine Füße scharren die Erde von ihren Gesichtern.
Ich wische den Stein sauber. Ich nehme ihn mit aufs Floß. Er wird mit mir zurückkehren. Eine Geste, ich weiß. Nur eine Geste.
Was ich auf meinem Rundgang sehe, stimmt mich traurig. Das hat zwei Gründe. Nachdem ich so lange nicht mehr in diesem Teil der Insel war, fallen mir die Veränderungen stärker auf. Als ich noch einmal die Woche herumging, konnte ich höchstens ein zentimeterweises Vordringen des Wassers feststellen. Nur wenn ich mir in Erinnerung rief, wo es Wochen zuvor gestanden hatte, bemerkte ich überhaupt einen Unterschied. Von einer Woche zur anderen war wenig zu sehen. Jetzt aber springt die Veränderung ins Auge. Ein großer Teil der Steilküste ist weggebrochen, und das Wasser ist in weitere Teile des Graslands eingedrungen. Nach der langen Pause hat es den Anschein, dass die Veränderung viel schneller voranschreitet. Aber ohne Berechnungen anzustellen, weiß ich nicht, welche von drei Möglichkeiten hier zutrifft: ob es nur ein Eindruck, eine Täuschung ist, die sich der zwischen den Beobachtungen verstrichenen Zeit verdankt, ob sich das Tempo wirklich beschleunigt hat oder ob ich mich von Anfang an getäuscht habe und die Insel seit jeher schneller verschwindet, als es mir vorkam. Obwohl die zweite und dritte Möglichkeit beunruhigend sind, beschließe ich, mir darüber keine Sorgen zu machen. Schließlich lasse ich die Insel ja hinter mir. Die Ungewissheit behagt mir dennoch nicht. Ungewissheit und offene Fragen sind nicht mein Fall.
Der andere Grund, weshalb ich traurig bin, ist eher sentimental. So unwirtlich die Insel auch sein mag, sie war mein Zuhause und hat mich ernährt, mich an ihren nassen Busen gedrückt wie eine in den Fluten treibende Mutter ihr Kind.
Von Weitem sehe ich die Felsblöcke am Strand. Sie erinnern mich an den Kadaver eines Meerestiers, den ich vor vielen Jahren einmal gesehen habe. Es sind fünfzehn. Ich blicke mich um und sehe noch mehr, die aber noch in den Uferwänden eingebettet sind. Es ist, als ob die Insel anfängt, ihre Schätze preiszugeben. Ein wahrhaft karger Schatz.
Sie sehen auch wie am Strand liegende Menschen aus.
Ich streiche mit den Fingern über einen, der heller ist als die anderen. Er ist ein wenig warm, wärmer als erwartet. Fühlt sich wie Haut an.
Irgendetwas stimmt nicht an diesem Tableau, den Leibern am Strand. Was, kann ich nicht genau sagen. Ich lasse es offen. Als ich zurückkomme, schwappt die Tide gegen das Floß, und es ist Zeit, aufzubrechen. Ich helfe Andalus an Bord, stoße das Floß noch ein Stück hinaus, besteige es selbst, hisse das Segel, und wir sind wieder unterwegs. Diesmal weht kein starker Wind, und das Segel bläht sich kaum. Es gibt keine Überraschungen. Wir treiben von der Insel fort wie zwei Ausflügler, zwei Freunde, die ein Abenteuer für einen Tag suchen. Einmal blicke ich zurück. Ich sehe den Strand, die Steilküste im Norden, meine Höhle. Die Insel ist schon grau, dunkler als der Himmel. Von hier draußen ist sie eine große, graue Leinwand, in deren Mitte das vergangene Jahrzehnt meines Lebens immer kleiner wird und versinkt wie ein Stein, den man in einen Teich wirft.
Tagelang treiben wir so dahin. Wir essen, schlafen, angeln, trinken. Manchmal rudere ich. Es ist wie das Leben auf der Insel vor Andalus, ich habe meinen Trott wieder. Das Floß treibt auf der schimmernden See. Sonst ist da nichts. Kein anderes Schiff, keine Vögel, keine Delfine, kein Laut. Ich sehe die Wolken, die sich im Meer spiegeln. Wenn ich mir die Jacke über den Kopf ziehe, höre ich meinen Atem, das Plätschern des Wassers gegen das Holz, hin und wieder ein Flattern des Segels. Manchmal schnarcht Andalus. Wir sitzen an entgegengesetzten Enden des Floßes. Ich habe immer Hunger, aber nicht übermäßig. Durst habe ich ebenfalls ständig, aber auch damit komme ich klar. Ich weiß meine Kräfte einzuteilen. Andalus scheint gegen die Rationierung nichts zu haben. Er stört sich an gar nichts. Er liegt da und hat die eine Hand im Wasser, die andere auf seiner Stirn. Eine feminine Haltung, die Pose eines Gecken, eines Müßiggängers. Ich ziehe mir die Jacke über den Kopf, um alles auszublenden. Das Wasser, das Floß, den Mann, der mir gegenübersitzt, einen Silberfisch, meine runzligen Hände. Ich denke ans Fortgehen und Nachhausekommen. Mein Atem wird im Dunkeln lauter.
Sie steht am Ufer. Den einen Arm an der Seite, den anderen an der Stirn. Sie beschirmt die Augen mit der Hand. Die Handfläche nach außen, zum Meer hin gekehrt. Sie sieht zu, wie ich davonsegle. Sie ist die Einzige, die es sich ansieht. Ich sehe sie auch an: die Frau, die mich liebte, aber nicht genug.
Und ich sehe sie wieder da. Jetzt ist sie älter. Ergraut vielleicht. Sie sucht das Meer ab, die Hand über der Stirn. Ich frage mich, was hinter ihr ist, hinter ihr auf der Ebene, jenseits der Berge, der unfruchtbaren Äcker, wo hinter weißen Mauern die Siedlung Bran liegt und die Geschichte meiner Zukunft.
Nach tagelanger Fahrt wird das Meer zu Glas. Ich denke an die Ruinenstadt zurück, die Statue am Meeresgrund. Ob ich wieder darüber hinwegfahre? Ich schaue über den Rand. Ich stelle mir vor, ich würde mich lautlos in das klare Wasser hinablassen, Wasser atmen, schwimmen wie ein Fisch und dann auf den Straßen einer längst vergessenen Siedlung stehen, deren Gebäude um mich herum in die Dunkelheit ragen. Was würde ich dort finden? Wäre in den Winkeln schmaler Straßen, tief im Innern verlassener Gebäude unsere Geschichte zu entdecken – wie alles anfing? In der Schwärze unten tauchen Schemen auf. Wir fahren darüber weg. Wieder sehe ich die Ruinen unter uns. Nach dem Standbild Ausschau haltend, beuge ich mich vor, so weit es geht. In der Ferne, zu weit weg, um ihn genau zu sehen, zeigt sich ein Schatten nahe der Oberfläche. Ich wüsste gern, ob es das ist. Ob es immer noch unter dem Meeresspiegel schläft. Ein Flimmern, und es ist vorbei. Wir treiben weiter.
Drei Tage später nehmen wir etwas Fahrt auf. Ich habe immer noch Hunger. Auch ich lasse die Finger ins Wasser hängen. Andalus beachte ich möglichst nicht. Einmal ist er aufgestanden. Ich habe ihn angeschrien. So laut war ich seit Jahren nicht. Er zog den Kopf ein, und ich entschuldigte mich. »Es ist nur zu Ihrem Besten«, sagte ich zu ihm. »Setzen Sie sich wieder hin. In ein paar Tagen sind wir da.«
Das war nur geraten. Mein Kompass gibt mir zwar die Richtung an, aber ich weiß nicht, wie weit wir schon gekommen sind. Der einzige Anhaltspunkt, den ich habe, sind Ruinen auf dem Meeresgrund. Wir könnten morgen ankommen oder in einer Woche. Ich glaube, wir sind insgesamt schneller, aber die Strömungen scheinen gegen uns zu sein. Vielleicht hatte ich bei der Wegfahrt eine Strömung erwischt, die mich bis zur Insel getragen hat, und jetzt haben wir sie gegen uns, haben wir damit zu kämpfen. Wir lenken nach da, und das Meer unter uns lenkt nach dort, zu der Insel gleich hinterm Horizont, die mich wieder an sich ziehen möchte. Vielleicht sind wir überhaupt nicht vom Fleck gekommen.
Aber heute weiß ich, dass das nicht sein kann. Heute wache ich von der Sonne auf. Noch ehe ich die Augen öffne, spüre ich den Sonnenschein. Ich stehe auf und trinke Sonne. Ich ziehe mein Hemd aus. Ich breite die Arme aus und strecke mein Gesicht in die Luft. Gefühlte Stunden stehe ich so da. Stehe auf all dem Wasser, und zum ersten Mal seit zehn Jahren bin ich trocken. Von den Planken des Floßes steigt Dampf auf. Andalus liegt bewegungslos da.
Drei Tage nachdem die Sonne durchgekommen ist, sehe ich Land.