9

Ich schlafe ein wenig. Ich erwache um die Zeit, zu der normalerweise der Arbeitsalltag beginnt. Andalus hat das Essen, das ich mitgebracht habe, nicht angerührt. Ich nehme mir die Hälfte davon.

Er ist wach. »Wir gehen jetzt zum Büro des Marschalls«, sage ich zu ihm. »Er muss mir ein paar Fragen beantworten. Das wird einfacher, wenn Sie reden.« Er sitzt da mit den Händen auf den Oberschenkeln, die Handflächen nach oben. Seine Füße stehen eng zusammen. Die Sonne blinkt durch Risse in der Plane hinter ihm.

»Sie müssen sich erklären, mein Freund. Ich kann mich nicht ewig um Sie kümmern. Früher oder später werden Sie auf sich gestellt sein.«

Es überrascht mich nicht, dass keine Antwort kommt.

Wir treten hinaus in die Sonne und laufen das kurze Stück zur Siedlungsverwaltung. Vier Personen stehen im Hof des Rathauses. Der Marschall unterhält sich mit einem anderen Mann. Der ist groß und trägt eine Kapuze, sodass ich sein Gesicht nicht sehen kann. Nur der Marschall ist mir zugewandt. Die beiden anderen müssten Elba und Amhara sein. Davon bin ich überzeugt, obwohl sie ein wenig entfernt stehen, mir den Rücken zukehren und Kopftücher tragen. Der Marschall bemerkt mich, sowie ich den Hof betrete. Er scheint den dreien etwas zuzuflüstern. Sie straffen sich, drehen sich aber nicht um. Angeführt von dem groß gewachsenen Mann gehen sie zu der offenen Tür hinter dem Marschall. Das Mädchen scheint zu zögern und will sich umdrehen, doch die Frau legt ihm die Hand auf den Rücken und geleitet es durch die Tür, die sich hinter ihnen schließt.

Der Marschall wartet mit verschränkten Armen auf mich. Er wirkt nicht wie ein Krieger.

»Was kann ich heute für Sie tun?«, fragt er.

Mir reicht es. »Wir waren gestern verabredet.«

»So?«

»Soll das heißen, Sie erinnern sich nicht?«

Er zuckt die Achseln.

»Erkennen Sie mich immer noch nicht?«, frage ich. Ob er meinen Sarkasmus heraushört? »Sie hatten ja Zeit nachzudenken, Zeit, sich zu erinnern. Wer Sie sind, weiß ich leider nicht. Sie waren wohl ein kleiner Beamter, als ich fortgegangen bin.«

Der Marschall bleibt stehen und lässt mich ausreden, antwortet aber nicht auf meine Frage.

»Ich glaube, Sie wissen, wer ich bin«, fahre ich fort. »Ich glaube, Sie wissen es ganz genau. Mir ist nur nicht klar, warum Sie es nicht zugeben. Mein Leben lang war ich entweder Held oder Schurke, je nach der politischen Einstellung des Betrachters. Noch nie ist man mir gleichgültig begegnet.«

Der Marschall gestattet sich ein Lächeln.

»Aber hier geht es nicht nur um mich. Der Mann, den ich mitgebracht habe, ist einer, mit dem man rechnen muss. Mag er jetzt auch unbedeutend und wenig zu gebrauchen sein. Vielleicht haben seine Erlebnisse ihm die Lebenskraft geraubt, aber wichtig ist das, wofür er steht. Für die möglichen Gründe, weshalb er hier ist, sollte man sich interessieren. Mag der Mensch Andalus auch zerstört sein – wir sollten herausfinden, woher diese Leere kommt, die Leere an der Stelle, wo er steht.«

»Sie sind ein Philosoph«, sagt der Marschall. »Oder ein Dichter.«

Darauf antworte ich nicht.

»Wo ist denn dieser Mann, dieser Andalus?« Er betont die zweite Silbe, als wüsste er nicht, dass die dritte zu betonen ist. Ein Fehler, den damals meine weniger gut informierten Leute immer gemacht haben.

Ich verbessere ihn nicht. Ich drehe mich um und greife nach Andalus, den ich hinter mir wähne. Er ist nicht da. Er ist nirgends zu sehen.

Ich wende mich wieder dem Marschall zu. »Gerade war er noch hier. Er ist weggegangen.«

Der Marschall lächelt und wendet sich zum Gehen.

»Ich bin noch nicht fertig«, sage ich. Ich habe die Stimme erhoben.

Er dreht sich wieder um. Sein Lächeln ist verschwunden.

»Wo sind Elba und Amhara?«

»Wen meinen Sie?«

»Sie wissen doch genau, dass sie mit Ihrem Spiel nichts zu tun haben will. Zumindest hat sie Bedenken.«

Der Marschall sieht mich an, ohne zu antworten. Sein Gesicht ist ausdruckslos.

»Ich habe sie reingehen sehen.«

»Das war jemand anders, als Sie behaupten.«

Darauf gehe ich nicht ein. »Ich würde mich gerne mit Ihnen über meine Lage unterhalten«, sage ich stattdessen. »Ich möchte, dass Sie dazu Stellung nehmen. Mir zumindest eine Frist geben.«

»Sie möchten sich unterhalten«, sagt der Marschall. Es ist keine Frage.

Ehe ich antworten kann, geht er einen Schritt zur Seite und bedeutet mir, einzutreten.

Ich gehe direkt auf die Treppe zu, die zum Büro des Marschalls führt. Von Elba und Amhara keine Spur. Durch einen Gang sehe ich den Saal, in dem ich gestern Abend war. Ich überlege, ob ich schnurstracks dahin gehen und fragen soll, was es mit der Auslöschung meines Namens auf sich hat. Aber das kann warten. Ich gehe die Treppe hinauf, vorbei an den Büros von Schreibkräften und kleineren Beamten, und betrete unaufgefordert das Marschallbüro. Drinnen hat sich einiges verändert. Auf dem Boden liegt ein Teppich, der vorher nicht da war, und rechts an der Wand steht ein Aktenschrank. Ich sehe auch, dass mein über dem Schreibtisch hängendes Porträt entfernt worden ist. Es hat eine dunkle Stelle an der Wand zurückgelassen. Schreibtisch und Stuhl sind geblieben, und man sieht ihnen ihr Alter an. Ich fahre mit den Fingern über einen Kratzer auf der Schreibtischplatte. Ich weiß noch, wie er entstanden ist – ein ausgerutschtes Messer. Und wie er mit den Jahren dunkler wurde. Ich drehe mich nach dem Marschall um, der jetzt gerade in der Tür erscheint.

»Sie kennen sich ja gut aus.«

»Sieht so aus, ja.«

Einen Moment lang kommt es mir vor, als ob ich wieder im Amt bin und dieser Mann statt meiner der Bittsteller ist. Schon gehe ich zu dem Stuhl hinterm Schreibtisch, besinne mich dann aber. Ich trete zur Seite und lasse den Marschall vorbei. Er bittet mich, Platz zu nehmen.

»Was kann ich für Sie tun?« Der Marschall hat sich hinter den Schreibtisch gesetzt und sieht mich an.

»Sie wissen zweifellos, wer ich bin«, setze ich an. »Sie wissen zweifellos, dass es mir aufgrund des gegen mich ergangenen Urteils bei Todesstrafe verboten ist, zur Siedlung zurückzukehren. Dennoch bin ich zurückgekehrt. Sie müssen sich doch fragen, warum ich zurückgekommen bin, warum ich mich über das Urteil hinweggesetzt habe.«

Ich mache eine Pause, doch der Marschall schweigt.

»Ich muss sagen, es wundert mich, wie gelassen Sie meine Anwesenheit, ja die Anwesenheit von Andalus hinnehmen. Es wundert mich, dass man mich in Ruhe lässt und nicht verhaftet. In mancher Hinsicht ist das zwar eine erfreuliche Wendung, aber ich möchte sie auch verstehen. Wir haben hier einiges zu klären. Erstens, Sie sollten die Gründe für meine Anwesenheit kennen, denn meiner Meinung nach haben Sie als Marschall die Pflicht, darauf zu reagieren. Das ist mein Hauptanliegen und war es immer schon. Zweitens möchte ich gerne verstehen, was das zu bedeuten hat. Warum tut die Stadt, als ob sie mich nicht kennt, sich nicht an mich erinnert, denn das ist es ja wohl, was hier läuft? Vielleicht geht es mich nichts an. Schließlich gehöre ich nicht mehr hierher. Dennoch würde ich gern verstehen, was es damit auf sich hat. Soll ich wieder fortgeschickt werden? Soll ich hingerichtet werden? Soll ich innerhalb der Kolonie ins Gefängnis? Ich hoffe auf Milde nach all den Gefahren, die ich auf mich genommen habe, um Andalus hierherzubringen, Sie auf ihn aufmerksam zu machen. Drittens würde ich mich gerne über die Ereignisse der Vergangenheit unterhalten, über das, was wir getan haben.«

Er unterbricht mich. »Wer ist denn der Mann, den Sie uns gebracht haben?«

»Das wissen Sie doch wohl. Es ist Andalus, der General von Axum, der beinah unser Volk vernichtet hat, genau wie wir das seine. Der Mann, gegen den ich gekämpft und mit dem ich Frieden geschlossen habe.«

»Ich habe Andalus nicht gesehen.« Diesmal betont er den Namen richtig.

»Er scheint traumatisiert zu sein. Das ist nicht mehr der Mann, der Axum geführt hat. Irgendetwas ist da passiert, und ich glaube, wir sollten herausfinden, was. Seit ich ihn aufgegriffen habe, hat er noch keinen Ton, kein Wort gesagt. Er ist gefügig. Handzahm. Wie ein Hund gewissermaßen. Er tut, was man ihm sagt. Hin und wieder glimmt in seinen Augen etwas von dem Mann auf, der er einmal war. Zum Beispiel, als ich auf der Insel einmal Holz gehackt habe. Wie ein Gespenst tauchte er plötzlich hinter mir auf, und der Ausdruck in seinen Augen… danach habe ich ihm eine Zeit lang nicht getraut, aber er scheint harmlos zu sein.«

»Sie waren auf einer Insel?«

»Ja.« Ich sehe ihn fest an. »Ich habe überlebt.«

»Erzählen Sie mir von dieser Insel.«

Ich dränge meinen Ärger über den Themenwechsel zurück und gehe auf seine Bitte ein. »Meinen Berechnungen zufolge befand ich mich am äußersten Rand unserer mit Axum abgestimmten Territorien. Wäre ich etwas weiter rausgefahren, hätte ich den Vertrag verletzt, und Sie könnten wieder Krieg haben. Verbannt von der Stadt, die ich gerettet habe, verbannt wegen dem, was ich zu ihrer Rettung veranlasst habe, nur um als Folge der Verbannung dann einen Krieg heraufzubeschwören. An diese Möglichkeit haben Sie nicht gedacht, als Sie mich mit einem Floß und Proviant ausgestattet haben.«

»Ich habe Sie mit einem Floß ausgestattet?«

Ich gebe mich betont geduldig. »Nicht Sie persönlich, wenn Ihnen auch sicher eine Rolle bei dem Ganzen zukam. Sie nicht, aber Ihre Dienststelle, insbesondere Ihr Vorgänger im Amt, Marschall Abel.«

»Abel?«

»Ja, Abel. Sie wollen mir ja wohl nicht erzählen, dass Sie ihn auch vergessen haben.«

Der Marschall lächelt und sieht auf seinen Schreibtisch nieder. »Erzählen Sie mir bitte von der Insel.«

Wieder halte ich das für Zeitverschwendung, aber mir dämmert, dass mein Volk den Sinn für Dringlichkeit verloren hat. Alles ist langsamer geworden. »Die Insel«, beginne ich, »ist ein toter, oder besser gesagt ein sterbender Ort. Sie ist wie ein Mensch, der mit dem Gesicht nach unten in einer Schlammpfütze liegt und langsam versinkt, langsam ertrinkt.« Ich unterbreche mich.

»Die Insel habe ich genauestens erfasst. Ich habe meine Aufzeichnungen mitgebracht.« Ich tippe auf die Tasche in meiner Hand. »Meine Absicht war, diese Aufzeichnungen dem Geografen der Stadt zu übergeben. Auch wenn die Insel verschwindet, das Wissen ist da, und nachdem wir so vieles verloren haben, ist selbst das wenige wertvoll.«

Der Marschall hebt die Hand, als ich die Tasche öffnen will. »Das hat Zeit«, sagt er.

Ich fixiere ihn mit meinem Blick. »Da haben Sie recht. Über die Insel gibt es nichts Besonderes zu sagen. Sie ist nicht die Sache, um die es hier geht, jedenfalls nicht die Hauptsache. Interessant für uns ist Andalus und was mit ihm geschehen soll.«

»Tun Sie mir trotzdem den Gefallen. Wie lange waren Sie auf der Insel, und was hat Sie bewogen, zu uns zurückzukehren?«

»Zehn Jahre. Ungefähr drei Wochen nachdem man mich fortgeschickt hatte, kam ich dort an. Zum ersten Mal konnte ich wieder Fuß auf trockenen Boden setzen. Relativ trocken zumindest. Ich schlug mein Lager auf. Ich fand Wasser. Ich fing Fische. Mit Torf und Holz aus einem kleinen Wäldchen machte ich Feuer. Ich sammelte Körner und Knollen. Ab und zu fing ich eine Möwe. Meistens waren sie aber schon tot. Ich rechnete aus, wie lange die Insel noch bestehen, wann sie im Wasser versinken würde. Ebenso notierte ich, wie die Nahrungsvorräte – Vögel und Fische – zurückgingen, und berechnete, wie lange der Brennstoffvorrat reichen würde. Ich katalogisierte die Fische, die ich fing, die Körnerarten, die ich fand, die Erde, die Steine. Angepflanzt habe ich nichts, weil ich mit dem Bestand auskam. Mein Leben würde mit dem der Insel zu Ende gehen. Das war mir die ganze Zeit, die ich dort war, bewusst.

Eines Tages wurde Andalus an Land gespült. Da war er nun, ein dicker weißer Bursche an meinem Strand. Erst nach einiger Zeit erkannte ich ihn. Er wiederum schien mich nicht zu erkennen. Im Gegenteil, es sah so aus, als wüsste er überhaupt nicht, was um ihn herum vorging.

Mir wurde klar, was seine Anwesenheit bedeuten könnte, und ich entschloss mich, unter Gefahr für mein Leben das Richtige zu tun, nämlich, Sie auf ihn aufmerksam zu machen. Und hier bin ich.«

»Und hier sind Sie.« Er schweigt. »Und wie lange haben Sie vor zu bleiben?«

Ich schüttele den Kopf. »Es gibt noch zu tun, es sind noch Fragen offen.« Ich beuge mich zum Marschall vor. »Was haben Sie mit Marschall Abel gemacht? Was haben Sie mit seiner Geliebten Tora gemacht?«

»Tora?«

»Meine Geliebte, bevor ich weg bin.«

»Und Sie meinen, ich sollte Sie kennen?«

»Sonst sind Sie ein Einfaltspinsel.«

Sein Gesichtsausdruck ändert sich. »Sie sind zu Gast in dieser Stadt. Vergessen Sie das nicht.«

»Ein Gast, mit dem Sie nichts anfangen können. Sie haben die Wahl: Geben Sie ihm Ihr bestes Zimmer, ignorieren Sie ihn in der Hoffnung, dass er weggeht, oder schaffen Sie ihn hinaus in das Orangenwäldchen, fallen Sie über ihn her, schneiden Sie ihm die Kehle durch und begraben Sie ihn irgendwo, wo es niemand sieht.«

»Wir bringen Sie nicht um. Wir sind gute Menschen, ein Volk, das nach vorn schaut.« Damit lehnt sich der Marschall zurück, verschränkt die Arme hinterm Kopf und blickt zur Decke. Dann fügt er hinzu: »Sie waren gestern Abend hier.«

Das verblüfft mich etwas. »Woher wissen Sie, dass ich das war?«

»Ihre Fußabdrücke waren überall.«

»Woher wussten Sie denn, dass es meine waren?«

Der Marschall zuckt die Achseln. »Wessen sonst?«

»Die Tür stand offen.«

Er schweigt.

»Ich bin auch im Saal gewesen. Ich habe gesehen, was Sie getan haben.«

»Was denn?«

»Sie haben meinen Namen von der Namenstafel gelöscht.«

»Gelöscht, sagen Sie?«

»Gelöscht. Zum Scherz vielleicht. Oder aus einer verqueren Vorstellung vom Allgemeinwohl heraus.«

»Würden Sie mir das erklären?«

»Irgendjemand, Sie, der echte Marschall, irgendwer, dem nicht gefiel, was wir getan haben, hat die Spuren der Person getilgt, die am direktesten mit dem Irrweg in Verbindung gebracht wurde. Irrweg aus seiner Sicht.«

»Um welchen Irrweg handelt es sich?«

Ich zögere, frage mich, ob er sich bewusst dumm stellt oder durchblicken lässt, dass er die Verdienste unseres Vorgehens anerkennt. »Der Irrweg, wie es manche nennen, bestand darin, die Schwachen zu beseitigen, eine Politik zu verfolgen, die einige Leben kostete und doch so viele rettete. Die Politik, die unsere durch eine Ursünde zerbrochene Welt heilen sollte. Die Politik, die manche als Selektion bezeichnet haben.«

Der Marschall starrt mich ein paar Augenblicke an. »Weshalb waren Sie hier?«

»Weshalb ich hier war? Ich kam zufällig vorbei. Die Tür stand offen. Ich war neugierig. Ich wollte meine alten Räumlichkeiten noch einmal sehen. Ich wollte meinen Namen auf der Tafel sehen.«

»Und Sie waren enttäuscht, dass er da nicht stand?«

»Natürlich. Geschichte radiert man nicht aus, bloß weil sie einem nicht genehm ist, weil man sie gern anders hätte, und genau das ist hier offensichtlich passiert.«

»Indem man Namen von einer Wand entfernt hat?«

»Symbolisch. Die Namensentfernung steht für etwas Größeres, etwas Düstereres.«

»Sie meinen, wir sollten uns weiterhin die Geschichten erzählen, die uns Angst machen?«

Mir scheint, ich bin drauf und dran, dem Marschall ein Geständnis zu entlocken.

»Weshalb sollten Sie davor Angst haben? Die Vergangenheit besitzt nur so viel Macht über Sie, wie Sie zulassen. Strafen Sie, wenn Sie möchten. Kreuzigen Sie, wenn es sein muss. Verbrennen Sie die Schuldigen und streuen Sie ihre Asche in den Wind, schwärzen Sie ihre Namen und vertreiben Sie ihre Familien. Fegen Sie nichts unter den Teppich. Rächen Sie Verfehlungen und lassen Sie’s gut sein. Auch die Schuldigen verdienen in Erinnerung zu bleiben, haben Anspruch auf ihr Schuldigsein.« Bin ich zu weit gegangen?

Der Marschall lässt keine Gefühlsregung erkennen. Nach einer Weile blickt er auf den Tisch und sagt: »Gehen wir doch mal in den Saal. Schauen wir, ob das, was Sie sagen, Hand und Fuß hat.« Es reizt mich, ihm zu antworten, dass meine Worte auf jeden Fall Hand und Fuß haben, egal was an der Wand steht, aber ich halte den Mund.

Wir schweigen, bis wir den großen Saal erreichen. Ich will gerade auf die Inschrift zeigen, da sagt der Marschall: »Madara, Abel. Noch keine lange Reihe, aber doch eine vielversprechende.«

Ich bin gelinde gesagt überrascht. »Der erste Name stimmt nicht. Und Abel steht zwar da, aber nicht, bis wann er regiert hat. Wo ist der Mann, was ist aus ihm geworden? Und wieso steht Ihr Name nicht da? Sind Sie nicht stolz darauf, Marschall zu sein?«

»Ich habe Wichtigeres zu tun, als meinen Namen an eine Wand zu schreiben«, fährt er mich an. »Das passiert noch früh genug.«

»Madara ist trotzdem falsch.«

»Was sollte denn da stehen?«

»Ich glaube, Sie kennen die Antwort, aber ich erkläre es Ihnen gern noch mal«, sage ich. »Der erste Marschall von Bran war Bran. Ich, der Mann, der nach der Siedlung hieß. Der zweite Marschall war Abel, mein Stellvertreter. Er stieg zum Marschall auf, als ich verbannt wurde. Es kann zwar sein, dass Sie der dritte Marschall sind, aber genau weiß ich das nicht.«

»Sie wissen es nicht.«

»Ich weiß nicht, ob Sie der dritte, der vierte oder der fünfte sind. Sie wissen doch genau, was ich meine. Bei drei Marschällen sollten die Namen auf der Liste Bran, Abel und Jura lauten. Das ist der Fehler – die falschen Namen, die falsche Anzahl.«

Der Marschall tritt vor die Wand und berührt sie fast mit der Nase, während er sich die Namen ansieht. Er fasst hin und fährt mit den Fingerspitzen über die goldene Schrift. »Sie haben gefragt, ob ich nicht stolz bin. Ich bin sehr stolz darauf, Marschall von Bran zu sein und solchen Männern nachzufolgen. Erst Madara, dann Abel, ein noch Größerer als sein Vorgänger.« Er schweigt. »Dieses Holz müsste man sehr vorsichtig schmirgeln, damit Änderungen im Schriftbild nicht auffallen. Ausgesprochen vorsichtig. Es ist so weich und hat eine so feine Maserung, dass nur ein Meister seines Fachs die Farbe entfernen und neu auftragen könnte, ohne Spuren seines Eingriffs zu hinterlassen. Kommen Sie, schauen Sie.«

Ich trete näher heran.

»Sehen Sie irgendwelche Kratzer?« Er zeigt auf den Namen Madara. »Ist da irgendwas anders am Holz?«

Ich muss verneinen.

»Aha«, sagt er mit kaum verhohlenem Triumph. »Dann müssen Sie ja wohl zugeben, dass Sie sich irren.«

»Sie haben doch selbst gesagt, dass ein Meister seines Fachs es hinbekommen hätte.«

»Da haben Sie mich missverstanden. Macht aber nichts.« Er wendet sich von mir ab, den Rücken zur Wand. »Sie sagen, Sie wissen viel über Geschichte, aber ich bin mir nicht sicher, ob Sie daraus auch etwas gelernt haben. Dennoch war es mir ein Vergnügen, mich mit Ihnen zu unterhalten. Ich tausche gern Gedanken aus. Wenn Sie noch mal wiederkommen, können wir unser Gespräch ja fortsetzen. Natürlich sollten Sie Ihren Besuch dann ankündigen und nicht umherschleichen wie ein Dieb.« Ich weiß nicht, ob er das ernst meint. »Aber jetzt müssen Sie gehen.« Er marschiert davon.

Am Saaleingang dreht er sich um, sieht mir in die Augen und sagt: »Madara war unser erster Regent. In mancher Hinsicht wirklich ein großer Mann. Er hat unsere Verfassung geschrieben. Er hat uns alle vor dem Hungertod bewahrt. Aber er war brutal, zu brutal. Vielleicht ein Mensch seiner Zeit. Dann ging diese Zeit zu Ende, und er konnte kein Mensch seiner Zeit mehr sein. Er musste gehen. Es musste Schluss sein mit ihm. Das ist seine Geschichte. Abel übernahm das Szepter. Er bewies wahren Weitblick, seine politische Einsicht hat uns geheilt, uns Stabilität und Zielbewusstsein geschenkt, eine Identität, die wir mehr und mehr schätzen.«

Ich bin zu entgeistert, um darauf zu antworten. Ich kann nur hinter dem Marschall herschauen. Doch dann rufe ich: »Sie können mich nicht ewig verleugnen, Jura. Letztendlich müssen Sie doch mit mir rechnen.«

Noch einmal fahre ich mit der Handfläche über das Holz. Ich gehe aus dem Saal, aus dem Gebäude, dem Hof. Im Gehen schaue ich zu dem Fenster hinauf. Vielleicht ein Schatten, eine Hand, ein blasses Gesicht. Vielleicht auch nichts.

Ich bin unverrichteter Dinge gegangen, aber ich werde wiederkommen. Wenn mir der Marschall meine Fragen nicht beantwortet, finde ich die Antworten selbst heraus. Ich werde feststellen, was hier vorgeht. Ich werde Abel und Tora finden.

Schnell gehe ich noch einmal zu Abels Haus. Ich klopfe laut an die Tür, lege mein Ohr ans Holz und horche konzentriert. Nichts. Ich klopfe und horche noch einmal.

Nach ein paar Augenblicken gehe ich leise von der Tür zum Fenster. Durchsehen kann ich nicht. Die Sonne scheint hell auf die Scheibe und blendet mich. Ich drücke mein Gesicht gegen das Glas. Zuerst kann ich nichts erkennen. Nach und nach werden Dinge sichtbar: der Steinfußboden, ein Stuhl, ein Tisch, eine Truhe an der Wand. Auf der Truhe ein Krug und eine Schüssel. Auf der anderen Seite des Zimmers ein Gang ins Hausinnere. Der Stuhl ist umgekippt. Die Tür muss irgendwo links sein, aber sehen kann ich sie nicht, da ein Wandvorsprung mir die Sicht versperrt. Ich stelle mir vor, dass da jemand steht und darauf wartet, dass ich gehe. Ich drücke mich noch dichter an die Scheibe und lege die Hände rechts und links ans Gesicht, um den Sonnenglast auszublenden. Der Boden ist mit einer grauen Staubschicht überzogen. Sie ist dünn, nur ein paar Tage alt.

Mittlerweile ist es offensichtlich, dass die Antworten auf meine Fragen schwer zu bekommen sind. Auf der Straße sieht mich kaum jemand an. Einer, der Richter, ist vor mir weggelaufen. Die zwei-, dreihundert Leute, deren Namen ich kenne, sind verschwunden. Ein Marschall, der eindeutig keine Führungspersönlichkeit ist. Eine Frau, die vorgibt, weder mich noch ihre Vorgängerin zu kennen, vielleicht widerwillig so tut, weil sie muss, weil sie Verpflichtungen hat. Ich weiß es nicht.

Offenbar wollen sie vergessen. Das wäre tragisch. Nur die Schwachen vergessen ihre Vergangenheit. Wenn man einen Menschen tötet, der nicht weiß, woher er kommt, der keine Bindung an seine Gemeinschaft hat, kann man dann überhaupt sagen, man hat einen Menschen getötet? Was ist denn ein Mensch, wenn nicht seine Vergangenheit und seine Gefährten? Es wäre kein Verlust zu spüren. Das gilt auch für Völker. Nur ein schwaches Volk vergisst seine Vergangenheit, ein Land, das man ausradieren und neu anfangen lassen kann, ohne dass es jemand merkt. Statt Geschichte bloß ein Schweigen, das niemand hört. Ein armseliges Volk, und wenn es diesen Weg beschreitet, hat es verdient, was es bekommt.

Meinem Volk hat der Krieg eine Geschichte beschert. Es wurde ausgedünnt, um in einer unwirtlichen Welt besser bestehen zu können. Das ist die Geschichte dieses Volkes. Der Mann, der davongelaufen ist, der, der mich umgerannt hat, die Leute in der Küche, die mich ignoriert haben, der Marschall, Elba, sie sollten nicht vergessen, wo sie herkommen. In Zeiten des Hungers und der Not geboren, sind sie die Überlebenden, diejenigen, die die Bürde der Zukunft zu tragen hatten, einer Zukunft, der die Schwachen im Weg standen. Fühlen sie sich schuldig? Nicht in diesem Sinn. Die Schuldfrage stellt sich nicht in diesem Land, Schuld hat es seit Beginn der Kämpfe nicht gegeben, nicht seit wir angefangen haben, im panischen Überlebenskampf einander die Kehlen durchzuschneiden. Diese Menschen haben nicht die nötige Fantasie, um sich schuldig zu fühlen. Sie haben nicht das Recht dazu.

Muss man einfach ihrem Gedächtnis auf die Sprünge helfen, sie zwingen, sich zu erinnern? So viele Beweise zusammenbringen, dass sie mich nicht mehr verleugnen können, sich endlich ein Herz fassen und der Vergangenheit – und mir – ins Auge sehen?

Eine Verpflichtung sollten sie fühlen. Keine Schuld, sondern eine Verpflichtung. Als letzte Vertreter eines einst dominierenden Geschlechts sind sie verpflichtet, die Erinnerung an das Vorausgegangene zu bewahren. Wir haben ja sonst nichts.

Es enttäuscht mich, was aus ihnen geworden ist. Geister. Schatten. Habe ich sie dazu gemacht? Habe ich ihnen solche Angst eingejagt, dass sie sich wie Kinder in den Ecken herumdrücken? Nein. Auch ich bin aus einer zerstörten Welt hervorgegangen. Aber ich habe ihnen gezeigt, wie man diese Trümmerwelt ganz machen, die blutigen Fetzen wieder zusammenbringen kann.

Von Weitem sehe ich sie kommen, die eine viel größer als die andere. Elba und Amhara. Sie haben mich auch schon gesehen. Ich warte auf sie. Amhara trägt eine rote Jacke. Wieder muss ich an meine erste Begegnung mit ihr denken. Mir ist genauso zumute wie damals.

»Guten Morgen«, sagt Elba.

»Hallo, Elba. Hallo, Amhara.« Das Mädchen sieht zu Boden.

»Es tut mir leid, dass ich gestern Abend so schroff war«, fährt Elba fort.

Ich schüttle den Kopf.

»Möchten Sie’s noch mal versuchen?«, fragt sie.

»Mit einem Besuch?«

»Nein. Na ja, doch. Ich würde Sie gern noch mal zum Essen einladen«, sagt sie. »Heute Abend?«

»Sehr gern«, antworte ich.

»Gut.« Sie sagt nicht Auf Wiedersehen, sondern dreht sich um und geht mit Amhara davon. Ich schaue ihnen hinterher. An der nächsten Ecke dreht Amhara sich nach mir um. Ich winke ihr. Sie winkt nicht zurück.

Tagsüber sind meine Möglichkeiten begrenzt, aber wenigstens zweierlei kann ich tun. Ich kann an Haustüren anklopfen, bis ich jemanden finde, den ich erkenne oder der bereit ist, mit mir zu sprechen. Und ich kann noch einmal zu dem Orangenhain gehen und zu der Lichtung in der Mitte, dem Platz, wo wir die Schwachen gehängt haben.

Natürlich besteht die Gefahr, dass man die Tore schließt, wenn ich draußen bin, und mich nicht mehr in die Stadt lässt, aber das Risiko muss ich eingehen. Ich möchte Beweise für meine Arbeit finden. In einer Hütte am Richtplatz wurden Dokumente aufbewahrt, und wenn sie noch dort sind, könnten sie mir weiterhelfen.

Auf dem Weg zum Stadttor sehe ich von Weitem Andalus. Es ärgert mich, dass er umherstreift, aber ich kann ihn bei meiner Suche nach der Wahrheit nicht ständig um mich haben oder im Auge behalten.

Ich bin Einschränkungen nicht gewöhnt. Auf der Insel habe ich mir alle Grenzen selbst gesetzt.

Ich rufe ihn, aber er ist zu weit weg. Er ist eine graue Gestalt in der Ferne, ein von der Hitze durchflimmerter Schemen. Ich muss an den ersten Morgen vor dem Stadttor denken. Ich laufe los, um ihn einzuholen. Er biegt um eine Ecke und ist weg. Ich schlage mit der Faust gegen eine Hauswand. Die Haustür öffnet sich. Sie öffnet sich zu mir hin. Ich sehe den Schatten eines Mannes im Türspalt. Warte darauf, dass sich sein Gesicht zeigt. Er kommt nicht heraus. Langsam schließt sich die Tür wieder. Ich stoße einen Schrei aus und stürze auf sie zu, aber es ist zu spät.

Ich gehe im grün gesprenkelten Licht zwischen den Bäumen hindurch, lasse die Hände durchs Gras und an der Baumrinde entlangstreifen. Die einfallende Sonne wird gekühlt von den Zitrusblättern. Ich halte mir die Hände ans Gesicht. Ich rieche die Säuren, die Öle. Mir wird klar, dass ich in mancher Hinsicht von meiner alten Stadt, von dem, was aus ihr geworden ist, wie verzaubert bin. Verzaubert und frustriert. Darf man sich ganz der Liebe zu etwas überlassen, das unvollkommen ist, das falsch ist? Man darf, möchte ich sagen. Irgendwie möchte ich mich der Stadt anheimgeben. Ich weiß, ich könnte in ihren Schoß zurückkehren, mich Elbas Liebkosungen überlassen, Abel, Tora und meine Rolle in dem Ganzen vergessen. Ich könnte das Mädchen großziehen, vielleicht auch eine eigene Familie gründen. Von vorn beginnen. Wobei das eventuell nicht geht. Elba ist in einem Alter, in dem es für sie gefährlich wäre, Kinder zu gebären. Eine Ersatzfamilie also. Etwas Unvollkommenes, Unvollständiges, Unreines. Für Reinheit ist die Geschichte zu weit fortgeschritten.

Und zu viele Fragen. Zu viel Unerledigtes, um in einem ruhigen Leben Befriedigung zu finden.

Einige Früchte hängen so tief, dass ich mich ducken muss, während ich unter den Ästen durchgehe. Hier und da ist es dunkel unter dem dichten Laub. Ich gehe tief in den Garten hinein und sehe niemanden. Nur meine eigenen Schritte sind zu hören. Ich staune über die Fülle an Früchten. Manche sind überreif, als gäbe es so viele, dass man sich gar nicht die Mühe machte, alle zu pflücken. Zu meiner Zeit haben wir geerntet, was wir nur konnten, und den Garten zum Schutz vor Diebstahl bewacht. Aber hier ist niemand.

Ich komme plötzlich aus den Bäumen heraus und stehe auf einer sonnenüberfluteten Lichtung. Statt Bäumen hohes grünes Gras, und in der Mitte, ganz ungewöhnlich für unsere Siedlung, eine Hütte aus Stein von etwa vier mal vier Metern. Obwohl sich die Umgebung stark verändert hat, habe ich relativ leicht hierhergefunden. Seinerzeit gab es hier nur ein paar Bäume. Bäume von kräftigerem Wuchs als die Orangen. Ich sehe, dass sie zum Teil sogar noch da sind, noch im Kreis um die Hütte herumstehen.

Ich hatte den Platz einzäunen lassen. Er lag eine Meile vom Stadttor entfernt, nicht ganz außer Sicht. Jetzt bin ich schon hundert Meter über die Gräber gelaufen. Hier haben wir sie beigesetzt, hier, wo sie gestorben sind. Wir fingen bei der Hütte an und begruben sie in einer Kreisspirale darum herum, da immer neue hinzukamen.

Wir bestatteten sie in flachen Gräbern mit dem Gesicht zum Himmel. So konnten sie nach der Überzeugung einiger in einer besseren Welt wiederauferstehen, einer Welt, die erst durch ihr Hinscheiden möglich geworden war. Oft teilten sich mehrere Tote ein Grab. Wir begruben sie, doch die Beerdigung war kein Vergessen, sollte kein Vergessen sein. Mich ärgert, dass offenbar die Merksteine entfernt worden sind. Wir hatten die Gräber jeweils sorgfältig mit einem kleinen Steinhaufen gekennzeichnet. Aber sie sind gar nicht weg. Ich stochere mit dem Fuß im Gras und stoße auf einen. Nicht entfernt, nur verkommen und vergessen. Wenigstens sind sie noch da, aber sie sollten nicht so überwuchert sein. Wenn es so schlimm war, was wir diesen Menschen angetan haben, warum bewahrt man dann ihr Gedächtnis nicht? Die Gräber so von Gras und Obstbäumen überwuchern zu lassen, das ist kein Gedenken. Im Geiste sehe ich einen Leichnam in der Erde liegen. Die Wurzeln des Orangenbaums durchdringen die Erde, durchdringen den Leichensack, durchdringen den Körper. Die Früchte der Bäume, von denen die Stadt lebt, nähren sich vom Tod unserer Ahnen.

Andererseits sind ein Obstgarten und ungestörter Friede natürlich besser als trockener Boden, pralle Sonne und ein paar kleine Gedenksteine in karger Landschaft.

Ich habe den Stein von der Insel dabei. Ich nehme ihn aus der Tasche und schaue mich auf der Lichtung nach einem Platz für ihn um. Keiner bietet sich an. Es hat etwas von einer leeren Geste, aber ich lege den Stein vor mir auf den Boden. Er ist dunkler als die, auf die ich gestoßen bin. Ich richte mich auf und hole tief Luft. Ich fühle mich selber leer.

Ich gehe zu der Hütte. Das einzige Fenster ist mit Brettern vernagelt, wenn auch nicht ganz. Die Bretter bilden ein X. Die Tür ist zugenagelt. Ich spähe hinein. Es dauert einen Moment, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Viel zu sehen gibt es nicht. Ein weißer Schemen liegt der Länge nach drinnen auf dem Tisch. Ich fahre zurück. Die Form eines Kopfes, zwei Knäuel am Ende als Füße, ein herunterhängender Arm. Er bewegt sich nicht. Natürlich weiß ich, dass es kein Leichnam ist. Aber der Anblick hat mich daran erinnert. Plastisch. Ein eingebildeter Leichnam anstelle der vielen Hundert vor ihm. Er nimmt den Platz der Toten ein.

Ich trete die Tür ein. Langsam nähere ich mich durch den Staub dem Schemen. Staubteilchen flirren durch die Luft wie Fliegen. Sie schimmern in dem Sonnenstrahl, der durch die Tür einfällt. Ich trete heran und berühre den Schemen. Er gibt gleich nach. Es ist einer der Säcke, in die wir die Toten vor dem Begräbnis gehüllt haben. Einen Moment lang denke ich, wenn ich ihn aufreiße, bekomme ich Toras Mutter zu sehen – als wäre sie erst gestern gestorben –, doch er enthält lediglich weitere Säcke. Anscheinend sind sie so angeordnet worden, dass sie nach einem Leichnam aussehen. Warum, weiß ich nicht. Ich ziehe einen nach dem anderen heraus. Wieder Staub. Hinter mir raschelt es. Ich drehe mich rasch um, sehe aber nichts. An der Tür kneife ich die Augen gegen das Licht zusammen. Niemand zu sehen. »Wer ist da?«, rufe ich. Keine Antwort. Ich gehe um die Hütte herum zur anderen Seite, aber da ist nichts, und ich höre auch nichts mehr. Ein Karnickel, nehme ich an. Ich kehre in die Hütte zurück und nehme den Pseudoleichnam weiter auseinander. Der Staub bringt mich zum Niesen. Wieder erschreckt mich das Geräusch.

Ich blicke mich in dem Raum um. Bis auf den Tisch und die Säcke ist alles entfernt worden. Viel an Ausrüstung hatten wir nie gebraucht. Ein Stuhl, ein Tisch, eine kleine Plattform, einen Schrank, einen Strick, eine Kochgelegenheit für die Wachen, Messer, Schnur, Säcke. Das war’s.

Der Schrank mit den Unterlagen ist fort.

Ich gehe zur hinteren Wand. Strecke die Hand aus, fahre mit den Fingern über die Striche. Wir haben mit einem Stein jeweils eine kleine Kerbe in die Hüttenwand geritzt. Den siebten Strich zogen wir quer über die sechs vorhergehenden. Nach zweiundfünfzig solchen Blöcken fingen wir eine neue Reihe an. Warum wir die Toten so nach Kalenderart gezählt haben, weiß ich nicht mehr. Bedeutete jeder Tod einen weiteren Tag Leben für die Siedlung? Vielleicht. Aber es ist auch ein Zeichen von Respekt. Eine in Stein geritzte Kerbe vergeht nicht.

Ich trete einen Schritt zurück. Die Striche reichen quer über die Wand und vom Boden bis zur Decke. Sie umgeben mich. Erdrücken mich.

Ich weiß, wie viele es sind. Ich muss nicht nachzählen. Neunhundertsiebzehn Kerben sind an der Wand.

Ich weiß noch den Namen hinter der ersten Kerbe, den Namen hinter der letzten und einige dazwischen. Auf der Insel habe ich versucht, mir weitere in Erinnerung zu rufen. Jede Nacht lag ich auf dem Bett und ging die Namen durch, während ich auf die Wand meiner Höhle starrte. Ich wollte mich unbedingt an mehr erinnern. Nach einer Weile zwang ich mich damit aufzuhören, indem ich dem Wind, den Wellen lauschte. An Bran, an Tora, Abel, meine Verbannung dachte ich nicht. Nur an die Namen. Einzig die Namen. Die meist ausdruckslosen, namenlosen Gesichter drängten gegen die Höhlenwand, die Wand der Zeit an, versuchten durchzudringen. Ich schloss die Augen, um sie auszusperren.

Als Tora zu mir kam, nachdem ich ihre Mutter gehängt hatte, schloss ich sie in die Arme. Ich drückte sie, und mir hüpfte das Herz. Aber dann sah ich meine Hände auf ihrem Rücken. Ich erinnerte mich an das Blut, das Blut von Toras Mutter an meinen Händen, die jetzt nur ein dünnes Kleid von Toras Haut trennte. Ich nahm die eine Hand weg, hielt sie mit der anderen umso fester. Ich glaube aber, sie dachte, ich wollte sie loslassen. Das wollte ich nicht. Ich wollte sie weiter festhalten. Immer und ewig. Sie sah verletzt aus. Ich konnte nichts erklären. Sie löste sich aus meinem Griff, schob sich an mir vorbei und ging sich ein Glas Wasser holen.

Jeden Einzelnen der neunhundertsiebzehn habe ich selbst als Klasse C eingestuft. Ich sah das als meine Aufgabe. Jeden Einzelnen habe ich zum Tode verurteilt. Manche weinten. Manche wollten mich angreifen. Die meisten waren zu schwach dazu. Ich wurde tausend Mal verflucht.

Ich schließe die Tür, gehe nach draußen und laufe noch einmal um die Hütte herum. Dahinter ist alles zugewuchert, die Bäume sind nicht beschnitten. Meine Füße versinken in faulendem Obst, Unkraut, totem Gezweig. Wie in Schlamm. Ich trete dagegen. Mein Fuß trifft auf etwas Hartes. Ich bücke mich und hebe es auf. Es ist einige Zentimeter lang und mit brauner Erde verkrustet. Für Holz ist es viel zu hart. Ich reibe etwas von der Erde ab. Jetzt kann ich die Poren sehen. Es ist eindeutig ein Knochen. Wovon, weiß ich nicht. Er könnte genauso gut von einem Hund wie von einem Menschen sein. Ich scharre mehr Erde weg und knie mich hin, um noch etwas tiefer zu graben. Es geht schwer, und ich komme nicht weit, kratze nur an der Oberfläche. Dabei weiß ich, dass ich mit dem richtigen Werkzeug ganze Skelette freilegen könnte. Aber was würde das beweisen? Ohne Namen beweist es gar nichts. Einen Knochen finde ich aber noch. Ich ziehe ihn heraus. Er stammt vom Bein eines Menschen. Steine und Laub fliegen umher, als ich ihn aus der Erde zerre. Dann stehe ich da mit ihm. Ich stehe da mit dem Schenkelknochen eines Menschen in der Hand, werfe den Kopf zurück und schließe geblendet die Augen.

Das Licht malt mir Muster auf die Augenlider. Ich öffne und schließe sie immer wieder in der Hoffnung, dass die Muster weggehen. Aber sie kehren bunter und bunter zurück. Ich fange an, Gesichter zu sehen. Ihre Gesichter. Ich bin von Bäumen umgeben. An jedem Ast hängt eine Leiche. Ameisen krabbeln ihnen über die Haut. Die Leichen hängen bis tief in den Hain, tief in das Dunkel des Gartens hinein. Die schwarzen Leiber schaukeln leicht im Wind. Ich kann die Stricke knarzen hören.

Erst am Spätnachmittag komme ich in die Stadt zurück. Ich gehe zum Unterstand. Andalus ist wieder da. Er döst an eine Wand gelehnt in der Sonne. Ich setze mich neben ihn, Schulter an Schulter. Er wacht auf, rührt sich aber nicht. Ich neige den Kopf zu ihm hin. Seine Körperfülle hat etwas Beruhigendes. Reales. Ich tätschele ihm die Hand. »Andalus«, sage ich. »Ich komme nicht weiter, Andalus. Ich bin hierhergekommen, um uns zu retten, aber ich komme nicht weiter.«

Er antwortet nicht. Seine Arme ruhen auf seinen Schenkeln. Ein Bild kommt mir in den Sinn. Das Bild habe ich als Kind gesehen. Ich fand es in einer Ruine, auf die unsere Gruppe während des Zugs nach Süden gestoßen war. Die Tiere auf dem Bild sahen wie Menschen aus, hatten aber kräftigere Kiefer und breitere Stirnen. Sie waren schwarz behaart und standen in einem Wald von saftigstem Grün. Mein Kinderverstand fand sie zugleich beängstigend und anziehend. Wenn ich zurückdenke, ist das vielleicht der Grund, wieso ich mich mehr als andere für die Vergangenheit interessiere: ein Bild von fremden Tieren in einem fremden Land. Ich zeigte es niemandem. Meine Eltern waren schon lange tot – ich hatte immer nur eine verschwommene Vorstellung davon, wie sie aussahen –, und Freunde hatte ich kaum. Aber auch sonst hätte ich mein Geheimnis mit niemandem geteilt. Ich wahrte es jahrelang. Eins der Tiere saß in genau der gleichen Haltung da wie jetzt Andalus. Warum ist er so geworden? Allmählich glaube ich, dass er nicht bloß durch irgendwelche Ereignisse in Axum traumatisiert ist, sondern obendrein den Verstand verloren hat. Es könnte sogar sein, dass ihm gar nichts zugestoßen ist. Kein schweres Trauma, kein schlimmes Ereignis wie Meuterei, Aufruhr oder ein Prozess. Vielleicht hat er den Verstand verloren und ist einfach eines Tages fortgegangen, um nie wieder zurückzukehren. Am Leben erhalten von der Kolonie als Zeichen der Menschlichkeit gegenüber einem einst bedeutenden Regenten, hat er irgendwann einfach die samtenen Fesseln abgestreift und sich davongemacht. Eine nicht ganz abwegige Erklärung.

Wieder denke ich an die andere Möglichkeit. Er ist schlauer als ich. Er entdeckt mich auf einer Insel, heckt einen raffinierten Plan aus und spielt mir etwas vor. Ich bringe ihn hierher, er erschleicht sich die Gunst der Leute und kehrt an der Spitze eines Heeres über Länder und Meere nach Axum zurück, um es den Rebellen oder der dritten Macht wieder abzunehmen und Recht und Ordnung wiederherzustellen. Noch wartet er ab, wartet er auf die rechte Gelegenheit, das Wort zu ergreifen. Früher oder später lässt er die Katze aus dem Sack.

Ich frage mich, wie es im umgekehrten Fall wäre. Was hätte ich getan, wäre ich verbannt worden, nichts ahnend im Herrschaftsgebiet von Axum gelandet und hätte Andalus allein auf einer Insel angetroffen?

Ich rede weiter. »Sie verstecken sich vor uns, Andalus. Davon bin ich überzeugt. Was gäbe es sonst für eine Erklärung? Es sind ja nur zehn Jahre. Sie haben Abel und Tora weggesperrt. Entweder das, oder Abel dirigiert das Ganze. Sein Name steht noch an der Wand. Alle, die mich kennen, halten sich verborgen, während ich durch die Straßen laufe. Ihr Leben ist für die Dauer meines Aufenthalts ausgesetzt. Nur Kinder und Leute, von denen sie wissen, dass ich sie nicht kenne, dürfen auf die Straße.«

Ich lehne den Kopf gegen die Wand.

»Beweisen kann ich das natürlich nicht. Es ist bloß eine Theorie. Und ich verstehe auch den Grund nicht. Warum schießt man mir nicht einfach einen Pfeil ins Herz und fertig? Warum sagt man mir nicht auf den Kopf zu: ›Du hast hier nichts zu suchen. Hau ab.‹ Mir erscheint das inkonsequent. Ein Zeichen von Schwäche.«

Ich sehe zu ihm rüber. »Sie müssen mir helfen, Andalus. Ich komme der Wahrheit schon auf den Grund. Irgendwie ringe ich sie diesen Leuten ab. Ich werde sie dazu bringen, mich anzuerkennen, so wie ich oder vielmehr wir beide sie vor Jahren dazu gebracht haben, unserer Lage ins Auge zu sehen. Aber es geht schneller, wenn Sie mir helfen.«

Ich wende mich ihm zu. »Möchten Sie nicht für Ordnung sorgen? Möchten Sie nicht, dass das alles aufhört? Die Gedanken, die Gespenster, die Hunderte von Gespenstern?«

Und da schüttelt er den Kopf. Es ist eine so kleine Bewegung, dass ich sie mir eingebildet haben könnte. Ich warte, aber es kommt nichts mehr.

»Ist das Ihre Antwort, Andalus? Ist das Ihre Antwort? Nein? Empfinden Sie denn gar nichts?«

Sein Kopf ist jetzt von mir weggedreht. Reglos. Vielleicht war die Bewegung nur ein Abwenden, keine Antwort. Seine Augen sind geschlossen. Ich drehe sein Gesicht zu mir her, und sie öffnen sich. »Haben Sie mir geantwortet?«

Seine Augen haben einen leeren Ausdruck. Sie erinnern mich an das Meer, über das wir gefahren sind. Blaugrau. Leblos. Aber irgendwo da drin, vielleicht versunken, liegt eine Saphirstadt, ein Denkmal für einen großen Menschen, eine Erinnerung, eine Geschichte.

Als ich später zu Elba komme, macht mir Amhara auf. Ehe ich etwas sagen kann, ist sie auch schon davongelaufen und lässt mich allein die Wohnung betreten.

»Hallo?«

»Hier bin ich. In der Küche.«

Elba steht über einen kleinen Herd gebeugt.

»Ich dachte, die wären alle längst aus dem Verkehr gezogen«, sage ich mit einer Kopfbewegung zu dem Herd hin.

Sie lacht. »Nein. Jetzt dürfen wir wieder.«

»Sie geben also zu, dass sich etwas geändert hat«, sage ich.

Sie sieht sich mit einem verwirrten Gesichtsausdruck um. »Natürlich. Alles ändert sich doch ständig.« Es ist, als wollte sie mich herausfordern.

Mein Magen rumort wegen des Geruchs in der Küche. Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen. Amhara kommt hereingefegt, geht zu ihrer Mutter und flüstert ihr etwas ins Ohr.

Elba dreht sich um. »Meine Tochter möchte, dass Sie ihr etwas erzählen.« Sie lächelt entschuldigend. Amhara dreht sich rasch um und sieht ihre Mutter böse an. Es ist aber nur ein kurzer Moment, und ich mag mich irren. Ich beachte es nicht weiter.

»Was erzählen? Mal sehen. Möchtest du noch mehr über die Insel hören?«

Sie nickt, sieht mich dabei aber nicht an.

»Na schön.« Ich setze mich an den Tisch. »Auf der Insel habe ich in einer Höhle gewohnt. Es hat die ganze Zeit geregnet. Anders als hier. Ich habe zehn Jahre lang die Sonne nicht gesehen, oder nur als weiße Scheibe hinter Wolken. Es war eine triste Welt: grau, braun, blassgrün. Das sind nicht die Farben des Lebens. Neulich habe ich dir vielleicht den Eindruck vermittelt, die Insel sei das Paradies gewesen. Das stimmt nicht. Es war ein hartes Leben. Auszuhalten schon. Aber wenn man zehn Jahre lang nur den Regen und nie die Sonne auf der Haut spürt, ist das nicht schön. Dazu kam die Stille. Ich habe mir Sachen eingebildet.« Ich unterbreche mich jäh. Das hatte ich nicht sagen wollen.

»Wer war denn sonst noch da?«, fragt das Kind.

»Sonst? Keiner. Da war sonst keiner. Nur ich. Ich, die Vögel, die Fische, die Würmer.«

»Und was hast du dir eingebildet?«

Ich sehe erst sie, dann Elba scharf an. »Ich habe Menschen gesehen. Das heißt, ich wusste, dass sie nicht wirklich da waren, aber wenn man lange Zeit alleine ist, fängt man an, sich Sachen einzubilden. Und irgendwo wollte ich, dass sie da sind, wollte ich, dass sie wiederkommen.«

»Hast du deine Freunde vermisst?«

Ich bin froh, dass sie mich etwas missverstanden hat. »Eine Frau.« Ich werfe Elba einen Blick zu. »Es gab eine Frau, die mir gefehlt hat. Ich hoffe, ich habe ihr auch gefehlt. Und einen Mann. Ein ehemaliger Freund von mir. Der hat mir nicht so gefehlt.«

»Wieso nicht?«

»Weil er mich fortgeschickt hat, weil er sich mit den Bewohnern der Stadt zusammengetan hat, um mich zu entmachten und an die Grenze von Bran zu verbannen.«

»Warum das denn?«

Ich überlege. »Die Menschen waren der Meinung, es müsse sich etwas ändern. Ich wurde nicht mehr gebraucht.«

Amhara denkt ein wenig nach. »Du warst also allein.«

»Ja. Eines Tages habe ich dann aber jemanden entdeckt. Ich lief an der Küste entlang und sah ihn von Weitem im Sand liegen. Er war an den Strand gespült worden. Ich pflegte ihn wieder gesund und gab ihm Essen und Unterkunft.«

»Wo ist er jetzt?«

»Ich habe ihn mit nach Bran gebracht. Der Mann ist sehr wichtig. Mir war klar, dass ich ihn hierher bringen muss. Unsere Zukunft könnte davon abhängen. Ich habe ihn an dem Ort zurückgelassen, wo ich wohne. Er ist nicht sehr gesprächig.« Das sage ich mit einem Lächeln.

»Wieso nicht?«

»Ich weiß es nicht. Ich nehme an, er hat so etwas wie einen Schock erlitten und kann deshalb vorläufig nicht sprechen. Das gibt es manchmal. Im Krieg sehen die Menschen Sachen, die ihnen nicht gefallen. Das versetzt ihnen einen Schock. Manchmal verstummen sie dann. Ich habe das oft erlebt.«

»Ist es dir auch passiert?«

»Nein. Ich hatte Glück.«

Mit gesenktem Kopf scheint sie über das nachzudenken, was ich gesagt habe.

»Wie kann er denn dein Freund sein, wenn er nichts sagt? Er muss doch reden, damit du ihn kennenlernst.«

»Das ist eine gute Frage. Ich kannte ihn vor Jahren schon, lange bevor er auf die Insel kam. Er heißt Andalus und war General von Axum, ein sehr mächtiger Mann. Vor Jahren war ich hier auch sehr mächtig. Du musst kurz nach meiner Zeit als Marschall dieser Siedlung, kurz nach meinem Fortgang geboren sein. Andalus und ich haben uns den Frieden gebracht. Wir hatten jahrelang Krieg geführt. Aber wir haben ihn beendet, weil wir eingesehen haben, dass er unnütz war. Wir haben das sinnlose Sterben Tausender junger Menschen beendet.«

Ich blicke zu Elba, um zu sehen, ob ich zu weit gehe, aber sie steht mit dem Rücken zu mir und dreht sich nicht um.

»Das war vor über zwanzig Jahren – vor zweiundzwanzig hatte ich ihn zuletzt gesehen. Es war Frieden zwischen unseren Völkern. Wir hatten vereinbart, uns zurückzuhalten und niemals das Territorium des anderen zu betreten. Niemals. Daher nahm ich an, ich würde ihn nicht wiedersehen. Und dann taucht er da auf der Insel auf. Das gab mir zu denken.«

»Was dachtest du denn?«, fragt das Mädchen.

»Ich habe überlegt, ob wir wieder vor einem Krieg stehen. Findest du es nicht auch merkwürdig, dass mein Freund im Hoheitsgebiet von Bran aufgetaucht ist, nachdem er versprochen hat, dass weder er noch sein Volk jemals wieder in unsere Nähe kommt?«

Darauf dreht sich Elba um und sagt: »Das reicht mal für heute.«

»Ich würde gern noch mehr hören«, widerspricht Amhara. Sie sieht Elba an, die gleich nachgibt.

»Na schön. Ein bisschen noch«, sagt sie.

Ich erzähle weiter. »Ich bin noch aus einem anderen Grund zurückgekommen.«

»Weshalb denn?«

»Er und ich waren mächtige Männer, und unsere Vorstellungen entsprachen der Zeit. Einige lehnten unsere Ideen jedoch als barbarisch ab. Sie wollten uns Einhalt gebieten.«

»Hatten sie recht?«

Darauf antworte ich nicht. Ich sage: »Ich bin zurückgekommen, um vielleicht etwas wiedergutzumachen.« Dabei sehe ich ihre Mutter an.

Elba stellt den Teller ab, den sie in der Hand gehalten hat. »Sie ist zu jung, Bran. Schluss mit Fragen, Amhara.«

Das Kind sieht mich über den Tisch hinweg an, ohne seine Mutter zu beachten. Nach ein paar Augenblicken sagt es: »Ich würde ihn gern sehen, deinen Freund.«

»Deine Mutter hat ihn gesehen«, antworte ich.

»So?« Sie scheint ihre Anweisung an Amhara vergessen zu haben.

»Ja. In der Gemeinschaftsküche. Ich bin mit ihm reingekommen.«

Elba runzelt die Stirn. »Tut mir leid, ich kann mich nicht an ihn erinnern.«

»Er saß mir gegenüber. Sie haben ihn auch mit mir in der Stadt gesehen.«

Sie schüttelt den Kopf. »Tut mir leid.«

Ich bin überrascht. Seinen Anblick vergisst man nicht so leicht.

Elba wendet sich Amhara zu und sagt: »Jetzt ab ins Bett mit dir. Sag Gute Nacht.«

Das Mädchen beachtet sie nicht. Es sieht mich an und sagt: »Das ist überhaupt nicht meine Mutter.«

Elba lässt eine Pfanne fallen und fährt zu ihr herum. »Das sollst du doch nicht sagen.« Ihre Stimme ist nur ein atemloses Hauchen. »Was haben wir ausgemacht?«

Amhara sieht auf den Tisch. Sie macht ein finsteres Gesicht. »Na, du bist es aber doch nicht. Du tust nur so.«

»Ab mit dir! Gute Nacht!«

Amhara geht wortlos hinaus.

Ich bitte Elba mit einem Lächeln um Verzeihung. Einen Moment lang fehlen mir die Worte. Ich möchte sie nach dem fragen, was Amhara gesagt hat, doch Elba kommt mir zuvor. »Das Kind hat zu viel Fantasie. Ich wünschte, Sie würden ihm keine Flausen in den Kopf setzen. Die Geschichte von Ihnen und Andalus ist gut, schön ausgedacht, aber nichts für ein kleines Mädchen.«

»Das habe ich mir nicht ausgedacht, Elba. Es muss raus. Und die Leute müssen es hören. Außerdem glaube ich nicht, dass jemand zu viel Fantasie haben kann. Ohne Ideen, ohne Vorstellungen könnten wir genauso gut Hunde sein.« Mein Ausbruch überrascht mich selbst. Elba schweigt.

»Aber es stimmt schon«, lenke ich ein, »von drohendem Krieg sollte man einem kleinen Mädchen vor dem Schlafengehen nichts erzählen.«

Sie nickt. »Das Essen ist fertig. Da drüben steht Wein«, sie deutet mit dem Kopf auf einen Schrank. »Würden Sie einschenken?«

Danach reden wir nicht mehr viel, und das Schweigen ist etwas unbehaglich. Ich möchte über Amharas Bemerkungen sprechen und darüber, dass sich Elba nicht an Andalus erinnert, aber mir liegt nichts daran, sie zu verärgern. Gegen Ende des Abends erzähle ich ihr allerdings von meinem Gespräch mit dem Marschall. Mir fällt auf, dass sie mich dabei weder ansieht noch irgendeinen Kommentar abgibt. »Was halten Sie davon?«, frage ich schließlich.

Sie sieht mir in die Augen. »Ich glaube, der Marschall hat recht. Und ich meine, Sie sollten sich mit diesen Geschichten nicht mehr beschäftigen.«

Das verblüfft mich. »Recht? Womit denn recht?«

»Hat er eben. Mit allem. Unser erster Marschall war Madara. Ein großer Mann, wenn auch brutal. Den einen war ein Retter, den anderen ein Untier. So oder so, jetzt ist er für uns gestorben. Wir sind weiter. Sie sollten sich nicht darauf versteifen, Namen ändern zu wollen.«

Ich weiß nicht, was sie meint. »Nein. Sie haben unrecht. Diese Änderungen müssen zugegeben werden. Wir müssen die Verantwortlichen finden. Wie es aussieht, sind die Menschen hier so abgestumpft, dass sie alles schlucken, was man ihnen weismacht, nur um ihre Ruhe zu haben.« Dabei schlage ich mit der Gabel auf den Tisch. Sie legt ihre Hand auf meine und hält einen Finger an die Lippen.

»Sie wecken das Kind auf.«

Ich nicke. »Verzeihung. Aber Madara ist erfunden, eine Fantasiegestalt, eine Theaterfigur.«

Elba steht auf, genau wie gestern Abend, und tritt ans Fenster. »Kennen Sie die Legende von Bran? Bestimmt, denn Sie heißen ja auch so. Was uns nahe ist, kennen wir meistens.«

»Ja.«

»Dann wissen Sie auch, dass Bran einmal ein großer König war. Er herrschte zu einer Zeit, an die sich niemand erinnern kann, von der nie jemand gehört hat. Er regierte ein Reich irgendwo im Osten. Irgendwo. Bricht man nach Osten auf und gelangt zu den rauschenden Flüssen, den himmelhohen Bergen und den Früchten ohne Zahl, weiß man, dass man dort ist. Seltsame Wesen sollen da leben.«

Sie schweigt. »Er kam zu einer für sein Volk kritischen Zeit an die Macht. Das Volk war schwach. Doch er warf alle nieder, die ihm vor Augen kamen. Er vernichtete, was er an Nachbarn fand. Er schützte sein Volk, machte es stark, brachte ihm die Herrschaft über alle anderen. Eines Tages starb er dann. Er wurde von einem seiner eigenen Scharfschützen in den Rücken geschossen. Ein Unfall. Man zog den Pfeil heraus, doch gerade das war sein Tod. Er verblutete, und sein Blut tränkte den Boden des von ihm geliebten Landes.«

Sie trägt das vor, als hätte sie es auswendig gelernt.

»Die Menschen waren voller Angst. Ihr Retter war nicht mehr. Sie nahmen ein Messer und schnitten ihm den Kopf ab. Sie trugen ihn zum Rand des Königreichs, zur Küste. Mit dem Gesicht zum Meer steckten sie ihn auf einen Pfahl. Der Blick war so entsetzlich, so furchterregend, dass er alle Eindringlinge abschreckte. Sein Land wurde niemals erobert und gedieh ohne ihn zu einem Ort des Friedens, wo nur die Erinnerung an ihn blieb.«

»Wollen Sie damit sagen, dass das mit mir passiert ist?«

Elba gibt einen Spottlaut von sich. »Nein. Es ist bloß eine Geschichte. Etwas, das sich zugetragen hat. Sich zugetragen haben könnte.«

Ich trete zu ihr ans Fenster. Zögernd lege ich ihr die Hand auf die Schulter. Zu meiner Überraschung legt sie den Kopf schräg, sodass ihre Wange auf meinen Fingern ruht.

»Wie hat sie das gemeint?«

»Wer?«

»Amhara. Wie hat sie das gemeint, dass Sie nicht ihre Mutter seien?«

Sie wird unter meiner Berührung steif.

»Sie kommt gerade in ein schwieriges Alter.«

»Trotzdem, was hat sie damit gemeint?« Mir ist klar, dass ich riskiere, den einzigen Menschen gegen mich aufzubringen, der sich für mich interessiert, aber die Wahrheit ist wichtiger.

Elba löst sich von mir und sieht mich an. »Gar nichts hat sie damit gemeint. Wie kommen Sie dazu, mir so eine Frage zu stellen?«

»Wer ist der Vater?«

»Das habe ich Ihnen doch gesagt.«

»Ist sie mein Kind?«

Elba zögert und lacht dann. Sie tritt einen Schritt zurück. Lacht erneut. Es ist ein hohles Lachen.

Ich rede weiter. »Sie ist nicht Ihre Tochter, oder?«

Das Lächeln verschwindet.

»Sie ist die Tochter von Tora. Als ich hierherkam, dachte ich das gleich, aber es ist mir gerade erst bewusst geworden. Ich habe Tora in ihr gesehen. Mich sehe ich auch in ihr.«

Elbas Blick flackert. Ihre Lippen bewegen sich, aber sie sagt nichts. Sie sieht mich nur an.

Ich fasse sie an den Armen. »Bitte sagen Sie mir doch, was los ist. Sagen Sie mir, warum mich niemand wiedererkennt. Sagen Sie mir, warum mich niemand kennen will.« Ich beuge mich ein wenig, als wollte ich vor ihr knien.

»Sagen Sie mir, was hier gespielt wird. Warum tut ihr alle so, als ob ihr nicht wisst, wer ich bin?«

Sie schweigt.

»Ich nehme das nicht hin. Ich könnte hier wieder Fuß fassen, ein neues Leben anfangen, vielleicht sogar mit Ihnen.« Sie sieht mich nicht an. »Aber noch geht das nicht. Erst will ich herausfinden, was seit meinem Fortgang mit dieser Stadt geschehen ist, was aus Abel, aus Tora geworden ist. Das ist zu eurem Besten. Unserem Besten. Wie wollt ihr vorankommen, wenn ihr euch nicht erinnert?«

Jetzt hat sie sich gefasst und sieht mich an. »Wieso glauben Sie zu wissen, was für uns am besten ist? Sie tauchen hier aus heiterem Himmel auf mit Ihrer seltsam altmodischen Sprechweise, den Staub der Berge am Jackett, und behaupten, Sie seien unser Marschall gewesen, ja Sie hätten die Siedlung überhaupt erst gegründet. Sie erzählen tausend Geschichten. Ich habe keine Angst vor Ihnen. Ich schreibe Ihre Überspanntheiten einem, nun ja, exzentrischen Wesen zu, wie es dieser Stadt tatsächlich fremd ist. Wir haben gediegene Bürger, die ihren Geschäften nachgehen, aber Geschichten erzählt keiner gern. Das gefällt mir an Ihnen. Bloß tragen Sie so dick auf. Können Sie sich nicht geschlagen geben, zugeben, dass Sie sich irren, dass in den zehn Jahren, die Sie angeblich fort waren, etwas mit Ihnen passiert ist, an das Sie sich nicht erinnern, etwas, das Ihre Persönlichkeit verändert hat? Angeblich sind Sie verbannt worden, aber kann es nicht sein, dass Sie schlicht ein Seemann sind, der bei einem Schiffbruch beinah ertrunken wäre und, als er wieder zu sich kam, zwar durchaus bei Verstand war, aber dachte, er sei einmal ein Krieger gewesen, ein bedeutender Mensch, ein Schlächter?« Sie holt erst einmal Luft.

»Bran – sogar Ihr Name könnte erfunden sein. Die Stadt heißt schließlich auch so. Sind Sie ein Findling? Vielleicht wurden Sie bar jeder Erinnerung und jeder Geschichte hierher gebracht, haben sich im Hintergrund gehalten und gewartet, bis eine Geschichte in Ihnen Wurzeln fasste, bis sie wussten, wer Sie waren. Bran der Stadtmensch. Der Mann der Stadt. Sie behaupten, wir hätten Sie bewusst vergessen, Sie ausradiert, aber wissen Sie wirklich genau, dass nicht vielmehr Sie sich das alles ausgedacht haben? Sind Sie sicher, dass Ihre Geschichte stimmt?«

»Jetzt machen Sie sich lächerlich«, sage ich.

»Ja, vielleicht.« Sie schweigt. »Sie können aber doch auch nicht vernünftig erklären, wieso eine ganze Stadt beschlossen haben sollte, die Existenz zweier Männer und einer Frau sowie ihre eigene Vergangenheit zu vertuschen.«

»Stimmt, ich kann mir noch nicht erklären, weshalb ihr euch dazu entschlossen habt. Deswegen möchte ich ja, dass Sie mir helfen.«

»Was wollen Sie hören, Bran? Wie soll man darauf antworten? Sie können uns nie wieder kennenlernen.« Einen Moment lang schließt sie die Augen, als hätte sie etwas Falsches gesagt.

»Nie wieder, sagen Sie. Sie kennen mich also doch.«

»So habe ich das nicht gemeint. Ich kenne Sie nicht.«

»Ich bin Bran, euer erster Marschall.«

»Ich kenne Sie nicht.«

»Ich bin Bran.«

Sie schüttelt den Kopf. »Nein.«

Ich gebe ihr einen Stoß, als ich sie loslasse und mich abwende.

»Vielleicht sollten Sie jetzt gehen.«

Ich gehe zur Tür hinaus. Ich sehe mich nicht noch einmal um.

Ich mache mich auf den Weg zu Abels Haus. Laufe durch die dunklen Straßen. Man sieht kaum noch irgendwo Licht. Es ist später, als ich dachte. Der Mondschein wirft Schatten von den Dächern. An einer Dachkante bewegt sich etwas. Ich blicke rasch auf. Nichts zu sehen. Ich drehe mich im Kreis. Immer noch nichts. Ich denke an die Insel zurück, an die Köpfe, die mich von den Kliffs her angestarrt haben.

Als ich den Blick senke, sehe ich ihn. Eine Gestalt, das Gesicht kann ich nicht erkennen. Er drückt sich in einen Hauseingang. Ich rufe. Laufe auf ihn zu. Hinter ihm öffnet sich eine Tür, und weg ist er.

Ich werfe mich gegen die Tür. Schlage mit beiden Händen dagegen. Nehme Anlauf und versetze ihr einen Tritt.

Mausmenschen. Sie halten sich im Dunkeln. Was sie nicht verstehen, davor laufen sie weg.

Diesmal habe ich mein Messer dabei. Es gleitet mühelos in den Spalt. Ich drehe es und spüre, wie das Metall nachgibt. Das Schloss öffnet sich leicht. Es ist eingerostet wie eines, das jahrelang nicht benutzt worden ist. Ich betrete Abels Haus und warte, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Alles ist voll Staub. Der ganze Raum ist grau davon, noch grauer durch das Mondlicht.

»Hallo?«, höre ich mich rufen. Ich weiß nicht, ob ich eine Antwort erwarte.

Allmählich kann ich in der Dunkelheit Gegenstände ausmachen, Sachen, die ich kenne. An der Wand hängt eine Degenscheide, die Abel gehört hat. Er bekam sie von mir als Auszeichnung nach einer Schlacht. Hinter den feindlichen Linien hatte er einen Trupp Soldaten in Sicherheit gebracht und dabei noch einen Wachposten gefangen genommen. Eine Glanztat zu einer Zeit, wo jede weitere Niederlage unser Ende hätte bedeuten können. Ich weiß noch, wie er die Scheide entgegengenommen hat. Todernst sah er mich an, als ich sie ihm überreichte. Sein Blick war schon fast feindselig, aber wohl eher ein Ausdruck der Entschlossenheit. Mit Lächeln hat er es nie so gehabt.

Ich spüre, dass in diesem Raum irgendetwas passiert ist. Sachen liegen herum. Eine Schublade steht offen. Abel war ein sehr ordentlicher Mensch. Deshalb arbeiteten wir gut zusammen. Wir waren uns da ähnlich. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit. Wenn das Abels Haus ist, muss etwas passiert sein. So verlottert. Aber es ist Abels Haus. Mit Abels Sachen.

Auf dem Tisch liegt ein Hauptbuch von der Art, wie ich sie hatte anfertigen lassen. Ich schlage es auf. Es ist leer bis auf den Vermerk »Eigentum von Bran. Auf Verlangen dem Büro des Marschalls von Bran auszuhändigen«. Diesen Vermerk hatte ich eingeführt. Effektiv bedeutete er wenig, aber er war einer der Bausteine der Siedlung, ein Schritt zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Als Geste war er ganz entscheidend. Ich klappe das Buch zu. Meine Finger hinterlassen Spuren auf dem verstaubten Umschlag. Ich bedaure, dass das Buch kein Datum trägt, das einen Hinweis auf den Zeitpunkt von Abels Verschwinden hätte geben können, und dass weder meine noch Abels Handschrift darin zu finden ist, denn damit hätte ich meine Geschichte untermauern können.

Ich gehe in die Küche. Die Schränke sind leer, der ganze Raum ist leer bis auf einen kleinen Tisch und den umgekippten Stuhl. Das Schlafzimmer liegt neben der Küche. Dort ist es wegen des Rollos vor dem einzigen Fenster beinah stockdunkel. Nur durch die Ritzen zwischen den Wandbrettern dringt Licht. In der Mitte steht ein Bett aus Holz und am Fuß des Betts eine Truhe. Ich klappe sie auf. In der Ecke liegt zusammengeknüllt eine Jacke. Mein Herz schlägt schneller. Ich schüttle sie aus. Es ist eine Militärjacke. Die Abzeichen sind abgerissen, doch die Anzahl der Risse verrät mir, dass es die Jacke meines Stellvertreters ist. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie früher aussah. Ich schaue nach dem Namen an der Brusttasche. Auch er ist abgerissen worden.

Das Bett ist ungemacht. Die Laken sind zerwühlt. Ich schüttle sie aus. Halte mir eine Decke ans Gesicht. Ich kann sie riechen. Tief atme ich ein. Die Decke riecht nach ihr. Nach der Seife an ihren Händen. Nach ihrem Haar. Ich lege mich hin.

Ich schlafe wie betäubt. Als ich aufwache, wird es schon hell. Ich nehme die Jacke und gehe in die Küche. Dort am Boden springt mir etwas ins Auge. Etwas halb unter der Anrichte Verborgenes. Ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Ich falte es auseinander.

Und sie ist es wirklich.

Nicht nur ein Geruch, ein Duft, etwas, das ein Geist hinterlassen könnte. Es ist ihre Handschrift. Die erkenne ich auch nach zehn Jahren noch. Ich lese die wenigen Worte: »Lieber Bran, ich hoffe, Du verstehst mich.« Diese Zeile ist durchgestrichen. Und weiter: »Zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein möchten, besteht eine Kluft.«

Ich drehe den Zettel um. Nichts mehr. Das ist alles.

Ich lese ihn noch einmal. Und noch einmal. Jedes Mal ergeben die Wörter die gleichen Sätze. Jedes Mal enden sie zu schnell.

Ich verlasse das Haus, trete hinaus an die frühe Morgensonne und ziehe die Tür hinter mir zu. Sie abzusperren versuche ich gar nicht erst.