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Die Küste zu erreichen dauert fast den ganzen Tag. Am frühen Nachmittag erkenne ich einen Küstenstrich wieder und steuere eine kleine Bucht an, an die ich mich erinnere.
Die Landschaft ist ganz anders als auf meiner Insel. Dort gibt es nur Wasser, Riedgras, Schlamm, Torf. Hier gibt es Sonne, roten Fels und knorrige Bäume, die meisten kaum größer als ich. Das Wasser in der Bucht ist tiefblau. Noch Meter unter mir kann ich den Meeresgrund sehen. Schwärme von Fischen, und Pflanzen wachsen auf dem weißen Sand.
Die Bucht ist geschützt. Die Gezeitenunterschiede sind gering, und ich glaube, das Floß liegt hier sicher. Ich frage mich, ob ich es noch mal brauche, unter welchen Umständen ich hierher zurückkommen müsste. Da ich gern auf alles vorbereitet bin, bleibt es zur Sicherheit hier. Den Gedanken an eine Rückkehr schiebe ich von mir.
Das ist nicht der Strand, von dem ich vor zehn Jahren losgesegelt bin. Der liegt eine halbe Tagesreise entfernt. Sobald ich die Küste wiedererkannte, habe ich die Bucht hier angesteuert, weil sie weiter weg von der Siedlung ist. Ich kann das Floß zwar vor den Elementen schützen, aber nicht vor den Menschen. Zu der Zeit, als ich Marschall war, lebte hier niemand, doch das ist zehn Jahre her. Stellt sich heraus, dass die Gegend bewohnt ist, fahre ich weiter und ankere noch weiter oben an der Küste. Ich möchte nicht, dass die Siedlung von meiner Ankunft erfährt, bevor ich da bin. Sie sollen nicht dazu kommen, sich eine Reaktion zu überlegen, ehe ich meine Sache vorgetragen habe. Wenigstens vorläufig muss ich mich vor neugierigen Blicken, neugierigen Menschen verbergen. Mit Andalus ist das schwierig. Es ist schwierig, eine fette weiße Made in der Wüste zu verstecken.
Ich gehe an Land. Dabei trifft mich etwas wie ein Schlag. Ich spüre trockenes Gestein unter den Füßen. Ich atme ein und schmecke Staub, Hitze, eine trockene Hitze. Es ist nur ein Geruch, nur ein Gefühl, aber mir kribbelt die Haut. Diese Luft, die ich atme, ist Heimat. Beim Festmachen des Floßes habe ich ein Lächeln im Gesicht.
Als das Floß vertäut ist, verliere ich keine Zeit. Ich finde einen Hohlraum zwischen den Felsen und führe Andalus dorthin. Ich sage ihm, er soll im Schatten warten. Ich sage ihm, dass ich für einige Zeit weg bin, weil ich mich nach Menschen umschaue. Er soll nicht fortgehen, sich nicht zeigen, im Unterschlupf bleiben. Ich muss sein Kinn anheben, damit er mich ansieht. Ich weiß nicht, ob er mich verstanden hat, aber ich lasse ihm etwas zu essen da und gehe.
Ich klettere das Steilufer hinauf. Es geht schwer. Ich bin die Hitze und die Sonne nicht gewohnt und habe drei Wochen im Liegen und Sitzen auf einem Floß verbracht, mit wenig Nahrung. Mein Herz pocht. Meine Kehle fühlt sich rau an wie seit Jahren nicht. Es ist, als ob ich austrockne. Nachdem ich jahrelang in der Torfbrühe der Insel eingeweicht worden bin, wird mir jetzt das ganze Wasser entzogen. Ich bin ein in der Sonne vergessener Schwamm. Heimat hin, Heimat her, immer noch ein Fisch auf dem Trockenen.
Oben angekommen, ruhe ich mich erst mal aus. Meilen ringsum ist nichts, kein Anzeichen menschlicher Besiedlung, kein Rauch, keine bestellten Felder. Trockenes Buschland nur: einzelne Bäume, dürres Gras, Gestrüpp. In der Ferne, blau am Horizont, zeichnen sich Berge ab. Nach links und rechts erstreckt sich das Steilufer, so weit das Auge reicht. Ich hatte zwar keine Menschen zu sehen erwartet, bin aber dennoch erleichtert. Ich kann wieder atmen.
Ich sehe einen Adler. Er stößt auf die Ebene herab und steigt, wie es scheint, mit einem Kaninchen oder einer Ratte in den Fängen wieder auf. Plötzlich läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Seit meiner letzten Mahlzeit im Gefängnis habe ich kein Fleisch mehr gegessen. Der Fang des Adlers zeigt, dass es Fleisch gibt. Das ist ungewöhnlich. In einigen dünn besiedelten Gebieten haben einzelne Wildtiere die Hungersnot und unsere unerbittliche Suche nach etwas, womit wir unsere Mägen füllen könnten, überlebt, aber viele waren es nicht. Und unbefugtes Jagen war verboten. Wer gegen die Bestimmungen verstieß, wurde bestraft. Allen erwachsenen Mitgliedern seiner Familie wurden zwei Wochen lang die Rationen verwehrt. Für manche älteren Menschen war das ein Todesurteil.
Wir kamen mit dieser Lebensweise zurecht, und für die Siedlung gilt das wahrscheinlich immer noch. Wenn die Umwelt das Leben bedroht, hat es wenig Sinn, sich ihr entgegenzustellen, auszuprobieren, wie weit man gehen kann. Besser, man zügelt das Leben, als dass man sich mit Urgewalten anlegt. Das war der Gedanke hinter dem Großen Plan, dem Regelwerk, über das niemand reden wollte, das uns aber gerettet hat. Durch Töten gerettet.
Ich rieche förmlich das Feuer, den Holzrauch. Ich höre förmlich das Knistern des Reisigs und sehe die Flammen, heller als je auf meiner Insel. Die Hitze, der Geruch, die Geräusche eines trockenen Landes ohne das alles durchdringende Wasser der Insel. Ich rieche das angesengte Fleisch eines Karnickels. Ich weiß jetzt, dass der Adler ein Karnickel geschlagen hat, denn ich sehe ihre Bauten. Es ist riskant, wenn ich versuche, ein Karnickel zu fangen. Dass man mich dabei ertappt, wie ich mich an den Reserven der Siedlung vergreife, wäre das Letzte, was ich will. Aber ich muss es tun. Wir haben vier Tage Fußmarsch vor uns und nur noch wenig Proviant.
Vier Tage. Die Berge, die ich in der Ferne sehe, sind zwei Tage von hier, und Bran liegt noch mal zwei Tagesmärsche von dem Pass entfernt, auf dem wir die Bergkette überqueren werden. Vier Tage. Es wird uns wie eine Ewigkeit vorkommen.
Ich sehe nirgends Anzeichen von Menschen um mich, und ich kann meilenweit sehen. Wenn ich etwas zu essen erbeuten will, ist das hier eine gute Stelle. Ich kehre zum Floß und zu Andalus zurück. Er sitzt mit gesenktem Kopf und angezogenen Knien da. Ich hole ein Stück Schnur und eins meiner Krabbennetze vom Floß. Karnickel fangen kann man damit genauso gut.
Ich überlege, ob wir besser nachts wandern und tagsüber schlafen sollten, um einer Entdeckung zu entgehen. Ich erwäge das Für und Wider: erhöhte Gefahr, am Berg abzustürzen, weniger Gefahr, entdeckt zu werden. Verstecken können wir uns aber nur am Berg. Wenn wir tagsüber hier draußen schlafen, unter einem Baum oder Strauch, sind wir auf Meilen im Umkreis zu sehen. Wach bleiben und hoffen, dass man die anderen zuerst sieht, ist besser.
Am Abend unter den Sternen fühle ich mich nur kurz einmal unwohl. Andalus und ich essen uns an Karnickelfleisch und den Früchten eines Baumes satt, die ich aus meiner Jugend kenne. Unbehagen bereitet mir der Gedanke, dass bisher alles zu glatt gegangen ist. Ich brauchte nicht lange auf die Kaninchen zu warten, sie sprangen nur so in die Falle, und der einzige Baum weit und breit strotzte vor Obst. Schon das kann nur bedeuten, dass hier noch immer keine Menschen leben. Sie hätten eine solche Fülle nicht übersehen.
Dieser Teil der Territorien war noch nie so fruchtbar. Auch sonst keiner. Es ist trocken hier und doch zugleich ganz anders, als ich es in Erinnerung habe. Eine fruchtbare Trockenheit. So sieht ein Land aus, das sich auf den Frühling freut. Es gibt offensichtlich so viel Wasser, dass Gräser, Bäume und Tiere zurückgekehrt sind. Ich frage mich, ob die ganze Welt einmal so war, wenn nicht sogar noch fruchtbarer. Bäche, die durch Wiesen aus saftigem Gras fließen, Obstbäume am Ufer, das Wasser verwirbelt von Fischen. Einst waren wir viele, davon bin ich überzeugt, und dann sah es doch sicher auch woanders so aus? Ich habe mich oft gefragt und denke auch jetzt wieder daran, ob wir gründlich genug gesucht haben. Haben wir als Volk uns trotz jahrelanger Suche in den Ödländern zu früh niedergelassen? Ist uns ein Land entgangen, das keine Sorgen kannte, das statt Ruinen unbekannten Ursprungs eine überlieferte Vergangenheit besaß? Ein Land voller Menschen, alt und jung, krank und gesund. Lag es immer um die nächste Ecke? Aber nein. Alles, was ich an Hinweisen auf eine fantastische Vergangenheit gesehen habe, war tot. Begraben. Auf andere Welten wurde sonst nur in Gerüchten und Legenden angespielt: Geschichten von mythischen Wesen aus ferner Vergangenheit wie die Sage von dem Mann in der Bergwand, die meinem Volk so viel bedeutete.
Diese Gedanken beschäftigen mich nicht lange. Seit Jahren habe ich nicht solche Sterne gesehen. So mit Staunen erfüllt haben sie mich seit meiner Kindheit nicht. Früher habe ich manchmal unter freiem Himmel geschlafen, wenn ich durfte, wenn die Waffen ruhten, wenn kein Rauch, kein stumpfgelber Nebel über unserem Lager hing. Dann sah ich zu den Sternen hoch und stellte mir vor, ich besuchte sie, wanderte durch die silbernen Täler mit ihrem puderweichen Sand. Ein Land ewiger Nacht stellte ich mir vor, aber eine warme Nacht mit noch mehr Sternen ringsherum, noch mehr Lichtnadelköpfen. Ich blickte auch zum Mond mit seinen Kratern und hätte gern gewusst, ob von dort jemand zu mir herunterschaute.
Heute Abend jedoch geht mir Tora durch den Kopf und die Aussicht, sie wiederzusehen. Einige Dinge könnten das verhindern. Ich liste sie auf. Erstens, ich sterbe in den nächsten vier Tagen an Herzschlag, durch den Pfeil eines Kundschafters, durch ein vergiftetes Tier. Zweitens, wenn ich die Siedlung erreiche, lassen sie mich nicht zu ihr. Drittens, sie ist tot. Ich versuche auszurechnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich sie nicht wiedersehe. Zu kompliziert.
Ich denke daran zurück, wie wir uns kennengelernt haben. Es zeichnete sich ab, dass der Krieg ein Fehlschlag war, dass er uns der Menschen beraubte, die wir brauchten, um die Not zu überwinden; dass er uns die gesunden jungen Männer nahm und die Alten und Schwachen, die Frauen und Kinder ließ.
Ich leitete inzwischen den Krieg von Bran aus und besuchte gelegentlich die Truppen. An der Kandidatur für das Marschallamt arbeitete ich damals noch. Wir hatten eine Art ziviles Oberhaupt, doch ich wollte meine Rolle mit seiner verbinden. Ich machte Pläne für die Zukunft der Siedlung, entwickelte meine Vision für Bran und Axum, die beiden einzigen Gemeinschaften, die wir jemals gekannt hatten.
In vorbereitenden Gesprächen mit Andalus hatte ich mit Abel und anderen engen Mitarbeitern das Konzept erörtert. Wir mussten die Menschen überreden, meinen Plan anzunehmen. Andalus wusste so gut wie ich, dass wir unsere Ziele besser auf dem politischen als auf militärischem Weg erreichten. Die gegenseitige Unterstützung erleichterte uns beiden den Sieg, denn es war klar, dass das Konzept nur funktionieren würde, wenn beide Seiten es annahmen. Und klar war auch, dass wir starke Führer brauchten, um es durchzusetzen. Ich wurde Marschall von Bran. Er behielt seinen Generalstitel. Im Abstand von wenigen Monaten wurden wir Regierungschefs.
Mehrere Monate, vielleicht auch ein Jahr vorher war ich auf einer Versammlung, auf der die Tragweite des Konzepts erörtert wurde. Tora saß hinten im Saal. Wir stellten prominenten Bürgern und Militärs unsere Pläne vor. Tora war wohl in ihrer Eigenschaft als Nahrungsmittel-Koordinatorin dort, eine nicht unbedeutende Büroarbeit, bei der sie einem General unterstand.
Ich begann meinen Vortrag mit den Grundsätzen des Großen Plans. Es sollte drei Personengruppen geben, unterteilt in drei Klassen. Verwalter, Produzierende und Kinder unter dreizehn Jahren waren einzustufen in die Klassen A, B oder C. Die meisten Bürger waren Klasse A. Jede Klasse enthielt Mitglieder aus allen Gruppen. Die Klasse richtete sich ausschließlich danach, ob ein Bürger oder eine Bürgerin ihre Funktion erfüllen konnte, sei es in der Produktion oder in der Verwaltung. Verwaltende wie ich selbst und Tora sollten für einen geregelten Ablauf des Lebens in der Siedlung sorgen, und Produzierende wie Toras Mutter sollten Land bestellen oder Güter für den Bedarf der Siedlung herstellen. Klasse B war den vorübergehend Untauglichen vorbehalten, denjenigen, die augenscheinlich nicht mitmachen wollten oder sich vor Verantwortung zu drücken suchten, und jenen, die in die Nähe von Klasse C rückten, weil sie alt oder gebrechlich waren. Bürger, die nicht arbeiten konnten oder wollten, aus welchem Grund auch immer, waren nicht mehr von Nutzen, wurden als Last angesehen und Klasse C zugeteilt. C-Bürger wurden eliminiert.
Der Schwachpunkt der Klasseneinteilung lag darin, dass sie von Verwaltern vorgenommen wurde. Um der Möglichkeit vorzubeugen, dass diese Personen Schwächen in ihrer Familie, unter ihren Freunden oder bei sich selbst geheim hielten, führte ich ein System ein, wonach regelmäßig jeder von zufällig ausgewählten Mitgliedern der anderen Gruppen befragt und überprüft wurde. Hatte jemand Bedenken, dieser oder jener könnte falsch eingeteilt sein, kam er damit zu mir. Wenn es jemandem gelang, das System zu überlisten, dann immer nur kurz.
Die Rolle des obersten Schiedsrichters übernahm ich selbst. Ich war derjenige, der die Namen nach A, B oder C schob. Ich war derjenige, der den Betroffenen in die Augen sah. Ich nahm vieles auf mich. Manchmal fragte ich mich, was passieren würde, wenn meine Zeit kam. Wer würde mich aussortieren? Lange hielt ich mich mit dem Gedanken nicht auf.
Wer nicht arbeitete, bekam keine Unterstützung. Unterstützt wurden nur gesunde Flüchtlinge und vorübergehend Arbeitsunfähige.
Nichtanzeigen einer möglichen Herabstufung auf C wurde mit umgehender C-Einstufung beider Parteien bestraft. Deshalb brauchte ich nur sehr selten als Schiedsrichter einzugreifen. Wenn jemand ernstlich krank wurde, verbarg man das nicht. Man hatte eine Woche Zeit, die Schwere der Krankheit einzuschätzen. Es verwundert nicht, dass manche ihre eigenen Angehörigen anzeigten, denn Krankheiten werden normalerweise zuerst in der Familie bemerkt. Einige Menschen zeigten sich selbst an. In drei Fällen waren sie völlig gesund, weigerten sich aber zu arbeiten. Mir blieb keine Wahl. Verstehen konnte ich sie nicht. Meistens zeigten sich jedoch die Alten und Gebrechlichen selbst an, diejenigen, die vom Leben genug hatten. Alle starben.
Zu Zeiten des Großen Plans erlebten wir fünfzehn Selbstmorde. Einige wiesen in ihren Abschiedsbriefen auf mich oder meine Ideen hin. Sie wurden nicht in unser Totenverzeichnis aufgenommen.
Ausreisen durften die Bürger auch nicht. Alles auf der Welt war zwischen Bran und Axum aufgeteilt. Da es nur so wenig gab auf der Welt, konnten wir nicht zulassen, dass irgendjemand – jemand aus den Siedlungen – Essbares stahl, das unseren brüchigen Gemeinschaften als Nahrung dienen konnte.
Die Grundidee war ganz einfach. Der Zustand der Welt, in der wir uns befanden, und die Kriegsjahre hatten nur wenige Tausend Menschen überleben lassen, die ums nackte Dasein kämpften, und diejenigen, die uns in der Zukunft hätten versorgen können – die Jungen –, starben jeden Tag. Wegen des Mangels an Nahrungsmitteln sollten nur diejenigen, die einen Beitrag leisten konnten, den beiden Siedlungen angehören dürfen, den beiden Gemeinschaften, aus denen eine neue Welt entstehen würde.
Besonders originell fand ich den Gedanken nicht. Auslöschen der Schwachen zugunsten der Starken. Die besten Ideen sind manchmal so einfach, dass man das Gefühl hat, sie seien schon von anderen ausprobiert worden. Aber es war die Idee, die unsere Zeit brauchte. Wir waren es uns schuldig, sie anzuwenden.
Als ich meine Rede beendete, stand Tora auf. Eine Wortmeldung von ihr war nicht vorgesehen. Sie war nur als Beobachterin geladen, da sie selbst keine Führungsposition innehatte. Einige der älteren Männer im Saal schrien sie an, geboten ihr zu schweigen. Aber sie ließ sich nicht beirren. Ich bemerkte sie gleich, als sie aufstand, und einen Moment lang blieb für mich die Zeit stehen. Sie hatte etwas an sich, auch wenn ich es damals nicht benennen konnte, das alles andere unwichtig erscheinen ließ. Von dem, was sie sagte, bekam ich nicht viel mit, oder ich weiß es nicht mehr. An ihre Stimme erinnere ich mich aber. Sie war leise und doch klar und fest. Irgendwie drang sie durch die Buhrufe, die Missbilligung der Männer, die für sie und ihresgleichen getötet hatten. Sie gab sich nicht geschlagen. Lieber Hungers sterben als zum Mörder an den eigenen Landsleuten werden, lautete ein Argument von ihr, das ich behalten habe. Sie war an jenem Tag etwas emotional, aber ich glaube, sie hat Eindruck gemacht, zumindest mit ihrer Entschlossenheit und ihrem Mut. Als sie weggeführt wurde, drehte sie sich nach mir um. Zum ersten Mal. Sie drehte sich nach mir um und sah mir, wie es schien, minutenlang in die Augen, dabei war es wohl nur eine Sekunde.
Das war, glaube ich, der stärkste Widerstand gegen die Idee, den ich erlebt habe. Das und die Schreie der Opfer und ihrer Angehörigen.
Wir nannten sie nicht Opfer. Wir nannten sie Märtyrer. Ein Wort aus einer anderen Zeit. Einer, der ans Opferbringen glaubt und sich opfert, um andere zu retten.
Eine Woche darauf begegnete ich ihr zufällig auf der Straße. Ich ging auf der einen Straßenseite, sie kam mir auf der anderen entgegen. Sie sah mich auch. Ich hob unwillkürlich die Hand und winkte. Sie wollte wohl zurückwinken, besann sich dann aber anders. Erst ein Jahr später habe ich sie schließlich geküsst. Ein Jahr später, als sie sich zu der Idee bekehrte. Sich jedenfalls so weit dazu bekehrte, dass sie sie nicht mehr bekämpfte.
Ich denke an Tora und lausche den Grillen – ein Geräusch, das ich seit Jahren nicht gehört habe. Es dauert lange, bis ich einschlafe.
Als ich aufwache, sehe ich nach dem Floß. Die meiste Ausrüstung lasse ich an Bord. Nur etwas Schnur, meine Aufzeichnungen und einen Wasserbehälter nehme ich mit. Ich will mich nicht unnötig beladen. Den Stein nehme ich auch mit. Er ist eher klein und trotzdem schwer genug.
Ich tippe Andalus auf die Schulter. Er steht sofort auf, nimmt, was ich ihm zu essen gebe, und läuft genau in der richtigen Richtung los, während er isst. Ich habe vergessen, dass auch er das Land kennt. Ich folge ihm mit ein paar Schritten Abstand.
Er kann das Tempo aber nicht halten, und nach einer oder zwei Stunden übernehme ich wieder die Spitze wie gewohnt, drehe mich etwa alle hundert Schritte um und warte, bis er mich einholt.
Am frühen Morgen des nächsten Tages fangen die Berge vor uns die Sonne ein. Ich sehe ein grünes Tal, das zum Gipfel eines der Berge hinaufführt. Das ist der Pass. In diesem Licht ist er deutlich zu sehen. Ich habe das Gefühl, den Berg berühren zu können, obwohl er noch Meilen entfernt ist. Ich atme die kalte, trockene Luft ein. Ich spüre auch, wie die Sonne langsam die Landschaft erwärmt, spüre es, als wäre ich ein von ihr beschienener Stein, als wäre ich das Gras, das im Wind singende Laub.
Dieser Pass ist der einzige Weg durchs Gebirge. Ich kann nur hoffen, dass uns von der anderen Seite dort niemand entgegenkommt.
Ich habe den Horizont ständig nach Menschen abgesucht. Meine Augen sind noch ausgezeichnet, und ich habe niemanden gesehen. Aber ich weiß nicht. Ich frage mich, ob wir nicht längst gesehen worden sind und die Beobachter sich bewusst verborgen halten. In der Nacht habe ich mir vorgestellt, dass sie direkt außerhalb des Lichtkreises unseres Lagerfeuers waren. Mit ausdrucksloser Miene haben sie uns beim Essen und Schlafen beobachtet.
Wir wandern den ganzen Tag und sehen die Berge immer größer werden. Am Fuß des Passes schlagen wir unser Lager auf. Wieder essen wir gut zu Abend und nächtigen unter freiem Himmel. Die Landschaft hat sich in zehn Jahren sehr verändert. Was mag sich noch geändert haben? Ich denke an meinen Empfang. Werde ich überhaupt Gelegenheit bekommen zu sagen, um was es mir geht, weshalb ich hier bin, weshalb ich zurückgekommen bin, ehe ein Messer im Rücken mich der Sprache beraubt, ehe ein Pfeil mir die Kehle durchbohrt?
Ich nehme einen Ast vom Feuer und laufe um unser Lager herum. Ich halte den brennenden Ast über meinen Kopf. Das Licht erhellt Buschwerk, Sand, Bäume, aber keine Menschen. Ich lösche die Flamme und bleibe ein wenig an der kühlen Luft. Aus tiefstem Dunkel beobachte ich durch das Lagerfeuer Andalus. Nur sein Kopf ist hinter den Flammen und dem Rauch zu sehen. Langsam gewöhnen sich meine Augen an die Dunkelheit. Die Nacht tut sich vor mir auf.
Bis zum Gipfel ist es weiter, als es scheint. Mitte des Vormittags lassen wir die Bäume hinter uns und steigen, den natürlichen Konturen des Bergs folgend, im Zickzack den Hang hinauf. Links säumt ein Steilabfall, rechts loses Gestein den Weg nach oben. Der Anblick des Gipfels pumpt mir Kraft in die Beine. Innerhalb von Minuten geht mir jedoch die Luft aus, und ich kann nur noch daran denken, wo ich den Fuß hinsetze und wie ich meinen Atem wieder beruhige. Ich bleibe stehen und merke, dass Andalus verschwunden ist. Mich fröstelt, als ein Windstoß über den Gipfel fährt. Ich schaue den Pfad hinunter, schließe die Augen, öffne sie. Ich sehe ihn wieder. Er kämpft sich voran. Ich warte.
Ich sollte ihm nicht zu viel abverlangen. Wenn er stirbt, sich davonmacht, stehe ich da. Ich warte, bis er wieder ruhiger atmet, und biete ihm Wasser an. Er trinkt alles in einem Zug. Ich lasse ihn. Dann sage ich freundlich: »Wir gehen jetzt langsamer. Sie sind so etwas nicht gewohnt. Ich möchte ja nicht, dass Sie mir sterben, bevor wir zu der Siedlung kommen.« Als ich das sage, sieht er mich an. Dabei scheint er ein wenig zu lächeln, als ob er den Doppelsinn meiner Worte ahnt. Diesen Gesichtsausdruck kenne ich von früher.
Bis wir den Gipfel erreichen, ist es Nachmittag. Wir kommen um eine Felsnase herum und sind da. Eine weite Ebene erstreckt sich unter uns. Sie leuchtet in verschiedenen Farben, gelb, rosa, blau, weiß, so weit das Auge reicht. Wildblumen prägen die Landschaft und geben der Luft ein zartes Aroma. Ich bin verblüfft. Noch nie habe ich solche Blumen gesehen. Aber die Blumen sind nicht das Einzige, was ich sehe. In der Ferne, so weit weg, dass der Blick sie nicht direkt erfassen kann, zeichnen sich eine Rauchwolke und ein Schmutzfleck am Horizont ab. Das ist es. Das ist die Siedlung, die ich vor so vielen Jahren verlassen habe. Ich schaue eine Ewigkeit hin. Andalus kommt herüber, und ich spüre, dass er mich beobachtet. Ich wende mich kurz zu ihm und deute auf den Fleck. Er betrachtet ihn ausdruckslos, geht und setzt sich auf einen Stein.
Mich wundert, dass wir noch keinem Menschen begegnet sind. Wahrscheinlich haben wir noch zwei Tagesmärsche vor uns, aber ich hätte Kundschafter oder Patrouillen erwartet. Bauern und Nahrungssuchende. Ich hätte erwartet, Spuren von Nomaden zu sehen, den Leuten, die es vorziehen, außerhalb der sicheren Mauern der Siedlung zu leben; sie konnten allerdings in der Zwischenzeit beseitigt worden sein. Schon zu meiner Zeit gab es nicht mehr viele. Aber wir haben nichts gesehen. Nichts und niemanden. Wieder frage ich mich, ob man uns gesehen hat. Vielleicht haben sie hier oben auf dem Berg kampiert und in Ruhe die beiden Gestalten beobachtet, die langsam über die Ebene kamen. Vielleicht lauern sie jetzt hinter dem nächsten Felsen auf uns.
Wir steigen zur Talsohle hinab und schlagen unser Lager auf. Ich schlafe wenig in der warmen Nacht. Ich bilde mir ein, ich kann die Menschen riechen. Holzrauch, verbranntes Fleisch, Abwasserkanäle, den Geruch von Wasser, das durch Rinnen, die ich selbst mit ausgehoben habe, in die ausgedörrte Erde läuft. Und ich bilde mir ein, ich kann sie hören: Stimmen, Atemgeräusche, sogar Gelächter. Es ist, als wäre ich wieder auf der Insel.
Am nächsten Tag wandern wir auf den Punkt am Horizont zu, wo ich die Siedlung gesehen habe. Wir wandern durch Blumenwiesen.
Das Paradies ist es aber nicht. Um Land wie dieses haben wir gekämpft. Wir haben gekämpft und unsere Toten unter solchen Wiesen verscharrt. Gesicht nach oben, nackt, der Erde preisgegeben. Vielleicht dachten wir, so ließe sich die Erde zurückgewinnen. Man munkelt, wir seien einst Naturanbeter gewesen. Vielleicht haben wir die Erde doch im Blut, strömt Erde durch unsere Adern wie in einem Stundenglas.
Gegen Abend taucht ein einzelner Baum am Horizont auf. Wir haben die Blumen hinter uns gelassen, und dieser Teil der Ebene ist weiß. Auf dem steinigen Boden wächst nur wenig. Der Baum ist ein auffälliger Klecks in der Landschaft. Als wir näher herankommen, sehen wir, dass er abgestorben ist. Er ist groß und robust, aber tot. Ich erinnere mich an den Baum. Damals war er noch nicht tot. Bei einer der wenigen Gelegenheiten, wo wir uns außerhalb unserer normalen Zeiten getroffen haben, sind Tora und ich hierher gekommen. Wir haben in seinem Schatten gesessen. Ohne viel Worte. Sie hatte den Kopf in meinen Schoß gelegt. Ich streichelte ihr Haar. Jetzt fahre ich mit der Hand über die Rinde. Sie ist glatt wie Papier. Ich erinnere mich, wie sich ihr Haar anfühlte.
Wir übernachten unter dem Baum. Es sind noch vier Stunden bis zu den Stadtmauern.
Wir brechen am frühen Morgen auf, und schon bald sehen wir Kornfelder vor uns: Gerste, Weizen und schließlich Mais, so hoch, dass er mich überragt. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als durchzulaufen.
In dem Maisfeld ist es stiller und dunkler. Wir wandern minutenlang, bevor ich es sehe. Oder es zu sehen meine. Zwischen den Blättern, schattenverhangen, ein Gesicht.
Ein Sekundenblick auf ein Gesicht, dann ein Rascheln in den Maisblättern. Erschrocken halte ich inne. Ich gebe Andalus ein Zeichen, aber er ist schon stehen geblieben. Ich warte. Alles still. Ich gehe einen Meter. Bleibe stehen. Lausche. Wieder nichts. Zu ändern ist es jetzt sowieso nicht mehr.
Sollte ich entdeckt worden sein, dann ist es eben so. Ich gehe weiter.
Einige Zeit später kommen wir unvermittelt aus dem Mais heraus. Vor uns liegt eine weiße Straße, die um das Feld herumführt, und auf der anderen Seite liegt ein Orangengarten. Unter den Bäumen hohes Gras. Es sieht zart aus und ist von einem so leuchtenden Grün, dass ich annehme, es gibt hier Wasser im Überfluss. Ich muss an Toras Mutter denken, wie sie im gesprenkelten Schatten ihres Apfelsinenbaums noch im Schlaf die wenigen Früchte bewachte, die er hergab. Die Bäume hier haben keine Ähnlichkeit mit ihren Vorgängern. Sie sind voll von grünem Laub und reifer Frucht.
Doch hinter dem Orangengarten liegt unser Ziel. Die Palisadenmauern der Stadt überragen die Bäume. Die von der Sonne grau gebrannten Mauern sind so hoch, dass wir weder Gebäude noch Dächer sehen können. Bis auf eines, und das kenne ich. Es ist mir so vertraut, dass es einen festen Platz in meinem Kopf hat. Mein Amt – das Amtsgebäude des Marschalls von Bran. Mir klopft das Herz. Ich ziehe Andalus über die Straße und in den Schatten der Bäume. Die Mauern verschwinden wieder.
Ich setze mich einen Augenblick hin und überlege, aber zu planen, zu berechnen gibt es jetzt nichts mehr. Ich kann nur noch um die Mauer zum Tor gehen, geradewegs die Hauptstraße entlang und ins Rathaus. Dort werde ich einen Beamten antreffen, Marschall Abel oder sonst jemanden, dem ich sagen kann, was ich zu sagen habe, irgendwas: »Da bin ich. Tötet euren Marschall, wenn es sein muss«, und fertig. Damit hat es sich. Was dann passiert, bedarf keiner Planung. Da muss man sich den Umständen anpassen.
Ich stehe auf, helfe Andalus hoch und mache mich auf den Weg. Wir sind auf der Seite der Stadt, die dem Tor genau gegenüberliegt. Ich gehe gegen den Uhrzeigersinn und achte darauf, dass Andalus nicht zurückfällt. Ich halte mich in Sichtweite der Straße, aber noch so tief zwischen den Bäumen, dass wir uns schnell verstecken können. Als wir halb um die Mauern herum sind, sehe ich die Abzweigung nach links, die zum Tor führt. Ich folge ihr noch innerhalb des Gartens, bis wir schätzungsweise dreißig Meter vor der Mauer sind, hole tief Luft und trete hinaus ins Sonnenlicht. Andalus halte ich an der Hand. Wir müssen jetzt schnell gehen, aber nicht zu schnell, und selbstbewusst, ohne überheblich zu wirken.
Wir kommen auf die Straße, und ich sehe, dass das Tor geschlossen ist. Ich bleibe jedoch nicht stehen, denn es ist oft geschlossen. In den Wachtürmen am Tor scheint niemand zu sein, jedenfalls sehe ich niemanden. Das ist neu. Ich trete ans Tor. Ich weiß nicht recht, was ich tun soll. Zögere, dann klopfe ich. Keine Antwort. Ich klopfe noch einmal lauter. Ich warte. Ich lege mein Ohr an die Tür, höre aber nichts. Schlage drei Mal mit der flachen Hand gegen das Tor. Ich drehe mich nach Andalus um. Er steht mit dem Rücken zu mir. Der Ebene, den Bergen zugewandt, wippt er auf den Fersen. Er will weggehen. Ich packe ihn am Arm und sage, er soll stehen bleiben.
Ich wende mich wieder zum Tor. Es hat außen keinen Griff. Ich drücke. Ich stemme meine Schulter dagegen, aber es gibt nicht nach. »Bran«, rufe ich. »Bran.« Ich meine ein Echo zu hören. Ich lausche am Tor, höre aber keine Schritte. Es ist Mitte des Nachmittags.
Ich trete einen Schritt zurück, nehme Andalus wieder beim Arm und gehe davon. Ich laufe um die ganze Stadt auf der Suche nach jemandem, der uns einlässt, jemandem, der mir sagen kann, wo alle sind.
Aber ich sehe niemanden. Manchmal läuft Andalus vor mir her. Ich beobachte ihn. Er scheint mit der Erde zu verschmelzen. Die Luft flimmert über dem Boden. Seine Füße verschwinden. Er schwebt rings um die Stadt.
Wir sind wieder am Tor. Ich versuche es noch einmal – klopfe, rufe, doch niemand kommt. Ich setze mich mit dem Rücken vor einen der Torflügel, den Kopf ans Holz gelehnt. Ich ziehe Andalus am Arm, damit er sich neben mich setzt. Ich schließe die Augen und warte.
Ich horche. Unwillkürlich horche ich auf Wellen, Wind, Möwen. Höre nichts davon. Gedanken treiben an die Oberfläche. Ich horche auf anderes, um sie abzustellen.
Schließlich schlafe ich ein.