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WIE MAN IN DEN WALD HINEINRUFT

»Wenn du zwischen zwei einander bekriegende Clans gerätst, dann leg dich mit dem Bauch flach auf die Erde und bete.«

Altes schottisches Sprichwort

 

Als ich am nächsten Tag von der Kirche nach Hause kam, saß Bree auf den Stufen vor unserer Tür – unterkühlt und stocksauer.

Ich war am Vorabend mit Beth nach Hause gefahren, denn ich musste zu einer bestimmten Zeit zu Hause sein und Bree nicht. Aber der frostige Blick, den Bree mir zugeworfen hatte, als ich aufgebrochen war, hatte mich darauf vorbereitet, dass das hier kommen würde.

Wir gingen hoch in mein Zimmer.

»Ich dachte, du wärst meine Freundin«, zischte sie, sobald die Tür geschlossen war.

Ich tat nicht so, als wüsste ich nicht, wovon sie redete. »Natürlich bin ich deine Freundin«, sagte ich und knöpfte das Kleid auf, das ich zur Kirche getragen hatte.

»Dann erklär mir mal, was das gestern Abend war.« Sie kniff ihre dunklen Augen zusammen und ließ sich mit vor der Brust verschränkten Armen auf meine Bettkante plumpsen. »Du und Cal im Swimmingpool. «

Ich zog mir ein T-Shirt über den Kopf und holte mir aus der Schublade ein Paar Socken. »Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll«, sagte ich. »Ich meine, ich weiß, dass du auf Cal stehst. Ich weiß, dass ich keine Konkurrenz für dich bin. Ich habe nichts gemacht. Ich meine, sobald ich im Wasser stehen konnte, hat er mich abgesetzt.« Ich zupfte an meinen Socken, stieg in meine älteste, bequemste Jeans und schlug sie automatisch unten ein paar Zentimeter um.

»Und was war das für ein zimperliches Getue vorher? Hast du so getan, als wärst du schwer zu kriegen? Hast du gehofft, er würde dir die Kleider vom Leib reißen?« In ihrer Stimme war ein höhnisches Feixen, das wehtat, und in mir stieg erster Zorn auf.

»Natürlich nicht!«, fuhr ich sie an. »Wenn er mir die Kleider vom Leib gerissen hätte, wäre ich schreiend nach Hause gelaufen und hätte die Polizei gerufen. Sei kein Idiot.«

Bree stand auf und stieß mit dem Finger nach mir. »Sei du kein Idiot!« Ich hatte sie noch nie so erlebt. »Du weißt, dass ich in ihn verliebt bin!«, fuhr sie mit zorniger Miene fort. »Ich mag ihn nicht bloß! Ich liebe ihn. Und ich will ihn. Und ich will, dass du die Finger von ihm lässt!«

»Schön!« Ich schrie praktisch. Ich stand da und breitete die Arme weit aus. »Aber ich habe nichts gemacht, und ich habe keine Kontrolle über das, was er tut! Vielleicht schenkt er mir nur seine Aufmerksamkeit, weil er will, dass ich eine Hexe werde.« Kaum waren die Worte aus meinem Mund, starrten Bree und ich einander an. In meinem Herzen spürte ich plötzlich, dass es stimmte. Bree runzelte die Stirn, als sie an die vergangene Nacht zurückdachte.

»Hör zu«, sagte ich ruhiger. »Ich weiß nicht, was er macht. Soweit ich weiß, kann er auch irgendwo anders eine Freundin haben, vielleicht hatte Raven auch schon Erfolg bei ihm. Aber ich weiß, dass ich ihn nicht anbaggere. Das ist alles, was ich dir sagen kann. Und das muss reichen.« Ich zog mir die Haare über die Schulter nach vorn und machte mich daran, sie mit raschen, geübten Handbewegungen zu einem Zopf zu flechten.

Bree starrte mich noch einen Augenblick wütend an, dann machte sie ein reumütiges Gesicht und sank auf mein Bett. »Okay«, sagte sie, und es klang, als kämpfte sie mit den Tränen. »Du hast recht. Es tut mir leid. Du hast nichts gemacht. Ich war bloß eifersüchtig, das ist alles.« Sie schlug die Hände vors Gesicht und sank in meine Kissen. »Als ich gesehen habe, wie er dich in den Armen hielt, bin ich einfach ausgeflippt. Ich hab noch nie jemanden so sehr gewollt, und ich beackere ihn schon die ganze Woche, aber er scheint mich gar nicht zu bemerken.«

Ich war immer noch wütend, aber seltsamerweise tat sie mir auch leid. »Bree«, sagte ich und setzte mich auf meinen Schreibtischstuhl. »Cal musste seinen Hexenzirkel zurücklassen, als er umgezogen ist. Er weiß, dass ich mich für Wicca interessiere, und ich glaube, er denkt, es ist … ich weiß nicht … interessant oder so, dass ich so heftig auf die Kreisrituale reagiere. Vielleicht denkt er, ich könnte eine gute Hexe werden, und will mir dabei helfen.«

Bree schaute auf, ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Hast du wirklich eine starke Reaktion auf die Kreisrituale oder tust du nur so?«, fragte sie mit zittriger Stimme.

Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Bree! Um Himmels willen! Warum sollte ich so tun? Es ist verdammt peinlich und sehr unangenehm!« Ich schüttelte den Kopf. »Das ist gerade so, als würdest du mich überhaupt nicht kennen. Aber um deine Frage zu beantworten«, sagte ich kurz und bündig, »nein, ich tue nicht nur so, als hätte ich eine starke Reaktion.«

Bree verbarg ihr Gesicht in den Händen und fing an zu weinen. »Tut mir leid«, schluchzte sie. »So war das nicht gemeint. Ich weiß, dass du nicht so tust als ob. Ich weiß nicht, was mit mir los ist.« Sie stand auf, holte sich ein Taschentuch aus der Box auf meinem Nachttisch, kam zu mir und nahm mich in den Arm. Es fiel mir schwer, sie zu umarmen, aber am Ende tat ich es natürlich doch. »Tut mir leid«, sagte sie noch einmal weinend. »Tut mir echt leid, Morgan.«

Wir hielten einander in den Armen und sie weinte ein paar Minuten. Mir war auch nach Heulen zumute. Doch es war ein Gefühl, eine Angst dabei, nicht mehr aufhören zu können, wenn ich einmal anfangen würde zu weinen. Mit Bree zu streiten war schrecklich. Aber ich war auch verzweifelt, weil ich Cal wollte und wusste, dass ich ihn niemals haben konnte. Dass meine beste Freundin denselben Jungen wollte wie ich, war ein Albtraum. Die komplexe Welt von Wicca zu entdecken und mich zu ihr hingezogen zu fühlen war verwirrend und auch ein wenig beängstigend.

Schließlich versiegten Brees Tränen und sie löste sich von mir und wischte sich Nase und Augen. »Tut mir wirklich schrecklich leid«, flüsterte sie. »Verzeihst du mir?«

Ich zögerte nur einen Augenblick, bevor ich nickte. Es ist schließlich so, dass ich Bree schrecklich gern hatte. Nach meiner Familie mochte ich sie am meisten auf der ganzen Welt. Ich seufzte und wir gingen zu meinem schmalen Bett und setzten uns.

»Also«, sagte ich, »ich wollte gestern Abend meine Klamotten nicht ausziehen, weil … weil ich schüchtern bin. Ich geb’s zu, okay? Ich bin ein absolutes Weichei. Du könntest mir so viel Geld geben, wie du wolltest, niemals würde ich mich nackt zu dir und den anderen Mädchen stellen.«

Bree schniefte und wandte sich zu mir, um mich anzusehen. »Was redest du da?«

»Bree, bitte«, sagte ich, »ich weiß, wie ich aussehe. Ich habe einen Spiegel. Ich bin keine richtige Vogelscheuche, aber ich bin nicht wie du. Ich bin nicht wie Jenna. Ich bin nicht mal wie Mary K.«

»Du siehst gut aus«, sagte Bree stirnrunzelnd.

Ich verdrehte die Augen. »Bree. Ich bin ziemlich unscheinbar. Und dir ist sicher auch aufgefallen, dass die Natur vergessen hat, mich mit Brüsten auszustatten.«

Brees dunkle Augen richteten sich rasch auf meine Brust und ich verschränkte die Arme.

»Nein, du bist … also … «, sagte Bree lahm.

»Ich bin bloß absolut und vollkommen flachbrüstig«, sagte ich. »Wenn du also glaubst, ich würde nackt mit dir herumtollen, Miss 75D, und dazu noch mit Jenna, Raven, Beth und Miss January Sharon Goodfine, dann bist du bescheuert. Und auch noch vor Jungen, mit denen wir zur Schule gehen! Also echt! Als wollte ich wirklich, dass Ethan Sharp weiß, wie ich nackt aussehe. Gott! Ausgeschlossen!«

»Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen«, sagte Mary K. und steckte den Kopf durch die Badezimmertür. »Mit wem bist du nackt herumgetollt? «

»O Mist, Mary K.!«, sagte ich. »Ich wusste nicht, dass du da bist!«

Sie schenkte mir ein einfältiges Lächeln. »Offensichtlich. Also, mit wem bist du nackt herumgetollt? Kann ich das nächste Mal mitkommen? Ich mag meinen Körper.«

Ich fing an zu lachen und warf ein Kissen nach ihr. Bree lachte ebenfalls, und ich war erleichtert, dass der Streit vorbei war.

»Du gehst nirgendwo nackt hin«, sagte ich und versuchte, ernst zu klingen. »Du bist vierzehn, egal was Bakker Blackburn denkt.«

»Hast du ein Date mit Bakker?«, fragte Bree. »Ich bin auch mal mit ihm ausgegangen.«

»Ehrlich?«, fragte Mary K.

»Oh, stimmt«, sagte ich. »Hatte ich ganz vergessen.«

»Das war im ersten Jahr an der Highschool«, sagte Bree. Sie setzte sich auf, reckte sich und bog den Rücken durch.

»Was ist passiert?«, fragte Mary K.

»Ich hab ihn fallen lassen«, sagte Bree ohne Gewissensbisse. »Ranjit hat mich um ein Date gebeten und ich hab Ja gesagt. Ranjit hat wunderschöne Augen.«

»Und dann hat Ranjit dich fallen lassen, um mit Leslie Raines auszugehen«, sagte ich, denn die ganze Geschichte fiel mir wieder ein. »Sie sind immer noch zusammen.«

Bree zuckte die Achseln. »Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.«

Was, natürlich, eine der grundlegendsten Lehren von Wicca war.