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FEUER

»Wenn eine Frau einer Hexe aus einem der sieben Häuser beiliegt, wird sie kein Kind empfangen, außer er will es. Wenn ein Mann einer Hexe aus einem der sieben Häuser beiliegt, wird sie kein Kind bekommen.«

SITTEN UND GEBRÄUCHE DER HEXEN
Gunnar Thorvildsen, 1740

 

Heute Nacht schicke ich eine Botschaft. Wirst du von mir träumen? Wirst du zu mir kommen?

 

»Der Film soll toll sein. Willst du ihn nicht sehen? Bakker wird auch da sein«, sagte Mary K. Sie kam durch das Bad, das unsere beiden Zimmer verbindet, und zog ihre Bluse an. Vor meinem hohen Spiegel drehte sie sich einmal um ihre eigene Achse und betrachtete sich aus allen Winkeln. Am Ende schenkte sie ihrem Spiegelbild ein breites Lächeln.

»Ich kann nicht«, sagte ich und überlegte, warum meine vierzehnjährige Schwester nicht nur ihren Anteil der Familienbrust vererbt bekommen hatte, sondern meinen Teil anscheinend noch dazu. »Ich gehe zu einer Party. Wo trefft ihr euch?«

»Am Kino«, sagte sie. »Jaycees Mutter fährt uns. Magst du Bakker? Er ist in deiner Klasse.«

»Er ist okay«, sagte ich. »Er scheint ein netter Typ zu sein. Süß.« Mir kam ein Gedanke. »Ich habe gehört, er wäre in dich verknallt. Er ist doch nicht … aufdringlich, oder?«

»Nein«, sagte Mary K. selbstbewusst. »Er ist richtig nett.« Sie drehte sich zu mir um, um mich anzusehen. Ich stand in Unterwäsche vor meinem offenen Kleiderschrank. »Wo ist die Party? Was willst du anziehen? «

»Bei Cal Blaire zu Hause und ich hab keine Ahnung«, räumte ich ein.

»Oh, bei dem Neuen«, sagte Mary K. und kam näher, um meine Anziehsachen durchzusehen. »Er ist total heiß. Alle, die ich kenne, wollen mit ihm ausgehen. Gütiger Himmel, Morgan, du brauchst wirklich Hilfe bei deinen Klamotten!«

»Danke«, sagte ich und sie lachte.

»Hier, das ist gut«, meinte sie und holte ein T-Shirt heraus. »Das trägst du nie.«

Es war ein dünnes Stretch-Top in dunklem Olivgrün, das mir meine andere Tante, Margaret, geschenkt hatte. Tante Margaret war die ältere Schwester meiner Mutter. Ich mochte sie gern, aber sie und Tante Eileen redeten seit Jahren nicht mehr miteinander, seit Eileen sich zu ihrer Sexualität bekannt hatte. Ich hatte das Gefühl, Tante Eileen zu hintergehen, wenn ich es trug. Auch wenn das vielleicht überempfindlich war.

»Ich finde die Farbe scheußlich«, sagte ich.

»Nein«, sagte Mary K. mit Nachdruck. »Sie passt total gut zu deinen Augen. Zieh’s an. Und darunter deine schwarzen Leggings.«

Ich zog mir das Top über den Kopf. Unten läutete es an der Tür und ich hörte Brees Stimme. »Oh, ausgeschlossen«, protestierte ich. Das Top reichte mir kaum bis zur Taille. »Das ist nicht lang genug. Mein Hintern hängt raus.«

»Dann lass ihn doch«, riet mir Mary K. »Du hast einen tollen Hintern.«

»Was?« Bree kam herein. »Das hab ich gehört. Das Top sieht toll aus. Komm, gehen wir.«

Bree sah fantastisch aus, wie ein funkelnder Edelstein. Das perfekt zerstrubbelte Haar betonte ihre Augen und hob sie auf eindrucksvolle Weise hervor. Ihr breiter Mund war in einem weichen Braunton geschminkt und sie zitterte förmlich vor Energie und Aufregung. Sie trug ein enges braunes Samt-Top, das ihre Brüste perfekt zur Geltung brachte, und eine tief sitzende Hüfthose mit Ziehband. Gut sieben Zentimeter ihres festen, flachen Bauchs waren zu sehen. Um ihren makellosen Bauchnabel herum hatte sie ein entfernbares Tattoo aus Sonnenstrahlen aufgetragen.

Neben ihr kam ich mir vor wie ein Stück Holz.

Mary K. hielt mir die Leggings hin und ich zog sie an. Inzwischen machte ich mir überhaupt keine Gedanken mehr darüber, wie ich aussehen würde. Ein kariertes Flanellhemd von meinem Vater, das meinen Hintern bedeckte, vervollständigte meinen Aufzug. Ich bürstete mir die Haare, während Bree ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.

Minuten später saß ich in einem angewärmten Ledersitz, während Bree aufs Gas trat und die Straße hinunterbretterte.

»Wann musst du zu Hause sein?«, fragte sie. »Es könnte spät werden.« Es war kurz vor neun Uhr.

»Um eins«, sagte ich. »Aber wahrscheinlich schlafen meine Eltern dann schon und merken gar nicht, wenn ich ein bisschen später komme. Ich kann sie auch anrufen. « Bree muss nie zu Hause anrufen und sich bei ihrem Vater wegen irgendwas melden. Manchmal kamen die beiden mir eher vor wie eine WG als wie Vater und Tochter.

»Cool.« Bree tippte mit ihren braunen Fingernägeln aufs Lenkrad, bog ein wenig zu schnell ab und fuhr auf der Gallows Road in eines der älteren Wohnviertel von Widow’s Vale. Cals Viertel. Sie kannte den Weg schon.

 

Cals Zuhause war ein fantastisches riesiges Steinhaus. Die breite Vorderveranda stützte einen Balkon und an den Säulen kletterte immergrüner Wein hinauf zum ersten Stock. Der üppige Garten vor dem Haus war sehr schön hergerichtet, wenn auch ziemlich wild. Ich dachte daran, wie mein Vater vor sich hin summte, wenn er im Herbst seine Rhododendren beschnitt, und mich überkam fast ein bisschen Wehmut.

Die breite Haustür aus Holz öffnete sich auf unser Klopfen hin und vor uns stand eine Frau in einem langen violetten Leinenkleid. Es war elegant und schlicht und hatte wahrscheinlich ein Vermögen gekostet.

»Willkommen, Mädchen«, sagte die Frau mit einem Lächeln. »Ich bin Cals Mutter, Selene Belltower.«

Ihre Stimme klang kräftig und melodiös und mich überkam ein kribbelndes Gefühl der Erwartung. Als ich näher trat, sah ich, dass Cal ihre Haar- und ihre Augenfarbe geerbt hatte. Sie hatte sich ihr dunkelbraunes Haar nachlässig aus dem Gesicht gestrichen. Große goldbraune Augen standen leicht schräg über hohen Wangenknochen. Ihr Mund war wohlgeformt, ihre Haut weich und glatt. Ich überlegte, ob sie früher wohl Model gewesen war.

»Lasst mich raten … du musst Bree sein«, sagte sie und schüttelte ihr die Hand. »Und du Morgan.« Ihre klaren Augen schauten in meine und ihr Blick schien bis zu meinem Hinterkopf durchzudringen. Ich blinzelte und rieb mir die Stirn. Ich fühlte mich plötzlich ganz unwohl. Dann lächelte sie wieder, der Schmerz verflog und sie führte uns ins Haus. »Ich freue mich, dass Cal neue Freunde gefunden hat. Es war schwer für uns umzuziehen, aber meine Firma hat mir eine Beförderung angeboten und die konnte ich nicht ablehnen.«

Ich hätte sie gern gefragt, was sie arbeitete und was aus Cals Vater geworden war, aber so etwas konnte ich unmöglich fragen, ohne unhöflich zu sein.

»Cal ist in seinem Zimmer. Im zweiten Stock, die Treppe ganz rauf«, sagte Ms Belltower und wies auf die beeindruckende, mit Schnitzereien verzierte Holztreppe. »Ein paar andere sind schon da.«

»Danke«, sagten wir ein wenig befangen und stiegen die dunkle Holztreppe hinauf. Ein dicker blumenverzierter Läufer unter unseren Füßen dämpfte unsere Schritte.

»Sie findet es nicht seltsam, wenn ein Haufen Mädchen in das Schlafzimmer ihres Sohnes geht?«, flüsterte ich und dachte daran, wie meine Mutter zu Hause die Jungen aus Mary K.s Zimmer scheuchte.

Bree lächelte mich an, ihre Augen strahlten vor Aufregung. »Ich schätze, sie ist cool«, flüsterte sie. »Abgesehen davon sind wir ja zu mehreren.«

Cals Zimmer nahm, wie sich herausstellte, das ganze Dachgeschoss des Hauses ein. Überall waren kleine Fenster, einige viereckig, einige rund, manche klar, andere aus Buntglas. Das Dach selbst war schräg und in der Mitte gut drei Meter hoch, an den Seiten kaum einen Meter. Der Boden war aus dunklem unpoliertem Holz, die Wände aus ungestrichenen Verschalungsbrettern. An einem kleinen Giebel stand ein antiker Schreibtisch mit Schulbüchern darauf.

Wir warfen unsere Jacken auf eine lange Holzbank und ich folgte Brees Beispiel und zog meine Schuhe aus.

An einer Wand war ein kleiner offener Kamin. Auf dem schlichten Kaminsims standen cremefarbene Kerzen verschiedener Größe, bestimmt dreißig Stück, und in dem großen Zimmer waren überall Stumpenkerzen verteilt, einige auf schwarzen schmiedeeisernen Kerzenständern, einige auf dem Fußboden, andere auf Glasbausteinen oder sogar auf Stapeln alter Bücher. Der Raum war nur mit Kerzen beleuchtet, und die flackernden Schatten, die auf sämtliche Wände geworfen wurden, waren hypnotisierend und wunderschön.

Mein Blick fiel auf Cals Bett, das in einer größeren Niesche stand. Ich stand da wie angewurzelt und konnte den Blick nicht davon wenden. Es war ein breites, niedriges Bett aus dunklem Holz, Mahagoni oder sogar Ebenholz, mit vier kurzen Bettpfosten. Die Matratze war ein Futon. Das Bettzeug war mit schlichtem cremefarbenem Leinen bezogen und ungemacht. Als wäre er gerade aufgestanden. Auf beiden Seiten brannten auf niedrigen Tischen Kerzen.

In einer Nische an der Rückseite des Hauses war, in Schatten getaucht, der Rest der Gruppe versammelt. Als Cal uns sah, kam er herüber.

»Morgan. Danke, dass du gekommen bist«, sagte er auf seine selbstbewusste, vertraute Art. »Bree, schön, dich mal wieder hier zu sehen.«

Also war Bree schon einmal in seinem Schlafzimmer gewesen.

»Danke für die Einladung«, sagte ich steif und zog mein Hemd enger um mich. Cal lächelte, nahm uns beide an der Hand und führte uns zu den anderen. Robbie winkte, als er uns sah. Er trank dunklen Traubensaft aus einem Weinkelch. Beth stand neben ihm, mit frisch gebleichtem flachsblondem Haar. Sie hatte etwas dunklere Haut, grüne Augen und einen kurz geschnittenen Afro-Look, der die Farbe mit ihrer Stimmung wechselte. Manchmal sah sie aus wie eine Löwin, fand ich, während Raven aussah wie ein Panther. Sie gaben ein interessantes Paar ab, wenn sie nebeneinanderstanden. Raven war aber noch nicht da.

»Fröhliches Esbat«, sagte Robbie und hob sein Glas.

»Fröhliches Esbat«, sagte Bree. Ich wusste aus meiner Lektüre, dass Esbat nur ein anderes Wort für eine Versammlung war, bei der Wicca-Rituale abgehalten wurden.

Matt saß auf einem niedrigen Samtsofa, Jenna auf seinem Schoß. Sie unterhielten sich mit Sharon Goodfine, die steif auf dem Fußboden saß, die Arme um die Knie geschlungen. War sie nur wegen Cal hier oder hatte Wicca sie irgendwie angesprochen? Ich hatte immer gedacht, sie hätte es leicht, weil ihr Vater Kieferorthopäde war und ihr den Weg durchs Leben ebnete. Sie war vollschlank und hübsch und sah älter aus, als sie war.

»Hier.« Cal reichte Bree und mir Weingläser mit Traubensaft. Ich trank einen Schluck.

Eine Patschulibrise wehte in den Raum, und Raven trat ein, gefolgt von Ethan. Heute Abend sah Raven aus wie eine Nutte, die sich auf S/M spezialisiert hatte. Um den Hals trug sie ein Hundehalsband aus schwarzem Leder, das durch Lederstreifen mit einem schwarzen Lederkorsett verbunden war. Ihre Hose sah aus, als hätte sie jemand in einen Bottich mit schimmernd schwarzem Elasthan getunkt, und dies war das getrocknete Ergebnis. In New York City wäre sie nicht weiter aufgefallen, aber hier in Widow’s Vale hätte ich Geld bezahlt, um dabei sein zu dürfen, wenn sie den Lebensmittelladen betrat. Fand Cal so etwas attraktiv?

Ethan sah aus wie immer: schmuddelig, langes, lockiges Haar und bekifft. Beim ersten Mal, als wir ein Kreisritual gemacht hatten, hatte es mich nicht gewundert, dass die Leute dageblieben waren – viele Jugendliche probieren alles mal aus. Aber es war interessant, dass bis auf Todd, Alessandra und Suzanne alle wiedergekommen waren, und ich betrachtete sie genauer, als würde ich sie alle zum ersten Mal sehen.

Diese Gruppe hatte in der Schule ein paarmal in einer neuen cliquenübergreifenden Schar zusammen rumgestanden, aber hier waren wir wieder gemäß der alten Muster getrennt: Robbie und ich, Jenna, Matt und Sharon zusammen, Bree zwischen mir und Beth, Raven und Ethan, die zusammen bei den Getränken standen.

»Gut, ich glaube, es sind alle da«, sagte Cal. »Letzte Woche haben wir Mabon gefeiert und einen Verbannungskreis gemacht. Diese Woche hab ich mir gedacht, machen wir nur einen informellen Kreis, um einander besser kennenzulernen. Fangen wir an.«

Cal nahm ein Stück weiße Kreide und zog einen großen Kreis, der fast den ganzen Bereich in diesem Teil des Dachbodens umfasste. Jenna und Matt standen auf und schoben das Sofa zur Seite.

»So einen Kreis kann man mit allem machen«, sagte Cal ungezwungen, während er ihn zeichnete. Auf dem Boden waren die verwischten Umrisse anderer Kreise zu sehen. Mir fiel auf, dass das Ergebnis, obwohl er freihändig zeichnete, fast vollkommen rund und symmetrisch war, wie letzte Woche im Wald, wo er den Kreis mit einem Stock in die Erde gezogen hatte. »Es kann ein Stück Seil sein, ein Kreis aus Dingen, wie zum Beispiel Muscheln oder Tarotkarten oder sogar Blumen. Der Kreis repräsentiert die Grenzen unserer rituellen Sphäre.«

Wir traten in den Kreidekreis. Cal schloss ihn, genau wie in der vergangenen Woche. Was würde passieren, wenn einer von uns hinaustrat?

Cal nahm eine kleine Messingschale mit etwas Weißem. Einen besorgten Augenblick lang dachte ich, es wäre Kokain oder so, doch er nahm etwas davon zwischen die Finger und streute es um den Kreis.

»Mit diesem Salz reinige ich unseren Kreis«, sagte er. Ich erinnerte mich, dass er auch beim letzten Mal Salz verstreut hatte. Cal stellte die Schale auf die Kreislinie. »Wenn ich die Schale hierhin stelle, in den Norden, repräsentiert sie eines der vier Elemente: nämlich Erde. Die Erde ist weiblich und nährend.«

In den letzten Tagen hatte ich auch im Internet ein paar Recherchen gemacht. Dabei hatte ich herausgefunden, dass es viele verschiedene Ausprägungen von Wicca gab, so wie von fast jeder Religion. Ich hatte mich auf die konzentriert, von der Cal gesagt hatte, er gehöre ihr an, und hatte mehr als Tausend Webseiten gefunden.

Als Nächstes stellte Cal eine identische kleine Messingschale mit Sand und einem brennenden Räucherstäbchen in den Osten des Kreises.

»Dieser Weihrauch symbolisiert Luft, ein weiteres der vier Elemente«, sagte Cal, konzentriert und vollkommen entspannt zugleich. »Luft steht für den Geist, den Intellekt. Für Kommunikation.«

In den Süden stellte er eine cremefarbene Stumpenkerze, die fast einen halben Meter hoch war. »Diese Kerze repräsentiert das dritte Element – Feuer«, erklärte Cal und sah mich an. »Feuer steht für Transformation, Erfolg und Leidenschaft. Es ist ein sehr starkes Element.«

Unter seinem Blick war mir unbehaglich und ich richtete meinen Blick auf die Kerze. Flammenschein, meine Seele ist rein, dachte ich.

In den Westen stellte Cal schließlich eine Messingschale mit Wasser. »Wasser ist das letzte der vier Elemente«, sagte er. »Wasser steht für Gefühle. Für Liebe, Schönheit und fürs Heilen. Jedes der vier Elemente steht in Beziehung zu bestimmten Sternzeichen«, erklärte Cal. »Zwillinge, Waage und Wassermann sind Luftzeichen. Die Wasserzeichen sind Krebs, Skorpion und Fische. Stier, Jungfrau und Steinbock sind Erdzeichen. Widder, Löwe und Schütze sind Feuerzeichen.« Wieder sah Cal mich an.

Wusste er, dass ich ein Feuerzeichen war – ein Schütze?

»Jetzt wollen wir uns an den Händen fassen«, sagte er.

Ich stand bei Robbie und Matt, also nahm ich deren Hände. Robbies Hand war warm und tröstlich. Matts Hand zu halten fühlte sich komisch an, sie war weich und kühl. Ich wusste noch genau, wie sich Cals Hand angefühlt hatte, und wünschte, ich würde wieder neben ihm stehen. Doch er stand zwischen Bree und Raven. Ich seufzte.

»Schließen wir unsere Augen und konzentrieren uns«, sagte Cal und senkte den Kopf. »Atmet langsam ein und aus, während ich bis vier zähle. Lasst alle Gedanken zur Ruhe kommen, alle Sorgen verblassen. Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft, nur das Hier und Jetzt, in dem wir zehn zusammenstehen.« Seine Stimme war ruhig und ausgeglichen. Ich senkte den Kopf und schloss die Augen. Ich atmete ein und aus, dachte an Kerzenschein und Weihrauch. Es war sehr entspannend. Ein Teil von mir war sich der Anwesenheit der anderen im Raum bewusst, ihrer leisen Atemzüge und einem gelegentlichen Füßescharren, der andere Teil von mir fühlte sich sehr rein und weit weg, fast als schwebte ich über dem Kreis und sähe den anderen von oben zu.

»Heute Abend führen wir ein Reinigungs- und Konzentrationsritual durch«, erklärte Cal. »Samhain, unser Neujahrsfest, rückt näher und die meisten Hexen bereiten sich spirituell sehr intensiv darauf vor.«

Wieder bewegten wir uns im Kreis, hielten einander an den Händen, doch diesmal langsam und im Uhrzeigersinn – sonnenwendig, wie Cal das nannte.

Einen Augenblick lang war ich nervös, wie das Ritual wohl ausgehen würde. Beim letzten Mal hatte ich das Gefühl gehabt, jemand hätte eine Axt in meiner Brust versenkt, und hinterher und am nächsten Morgen hatte ich mich noch ganz seltsam gefühlt. Würde das wieder passieren? Ich kam zu dem Schluss, dass es mir egal war, dass ich das hier unbedingt ausprobieren wollte. Dann begann Cal, ein Lied zu singen.

»Wasser, säubere uns.
Luft, reinige uns.
Feuer, mach uns ganz und rein.
Erde, zentriere uns.«

Wir wiederholten seine Worte. Mehrere Minuten oder länger bewegten wir uns im Kreis und sangen. Ich schaute mich um und sah, wie die anderen sich entspannten, als fühlten sie sich unbeschwert und fröhlich. Selbst Ethan und Raven wirkten strahlender, jünger und längst nicht mehr so finster. Bree hatte Cal fest im Blick. Robbie hatte die Augen geschlossen.

Wir bewegten uns schneller und sangen lauter. Gleich danach wurde mir bewusst, dass sich um mich herum – innerhalb des Kreises – deutlich fühlbare Energie aufbaute. Ich war völlig überrascht und schaute mich rasch um. Cal, der sich mir gegenüber im Kreis bewegte, begegnete meinem Blick und lächelte. Ravens Augen waren jetzt geschlossen, während sie sang und zielsicher weiterging. Die anderen wirkten konzentriert, aber nicht beunruhigt.

Ich fühlte mich irgendwie zusammengedrückt. Als wäre ich in einer großen weißen Blase, die mich von allen Seiten zusammenpresste. Mein Haar fühlte sich lebendig an, es knisterte vor Energie, und als ich das nächste Mal zu Cal aufschaute, schnappte ich nach Luft, denn ich konnte seine Aura sehen, die schwach um seinen Kopf schimmerte.

Ich war von Ehrfurcht ergriffen. Ein verschwommenes Band aus blassrotem Licht glühte um ihn, schimmerte im Kerzenschein. Als ich mich im Kreis umschaute, sah ich, dass alle eine Aura hatten. Jennas war silbern. Matts war grün. Ravens war orange und Robbie war von Weiß umgeben. Bree strahlte ein blassorangefarbenes Licht aus, Beth ein schwarzes, Ethans war braun und Sharons rosa, wie ihre geröteten Wangen. Hatte ich auch eine Aura? Welche Farbe hatte sie? Was bedeutete das? Ich starrte und wunderte mich, war voller Freude und überrascht zugleich.

Wie beim letzten Mal kam der Kreis auf ein unsichtbares Zeichen hin abrupt zum Stehen und mit ausgestreckten Armen warfen wir die Hände in die Luft. Mein Herz pochte wild, genau wie mein Kopf, aber ich stolperte nicht und verlor auch nicht das Gleichgewicht. Ich atmete nur rasch ein und verzog das Gesicht, rieb mir die Schläfen und hoffte, dass niemandem etwas auffiel.

»Schickt die reinigende Energie in euren Körper!«, sagte Cal bestimmt, machte eine Faust und schlug sich damit auf die Brust. Alle taten es ihm nach, und ich spürte, wie große Wärme in mich hineinströmte und sich in meinem Bauch breitmachte. Gleich danach wurde mir übel. O Hilfe, dachte ich.

Cal kam sofort zu mir herüber. Ich schluckte schwer und riss die Augen weit auf und hoffte, dass ich mich nicht an Ort und Stelle übergeben musste. Ich hätte heulen können.

»Setz dich«, sagte Cal leise und drückte gegen meine Schultern. »Setz dich schnell hin.«

Ich setzte mich auf die Holzdielen. Mir war übel und ich fühlte mich schrecklich.

»Was ist es diesmal?«, fragte Raven, und niemand antwortete.

»Beug dich vor«, sagte Cal. Ich saß mit verschränkten Beinen auf dem Boden und er drückte mich im Nacken behutsam nach unten. »Berühr mit der Stirn den Boden«, wies er mich an, und ich folgte ihm, machte den Rücken ganz rund und legte die Hände flach auf den Boden. Augenblicklich fühlte ich mich besser. Sobald meine Stirn das kühle Holz berührte, während ich mich mit beiden Hände links und rechts abstützte, ging die Übelkeit vorbei und ich musste nicht mehr nach Luft schnappen.

»Geht’s dir gut?« Bree kniete sich neben mich und rieb mir über den Rücken. Ich spürte, wie Cal sanft ihre Hand wegschob.

»Warte«, sagte er. »Warte, bis sie geerdet ist.«

»Was ist denn?«, fragte Jenna besorgt.

»Sie kanalisiert zu viel Energie«, sagte Cal und ließ seine Hand in meinem Nacken liegen. »Wie schon an Mabon. Sie ist sehr, sehr sensibel, ein richtig kraftvoller Energieleiter.«

Nach einer Minute oder so fragte er: »Jetzt besser?«

»Mhm«, meinte ich und hob langsam den Kopf. Ich sah mich um, verlegen und verletzlich. Doch körperlich ging es mir gut, mir war nicht mehr übel und ich hatte auch die Orientierung zurück.

»Willst du uns erzählen, was passiert ist?«, fragte Cal sanft. »Was du gesehen hast?«

Die Vorstellung, die jeweiligen Auren zu beschreiben, schüchterte mich ein, das war viel zu persönlich. Abgesehen davon – hatten sie sie nicht gesehen? Ich war mir nicht sicher. »Nein«, antwortete ich.

»Okay«, meinte er und stand auf. Er lächelte. »Das war toll, Leute. Danke. Und jetzt gehen wir schwimmen. «