6
In Amerika hatte sich die Eisenbahn nie so recht durchgesetzt. Amerika war seit jeher besessen vom Individualverkehr. Einen Wagen konnte Maya sich nicht leisten. Hin und wieder trampte sie. Den Rest des Weges legte sie zu Fuß zurück.
Und so wanderte sie durchs ländliche Pennsylvania. Mittlerweile hatte sie den einfachen körperlichen Vorgang des einen Fuß vor den anderen Setzens lieb gewonnen. Sie mochte die Klarheit des Gehens, das einen außerhalb der Regeln stellte und tief in eine fassbare, unmittelbare Welt hineinversetzte. Das Gehen kostete nichts und hinterließ keine Spuren. Eine angenehme, stille Art, von anderer Leute dummer offizieller Landkarte zu verschwinden.
Sie hatte einen Sonnenhut und einen Rucksack mit Kleidung zum Wechseln dabei. Sie hatte eine billige Kamera. Sie hatte eine Feldflasche und ein wenig Proviant; die Art Nahrung, an der man eine Weile zu kauen hatte. Sie trug altes, aber äußerst solide gefertigtes und nahezu unzerstörbares Schuhwerk. Und niemand störte sie. Sie war allein, ganz auf sich gestellt. Um ganz allmählich zu sich zu kommen, ohne dass ihr jemand dabei zuschaute und ihren Herzschlag zählte, um die unendliche Gegenwärtigkeit der Welt zu genießen, um sich von der Umklammerung des Alltäglichen zu befreien - was eine stete Folge kleiner Überraschungen nach sich zog.
Pennsylvania gefiel ihr, weil um diese Gegend so wenig Aufhebens gemacht wurde. Solche Orte zog sie inzwischen vor. Die hektischen, schicken Orte waren alle zu kalt. Natürlich war es schwer, in einer Zeit, da die Gesetze, der größte Teil der Medien und auch der Kunst übers Netz zugänglich waren, einen echten Zufluchtsort zu finden; die Orte aber, die am alltäglichsten wirkten, waren für ein exotisches Monster voller Hoffnungen wie sie am besten geeignet.
Europa war eine Boutique. Amerika war eine Farm. Hin und wieder traf man im ländlichen Pennsylvania auf Radfahrer. Oder auf Anhalter. Es gab nicht viele wie sie, Menschen, die vom Gehen und vom Schauen verzaubert waren. Dies war keine beliebte Touristennische des nordamerikanischen Kontinents, nur die hier ansässigen Amischen weckten ein gewisses Interesse.
Außerhalb von Perkasie fuhr ein Wagen an ihr vorbei. Der Wagen hielt am Straßenrand, und zwei gut gekleidete indonesische Touristen stiegen aus. Sie schulterten nagelneue Rucksäcke und machten sich auf den Weg. Sie schritten eilig aus. Maya, die sich von niemandem mehr zur Eile antreiben ließ, stapfte unverdrossen weiter.
Als die beiden näher kamen, zupfte der Mann die Frau am Ärmel. Sie winkten hektisch, dann riefen sie etwas.
Maya blieb stehen und wartete auf sie. »Ciao«, sagte sie wachsam.
»Hallo?«, sagte die Frau.
Maya musterte die beiden verblüfft. Der Fremde trug ziemlich neue und schicke indonesische Modekleidung, die Fremde aber war Amerikanerin. Maya kannte sie, und nicht nur von ferne. Wie sie so schaute, kam sie sich unglaublich wichtig vor, wie eine Person mit einem Schicksal. Maya wurde überwältigt von übersinnlichem Wiedererkennen, von Zärtlichkeit und Schmerz. Sie schnappte nach Luft, als sei ein Engel zur Erde herabgestiegen.
»Bist du Mia Ziemann?«, fragte der Mann.
Maya klappte den Mund zu und schüttelte vehement den Kopf. »Ich bin Maya.«
»Was hast du dann mit meiner Mutter gemacht?«, fragte die Frau.
Maya starrte sie an. »Chloe!«
Chloe riss die Augen auf. Sie entspannte sich ein wenig und rang sich ein Lächeln ab. »Mom, ich bin’s.«
»Kein Wunder, dass ich dich so sehr liebe«, sagte Maya erleichtert und lachte.
Es war komisch, dass sie so viel verloren hatte und dass es so wenig bedeutete. Die Einzelheiten verschwammen, entzogen sich ihr, nicht aber die verwirrende Intensität der Liebe zu ihrem Kind. Sie kannte diesen Menschen kaum, und doch liebte sie Chloe inniger, als sie sich hätte vorstellen können.
Es fühlte sich nicht mehr an wie Mutterschaft. Die Mutterschaft war sehr real gewesen, sehr alltäglich, eine ursprüngliche menschliche Bindung, voller Hingabe und Mühe und Anstrengung, befrachtet mit bitterer Berechnung und dem intimen Aufeinanderprall unterschiedlicher Bestrebungen. Nun aber waren all diese Verwicklungen fortgeweht worden wie Sand. Die Anwesenheit dieser fremden Frau erfüllte sie mit ozeanischer Freude. Allein schon die Existenz Chloes war ein kosmischer Triumph. Es war, als wandelte sie auf den Spuren eines Boddhisattvas.
»Du erinnerst dich doch hoffentlich noch an Suhaery?«, fragte Chloe. »Bestimmt erinnerst du dich noch, nicht wahr?«
»Du siehst gut aus, Mia«, sagte Chloes Ehemann galant. Dieser Indonesier war jetzt seit über vierzig Jahren mit Chloe verheiratet. Das war mehr als doppelt so lange, wie Mia es mit ihrem Mann ausgehalten hatte. Mia hatte damals - sie spürte es noch immer, ein leise sich regendes altes Ressentiment - mit höflichem Entsetzen darauf reagiert, dass ihre Tochter mit einem Indonesier davonlief. Die Indonesier hatten die Seuchenjahre in ihrer riesigen Inselnation recht gut überstanden. Daraus hatten sie in den folgenden Jahrzehnten einen großen Vorteil geschlagen.
Doch das war mittlerweile alles Vergangenheit. Jetzt waren Chloe und Suhaery ein Paar in den Sechzigern. Schlank und reich und vollkommen im Einklang miteinander. Sie kamen aus dem reichsten Land der Erde und machten den Eindruck, als seien sie sehr stolz darauf.
»Wie habt ihr mich gefunden?«, fragte Maya.
»Oh, das war furchtbar schwer, Mom. Wir haben es im Netz versucht, bei der Polizei, überall. Schließlich fiel uns ein, Mercedes zu fragen. Deine Haushälterin.«
»Ja, Mercedes wusste bestimmt Bescheid.«
»Sie hatte so ihre Vermutungen. Mercedes lässt dir ausrichten, es täte ihr Leid, dass sie so mit dir geschimpft hat. Sie hält deine Handlungsweise noch immer für völlig unmoralisch, aber so viele Leute haben sie um Interviews gebeten ... na ja, du weißt ja, wie das ist. Berühmt zu sein.«
Maya zuckte die Achseln. »Ich fürchte, das weiß ich nicht. Wie steht es in letzter Zeit um meine Berühmtheit?«
»Mom«, sagte Chloe seufzend, »diesmal hast du es wirklich geschafft. Nicht wahr? Ich wusste ja schon immer, dass die Fassade bei dir täuscht. Ich habe immer gemerkt, dass du dich verstellst. Ich wusste, dass du irgendwann die Bodenhaftung verlieren und abheben würdest. Das war dein Problem, Mom: du hast nie zu wahrer Spiritualität gefunden.«
Maya musterte Suhaery. Der Mann ihrer Tochter war ein stämmiger, nüchterner asiatischer Geschäftsmann. Er stand da wie ein Fels in der Brandung und spielte die Rolle des psychischen Ankers. Suhaery spazierte in seinen sauberen, gebügelten Wandershorts in einem fremden Land am unkrautbestandenen Straßenrand entlang. Auf einmal wurde Maya bewusst, dass Suhaery dies alles äußerst komisch fand. Zumal die Verwandtschaftsverhältnisse seiner Frau amüsierten ihn. Und er hatte Recht.
»Was hältst du von alledem, Harry?«, fragte sie.
»Mia, du siehst wundervoll aus. Wie eine erblühende Rose. Du siehst aus wie Chloe an dem Tag, als ich sie kennen lernte.«
»So etwas solltest du nicht sagen«, meinte Chloe tadelnd. »Das klingt auf mindestens fünf verschieden Arten falsch.«
Suhaery machte eine durchtriebene Bemerkung auf malaiisch und kicherte herzhaft.
»Wir haben in San Francisco nach dir gesucht«, sagte Chloe, »aber in der Klinik war man nicht besonders entgegenkommend.«
»Ja ... äh ... in der Klinik ist man wohl nicht so gut auf mich zu sprechen.«
»Es wäre klüger gewesen, du hättest dich wieder in medizinische Überwachung begeben, Mom. Ich meine, als medizinisches Studienobjekt hast du deinen Wert wohl verscherzt. Aber trotzdem.«
»Ich habe es ernsthaft erwogen«, sagte Maya. »Ich meine, wenn ich zu diesen Rindviechern zurückgelaufen wäre und mich erniedrigt und unter medizinisch definierten Bedingungen gelebt hätte, wäre mein Behandlungsbudget wohl wieder ins Lot gekommen, aber weißt du was? Ich konnte nichts mehr mit ihnen anfangen. Das sind Bourgeois, das sind Philister. Die ertrage ich nicht mehr. Ich mache ihnen keine Vorwürfe, aber ... na ja ... ich bin jetzt beschäftigt. Ich hab was Besseres zu tun.«
»Und das wäre?«
»Ich laufe in der Gegend herum. Erde, Himmel, Sterne, Sonne. Du weißt schon.«
»Du willst mich wohl verarschen?«
»Na ja, ich fotografiere ... Die Amischen, die geben hervorragendes Material ab, und sie sind so gut vor der Kamera ... Ich meine, ihre Kinder sehen wie normale Kinder aus, man mag es kaum glauben, sie sind normale Kinder, aber man kann ihre Entwicklung Jahrzehnt für Jahrzehnt nachverfolgen. Amische um die siebzig ... Der natürliche Alterungsprozess ... Das ist erstaunlich und grauenerregend! Und doch hat es auch eine seltsame organische Qualität ... Die Amischen sind wundervolle Menschen. Ihren Maßstäben zufolge bin ich ein unglaubliches Monstrum, aber sie sind so nett und freundlich zu mir. Sie finden sich einfach mit uns posthumanen Existenzen ab. Als täten sie uns einen Gefallen.«
Chloe dachte darüber nach. »Was machst du eigentlich mit all den Fotos von den Amischen?«
»Nicht viel. Meine Fotos sind mies. Ich bin ein lausiger Fotografenlehrling und habe eine lausige Kamera. Aber das ist schon okay; ich brauche eine Menge Übung. Zumal was den Bildausschnitt angeht ...«
Suhaery und Chloe wechselten Blicke. Dann sagte Chloe: »Mom, Harry und ich finden, du solltest für eine Weile zu uns nach Djakarta kommen.«
»Was, um Himmels willen, sollte ich dort anfangen?«
»In unserer Wohnung ist jede Menge Platz, und in Asien ist es leichter. Die Leute sind verständnisvoller.«
»Wenn du dich doch bloß nach Indonesien abgesetzt hättest«, meinte Suhaery nachsichtig. »In Europa sind alle verrückt. Man hat dort keinen Sinn für Muße, nicht einmal die Reichen. Mit den Europäern stimmt irgendetwas Grundlegendes nicht. Sie verstehen einfach nicht zu leben.«
»Möchtest du wirklich, dass deine verschrobene Schwiegermutter unter deinem Dach wohnt, Harry?«
»Du bist ein harmloses kleines Geschöpf«, sagte Suhaery freundlich. »Ich habe dich von Anfang an gemocht, Mia, auch damals schon, als du noch Angst vor mir hattest.«
»Also, das kann ich nicht. Kommt gar nicht infrage. Tut mir Leid.«
»Mom, du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert. Lass uns das übernehmen. Du hast es nämlich verdient. Du hast viel für mich geopfert. Jahre deines Lebens.«
»Vergiss es.«
Chloe seufzte. »Mom, du wirst bald hundert. Und man hat dir die medizinische Behandlung gestrichen!«
»Mache ich etwa einen hinfälligen Eindruck? Ich gehe gut und gerne als zwanzig durch. Klar, wenn ich ins Labor zurückginge und alle abküsste, könnte ich noch länger leben, aber mir geht’s gut, ich mache keine Dummheiten. Ich ernähre mich richtig, ich schlafe wie ein Murmeltier, und ich habe viel Bewegung. Guck dir mal meine Beine an. Schau sie dir an! Ich könnte ein Loch in die Scheunenwand dort drüben treten.«
»Mom, sei still und hör mir mal zu. Du lebst wie eine Pennerin, wie ein Tramp. Kapiert? Du verhältst dich seltsam, unverantwortlich. Die anderen Leute, die sich dieser Behandlung unterzogen haben, verhalten sich alle ziemlich eigenartig. Ich glaube, ihr habt einen wohlbegründeten Rechtsanspruch. Ihr solltet für eure Rechte als missbrauchte Patienten eintreten. Ihr solltet den Rechtsweg beschreiten. Für das, was euch angetan wurde, tragt ihr keine Verantwortung. Ihr solltet euch organisieren.«
»Liebling, wenn wir uns organisieren könnten, könnte man wohl kaum von auffälligem Verhalten sprechen.«
»Ihr solltet miteinander reden. Euch übers Netz miteinander in Verbindung setzen.«
»Ich habe keinen Netzzugang. Und die anderen bestimmt auch nicht.«
»Warum nicht, Mom? Du hättest uns anrufen sollen. Harry und ich waren ganz krank vor Sorge um dich. Nicht wahr, Harry?«
»Das stimmt, Mia«, sagte Suhaery loyal. »Wir machen uns Sorgen.«
Chloe holte tief Luft. »Ich sehe, dass du kein Mensch mehr bist, und ich akzeptiere es. Das ist in Ordnung, sowas kommt vor. Aber du bist meine Mutter. Du kannst nicht einfach davonlaufen und uns das antun. Das ist unverantwortlich.«
»Dein Vater hat das gleiche getan.«
»Nein, das stimmt nicht. Dad hat dich verlassen, nicht mich. Er redet mit mir, wann immer ich mit ihm reden möchte. Und ich weiß wenigstens, wo er ist. Wo du bist, weiß ich in letzter Zeit nicht. Das weiß niemand. Weißt du, wie lange wir hier in der Gegend nach dir gesucht haben?«
»Nein. Wie lange?«
»Ziemlich lange«, meinte Suhaery lächelnd. »Vielleicht zu lange. Deine Tochter und ich sind sehr geduldige Menschen.«
»Kannst du uns nicht wenigstens ab und zu anrufen? Damit wir uns nicht solche Sorgen machen. Bitte, Mom. Ich habe nichts dagegen, dass du umherwanderst, Mom, aber du kannst dich deinem Dharma und deinem Karma nicht auf Dauer entziehen.«
»Aber ich habe kein Geld.«
Suhaery steckte seine braunen Hände in die Taschen seiner gebügelten Shorts. »Das ist kein Problem. Zwanzig Dollar wöchentlich? Wäre das zu viel?«
»Zwanzig Dollar?«, wiederholte Maya. »Wow.«
Suahery nickte glücklich. »Nimm ein bisschen Geld von uns an. Was ist schon dabei? Diese kleine Summe dürfte keinem von uns Probleme bereiten. Ein kleines Taschengeld, Mia. Ein Familienzuschuss. Wir sind nämlich eine Familie, weißt du. Es würde uns glücklich machen.«
»Was müsste ich für das Taschengeld tun?«
»Nichts! Bloß anrufen. Mit uns reden. Hin und wieder. Mehr nicht. Ist das zu viel verlangt?«
Chloe nickte eifrig. »Du brauchst jemanden, der sich um dich kümmert, Mom. Das können wir jetzt übernehmen. Wir werden ein kleines Konto für dich eröffnen. Damit kennen wir uns aus.«
»Also ...«
»Für mich hättest du das gleiche getan. Nicht wahr? Verdammt noch mal, du hast es sogar getan. Erinnerst du dich an den Zuschuss, den du mir gezahlt hast, als ich noch in der Probezeit war?«
»Hab ich das?« Maya überlegte. »Also gut, das klingt vernünftig. Okay, ganz wie ihr wollt.«
Chloe rieb sich gerührt die Augen. »Ach, das freut mich ... Es ist schon seltsam, dass du jetzt so hübsch bist.«
Der Zuschuss brachte einige Veränderungen mit sich. Maya verstand sich nicht mehr so gut auf den Umgang mit Geld, doch die regelmäßig eintreffenden Beträge katapultierten sie vom Wanderjahr-Status an den bröckelnden Rand der Gesellschaft hinauf. Nach wie vor besaß sie nicht mehr, als sie tragen konnte, doch sie badete häufiger, ernährte sich besser und loggte sich hin und wieder ins Netz ein.
Das war nicht ohne Risiko, denn auf diese Weise machte sie der Hund in Des Moines ausfindig. Maya gefiel die Stadt Des Moines viel besser, als sie anhand der Berichterstattung erwartet hätte. In Des Moines gab es ein paar sehr interessante Gebäude, was auf den regionalen Einfluss Indianapolis’ zurückzuführen war. Wie ihr nun klar wurde, war Paul hinsichtlich der modernen Architektur ein wenig zynisch und kurzsichtig gewesen. Entwickelte man erst einmal einen Blick für moderne Architektur, nahm man Wellen architektonischer Einflüsse wahr, welche die alten urbanen Strukturen durchdrangen; hier ein Gesims, dort eine Tür, ein Fungarium auf einer Fensterbank, selbst die Kanaldeckel ...
Als sie sich anschickte, das Hotel zu verlassen, bemerkte sie den postcaninen Hund und dessen Produzenten, die gerade beim Frühstück saßen. Sie erkannte den Hund sogleich, und er tat ihr Leid. Sie war sich ziemlich sicher, dass der Hund ihr auch dann folgen würde, wenn sie aus dem Hotel entwischte. Der Hund und der Produzent wirkten deplatziert in dem billigen Hotel in Iowa, wie sie da vor ihren Pfannkuchen und einer ganzen Batterie bunter Sirups saßen.
Maya ging zu ihnen hinüber. »Ciao, Aquinas«, sagte sie.
»Hallo«, sagte der Hund überrascht. Sein normalerweise so perfekter Anzug wirkte zerknittert, vielleicht weil er einen Führungskragen trug. Sein Produzent war blind.
Der Produzent regelte einen Übersetzer ein, der an seinem ausgeleierten Ohrläppchen klemmte. Er war Deutscher, sehr alt und sehr zuvorkommend. »Bitte nehmen Sie Platz, Maya. Haben Sie schon gegessen? Gegesst? Geaßt?«
»Okay.« Maya setzte sich.
»Er möchte Sie um ein Interview bitten«, sagte Aquinas in tadellosem Englisch.
»Ach.«
»Herrn Cabane und Signorina Barsotti haben wir bereits interviewt.«
»Wen?«
»Paul und Benedetta«, antwortete der Hund.
Die Erwähnung ihrer beider Namen berührte Maya tief. Sie vermisste sie ebenso sehr, wie sie ihren Herzschlag vermisst hätte. »Wie geht es Paul und Benedetta?«
»Sie sind natürlich sehr berühmt geworden; allerdings haben sie bedauerlicherweise einige Probleme.«
»Wie geht es ihnen wirklich?«
»Sie konnten die gegen sie erhobenen Vorwürfe entkräften. Ein großer politischer Erfolg. Allerdings hatten sie einen Streit, der großes Aufsehen erregt hat. Ihre künstlerische Bewegung hat sich gespalten. Haben Sie noch nicht davon gehört?«
Eine menschliche Serviererin trat an den Tisch. Dass sie von einem Menschen bedient wurden, war typisch für Des Moines. Maya bestellte Waffeln.
»Dürfen wir Sie vor der Kamera zu dieser Angelegenheit befragen?«
»Von irgendwelchen Spaltungen habe ich noch nichts gehört. Die Verbindung ist abgebrochen. Ich habe nichts zu sagen.«
»Beide halten große Stücke auf Sie. Sie haben uns geraten, Sie anzusprechen. Sie haben uns sogar geholfen, Sie hier ausfindig zu machen.«
»Es wundert mich, dass Sie so hervorragend englisch sprechen, Aquinas. Ich habe Sie im Fernsehen deutsch sprechen gehört und sogar tschechisch synchronisiert, aber…«
»Das ist alles eine Frage der Synchronisation«, meinte der Hund bescheiden. »Der dem Gehirn unmittelbar nachgeschalteten Synchronisation. Karl hat Ihnen ein Geschenk mitgebracht, von Ihren Freunden. Hol es doch mal, Karl.«
»Gute Idee«, sagte Karl. Er erhob sich, nahm den weißen Blindenstock, schaltete ihn ein und stapfte zielstrebig davon.
»Ich kann wirklich nicht in Ihrer Sendung auftreten«, sagte Maya. »Ich möchte keine Rollen mehr spielen.«
»Sie sind zu einer Ikone geworden«, meinte der Hund.
»So fühle ich mich aber nicht. Außerdem sollte man die Öffentlichkeit meiden, wenn man eine Ikone bleiben will, hab ich Recht?«
»Genau wie Greta Garbo«, sagte der Hund.
»Sie mögen alte Filme?«, fragte Maya überrascht.
»Offen gestanden, kann ich alte Filme nicht ausstehen; ich mag nicht einmal mein eigenes Medium, das Fernsehen. Das Phänomen des Berühmtseins allerdings interessiert mich sehr.«
»Eine so intellektuelle Unterhaltung habe ich noch mit keinem Hund geführt«, sagte Maya. »Ich kann nicht in Ihrer Sendung auftreten, Aquinas, das verstehen Sie doch hoffentlich. Aber ich unterhalte mich gerne mit Ihnen. In der Realität wirken Sie viel kleiner als im Fernsehen. Und Sie sind sehr interessant. Ich weiß nicht, ob Sie nun ein Hund sind oder ob man bei Ihnen eher von künstlicher Intelligenz sprechen sollte, aber Sie sind unbestreitbar eine eigenständige Persönlichkeit. Sie besitzen Tiefgang. Nicht wahr? Ich finde, Sie sollten der Unterhaltung den Rücken kehren. Vielleicht sollten Sie ein Buch schreiben.«
»Ich kann nicht lesen«, sagte der Hund.
Mayas Waffeln wurden gebracht. Sie langte herzhaft zu.
»Schade, dass ich jetzt umsonst nach Des Moines gekommen bin«, meinte der Hund schmeichelnd.
»Interviewen Sie den Bürgermeister«, erwiderte Maya kauend.
»Davon verspreche ich mir nichts.«
»Fliegen Sie zurück nach Europa und interviewen Sie Helene Vauxcelles-Serusier. Machen Sie sie nieder.«
»Weshalb sollte ich das tun?«, fragte der Hund und spitzte die haarigen Ohren. »Und wo kann ich sie finden?«
Karl kam zurück. Er brachte Pauls und Benedettas Geschenk mit. Maya schob die Waffeln beiseite, öffnete den Karton und nahm das Füllmaterial heraus. Die beiden hatten ihr eine alte Kamera geschickt. Die Art Handkamera, die früher einmal Kleinbildfilme verarbeitet hatte. Das Gerät war mit einer digitalen Bildplatte und Netzanschlüssen ausgestattet. Es war schwer, solide und wunderschön. Verglichen mit einer modernen Kamera wirkte es wie aus Granit gemeißelt.
Und es war noch eine handgeschriebene Karte dabei.
Glaub auf keinen Fall, was man über uns sagt, hatte Benedetta gekritzelt.
Wir lieben unsere Abtrünnigen und verzeihen ihnen, schrieb Paul. In seiner schönen, tadellosen Handschrift.
Daniel lebte jetzt in Idaho. Er war bodenständig geworden.
Sie spürte es, als sie an die Grenze seines kleinen Privatreichs gelangte. Etwa zwanzig Morgen. Kein Stacheldraht, kein Zaun; der Unterschied war an der Beschaffenheit des Erdbodens erkennbar. Vielleicht lag es an den Spurenelementen. Vielleicht war es Folge seiner speziellen Art des Gartenbaus. Konnte bloße Intelligenz die Bäume zu schnellerem Wachstum veranlassen?
Die Bäume, die Büsche, die Vögel, sogar die Insekten. Sie machten einen ungewöhnlichen Eindruck, als ob ihnen jemand ein unglaubliches Maß an Aufmerksamkeit zukommen ließe. Die Zweige waren wie gemalt, die Vögel sangen mit opernhafter Präzision.
Ihr Exmann grub den Boden gerade mit einem Spaten um. Daniel war nur mehr etwa ein Meter zwanzig groß. Die Knochen waren geschrumpft, die Wirbelsäule hatte sich gestaucht, die Muskeln an Waden und Schenkeln hatten sich zu neandertalhaften Klumpen verdichtet. Er war alt und äußerst stark; er machte den Eindruck, als könne er den Spaten mühelos entzweibrechen.
»Hallo, Mia«, sagte er; seine Stimme war vom vielen Alleinsein eingerostet.
»Hallo, Daniel.«
»Du hast dich verändert«, meinte er blinzelnd. »Ist es lange her?«
»Für mich schon.«
»Du siehst besser aus als Chloe. Wenn ich dich nicht so gut kennen würde, hätte ich dich für Chloe gehalten.«
»Für mich bist du immer noch Daniel«, gestand sie. »Ich weiß nicht, warum.«
Daniel schwieg. Er trat in die Hütte.
Sie folgte ihm in seine einfache Behausung. Ausgekleidet war sie mit Daunen und Zweigen, trockenem Laub und etwa acht Billionen Gigabyte an pilzartig verwobenen Informationen. Er hatte hier in Idaho Wurzeln geschlagen. Er hatte sich tief in die Landschaft von Idaho integriert. Er hatte sich in einen Genius loci, einen Schutzgeist verwandelt. Jeder Baum, jeder Busch, jede Blume, jede Raupe verfügte über eingebaute Lautsprecher und Mikrofone. Er wachte nicht nur über diesen Ort - in einem tieferen Sinn war er identisch mit ihm. Er war ein kleiner Teil von Idaho geworden. Wenn es kalt wurde, fiel er in Winterschlaf.
»Möchtest du Wasser?«, krächzte Daniel.
»Nein, danke.«
Daniel trank gesammelten Tau aus einer blätterförmigen Tasse.
»Was gibt’s Neues, Daniel?«
»Neues«, wiederholte Daniel nachdenklich. »Ach, es gibt immer etwas Neues. Die beschäftigen sich gerade mit dem Himmel, heißt es. Reinigen ihn. Mit Sporen.«
»Sporen«, sagte sie.
Er trank noch einen Schluck Wasser, fuhr sich über die mit erstaunlichen Runzeln bedeckte Stirn und sammelte sich. »Ja, der Himmel wird eine Zeit lang pilzfarben sein. Dürfte zu interessanten Sonnenuntergängen führen. Atmosphärische Reparaturtechniken. Sehr nützlich. Sehr weitblickend, sehr weise. Gutes Haushalten.« Daniel war bemüht, sich verständlich auszudrücken. Sie waren beide Zweifüßer, die unter dem Himmel wandelten und in der Tagwelt lebten. Das immerhin hatten sie gemeinsam.
»Ich kann einfach nicht glauben, dass die Politas den Himmel tatsächlich mit Pilzsporen impfen will. Ich hätte nicht gedacht, dass die Politas noch so viel Phantasie besitzt.«
»Sie hat wirklich keine Phantasie, aber das war nicht ihre Idee. Zuvor wurde der Himmel von anderen Leuten verschmutzt. Das ist jetzt die Reaktion darauf. Neue Monster gegen alte Monstrosität. Wir sind Göttern gleich, Mia. Vielleicht liegt uns diese Rolle sogar.«
»Bist du ein Monster, Daniel? Wer hat dir gesagt, du wärst ein Gott?«
»Was glaubst du?«
Er wandte ihr seinen massigen Rücken zu, ging ins Freie und machte sich wieder an die Arbeit. Ja, er ist ein Gott, dachte Maya. Damals, als sie noch zusammenlebten, war er noch kein Gott gewesen. Er war ihr Mann gewesen, ein guter Mann. Jetzt war er kein Mann mehr. Daniel war ein primitiver Gott. Ein primitiver Dampfmaschinengott. Ein Amphibiengott, der pflichtbewusst den Boden für eine zukünftige Reptilienrasse bereitete. Ein sehr untergeordneter Gott, vielleicht eine Art Gartengnom, eine Dryade, ein Kobold aus der Tiefe. Er hatte mit der verfügbaren Technik sein Bestes getan, aber die verfügbare Technik reichte einfach nicht aus. Maschinen flitzten durchs Gewebe des Universums hindurch wie ein Anfall durch das Gehirn eines Gottes, und in ihrem Gefolge hörten die Menschen auf, Menschen zu sein. Dennoch gaben die Menschen nicht auf.
»Ich muss dich fotografieren, Daniel«, sagte sie. »Stell dich mal in die Sonne.«
Ihm machte es anscheinend nichts aus. Sie hob die neue Kamera ans Auge. Sie betrachtete ihn durch den Sucher. Auf einmal wusste sie, dass es so richtig war. Das würde ihr erstes gutes Foto werden. Dies sah sie an seiner Schulterhaltung und an seiner erstaunlichen Gesichtslandschaft. Eine lebendige Seele, entblößt weit über das notwendige Maß hinaus. Sie verstand Daniel und sich selbst und die sich drehende Welt. Ihr erstes wahres Foto. So wirklich und schön.
Der Auslöser klickte.