5
Novak besorgte ihr in Prag eine Wohnung. Sie musste sich um die Katzen der Eigentümerin kümmern. Die Bezahlung war nicht gut, aber die Katzen waren einsam.
Das Haus gehörte einer ehemaligen Schauspielerin namens Olga Jeskova. Frau Jeskova war in mehreren von Novaks frühen virtuellen Inszenierungen aufgetreten und hatte in einigen Tragödien mitgespielt. Ihr Geld hatte sie in Immobilien angelegt, und nun, siebzig Jahre später, war sie recht wohlhabend. Frau Jeskova verbrachte die nebligen Prager Winter für gewöhnlich im schicken und sonnigen Sinai, wo sie sich irgendwelchen ausgefallenen Kuren unterzog.
Frau Jeskovas Wohnung lag in der fünfzehnten Etage eines siebzigstöckigen Hochhauses am Prager Stadtrand. Mit der U-Bahn waren es zwanzig Minuten bis zur Altstadt, doch das war ein geringer Preis für den vielen Platz und den Luxus. Die Schauspielerin hatte zwei weiße Perserkatzen. Die Katzen machten den Eindruck, als seien sie biocybernetisch mit der Wohnung vernetzt. Vorherrschend war weißes Fell: weißes Fell auf dem Bett, weißes Fell auf der Toilette, weißes Fell auf der Massageliege, weißes Fell für die Kissenbezüge, ein mit weißem Fell bezogenes Terminal. Des Nachts tauchten zwei nussknackerähnliche Apparate auf und bürsteten alles mit den Zähnen durch.
Am 20. April besuchte Maya mit ihrer Ausrüstung Emil. Er war auf und arbeitete gerade. Als er ihr die Tür öffnete, trug er seine schmutzige Schürze.
»Ciao, Emil«, sagte Maya.
»Ciao«, sagte Emil und lächelte wachsam.
»Ich bin die Fotografin«, erklärte sie.
»Oh. Das ist schön.« Emil machte ihr Platz.
In der Wohnung war eine junge Frau. Sie hatte hüftlanges Haar und war mit einem schwarzen Cowboyhut, einem Mantel mit Pelzbesatz und Hose bekleidet. Sie aßen gerade Gulasch. Die Frau war Japanerin. Sie war hübsch.
»Ich bin die Fotografin«, wiederholte Maya. »Ich möchte Emils neueste Arbeiten dokumentieren.«
Das Mädchen nickte. »Ich heiße Hitomi.«
»Ciao, Hitomi, jmenuji se Maya.«
»Er ist vergesslich«, meinte Hitomi entschuldigend. »Wir haben dich nicht erwartet. Möchtest du was vom Gulasch?«
»Nein, danke«, sagte Maya. »Hitomi, fotografierst du?«
»Aber nein«, antwortete Hitomi mit Nachdruck. »Ich absolviere gerade mein Wanderjahr, und Kameras können wir nicht ausstehen.«
Maya räumte die Werkbank frei, breitete Chamäleonfolie darüber und stellte das Stativ auf. Weiß vor weißem Hintergrund wäre für das Porzellan am passendsten. Diagonale Beleuchtung, um den Gefäßcharakter der Tassen und Teller zu betonen. Bei den Töpfen und Urnen ging es vor allem um Form und Beschaffenheit. Sie hatte täglich über das Projekt nachgedacht. Sie hatte sich alles zurechtgelegt.
Allmählich lernte sie die wunderbaren Eigenschaften optisch leitenden Stoffs schätzen. Damit konnte man nahezu alles machen; er nahm alle möglichen Farben an, ließ sich mühelos formen, und die Leuchtkraft ließ sich stufenlos regeln. Weiche, gleichmäßige Schatten. Oder kräftige, plastische Schatten. Die tiefen Schatten der Hintergrundbeleuchtung. Oder man konnte das Licht aufdrehen und den Kontrast verstärken.
Novak vertrat die Ansicht, wenn die Schatten stimmten, käme der Rest von allein. Novak meinte, in den Schatten liege das ganze Geheimnis. Novak meinte, er habe die Schatten in den neunzig Jahren seines Schaffens niemals gemeistert. Novak sagte viele wichtige Dinge, und Maya hörte ihm zu, wie sie noch nie jemandem zugehört hatte. Abends fuhr sie heim, machte sich Notizen, fütterte die Katzen der Schauspielerin und dachte nach und träumte von neuen Fotografien.
»Es ist schön, dass du deine Arbeit so gut machst«, meinte Emil herzlich. »Manche dieser Stücke hab ich seit ... ach, seit langer Zeit nicht mehr angeschaut.«
»Lass dich nicht von der Arbeit abhalten, Emil.«
»Ach, es ist mir ein Vergnügen, meine Liebe.« Emil holte ihr Sachen, die sie benötigte, rückte Töpfe zurecht und war sehr hilfsbereit.
Sie hätte die Bilder am liebsten in die Katzenwohnung mitgenommen und mit dem Retuschierstab bearbeitet, aber der Stab war eine zu große Verlockung. Begab man sich erst einmal auf die Ebene der Pixel hinab, dann nahm das Verwischen, Verändern, Mischen überhaupt kein Ende mehr ... Zu wissen, wann man aufhören und worauf man verzichten musste, war ebenso wichtig wie alle Geschicklichkeit bei der Nachbearbeitung. Eleganz bedeutete Zurückhaltung. Daher druckte sie die
Fotos an Ort und Stelle mit Novaks geliehenem Scroller aus. Anschließend pustete sie den Staub vom Fotoalbum und klebte die Fotos säuberlich ein.
»Die sind gut«, erklärte Emil voll aufrichtiger Bewunderung. »Das sind die ersten Fotos, die meiner Arbeit wirklich ganz gerecht werden. Ich finde, du solltest sie signieren.«
»Nein, ich glaube, das ist unnötig.«
»Es war nett von dir, dass du gekommen bist. Was bin ich dir schuldig?«
»Kein Honorar, Emil, ich bin noch Lehrling. Die Erfahrung war wertvoll für mich.«
»Wer so zielstrebig zu Werke geht wie du, ist kein bloßer Lehrling mehr«, meinte Emil galant. »Du besuchst mich hoffentlich wieder. Haben wir schon mal zusammen gearbeitet? Es kommt mir so vor, als würden wir uns kennen.«
»Ach, wirklich?«
Hitomi rutschte näher an Emil heran und legte ihm ihren schlanken Arm um die Schultern.
»Du warst das nicht«, meinte Emil, im Album blätternd. »Deine Fotos sind viel besser.«
»Vielleicht sind wir uns ja im Tete du Noye begegnet«, schlug Maya vor; sie konnte der Versuchung nicht widerstehen. »Dort bin ich häufiger. Gehst du später noch hin? Heute findet dort ein Treffen statt.«
Emil blickte Hitomi liebevoll an und ergriff ihre schlanke Hand. »Ach, nein«, sagte er, »dort gehen wir nicht mehr hin.«
»[Ich freue mich darauf, meinen alten Freund Klaus wiederzusehen]«, sagte Novak auf tschechisch, als sie gemeinsam die Mikulandska-Straße entlangschlenderten. »[Klaus hat mich immer Dienstags besucht.]«
»Opravdu?«, fragte Maya.
»[Um ehrlich zu sein, war das Milenas Dienstagsveranstaltung. Unsere Freunde haben so getan, als ginge es ihnen um mich, aber ohne Milena wäre kein Einziger gekommen.]«
»War das, bevor Klaus zum Mond geflogen ist?«
»Ja ... [Der gute alte Klaus war damals fast unbehaart ... Er arbeitete als Mikrobiologe an der Karls-Universität. Klaus und ich, wir haben damals eine Fotoserie mit experimentellen Landschaften gemacht, und zwar mit lichtabsorbierenden Bakterien ... Das Licht fiel auf geimpfte Petrischalen. Die Entwicklung dauerte viele Tage. Die Bakterien sind nur dort gewachsen, wo das Licht hinfiel. Diese Bilder wirkten wie organische Daguerrotypien. In den folgenden Wochen beobachteten wir die allmähliche Zersetzung. Manchmal ... eigentlich sogar recht häufig ... stellte sich eine bizarre Schönheit ein.«
»Ich bin ja so froh, dass Sie mich begleiten und meine Freunde kennen lernen wollen, Josef. Das bedeutet mir wirklich eine Menge.«
Novak lächelte kurz. »[Diese kleinen Emigrantengemeinschaften in Prag mögen zwar die hiesige Architektur lieben, aber uns Tschechen nehmen sie nicht ausreichend zur Kenntnis. Vielleicht gelingt es uns, wenigstens den Kindern bessere Manieren beizubringen.]«
Novak hatte leichthin gesprochen, doch er hatte sich das Haar gekämmt, war sorgfältig gekleidet und trug die Armprothese. Er begleitete sie, weil sie ihm inzwischen einigen Respekt abgenötigt hatte.
Sie hatte ihren Lehrer mittlerweile recht gut kennengelernt. Seine Persönlichkeit war wie alter Käse mit bläulichen Adern der Verstellung, Korruptheit und Gereiztheit durchsetzt. Mit Boshaftigkeit aber hatte das nichts zu tun. Vielmehr handelte es sich um Sturheit, Ausdruck einer halsstarrigen, perversen Integrität. Josef Novak war mit Haut und Haar sein eigener Herr. So hatte er jahrzehntelang gelebt, so offen und schamlos, wie sie selbst es sich nur in der Phantasie gestattete. Obwohl er niemals glücklich schien und wahrscheinlich auch nie ein glücklicher Mensch gewesen war, war er tief im Innern doch vollkommen gelassen. Er war ganz und gar Josef Novak. Er würde Josef Novak bleiben bis zu seinem Tod.
In fünf Jahren wäre er tot - zumindest lautete so ihre Schätzung. Er war gebrechlich und früher einmal schwer verletzt worden. Er hätte durchaus noch Schritte zur Lebensverlängerung unternehmen können, doch dieses Bemühen betrachtete er offenbar als vulgär. Josef Novak war hunderteinundzwanzig Jahre alt, ein weit höheres Alter, als die Angehörigen seiner Generation je erwartet hatten. Er war ein Relikt, gleichwohl kam es Maya ungerecht vor, dass er sterben sollte. Novak sprach häufig über seinen bevorstehenden Tod, ohne dass er sich davor gefürchtet hätte, doch Maya fand, ein gerechtes Universum hätte einem Menschen wie Josef Novak ewiges Leben gegönnt. Er war ihr Lehrer, und sie hatte ihn mittlerweile sehr lieb gewonnen.
Im Tete ging es hoch her. Es waren viel mehr Leute da, als sie erwartet hatte, und es hing eine ungewohnte Spannung in der Luft. Sie und Novak loggten sich an der Bar ein. Novak langte über den Abstand von vier Metern hinüber und tippte sachte gegen Klaus’ Helm. Klaus drehte sich um, stutzte, dann grinste er breit. Die beiden alten Männer begannen eine Unterhaltung auf tschechisch.
»Ciao, Maya.«
»Ciao, Marcel.« Marcel kannte sie vom Netz her - so gut wie alle anderen ihn kannten. Der rothaarige und geschwätzige Marcel gab nicht viel von sich preis. Er war siebenundzwanzig Jahre alt und, seiner eigenen Schätzung zufolge, bereits dreihundertvierzehn Mal um die Welt gereist. Marcel hatte keine feste Adresse, und zwar seit dem Alter von zwei Jahren nicht mehr. Marcel hielt sich die meiste Zeit in Zügen auf.
Benedetta, die gern klatschte, behauptete, Marcel habe das Williams-Syndrom. In seinem Fall handele es sich um eine vorsätzlich herbeigeführte Störung, nämlich um eine abnormale Vergrößerung des Heschl-Gyrus im kortikalen Hörzentrum. Marcel litt an Hyperakusie und hatte das absolute Gehör; er war Musiker und stellte Klänge für virtuelle Installationen her. Das Syndrom hatte auch Auswirkungen auf Marcels Sprachvermögen; er war eine unerschöpfliche Quelle von Anekdoten, Spekulationen, brillantem Geplauder, unwahrscheinlichen Verknüpfungen und endlosen faszinierenden Gedankengängen, die irgendwo einen geistigen Schalter betätigten und weitere Gedankengänge auslösten ...
Benedetta behauptete, auch der Papst habe das WilliamsSyndrom. Angeblich sei dies das Geheimnis seiner brillanten Predigten. Benedetta wusste über jedermann schmutzige Geschichten zu erzählen.
»Wie schick du bist, Maya. Schön, dich endlich einmal in der Realität wiederzusehen.« Marcels Mantel war ein Flickenmuster von Stadtplänen. Marcel lebte in diesem Mantel, schlief darin und benutzte ihn als Navigierhilfe. Jetzt, da Maya wusste, wie nützlich Marcels Mantel war, kam er ihr weit weniger lebendig vor. Paul hätte diese Wahrnehmung als Kategorienirrtum bezeichnet.
Sie küsste Marcel auf die bärtige Wange. »Ciao.«
»Meinen Glückwunsch zu deinem Italienabenteuer. Es heißt, Vietti wolle ums Verrecken einen neuen Auftritt mit dir vereinbaren.«
»Giancarlo stirbt nicht, Schätzchen, da brauchst du dir gar keine Hoffnungen zu machen.«
»Wie ich sehe, hast du deinen Gönner mitgebracht. Deinen Fotografen. Er ist wohl dein derzeitiger Favorit.«
»Er ist mein Lehrer, Marcel. Sei nicht taktlos.«
»Ich habe mein Postfach so eingerichtet, dass deine Mails auf französisch vorgelesen werden«, sagte Marcel. »Ich wünschte, du würdest mir öfter etwas posten. Auf französisch sind deine Kommentare bemerkenswert. Da sind Geistesblitze drin, die im englischen einfach nicht mehr zu finden sind.«
»Ja, gute Übersetzungen haben eine Qualität, die im Original kaum erreichbar ist.«
»Das war schon wieder einer, Schätzchen. Wie machst du das? Ist das Absicht?«
»Du bist sehr aufmerksam, Liebling. Wenn du mir keinen Frappe holst, muss ich dich küssen.«
Marcel wog die Möglichkeiten gegeneinander ab und holte ihr einen Frappe. Maya kostete davon und blickte sich, auf einen Ellbogen gestützt, in der Kneipe um. »Warum wirkt es heute eigentlich so lebendig hier?«
»Tatsächlich? Paul plant einen Frühlingsausflug. Eine größere Immersion. Ich hoffe, du machst mit.«
»Oh, eine größere Immersion möchte ich auf keinen Fall versäumen.« Maya hatte keine Ahnung, wovon Marcel eigentlich sprach. »Wo ist Paul?«
Paul saß inmitten einer Gruppe von etwa zwölf Leuten. Sie lauschten ihm fasziniert.
Paul öffnete eine kleine Versandbox aus Metall und holte eine lebensgroße Krötenfigur hervor. Die gedrungene, glänzende Kröte schien aus massivem Gummi zu bestehen.
»Ist sie nicht wunderschön?«, fragte Paul. »Sergei, sag was.«
»Na ja«, meinte Sergei, »wenn sie aus dem Atelier von Faberge stammt, wie du sagst, dann ist sie natürlich wunderschön. Sieh dir nur mal die wundervolle Verarbeitung an.«
»Das ist eine Kröte, Sergei. Sind Kröten schön?«
»Natürlich kann eine Kröte schön sein. Hier ist der Beweis.«
»Wenn dir jemand sagen würde, du wärst so schön wie eine Kröte, wärst du darüber erfreut?«
»Du wechselst den Kontext«, erklärte Sergei eingeschnappt.
»Aber macht das nicht eher die Figur? Der Schock des Erstaunens ist der Kern seiner Ästhetik. Stell dir die Menschen im Jahre 1912 vor, die Monate damit zubrachten, einen seltenen Stein in hingebungsvoller Handarbeit in eine Kröte zu verwandeln. Ist das nicht pervers? Aber genau diese Perversität verleiht der Figur ihre besondere Bedeutung. Das ist ein Original von Faberge, hergestellt für eine zaristische Aristokratin. Die Zarengesellschaft war eine Kultur, die juwelenbesetzte Kröten hervorgebracht hat.«
Pauls kleine Zuhörerschaft wechselte unbehagliche Blicke. Niemand wagte es, ihn zu unterbrechen.
»Aber können wir daraus schließen, dass zaristische Aristokratinnen Kröten schön fanden? Glaubt jemand hier in der Runde, irgendeine zaristische Aristokratin habe das Atelier Faberge gebeten, eine wunderschöne Kröte anzufertigen?« Paul blickte in die Runde. »Aber meint ihr nicht, sie war mit dem Resultat zufrieden? Als es erst einmal in ihrem Besitz war, fand sie es bestimmt wunderschön.«
»Ich mag die Kröte«, warf Maya ein. »Ich hätte nichts dagegen, wenn sie mir gehören würde.«
»Was würdest du damit anfangen, Maya?«
»Ich würde sie auf meinen Schreibtisch setzen und mich täglich an ihr erfreuen.«
»Dann nimm sie«, sagte Paul. Er reichte sie ihr. Die Kröte war erstaunlich schwer; sie fühlte sich genau so an wie eine rote Steinkröte.
»Das ist natürlich nicht das wertvolle Original«, meinte Paul beiläufig. »Es ist ein identisches Museumsreplikat. Faberges Original wurde mit einer Genauigkeit von ein paar Mikron lasergescannt und anschließend mittels eines modernen Vakuumsedimentverfahrens nachgebildet. Es wurden sogar ein paar Fehler eingefügt, damit der künstliche Rubin vom ursprünglichen Korund, aus dem der natürliche Rubin besteht, unterscheidbar ist. Insgesamt wurden etwa hundert Kröten hergestellt.«
»Ah ... ja, natürlich«, sagte Maya. Sie betrachtete die kleine rote Kröte. Auf einmal kam sie ihr nicht mehr ganz so schön vor, aber die Ähnlichkeit mit einer Kröte war noch immer bemerkenswert.
»In Wirklichkeit wurden über zehntausend Exemplare hergestellt. Die Kröte besteht auch nicht aus künstlichem Rubin, da habe ich dich angelogen. Sie besteht bloß aus Plastik.«
»Oh.«
»Man hat nicht einmal frisches Plastik verwendet«, fuhr Paul unerbittlich fort. »Sondern recycelten Plastikmüll, gewonnen aus einer Müllhalde des zwanzigsten Jahrhunderts. Ich habe bloß behauptet, das Original sei von Faberge, um klar zu machen, worum es mir geht.«
»Oh, nein«, stöhnte Maya. Die anderen Leute lachten.
»Ich scherze natürlich bloß«, meinte Paul fröhlich. »In Wirklichkeit handelt es sich tatsächlich um ein Original von Faberge. Es wurde 1912 in Moskau hergestellt. Vierzehn Künstler waren volle fünf Monate lang damit beschäftigt. Es ist einzigartig, vollkommen unersetzlich. Ich habe es bei der Antikensammlung in Munchen ausgeliehen. Lass es bloß nicht fallen.«
»Du solltest es besser wieder an dich nehmen«, sagte Maya.
»Nein, halt es nur, meine Liebe.«
»Lieber nicht. Die unablässigen Verwandlungen strengen mich zu sehr an.«
»Und wenn ich dir nun sagte, dass die Figur doch nicht von Faberge stammt? Dass es sich um eine echte Kröte handelt? Um keine von Menschenhand nachgeformte, sondern eine gescannte Gartenkröte. Bestehend aus - na, du kannst dir das Material aussuchen.«
Maya betrachtete die Figur. Es war angenehm, sie zu halten, und etwas daran gefiel ihr wirklich, doch allmählich bekam sie Kopfschmerzen. »Eigentlich fragst du mich, ob eine fotografierte Kröte ebenso schön wie eine gemalte sein kann.«
»Und, kann sie?«
»Vielleicht geht es dabei um unterschiedliche Kategorien von Schönheit.« Maya blickte in die Runde. »Würde mir jemand das mal abnehmen?«
Sergei nahm ihr die Kröte mit gespielter Tapferkeit aus den Händen und tat so, als wolle er sie gegen die Tischplatte schmettern. »Tu’s nicht«, meinte Paul geduldig. »Eben noch hast du sie bewundert. Was hat dich zu der Sinnesänderung bewogen?«
Maya ging fort, um nach Benedetta zu sehen. Sie entdeckte sie in einem kleinen Grüppchen hinter der Bar. »Ciao, Benedetta.«
Benedetta erhob sich und umarmte sie. »[Das ist Maya.]«
Benedetta hatte vier italienische Freundinnen mitgebracht. Sie waren höflich und nüchtern, blickten gelassen und wirkten eigentümlich beherrscht. Sie machten einen sehr intelligenten Eindruck. Sie waren ziemlich gut gekleidet. Sie wirkten so gefährlich wie nur irgendwelche Kids, die Maya in letzter Zeit gesehen hatte.
Benedetta machte für Maya ein Plätzchen frei. »Tut mir Leid, aber ich kann nicht Italienisch«, meinte Maya und nahm Platz. »Ich habe einen Übersetzer, aber ich muss englisch reden.«
»Wir würden gern wissen, welcher Art deine Beziehung zu Vietti ist«, sagte eine der jungen Frauen ruhig.
Maya zuckte die Achseln. »Er findet mich nett. Das ist alles.«
»Und in welcher Beziehung stehst du zu Martin Warshaw?«
Maya blickte Benedetta an, verwundert und verletzt. »Also, wenn du’s unbedingt wissen willst, der Palast hat ihm gehört.
Du weißt über den Palast Bescheid?«
»Wir wissen alle Bescheid. Und in welcher Beziehung stehst du zu Mia Ziemann?«
»Wer ist das?«, entgegnete Maya.
Die Frau, welche gefragt hatte, lehnte sich achselzuckend zurück und winkte ab. »Also, wir wären blöd, wenn wir dieser Person vertrauen würden.«
»[Natürlich sind wir blöd]«, meinte Benedetta hitzig. »[Wir sind blöd, weil wir einander vertrauen. Wir sind blöd, weil wir überhaupt jemandem vertrauen. Mach einen besseren Vorschlag, wo wir die Geräte installieren sollen.]«
»Benedetta, was sind das für Leute?«
»Das sind Mathematikerinnen«, antwortete Benedetta. »Programmiererinnen. Rebellen. Und Visionäre. Und sie sind eng mit mir befreundet.«
Radikale Studentinnen, dachte Maya. Die sich für Phantasiewelten begeistern, weil sie von der Wirklichkeit keine Ahnung haben. »Wer ist eigentlich die älteste hier?«, fragte sie vorsichtig.
»Du natürlich«, meinte Benedetta augenzwinkernd.
»Ach, vergiss die Frage. Was hat das alles eigentlich mit mir zu tun?«
»Ich will dir mal etwas aufzeichnen«, sagte Benedetta. Sie breitete ihren Furoshiki aus und zog einen Stift hinter dem Ohr hervor. »Ich will dir eine interessante Tatsache des Lebens verdeutlichen. Die mit dem medizinisch-technischen Komplex zu tun hat.« Mit zwei raschen Strichen skizzierte sie ein Koordinatensystem. »Die x-Achse entspricht der verstreichenden Zeit. Und das hier ist der Anstieg der Lebenserwartung. Für jedes verstreichende Jahr erhöht sich die posthumane Lebenserwartung um etwa einen Monat.«
»Und?«
»Die Kurve ist nicht exakt linear. Die Steigung nimmt zu. Irgendwann wird die Steigerungsrate ein Jahr pro Jahr betragen. Dann werden die Überlebenden praktisch unsterblich sein.«
»Kann schon sein. Vielleicht.«
»Das ist natürlich keine wahre ›Unsterblichkeit‹. Unfälle sind niemals auszuschließen. Am Unsterblichkeitspunkt« - Benedetta malte ein kleines schwarzes Kreuz - »beträgt die durchschnittliche Lebenserwartung unter Berücksichtigung von Unfällen etwa vierzehnhundertfünfzig Jahre.«
»Schön für diese Generation.«
»Die erste Generation, die diesen Punkt erreicht, wird die erste wahre Gerontokratie sein. Diese Generation wird nicht mehr aussterben. Eine Generation, welche die Kultur in alle Ewigkeit dominieren wird.«
»Also, von derlei Spekulationen habe ich auch schon gehört, meine Liebe. Das ist ein hübsches Rechenkunststück und eine interessante Theorie, wie ich finde.«
»Es war einmal eine Theorie. Für dich ist es Theorie. Für uns ist es Realität. Maya, wir sind diese Leute. Wir sind die glückliche Generation. Wir sind die ersten Menschen, die zum richtigen Zeitpunkt geboren wurden. Wir sind die ersten wahren Unsterblichen.«
»Ihr seid die ersten Unsterblichen?«, wiederholte Maya bedächtig.
»Ja, das sind wir; und dazu kommt, dass wir es wissen.« Benedetta lehnte sich zurück und steckte sich den Stift wieder ins Haar.
»Weshalb trefft ihr euch dann in einer schäbigen Künstlerkneipe und schmiedet politische Ränke?«
»Irgendwo müssen wir ja zusammenkommen«, entgegnete Benedetta lächelnd.
»Irgendeine Generation musste es treffen«, meinte eine der Frauen gereizt. »Und das Los fiel auf uns. Wir machen nicht viel her. Es hat auch niemand angenommen, dass wir großen Eindruck auf dich machen würden.«
»Dann haltet ihr euch also wirklich für unsterblich.« Maya betrachtete das Gekritzel auf dem Furoshiki. »Und wenn in euren Berechnungen ein Fehler steckt? Vielleicht fällt die Steigung der Kurve ja geringer aus.«
»Das wäre wirklich schlimm«, sagte Benedetta. Sie nahm den Stift wieder zur Hand und zeichnete die Kurve sorgfältig neu. »Siehst du? Sehr schlimm. Dann würden wir bloß neunhundert Jahre alt.«
Maya betrachtete die fatale Kurve. Für sie selbst stieg sie an. Für die anderen explodierte sie. »Aus der Kurve geht hervor, dass ich es niemals schaffen werde«, meinte sie traurig. »Die Kurve beweist, dass ich verdammt bin.«
Benedetta nickte, erfreut darüber, dass sie es begriffen hatte. »Ja, Schätzchen, das wissen wir. Aber wir machen dir wirklich keinen Vorwurf daraus.«
»Wir brauchen trotzdem den Palast«, sagte eine andere Frau.
»Wozu braucht ihr den Palast?«
»Wir wollen etwas darin installieren«, sagte Benedetta.
Maya runzelte die Stirn. »Gibt es im Palast nicht schon Ärger genug? Was wollt ihr installieren?«
»Erkenntnissachen. Wahrnehmungssachen. Softwarefabriken für das heilige Feuer.«
Maya ließ sich das durch den Kopf gehen. Das klang ihr alles weit hergeholt. »Was versprecht ihr euch davon?«
»Es soll uns in die Lage versetzen, uns zu verändern. Damit wir unsere eigenen Fehler machen, anstatt die Fehler anderer Leute zu wiederholen. Wir hoffen, dass wir dadurch zu Kunsthandwerkern werden, welche die Unsterblichkeit verdient haben.«
»Glaubt ihr wirklich, ihr könntet - ja, was eigentlich? - euren Wahrnehmungsapparat radikal verändern? Und das ausschließlich in der Virtualität?«
»Nicht mit den Virtualitätsprotokollen, die uns heute zur Verfügung stehen. So etwas lässt sich nicht bewerkstelligen, solange der Sozialdienst zuschaut, denn die öffentlichen Netzwerke sind auf Sicherheit und Zuverlässigkeit hin ausgelegt. Aber mit Protokollen, von denen bislang keiner träumt - damit schon. Genau das versprechen wir uns davon.«
Maya seufzte. »Damit wir uns richtig verstehen. Ihr wollt meinen Palast öffnen und darin irgendein brandneues, illegales, bewusstseinsveränderndes, gehirnschädigendes Virtualitätssystem installieren?«
»Der Ausdruck ›kognitive Verstärkung‹ trifft es besser«, sagte Benedetta.
»Das ist doch verrückt, Benedetta. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr das ernst meint. Das hört sich an wie ein Plan, den irgendein Junkie unter Drogen ausgeheckt hat.«
»Gerontokraten verwechseln stets die Kategorien«, meinte Benedetta wegwerfend. »Software ist etwas anderes als Neurochemie! Wir - die Angehörigen unserer Generation - sind mit der Virtualität vertraut! Wir sind damit aufgewachsen! Das ist eine Welt, die die alten Menschen von heute niemals verstehen werden.«
»Ihr scheint ja wirklich wild entschlossen zu sein«, sagte Maya, in die Runde blickend. »Wenn das stimmt, was ihr da sagt ... nun, dann habt ihr es geschafft. Oder nicht? Eines Tages werdet ihr die ganze Welt beherrschen. Mehr oder weniger jedenfalls. Weshalb macht ihr euch dann überhaupt Sorgen? Weshalb wartet ihr nicht einfach ab? Bis ihr das kleine schwarze Kreuz auf der Kurve erreicht habt.«
»Weil wir vorbereitet sein müssen, wenn wir das Kreuz erreichen. Der Unsterblichkeit würdig. Ansonsten würden wir einmal genauso ausgebrannt und dumm sein wie die derzeitige herrschende Klasse. Diese Leute sind bloße Sterbliche und besitzen die Freundlichkeit, irgendwann zu sterben, wir aber sind unsterblich und werden nicht sterben. Wenn wir uns bei der Machtübernahme an ihre Regeln halten, bringen wir der Welt den Tod. Wenn wir ihre Fehler einmal wiederholen, wird unsere Generation sie in alle Ewigkeit wiederholen. Ihr komfortables kleines Krankenschwesternparadies würde dann zur permanenten Tyrannei.«
»Ihr werdet es niemals schaffen«, sagte Maya mit schonungsloser Offenheit. »Es ist gefährlich. Das ist ein leichtsinniges, törichtes, extravagantes Unterfangen, das euch nur Schwierigkeiten einbringen wird. Man wird bestimmt dahinterkommen, was ihr dort macht, und man wird euch schnappen. Ihr könnt ein größeres Geheimnis nicht achtzig Jahre lang vor der Politas verbergen. Mal ehrlich, ihr seid doch bloß ein Haufen Kids. Ich bin selbst eine Gerontokratin, und ich konnte meine kostbaren Geheimnisse nicht einmal drei lausige Monate hüten!«
Eine andere Frau - bislang hatte sie zumeist geschwiegen - ergriff unvermittelt das Wort. Sehr diplomatisch. »Mrs. Ziemann, es tut uns wirklich Leid, dass wir Ihr Geheimnis lüften mussten. Wir wollten Ihr geheimes Leben nicht stören.«
»Es tut dir nicht halb so Leid, wie du behauptest, Schätzchen.«
Die Sprecherin nahm die Brille ab. »Wir werden es nicht weitererzählen. Wir haben herausgefunden, was Sie sind, Mrs. Ziemann, aber wir waren gezwungen, Nachforschungen anzustellen. Unsere Entdeckung hat uns nicht im mindesten schockiert. Ehrlich. Meint ihr nicht auch?«
Sie blickte die anderen an, die so taten, als seien sie nicht schockiert.
»Wir sind moderne junge Leute«, sagte die kleine Diplomatin. »Wir haben keine altmodischen Vorurteile. Wir bewundern Sie. Wir applaudieren Ihnen. Sie ermutigen uns durch Ihr persönliches Beispiel. Wir halten Sie für eine hervorragende posthumane Person.«
»Das ist wirklich reizend«, meinte Maya. »Ich bin regelrecht gerührt. Ich wäre noch stärker gerührt, wenn ich nicht wüsste, dass ihr mir zu schmeicheln versucht. Aus eigennützigen Motiven.«
»Bitte versuchen Sie, uns zu verstehen. Wir sind nicht leichtsinnig. Hier geht es vielmehr um Weitblick. Wir tun dies, weil wir an die Sache unserer Generation glauben. Wir sind bereit, die Folgen auf uns zu nehmen. Wir sind jung und unerfahren, das stimmt. Aber wir müssen handeln. Selbst auf die Gefahr hin, festgenommen und schwer bestraft zu werden. Selbst auf die Gefahr hin, auf den Mond verbannt zu werden.«
»Warum? Weshalb geht ihr dieses Risiko ein? Ihr habt eure Ziele nie öffentlich erklärt, ihr habt niemanden um Erlaubnis gebeten. Woher nehmt ihr das Recht, die Welt zu verändern?«
»Das Recht haben wir, weil wir Wissenschaftler sind.«
»Soviel ich weiß, habt ihr über diese Frage niemals abstimmen lassen. Dieser Vorschlag wurde nicht hinreichend diskutiert. Das ist undemokratisch. Ihr verfügt nicht über die Zustimmung der Betroffenen. Woher nehmt ihr das Recht, die Denkweise der Menschen zu verändern?«
»Das Recht haben wir, weil wir Künstler sind.«
Plötzlich ergriff eine andere Frau auf italienisch das Wort. »[Hört mal, ich kann dem blöden Englisch kaum folgen. Und politische Diskussionen auf englisch sind am schlimmsten. Jedenfalls ist diese Frau keine hundert Jahre alt. Das kann nicht stimmen.]«
»[Sie ist hundert Jahre alt]«, beharrte Benedetta ruhig, »[und außerdem besitzt sie das heilige Feuer.]«
»[Das glaube ich nicht. Ich wette, ihre Fotos stinken nach Tod, genau wie Novaks. Mag sein, sie ist hübsch, aber mein Gott, jeder Idiot kann hübsch aussehen.]«
»Macht es«, sagte Maya.
Benedettas Miene hellte sich auf. »Wirklich? Ist das dein Ernst?«
»Macht es! Natürlich meine ich’s ernst. Es ist mir egal, was aus mir wird. Falls es klappt - falls es auch nur so aussieht, als könnte es klappen - falls sie glauben sollten, dass es klappen könnte -, werden sie mich bei lebendigem Leib verbrennen.
Aber das macht nichts, denn irgendwann schnappen sie mich sowieso. Ich bin verdammt. Das weiß ich. Ich bin ein Freak. Wenn euch wirklich etwas an meinem kostbaren Leben liegen würde, dann wüsstet ihr das bereits. Also solltet ihr besser tun, was immer ihr tun müsst. Und zwar rasch.«
Sie stieß den Stuhl zurück und ging davon.
Zurück zu Pauls Tisch. Sie war aufgewühlt, doch sich in Pauls charismatischer Aura aufzuhalten, war viel besser, als allein zu sitzen. Paul nippte lächelnd an seiner limoncello. Er hatte einen neuen Furoshiki auf dem Tisch ausgebreitet, der ein pointillistisches Foto eines Sonnenuntergangs über der Wüste zeigte, das etwas von einem Gobelin hatte. »Ist der Sonnenuntergang nicht wunderschön?«
»Manchmal«, meinte jemand zurückhaltend.
»Ich habe euch noch gar nicht gesagt, dass ich die Farbskala verändert habe.« Paul tippte den Furoshiki mit dem Fingernagel an. Der Sonnenuntergang veränderte sich drastisch. »Das ist der wahre, originale Sonnenuntergang. Ist er schöner als die veränderte Version?«
Alle schwiegen.
»Angenommen, man könnte einen realen Sonnenuntergang manipulieren - nach eigenen Vorstellungen beeinflussen. Angenommen, man könnte das Rot beliebig hervorheben und das Gelb abschwächen. Könnte man einen Sonnenuntergang schöner erscheinen lassen?«
»Ja«, sagte ein Zuhörer. »Nein«, widersprach ein anderer.
»Denken wir mal an einen Sonnenuntergang auf dem Mars, aufgenommen von einer Telepräsenzsite. Ein Sonnenuntergang von einem anderen Planeten, den wir leibhaftig nicht erleben können. Sind die Marssonnenuntergänge wegen der zwischengeschalteten Geräte nun weniger schön?«
Gequältes Schweigen.
Am Kopf der Treppe erschien eine Frau, bekleidet mit einem schweren gestreiften Cape und grauen Samthandschuhen. Sie trug einen dreieckigen Hut, eine funkelnde Cyberbrille, eine weiße Bluse mit offenem Kragen und eine Halskette aus dunklen Holzperlen. Sie hatte ein klassisches Profil: gerade Nase, volle Lippen, breite Augenbrauen; die Haute-Couture-Schwester der Freiheitsstatue. Sie schritt die Stufen zur Bar mit der bühnenerfahrenen Präzision einer Primaballerina hinunter. Ihr Gang strahlte nicht nur Anmut aus, sondern auch streitbare Autorität. Sie hatte zwei kleine weiße Hunde dabei.
Im Tete du Noye breitete sich Stille aus.
»Bonsoir ä tout le monde«, sagte die Fremde am Fuß der Treppe und lächelte wie eine Sphinx.
Paul erhob sich rasch, deutete eine Verneigung an und winkte sie widerwillig näher. Als die anderen sahen, dass er wirklich mit ihr sprechen wollte, entfernte sich der kleine Kreis seiner Zuhörer hastig.
Paul bot seinem neuen Gast einen Stuhl an.
»Schön, Sie zu sehen, Helene. Was möchten Sie trinken?«
Die Polizistin setzte sich mit elegantem Schwung ihres Capes. »Ich nehme das gleiche wie der Herr im Raumanzug«, antwortete sie auf englisch. Sie machte die Hunde von den schmalen, funkelnden Leinen los - als ob solche Hunde überhaupt eine Leine bräuchten.
Paul machte Klaus eilig ein Zeichen. »Wir haben uns soeben über Ästhetik unterhalten.«
Helene Vauxcelles-Serusier nahm die Brille ab, klappte sie zusammen und ließ sie in einem Schlitz im Cape verschwinden. Maya machte große Augen. Helenes schiefergraue, erstaunlich schöne, äußerst kühl blickende Augen waren weit einschüchternder als jedes rechnergestützte Wahrnehmungsgerät. »Mit welch reizenden Dingen Sie sich beschäftigen, Paul.«
»Helene, finden Sie, dass ein künstlich veränderter Sonnenuntergang schöner ist als ein natürlicher?«
»Mein Lieber, natürliche Sonnenuntergänge gibt es seit der industriellen Revolution keine mehr.« Helene warf Maya einen Blick zu und durchbohrte sie mit dem Stachel ihrer Aufmerksamkeit wie eine Motte. »Sie brauchen doch nicht zu stehen, mein Kind. Setzen Sie sich zu uns. Sind wir uns schon mal begegnet?«
»Ciao, Helene. Ich bin Maya.«
»Aber ja! Viettis Mädchen. Ich wusste doch, dass ich Sie schon einmal gesehen habe. Sie sind wirklich hübsch.«
»Vielen Dank.« Maya nahm Platz. Helene musterte sie voller Interesse und Wohlwollen. Maya hatte das Gefühl, durchleuchtet zu werden.
»Sie sind ganz reizend, meine Liebe. In Natur wirken Sie überhaupt nicht so düster wie auf den Fotos dieses schrecklichen alten Mannes.«
»Der schreckliche alte Mann steht dort drüben an der Bar, Helene.«
»O je«, meinte Helene ungerührt. »Ich lerne es wohl nie. Also, das war nicht nett von mir. Ich will mich gleich bei Ihrem Freund Josef entschuldigen.«
»Du meine Güte, Paul«, sagte Maya langsam, während sie beobachtete, wie Helene davonschwebte. »So etwas habe ich noch nicht erlebt. Eine solche…«
Paul deutete die Geste des Halsabschneidens an und sah zu Boden. Maya verstummte und senkte den Blick. Einer von Helenes kleinen weißen Hunden sah mit der kalten wissenschaftlichen Intensität einer interplanetarischen Sonde zu ihr auf.
Bouboule tauchte auf. Nüchtern und besorgt. »Ciao, Maya.«
»Ciao, Bouboule.«
»Ein paar von den Mädels wollen mal frische Luft schnappen. Kommst du mit? Nur für einen Moment?«
»Sicher, Schätzchen.« Maya warf Paul einen bedeutungsvollen Blick zu, und Paul erwiderte ihn mit solch maskuliner Grabenkriegsgalanterie, dass sie am liebsten ein seidenes Banner an ihm befestigt hätte.
Sie folgte Bouboule durch eine nicht gekennzeichnete Tür an der Rückseite der Bar, dann ging es über vier Absätze eine steile Wendeltreppe mit schmiedeeisernem Geländer hinauf. Maya war noch nie so froh gewesen, einen Affen zu sehen.
Bouboule führte sie durch den mit allerlei Gerümpel vollgestopften Dachboden hindurch und dann eine schwarze Metallleiter hinauf. Sie drückte eine schwere Holzklappe auf, und sie gelangten auf das sanft geneigte Dach des Tete du Noye. Es war mittlerweile Frühling, die ständige Bewölkung des Prager Winters war endlich verscheucht worden. Der Himmel war voller junger Sterne.
Erst als Bouboule die Klappe mit dumpfem Poltern geschlossen hatte, sprach sie Maya an. »Ich glaube, jetzt können wir uns ungestört unterhalten.«
»Was macht die Polizistin hier?«
»Hin und wieder schaut sie vorbei«, antwortete Bouboule mürrisch. »Wir können nichts dagegen tun.«
Es war eine kalte, windstille Nacht. Der Krallenaffe beklagte sich schnatternd. »[Sei brav, Patapouff]«, schalt Bouboule ihn auf französisch aus. »[Heute Nacht musst du mich beschützen.]« Der Affe hatte sie anscheinend verstanden. Er rückte sein Hütchen zurecht und schaute so finster drein, wie dies einem hellbraunen Zwei-Kilo-Primaten möglich war.
Maya kletterte mit Bouboule das Dach hoch. Oben angelangt, setzten sie sich auf den unbequemen schmalen Dachfirst aus gewölbten grünlichen Ziegeln.
Die Klappe öffnete sich erneut. Benedetta und Niko kletterten heraus.
»Hat sie es heute auf uns abgesehen?«, fragte Benedetta besorgt.
Bouboule zuckte die Achseln und schniefte. »[Ich hab ihr nichts gesagt. Du und deine kleine Politikerinnen, ihr seid so verschwiegen, dass ich ihr selbst dann nichts hätte verraten können, wenn ich es gewollt hätte.]«
»Ciao, Niko«, sagte Maya. Sie reichte Niko die Hand und half ihr auf den Dachfirst hinauf.
»Wir sind uns noch nicht leibhaftig begegnet«, meinte Niko, »aber was du im Netz so sagst, ist sehr komisch.«
»Das freut mich.«
»Das blaue Auge, das ich deiner kleinen Freundin Klaudia zu verdanken habe, heilt allmählich, deshalb hab ich mich entschlossen, dich trotzdem zu mögen.«
»Das ist wirklich nett von dir, Niko. In Anbetracht der Umstände.«
»Es ist so kalt«, klagte Bouboule und schlang die Arme um die Brust. »Es ist dämlich, dass uns die Witwe so unter Druck setzen kann. Für zwei Mark laufe ich runter und ohrfeige sie.«
»Weshalb wird sie die Witwe genannt?«, fragte Maya. Sie hockten wie vier lebendige Elstern auf dem Dachfirst. Die Frage war den Umständen angemessen.
»Also«, sagte Bouboule, »die meisten Frauen verzichten im fortgeschrittenen Alter auf Sex. Nicht aber die Witwe. Sie heiratet immer wieder.«
»Sie heiratet stets den gleichen Typ Mann«, meinte Benedetta. »Künstler. Ausgesprochen selbstzerstörerische Künstler.«
»Sie heiratet Männer, die mit vierzig tot sind«, erklärte Niko. »Jedes Mal.«
»Sie versucht die armen, begabten Kerle vor sich selbst zu schützen«, sagte Benedetta.
»Und, hatte sie schon mal Glück?«, fragte Maya.
»Bislang sechs Tote«, antwortete Bouboule.
»Das muss weh tun«, meinte Maya.
»Das mag sein«, sagte Benedetta. »Sie heiratet sie erst im fortgeschrittenen Stadium. Und ich glaube, sie sorgt dafür, dass sie ein wenig länger durchhalten.«
»Wer bei ihr im Bett liegt, traut sich nicht zu sterben«, säuselte Niko.
Bouboule nickte. »Wenn sie die Arbeiten später verkauft, erzielt sie immer Spitzenpreise! Sie erwirbt sich einen Ruf in der Kunstwelt! Ein wirklich hübscher Trick! Ich weiß Bescheid!«
»Ich verstehe«, sagte Maya. »Dann versetzt sie ihnen also den Gnadenstoß. Aus reiner Barmherzigkeit.«
Benedetta nieste, dann schwenkte sie die Hand. »Du fragst dich bestimmt, weshalb ich dich heute hergebeten habe.«
»Sag es uns«, drängte Maya und stützte das Kinn auf die Hand.
»Schätzchen, wir wollen dich heute in unsere Reihen aufnehmen.«
»Wirklich?«
»Zuvor aber müssen wir dich einer kleinen Prüfung unterziehen.«
»Eine kleine Prüfung. Aber sicher.«
Benedetta deutete das Dach entlang. Der Dachfirst erstreckte sich über die ganze Länge der Kneipe. Am anderen Ende ragte ein breiter Metallpfosten auf, an dem eine flache Antenne befestigt war. Klaus’ Satellitenschüssel. Der Abstand betrug etwa zwanzig Meter.
»Und?«, meinte Maya.
Benedetta pflückte sich den Stift aus dem Haar. Sie drückte auf einen winzigen Knopf, dann beugte sie sich vorsichtig vor und berührte mit dem Stift einen der Keramikziegel. Funken stoben. Schwärze fraß sich in den Dachziegel vor.
»Unterschreib auf der Mitgliederliste«, sagte Benedetta. Sie reichte den Stift Maya.
»Eine tolle Idee. Wo soll ich unterschreiben?«
»Auf dem Pfosten.« Benedetta deutete zur Satellitenschüssel.
»Du musst hingehen«, sagte Niko.
»Ihr wollt, dass ich auf dem Dachfirst bis zu dem Pfosten gehe.«
»Ein kluges Kind«, meinte Bouboule zu Niko. Niko nickte selbstgefällig.
»Dann soll ich also im Dunkeln zwanzig Meter über einen schlüpfrigen Dachfirst balancieren, zu dessen beiden Seiten es vier Stockwerke in die Tiefe geht«, sagte Maya. »Das verlangt ihr von mir. Richtig?«
»Erinnerst du dich noch an deine lebendige Freundin aus Rom?«, fragte Bouboule leise. »An die kleine Natalie?«
»Natalie. Klar. Was ist mit ihr?«
»Du hast mich gebeten, mich ein wenig um sie zu kümmern.«
»Ja, das hab ich.«
»Ich hab’s getan«, sagte Benedetta. »Jetzt kenne ich Natalie. Sie würde die Prüfung niemals bestehen. Weißt du, warum? Weil ihr klar würde, dass sie es niemals schaffen kann, und sie in der Mitte stehenbliebe. Dann würde sie sterben vor Angst. Angesichts der Dunkelheit und der Tiefe würde ihr kleines Herz aus dem Takt geraten, und sie würde ausrutschen. Einfach so. Sie würde vom Dach stürzen, Schätzchen. Bäng, bäng, bäng, über die Dachziegel. Und dann der Aufprall auf dem kalten Straßenpflaster. Wenn sie Glück hätte, würde sie mit dem Kopf aufschlagen.«
»Aber da du eine von uns bist«, meinte Bouboule, »besteht keine Gefahr.«
»Es sieht bloß gefährlich aus«, warf Niko fröhlich ein.
»Lägen die Ziegel auf dem Marktplatz in der Altstadt auf dem Boden, könnte jeder Idiot darüber hinweg balancieren«, sagte Benedetta. »Niemand würde ausrutschen oder stürzen. Die Dachziegel sind nicht gefährlich. Die Gefahr liegt in deinem Innern. In deinem Kopf, in deinem Herzen. Du selbst bist die Gefahr. Wenn du deine Angst beherrschen kannst, dann unterschreibst du auf dem Pfosten und kommst zu uns zurück. Du bist auf dem Dach so sicher wie in deinem Bett; nein, Schätzchen, du bist sicherer, denn dort unten laufen Männer herum. Hier aber wandelst du unter den Sternen - entweder du hast es, oder du hast es nicht.«
»Los, unterschreib für uns«, sagte Bouboule.
»Und dann komm zu uns zurück und sei unsere Schwester«, meinte Niko.
Maya schaute sie an. Sie meinten es vollkommen ernst. So war ihr Leben.
»Also, mit Absätzen geht das nicht«, sagte sie. Sie zog die Schuhe aus und richtete sich auf. Zum Glück hatte Novak sie ein wenig Gehen gelehrt. Sie fixierte die schimmernde Schüssel und wandelte über den Dachfirst. Nichts konnte sie aufhalten. Optimismus und Zuversicht. Dann schrieb sie:
MIA ZIEMANN WAS HERE
Inmitten stiebender Funken. Ihr Name machte sich gut unter all den anderen Namen. Sie fügte auch noch eine kleine Zeichnung hinzu.
Der Rückweg war schwieriger, weil ihre Füße so durchfroren waren. Die Berührung mit den Dachziegeln tat weh, und sie tastete sich langsamer voran und hatte daher mehr Zeit zum Nachdenken. Sie würde nicht hinunterfallen, doch wie ein kalter schwarzer Blitz traf sie der Gedanke, dass sie sich vorsätzlich vom Dach stürzen könnte. Wenn sie Mia Ziemann war, als die sie sich soeben ausgegeben hatte, dann gab es einen Bereich ihrer Persönlichkeit, mit dem sie noch keinen Frieden geschlossen hatte. Und zwar war dies der zutiefst menschliche Bereich von Mia Ziemanns Psyche, der des Lebens wahrhaft überdrüssig war und sich nach dem Tod sehnte.
Mittlerweile aber war sie viel stärker geworden.
»Wir hatten gehofft, du würdest uns eine Kusshand zuwerfen«, sagte Benedetta und rutschte ein Stück beiseite, um Maya Platz zu machen.
»Das behalte ich mir für Gerontokraten vor«, sagte Maya. Sie gab Benedetta den Stift zurück.
Die Klappe wurde angehoben. Einer von Helenes Hunden zwängte sich durch den Schlitz. Ein kleiner weißer Hund, der auf einem schrägen Dach nichts zu suchen hatte, sich aber gleichwohl mit vollkommen unhündischer Gewandtheit bewegte. Er kroch wie ein Gecko, wie ein Salamander. Als er sie entdeckte, wäre er vor Überraschung beinahe ausgerutscht. Er winselte.
»Voici un raton!«, rief Bouboule. »Patapouff, defendsmoi!«
Ein kreischender Blitz aus goldbraunem Fell. Primaten waren smarter als Hunde. Primaten konnten gut klettern. Der Hund jaulte auf und stürzte winselnd über die Dachkante.
»Ach, mein armer Kleiner«, sagte Bouboule, den zitternden Krallenaffen an sich drückend, »du hast deinen hübschen Hut verloren.«
»Nein, ich sehe ihn«, sagte Niko. »Er liegt in der Dachrinne.« Sie kletterte hinunter und brachte das Hütchen dem Affen.
Eine Weile schwiegen alle und wogen die Konsequenzen ab.
»Wir sollten besser nicht mehr nach unten gehen. Kennt ihr noch einen anderen Ausgang?«, wandte Maya sich an Benedetta.
»Andere Ausgänge sind meine Spezialität«, sagte Benedetta.
Sie nahmen die U-Bahn und trennten sich. Das schien ihnen das Klügste. Maya nahm Benedetta mit zu sich nach Hause. Sie hatten eine Menge miteinander zu bereden. Um zwei Uhr morgens verspeisten sie in der weißen Fellwohnung der Schauspielerin Cocktailhappen. Dann rief Novak über das Netzgerät der Schauspielerin an. Der Bildschirm blieb leer. Novak konnte Videoübertragungen nicht ausstehen.
»Ihr solltet euch nicht noch einmal im Tete treffen«, meinte er düster.
»Nein?«
»Sie hat um ihr Hündchen geweint. Klaus kann das nicht ausstehen. Das war grausam und dumm.«
»Tut mir Leid, dass es zu dem Unfall gekommen ist, Josef. Es ist einfach so passiert.«
»Du bist ein schlimmes, destruktives Mädchen.«
»Ich hab das nicht gewollt. Ehrlich.«
»Helene versteht dich viel, viel besser, als du jemals Helene verstehen wirst. Sie meint es wirklich nur gut, aber wie sehr sie leidet! Sie gesteht sich einfach kein Glück zu.« Novak seufzte. »Helene war heute Abend grob zu mir. Kannst du dir das vorstellen, Mädchen? Es ist tragisch, mitzuerleben, wie eine Dame sich vergisst. Und noch dazu in der Öffentlichkeit! Das bedeutet, sie hat Angst, weißt du.«
»Tut mir Leid, dass sie grob war.«
»Du hättest sie in ihrer Jugend kennen sollen, Maya. Eine große Förderin der Künste. Eine Frau mit Geschmack und scharfem Urteil. Sie wollte uns lediglich helfen. Aber die Parasiten haben sie umdrängt und sie ausgenutzt. Sich jahrzehntelang von ihr genährt. Ohne ihr jemals etwas zu verzeihen. Das hat sie bitter werden lassen. Sie setzt sich für dich ein, das solltest du wissen. Sie schützt dich vor sehr viel schlimmeren Dingen als Helene Vauxcelles-Serusier. Sie beschützt die jungen Künstler. Helene glaubt noch immer an die Kunst.«
»Josef«, sagte Maya, »rufen Sie von zu Hause an?«
»Ja.«
»Könnte es sein, dass Sie abgehört werden?«
»Zuzutrauen wäre es Helene«, antwortete Novak. Plötzlich klang seine Stimme gepresst. »Das heißt aber nicht, dass sie sich die Mühe machen würde.«
»Tut mir Leid, dass der Abend in einem solchen Debakel geendet hat. Hassen Sie mich jetzt, Josef? Bitte hassen Sie mich nicht. Ich fürchte nämlich, das Schlimmste kommt erst noch.«
»Meine Liebe, ich hasse dich nicht. Ich muss dir leider sagen, dass ich dich gar nicht hassen könnte, ganz gleich, was du anstellst. Ich bin steinalt. Außer meiner Ironie und meinem Stolz und einer nebelhaften Milde ist mir nicht mehr viel geblieben. Ich fürchte, du könntest auf die schiefe Bahn geraten. Doch ich bringe es nicht über mich, dich zu verurteilen oder dich zu hassen. Du wirst immer mein kleines Lieblingsmonster sein.«
Da Maya nicht wusste, was sie darauf erwidern sollte, legte sie auf.
»Damit hat er mich wirklich verletzt«, sagte sie zu Benedetta und brach in Tränen aus.
»Du solltest den alten Narren verlassen«, meinte Benedetta und steckte sich noch einen Happen in den Mund. »Du solltest mit mir nach Bologna kommen. Noch heute Nacht. Wir kriegen bestimmt noch einen Zug. Bologna ist die schönste Stadt Europas. Dort gibt es Kolonnaden, Kommunarden und Miniluftschiffe. Du solltest dir unbedingt mal die Arkaden ansehen, die sind wunderschön. Außerdem schmieden wir in Bologna wundervolle Pläne. Komm mit uns zum Instituto di Estetica. Du kannst uns bei der Arbeit zuschauen.«
»Darf ich euch dabei fotografieren?«
»Tja ...«
»Ich fotografiere so schlecht«, klagte Maya. »Josef Novak macht keine schlechten Fotos. Manchmal sind sie toll. Manchmal sind sie bloß merkwürdig, aber daneben geht bei ihm keins. Niemals, er macht einfach keine Fehler. Und bei mir klappt es einfach nicht. Nicht, dass meine Technik schlecht wäre. Die Technik lässt sich erlernen, aber ich kann immer noch nicht sehen.«
Benedetta nippte an ihrem Aufguss.
»Es fehlt mir an der Persönlichkeit, die sehen könnte, Benedetta. Ich kann schön sein, weil es ohne Eigentümlichkeiten der Proportionen mit der Schönheit nicht weit her ist, und ich bin durch und durch eigentümlich. Aber schön sein allein hilft mir nicht weiter. Ich bin nicht eins mit mir. Ich bestehe aus Fragmenten, und allmählich glaube ich, dass ich immer fragmentarisch bleiben werde. In meinem Innern bin ich ein zerbrochener Spiegel, und deshalb sind meine künstlerischen Arbeiten auch stets entstellt. Die Kunst ist beschwerlich, und das Leben ist nicht mehr kurz.« Maya schlug die Hände vors Gesicht.
»Du bist eine gute Freundin, Maya. Ich habe nicht viele wahre Freunde, aber du bist eine richtige Freundin. Das Alter ist längst nicht so wichtig, wie du glauben magst. Die Bedeutung des Alters liegt auf anderem Gebiet. Bitte sei nicht traurig.«
Benedetta wühlte in ihren Jackentaschen. »Ich habe dir ein Geschenk aus Bologna mitgebracht. Zur Feier des Tages. Weil wir jetzt richtige Schwestern sind.«
Maya sah auf. »Ach, ja?«
Benedetta holte eine Muschel mit Saugfuß aus der Tasche.
Maya machte große Augen. »Ich glaube, da sollte ich besser die Finger von lassen.«
»Weißt du, was eine Zerebraldekantierung ist?«
»Leider ja.«
»Das ist für dich, Maya. Darf ich es dir auf den Kopf setzen?«
»Benedetta, ich glaube, das sollte ich nicht tun. Du weißt, dass ich nicht mehr jung bin. Das könnte schwerwiegende Folgen haben.«
»Natürlich hat es Folgen. Ich habe ein Jahr gebraucht, um mich von der Dekantierung zu erholen. Ich hatte ständig Schmerzen. Immer wenn sich bei mir ein bestimmtes Gefühl einstellte - wenn ich ganz bei mir war ... habe ich mir dieses Ding auf den Kopf gesetzt. Es hat mich ausgesaugt und gespeichert. Ich wollte es für den Fall aufbewahren, dass ich mich verliere. Jetzt aber möchte ich es dir schenken. Ich möchte, dass du weißt, wer ich bin.«
Maya seufzte. »Leben bedeutet Risiko.« Sie nahm die Perücke ab.
Die Muschel bohrte sich durch ihren Hinterkopf. Es tat ziemlich weh, und das war gut so, denn ansonsten wäre es zu einfach gewesen. Flüssigkeiten diffundierten, und Maya wurde ganz ruhig und empfand eine unnatürliche Klarheit.
Sie spürte die geistige Anwesenheit einer anderen Frau. Nicht deren Gedanken. Ihr Leben. Das süße Geheimnis menschlicher Identität. Einsamkeit und ein wenig Bitterkeit und ein helles Plateau jugendlicher Selbstsicherheit. Den unheimlichen Glanz einer anderen Seele.
Sie schloss die Augen. Sie fühlte eine tiefe posthumane Verzückung. Die Erkenntnis stahl sich in ihr Bewusstsein wie das schwarze Licht einer anderen Welt. Und dann verleibten sich die grauen Zellen allmählich die andere Persönlichkeit ein. Saugten sie gierig in zahllose kleine Höhlungen.
Als sie wieder zu sich kam, saß die Muschel nicht mehr auf ihrem Kopf. Sie lag flach auf dem Boden, und Benedetta wischte ihr behutsam das Gesicht mit einem feuchten Handtuch ab. »Kannst du sprechen?«, fragte Benedetta.
Maya bewegte Lippen und Zunge, »ja, ich glaub schon.«
»Weißt du, wer du bist?«, fragte Benedetta besorgt. »Sag es mir.«
»Das war etwas wahrhaft Heiliges«, sagte Maya. »Das war göttlich. Du musst das an einem besonderen Ort verstecken. Damit niemand es berührt oder besudelt. Es wäre furchtbar und entsetzlich, wenn jemals jemand daran rühren sollte.«
Benedetta umarmte sie. »Tut mir Leid, Schätzchen. Ich weiß Bescheid. Ich weiß, wie es funktioniert. Ich weiß sogar, wie ich es an dich weitergeben kann. Aber wie ich mich vor dem, was ich bin und was ich weiß, verstecken sollte, das weiß ich nicht.«
Drei Wochen verstrichen. Es war Frühling, und Prag stand in voller Blüte. Maya arbeitete noch immer mit Novak zusammen, doch irgendetwas hatte sich verändert. Er behandelte sie jetzt eher wie eine Assistentin denn als magische Waise oder gestrandete Elfe. Milena spürte, dass Ärger in der Luft lag. Milena konnte die Polizei nicht ausstehen, aber noch mehr zuwider als die Polizei war ihr die Störung des häuslichen Einerleis, die Maya bewirkt hatte.
Maya fuhr mit dem Zug nach Mailand und machte eine langweilige Fotosession mit einigen von Viettis langweiligen Angestellten. Da es ein Arbeitstermin war, sah sie kaum etwas von der Stadt und so gut wie nichts vom Emporio Vietti. Vietti selbst machte sich nicht die Mühe, ihr seine Firma zu zeigen; der große Mann hielt sich in Gstaad auf und beschäftigte sich mit seinen Krabben.
Die Ergebnisse der Session waren perfekt, raffiniert aufgemacht und grässlich, denn mit Josef Novak hatte das nichts zu tun. Maya lernte eine Menge dabei, das meiste aber gefiel ihr nicht. Gleichwohl hielt sie es für ratsam, diese Arbeit zu tun. Die Leute hatten viel zu viel Aufhebens um Novaks Fotos gemacht. Das Netz wimmelte davon, doch sie waren zu schön und viel zu wahr. Sie hatte den Eindruck, dass die Menschen glücklicher wären, wenn sie unter Beweis stellte, dass sie langweilig sein konnte. Noch ein dummes Model, noch eine Modeaufnahme. Außerdem gab es gutes Geld dafür.
Sie überredete Benedetta, nach Mailand zu kommen und sich um ihr Geld zu kümmern. Benedetta verwaltete ihr Geld nicht selbst, sondern kannte Leute, die Leute kannten, welche wiederum andere Leute kannten, die mit Geld umgehen konnten. Benedetta schenkte ihr einen wunderschönen und sehr nützlichen Mailänder Designerfuroshiki und einen großen indonesischen Netzserver, der ebenfalls wunderschön und nützlich war. Maya fuhr zurück nach Prag und begab sich zur Wohnung der Schauspielerin, den Furoshiki um den Kopf geschlungen und den Server in einem bruchsicheren Koffer in der Hand.
Die Installationsanweisungen des indonesischen Servers waren in äußerst dürftigem Englisch verfasst. Maya bootete den Server, scheiterte damit, löschte alles, bootete erneut und scheiterte wiederum. Dann fütterte sie die Katzen der Schauspielerin. Anschließend löste sie sämtliche Kabelverbindungen, bootete den Server erneut, was zu einem noch schlimmeren Absturz führte, und machte sich einen Frappe, um sich zu beruhigen. Sie bootete noch einmal, bekam den Rechner teilweise zum Laufen, untersuchte den Kristallprozessor auf interne Konflikte und eliminierte drei hässliche Fehler. Das System stürzte wieder ab. Sie startete den Diagnosetest, löschte eine Reihe wackeliger Speicher, nahm den Hauptprozessor heraus und ließ ihn fallen. Daraufhin funktionierte er. Sie installierte eine Netzwerkidentität. Schließlich schloss sie den Server ans Netz an.
Sogleich klingelte der Server. Es war ein Voice Call von Therese.
»Woher wusstest du, dass ich online bin?«, fragte Maya.
»Ich habe so meine Methoden«, antwortete Therese. »Stimmt es wirklich, dass man dich aus dem Tete hinausgeworfen hat, weil du einen Polizeihund getötet hast?«
»Das hat sich ja schnell rumgesprochen. Nein, das war ich nicht, das war jemand anders, ehrlich.«
»Wenn sich die Neuigkeiten heutzutage unterhalb der Lichtgeschwindigkeit ausbreiten, dann nur deshalb, weil wir nicht aufmerksam genug sind«, meinte Therese. »Ich passe sehr gut auf. Weil ich dich um einen großen Gefallen bitten möchte.«
»Um den Gefallen, Therese?«
»Ja, um den Gefallen, Maya, falls du diskret bist.«
»Therese, ich habe im Moment so viele eigene Schwierigkeiten, dass ein Problem mehr oder weniger nicht ins Gewicht fällt. Worum geht es denn?«
»Ich brauche ein Zimmer in Prag«, sagte Therese düster. »Und zwar ein hübsches Zimmer mit einem sehr bequemen Bett. Kein Hotel, da wird man registriert. Und ich brauche einen Wagen. Es muss kein schöner Wagen sein, aber sehr diskret. Kein Leihwagen, da wird man registriert. Ich brauche das Zimmer für eine Nacht und den Wagen für zwei Tage. Anschließend sollte mir niemand Fragen stellen.«
»Keine Fragen und keine Registrierung. Ist gut. Wann brauchst du das alles?«
»Am Dienstag.«
»Ich rufe dich zurück.«
Die Wohnung der Schauspielerin kam nicht infrage. Novak? Das konnte sie nicht machen. Paul? Vielleicht, aber ... lieber doch nicht. Klaus? Seit sie regelmäßg im Tete verkehrte, hatte sie herausgefunden, dass Klaus ein sehr interessanter Mensch war. Klaus hatte viele Bekannte auf allen Ebenen der Prager Gesellschaft. Klaus war ein wahrer Doyen. Klaus war überall in Prag bekannt und respektiert, schien aber niemandem gegenüber Verpflichtungen zu haben; Klaus gehörte niemandem. Klaus mochte sie sogar, aber ...
Emil! Das war’s!
Sie erfüllte Thereses Wünsche, so gut sie konnte. Gegen zwei Uhr in der Nacht zum Dienstag bekam sie einen Dringlichkeitsanruf von Therese. »Bist du schon auf?«
»Jetzt ja, meine Liebe.«
»Kannst du herkommen? Ich sitze im Cafe Chyba im siebenundvierzigsten Stock dieser übergroßen Kaninchenhöhle, die du mir besorgt hast.«
»Ist alles in Ordnung, Therese?«
»Nein, das kann man nicht sagen«, erwiderte Therese kleinlaut. »Du musst herkommen und etwas mit mir trinken.«
Maya kleidete sich eilig an und fuhr zum Cafe. Für den Weg brauchte sie vierzig Minuten. Als sie im Cafe Chyba eintraf, hielt sich niemand darin auf. Es handelte sich um eine makellos saubere und völlig leblose, vollautomatisierte kleine Bar, genau der richtige Aufenthaltsort, wenn man in einem achtzigstöckigen modernen tschechischen Hochhaus um drei Uhr morgens eine emotionale Krise bekam. Dem Mangel an Besuchern nach zu schließen waren emotionale Krisen in dem Hochhaus ziemlich selten. Emils Eltern wohnten hier, weilten derzeit praktischerweise aber für einen Monat in Finnland. Das hieß, in Suomen Tasavalta, wie man jetzt dazu sagte.
Maya bestellte von einem abstoßend aufgeweckten kleinen Roboter ein Mineralka. Sie nippte daran und wartete.
Therese tauchte gegen halb vier auf. Sie setzte sich auf den Rand eines Barhockers und rang sich ein Lächeln ab. Sie hatte geweint.
»Maya«, sagte sie und ergriff ihre Hand. »Du bist ja so erwachsen geworden.«
»Die Perücke lässt mich reifer aussehen«, log Maya fröhlich.
»Du bist so schick! Du bist so ... Na ja, um ein Haar hätte ich dich nicht mehr wiedererkannt. Kann ich dir noch vertrauen?«
»Weshalb erzählst du mir nicht einfach von deinen Schwierigkeiten, Therese? Alles andere klären wir dann später.«
»Er hat mich geschlagen.«
»Tatsächlich? Lass uns zu ihm gehen und ihn umbringen.«
»Er ist schon dabei«, sagte Therese und brach in Tränen aus.
Thereses Freund hatte sie bis jetzt noch nie geschlagen, aber da er kurz vor dem Selbstmord stand, war er offenbar geneigt, ihre Beziehung zu verschärfen. Er hatte sie mit einem Ledergürtel auf Rücken und Po geschlagen. Thereses Freund war ein korsischer Gangster.
Thereses Freund war kein netter Gangster. Er hatte nichts Nettes an sich. Er war ein Karrierekrimineller, ein consiglione der Schwarzen Hand; Schutzgelderpresser, Zuhälter, Tinktursüchtige. Geldwäscher in großem Maßstab. Beziehungsmakler. Leute, die Richter bestochen und Polizisten zu Falschaussagen bewegten. Mörder. Männer, welche die Füße ihrer Opfer in Zementeimer steckten. Er war sechzig Jahre alt und nannte sich Bruno, wenn er nicht gerade einen anderen Namen benutzte.
»Wie hast du den Typ kennengelernt?«
»Was meinst du wohl? Ich betreibe einen Graumarktladen in der Modebranche. Da habe ich auch mit Gaunern zu tun. Mafiosi kleiden sich sehr elegant, und manchmal stehlen sie Klamotten und verkaufen sie anschließend. Die Modebranche ist sehr alt. Verstehst du? Sie ist sehr alt und hat ein paar Gespenster im Schrank versteckt. Ich bin eine Kleinkriminelle. Mafiosi sind Großkriminelle. Manchmal fälschen sie Modeartikel, manchmal treiben sie Schutzgelder ein. Sowas kommt vor. Es passiert einfach.« Therese zuckte die Achseln.
Maya trommelte mit den Fingern in langsamem Rhythmus auf die Theke.
»Die Wohnung, die du uns besorgt hast, gefällt ihm«, meinte Therese. »Es ist lustig, die letzte gemeinsame Nacht in der Wohnung einer Bourgeoise zu verbringen.«
»Ich kann’s einfach nicht glauben.«
»Bruno ist ein richtiger Mann«, erklärte Therese. »Ich mag richtige Männer. Ich mag es, wenn sie nicht viel Getue machen. Ich mag es, wenn Männer ...« Sie überlegte kurz. »Wenn sie sich richtig gehenlassen.«
»Das ist ein ungesundes Hobby, Schätzchen.«
»Leben bedeutet Risiko. Ich mag es, wenn sie richtige Männer sind. Wenn es ihnen allein darum geht, ein Mann zu sein. Das ist aufregend. Das ist das wahre Leben. Ich hätte nie gedacht, dass er mich mal schlagen würde. Aber heute Nacht hab ich alles gemacht, was er wollte. Und dann wollte er mich schlagen. Es ist seine letzte Nacht auf Erden. Ich hätte nicht so viel weinen sollen. Ich hätte dich nicht anrufen sollen. Ich bin ein großes Kind.«
»Therese, das ist wirklich krank.«
»Nein, ist es nicht«, erwiderte Therese verletzt. »Es ist bloß altmodisch.«
»Wie konntest du dir sicher sein, dass er dich nicht ermorden würde?«
»Er ist ein Ehrenmann«, sagte Therese. »Jedenfalls erweise ich ihm morgen einen großen Gefallen.«
Bruno war todkrank. Therese vermutete, dass es sich um Leberkrebs handelte. Sicher war sie sich nicht, denn Bruno hatte sich seit fast vierzig Jahren nicht mehr in die Nähe eines Diagnosegeräts begeben. Zunächst hatte ihn sein Strafregister ereilt und ihm den Zugang zu lebensverlängernden Maßnahmen verwehrt. Dann hatte er sich auf dem medizinischen Schwarzmarkt allerlei äußerst interessanten und in höchstem Maße illegalen Behandlungen unterzogen. Der zusätzliche Hoden war noch das mindeste.
Bruno war entschlossen, außerhalb der Reichweite der Politas zu sterben. Sollten die Behörden seinen Leichnam in einem der nekropolitanen Emulgatoren zersetzen, würden von Dublin bis Wladiwostok die Alarmglocken läuten. Die Schwarze Hand stand in der uralten Tradition der omertä, des Schweigens bis in den Tod. Heutzutage reichte die Verschwiegenheit bis über den Tod hinaus.
Brunos und Thereses Romanze war ganz simpel abgelaufen. Therese hatte ihn mit zwanzig in Marseille kennengelernt. Bruno war stets gut gekleidet, er besaß eine geheimnisvolle Aura und wirkte sehr gefährlich. Therese fand diese Kombination unwiderstehlich. Bruno gefiel sie, weil sie jung und niedlich war, weil sie keine Belastung für ihn darstellte, zu allem bereit und dankbar für seine Gefälligkeiten war. Hin und wieder machte er ihr ein Geschenk: Schuhe, Kleider, Reizwäsche, ein Kurzurlaub an der Cote d’Azur. Er machte sie mit einer ausgesprochen lebendigen Seite des Lebens bekannt.
Als sie sich dem Kleiderhandel zuwandte, erwies Bruno sich als besonders nützlich. Hin und wieder hatte sie Schwierigkeiten mit den Kunden und Lieferanten. Wenn ihm danach war, kam Bruno auf einen Sprung vorbei und redete mit den Betreffenden mal ein ernstes Wörtchen. Die Wirkung war stets nachhaltig.
Bisweilen behandelte Bruno sie grob. Bei einem Mann, der fähig war, die Füße seiner Feinde in Zement einzugießen, war dies nicht erstaunlich. Nicht, dass Bruno Therese zuliebe tatsächlich jemanden ermordet hätte. Andernfalls hätte er es ihr gesagt. »Er prügelt sich nicht zum Vergnügen«, erklärte Therese. »Er prügelt sich, um seinen Willen durchzusetzen. Er ist der Mann, der Boss, er hat das Sagen. Manchmal zwingt er jemanden, ihm zu gehorchen. So ist er halt.«
»Das klingt wirklich schlimm«, sagte Maya.
Therese ruckte gereizt mit dem Kopf. »Glaubst du etwa, jeder Kriminelle in Europa wäre wie dein Jimmy, der Taschendieb, diese Niete? Bruno ist ein Soldat! Er ist ein Boss.«
»Wie ist es Jimmy ergangen?«, fragte Maya. »Ich habe lange nichts mehr von ihm gehört.«
»Ach, er wurde geschnappt«, antwortete Therese. »Jimmy war ein Dummkopf. Er wurde eingesperrt. Man hat ihn einer Gehirnwäsche unterzogen.«
»O je«, meinte Maya. »Armer Ulrich. Hat sich sein Verhalten dadurch geändert?«
»Radikal«, sagte Therese düster. »Früher hat er Touristinnen die Handtaschen geklaut. Jetzt tut er nützliche Dinge rein und gibt sie den Frauen zurück, wenn sie gerade nicht hinsehen.«
»Zumindest hat man ihm seine anarchistischen Überzeugungen gelassen.«
»Ach, die Politas macht so viel Aufhebens um die Verhaltensmodifikation«, meinte Therese. »Kaum dass sie sich einen fiesen Kerl wie Jimmy schnappen, den man eigentlich von einer Brücke stoßen sollte, drücken all die Liberalen im Netz auf die Tränendrüse. Wirklich, die Bourgeois sind verrückt.«
»Was hast du nun mit Bruno vor?«
»Wir fahren morgen in den Schwarzwald. Dann bringt er sich um. Ich begrabe ihn an einem geheimen Ort. So lautet unsere Abmachung. Das ist unser Geheimnis.«
»Junge Dame, man sollte Liebhaber erst dann begraben, wenn sie sehr, sehr alt sind.«
»Ich war schon immer der Zeit voraus, deshalb gerate ich ja auch ständig in Schwierigkeiten.« Therese seufzte. »Würdest du morgen mitkommen? Bitte?«
»Also, das kannst du nicht von mir verlangen. Wenn du glaubst, ich käme mit einem kranken, verzweifelten Mann zurecht, der zum Selbstmord entschlossen ist, also ...« Sie zögerte. »Na ja, wahrscheinlich bin ich besser dazu geeignet als sonst irgendjemand, den du kennst.«
»Du bist ja so lieb zu mir, Maya. Ich hab gewusst, dass du mir helfen würdest. In dem Moment, als ich dich zum erstenmal sah, wusste ich, dass du etwas ganz Besonderes bist.« Therese erhob sich. Sie wirkte erleichtert. »Ich muss jetzt zurück zu Bruno und mit ihm bumsen. Ich habe versprochen, die ganze Nacht bei ihm zu bleiben.«
»Und ein Versprechen hält man auch.«
Therese blickte sich in der menschenleeren Bar um. »Es ist so spät, und es sieht hier so seltsam und einsam aus ... Magst du nicht mitkommen und mitmachen?«
»Ausmachen würde es mir gewiss nichts«, erwiderte Maya, »aber ich wüsste nicht, was das bringen sollte.«
Sie lernte Bruno morgens um zehn kennen. Brunos unheimliche Ähnlichkeit mit einem Schauspieleridol des zwanzigsten Jahrhunderts war frappierend. Die Ähnlichkeit rührte vor allem von seiner schlechten Gesundheit und seinem schlechten Makeup her. Bruno hatte einen breiten, steinharten Kopf mit welligem Haar und fettigen Poren, die auf eine intensive Behandlung mit männlichen Steroiden hindeuteten. Er trug einen lackierten Strohhut und einen dunklen Anzug mit schmalen Revers, eine scharf gebügelte maßgeschneiderte Hose und ein Hemd ohne Netzgerät.
Bruno krakeelte und drohte nicht. Er trat etwas großspurig auf, doch ihm fehlten die geschmeidigen Muskelpakete der wahren Muskelprotze. Bruno flößte deshalb Angst ein, weil er durchaus fähig schien, Menschen zu töten, und zwar ohne Zögern und ohne darauf folgende Gewissensbisse. Bruno machte einen wahrhaft barbarischen Eindruck. Gleichzeitig wirkte er alt und besiegt, wie ein todkranker Wolf. Er sah so aus, als habe er sich das eigene Bein abgebissen und es mit Behagen verspeist.
Für jemanden, der seinem Ende entgegensah, war Bruno erstaunlich vergnügt und philosophisch. Maya war noch niemandem begegnet, der seinem Tod mit Freuden entgegengesehen hätte. Bruno flachste mit Therese, wobei er sich eines südfranzösischen Gaunerjargons bediente, der Mayas Perückenübersetzer überforderte. Seine Ausdrucksweise war gespickt mit Obszönitäten.
So drückte sich heutzutage niemand mehr aus. Obszönitäten waren einfach nicht mehr gebräuchlich, waren ebenso wie die gewöhnliche Erkältung aus dem sozialen Miteinander verschwunden. Bruno aber schwelgte darin. Therese wiederum erbosten seine verbalen Grobheiten. Jedes Mal schalt sie Bruno mit allen Anzeichen von Empörung deswegen aus. Es war eine Art Ping-Pong-Spiel, offenbar ihre Art von wechselseitiger Werbung.
Sie frühstückten zu dritt im Wagen. Der Todkranke verzehrte einen herzhaften Lunch. Anschließend fuhren sie in ein dichtes Waldstück im Norden der tschechischen Grenze. Das war zwar nicht der Schwarzwald, doch darauf kam es offenbar nicht an. Die Bäume schlugen gerade aus, und es wehte ein laues Frühlingslüftchen. Der Wagen - er gehörte Emils Exfrau - beklagte sich bitterlich darüber, ins Gebüsch am Straßenrand fahren zu müssen. Dort stiegen sie aus.
Bruno holte einen Klappspaten und einen schweren Koffer aus dem Kofferraum. Dann machten sie sich zu Fuß auf den Weg. Bruno wusste genau, wo er hinwollte.
Sie gelangten zu einer kleinen Hangwiese. Bruno klappte den Keramikspaten auseinander, hängte Hut und Jackett gewissenhaft auf einen Ast und machte sich ans Ausschachten. Er trug einen weiten Kreis von Grassoden ab und legte sie sorgfältig beiseite. Während er grub, gab er sich Erinnerungen hin.
»Er meint, dies sei ein alter geheimer Rastplatz«, übersetzte Therese. »Vor langer Zeit wurde er von den Zigeunern benutzt. Später wurden hier ein paar Störenfriede verscharrt.«
Bruno wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auf einmal sprach er englisch. »Ein Mann«, erklärte er, »muss im Leben seine Bestimmung erfüllen.« Er lächelte Maya einnehmend an.
Bruno grub so lange, bis er wegen zu großer Schmerzen nicht mehr weitermachen konnte. Mit aschfarbenem Gesicht setzte er sich nieder und genehmigte sich eine Dosis aus einem Inhalator aus Geschützlegierung. Therese machte an seiner Stelle weiter. Als sie ebenfalls erschöpft war, ergriff Maya den Spaten. Sie trug Schuhe mit flachen Absätzen, Hose und einen leichten Pullover, keine schlechte Kleidung fürs Grabschaufeln. Der einzige modische Akzent rührte vom Furoshiki her. Sie hatte ihn auf Oliv und Khaki eingestellt, um nicht aufreizend zu wirken.
Sie befolgten Brunos Anweisungen. Das Ergebnis war kein normales Grab, sondern eine konisch zulaufende Grube mit einer runden Öffnung von der Größe eines Kanaldeckels. Bruno warf ein paar letzte Schaufeln Erde heraus, dann erklärte er ihnen Theorie und Praxis geheimer Bestattungen.
Vor allem käme es dabei auf rasche und vollständige Zersetzung an. Gehe die Zersetzung rasch genug vonstatten, blähe sich der Leichnam alsbald auf. Dieser Nebeneffekt führe dazu, dass die Grababdeckung in Mitleidenschaft gezogen werde. Daher müsse man die Rippen an beiden Seiten durchsägen, damit sich die Eingeweide entlüften könnten.
Bruno öffnete den Koffer. Er hatte an alles gedacht. Seine Ausrüstung zeugte von häufigem Gebrauch. Er hatte eine altmodische batteriebetriebene Knochensäge aus Keramik mitgebracht und die Spritze irgendeines Pferdedoktors, deren dicke Stahlkanüle selbst Aluminiumblech durchbohrt hätte.
Bruno entkleidete sich. Vom Hals bis zu den Lenden war er mit Tätowierungen bedeckt. Schlangen. Rosen. Handfeuerwaffen. Slogans in französischer Gossensprache. An Lektüre hatte es Therese jedenfalls nicht gemangelt.
Bruno kniff sich herzhaft in die Gänsehaut, um zu zeigen, wo die Nadel eindringen sollte. In die Schenkel. In den Bizeps. Ins Gesäß. In den Schädel. Er hatte einen kleinen Kanister hoch wirksamer Faulbakterien mitgebracht. Das Faulmittel würde sich rasch ausbreiten, und sein Körper würde dahinschmelzen wie Talg.
Wenn er friedlich in der Grube läge, sollten sie ihn mit Erde bedecken und anschließend die Grassoden sorgfältig darüberlegen. Unter der Grabbedeckung sollten sie ein wenig Erde aufhäufen. Zunächst würde das auffällig wirken, doch nur in der ersten Zeit, bis der Leichnam in sich zusammenfiele. Natürlich sollten sie auch die Klamotten und das Werkzeug wieder mitnehmen. Nichts Metallisches dürfe liegenbleiben. Nichts, was Aufmerksamkeit hätte erregen können.
»Frag ihn, ob er Metall im Körper hat«, sagte Maya. »Zahnersatz, irgendwas in der Art.«
»Er meint, er sei nicht alt genug, um metallischen Zahnersatz zu haben«, übersetzte Therese. »Er meint, das Einzige, was bei ihm eisenhart ist, wäre sein Schwanz.« Sie brach in Tränen aus.
Bruno zog zwei daumengroße Flüssigkeitsbehälter aus den Taschen seiner abgelegten Hose. Dann kletterte er nackt und gelassen ins Grab.
Er lehnte sich beiläufig zurück und schüttelte den einen daumengroßen Gegenstand in der geschlossenen Faust. Er sprühte sich eine dünne Schicht schwarzer Farbe auf die rechte Hand. Er winkte Therese näher, rief ihr etwas Unverständliches zu. Sie kam näher, schleppenden Schritts, widerwillig, voller Angst. Er ergriff mit seiner schwarz gefärbten Hand sanft die ihre, schüttelte sie fest, zog sie näher, flüsterte ihr etwas zu, küsste sie.
Dann rief er Maya zu sich. Auch sie küsste er. Ein langer, inniger, kontemplativer und sehr bitterer Kuss. Mit der Linken streichelte er über ihren Nacken. Mit der schwarz gefärbten Hand rührte er sie nicht an.
Schließlich ließ er sie los. Nach Luft schnappend taumelte Maya zurück und wäre beinahe zu ihm in die Grube gefallen. Bruno schaute Therese an. Offenbar kämpfte er mit den Tränen. Therese lag hemmungslos schluchzend auf dem Boden und beobachtete ihn.
Dann nahm er den zweiten Gegenstand in die Hand, einen Inhalator. Er steckte sich die Mündung in den Mund, drückte den Hebel nieder und atmete tief ein. Anschließend warf er das Ding weg wie eine erloschene Zigarre und krümmte sich sogleich in Krämpfen. Fünf Sekunden später war er tot.
»Mach das ab!«, schrie Therese. »Mach das ab, mach das ab!« Sie schwenkte die schwarz verfärbte Hand, umklammerte mit der Linken das Handgelenk.
Maya begann, mit Brunos abgelegtem Jackett an der verfärbten Hand zu reiben. »Was ist das?«
»Lacrimogen!«
»Du meine Güte.« Sie rieb fester, passte jetzt aber noch besser auf.
»Ach, ich habe ihn so geliebt«, wimmerte Therese, die sich allmählich in einen hysterischen Heulkrampf hineinsteigerte. »Ich dachte, er wollte mich noch einmal schlagen und mich im Grab ein letztes Mal vögeln. Ich hätte nie gedacht, dass er mir die schwarze Hand geben würde. Ich wünschte, ich wäre tot.« Plötzlich wechselte sie ins Deutsche. »[Wo ist das Gift? Sprüh es mir in den Mund. Nein, ich will ihn küssen, das Gift auf seiner Zunge reicht bestimmt aus, um hundert Frauen zu töten.]«
Sie kroch zum Rand des Grabes, geschüttelt von drogeninduziertem Schmerz. Maya packte sie beim Fußgelenk und zerrte sie zurück. »[Rühr ihn nicht an, ich mein’s ernst. Halt auf Abstand. Ich säge ihn jetzt auf.]«
»[Maya, wie kannst du nur! Wie kannst du ihn aufsägen, damit er schneller verwest? Das ist kein Cordon bleu, das ist Bruno!]«
»Tut mir Leid, Schätzchen, aber wenn du wie ich die großen Seuchen überlebt hättest, dann wüsstest du, dass Menschen nach ihrem Tod einfach nur tot sind.« Am liebsten hätte sie sich für dieses Eingeständnis die Zunge abgebissen, doch darauf kam es nicht mehr an; in ihrem Zustand hörte Therese ihr gar nicht mehr zu. Sie schrie, bis der Wald widerhallte, ein entsetzliches Heulen, Ausdruck elementarer Trauer und Qual.
In Thereses Rucksack entdeckte Maya eine Folie mit Beruhigungsmittel. Das Mittel war recht milde, daher löste sie sechs Pflaster ab. Therese wehrte sich nicht, als Maya ihr die Pflaster auf den Hals drückte. Sie hatte sich wie ein Embryo zusammengekrümmt und umklammerte stöhnend ihre verfärbte Hand. Dann setzte unvermittelt die Wirkung des Tranquilizers ein.
Maya rieb Thereses Hand mit dem restlichen Mineralka ab. Das aufgesprühte Lacrimogen war ein widerliches Zeug. Man konnte damit mühelos jemanden ermorden. Eine geschicktere Methode konnte Maya sich kaum vorstellen.
Sie trat an den Rand des Grabes. Bruno war noch immer tot. Eher ein bisschen toter. Sie drückte ihm die Augen zu. Dann füllte sie die Spritze.
»Also, du großer Bursche«, sagte sie, »ruhe in Frieden. Du hast ein kleines Mädchen gefunden, das dir diesen Dienst wirklich gerne erweist.«
Als sie fertig war, war es dunkel geworden. Die Arbeit war widerlich gewesen, die makabere Parodie eines medizinischen Eingriffs. Gleichwohl hatte sie das Gefühl, ehrliche Arbeit verrichtet zu haben.
Therese ging es wieder besser. Therese war jung und stark, junge Leute waren in der Lage, an einem Tag mehr Stimmungen zu durchlaufen als alte Leute in einem Monat. Therese wankte mit Maya zum Wagen zurück.
»Wo ist sein Koffer?«, fragte Therese. Ihre Augen waren gerötet, und sie zitterte.
»Den hab ich zusammen mit den Klamotten und dem Werkzeug in den Kofferraum getan.«
»Hol ihn bitte raus.«
Therese durchsuchte Brunos Koffer in rasender Eile. Schließlich holte sie ein längliches Kästchen aus grauer Metallglaslegierung heraus. Sie öffnete es.
»Ich kann’s einfach nicht glauben«, sagte sie und betrachtete verzückt den Inhalt. »Ich dachte, er wollte mich verarschen.«
»Ich dachte, er wollte dich ermorden.«
»Nein, wollte er nicht. Dazu hat das bisschen Spray nicht ausgereicht. Er wollte sich bloß von einer Frau beweinen lassen. Nachdem ich so viel geweint habe, geht’s mir wieder besser. Alles in Ordnung. Ich werde nie wieder um ihn weinen. Schau mal, Maya, was er mir geschenkt hat. Eine wundervolle Hinterlassenschaft von meinem toten alten Mann.« Sie hielt Maya das kleine Kästchen hin.
Es war mit schwarzem Samt ausgeschlagen und enthielt zwei Dutzend kleine, gesprenkelte Muscheln.
»Muscheln?«, sagte Maya.
»Kaurimuscheln«, erklärte Therese. »Ich bin reich!« Sie schloss das Kästchen behutsam, dann klappte sie den Koffer zu und rammte ihn in den Kofferraum. »Lass uns losfahren«, sagte sie, das Kästchen mit beiden Händen haltend. »Lass uns was trinken. Ich habe so viel geweint, und jetzt bin ich durstig. Ach, ich kann einfach nicht glauben, dass ich das alles getan habe.« Sie öffnete die Wagentür und stieg ein.
Der Wagen fuhr knirschend und knackend durchs Gebüsch. Plötzlich blickte Therese sich um und lachte. »Ich kann’s noch nicht recht glauben, aber ich habe gewonnen. Ich komme damit durch. Jetzt wird sich mein Leben von Grund auf ändern.«
»Ein Kästchen mit Muscheln«, meinte Maya versonnen. Der Wagen steuerte selbständig durch den dunklen Wald, suchte sich den Weg zur Autobahn.
»Das ist wenigstens kein Müll. Es gib heutzutage so viel Müll auf der Welt«, meinte Therese und lehnte sich zurück. »Lauter Virtualitäten und Fälschungen. Wir haben alles in wertlosen Müll verwandelt. Diamanten und Edelsteine sind billig. Münzen, jedermann kann heutzutage Münzen fälschen. Briefmarken sind so leicht zu fälschen, dass es geradezu lachhaft ist. Geld besteht nur aus Einsen und Nullen. Aber stell dir mal vor, Maya - Muscheln! Niemand kann Muscheln fälschen.«
»Vielleicht sind es billige, nachgemachte Muscheln.«
Voll plötzlicher Besorgnis öffnete Therese abermals das Kästchen. Dann lächelte sie. »Nein, nein. Schau dir mal die Wachstumsringe an oder diese Sprenkelung. Viele Jahre des organischen Wachstums sind notwendig, bis eine echte Muschel entsteht. Kaurimuscheln sind zu komplex, um sie zu fälschen. Die sind echt. Eine ausgestorbene Spezies! Überaus kostbar! Es wird nie mehr welche geben. Die sind ein Vermögen wert! Die sind so viel wert, dass ich jetzt tun kann, was ich will.«
»Und was genau willst du damit anfangen?«
»Ich werde jetzt erwachsen! Die kleine Klitsche am Viktualienmarkt kann ich jetzt aufgeben. Ich mache einen richtigen Laden auf. In einem richtigen Gebäude, in einem Hochhaus! Für richtige Kunden, die mir richtiges Geld geben werden. Für eine Ladenbesitzerin bin ich noch sehr jung, aber jetzt, wo ich die Muscheln habe, kann ich es schaffen. Ich kann alte Leute für mich arbeiten lassen. Ich werde meinen eigenen Buchhalter und meinen eigenen Wirtschaftsanwalt beschäftigen. Ich fange neu an, ganz legal. Offen und ehrlich. Mit richtigen Geschäftsbüchern, ich werde sogar Steuern zahlen!«
»Also, das klingt wirklich toll.«
»Mein Traum wird wahr. Jetzt werde ich auch bei richtigen Modemachern Beachtung finden. Ich werde richtige Kollektionen von professionellen Designern kaufen. Kein Kinderkram mehr. Kinderkram, Kinderkram, Kinderkram, ach, ich bin das lebendige Leben ja so leid.«
»Hoffentlich hältst du dich in Zukunft von Brunos Freunden fern.«
»Ganz bestimmt«, sagte Therese. »Was man von der Politas auch halten mag ... aber sie verändert die Welt zum Besseren. Ja, wirklich! Brunos Gangster - die soll sich meinetwegen die Polizei schnappen. Das bringen die Medizin, das Geld und die Überwachung mit sich ... Es funktioniert. Die schlimmen Jungs sterben aus. Von Jahr zu Jahr werden es weniger. Die kriminelle Klasse ist im Aussterben begriffen. Diese Typen sind sehr alt, und sie waren lange Zeit stark, aber jetzt sterben sie aus wie eine ansteckende Krankheit. Das hat etwas Tragisches, aber ... aber, na ja, es ist eine große Errungenschaft.«
Maya seufzte erschöpft. »Vielleicht hätte ich dir nicht so viele Beruhigungspflaster verabreichen sollen.«
»Sag das nicht. Das stimmt nicht. Siehst du denn nicht, wie glücklich ich bin? Du solltest dich lieber mit mir freuen.« Sie schaute Maya ins Gesicht. »Wie kommt es, dass du dich so verändert hast, Maya? Weshalb bist du nicht mehr so munter wie damals in Munchen?«
»Deine Stimmung kippt andauernd, Schätzchen. Red lieber nicht so viel. Wir sollten uns ein wenig ausruhen. Ich bin sehr müde.«
Therese kuschelte sich in den Sitz. »Selbstverständlich bist du müde. Du warst so tapfer. Tut mir Leid, Maya ... Vielen Dank für alles.«
Lange Zeit schwiegen sie. Therese weinte noch ein wenig. Schließlich schlief sie ein.
In Schein der vorbeiziehenden Lichter des ländlichen Europas wirkte Thereses Gesicht sehr friedlich. »Du stehst jetzt auf der anderen Seite«, meinte Maya voller Zärtlichkeit. »Du bist jetzt eine richtige kleine Bourgeoise. Ich kann einfach nicht glauben, dass es so funktioniert. So mühelos. Ich habe zugelassen, dass sich die Welt so entwickelt. Das war meine Schuld, das ist genau die Welt, die ich mir gewünscht habe. Ich kann einfach nicht glauben, dass du so begierig darauf bist, in einer Welt zu leben, die ich keinen Moment länger hätte ertragen können. Ich muss mich außerhalb des Gesetzes stellen, um zu leben und zu atmen, und der Rückweg ist mir versperrt. Und die Witwe ist hinter mir her. Sie weiß Bescheid. Ich weiß es einfach. Sie würde mich auf der Stelle festnehmen, wenn sie nicht so sanftmütig und geduldig wäre. Kennst du die Witwe?«
Die schlafende Therese drückte das Kästchen fester an sich.
»Ich wünsche dir, dass du ihr nie begegnest.«
Die Überarbeitung des Palasts stellte sie vor erhebliche Probleme. Kompliziert wurde es vor allem durch den Umstand, dass irgendetwas darin lebte. Benedetta und ihre Freundinnen brauchten eine ganze Weile, um das verstörende Wesen aufzuspüren. Es handelte sich um Martins Hund. Plato trieb sich im Palast herum.
Martin hatte das organische Gehirn des Hundes mit seinem Erinnerungspalast vernetzt. Dieser medizinische Prozess wurde bei Menschen aus guten Gründen nicht gutgeheißen. Die neurale Aktivität war ein in hohem Maße nichtlineares Emergenzphänomen. Gehirne wuchsen, sie entwickelten sich aus physischem organischem Substrat. Versuchte Software, im Verbund mit einem Gehirn, zu wachsen, führte dies zu einer Symbiose von Denken und Rechnen. Normalerweise kam ein summendes, üppig wucherndes Durcheinander dabei heraus. Ließ man es dabei bewenden, führte es geradewegs in den künstlichen Wahnsinn.
Benedetta zeigte Maya den geheimen Palastflügel, wo das Hundehirn aktiv gewesen war. Das cyberorganische Gemisch war seit Jahren in Form von Knoten und Schichten gewachsen, gewaltige Frottagen und funkelnde Ausfällungen, ein Irrgarten wie aus Koralle oder Haferschleim. Das neurale Wachstum war noch nicht beendet, doch sie hatten die Verbindungen zur Wetware des Hundes ausfindig gemacht und blockiert. Hier und da hingen Monsterperlen, mächtige rotierende Knoten wie Albträume, die niemals enden würden.
Seit Warshaws Tod hatten die geistigen Prozesse des Hundes an fünf Stellen den Boden durchbrochen. Die abgeschnittene geistige Aktivität schoss wie Seeigel aus dem Boden.
»Wie sieht das auf der Ebene des Codes aus?«, fragte Maya.
»Ach, der Code ist wundervoll. Man könnte ihn in einer Million Jahren nicht entschlüsseln.«
»Glaubst du wirklich, das hat ihm beim Denken geholfen?«
»Ich glaube nicht, dass ein Hund so denkt wie wir, aber das ist eindeutig die kognitive Datenverarbeitung eines Säugetiers. Warshaw hat seinen Palast mit dem Denken des Hundes verknüpft. Für die damalige Zeit ganz schön raffiniert. Natürlich ist das ein Klacks, verglichen mit den Kunststückchen, die man heutzutage mit Labortieren anstellt. Aber für die Sechziger waren die Bandbreite und die Baud-Rate erstaunlich. Das Rückgrat des Hundes muss mit Antennen durchsetzt sein.«
»Wieso das?«
»Wir vermuten, dass er im Hund bestimmte Daten verstecken wollte. Vielleicht wollte er sogar den ganzen Palast in das Nervensystem des Hundes verlegen. Derlei visionärer Unsinn war in den Sechzigern sehr in Mode. Damals glaubten die Leute alles. Sie romantisierten Computer und mystifizierten die Virtualität. Es wurde viel herumexperimentiert. Man glaubte, alles wäre möglich, und machte sich nicht viele Gedanken. Warshaw aber war kein Programmierer. Er war bloß alt und reich. Und unbekümmert.«
»Ist der Hund noch immer hier online?«
»So kann man das nicht ausdrücken, Maya. Der Hund trug weder kleine Hundehandschuhe noch eine kleine Hundebrille. Er hat den Palast nie als solchen wahrgenommen, sondern ihn bloß infiziert. Oder er wurde von ihm infiziert ... Vielleicht glaubte Warshaw, er könnte eines Tages hier drin leben. Alle Spuren hinter sich verwischen und in den Strukturen des Mediums aufgehen. Damals hielten das die Menschen für möglich, bis sie es ein wenig ausprobierten und lernten, wie schwer das ist. Warshaw hat mal einen dummen Film darüber gedreht.«
»Du hast Martin Warshaws Filme gesehen? Ist das wahr?«
»Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, sie auszugraben.«
»Magst du Warshaws Filme?«
»Er war ein Primitiver.«
»Auf mich wirkt das hier überhaupt nicht primitiv.«
»Aber das ist nicht Kino. Das ist künstliches Leben. Das seit dreißig Jahren Milliarden von Zyklen durchlaufen hat.«
Im Palastkeller hatten sie das Heilige Feuer bereits teilweise geschürt. Die Traummaschinen. Sie sollten schwer beschreibliche Dinge mit den für visuelle und akustische Reizverarbeitung zuständigen Gehirnzentren anstellen. Man würde sie irgendwie sehen und irgendwie hören, jedoch ohne dabei viel zu empfinden. Das menschliche Bewusstsein vermochte die vorbewussten Aktivitäten dieser Systeme ebensowenig wahrzunehmen, wie man die auf die Netzhaut auftreffenden Photonen wahrnahm oder spürte, wie das Gehörknöchelchen im Ohr auf die Cochlea traf. Die Installationen waren nicht unbedingt vage; sie waren einfach nicht richtig gegenwärtig. Die Erfahrung war besänftigend, als befände man sich unter Wasser. Als läge man in einer Farbenfabrik im Halbschlaf. Während ein kaum hörbares Thema einer Nichtmusik erklang.
Es war weder spektakulär noch aufregend. Keine Sensationen, kein Schmettern oder Funkeln. Langweilig war es aber nicht. Es war das genaue Gegenteil von Langeweile. Sie entwickelten ganz, ganz sanfte Erfrischungen für die posthumanen Geister einer neuen Welt. Sie waren noch nicht besonders gut darin. Sie probierten aus, unternahmen erste Schritte und führten Buch über die Ergebnisse.
Maya war nicht ihre Testperson, doch sie zeigten ihr alles, weil sie sie mochten. Es gab da Schachteln in der Schachtel in der Schachtel, die ihre eigene Geometrie vervielfältigten, ein räumliches Kaleidoskop. Dann waren da die OhrblumenWindrädchen.
Man hörte, wie sich die Blumen bewegten, doch sie erreichten nie ganz die Netzhaut. Und dann die riesigen Höhlen formenden Gebilde, die sich endlos fortpflanzten.
Maya bekam nicht genug vom heiligen Feuer. Es erschöpfte sich einfach nicht. Es verlangte keine Aufmerksamkeit; es funktionierte auch so. Es geschah einem, anstatt dass man etwas tat. Irgendwann aber drückten sie die Handschuhe und die Ohrhörer, oder sie bekam Rückenschmerzen. Dann loggte sie sich aus und sah an die Wand.
Nach dem heiligen Feuer war eine kahle Wand äußerst aufschlussreich. Sie konnte dasitzen und über die kahle Wand und die schiere Fülle ihrer Dinglichkeit meditieren. Die bloße Gegenwärtigkeit ihres sublimen und ehrfurchtgebietenden Vorhandenseins war überwältigend. Nicht der Inhalt machte die Dinge mehr aus, sondern das Außen, wenn man aus ihnen hervorkam und sie betrachtete ...
Bisweilen legte sie sich flach auf den Boden und schaute an die Decke. Dann setzten sich die weißen Katzen der Schauspielerin auf ihre Brust, massierten sie sanft mit ihren Pfoten und blickten ihr ins Gesicht. Tieraugen, Fenster in eine Welt, die von Worten und Symbolen nichts wusste.
Auch außerhalb des Palasts waren sie geschäftig. Sie hatten Attacken gegen ein paar offenbar verlassene Paläste geführt und es geschafft, in drei von ihnen einzudringen. Auch die physikalische Grundlage von Warshaws Palast hatten sie entdeckt; die Daten liefen über eine Reihe von Servern auf der Pazifikinsel Nauru. Nun lösten sie den Palast Zeile um Zeile aus dem Nauru-Netzwerk heraus und speisten ihn über Marokko und Bologna schließlich Bit für Bit in den Kristallserver in der Wohnung der Schauspielerin ein. Sie glaubten, der veränderte Palast werde schneller und effizienter laufen, sobald er sich vollständig in einem einzigen Rechner befand. Irgendwann würde sie Warshaws Palast in die Hand nehmen können. Eingefroren in einen faustgroßen Brocken optisch geätzten Rechendiamants.
Eines Junitages hielt Maya sich zu lange im Vakuumblizzard der Schneeflockenorgel auf, und als sie die Brille abnahm, wusste sie, dass sie einen Schaden davongetragen hatte. Als sie die Augen schloss, hatte sich die Welt hinter ihren Lidern verändert. Benedetta und ihre Freundinnen waren zu dem intimen Ort vorgedrungen, wo sie sich verbarg, wenn sie die Augen schloss. Machte man im Wachzustand die Augen zu, war es niemals vollständig dunkel. Hinter den geschlossenen Lidern tat sich immer etwas. Trotz des Lichtmangels arbeitete das Sehzentrum weiter und bemühte sich, auf die nichtblinde Art der grauen Zellen die Realität zu erfassen. Und so erschuf es eine kleine Welt. Die intime Welt hinter menschlichen Augenlidern setzte sich zusammen aus sanften, formlosen Blautönen, aufblitzenden trüben Purpurtönen und mausgrauen und braunen Flecken. Nun aber hatte sich etwas verändert. Es war nicht mehr wie vorher. Was Maya nun sah, war neu und ihr nicht mehr zugehörig.
Sie rief Benedetta an. Das war mühsam, denn Benedetta wurde streng abgeschirmt. Doch sie musste mit ihr reden.
»Bendetta, ich habe einen Fehler gemacht.«
»Was für einen Fehler?«
»Das funktioniert bei mir nicht.«
»Du musst Geduld haben«, sagte Benedetta sehr geduldig. »Das ist ein Langzeitprojekt.«
»Es funktioniert bei mir nicht, weil ich nicht mehr jung bin. Ich war einmal jung. Ich war jung in einer anderen Welt. Die Welt da drinnen ist eure Welt. Ihr baut etwas auf, das ich mir nicht einmal vorstellen kann. Ich kann daran Anteil nehmen, ich kann euch sogar dabei helfen, aber ich kann nicht darin leben, weil ich nicht zu euch gehöre.«
»Natürlich gehörst du zu uns. Mach dir keine Sorgen, wenn keine große Wirkung festzustellen ist. Das ist nichts im Vergleich zu dem, was wir in hundert Jahren zustande bringen werden.«
»Ich werde keine hundert Jahre mehr leben. Ich werde nicht lange genug leben, um die Welt jenseits der Singularität zu schauen. Nicht, dass ich nicht wollte. Aber ich wurde eben zu früh geboren.«
»Maya, gib nicht auf. Du solltest nicht so defätistisch sein. Du stärkst unsere Moral.«
»Ich liebe euch und würde alles tun, um euch zu helfen, aber eure Moral müsst ihr schon selber stärken. Ich werde nie wieder dort reingehen. Allmählich fühle und begreife ich, was das wirklich bedeutet. Ich werde niemals fähig sein, mein Bewusstsein so weit auszudehnen. Ich will es nicht, und in meinem
Zustand brauche ich es nicht einmal. Das mag euch bei euren Problemen helfen, mir aber kann es nicht helfen. Letzten Endes wäre es schlimmer als der Tod.«
»Gibt es denn Schlimmeres als den Tod, Maya?«
»Du meine Güte, ja.« Sie unterbrach die Verbindung. Anschließend legte sie sich aufs Bett und blickte an die kahle Decke.
Lange Zeit später wurde sie von der Türklingel geweckt.
Maya erhob sich wie eine Schlafwandlerin, schritt über den weißen, flauschigen Teppich und öffnete die Tür.
Ein großer brauner Hund nahm die Pfote vom Klingelknopf. Er ließ sich auf alle Viere niedersinken.
Dann machte er einen Satz nach vorn. Maya taumelte zurück, und der Hund stolzierte in die Wohnung hinein.
»Du hast mir weh getan«, sagte er.
»Komm rein, Plato. Wo hast du denn deine hübschen Sachen gelassen?«
»Du hast mir weh getan.«
»Du siehst nicht gut aus. Hast du denn nicht richtig gegessen? Du solltest besser auf deine Ernährung achten. Das ist wichtig.«
»Du hast mir sehr weh getan.«
Maya zog sich in die Küche zurück. »Möchtest du einen Leckerbissen? Ich habe jetzt viele Leckerbissen.«
»Es hat so weh getan. Im Kopf.« Der Hund stakste durchs Zimmer und ließ den verfilzten Kopf hängen. Er schnüffelte am Boden und schüttelte sich. »Daran warst du schuld.«
Eine der weißen Katzen erwachte, riss die Augen auf, fauchte und machte einen Buckel.
»Kätzchen, sei brav!«, rief Maya. »Plato, ich mach dir jetzt was zu essen! Alles wird gut! Ich mache ein paar Anrufe! Von nun an werde ich mich um dich kümmern! Erst einmal baden wir! Dann ziehen wir uns an und gehen spazieren…«
»Da sind ja Katzen!«, heulte der Hund. Er griff an.
Maya schrie. Weißes Fell flog durch die Luft. Das Zimmer explodierte von animalischem Hass. Plato zermalmte die erste Katze zwischen den Zähnen. Sie fiel zuckend zu Boden. Als die Katze starb, setzte ein Alarm ein.
Als der Hund über die zweite Katze herfiel, warf Maya sich auf ihn. Sie versuchte, ihn am verfilzten Halspelz festzuhalten. Er drehte sich mit enormer Gewandtheit um und biss sie ins Schienbein. Es war, als hätte sie gegen eine Eisentür mit spitzen Zähnen getreten. Sie schrie auf und brach zusammen.
Die Katze versuchte, die Tapete hochzuklettern. Der Hund bekam sie mit seiner Greifpfote am Schwanz zu fassen, schleuderte sie auf den Boden und biss sie tot.
Maya riss die Tür auf und rannte weg.
Sie besaß nichts, nicht einmal Schuhe. Sie wusste, dass sie das nächste Opfer des Hundes sein würde. Ihr Bein blutete, und der Angstschweiß drang ihr aus allen Poren. Sie rannte. Sie rannte den Gang entlang und stürzte in den Aufzug. Dort verharrte sie zitternd und stöhnend, bis sich die Türen schlossen.
Sie wusste nicht, was sie tun sollte, daher stieg sie in einen Zug.
Am ersten Tag stahl sie Sachen zum Anziehen. Das fiel ihr mittlerweile äußerst schwer, denn sie war sehr ängstlich. Wenn man optimistisch und zuversichtlich gestimmt war, fiel es leicht zu stehlen, denn alle liebten hübsche, optimistische und zuversichtliche Mädchen. Niemand aber mochte verrückte Mädchen mit komischem steifen Haar, die humpelten und ständig zusammenzuckten, wie ein Junkie aussahen und keinen Koffer dabeihatten.
Der Hund war im Netz. Sie konnte sich nicht erklären, weshalb sie dem Netz einmal positive Seiten abgewonnen hatte. Mit einem Netz fing man Fische. Die grauen Zellen des Hundes hatten im Netz Wucherungen gebildet. Er hatte im Palast herumgespukt, und so hatte er sie ausfindig gemacht. Er schnüffelte ihr nach, und er war allgegenwärtig wie ein Gas.
In dem Moment, da sie aufhörte wegzulaufen, würde die Polizei sie finden. Sie war sehr müde, wurde von Schuldgefühlen gepeinigt und hatte Schmerzen. Jedes Mal, wenn sie sich hinsetzte, wurde sie von Panik überwältigt und musste sich übergeben.
Im Sinai aber war es Sommer. Europa war weit. Das Reisen brachte ihr keine Erleichterung mehr; es kam ihr seltsam vor zu reisen. Die Schauspielerin hielt sich in einem Urlaubsort am Roten Meer auf. Ein guter Ort für erschöpfte Menschen. Die Schauspielerin hatte natürlich strikte Anweisung gegeben, sie nicht zu stören.
Maya machte dem Angestellten der Ferienanlage klar, dass sie die Nachricht vom Tod eines Familienangehörigen überbringen müsse. Man sah, dass sie mitgenommen und bekümmert war, daher schenkte man ihrer Geschichte Glauben und begegnete ihr voller Mitgefühl. Die Leute in dieser paradiesischen Enklave des entsalzten Meerwassers und des gehätschelten Dschungels waren freundlich. Sie gaben ihr ein Notebook und setzten sie auf die Fährte der Schauspielerin.
Die Schauspielerin war eine bepelzte Hominide mit dicken schwarzen Fingernägeln und behaarten, schwieligen Füßen. Sie war nackt und mit drahtigem schwarzem Fell bedeckt. Um diesen Effekt zu erreichen, brauchte man bloß einen uralten DNS-Abschnitt zu aktivieren. Dieser medizinische Eingriff verlängerte nicht die Lebensspanne, daher wurde er zumeist im Rahmen einer Kur durchgeführt.
In gewissen modernen Kreisen wurde es als entspannend betrachtet, sich in die Lebensweise eines Prähominiden zu flüchten. Ein paar erholsame Monate lang mit getrübtem Bewusstsein und dem Zwang zur Nahrungsbeschaffung unterworfen, um sich fit zu halten. Die prähominiden Feriengäste verzehrten Obst und erlegten kleine Tiere mit Stöcken. Sie trugen Peilsender und wurden einmal wöchentlich mit Aas gefüttert.
Maya befolgte die Hinweise des Notebooks. Schließlich fand sie Frau Jeskova. Frau Jeskova blickte aufs Meer hinaus und knackte gerade Austern mit einem Faustkeil.
»Sind Sie Olga Jeskova?«
Frau Jeskova schlurfte geräuschvoll eine Auster aus. Das Notebook sagte etwas auf tschechisch. Maya hantierte mit den Menüs. »[Im Moment nicht]«, antwortete der Rechner doppeldeutig.
»Mein Name ist Mia Ziemann, Frau Jeskova«, sprach Maya in das Notebookmikrofon. »Es tut mir Leid, dass wir uns auf diese Weise kennen lernen. Ich komme aus Prag und überbringe Ihnen schlechte Nachrichten.«
»[Schlechte Nachrichten können warten]«, entgegnete das Notebook in unbeholfenem Englisch. »[Schlechte Nachrichten können immer warten. Ich bin hungrig.]«
»Ich habe in Ihrer Wohnung gelebt. Ich habe mich um Ihre Katzen gekümmert. Ich war Ihre Katzensitterin. Verstehen Sie mich?«
Frau Jeskova schlürfte eine weitere Auster. Als ihr Pelz zuckte, kratzte sie sich heftig. »[Meine süßen kleinen Katzen]«, sagte das Notebook nach einer Weile.
Der Hotelangestellte hatte sie darauf vorbereitet, dass die Verständigung Geduld erfordern würde. Die Menschen zogen sich nicht zum Plaudern hierher zurück, behielten gewisse geistige Funktionen aber für den Notfall bei.
»[Was ist mit meinen kleinen Lieblingen?]«, fragte das Notebook schließlich.
»Sie sind tot. Es tut mir sehr Leid. Ich war Gast in Ihrem Haus, und Ihre Katzen sind zu Tode gekommen. Das tut mir fürchterlich Leid. Es war ganz allein meine Schuld. Ich bin so schnell ich konnte hergekommen, denn ich wollte es Ihnen persönlich mitteilen.«
»[Meine Katzen sind tot?]«, fragte Frau Jeskova. »[Wenn ich heimkomme, werde ich sehr traurig sein.]«
»Ein Hund ist in die Wohnung eingedrungen und hat sie getötet. Es war grauenhaft, und ich war schuld. Ich musste herkommen und es Ihnen persönlich sagen. Ich musste einfach.« Sie zitterte heftig.
Frau Jeskova musterte sie mit ihren alterslosen braunen Augen. »[Hören Sie auf zu weinen. Sie sehen schlimm aus. Sie sind bestimmt hungrig.]«
»Ich glaube schon.«
»[Essen Sie diese Steinleckereien. Sehr saftig und wohlschmeckend.]« Sie zerschmetterte mit dem Faustkeil eine weitere Auster.
Maya fischte die rohe Auster aus der zerbrochenen Schale. Es erforderte eine Menge Mut, das Ding hinunterzuschlucken. Das Gefühl im Mund war widerlich, andererseits aber eine intensive sinnliche Erfahrung.
Maya blickte aufs Rote Meer hinaus. Es war ihr unverständlich, weshalb es als ›rot‹ bezeichnet wurde, wo es doch ein so intensives Blau zeigte. Vielleicht hatte man irgendwas damit angestellt und das Meer verändert. Aber die Wogen brandeten an den Strand, brachen sich in einem langsamen, stetigen Rhythmus an schwarzen Felsen, überwölbt von einem sich Millionen blaue Meilen weit erstreckenden heißen, unbekümmerten Himmel. »Es heißt, das Ertrinken gehe rasch vonstatten. Es sei ein leichter Tod.«
»[Reden Sie keinen Unsinn. Essen Sie.]«
Maya verzehrte noch eine Auster. Ihr Magen entspannte sich allmählich und knurrte verzückt.
»Ich bin hungrig«, sagte sie plötzlich. »Ich kann gar nicht glauben, wie hungrig ich bin. Du meine Güte, ich glaube, ich habe seit Tagen nichts mehr gegessen.«
»[Essen Sie. Tote Mädchen sind schlimmer als tote Katzen.]«
Maya aß noch eine Auster und blickte aufs Meer hinaus. Die Wogen funkelten rhythmisch. Eine seltsame Anspannung ergriff Besitz von ihr. Eine Art Erwachen, als habe sich ihre Haut in ein einziges Augenlid verwandelt.
Das Licht der Welt strömte in sie ein.
Sie war innerlich zerbrochen. Und auf einmal wusste sie, dass sich daran nichts ändern würde. Sie würde nie ein Ganzes sein, die Narben tief in ihrem Innern würden niemals heilen. Sie war aus Bruchstücken und Nähten zusammengesetzt, und so würde es auch bleiben.
Jetzt aber konzentrierten sich all diese Bruchstücke zum erstenmal auf ein und dasselbe. Alles, was sie ausmachte, war ergriffen von diesem heißen Licht und nahm die Außenwelt wahr.
Dann, auf einmal, verschwand das Fenster. Sie befand sich inmitten der Welt. Sie bewohnte diese Welt. Sie schaute nicht mehr aus den Fragmenten innerhalb ihres Schädels zu ihr hinaus, sondern lebte und atmete in der Welt, auf welche die Sonne herabschien. Dies war kein Glück, nicht einmal Freude; doch die Erfahrung erfasste jede Faser ihres Seins.
Die Welt unter der Sonne verblüffte sie. Diese Welt war viel größer und interessanter, als die kleine Welt in ihrem Innern es jemals sein konnte. Diese Welt berührte sie überall. Sie hatte bloß richtig hinschauen müssen. Sie war Teil dieser Welt. Sie war lebendig und bewusst und hellwach, im klaren Tageslicht. Die Welt war vollständig, unübersehbar, unausweichlich und auf befreiende Weise wirklich.
»Ich fühle, wie der Wind durch mich hindurchweht«, flüsterte sie.
Olga grunzte bloß.
Maya wandte sich zu ihrer behaarten Gastgeberin um. »Olga, verstehen Sie, was ich Ihnen sagen will? Ich begreife es selber kaum. Ich habe schwere Zeiten durchgemacht. Ich glaube - ich glaube, ich habe eine Art Anfall.«
»[Sie begreifen überhaupt nichts]«, sagte Olga. »[Zum Leben braucht es Geduld. Sie sind unbedacht, Sie reden zu viel, Sie haben es zu eilig. Ich verstehe mich darauf, geduldig zu sein. Trauer ist schlimm, aber man kommt drüber hinweg. Schuld ist schlimm, aber man kommt drüber hinweg. Das wissen Sie noch nicht. Deshalb bin ich klüger als Sie, obwohl ich eine Äffin bin.]«
»Das mit Ihren Katzen tut mir aufrichtig Leid. Ich würde wirklich alles tun, um es ungeschehen zu machen.«
»[Schon gut, essen wir noch ein paar Steine.]«
»Das sind Austern, Olga. Das sind Austern. Ich hole noch ein paar.« Die Sonne schien aufs Rote Meer, und sie war heiß und wirklich. Es würde bestimmt Spaß machen, im Wasser zu waten. Es wäre bestimmt herrlich zu schwimmen. Maya entkleidete sich.
»Austern«, sagte Olga laut. »[Manche Worte sind wirklich komisch.]«
Seit dem Skandal mit Helene hatten sie keinen Zutritt mehr zum Tete. Ein Skandal allein aber vermochte einen so einfallsreichen Mann wie Paul nicht aufzuhalten. Er hatte in der Helleniki Dimokratia einen neuen Treffpunkt gefunden. Er hatte eine große Immersion arrangiert.
Griechenland im Sommer war wundervoll. Dieses Land hatte eine große Kultur ebenso mühelos hervorgebracht wie Brot den Schimmel. Die Ferienanlage lag außerhalb der kleinen Stadt Korinthos, in den duftenden, bewaldeten Hügeln der Peleponnes. Die Anlage gehörte einem vierzigjährigen Multimillionär, der in der nur unvollständig erforschten industriellen Wildnis Ostdeutschlands ein Vermögen mit Müll gemacht hatte. Als einer der jüngsten wahren Neureichen in Europa gefiel sich der exzentrische Spekulant darin, anderen ein Ärgernis zu sein.
Und nun lagerten Paul und etwa dreißig seiner lebendigen Anhänger um den funkelnden Pool der Anlage, eingecremt und in große, mit Stecknadeln zu Togas geformte Badetücher gehüllt. Sie waren in größeren Schwierigkeiten als je zuvor in ihrem kurzen Leben, und sie waren bester Stimmung.
»Hier, Weintrauben«, sagte Benedetta und reichte Maya eine gestielte Keramikschüssel.
»Natürliche Früchte sind voller Toxine«, sagte Maya.
»Das ist genmanipuliertes Wunderobst.«
»Okay, gib mir eine Traube.« Sie probierte eine Traube. Sie schmeckte herrlich. Maya stopfte sich eine Handvoll in den Mund.
»Die sind herrlich«, sagte sie. »Gib mir noch ein paar. Mach mich fett, ruinier meine blöde Karriere.«
Benedetta lachte. Die nackte, lachende Benedetta bot einen bezaubernden Anblick. Sie glich einer eingecremten Wassernymphe. Sie waren so unangestrengt nett, diese modernen jungen Leute. Unsterbliche, deren Togas gewebt waren aus der erlesensten technischen Rhetorik. Übernatürlich gesunde Wesen.
»Ich bin in letzter Zeit ständig hungrig«, sagte Maya, auf den Trauben kauend. »Das ist gut. Jetzt gehöre ich endlich wieder zu meinem Körper. Oder vielmehr, mein Körper gehört zu mir…«
»Es macht mehr Spaß, sich den Körper mit anderen zu teilen«, meinte Bouboule, sich Lotion auf die flache Hand drückend. »Ich komme nicht an meine - wie sagt man noch gleich? - an meine Fußsohlen heran. Schafft einen Kerl her, der mir die Beine einreibt. Von der Sonne werden sie nur faul, die Jungs müssen beschäftigt werden.«
»Du siehst wieder besser aus«, meinte Benedetta ganz aufrichtig zu Maya. »Du darfst nie wieder weglaufen. Nimm’s leicht, behalt die Kontrolle, bleib in unserer Nähe. Wir kümmern uns schon um dich. Das weißt du doch, Maya. Siehst du?« Sie deutete um den Pool herum. »Ist das nicht schön? Sorgen wir nicht gut für dich?«
»Ich bin eine zu große Last für euch«, sagte Maya.
»Ich bin eine Last«, beharrte Bouboule. »Ich bin die Last. Sei nicht unverschämt.«
»Probleme waren schon immer gut für uns«, sagte Benedetta. »Problemen verdanken wir unseren Ruf.«
»Du weißt noch nicht genug über Probleme«, entgegnete Maya.
»Aber Probleme haben uns berühmt gemacht. Probleme machen uns wahrhaft lebendig. Wir definieren jetzt, was lebendig ist! Schau uns an! Wir verlieren das Tete, aber jetzt entspannen wir uns an diesem wunderschönen Pool, und irgendein reicher, dämlicher Mülltycoon übernimmt sämtliche Kosten. Er findet uns interessant, weil die Polizei uns für gefährlich hält. Er ist ein reicher Radikaler. Ist es nicht toll, dass es reiche Radikale gibt? Wir sind die junge europäische Schickeria. Das ist der radikale Chic. Toll, findest du nicht?«
»Epater les bourgeois«, sagte Bouboule. »Succes de scandale. Die alten Spiele sind die guten Spiele.«
»Liest du nicht die Netznachrichten, Maya? Man erfindet so nette Namen für unsere Gruppe.«
»Die Gespensterkinder«, meldete Niko sich säuerlich zu Wort. »Ich hasse diesen Namen.«
»Auf französisch klingt er gut«, meinte Bouboule.
»Was habt ihr eigentlich gegen ›die Tete-Bande‹?«, fragte Niko rastlos. »Wir haben uns immer als ›die Tete-Bande‹ bezeichnet.«
»Es ist gleichgültig, wie wir uns genannt haben«, sagte Benedetta. »Wir sollten ein neues Spiel beginnen. Wir sind kreative Menschen. Wir sollten unsere Publicity in die eigenen Hände nehmen. Mir gefällt die Bezeichnung ›die Illuminaten‹.«
»Das gab es schon«, meinte Niko.
»Die Jungen Unsterblichen«, schlug Bouboule vor.
»Die Menschen, die Paul ernst nehmen«, sagte Maya.
»Die kosmoszertrümmernden anarchistischen Göttinnen«, meinte Niko. »Plus deren Freunde.«
»Die Verdächtigen«, sagte Maya. »Die potentiellen Beklagten.«
»Die Vorschläge stinken«, sagte Niko verletzt.
»Für meinen Namen gilt das nicht«, erwiderte Maya. »Ich bin eine verrückte, gesetzesbrecherische Gerontokratin, die euch alle zu Gesetzesbrechern gemacht hat.«
Benedetta setzte sich schockiert auf. »Das war nicht nett. Wer sagt das?«
»Alle werden es sagen. Schließlich bin ich jetzt ebenfalls berühmt. Früher wusste niemand, wer ich bin, deshalb hat sich auch niemand drum geschert. Jetzt ist das anders, und ich stecke mitten drin. Ich kollaboriere mit euch, bloß dass eure noblen Entschuldigungen für mich nicht gelten. Ihr mögt Visionäre sein, ich aber bin eine illegale Fremde, die äußerst wertvolles medizinisches Eigentum veruntreut hat.« Maya tippte sich ans Brustbein. »Ich weiß, dass ich damit auf die Dauer nicht durchkommen kann. Daher werde ich mich festnehmen lassen. Ich stelle mich freiwillig.«
Benedetta ließ sich das durch den Kopf gehen. »Vermutlich glaubst du, ehrenhaft zu handeln«, meinte sie bedächtig. »Aber du begreifst nicht unsere Strategie. Die haben deinen Netzserver eingezogen und uns den Palast geraubt. Na und? Ein paar Haustiere sind umgekommen. Na und? Das sind bloß kleine Rückschläge, jetzt, wo wir wissen, was möglich ist. Wir sind bereits in andere Paläste eingedrungen. Wir sind der Gerontokratie auf den Pelz gerückt. Die Alten können uns nicht mehr ins Gesicht spucken und uns beiseite schieben. Sollen sie’s ruhig versuchen! Wir machen ihnen die Hölle heiß.«
»Nein, Schätzchen, du bist es, die nichts begreift. Du warst nie eine Gerontokratin, ich hingegen schon. Deine Virtualitäten lassen die kalt. Dein dummes Projekt von wegen grenzenloser Vorstellungskraft interessiert die nicht. Sie tun so, als interessierte es sie, was ihr denkt, weil sie sich eingestehen müssen, dass es unhöflich wäre, euch gegenüber gleichgültig zu sein. In Wirklichkeit scheren sie sich nicht um eure Träume. Sie befassen sich mit dem Aktuellen. Mit Verantwortlichkeiten. Sie wissen, dass sie irgendwann sterben werden. Sie wissen, dass ihr auf ihren Gräbern tanzen werdet. Sie würden euch mit Freuden alles mögliche verzeihen, solange ihr ihnen den Gefallen tut, vor ihnen zu sterben. Aber, Schätzchen, ich bin kein Rebell der Zukunft, ich bin eine Häretikerin im Hier und Jetzt. Ich tanze ihnen auf der Nase herum.«
»Maya, hör auf, englische Politphrasen zu dreschen, und tu, was Benedetta sagt«, meinte Bouboule. »Benedetta ist sehr klug.
Ach, seht mal! Lodewijk hat sie geküsst!« Vor Erregung wechselte sie ins Französische.
Maya vermisste ihre Übersetzerperücke sehr. Sie hatte sie zurückgelassen, als sie in Prag aus der Wohnung der Schauspielerin geflüchtet war. Sie hatte bei der Flucht ihren gesamten Besitz verloren; viel war es nicht gewesen. Vor allem schmerzte sie der Verlust der Fotos. Sie waren nicht besonders gut, doch es waren die besten Fotos, die sie je gemacht hatte. Sie hatte sie gewissenhaft im Palast gespeichert. Jetzt gehörte der Palast der Witwe.
Niko und Bouboule gerieten in helle Aufregung darüber, dass Lodewijk sich auf einmal an Yvonne heranmachte. Sie plapperten und kicherten. Selbst Benedetta zeigte reges wissenschaftliches Interesse. Wäre Maya dem französischen Wortschwall aufmerksam gefolgt, hätte sie vielleicht jedes zehnte Wort verstanden. Ohne den steten Übersetzerstrom im Ohr wirkten diese jungen Leute unglaublich fremd, eine Generation von einem anderen Kontinent und mit einer anderen Kultur. Eine Generation, von der sie achtzig Jahre trennten.
Auf ihre Weise kannte sie sie: Paul, Benedetta, Marcel, Niko, Bouboule, Eugene, Lars, Julie, Eva, Max, Renee, Fernande, Pablo, Lunia, Jeanne, Victor, Berthe, Endehuanna, die zumeist Hedda genannt wurde, Berthes eigenartigen Freund Lodewijk - wie sah er noch gleich aus? -, den neuen Typ aus Kopenhagen, Yvonne, die bis gerade eben mehr oder minder offiziell mit Max liiert gewesen war, mit diesem russischen Bildhauer mit den zwölf Fingern und der intensiven Ausstrahlung, den netten indonesischen Halbwüchsigen, der sich in letzter Zeit viel herumtrieb und angeblich eine Affäre mit Bouboules Bruder hatte ... Ihre Freunde waren wundervoll. Sie hatte großes Glück gehabt, sie in der kurzen Larvenphase kennengelernt zu haben, da sie mehr oder minder menschlich waren. Sie liebten Maya, und sie liebten einander, jedoch nach Art von Freunden oder Liebenden, während sie Maya liebten wie eine sehr kostbare und unwiderstehliche Serie alter Porträtfotos.
Bouboule erhob sich voller Anmut von der Liege und ging zu Yvonne und Lodewijk hinüber, um sie zu necken. Niko folgte ihr, um sicherzustellen, dass Bouboule nicht des Guten zu viel tat, und um das Schauspiel ebenfalls zu genießen. Dies entnahm Maya ihrer Körpersprache. In unbekleidetem Zustand war Körpersprache äußerst aufschlussreich.
Benedetta streckte ihre schlanken Beine auf dem Webbezug des Liegesessels aus und wandte sich an Maya. »Er hat Yvonne haufenweise Gedichte geschickt, weißt du«, erklärte sie. »Ich musste weinen, als ich sie gelesen habe. Schon erstaunlich, dass dänische Lyrik mich zum Weinen bringt.«
»Wirklich, Benedetta, du brauchst mir nichts zu erklären. Ich bin selbst schuld daran, dass ich meinen hübschen toupierten Übersetzer verloren habe.«
»Ich erklär’s dir gern, Maya. Ich möchte, dass du auf dem Laufenden bist.«
»Ich verstehe auch so schon mehr als genug.« Sie überlegte kurz. »Benedetta, eins begreife ich wirklich nicht. Weshalb hat Paul keine Geliebte? Ich sehe Paul nie in Begleitung.«
»Vielleicht ist er ja zu zurückhaltend.«
»Was meinst du mit ›vielleicht‹? Willst du damit sagen, du kennst die Antwort nicht?« Sie lächelte. »Benedetta, bist du’s wirklich?«
»Nicht, dass wir es nicht versucht hätten«, meinte Benedetta. »Natürlich haben wir alle probiert, an ihn heranzukommen. Wer möchte nicht Mrs. Ideologe sein? Wer möchte nicht die Favoritin des Genies sein? Hab ich nicht Recht? Sich in seinem heroischen Schatten verlieren. Ich möchte Pauls schmutzige Socken aufsammeln. Ich möchte ihm die kleinen Knöpfe annähen. Das ist das ideale Leben für mich. Nicht wahr? Ich möchte den geliebten Paul anhimmeln, während er vierzehn Stunden am Stück mit meinen Kollegen theoretisiert. Ich möchte, dass sie mich anschauen und sehen, dass ich sein Herz in meiner kleinen Handtasche herumtrage. Damit sie mir innerlich den Tod wünschen.«
»Ist das dein Ernst, Benedetta? Ach, ich glaube schon. Es ist dir ernst. Ach, Schätzchen, das ich wirklich schlimm.«
»Hast du jemals ein gutes Gespräch mit Paul geführt? Ich schon. Trotz alledem.«
»Ja, ich auch«, sagte Maya. »Er hat mir einmal die Hand getätschelt.«
»Ich glaube, da steckt die Polizistin dahinter. Das ist meine Arbeitshypothese. Die Witwe ist unsere wahre Rivalin. Sein Schwarm. Ist das der richtige Ausdruck, ›Schwarm‹? Jedenfalls Helene. Er will Helene. Er schmaust gerne mit Raubkatzen.«
»Oh, nein. Das darf doch nicht wahr sein.«
»Er respektiert Helen. Er nimmt sie ernst. Er redet mit ihr, selbst dann, wenn er nicht muss. Er will etwas von ihr. Er verlangt nach ihrer Bestätigung, sagt man so? Er möchte die Witwe erobern, sie besteigen wie das Matterhorn. Er möchte, dass sie an ihn glaubt.«
»Ach, armer Paul, arme Benedetta. Was für ein Elend.«
»Was geht mich das an?«, sagte Benedetta mit fröhlicher Bitterkeit. »Ich werde tausend Jahre leben. Selbst wenn ich hundert Jahre lang mit Paul zusammenlebte, wäre dies doch bloß eine Episode. Wenn ich Paul jetzt bekäme, was würde ich dann später mit ihm anfangen, wenn es interessant wird? Was die Witwe betrifft, die können wir vergessen. Sie würde sich niemals in einen Mann verlieben, der sie überleben wird.«
»Oh. Also, das erklärt einiges. Schätze ich.«
»Begreifst du jetzt, Maya? Du bist nicht menschlich. Wir sind nicht menschlich. Aber wir können begreifen. Wir sind Kunsthandwerker. Wir wissen etwas, noch ehe wir es aussprechen können. Unser Begriffsvermögen wird dem Denken stets voraus sein.«
Ein Gong ertönte. Es war Marcel. Er rief etwas auf französisch, dann auf deutsch und auf englisch. Der Zeitpunkt für die Immersion war gekommen.
»Ich gehe nicht rein«, sagte Maya.
»Du solltest aber mit uns schwimmen, Maya. Es täte dir gut.«
»Das glaube ich nicht.«
»Das ist keine ernsthafte Virtualität. Das ist nicht das heilige Feuer. Der Immersionspool ist bloß das Spielzeug eines Reichen. Aber es ist nett. Und technisch raffiniert.«
Die anderen sprangen johlend ins funkelnde Wasser. Niemand tauchte wieder auf.
Benedetta schlang ihr üppiges Haar zu einem Knoten, sodass sie aussah wie Psyche. »Ich gehe rein. Ich glaube, heute habe ich Lust auf Sex.«
»Aber mit wem, um Himmels willen?«
»Also, wenn ich keinen finde, der es mit mir treibt, dann probiere ich’s vielleicht allein.« Lächelnd rannte sie los und stürzte sich kopfüber ins Nass. Weiße Luftblasen stiegen auf, und weg war sie.
Paul schlenderte am Rand des Pools entlang. Blickte hinein. Lächelte. Der Inbegriff der Zufriedenheit.
»Jetzt sind wir beide ganz allein!«, rief er.
Maya winkte ihm. »Nur zu, du brauchst mir nicht Gesellschaft zu leisten.«
Er schüttelte den Kopf. Er kam näher, mit langsamen Schritten, barfuß. »Ich kann doch nicht zulassen, dass du hier Trübsinn bläst.«
»Paul, weshalb gehst du nicht ins Wasser?«
»Du hast dich mit Benedetta über Politik unterhalten«, bemerkte Paul scharfsinnig. »Wir nehme diese Risiken und Anstrengungen nicht allein zum Spaß auf uns. Das wäre gleichbedeutend mit einer moralischen Niederlage. Wir müssen uns in unserer Jugend amüsieren, sonst hätte es wenig Sinn, jung zu sein. Du siehst, du musst einfach mitmachen.«
»So etwas macht mir Angst.«
»Dann will ich dir mal was drüber erzählen«, sagte Paul und setzte sich vorsichtig aufs Fußende der Liege. »Stell dir den Virtualitätspool als eine Art Creme de menthe vor. Okay? Die oberste Schicht besteht aus atembarer Silikonflüssigkeit. Spaßeshalber haben wir eine Spur Anandamin hineingetan. Unten befindet sich verformbare Flüssigkeit. Sie ähnelt den Flüssigkeiten, aus denen unser Freund Eugene seine Skulpturen gießt. Allerdings ist diese hier viel raffinierter und angenehmer, deshalb können wir darin schwimmen. Es handelt sich um eine tragende, tastbare, atembare Virtualität, in die man eintauchen kann.«
Maya schwieg. Sie bemühte sich, aufmerksam dreinzuschauen.
»Das beste daran ist die Plattform. Die Plattform ist ein Flüssigcomputer. Die logischen Schaltungen werden aus winzigen Schleusen und Kanälen gebildet. Verstehst du? Wir tauchen im Pool und atmen dabei die Essenz der Datenverarbeitung! Und der Computer konkretisiert sich, während er arbeitet. Flüssige Flüssigkeit als Software, gehärtete Flüssigkeit als Hardware. Das ist ein zutiefst poetisches Konzept. Wegen sowas kriegen die Gerontokraten Anfälle.« Paul lachte herzhaft.
»Na gut, ich hab’s kapiert. Das ist wirklich raffiniert, nicht wahr? Und jetzt geh bitte rein.«
Jetzt erst sah er sie bewusst an. Sie hatte den Eindruck, er blicke durch ihren Kopf hindurch.
»Bist du sauer auf mich, Maya?«
»Nein.«
»Habe ich dich verletzt oder beleidigt? Bitte sei aufrichtig.«
»Nein, ich bin ehrlich nicht verletzt.«
»Dann weis mich bitte nicht ab, wenn ich dich bitte, diese Erfahrung mit uns zu teilen. Wir gehen zusammen am flachen Ende rein. Ganz langsam. Ich bleibe in deiner Nähe. Einverstanden?«
Sie seufzte. »Na gut.«
Er führte sie an der Hand wie ein Mann, der eine Herzogin zu einer Quadrille geleitete. Die Flüssigkeit wimmelte von Millionen prismatischer Flocken. Vielleicht kleine, schwimmende Sensoren. Sensoren, die so winzig waren, dass man sie einatmen konnte. Die Flüssigkeit hatte Körpertemperatur. Sie wateten hinein. Maya hatte das Gefühl, ihre Beine lösten sich auf.
Das Einatmen war leichter, als sie gedacht hatte. Eine Mundvoll Flüssigkeit löste sich auf ihrer Zunge auf wie Sorbet, und als sie in ihre Lunge eindrang, reagierte diese mit verwundertem Entzücken, wie wunde Füße auf eine unverhoffte Massage. Selbst den Augäpfeln schmeichelte sie. Die Flüssigkeit schlug über ihren Köpfen zusammen. Man konnte nur bis zu den Fingerspitzen sehen. Paul hielt sie bei der Hand. Körperteile tauchten aus der funkelnden Düsternis hervor: Pauls Hände, die Ellbogen, die nackte Hüfte.
Sie drangen behutsam ins Tiefere vor, bis sie endlich schwammen. Bis hinunter zu der weißen, viskosen Oberfläche der Creme de menthe. Sie ähnelte smartem Ton. Auf Mayas Berührung hin reagierte sie mit unmissverständlicher Begeisterung. Paul nahm zwei Händevoll heraus, und die Flüssigkeit brodelte in seinen Händen, auf unbeschreibliche Art und Weise aktiv, wie ein Gedicht, im Begriff, sich in ein Puzzle zu verwandeln. Die Substanz kochte über vor Maschinenintelligenz. Irgendwie war sie lebendiger als Fleisch; sie wuchs unter ihren tastenden Fingern wie eine Bach-Sonate. Virtuelle Materie. Ein Gestalt gewordener Traum.
Jemand schwamm wie ein Frosch an ihr vorbei und stürzte sich kopfüber in die Masse, wie ein Skiläufer, der in eine Schneewehe katapultiert wird. Allmählich hatte sie den Dreh raus. Dieses Erlebnis ging über bloßen Eros, bloße Sinnlichkeit hinaus. Hautlos. Hautloses Erinnern. Blutige Nostalgie, ein somatisches Deja vu, neurales mono no aware. Erinnerungen, die sie bislang nicht zugelassen hatte. Von Empfindungen herrührend, die sie bislang unterdrückt hatte.
Die Erinnerung stürzte auf sie ein wie ein mit Nadeln gespickter Hammer. Mit Schmerz war es nicht zu vergleichen. Diese Empfindungen waren weitaus stärker als die Persönlichkeit. Diese Erfahrungen überstiegen das Fassungsvermögen des Bewusstseins. Gewaltige Kräfte durchsiebten das Fleisch, Kräfte, die der Verstand nicht fassen konnte. Ein Softwarecrash für die Seele.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie flach auf dem Rücken. Paul drückte mit der flachen Hand rhythmisch auf ihren Brustkasten, um sie wiederzubeleben. Flüssigkeit strömte ihr aus Nase und Mund, und sie hustete bestimmt einen Eimer voll davon aus.
»Ich bin explodiert«, keuchte sie.
»Maya, sag nichts.«
»Das hat mich umgehauen…«
Er presste sein Ohr zwischen ihre Brüste und hörte ihren Herzschlag ab.
»Wo bleibt der Krankenwagen?«, fragte Benedetta. »Mein Gott, jetzt warten wir schon eine geschlagene Stunde.« Sie wickelte sich zitternd in ein Badetuch.
Paul sagte: »Das war leichtsinnig von mir. Ich habe mal was über die neotelomerische Behandlung gelesen. Man ist in einer Art Virtualität eingeschlossen ... Ich hätte mir denken können, dass sowas passiert.« Er traktierte immer noch Mayas Brustkorb.
Maya drehte den Kopf und versuchte, etwas zu erkennen. Paul hatte sie vom Pool aus über die kalten Fliesen gezerrt und dabei eine glitzernde Fährte zurückgelassen, ähnlich der getrockneten Schleimspur einer Schnecke. Ein Stück weiter drängten sich die anderen, unterhielten sich besorgt, blickten zu ihr her. Ihre Füße ruhten auf Blöcken. Sie begann heftig zu zittern.
»Wenn du nicht aufhörst, kriegt sie wieder Krämpfe«, sagte Benedetta.
»Krämpfe sind besser als Atemstillstand«, erwiderte Paul und drückte fester zu.
Benedetta kniete neben ihr nieder, schaute sie besorgt an. »Hör auf, Paul«, sagte sie. »Sie atmet. Ich glaube, sie ist bei Bewusstsein.« Sie sah zu ihm auf. »Wird sie sterben?«
»Sie wäre mir fast in den Armen gestorben. Als ich sie aus dem Pool gezogen habe, waren ihre Pupillen unterschiedlich groß.«
»Kann sie nicht noch zehn Jahre leben? Das ist bloß ein Klacks, nicht wahr? Bloß zehn Jahre? Ich weiß, sie wird sterben, und ich werde um sie trauern, aber warum ausgerechnet jetzt?«
»Das Leben ist zu kurz«, sagte Paul. »Das Leben wird immer zu kurz sein.«
»Das glaube ich auch«, meinte Benedetta. »Wirklich, ich hoffe es. Ich glaube es mit ganzem Herzen.«
Die Medizinpolizisten brachten sie nach Prag. Dies stand in Zusammenhang mit einer geplanten Anklage wegen Netzwerkmissbrauchs. Offenbar gab es in Prag die meisten Beweise.
Im Zugangsbüro wollte man sie jedoch nicht festnehmen. Die Beamten des tschechischen Zugangsbüros begegneten den griechischen Medizinpolizisten mit Verachtung und Misstrauen; der Grund war offenbar eine eigenartige europäische Behördenrivalität. Als die Beamten im ersten Stock begriffen hatten, worum es ging, reagierten sie ausgesprochen verärgert. Sie meinten, sie würden sich mit ihr in Verbindung setzen, und versuchten sie dazu zu überreden, ihren Zuständigkeitsbereich zu verlassen und mit ihrer Eskorte in ein anderes Land zu gehen.
Die Aussicht, noch länger im Krankenhaus zu bleiben, schreckte Maya, deshalb weigerte sie sich. Sie bat darum, mit Helene Vauxcelles-Serusier sprechen zu dürfen. Voller Widerwillen sagte man ihr dies zu und gab ihr eine Nummer.
Sie und Brett nahmen in einem abgewinkelten Warteraum auf zwei hässlichen pinkfarbenen Plastikstühlen Platz. Nach einer Stunde überprüfte die griechische Medizineskorte sorgfältig Mayas Trackerhandschellen und ihren Stirnmonitor. Zufrieden mit dem Ergebnis, gingen sie wieder hinaus. Anschließend passierte so gut wie nichts mehr.
»Mann, das ist viel härter, als ich dachte«, sagte Brett.
»Gut, dass du mir Gesellschaft leistest, Brett. Ich weiß, es ist öde.«
»Nein, nein«, sagte Brett und rückte die Brille zurecht, »es ist ein großes Privileg, dein persönlicher Medienberichterstatter zu sein. Es hat mich wirklich gerührt, dass deine Freunde mich angerufen und mir diese phantastische Gelegenheit geboten haben. Es ist eine faszinierende Erfahrung. Ich hatte immer solche Angst vor den Behörden. Ich hatte ja keine Ahnung, dass wir ihnen so gleichgültig sind. Für junge Leute haben sie wirklich nur Verachtung übrig.«
»Das trifft es nicht. Man hat ihnen genau erklärt, dass ich nicht jung bin. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich Amerikanerin bin. Ich meine, selbst heute noch ist es schwierig, mit Leuten umzugehen, die einer ausländischen Gerichtsbarkeit unterstehen.«
Brett nahm die Brille ab und betrachtete die abgewetzten Bodenfliesen. »Ich wünschte, ich könnte dich hassen, Mia.«
»Warum?«
»Weil du alles verkörperst, was ich jemals sein wollte. Ich hätte Kontakt mit der aufregenden europäischen Künstlerszene aufnehmen sollen. Ich hätte an deiner Stelle auf den Laufsteg treten sollen. Du hast mir mein Leben gestohlen. Und jetzt bist du noch einen Schritt weiter gegangen. Du hast ihnen sogar weh getan. Das hätte ich mir nie zugetraut.«
»Tut mir Leid«, sagte Maya.
»Ich hatte so große Träume. Ich habe nie die Kraft aufgebracht, viel davon in die Tat umzusetzen. Irgendetwas hätte ich schon tun können. Vielleicht. Meinst du nicht auch? Du bist hübsch, aber ich bin ebenfalls hübsch. Du schläfst mit jedem, na ja, das tue ich auch. Ich bin sogar aus derselben Stadt wie du. Ich bin zwanzig, aber ich bin ebenso smart wie du, als du zwanzig warst. Oder nicht?«
»Natürlich bist du das.«
»Ich bin recht begabt. Ich kann Kleider machen. Das kannst du nicht. Was hast du, das mir abgeht?«
Maya seufzte. »Also, ich sitze hier auf einer Polizeiwache. Vielleicht kannst du die Frage besser beantworten.«
»Du bist nicht jung. Das ist der Grund, nicht wahr? Du hast mir mein Leben gestohlen, weil du älter und stärker bist als ich. Denn du hast es immer leicht gehabt. Ich meine, mag sein, du kannst in Panik geraten, mag sein, du kannst von Schuldgefühlen gepeinigt werden, mag sein, dass dir irgendein blöder vernetzter Hund einen höllischen Schrecken einjagt. Aber selbst wenn du nicht mehr weißt, wer du bist, weißt du es doch immer noch. Du bist fünfmal so alt wie ich und fünfmal stärker. Und du machst mir einfach keinen Platz.«
»Die Leute im Tete sind jung. So jung wie du.«
»Klar, und sie lieben dich, nicht wahr? Wenn du so alt wärst wie ich, würden sie dich für einen Provinztrottel halten. Genau wie mich. Und es stimmt sogar. Sie sind smart und begabt und intellektuell, und ich schaffe es höchstens mal, einen Blick hinter ihre Fassade zu werfen und sie zu beobachten und zu beneiden. In meinem Alter wäre es dir auch nicht besser ergangen als mir. Sogar viel schlimmer. Du hättest dich nicht mal von deinem Freund nach Europa mitnehmen lassen. Du hättest ihn fallengelassen und irgendeinen Biotechniker geheiratet. Du wärst eine Bürokratin geworden, Mia.«
Maya schloss die Augen und lehnte sich an die unbequeme Stuhllehne. Brett hatte vollkommen Recht und lag gleichzeitig völlig daneben. »Mir wäre es lieber, du würdest mich nicht Mia nennen.«
»Und mir wäre es lieber, du würdest mich nicht Brett nennen.«
»Also, gut ... dann nenn mich eben Mia.«
»Es stört mich gewaltig, dass du meinen Hass nicht einmal erwiderst. Du schleppst mich nur deshalb mit, weil ich dein Maskottchen bin. Ich bin dein kleiner Hamster. Und nicht mal den Hamster konntest du bei dir behalten.«
»Der Hamster ist mir unheimlich auf den Wecker gegangen. Und du fängst auch an, mir auf die Nerven zu gehen.«
»Du redest sogar wie eine Hundertjährige. Die Leute müssen alle verrückt sein! Ich meine, wenn man dich richtig anschaut, ist es doch ganz offensichtlich! Dein Haar ist fürchterlich. Weißt du, dass du am Hals große Falten hast? Ich meine, keine richtigen Runzeln, man hat der Haut nicht gestattet, Runzeln zu bilden - aber ehrlich, natürlich ist das jedenfalls nicht.«
»Brett, hör auf. Du redest Unsinn. Erst sagst du, ich würde dir dein Leben stehlen, und dann sagst du, du hättest sowieso nichts damit anfangen können. Also, worüber beschwerst du dich? Klar, vielleicht hättest du es vor achtzig Jahren viel weiter gebracht als ich. Aber hey, du warst nun mal nicht zur Stelle. Bei einer wie mir ist es zwecklos, die Vergangenheit zu verklären. Ich habe die Vergangenheit schließlich selbst erlebt, kapiert? Vor achtzig Jahren haben wir alles in allem gelebt wie die Wilden. Wir hatten unter Krankheiten und Revolutionen und schweren Wirtschaftskrisen zu leiden. Als ich jung war, haben sich die Leute gegenseitig mit Pistolen erschossen. Im Vergleich mit damals ist das hier das Paradies! Du tust mir einfach Unrecht, und was du sagst, hat weder Hand noch Fuß.«
»Aber, Mia, ich kann nicht so vernünftig sein wie du. Ich bin gerade mal zwanzig Jahre alt.«
»Ach, hör doch, um Himmels willen, auf mit dem Gejammere.«
»Ich bin zwanzig Jahre alt, und ich bin erwachsen. Aber nichts, was ich tue, ist von Bedeutung. Ich habe nicht mal Gelegenheit, zu beweisen, dass ich dumm bin. Ich vermute, dass ich es bin, und ich könnte damit leben, ganz bestimmt. Ich würde etwas anderes tun, ich würde nicht ins Kunsthandwerk gehen, ich würde einfach leben wie ein kleines Tier. Ich würde Kinder kriegen und vielleicht im Garten herumwerkeln. Aber nicht einmal das bekomme ich hin in dieser großen, sicheren, schönen Welt, die ihr für mich aufgebaut habt. Ich bringe es einfach zu nichts.«
Zwei tschechische Polizisten kamen herein. Die beiden waren nicht fürs Netz zuständig und auch nicht für den Medizinbereich oder das Kunsthandwerk. Offenbar handelte es sich um zwei einfache Streifenpolizisten aus Prag. Sie holten Phonetikkarten aus ihren pinkfarbenen Uniformen und lasen ihr mit starkem Akzent eine lange Liste ihrer Bürgerrechte vor. Dann stellten sie Maya unter Arrest und buchten sie in das lokale Verbundsystem ein. Man warf ihr Verstoß gegen die Einwanderungsbestimmungen und Arbeit ohne Arbeitserlaubnis vor.
Brett wurde hinausgeworfen. Brett schrie und schimpfte laut auf englisch, doch die tschechischen Polizisten waren geduldig, warfen sie hinaus und klopften sich anschließend die Hände ab. Maya musste sich nackt ausziehen und anschließend einen graubraunen Gefängnisoverall anziehen. Die Tracker an Armen und Stirn musste sie anbehalten.
Die Prager Polizisten brachten sie zu einem in der Nähe gelegenen Hochhaus und steckten sie in eine äußerst saubere Zelle. Dort vergegenwärtigte sie sich mit Erleichterung ihre Vergehen, derer sie nicht angeklagt war: (a) Netzmissbrauch, (b) Medizinbetrug, (c) gemeinschaftliche Verunreinigung eines städtischen Abwassersystems, (d) Beihilfe zur Beseitigung eines Mitglieds einer kriminellen Vereinigung und (e) zahlreiche Fälle von Schwarzfahren.
Zwei Tage lang kümmerte sich niemand um sie. Zu essen gab man ihr eine ausgesprochen gesunde medizinische Diät. Sie durfte fernsehen und bekam ein Kartenspiel. Etwa einmal pro Stunde schaute ein Roboter vorbei und verwickelte sie mit seinen sehr beschränkten Englischkenntnissen in eine Unterhaltung. Das Gefängnis war so gut wie leer und daher äußerst ruhig. In der Dekontaminationsabteilung waren ein paar Zigeuner untergebracht; nachts hörte Maya sie singen.
Am dritten Tag warf sie den Stirnmonitor weg. Die Armbänder vermochte sie allerdings nicht zu lösen.
Am vierten Tag ließ Helene sie zum Verhör vorführen. Helene hatte ein winziges Büro im obersten Stockwerk des Zugangsbüros. Maya registrierte voller Erstaunen, wie alt und klein und schäbig Helenes Büro war. Das Büro gehörte eindeutig ihr, denn an den Wänden hingen säuberlich gerahmte kleine Originalzeichnungen, die wahrscheinlich mehr wert waren als das ganze Gebäude. Maya hatte jahrzehntelang in einem weit besser ausgestatteten Büro gearbeitet.
Helene trug eine sehr schicke, gegürtete pinkfarbene Uniform. Der Raum hatte nur ein Fenster und enthielt lediglich einen Stuhl und einen Schreibtisch. Plötzlich sah sie einen kleinen weißen Hund. Und hinter dem Schreibtisch richtete sich ein großer brauner Hund auf.
Maya riss die Augen auf. »Hallo, Plato.«
Der Hund spitzte die Ohren und schwieg.
»Plato redet im Moment nicht«, sagte Helene. »Er ruht sich aus.«
Der Hund war recht mager, doch sein Fell glänzte, und seine Nase war feucht. Er war unbekleidet, doch Helene hatte ihm ein hübsches neues Halsband angelegt. »Plato scheint es wieder besser zu gehen. Das freut mich.«
»Bitte nehmen Sie Platz, Mrs. Ziemann.«
»Hätten Sie was dagegen, wenn wir uns mit Vornamen anreden, dann brauche ich Ihren wunderschönen Nachnamen nicht mit meinem fürchterlichen Französisch zu entstellen.«
Helene überlegte kurz. »Ciao, Maya.«
»Ciao, Helene.« Sie setzte sich.
»Tut mir Leid, aber ich hatte ein paar Tage außerhalb zu tun.«
»Das macht nichts. Was bedeuten unsereins schon ein paar Tage?«
»Nett von Ihnen, dass Sie so verständnisvoll sind. Ich wünschte, Sie hätten unter medizinischer Beobachtung ebenso große Geduld gezeigt.«
»Touche«, murmelte Maya.
Helene schwieg. Sie blickte versonnen aus dem Bürofenster.
Auch Maya schwieg. Sie musterte ihre lackierten Fingernägel.
Maya brach das Schweigen als erste. »Ich kann nicht so lange warten wie Sie«, platzte Maya vorlaut und unwahrheitsgemäß heraus. »Ich mag Ihre Bilder.«
»Wissen Sie, dass wir hunderttausend Dollar für Ihre Behandlung ausgegeben haben?«
»Hundertzwölftausenddreihundertundzwölf.«
»Und Sie hatten nichts Besseres zu tun, als in Europa Urlaub zu machen.«
»Würde es etwas nützen, wenn ich sage, dass es mir Leid tut? Natürlich tut es mir kein bisschen Leid, aber wenn es jemandem hilft, dann bin ich gerne höflich.«
»Was tut Ihnen denn nun Leid, Maya?«
»Nicht viel. Also, ich bedaure sehr, dass ich meine Fotos verloren habe.«
»Ist das alles?« Helen wühlte in einer Schreibtischschublade. Sie holte eine Diskette hervor. »Hier.«
»Oh!« Maya nahm die Diskette begierig entgegen. »Sie haben sie kopiert! Ach, ich kann gar nicht glauben, dass ich sie wieder habe.« Sie küsste die Diskette. »Vielen, vielen Dank!«
»Sie wissen, dass die Fotos schlecht sind, nicht wahr?«
»Ja, das weiß ich, aber ich werde allmählich besser.«
»Nun, damit war zu rechnen. Sie haben einen Abklatsch von Novaks Bildern zustande gebracht. Aber sie haben kein Talent.«
Maya machte große Augen. »Ich glaube, darüber zu urteilen steht Ihnen nicht zu.«
»Natürlich steht es mir zu«, entgegnete Helene geduldig. »Wer könnte besser darüber urteilen als ich? Ich kannte Patzelt und Paul und Becker. Ich war mit Capasso verheiratet. Ich kannte Ingrid Harmon schon, als noch niemand glaubte, sie könne malen. Sie sind keine Künstlerin, Mrs. Ziemann.«
»Ich glaube, dafür, dass ich erst vor vier Monaten angefangen habe, bin ich gar nicht so schlecht.«
»Kunst entwickelt sich nicht in einem metabolischen Tank. Wenn es so wäre, würde das wahre Begabung und Inspiration ad absurdum führen. Die Fotos sind banal.«
»Paul sieht das anders.«
»Paul ...« Sie seufzte. »Paul ist kein Künstler. Er ist ein Theoretiker, ein sehr junger, sehr von sich eingenommener und sehr schlechter Theoretiker. Wenn diese Leute glauben, sie könnten Kunst und Wissenschaft wie Whiskey und Soda mischen, dann begehen sie einen elementaren Irrtum. Das ist ein krasser Fehlschluss. Wissenschaft ist nicht Kunst. Wissenschaft setzt sich zusammen aus objektiven Techniken, die zu reproduzierbaren Ergebnissen führen. Auch Maschinen könnten Wissenschaft betreiben. Kunst ist kein reproduzierbares Ergebnis. Kreativität ist ein zutiefst subjektiver Akt. Und Ihre Subjektivität ist schwer geschädigt und fragmentiert.«
»Meine Subjektivität ist anders. Und man kann Kunst und Wissenschaft bestimmt leichter miteinander vereinbaren als Kunstkritik und einen Polizistenjob.«
»Ich bin keine Künstlerin. Ich interessierte mich bloß für Kunst.«
»Wenn Sie die Wissenschaft so sehr verachten, weshalb leben Sie dann noch?«
Helene schwieg.
»Wovor haben Sie solche Angst?«, fragte Maya. »Ich zerstöre ja nur ungern Ihren hübschen Mythos, aber wenn eine Kamera Kunst hervorbringen kann, dann sicherlich auch ein metabolischer Tank. Sie haben bloß nicht in den richtigen Tanks gelegen. Ich verfüge jetzt über das heilige Feuer. Das ist eine blödsinnige Bezeichnung, ich weiß, aber es ist ebenso real wie Dreck, weshalb also sollte ich mich darum scheren, wie Sie es nennen?«
»Dann beweisen Sie’s mir«, sagte Helene und verschränkte die Arme. »Zeigen Sie mir etwas wirklich Gelungenes. Zeigen Sie mir etwas wahrhaft Eindrucksvolles, das Sie oder ihre jungen Freunde erschaffen haben. Computer-Hacking zählt nicht, jeder Idiot kann in vierzig Jahre alte Sicherungssysteme eindringen. Neue Medienformen zählen ebenfalls nicht, jeder Idiot kann einem neuen Medium billige Neuheiten entlocken. Sie sind klug, aber es fehlt ihnen an Tiefgang! Die Tete-Leute jammern und klagen gern, dabei haben die Künstler von heute alle Vorteile auf ihrer Seite. Bildung. Muße. Eine ausgezeichnete Gesundheit. Kostenlose Ernährung, kostenlose Unterkunft. Unbegrenzte Reisemöglichkeiten. Alle Zeit der Welt, um ihre Fähigkeiten zu vervollkommnen. Alle Informationen, die das Netz bereitzustellen vermag, das Welterbe der Kunst. Und was haben sie uns gegeben? Einen zutiefst schlechten Geschmack.«
»Was erwarten Sie denn? Sie sind Produkte Ihrer Welt. Ich bin ein Produkt Ihrer Welt. Was wollen Sie von mir?«
Helene zuckte die Achseln. »Was soll ich mit Ihnen anfangen?«
»Ach, kommen Sie, Helene. Erzählen Sie mir nicht, Sie hätten sich nicht bereits entschieden.«
Helene breitete die Arme aus. »Die Kinder kapieren’s einfach nicht. Sie glauben wirklich, die Welt sei im Begriff zu fossilieren. Sie haben keine Ahnung, wie nahe wir dem Chaos sind. Die Kinder wollen Macht. Macht ohne Verantwortung, ohne Umsicht oder Reife. Sie wollen ihr Gehirn verändern! Und Sie haben ihnen dabei geholfen! Sind unsere Gehirne nicht schon genug verändert?«
»Mag sein. Ich weiß, dass sie schon recht stark verändert sind. Glauben Sie mir, ich spüre das. Aber ich kann es Ihnen wirklich nicht erklären.«
»Sie können es mir nicht erklären. Wie beruhigend. Stellen Sie sich vor, es gäbe in der modernen Welt wahre Rebellen. Verrückte Rebellen, richtig altmodische Fanatiker, die aus brandneuen metabolischen Tanks kriechen. Wussten Sie, dass man mit jedem gewöhnlichen Tinkturenset ausreichend Nervengas herstellen kann, um die Bevölkerung einer ganzen Stadt zu vergiften? Und da sitzen Sie, Schätzchen, mit Ihrem hübschen kleinen Furoshiki und vergehen sich mit ungebremster Gewalt an den Naturgesetzen ... Die halten Sie für schlau. Sie halten sich für schlau. Die glauben, alles wäre einer lähmenden Kontrolle unterworfen. Nichts ist unter Kontrolle. Die Hälfte der heutigen Bevölkerung hat den Kontakt zur objektiven Realität verloren. Sie bringen sich mit Entheogenen um den Verstand. Sie glauben, sie würden Gott erfahren, und wenn sie ihre Regierung nicht zufällig lieben und ihr vertrauen würden, dann würden sie sich gegenseitig abschlachten.«
»Dann ist es ja nur gut, dass Ihr Regierungsleute so liebenswert seid.«
»Sie waren ebenfalls Teil der Regierung. Sie sind Medizinökonomin. Nicht wahr? Sie wissen genau, welche Mühen wir auf uns genommen haben. Wie viel Arbeit diese gewaltige Anstrengung erfordert hat. Sie verschwenden das Geld armer, ehrlicher Leute, wenn Sie nach allem, was die Öffentlichkeit in Ihren Körper investiert hat, weglaufen, um sich zu amüsieren. Ist das fair? Es ist ein Wunder, dass wir eine gerechte Gesellschaft aufgebaut haben, in der die Reichen und Mächtigen nicht auf dem Leben anderer Menschen herumtrampeln und es ihnen rauben.«
»Ja, dafür habe auch ich gestimmt«, sagte Maya.
»Diese Kinder halten die Welt, die wir aufgebaut haben, für selbstverständlich. Sie halten sich für unsterblich. Vielleicht sind sie das ja, aber sie glauben, sie hätten die Unsterblichkeit verdient. Sie glauben, die Verlängerung der Lebensspanne sei ein mystischer technischer Impuls. Das stimmt nicht. Da ist nichts Mystisches dabei. Reale Menschen arbeiten sehr hart für diesen Fortschritt. Menschen reißen sich entzwei und geben ihr Bestes, um den Tod weiter hinauszuschieben. Sie sind keine Künstlerin, aber wenigstens haben Sie der Gesellschaft einmal genützt. Jetzt schaden Sie ihr aktiv.«
»Die haben Ihnen wirklich weh getan, nicht wahr?«
»Ja, sie haben richtigen Schaden angerichtet.«
»Es freut mich, dass sie Ihnen weh getan haben.«
»Es freut mich, dass Sie das sagen«, meinte Helene aufgeräumt. »Ich dachte, Sie wären verrückt, Ihr moralisches Urteilsvermögen wäre eingeschränkt. Jetzt sehe ich, dass Sie vorsätzlich boshaft sind.«
»Was haben Sie mit mir vor? Sie können mich nicht wieder zu Mia machen.«
»Nein, das kann ich nicht. Ich wünschte, ich könnte es, aber dafür ist es zu spät. Ein gescheitertes Experiment lässt sich nicht rückgängig machen. Experimente scheitern bisweilen, sowas kommt vor, das liegt in der Natur der Sache. Aber wir können die Fehler beheben; und wir können versuchen, in Zukunft produktiver zu sein.«
»Aha.«
»Sie sind Medizinökonomin. Sie haben solche Entwicklungen früher selbst bewertet. Nicht wahr? Wie würden Sie eine Behandlung bewerten, die Betrügereien und Verrückte hervorbringt?«
»Helene, wollen Sie damit sagen, die anderen NTDZ-Patienten hätten sich ebenso merkwürdig verhalten wie ich?«
»Nein, keineswegs. Über die Hälfte waren Musterpatienten. Diese Leute tun mir wahrhaft Leid. Sie haben sich der Behandlung in gutem Glauben unterzogen und sind ihren gesellschaftlichen Pflichten nachgekommen, und jetzt sind sie gestrandet. In einer toten lebensverlängernden Entwicklungslinie gefangen. Und das alles wegen einer rücksichtslosen Unzufriedenen.«
»Das sind ja wundervolle Neuigkeiten.« Maya lachte. »Das macht mich richtig glücklich! Es tut gut zu wissen, dass ich Brüder und Schwestern habe ... Und Sie haben mir die Fotos zurückgegeben! Die Fotos sind schlecht, aber zumindest ein untrüglicher Beweis dafür, dass ich nicht Mia bin.«
»Die Fotos beweisen gar nichts.«
»Doch. Na ja, sie werden es. Ich werde beweisen, dass ich jetzt besser bin. Ich werde beweisen, dass ich besser als Mia bin. Nur zu, verweigern Sie mir künftige Behandlungen. Ich werde meinen Wert unter Beweis stellen. Ich werde euch zu dem Eingeständnis zwingen. Ich bin viel mehr wert als lausige hunderttausend Dollar.«
»Mir werden Sie gar nichts beweisen.«
»Warten wir’s ab. Was wissen Sie schon? Sie sind reich und berühmt, viele Männer haben Sie angebetet, und Sie sind eine der bedeutendsten Kunstsammlerinnen des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Toll, aber was beweist das? Verraten Sie mir Ihren Lieblingsfotografen.«
»Da muss ich überlegen.« Helene dachte nach. »Helmut Weisgerber.«
»Was, der Typ, der die arktischen Landschaften fotografiert hat? Der Bergsteiger? Sie mögen Weisgerber?«
»Ich habe ihn so sehr gemocht, dass ich ihn geheiratet habe.«
»Finden Sie wirklich, dass Weisgerber besser als Capasso ist? Eric Capasso war so sinnlich und lebendig. Capasso war bestimmt sehr unterhaltsam.«
»Capasso war hochbegabt, aber melodramatisch. Tief im Innern war er Bühnenbildner. Weisgerber hingegen - an den klassischen Weisgerber reicht niemand heran.«
»Ich muss zugeben, dass ich Weisgerbers Laub-Serie sehr mag.«
»Die habe ich damals in Auftrag gegeben.«
»Wirklich, Helene? Das muss toll gewesen sein ...«
An der Tür wurde zaghaft geklopft.
»Ich habe Mineralka bestellt«, erklärte Helene. »Die Bedienung lässt hier auf sich warten.« Sie hob die Stimme. »Entrez.«
Die Tür ging auf. Es war Brett.
»Komm rein, Brett. Wir haben soeben über Ästhetik geplaudert.«
Brett stellte ihren Rucksack auf den Boden.
»Brett, das ist Helene. Helene, Brett. Ich meine, Natalie. Tut mir Leid.«
»Unbefugten ist der Zutritt nicht gestattet«, sagte Helene, sich erhebend. »Ich muss Sie leider bitten, wieder zu gehen.«
»Dann bin ich also unbefugt eingedrungen«, sagte Brett und rückte die Brille zurecht. »Ich habe schon befürchtet, man würde sie mit einem Gummischlauch prügeln oder sowas, und das wollte ich dokumentieren.«
»Wir unterhalten uns gerade über Fotografie«, sagte Maya.
»Will sie dir eine Verhaltensmodifikation verpassen?«
»Nein, ich glaube, man will mich bloß von der lebensverlängernden Behandlung ausschließen. Offenbar habe ich eine Menge Staub aufgewirbelt.«
»Ja, klar. Das ist unheimlich wichtig. Ein Haufen reicher Gerontokraten und eine fehlgeschlagene Lebensverlängerung. Das muss wirklich faszinierend sein.« Brett trat ans Fenster und blickte hinaus. »Hübsche Aussicht. Wenn man Elektrizitätswerke mag.«
Helene musterte sie erstaunt. »Miss, das hier ist eine polizeiliche Befragung. Sie ist vertraulich. Sie haben hier nichts zu suchen.«
»Was werden Sie mit diesen Künstlerkids anfangen?«
»Darüber haben wir noch nicht gesprochen«, sagte Maya.
»Du meinst, während die das Universum aus den Angeln heben, sitzt ihr zwei alten Kühe beieinander und redet über Fotografie.« Brett schnippte mit dem Daumen gegen den Fensterriegel. »Typisch.«
»Ich fordere Sie auf, sofort den Raum zu verlassen«, sagte Helene. »Sie sind nicht nur ungezogen, Sie verstoßen gegen das Gesetz.«
»Hätte ich bloß eine Waffe«, sagte Brett. »Dann würde ich euch beide erschießen.« Sie öffnete das Fenster.
»Brett, was machst du da?«
Brett kletterte aus dem Fenster und stellte sich außen auf den Sims.
»Halten Sie sie auf«, sagte Maya rasch. »Nehmen Sie sie fest!«
»Wie denn? Ich bin unbewaffnet,«
»Mein Gott, warum haben Sie denn keine Waffe?«
»Sehe ich etwa so aus, als würde ich bewaffnet herumlaufen?« Helene näherte sich dem Fenster. »Junge Frau, bitte kommen Sie wieder ins Zimmer.«
»Ich springe«, murmelte Brett undeutlich.
Maya eilte ans Fenster. Brett wich ihr seitlich aus.
»Brett, mach keine Dummheit. Bitte tu’s nicht. Du darfst das nicht tun. Du kannst mit uns reden, Brett. Bitte komm wieder rein.«
»Ihr wollt doch gar nicht mit mir reden. Was ich auch sage, es interessiert euch doch gar nicht. Ihr wollt bloß keine Unannehmlichkeiten haben.«
»Bitte komm wieder rein«, flehte Maya. »Ich weiß, du bist tapfer. Du brauchst uns nichts zu beweisen.«
Brett schlug die Hände vors Gesicht. Draußen wehte ein heftiger Wind, der an ihrem Haar zerrte. »Hallo, ihr da unten!«, schrie sie. »Ich springe!«
Maya und Helene drängten sich im offenen Fenster. »Ich klettere ihr nach«, erklärte Maya und kniete sich aufs Fensterbrett.
»Nein, das werden Sie nicht tun. Sie sind in Polizeigewahrsam. Setzen Sie sich!«
»Nein!«
Helene wandte sich um und sagte etwas auf französisch zu den Hunden. Der weiße Hund trippelte durch die geöffnete Tür. Plato stand auf, fixierte Maya und erzeugte ein Knurren tief in seiner Kehle. Maya setzte sich. »Verschwinde, Cop!«, schrie Brett. »Es ist mein gutes Recht, mich umzubringen. Das kannst du mir nicht nehmen!«
»Ich gebe zu, das ist Ihr Bürgerrecht«, sagte Helene. »Niemand hat die Absicht, Sie in Ihren Rechten einzuschränken. Aber Sie können im Moment nicht klar denken. Sie sind sehr verwirrt und stehen offenbar unter Drogeneinfluss. Wenn Sie sich umbringen, ändert das nichts.«
»Natürlich ändert das was«, entgegnete Brett. »Für mich verändert das alles.«
»Da irren Sie sich«, sagte Helene eindringlich. Sie bemühte sich, Brett zu beruhigen. »Es wird allen Schmerzen bereiten, die Sie lieben. Wenn Sie dies um einer bestimmten Sache willen tun, wird das Ihr Anliegen in den Augen aller vernünftigen Menschen lediglich diskreditieren.« Helene blickte sich ins Zimmer um. »Gehört sie zu Pauls Gruppe?«, zischte sie. »Ich habe sie noch nie gesehen.«
»Das ist bloß irgendein Kid«, sagte Maya.
»Wie heißt sie?«
»Natalie.«
Helene streckte den Kopf hinaus, »Natalie, hören Sie! Natalie, hören Sie auf! Natalie, reden Sie mit mir.«
»Sie glauben wohl, ich wollte ewig leben«, sagte Natalie. Und sie sprang.
Maya stürzte ans Fenster. Natalie lag zerschmettert inmitten einer kleinen Menschenmenge. Mehrere Leute sprachen in ihre Netzgeräte und riefen Hilfe herbei.
»Den Anblick ertrage ich nicht«, sagte Helene schaudernd. Sie entfernte sich vom Fenster und fasste Maya beim Arm.
Maya riss sich los.
»Das habe ich schon öfters erlebt«, sagte Helene erschöpft. »Sie tun es einfach. Sie verfügen über sich und beenden ihr Leben. Dazu bedarf es einer enormen Willensanstrengung.«
»Sie hätten mich ihr nachklettern lassen sollen.«
Helene schmetterte das Fenster zu. »Ich bin für Sie verantwortlich. Sie stehen unter Arrest. Sie klettern nirgendwo hin, und Sie bringen sich auch nicht um. Setzen Sie sich!«
Plato richtete sich auf und bellte. Helene fasste ihn beim Halsband. »Arme Kids«, sagte sie und wischte sich die Augen. »Wir müssen ihnen ihren Willen lassen. Es gibt keine Alternative ... Arme Kids, das sind doch auch bloß Menschen.«
Maya ohrfeigte sie.
Helene riss erstaunt die Augen auf, dann wandte sie ihr langsam die andere Wange zu. »Geht es Ihnen jetzt besser, Schätzchen? Dann nehmen Sie auch noch die andere.«