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Mia Ziemann wollte wissen, wie man sich an einem Sterbelager kleidete.
Im Netz riet man ihr zu Schlichtheit und Aufrichtigkeit. Mia war eine vierundneunzigjährige kalifornische Medizinökonomin, während der Todkranke, Martin Warshaw, vor vierundsiebzig Jahren auf dem College ihr Geliebter gewesen war. Mia rechnete mit einer vorbereiteten Erklärung. Höchstwahrscheinlich würde es eine Hinterlassenschaft geben. Die Unterhaltung würde sich darum drehen, Mr. Warshaws Leben nachträglich eine Ordnung aufzuprägen, um dem Bedürfnis nach Würde und Geschlossenheit, die im letzten Lebensabschnitt von besonderer Bedeutung waren, Genüge zu tun. Er würde sie nicht bitten, beim tatsächlichen Todeseintritt zugegen zu sein.
Die Wiedervereinigung ehemaliger Geliebter am Sterbebett stellte eine Herausforderung an die Etikette dar, denn gesellschaftliches Wohlverhalten genoss gegen Ende des einundzwanzigsten Jahrhunderts einen hohen Stellenwert. Problemfälle wie dieser wurden in endlosen Kommentarrunden, Arbeitspapieren von Expertengremien, anekdotischen Testamenten, auf Ethikkongressen, in vereideten öffentlichen Anhörungen und Benimmleitfäden ausgiebig erörtert. Kein Aspekt des menschlichen Lebens war davor gefeit, mit aufmerksamem, besonnenem und reifem Rat bedacht zu werden.
Mia hatte so viel von diesem Material studiert, wie sie verdauen konnte. Den Nachmittag verbrachte sie damit, sich mit Martin Warshaws finanziellen und medizinischen Daten vertraut zu machen. Sie hatte Martin seit fünfzig Jahren nicht mehr gesehen, seine berufliche Karriere aber bis zu einem gewissen Grad verfolgt. Martins Daten waren höchst aufschlussreich und informativ. Sein Leben wurde dadurch zu einem offenen Buch. Das war ihr Zweck.
Mia fasste einen Entschluss: schwarze, flache Schuhe, Stützstrümpfe, einen reaktiven Gürtel und ein Korsett, ein knielanges Seidenkleid in Kastanienbraun und Grau, lange Ärmel, hoher Kragen. Ein Hut kam ihr durchaus angemessen vor. Keine Handschuhe. Handschuhe wurden zwar empfohlen, wirkten aber zu klinisch.
Mia ließ sich das Blut filtern, die Haut enzymieren und unterzog sich anschließend einer knochentiefen Massage. Sie nahm ein Mineralbad und manikürte sich die Hände. Sie ließ sich das Haar waschen, laminieren, volumisieren, legen und lackieren. Sie erhöhte den Anteil gesättigter Fettsäuren in ihrer Kost. Die Nacht verbrachte sie unter einem Überdruckzelt.
Am nächsten Morgen, dem 19. November, ging Mia in die Stadt, um sich einen dezenten Hut auszusuchen, einen Hut, der den Umständen wahrhaft angemessen wäre. Es war ein kalter Herbsttag in San Francisco. Von der Bucht wehte Nebel heran und sickerte durch die belaubten Flanken der Bürotürme. Sie spazierte umher, besah sich die Auslagen und spazierte weiter, lange Zeit. Sie fand nichts, was ihrer Stimmung entsprochen hätte.
Ein Hund folgte ihr die Market Street entlang und bahnte sich geschickt einen Weg durchs Gewühl. In einem schattigen Säulengang streckte sie lockend die bloße Hand aus.
Der Hund verharrte furchtsam, dann kam er näher und beschnüffelte ihre Finger.
»Bist du Mia Ziemann?«, fragte der Hund.
»Ja, die bin ich«, antwortete Mia. Menschen gingen vorbei, mit energischen, zielstrebigen Schritten und ernster Miene; ihre sauberen Schuhe scharrten über das rote Backsteinpflaster des Gehsteigs. Der Hund ließ sich unter Mias stetigem Blick auf die Hinterbeine nieder.
»Ich bin dir von zu Hause gefolgt«, prahlte der Hund, rhythmisch japsend. »Das war ein weiter Weg.« Der Hund trug einen karierten Strickpullover, maßgeschneiderte Hundehosen und ein schwarzes Strickkäppchen.
Die behandschuhten Vorderpfoten des Hundes taugten auch zum Greifen, ähnlich den Pfoten eines Waschbären. Sein rehbraunes Fell war kurz geschoren, und er hatte hübsche, große Augen. Die Stimme kam aus einem in den Hals implantierten Lautsprecher.
Ein Auto hupte einen säumigen Fußgänger an, ein einzelner Ton, der die gedämpfte Geräuschkulisse des Zentrums von San Francisco unangenehm störte. »Ja, der Weg war weit«, sagte Mia. »Das hast du gut gemacht. Braver Hund.«
Der Hund freute sich über das Lob und wedelte mit dem Schwanz. »Ich glaube, ich habe mich verlaufen, und ich bin ziemlich hungrig.«
»Nur keine Sorge. Guter Hund.« Der Hund duftete nach Eau de Cologne. »Wie heißt du?«
»Plato«, antwortete der Hund schüchtern.
»Das ist ein hübscher Name für einen Hund. Weshalb bist du mir gefolgt?«
Diese raffinierte Gesprächswendung überforderte das beschränkte Sprachvermögen des Hundes, daher wechselte er mit der unerschütterlichen Wendigkeit seiner Art einfach das Thema. »Ich lebe bei Martin Warshaw. Er ist sehr gut zu mir. Er füttert mich gut. Martin riecht auch gut. Aber ... nicht mehr wie früher. Nicht wie ...« Der Hund wirkte gequält. »Jetzt nicht mehr…«
»Hat Martin dich beauftragt, mir zu folgen?«
Der Hund dachte nach. »Er spricht von dir. Er will dich sehen. Du solltest ihn besuchen. Er ist unglücklich.« Der Hund beschnüffelte das Pflaster, dann sah er erwartungsvoll zu Mia auf. »Hast du einen Leckerbissen?«
»Ich habe keinen Leckerbissen dabei, Plato.«
»Das ist schade«, meinte Plato.
»Wie geht es Martin? Wie fühlt er sich?«
In den behaarten Augenwinkeln des Hundes zeigte sich eine unbestimmte Angst. Es war schon eigenartig, wie das Gesicht eines Hundes an Ausdrucksfähigkeit gewann, wenn er erst einmal Sprechen gelernt hatte. »Nein«, sagte zögernd der Hund. »Martin riecht unglücklich. Zu Hause ist es nicht mehr schön. Martin macht mich sehr traurig.« Er begann zu heulen.
Die Bürger von San Francisco waren sehr tolerant, zivilisiert und kosmopolitisch. Ganz offensichtlich missbilligten es die Passanten, dass Mia einen Hund in der Öffentlichkeit zum Weinen gebracht hatte.
»Schon gut«, sagte Mia beschwichtigend. »Beruhige dich. Ich begleite dich. Wir gehen gleich zu Martin.«
Der Hund winselte, zu durcheinander, um ein Wort herauszubringen.
»Bring mich zu Martin Warshaw«, sagte Mia.
»Ja, gern«, sagte der Hund, dessen Miene sich wieder aufgehellt hatte. In sein Universum war wieder Ordnung eingekehrt. »Das kann ich. Das ist leicht.«
Er führte sie freudig umherhüpfend zu einer Straßenbahn. Der Hund zahlte für sie beide, und an der dritten Haltestelle stiegen sie aus. Martin Warshaw hatte sich dafür entschieden, nördlich der Market Street in Nob Hill zu wohnen, in einem der in den 2060ern erbauten erdbebensicheren Hochhäuser, einem polychromen Wolkenkratzer. Den aufdringlichen Schönheitsnormen jener Zeit entsprechend war die Fassade bunt gekachelt und mit ausladenden Erkern und Balkonen durchsetzt.
Im Innern herrschte betäubende Stille. In der Lobby wuchs ein Wäldchen durchdringend duftender Orangen- und Avocadobäume in bunten Zwei-Tonnen-Kübeln. In den Bäumen hüpften Scharen zwitschernder kleiner Finken umher.
Mia folgte ihrer Hundeeskorte in einen graffitiverkrusteten Aufzug. Im zehnten Stock traten sie auf einen Gang mit Kopfsteinpflaster hinaus. Die Innenbeleuchtung des Gebäudes imitierte hyperrealistisch den Sonnenschein Nordkaliforniens. Mia bahnte sich einen Weg zwischen den Kübeln mit großen Jakarandabäumen hindurch und kaufte an einem Automaten vakuumverpacktes Hundefutter. Der Hund nahm das knochenförmige Gebilde mit höflicher Begeisterung entgegen.
Duftende Glyzinen rankten an der Außenwand von Martins Wohnung empor. Auf eine Berührung der Hundepfote hin glitt die schwere Tür beiseite.
»Mia Ziemann ist da!«, verkündete der Hund lautstark ins Leere hinein. Das Wohnzimmer wies die klinische Sauberkeit eines altmodischen Hotels auf: Kübelpalmen, ein Medienschrank aus Mahagoni, große Messingstehlampen, ein Teaktisch mit Glasplatte, darauf makellose Glassachen und luftdicht verschlossene Gläser mit Nussmischungen. Zwei große Ratten mit Steuerhalsbändern fraßen Laborfutter aus einer Schüssel auf dem Tisch.
»Gibst du mir deinen Mantel?«, fragte der Hund.
Mia legte den braunen Gabardinemantel ab und reichte ihn dem Hund. Darunter trug sie ihre gewöhnliche Einkaufskleidung: maßgeschneiderte Hosen und eine langärmlige Bluse. Sie war leger gekleidet; das ließ sich nicht ändern. Der Hund machte sich spielerisch an einem Garderobenständer zu schaffen.
Mia hängte ihre Handtasche auf. »Wo ist Martin?«
Der Hund führte sie ins Schlafzimmer. Auf einem schmalen Bett lag ein Sterbender in einem gemusterten japanischen Pyjama. Entweder er schlief, oder er war bewusstlos; sein faltiges Gesicht war erschlafft, sein dünnes, lebloses Haar zerzaust.
Als sie ihn erblickte, hätte Mia beinahe kehrtgemacht und wäre fortgelaufen. Ein so starkes, elementares Gefühl wie den Drang, aus dem Zimmer, aus dem Gebäude, aus der Stadt zu flüchten, hatte sie seit Jahren nicht mehr empfunden.
Mia hielt stand. Angesichts der unerbittlichen Realität des Todes wurden all der eingeholte Rat und alle Vorbereitung hinfällig. Sie stand da und wartete darauf, dass sie sich erinnerte – an irgendetwas. Dann endlich erkannte sie den Mann wieder, und das Gesicht des Sterbenden stellte sich scharf.
Sie hatte Martin seit über fünfzig Jahren nicht mehr gesehen. Vor über siebzig Jahren hatte sie zuletzt mit ihm geschlafen.
Doch unbestreitbar war dies Martin Warshaw. Das, was von seiner leiblichen Hülle übrig geblieben war.
Der Hund stupste mit der kalten Schnauze Warshaws Hand an. Warshaw regte sich. »Mach die Fenster auf«, flüsterte er.
Der Hund tippte auf einen Schalter in Bodennähe.
Vorhänge rollten beiseite, und die wandhohen Fenster glitten auf und ließen die feuchte Pazifikluft herein.
»Hier bin ich, Martin«, sagte Mia.
Er blinzelte überrascht. »Du kommst früh.«
»Ja. Ich bin deinem Hund begegnet.«
»Ach so.« Das Kopfteil des Sterbebetts hob sich, bis er eine sitzende Haltung einnahm. »Plato, bitte bring Mia einen Stuhl.«
Der Hund packte das geschwungene Holzbein des nächsten Stuhls und zerrte ihn, vor Anstrengung japsend und winselnd, mühsam über den Teppich. »Danke«, sagte Mia und setzte sich.
»Plato«, sagte der Sterbende, »bitte sei jetzt still. Hör uns nicht zu, rede nicht. Du kannst abschalten.«
»Ich soll abschalten? Ist gut, Martin.« Der Hund sank in tiefer Verwirrung auf den Teppichboden nieder. Er legte den Kopf auf den Boden und zuckte ein wenig, als ob er träumte.
Die Wohnung war makellos sauber und verräterisch ordentlich. Alles deutete darauf hin, dass Martin das Bett seit Wochen nicht mehr verlassen hatte. Reinigungsmaschinen hatten saubergemacht, und Leute vom Sozialdienst waren auf ihrer niemals endenden Runde vorbeigekommen. Das Sterbebett wirkte diskret, doch das leise Summen und ein gelegentliches gedämpftes Gurgeln ließen erkennen, dass es gut ausgerüstet war.
»Magst du Hunde, Mia?«
»Das ist ein sehr hübsches Exemplar«, antwortete Mia ausweichend.
Der Hund erhob sich, schüttelte sich ausgiebig und begann, ziellos im Raum umherzuschnüffeln.
»Ich habe Plato jetzt seit vierzig Jahren«, sagte Martin. »Er ist einer der ältesten Hunde Kaliforniens. Einer der am stärksten modifizierten Hunde in Privatbesitz - man hat sogar in den Hundezüchterzeitschriften über ihn geschrieben.« Martin lächelte schwach. »Plato ist derzeit jedenfalls berühmter als ich.«
»Offenbar hast du dir viel Mühe mit ihm gegeben.«
»Oh, ja. Er hat die gleichen Prozeduren durchgemacht wie ich. Ausschabung der Arterien, Nieren-, Leber- und Lungenregeneration ... Ich habe keine lebensverlängernde Maßnahme angewendet, ohne sie zuvor am braven alten Plato ausprobiert zu haben.« Martin faltete seine knochigen, wächsernen Hände. »Natürlich ist es einfacher und billiger, veterinärmedizinisch vorzugehen, als das Leben eines Menschen über den Tod hinaus zu verlängern - aber ich nehme an, ich brauchte das Gefühl von Partnerschaft. Medizinischen Experimenten solcher Tragweite unterzieht man sich nicht gern allein…«
Sie wusste, was er meinte. Dieses Einstellung war weit verbreitet. Tiere waren bei der Fortentwicklung der Humanmedizin schon immer die Vorreiter gewesen. »Man sieht ihm seine vierzig Jahre nicht an. Vierzig, das ist ein sehr hohes Alter für einen Hund.«
Martin streckte die Hand nach der Bettsteuerung aus. Er streifte mit den Fingerspitzen über die Sensorfläche, dann fuhr er sich durchs Haar - nach sieben langen Jahrzehnten löste die Geste ein schockartiges Wiedererkennen bei ihr aus. »Hunde sind wunderbar unverwüstliche Geschöpfe. Schon bemerkenswert, wie gut sie durchs Leben kommen, sogar noch in der postcaninen Phase. Dies ist vermutlich besonders auf die Sprachfähigkeit zurückzuführen.«
Mia beobachtete, wie der Hund im Zimmer umherschnüffelte. Von der schweren kognitiven Bürde des Sprechens befreit, wirkte der Hund nun viel lebhafter, unbeschwerter, weniger angestrengt und irgendwie authentischer.
»Anfangs waren seine Äußerungen eindeutig rechnergeneriert«, sagte Martin und zupfte am Kissen. Sein Gesicht hatte ein wenig Farbe angenommen. Dies hatte er bewirkt durch ein Scharren am Touchscreen, mithilfe des Betts und der medizinischen Geräte, die unter dem Pyjama mit seinem Körper verkabelt waren. »Nichts weiter als eine Sprachprothese für ein Hundehirn. Sehr stockend, sehr ... technisch. Es hat zehn Jahre gedauert, bis die Schaltung voll integriert war. Jetzt aber ist die Sprache einfach ein Teil von ihm. Bisweilen ertappe ich ihn dabei, wie er Selbstgespräche führt.«
»Worüber redet er?«
»Ach, über nichts Besonderes. Nichts Abstraktes. Über einfache Dinge. Übers Futter. Über Wärme. Gerüche. Schließlich ist er immer noch mein braver alter Hund - tief im Innern. Nicht wahr, alter Junge?« Der Hund schaute hoch, wedelte stumm mit dem Schwanz.
Mia hatte ein langes und schwieriges Jahrhundert durchlebt. Sie war Zeugin weltweiter Seuchen und der darauf folgenden medizinischen Umwälzungen gewesen. Mit großer Anteilnahme hatte sie verfolgt, wie man dem uralten Haus der Schmerzen neue Krypten, Befestigungen und Türme hinzugefügt hatte. Sie hatte die Statistiken studiert, die Buch führten über den Tod von Millionen von Labortieren und Milliarden von Menschen, und sie hatte den unterschiedlichen Erfolg hunderter lebensverlängernder Techniken untersucht. Sie hatte dabei mitgeholfen, die zahlreichen furchtbaren Fehler und die wenigen, aber sehr realen Erfolge zu bewerten. Sie hatte die medizinischen Fortschritte akribisch ins Verhältnis zum eingesetzten Kapital gesetzt. Sie hatte den verschiedenen Körperschaften des globalen medizinisch-industriellen Komplexes Empfehlungen gegeben. Ihre ursprüngliche Furcht vor dem Schmerz und dem Tod hatte sie niemals vergessen, ließ sich aber nicht mehr so leicht davon beeinflussen.
Martin lag im Sterben. Um genau zu sein, litt er an amyloider neuraler Degeneration und partieller Querschnittslähmung, hatte einen Leberschaden und eine Nierenentzündung, was alles zusammengenommen die üblichen komplexen Stoffwechselstörungen zur Folge hatte, die in seiner Krankenakte nüchtern als ›unkompensierbar‹ bezeichnet wurden. Mia hatte seine Prognose natürlich aufmerksam gelesen. Doch die medizinische Analyse war ein Produkt ihrer Terminologie. Der Tod war im krassen Gegensatz dazu kein Wort. Der Tod war eine Realität, welche die Menschen heimsuchte und jeder Faser ihres Seins ihren Stempel aufdrückte.
Dass Martin im Sterben lag, sah sie auf den ersten Blick. Er starb und äußerte Platitüden über seinen Hund, anstatt über seinen bevorstehenden Tod zu reden, weil seine größte und elementarste Sorge darin bestand, seinen Hund im Stich zu lassen. Forderungen, Verpflichtungen zwangen einen zum Weiterleben. Geliebten Menschen, Abhängigen, jedem, der sich auf einen verließ, war man es schuldig weiterzuleben. Welches Jahr schrieb man gerade, 2095? Martin war sechsundneunzig Jahre alt, und sein bester Freund war ein Hund.
Martin Warshaw hatte sie einmal geliebt. Aus diesem Grund hatte er die Begegnung arrangiert und stellte nach fünfzig Jahren des Schweigens auf einmal emotionale Ansprüche an sie. Dies war ein komplexer Akt der Pflichterfüllung, des Zorns, des Bedauerns und der Höflichkeit, doch wie das meiste in letzter Zeit vermochte Mia auch diese Situation einzuschätzen, und zwar nur allzu gut.
»Nimmst du hin und wieder Mnemodrogen, Mia?«
»Ja. Ich nehme Gedächtnisdrogen. Die milderen. Wenn ich sie brauche.«
»Sie sind hilfreich. Sie haben mir geholfen. Aber wenn man’s übertreibt, sind sie natürlich ein Laster.« Er lächelte. »In letzter Zeit habe ich’s arg übertrieben. Das Laster ist sehr reizvoll, wenn man nichts mehr zu verlieren hat. Möchtest du ein Mnemo haben?« Er bot ihr ein paar Pflaster an. Eingeschweißt, mit holographischem Aufdruck.
Mia pellte eines aus der Verpackung, warf einen Blick auf die Bezeichnung und die empfohlene Dosierung und drückte sich das Pflaster auf den Hals. Ihm zuliebe.
»Man sollte eigentlich meinen, nach all den Jahren hätte man ein Mnemo erfunden, das die Seele öffnet wie einen Aktenschrank.« Er holte eine gerahmte Fotografie aus dem Nachttisch hervor. »Alles hat seinen Platz, alles ist organisiert, karteimäßig erfasst und voller Bedeutung. Doch das überfordert das menschliche Gehirn. Erinnerungen verdichten sich, sie verschwimmen. Sie verwandeln sich in Mulch, verlieren all ihre
Farbe. Die Einzelheiten gehen verloren. Wie bei einem Komposthaufen.« Er zeigte ihr das Foto: eine junge Frau in einem hoch geschlossenen Mantel, mit geschminkten Lippen und Lidstrich, das brünette Haar windzerzaust, in die Sonne blinzelnd, die Andeutung eines Lächelns um die Lippen. Etwas Zurückhaltendes lag in ihrem Lächeln.
Die junge Frau war natürlich sie.
Martin betrachtete das Foto, in den Nebel des Mnemos gehüllt wie in eine psychische Decke, dann sah er Mia an. »Erinnerst du dich noch an uns beide? Es ist lange her.«
»Ich erinnere mich«, antwortete sie. Beinahe stimmte es sogar. »Ansonsten wäre ich nicht gekommen.«
»Ich habe ein passables Leben gehabt. Die Dreißiger, Vierziger ... für den größten Teil der Welt waren das furchtbare Jahre, dunkle, grauenvolle Jahre, aber für mich waren es gute Jahre. Ich habe hart gearbeitet, und ich wusste, dass die Arbeit sinnvoll war. Ich hatte das alles gewollt, die Karriere, einen Platz in der Welt, ich wollte etwas zu sagen haben und etwas bewirken ... Mag sein, ich war nicht glücklich, aber ich hatte zu tun, und das zählt eine Menge im Leben. Die Arbeit war schwer, und ich war froh darüber.«
Er betrachtete das Foto, nachdenklich, versonnen. »Aber sieben Monate lang, im Jahr ‘22, in dem Jahr, als ich dieses Bild von dir aufnahm ... Also, zugegeben, unsere letzten beiden Monate waren ziemlich schlimm, aber fünf Monate lang, in den ersten fünf Monaten, als ich dich liebte und du mich und wir jung waren und das Leben noch neu - da war ich in Ekstase. Das war die wahrhaft glücklichste Zeit meines Lebens. Inzwischen weiß ich das.«
Es schien ihr ratsam, einstweilen zu schweigen.
»Ich war viermal verheiratet. Die Ehen waren nicht schlechter als die der meisten Leute, aber sie gingen mir nicht unter die Haut. Ich glaube, ich war wohl nicht mit dem Herzen dabei. Wenn man in der Situation steckt, meint man immer, Heirat sei eine gute Idee.«
Er legte das Foto mit der Vorderseite nach oben aufs Bett. »Ich möchte dir nicht zu nahe treten«, sagte er, »aber dies alles in die richtige Perspektive zu rücken, stellt jetzt, da es zu Ende geht, ein wirklich großes Privileg für mich dar. Dass du hier bei mir bist, Mia, persönlich anwesend, dass ich dir dies alles offen ins Gesicht sagen kann, ohne falschen Stolz, ohne Groll, ohne Verstellung, weil es ja zwischen uns nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren gibt - das macht es mir wirklich leichter.«
»Ich verstehe.« Sie stockte, streckte die Hand aus. »Darf ich?«
Er erlaubte ihr, das Foto zu nehmen. Das Papier hinter dem Glas war neu - er hatte das Foto erst kürzlich ausgedruckt, aus einer alten Datei, die er all die Jahre über irgendwo verwahrt hatte. Die junge Frau, die auf irgendeinem Campusgelände stand, umgeben von kalifornischen Palmen und regenfleckigen Marmorbalustraden, wirkte unschuldig, erregt, ehrgeizig und flachbrüstig.
Mia musterte die Frau eingehend, empfand jedoch anstelle des zu erwartenden Gefühls von Identität nichts als Leere. Sie und das Mädchen auf dem Foto hatten die gleiche Augenfarbe, die mehr oder weniger gleichen Wangenknochen, in etwa das gleiche Kinn. Es kam ihr vor wie DAS Foto ihrer eigenen Großmutter.
Die Wirkung des Mnemos setzte allmählich ein. Die Droge hob nicht ihre Stimmung, sondern reicherte das Leben ganz allmählich mit geheimnisvoller symbolischer Bedeutung an. Sie hatte das Gefühl, in das Foto hineinzufallen und mit einem Klatschen darin zu landen.
Seine Stimme rief sie in die Gegenwart zurück. »Warst du glücklich mit deinem Ehemann?«
»Ja. Ich war glücklich.« Sie pellte sich umständlich das verbrauchte Pflaster vom Hals. »Das ist jetzt schon lange her, aber es hat viele Jahre gehalten, und solange Daniel und ich ein Paar waren, war mein Leben sehr ausgefüllt und authentisch. Wir hatten ein Kind.«
»Das freut mich für dich.« Er lächelte wieder, und diesmal erkannte sie sein Lächeln wieder. »Du siehst gut aus, Mia. Ganz die Alte.«
»Ich hatte sehr viel Glück. Und ich war immer vorsichtig.«
Er blickte kummervoll aus dem Fenster. »Es hat dir kein Glück gebracht, dass du mich kennen lerntest«, sagte er, »und du hattest Recht damit, vorsichtig zu sein.«
»Das solltest du nicht sagen. Ich bedaure nichts.« Voller Widerwillen reichte sie ihm das Foto, als händigte sie ihm ein Unterpfand aus. »Unsere Trennung war schlimm, ich weiß, aber ich habe stets deine Arbeit verfolgt. Du warst klug, du warst sehr kreativ. Du hattest niemals Angst, deine Meinung zu sagen. Ich war nicht immer mit dir einer Meinung, aber ich war stets stolz auf dich. Ich war stolz darauf, dass ich dich schon kannte, bevor du berühmt wurdest.« Das stimmte. Sie war so alt, dass sie sich noch an eine Zeit erinnerte, da man diese Arbeit als ›Filmemachen‹ bezeichnet hatte. Filme - lange, hell und dunkel gemusterte Plastikstreifen. Der Gedanke an den Film, an die Beschaffenheit seines Mediums, löste eine Wehmut bei ihr aus, die so schmerzhaft war wie Glasscherben.
Er ließ nicht locker. »Es war richtig von dir, mit mir Schluss zu machen. Erst später habe ich begriffen, dass es gar nicht um Europa ging oder darum, unser Leben zu verändern. Ich wollte bloß als Sieger aus der Auseinandersetzung hervorgehen. Ich wollte dich zu einem anderen Kontinent mitnehmen und dich zwingen, mein Leben zu teilen.« Er lachte. »Ich habe mich nicht verändert. Ich habe nie dazugelernt. Mit zwanzig Jahren war damit Schluss. Vielleicht schon mit fünf!«
Mia rieb sich die Augen. »Du hättest mir mehr Zeit lassen sollen, mich darauf vorzubereiten, Martin.«
»Tut mir Leid. Ich habe keine Zeit mehr. Von allen anderen habe ich mich bereits verabschiedet. Dir ins Gesicht zu sehen, fiel mir immer am schwersten.« Er holte ein Papiertaschentuch aus einer Bettschublade hervor und reichte es ihr.
Sie tupfte sich die Augen ab, und er lehnte sich zurück, dellte mit seinen Schultern das Kissen aus. Der Pyjama öffnete sich am Hals, sodass sie das Blutfiltriernetz auf seiner Brust erkennen konnte. »Tut mir Leid, dass ich besser vorbereitet bin als du, Mia. Das war nicht fair von mir; aber im Herzen bin ich ein Dramatiker. Es tut mir Leid, wenn ich dich aufgeregt habe. Wenn du möchtest, kannst du jetzt gehen. Es hat mir sehr gut getan, dich zu sehen.«
»Ich bin jetzt alt, Martin.« Sie reckte das Kinn. »Ich bin nicht mehr die junge Frau auf dem Foto, ganz gleich, wie gut oder wie schlecht wir uns an sie erinnern mögen. Mach nur weiter wie geplant, ich werde schon nicht gehen. Ich war noch nie ein schroffer Mensch.«
»Ich beabsichtige, heute Abend zu sterben.«
»Ich verstehe. Jetzt schon?«
»Ja. In einem zivilisierten, geordneten Rahmen, gefasst.«
Mia nickte sachlich. »Ich respektiere und bewundere deine Entscheidung. Ich habe auch schon häufiger gedacht, dass ich auf die gleiche Art sterben will.«
Er entspannte sich. »Es ist nett von dir, dass du nicht mit mir streitest. Dass du mir meinem Abgang nicht verdirbst.«
»Aber nein. Nein, das würde ich niemals tun.« Sie beugte sich vor und berührte seinen kalten Handrücken. »Brauchst du etwas?«
»Es gibt noch ein paar Dinge zu regeln, verstehst du.«
»Ja, sicher.«
»Erbstücke. Hinterlassenschaften.« Er deutete mit sicherer Geste ins Leere. »Ich habe eine Hinterlassenschaft für dich, Mia – etwas, das, wie ich glaube, passend für dich ist. Und zwar meinen Erinnerungspalast.« Eine Burg, aus virtuellem Sand erbaut. »Ich möchte, dass du meinen Palast in Besitz nimmst. Er kann dir eine Zuflucht sein, solltest du mal eine brauchen. Er ist anpassungsfähig und vielseitig. Er ist alt, aber stabil. Paläste machen manchmal eine Menge Ärger, meiner aber wird keine Anforderungen stellen. Ein guter Ort. Ich bin sehr diskret damit verfahren. Jetzt habe ich ihn ausgeräumt - mit Ausnahme einiger Dinge, die zu löschen ich nicht über mich gebracht habe, weil sie mir sehr viel bedeuten. Vielleicht auch dir. Erinnerungen.«
»Wozu brauchtest du einen so großen Palast?«
»Das ist eine lange Geschichte.«
Mia nickte zustimmend und wartete.
»Ich nehme an, es ist deshalb eine lange Geschichte, weil ich lange gelebt habe. Mich hat’s in den Sechzigern erwischt, weißt du. Die großen Netzinvestitionen, betrügerische Finanzgeschäfte.« Offenbar genoss er es, ihr zu beichten. Er stand ganz unter dem Einfluss des Mnemos. »Damals habe ich schon gar nicht mehr Regie geführt, sondern mich mehr um die Produktionsleitung gekümmert. In den juristischen Wirren habe ich viel Geld verloren, das ich beiseite gelegt hatte. Ich wollte nicht noch einmal hereinfallen, daher ergriff ich nach den Sechzigern ein paar einschneidende Maßnahmen. Hab mir einen richtigen Palast gebaut, unerreichbar für Steuereintreiber. Hab ihn seitdem gut gepflegt. Ein äußerst nützlicher Ort. Jetzt aber kann er mir nicht mehr helfen. Die Regierung will mir bei Leber und Thymus keine Vorrechte einräumen. Und was die amyloide Degeneration angeht, da ist die Prognose eindeutig.«
Er runzelte die Stirn. »Ich kann es nicht ausstehen, wenn jemand die Spielregeln zu genau einhält, verstehst du? Es hat etwas Erschreckendes, wenn es zu gerecht zugeht in der Welt ... Man will den Alkohol nicht verbieten, nicht einmal die Drogen, aber wenn du dich einmal durchchecken lässt, dann nehmen sie dein Blut und dein Haar und deine DNS und zeichnen alles auf, was du dir angetan hast. Alles kommt in die Krankenakte und wird übers Netz verbreitet. Wenn du wie ein kleiner Heiliger lebst, setzen sie Himmel und Erde für dich in Bewegung. Aber wenn du so lebst wie ich in den vergangenen sechsundneunzig Jahren ... Hast du dir meine Akte angesehen, Mia? Ich habe viel getrunken.« Er lachte. »Was bliebe einem noch ohne Alkohol?«
Ein Leben ohne Leberzirrhose, Magengeschwüre und kumulative Nervenschäden, dachte Mia.
»Die Politas. Die globale Politas, das ist, als würde die Regierung von deiner eigenen Großmutter geleitet. Von einer klugen, freundlichen, kleinen alten Dame mit einem Teller voller Gebäck und einem Henkerbeil.«
Mia schwieg. Ihr eigenes Behandlungsbudget belief sich auf achtundneunzig Prozent. Die Politas war eine Regierung, geleitet von und gedacht für Menschen wie sie.
»Martin, erzähl mir von dem Palast. Wie komme ich hinein?«
Er ergriff ihre Hand, drehte sie um und musterte die Handfläche. Er fuhr mit der Fingerspitze darüber, als berühre er einen Touchscreen. Mia stand jetzt ganz unter der Wirkung des Mnemos und meinte, in der Berührung der welken Hand einen Widerklang der erotischen Erregung zu spüren, die sie vor vielen Jahren einmal ausgelöst hatte. Die Berührung des Geliebten, aufgeladen von jugendlicher Leidenschaft.
Er ließ ihre Hand los. »Kannst du dir die Berührung merken?«
»Ich werde sie mir merken. Das Mnemo wird mir dabei helfen.« Sie musste sich zusammennehmen, sonst hätte sie das Handgelenk, das er berührt hatte, nervös gerieben. »Ich mag diese alten Gestensysteme, früher habe ich sie auch ständig benutzt.«
Er reichte ihr die Steuertafel. »Hier. Programmiere den Palast auf deinen Daumenabdruck. Nein, die Linke, Mia. Die ist nicht so gut bekannt.«
Sie zögerte. »Weshalb sollte das wichtig sein?«
»Ich habe dir soeben den Schlüssel zu einer Festung gegeben. Wir beide haben ein Recht auf Privatsphäre, meinst du nicht?
Wir wissen, wie das Leben heutzutage ist. Menschen wie du und ich, wir sind viel älter als die Regierung. Und trotzdem können wir uns nicht daran erinnern, dass eine Regierung jemals ehrlich gewesen wäre.«
Sie presste den linken Daumen auf die Tafel. »Ich danke dir, Martin. Ich weiß, dein Palast ist ein sehr kostbares Geschenk.«
»Kostbarer, als dir bewusst ist. Er kann dir auch in anderer Hinsicht nützen.«
»Wovon redest du?«
»Von meinem Hund.«
Sie sagte nichts.
»Du willst den armen Plato nicht«, meinte er niedergeschlagen.
Sie schwieg.
Er seufzte. »Ich hätte ihn wohl verkaufen sollen«, sagte er. »Aber die Vorstellung war mir zuwider. Das käme mir vor, als verkaufte ich ein Kind. Ich habe nie ein Kind gehabt ... Er hat so viel gelitten um meinetwillen und so viele Verwandlungen durchgemacht ... Ich habe mir alle durch den Kopf gehen lassen, aber es kam keiner infrage ... von den wenigen, die von denen, die ich als meine Freunde bezeichne, noch am Leben sind ... Ich traue einfach keinem von ihnen zu, dass er sich gut um Plato kümmert.«
»Warum gerade ich? Du kennst mich doch kaum mehr.«
»Selbstverständlich kenne ich dich«, murmelte er. »Ich weiß, du bist sehr umsichtig ... Du warst der größte Fehler, den ich je begangen habe. Oder der größte Fehler, den ich nicht begangen habe. Das Bedauern ist beidesmal gleich.« Er sah flehentlich zu ihr auf. »Plato stellt keine großen Ansprüche. Er wäre dankbar für alles, was du ihm gibst. Er braucht jemanden. Ich weiß nicht, was er nach meinem Tod anfangen wird. Er ist so klug, und das Denken strengt ihn sehr an.«
»Martin, es schmeichelt mir, dass du an mich gedacht hast, aber das ist zu viel verlangt. Das darfst du nicht von mir erwarten.«
»Ich weiß, es ist viel verlangt. Aber der Palast wird dir helfen, es gibt dort sehr nützliche Hilfsmittel. Willst du es nicht eine Zeit lang mit ihm versuchen? Er ist kein bloßes Tier mehr. Diesen Luxus habe ich ihm nicht gestattet. Du könntest es doch mal probieren, meinst du nicht?« Er stockte. »Mia, ich kenne dich. Ich habe deine Akte gelesen, und ich weiß mehr über dich, als du meinst. Ich habe dich niemals vergessen. Außerdem glaube ich, dass Plato dir helfen könnte.«
Sie schwieg. Sie hatte Herzklopfen und ein Klingeln im linken Ohr. In Momenten wie diesem wurde ihr mit unerbittlicher Klarheit bewusst, dass sie wirklich alt war.
»Er ist kein Ungeheuer. Er ist bloß anders, sehr weit entwickelt. Er ist sehr wertvoll. Wenn du ihn nicht erträgst, verkaufst du ihn.«
»Ich kann nicht! Ich will nicht!«
»Ich verstehe. Ist das dein letztes Wort?« Das Schweigen war voller Intimität und Bitterkeit. »Du siehst doch, wie es um mich steht, nicht wahr? Siebzig Jahre ist es her - für mich sind sie wie ein Tag. Ich habe mich kein bisschen verändert. Und du dich auch nicht.«
»Martin, ich will aufrichtig zu dir sein. Es ist bloß ...« Sie blickte zum Hund hinüber, der friedlich in der Ecke lag, den schmalen Kopf auf die überkreuzten Vorderpfoten gebettet.
Dann auf einmal dämmerte ihr nach und nach die erschreckende Wahrheit. »Ich habe keine Haustiere. Ich hatte nie welche. Mein Leben hat sich geändert. Ich lebe allein. Ich hatte mal eine Familie, einen Ehemann und eine Tochter, aber sie sind aus meinem Leben verschwunden, und ich rede nicht mehr mit ihnen. Ich habe Karriere gemacht, Martin. Ich habe einen guten Job bei der Behörde für medizinische Forschung. Da liegt meine Verantwortlichkeit, damit beschäftige ich mich. Ich betrachte Bildschirme, befasse mich mit Ökonomie und Bewilligungsverfahren und bewerte die Ergebnisse der Forschungsprogramme. Ich bin ein Funktionär.«
Sie atmete stockend ein. »Ich gehe in Parks spazieren, sehe mir allabendlich die Nachrichten an und nehme jedes Mal an der Wahl teil. Hin und wieder schaue ich mir einen alten Film an. Aber das ist auch schon alles, das ist mein Leben. Ich bin die Art Mensch, die du nicht verstehst und nie verstanden hast.« Sie weinte jetzt unverhohlen.
Er betrachtete sie voller Mitgefühl. »Ein Hund als Gefährte würde dir bestimmt gut tun. Ich weiß, dass er mir gut getan hat. Wir schulden den Tieren nämlich etwas, weißt du. Wir sind dadurch Menschen geworden, dass wir auf die Rücken der Tiere geklettert sind. Wir sind ihnen verpflichtet.«
»Ein Tier kann mir nicht helfen. Ich brauche keine Bindungen.«
»Nutze die Gelegenheit. Verändere ein wenig dein Leben. Hin und wieder muss man ein Risiko eingehen, Mia. Wenn du nichts riskierst, lebst du auch nicht.«
»Nein, ich will nicht. Ich weiß, du meinst, es würde mir gut tun, aber du irrst dich. Ich kann nicht. Ich bin nicht die Art Mensch. Hör auf, mich zu drängen.«
Er lachte. »Ich kann einfach nicht glauben, dass du das gesagt hast. Dieselben Worte hast du bei unserem letzten Streit benutzt – das waren deine allerletzten Worte!« Er schüttelte den Kopf. »Also gut, also gut ... Ich habe schon immer zu viel von dir verlangt, nicht wahr? Es war dumm von mir, dich zu fragen. Ich stecke voller Pläne, lästig für andere Menschen, die immer noch ihr eigenes Leben leben. Du gehst nicht gern Risiken ein. Das weiß ich. Du warst immer vorsichtig, und du warst klüger und umsichtiger als ich. Pech für dich, dass wir uns jemals begegnet sind.«
Leeres Schweigen hing zwischen ihnen in der Luft. Ein kleiner Vorgeschmack auf die Stille des Todes.
Er raffte sich als erster auf. »Sag, dass du mir verzeihst.«
»Ich verzeihe dir, Martin. Ich verzeihe dir alles. Es tut mir Leid, dass ich nicht die Richtige für dich war. Ich konnte deine Erwartungen nicht erfüllen. Ich konnte deinen Bedürfnissen nicht gerecht werden. Bitte verzeih mir, es war meine Schuld.«
Er gab sich damit zufrieden. Sein gerötetes, bleiches Gesicht verriet ihr, dass er in einen Zustand der Verklärung eingetreten war, den er lange angestrebt hatte. Er hatte alles gesagt, was er hatte sagen wollen. Sein Leben war jetzt vorbei. Er hatte es zusammengeschnürt und weggepackt.
»Geh deinen Weg, Schatz«, sagte er mit sanfter Stimme. »Der, der ich einmal war, hat die, die du einmal warst, aufrichtig geliebt. Versuche nicht, mich zu vergessen.«
Der Hund stand nicht auf, um sie zur Tür zu geleiten. Benommen nahm sie Handtasche und Mantel vom Haken und verließ Martins Wohnung. Sie schritt durch die lebensvolle
Sommerhelle der Gänge. Sie fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten, sie trat in die herbstliche Kälte hinaus. Sie hüllte sich wieder in das dünne, aber sehr reale Gewebe ihres kleinen, aber sehr realen Lebens. Sie nahm das erste Taxi, das sie sah, und fuhr nach Hause.
Mercedes war da und machte gerade das Bad sauber. Mercedes ging mit dem Mopp und den Reinigungsutensilien ins Vorderzimmer. Mercedes trug die adrette Uniform des Sozialdienstes, ein babyblaues Jackett mit roten Epauletten, Freizeithose und Schuhe mit diskreten Schaumgummisohlen. Mercedes hatte auf ihrer Runde fünfzehn ältere Frauen zu versorgen und kam zweimal wöchentlich zum Saubermachen vorbei, meistens in Mias Abwesenheit. Mercedes bezeichnete ihre Tätigkeit als ›Hausarbeit‹, weil sie diese Charakterisierung den Bezeichnungen ›Sozialarbeiterin‹, ›Gesundheitsinspektorin‹ oder Polizeispitzel vorzog.
»Was ist denn mit Ihnen?«, fragte Mercedes überrascht und stellte den Mopp und den Eimer mit dem Reinigungsgel ab. »Ich dachte, Sie wären in der Arbeit.«
»Ich hatte ein schlimmes Erlebnis. Heute stirbt ein Freund von mir.«
Mercedes schlüpfte sogleich in die Rolle professioneller Anteilnahme. Sie nahm Mia den Mantel ab. »Setzen Sie sich, Mia. Ich bereite Ihnen einen Aufguss.«
»Ich will keinen Aufguss«, sagte Mia erschöpft und setzte sich an den lädierten Küchentisch aus lackierter Pappe. »Er wollte, dass ich ein Mnemo nehme. Die Wirkung hält noch immer an, es ist fürchterlich.«
»Welche Sorte?«, fragte Mercedes, nahm das Haarnetz ab und steckte es ins Jackett.
»Encephalokryllin, zweihundertfünfzig Milligramm.«
»Ach, das ist doch gar nichts.« Mercedes lockerte sich das dunkle Haar. »Trinken Sie einen Aufguss.«
»Ich nehme lieber ein Mineralwasser.«
Mercedes rollte Mias Tinkturenset an den Tisch und setzte sich auf einen Küchenschemel. Sie maß einen halben Liter destilliertes Wasser ab, wählte methodisch Mineraltabletten aus und zerdrückte sie. Mias Tinkturenset war das bei weitem teuerste Inventarstück der Küche. Mia betrachtete sich nicht als besitzgierig oder materialistisch, aber bei den Aufgüssen machte sie eine Ausnahme. Außerdem legte sie Wert auf ordentliche Kleidung. Des Weiteren machte sie gewisse Ausnahmen bei den Kartonverpackungen von Videospielen und CD-ROMs des zwanzigsten Jahrhunderts. Mia hatte eine kleine Schwäche für alte Verpackungen.
»Ich glaube, ich würde gern drüber reden«, sagte Mia. »Wenn ich mit niemandem drüber rede, kann ich heute Nacht nicht schlafen. In drei Tagen muss ich zur Untersuchung, und wenn ich heute nicht schlafe, beeinflusst das die Ergebnisse.«
Mercedes blickte freundlich zu ihr auf. »Sie können mit mir reden! Erzählen Sie mir nur davon.«
»Müssen Sie das in Ihr Dossier aufnehmen?«
Mercedes wirkte verletzt. »Natürlich muss ich das ins Dossier aufnehmen. Es wäre unehrlich von mir, wenn ich meine Dossiers nicht auf dem neuesten Stand hielte.« Mit einem leisen Zischen leitete sie einen Strom von Gasblasen in das Mineralwasser ein. »Mia, Sie kennen mich jetzt seit fünfzehn Jahren. Sie können mir vertrauen. Sozialdienstler haben es gern, wenn ihre Klienten mit ihnen reden. Dafür sind wir schließlich da.«
Mia beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf den Tisch. »Vor siebzig Jahren war ich mit dem Mann befreundet«, sagte sie. »Damals war er mein Geliebter. Heute hat er mir gesagt, wir hätten uns nicht verändert, aber das stimmt natürlich nicht. Wir haben uns bis zur Unkenntlichkeit verändert. Er hat sich zugrunde gerichtet. Und ich - vor siebzig Jahren war ich eine junge Frau. Ich war ein Mädchen, sein Mädchen. Jetzt bin ich kein Mädchen mehr. Jetzt bin ich jemand, der einmal eine Frau war.«
»Das ist eine seltsame Formulierung.«
»Es ist die Wahrheit. Ich bin nicht seine Frau. Ich bin schon lange niemandes Frau mehr. Ich hatte keine Liebhaber. Ich liebe niemanden. Ich sorge mich um niemanden. Ich küsse niemanden, ich umarme niemanden, ich muntere niemanden auf. Ich habe keine Familie. Ich habe keine Hitzewallungen, ich habe keine Regel. Ich bin ein postsexueller Mensch, eine postfrauliche Person. Ich bin ein altes Weib. Ich bin ein Techno-Weib des späten zwanzigsten Jahrhunderts.«
»Auf mich wirken Sie wie eine Frau.«
»Ich kleide mich wie eine Frau. Das ist alles berechnet und gewollt.«
»Ich weiß, was Sie meinen«, räumte Mercedes ein. »Ich bin fünfundsechzig. Das meiste hab ich hinter mir. Allzu sehr bedaure ich’s nicht. Das Leben einer Frau - mit allem, was dazugehört - möchte man keinem Freund wünschen.«
»Es war sehr anstrengend«, sagte Mia. »Er war sehr höflich, aber allein schon die Nähe zu ihm hat mich erschöpft. Am schlimmsten dabei ist, dass es keinen klaren Bruch gibt zwischen mir und meinem früheren Leben. Meinem romantischen Leben, meinem Geschlechtsleben. Ich habe mich daran erinnert, wie erregend es war. Wie schmeichelhaft. Von einem großen, forschen, hartnäckigen Jungen umworben zu werden. Wie es sich anfühlte, als ich mich ihm ergab. Das Mnemo hat alles noch viel schlimmer gemacht.«
»Die meisten Leute würden sagen, dass klare Brüche schlecht für einen sind. Dass man sich mit diesem Aspekt des früheren Lebens arrangieren und ihn integrieren sollte, damit man seinen Frieden damit machen und ihn überwinden kann.«
Therapeutische Vorschläge irritierten Mia in direktem Verhältnis zu dem Takt, mit dem sie vorgebracht wurden. »Heute war ich gezwungen, mein früheres Leben zu bewältigen. Es hat mich kein bisschen glücklicher gemacht.«
»Tut es Ihnen Leid, dass er stirbt? Trauern Sie um ihn?«
»Ein wenig Leid tut es mir schon.« Mia nippte am Mineralwasser. »Von Trauer würde ich nicht sprechen. Dafür ist das Gefühl zu flach.« Das Wasser tat ihr gut. Einfache Dinge bereiteten ihr am meisten Freude. »Ich habe heute geweint. Das hat mir überhaupt nicht gut getan. Ich habe seit fünf Jahren nicht mehr geweint.« Sie berührte ihre verquollenen Augen. »Ich habe das Gefühl, die Membran wäre beschädigt.«
»Hat er Ihnen etwas hinterlassen?«
»Nein«, log Mia gewandt.
»Irgendeine Hinterlassenschaft gibt es immer.« Mercedes ließ nicht locker.
Mia zögerte. »Es gab eine, aber ich habe sie abgelehnt. Er hat einen postcaninen Hund.«
»Ich hab’s gewusst«, sagte Mercedes. »Entweder das Haustier oder das Haus. Wenn sie jung sterben, machen sie sich vielleicht Sorgen um ihre Kinder. Niemand lädt einen an sein Sterbebett ein, wenn er nicht will, dass man irgendetwas für ihn in Ordnung bringt.«
»Vielleicht möchten Sie jetzt Ordnung machen, Mercedes.«
Mercedes zuckte die Achseln. »Ich räume auf. Ordnung ist mein Leben.« Mercedes war stets sehr geduldig. »Aber ich merke, dass Sie noch etwas anderes auf dem Herzen haben. Was ist das?«
»Es ist nichts, wirklich.«
»Sie wollen es mir bloß noch nicht sagen, Mia. Sie können es mir auch gleich sagen. Solange Sie noch in der Stimmung sind.«
Mia starrte sie an. »Sie brauchen mich nicht zu löchern. Mit mir ist alles in Ordnung. Ich hatte einen Schock, aber ich werde schon keine Dummheiten machen.«
»Sie sollten so etwas nicht sagen, Mia. Die Situation ist sehr eigenartig. Die Welt ist sehr eigenartig. Sie leben ganz allein und haben keine Freunde, die Ihnen raten oder Sie aufmuntern könnten. Abgesehen von Ihrer Arbeit üben Sie keine soziale Rolle aus. Sie könnten leicht aus dem Gleichgewicht geraten.«
»Haben Sie schon einmal erlebt, dass ich aus dem Gleichgewicht geraten wäre?«
»Mia, Sie sind klüger als ich, älter und wesentlich reicher, aber Sie sind nicht der einzige Mensch in dieser Lage. Ich kenne eine Menge Leute wie Sie. Menschen wie Sie sind gefährdet.«
Mercedes schwenkte ihren blauuniformierten Arm durch die Wohnung. »Das, was Sie seit all den Jahren als Ihr Leben bezeichnen, ist nicht die Normalität. Es bedeutet auch keine
Sicherheit. Es ist bloße Routine. Routine ist etwas anderes als Normalität. Das, was man als Normalität bezeichnet, ist Ihnen nicht gestattet. Für eine vierundneunzigjährige posthumane Frau gibt es keine wirkliche Normalität. Die Lebensverlängerung ist nichts Natürliches, sie wird auch niemals natürlich sein, und man wird sie niemals zu etwas Natürlichem machen können. Das ist Ihre Realität. Und auch meine. Und deshalb schickt mich die Politas zweimal wöchentlich bei Ihnen vorbei. Damit ich die Augen offen halte und aufräume und Ihnen zuhöre.«
Mia schwieg.
»Nur zu, machen Sie nur weiter«, sagte Mercedes. »Es tut mir wirklich Leid, dass Sie heute einen schweren Tag hatten. Der Tod eines Freundes kann uns schwerer treffen, als wir glauben. Selbst stumpfe Menschen können die gleiche Routine nicht auf Dauer durchhalten, und Sie sind kein stumpfer Mensch. Sie sind bloß sehr zurückhaltend und auf eine altmodische Privatheit bedacht, die heutzutage eigentlich niemand mehr braucht.«
»Ich werde drüber nachdenken.«
Mercedes musterte sie ernst. Das Schweigen dehnte sich. Mercedes ließ sich nicht täuschen. Für sie gab es keine Heldinnen.
»Übrigens«, sagte Mercedes schließlich, »in Ihrem Bad sind wieder Pilze aufgetaucht. Wo sind Sie gewesen?«
»Ich war spazieren«, sagte Mia. »Ich habe mich einfach treiben lassen. Ich habe mir die Straßen nicht gemerkt.«
»Bitte denken Sie daran, Ihre Schuhe eine Zeit lang vor der Tür zu lassen, okay? Und duschen Sie nicht zu lange. Die Coccidien sind höllisch gefährlich.«
»Ist gut. Ich werde Ihren Rat beherzigen.«
»Ich muss jetzt gehen«, sagte Mercedes und erhob sich. »Ich habe noch Termine. Aber rufen Sie mich an, wenn Sie irgendetwas brauchen. Rufen Sie mich jederzeit an. Scheuen Sie sich nicht, mich anzurufen. Ich mag es, angerufen zu werden.«
»Ist gut, Officer«, sagte Mia. Mercedes zog eine Grimasse, sammelte ihre Utensilien ein und ging hinaus.
Martin Warshaw wurde am Nachmittag des einundzwanzigsten bestattet, auf dem alten Friedhof in Palo Alto. Es war ein sonniger, wolkenloser Tag, und das weitläufige Gelände des ehemaligen Seuchenfriedhofs hatte nie grüner, friedlicher oder beschaulicher ausgesehen. Mia kannte keinen der Trauergäste. Niemand beachtete sie.
Die neunzehn älteren Personen, welche der Trauerfeier beiwohnten, waren alle vom gleichen Typus. Hollywoodmenschen hatten noch nie Angst vor dem Messer gehabt. Die Reichen und Schönen hatten schon immer mit besonderer Gier nach allem gegriffen, was Jugend versprach. Vor fünfzig Jahren waren diese Menschen Pioniere der Medizin gewesen. Jetzt waren sie unwiderruflich alt geworden. Die simplen Techniken von damals, das biomedizinische Skalpell der dreißiger und vierziger Jahre, schienen im Rückblick hoffnungslos veraltet und primitiv. Jetzt wirkten sie wahrhaft wie Pioniere: vernarbt, müde und verhärtet.
Friedhofsangestellte öffneten die weiße Klappe des Emulgators, zogen Martins verbrauchtem, verschrumpeltem Leichnam das dünne Totenhemd aus und schoben ihn mit feierlichem Ernst, die Füße voran, in das brodelnde Gel. Die Scanner schalteten sich ein, Martins letzte offizielle medizinische Untersuchung. Ultraschallwellen schüttelten den Körper auseinander, und als die Hochgeschwindigkeitsrotoren zu arbeiten begannen, erbebte der Blumenschmuck des Emulgators. Autopsieautomaten sammelten Proben des Suds ein, analysierten das Ausmaß der genetischen Schäden, bestimmten die Bakterienpopulationen, spürten jede subsymptomatische Virusinfektion und jeden Prionenbefall auf, katalogisierten sie und gaben mit cybernetischer Unfehlbarkeit die Todesursache bekannt (selbstverabreichtes Nervengift). Sämtliche Daten wurden säuberlich aufgelistet und im Netz veröffentlicht.
Irgendjemand - Mia fand nie heraus, wer es gewesen war - hatte einen katholischen Priester gebeten, ein paar Worte zu sagen. Der junge Priester war sehr eifrig und wohlmeinend. Er stand unter dem Einfluss von Entheogenen und war von solch feuriger Inspiration erfüllt, dass er kaum sprechen konnte. Als der Priester seinen transzendenten Vortrag beendet hatte, segnete er förmlich das Gel. Die kleine Trauergesellschaft entfernte sich in Zweier- und Dreiergrüppchen.
Ein Automat gravierte Martins Porträt, seinen Namen sowie Geburts- und Todesdatum in die cremeweiße Seitenwand des Emulgators. Martin Warshaw (1999-2095) war zu einem bunten Bildchen von der Größe von Mias Handfläche geworden, säuberlich angeordnet neben dreihundertneunundachtzig anderen Bildchen von Personen, welche das Gerät bereits durchlaufen hatten. Mia zauderte, ließ den Blick über die in Reihen angeordneten Fotogravuren schweifen. Die trostvolle Anwesenheit all der menschlichen Gesichter ließ das Gerät beinahe als freundliche, wohlmeinende Maschine erscheinen.
Am Ausgang des Friedhofsgeländes rief Mia ein Taxi. Während sie wartete, bemerkte sie einen rehbraunen Hund, der sich im Oleander herumdrückte. Der Hund war unbekleidet und zeigte keinerlei Anzeichen von Intelligenz. Während sie auf das Taxi wartete, beobachtete sie den Hund, doch als sie sich ihm nähern wollte, verschwand er im Gebüsch. Sie verspürte ein vages Bedauern darüber, dass der Hund verschwunden war. Aber große braune Hunde gab es viele.
Mia stieg an der U-Bahnhaltestelle aus dem Taxi aus, flüchtete sich unter die von Verkehrsadern durchschnittene kalifornische Erde und kam an der öffentlichen Telepräsenzsite des Coit Tower heraus. Telegraph Hill war ihr Lieblingsort, wenn sie nicht in San Francisco war. Immer, wenn sie auf Reisen war, stellte sie regelmäßig eine Verbindung zu diesem Ort her, um sich einen stärkenden Sensorzugang zur Bay Area zu verschaffen. Mia hatte sich mittels Telepräsenz schon zu allen möglichen Orten in anderen Städten versetzen lassen, doch wenn sie in einer Stadt nicht Spazierengehen konnte, entwickelte sie auch keine Beziehung zu ihr. San Francisco war eine der zum Spazierengehen am besten geeigneten Städte. Aus diesem Grund lebte sie in San Francisco. Und aus Gewohnheit. Sie machte sich zu Fuß auf den Weg.
Auf dem Embarcadero genehmigte sie sich in einem überfüllten und lauten Touristencafe einen Frappe. Bedrückt fragte sie sich, was ihr Exmann wohl von den Ereignissen des heutigen Tages gehalten hätte. Von Warshaws Bestattung. Martin Warshaw war Daniels einziger ernst zu nehmender Rivale gewesen. Hätte er einen Rest von männlicher Eifersucht empfunden, einen Anflug von Genugtuung? Mia hätte gern gewusst, ob ihr Exmann noch an sie dachte - oder ob er überhaupt jemals über irgendetwas eingehender nachgedacht hatte. Daniel lebte an einem sehr abgeschiedenen Ort im Norden Idahos, wo er kaum zu erreichen war. Mia hätte ihre Tochter Chloe in Djakarta anrufen können, doch davon versprach sie sich nichts. Chloe würde bloß an ihrem Batikhemd zupfen und über das sich drehende Rad und spirituelle Authentizität daherfaseln.
Ein langer Spaziergang zum Fisherman’s Wharf - Mia hatte es geschafft, den ganzen Tag über nicht an Arbeit zu denken, und das war neu für sie und gewissermaßen ein großer Fortschritt -, dann gelangte sie an ihr Ziel, ein metallverkleidetes zweistöckiges Reihenhaus. Ein verwittertes Rotholzschild in einer unkrautüberwucherten Hecke machte das Gebäude als kommerzielle Netsite kenntlich. Mia entrichtete das Eintrittsgeld und steckte im Innern des höhlenartigen Gebäudes eine Geldkarte in eine Uhr.
Der Besitzer kam herbeigeschlendert. Er war ein schlaksiger älterer Herr, weit über fünfzig, mit langen Gliedmaßen und einer scharfen Hakennase, zwei übergroßen und offenbar höchst wirksamen Hörgeräten und einer zerknautschten Fischermütze. Die Fischermütze war eine Affektiertheit, denn Mr. Stuarts schuppige, welke Haut war seit Jahrzehnten nicht mehr für längere Zeit dem Tageslicht ausgesetzt gewesen. Er trug ein kurzärmliges kotzgrünes Hemd und eine ölverschmierte Hose, an deren Gürtel mit kleinen Kettchen allerlei Vielzweckwerkzeuge befestigt waren.
Mia hatte diese Netsite seit siebenunddreißig Jahren nicht mehr besucht. Das Reihenhaus war radikal umgebaut worden; man hatte Böden und Wände herausgerissen, Fenster zugemauert und die Außenwände zum Schutz vor Streustrahlung mit Kupfer verkleidet. Mia wunderte sich, dass der Besitzer noch der alte war, dass er immer noch unter der alten Adresse zu finden war und anscheinend auch noch dieselbe Kleidung trug wie früher. Mr. Stuart war die Art Mann, der ein Haus mühelos überlebte.
Stuart wirkte kaum verändert, wenngleich seine Nase und seine Ohren in den vergangenen Jahrzehnten merklich angeschwollen waren. Wachstumshormone und Steroidbehandlungen gehörten zu den vernünftigeren und erschwinglicheren lebensverlängernden Strategien. Bei Männern vergrößerten sich dabei Nasen und Ohren, was etwas mit männlichen Steroiden und fortschreitender Verknöcherung des Knorpelgewebes zu tun hatte.
Mia schaute sich um. Graue Schallschluckplatten hingen von der Decke, darüber sah man ein buntes Gewirr von Stromkabeln und Glasfaserleitungen. Auf den metallenen Dachträgern wimmelte es von zwitschernden Sperlingen.
Auf dem Boden war eine seltsame Kollektion von Zugangsgeräten versammelt. An der Westseite von Stuarts Schuppen standen nagelneue Netzgeräte, von denen viele den verwirrenden Eindruck von Prototypen machten. Die Ostseite war vollgestopft mit Sammlerstücken, ausgewählte Relikte der hundertzwanzigjährigen Geschichte des Cyberspace. Mr. Stuart hatte sich schon immer gern mit Medien befasst, die entweder ausstarben oder gerade in der Entwicklung begriffen waren.
An den Wänden waren Kisten und Kübel mit Elektronikteilen gestapelt. Stuarts quietschender Reinigungsautomat schlich umher und staubte sorgfältig die anderen Geräte ab. Für die
Hinterlassenschaften der zahmen Vögel gab es einen Sandkasten. Die Beleuchtung war wie früher schrecklich düster.
»Ich dachte, Sie wollten Fenster einbauen«, sagte Mia.
»Demnächst«, antwortete Stuart und kniff die Augen zusammen. »Aber wer braucht eigentlich Fenster? Eine Netsite ist ein Fenster.«
»Haben Sie hier etwas, das mit einer Passgeste klarkommt und mich in einen Erinnerungspalast aus den Sechzigern hineinbringen kann?«
»Das hängt vom Setup ab, aber das gilt für das ganze Leben«, antwortete Stuart. Stuart hatte eine ausgeprägte Vorliebe für Aphorismen. »Beschreiben Sie mir die Initialisierungsparameter und die Hardware, auf der er läuft.«
»Darüber kann ich Ihnen nichts sagen.«
Stuart hob die Schultern wie ein Gnom. »Dann könnte es länger dauern. Wenn Sie einen Rat wollen: Versuchen Sie es erst mal auf die einfache Art. Schließen Sie ein Touchpad an eines der Geräte mit den Vorhängen an und schauen Sie, ob Sie in den Palast hinein gelangen.«
»Sie glauben, das könnte funktionieren?«
»Vielleicht. Sie könnten auch die Brille ausprobieren, wenn Sie mehr verlangen ...« Stuart legte eine bedeutsame Pause ein. »Ich spreche von Diskretion.«
»Berechnen Sie mehr für Diskretion, Mr. Stuart? An Diskretion ist mir sehr gelegen.«
»Ich berechne bloß den Eintritt«, antwortete Stuart. »Den meisten Leuten reicht das schon.« Irgendjemand rief eine lange Frage von den neuen Geräten an der Westseite des Gebäudes herüber - irgendetwas mit ›Baumnamen‹ und ›Entrauschung‹.
Stuarts Kopf ruckte auf dem ledrigen Hals herum wie der einer Eule. »Lies das Handbuch!«, brüllte er und wandte sich wieder Mia zu. »Kinder ... Wo waren wir noch gleich stehengeblieben, Ma’am?«
»Mia.«
»Was?«
»Hier ist kein Handbuch!«, schrie der Junge zurück.
»Mia, M-I-A«, wiederholte Mia geduldig.
»Oh«, machte Stuart und tippte sich ans Hörgerät. »Schön, dass Sie gekommen sind, Maya. Stören Sie sich nicht an den Kindern, die sind halt manchmal etwas rüpelhaft.«
»Ich würde es gern mal mit dem Vorhanggerät und dem Pad probieren.«
»Ich weise Sie ein«, sagte Stuart.
Diskretion war der einzige Vorteil veralteter Hardware. Veraltete Hardware entzog sich weitgehend der Überwachung. Die modernen Cyberstandards waren viel übersichtlicher, stabiler und verständlicher als der primitive, überholte, häufig auch gefährliche Schrott vom Anfang des Jahrhunderts. Moderne Datenarchive waren erstaunlich freizügig, zugänglich und offen. Doch es gab hunderte veralteter Formate und gewaltige Mengen von Datenmüll, die allein Geräten zugänglich waren, die nicht mehr hergestellt oder gewartet wurden. Derlei Geräte konnten nur von fanatischen Bastlern genutzt werden - oder von Menschen, die so alt waren, dass sie vor Jahrzehnten den Umgang mit ihnen erlernt und seitdem nichts vergessen hatten.
Stuart reichte Mia ein arg mitgenommenes Touchpad und eine Cyberschatulle. Mia zog sich in das Bad mit den auf Sockeln ruhenden Waschbecken zurück und wusch sich vor dem Spiegel die Hände.
Sie klappte die Schatulle auf, nahm die beiden federleichten Ohrhörer heraus und klemmte sie sich an die Ohrläppchen. Das Schönheitsfleckmikrofon pappte sie sich auf die Oberlippe. Sorgfältig klebte sie die falschen Wimpern an. Sie würden die Form ihres Augapfels und damit ihre Blickrichtung überwachen.
Mia öffnete den Deckel des Behälters mit der Handschuhemulsion, tauchte beide Hände bis zu den Handgelenken in das warme Plastik, zog sie heraus und wedelte damit umher, bis der Plastiküberzug abgekühlt und getrocknet war.
Die Handschuhe knisterten beim Trocknen. Mia bewegte die Finger, dann ballte sie rhythmisch die Fäuste. Die Plastikhaut zersplitterte wie trocknender Schlamm in zahllose winzige Plättchen. Anschließend tauchte sie die Hände in einen zweiten Behälter, zog sie wieder heraus. Dünne Adern aus feucht glitzerndem organischem Leitermaterial trockneten rasch in den Rissen.
Als die Handschuhe fertig waren, nahm Mia einen Armfächer aus einem Fach unter dem Waschbecken. Sie schlug sich den Fächer gegen den Unterarm, um ihn zu aktivieren, dann legte sie ihn sich ums linke Handgelenk und drückte ihn zu. Das regenbogenfarbene Gewebe versteifte sich, wie es sein sollte. Als sie den zweiten Armfächer angelegt hatte, standen von ihren Unterarmen zwei Sichtmembranen von der Größe eines Esstellers ab.
Die Plastikhandschuhe erwachten zum Leben, als das Leitermaterial mit den Unterseiten der Armfächer Kontakt bekam. Die Armfächer vermaßen im Handumdrehen die Form der Handschuhe, machten sich mit ihrer Größe, Form und den Bewegungen ihrer Hände vertraut.
Die Fächer wurden undurchsichtig. Sie konnte ihre Hände nicht mehr sehen. Gleich darauf tauchte das Bild ihrer Hände wieder auf, als Projektion auf der Außenfläche der Armfächer. Die Realität verschwand am Außenrand der Fächer, und Mia sah nur mehr die virtuellen Abbilder ihrer beiden Hände vor sich, die in zwei Kreise aus blauer Leere hineinreichten.
Mia klemmte sich das Touchpad unter den Arm, verließ das Bad und ging zu dem Vorhanggerät, das sie sich ausgesucht hatte. Sie trat hinein und schloss hinter sich den Vorhang. Der Stoff erbebte von oben bis unten und versteifte sich, als sich das Gerät einschaltete. Das steife Vorhanggewebe nahm eine einheitlich blaue Farbe an. Ein weiterer großer Teil der Realität verschwand, und Mia stand nun inmitten eines himmelblauen virtuellen Raums - freilich mit Ausnahme des festen Bodens unter ihren Füßen und der Decke mit dem insektenhaften Gewirr der Detektoren, Überwachungs- und Aufzeichnungsgeräte.
Der Vorhang bestand aus Glasfaser, aus tausenden haardünnen, bunten Glasleitern. Gesteuert von den Signalen ihrer falschen Wimpern, leuchtete der Vorhang auf und projizierte seine Bilder, wo immer Mias Blick zur Ruhe kam. Wohin ihr Blick sich auch bewegte, der Vorhang war ihr stets voraus, leuchtete auf und erzeugte im Bruchteil einer Sekunde ein Bild, sodass es den Anschein hatte, als hülle die Illusion sie von allen Seiten ein.
Mia tastete nach dem Stecker und verband ihn mit dem Touchpad. Das Steuergerät des Vorhangs erkannte das kleinere Gerät und hüllte Mia sogleich in die 360-Grad-Projektion eines Touchpads, ein virtueller, rauchgrauer Abgrund. Mia tippte mit den behandschuhten Fingerspitzen auf dem Touchscreen herum, bis ein paar nützliche Anzeigen aus der glasigen Tiefe hervortauchten: ein rundes Tachometer, eine Uhr, ein Netzwerkwähler.
Sie wählte einen der größeren öffentlichen Netzzugänge von San Francisco aus, hielt den Atem an und gab Martin Warshaws Passgeste ein. Die Wand gab die Bewegungen ihrer behandschuhten Fingerspitze akkurat wieder, tiefschwarze Hieroglyphen vor dem Hintergrund des grauen Gewebes.
Die Berührungsspuren verblassten. Der Vorhang färbte sich wieder himmelblau. Anschließend passierte nicht mehr viel. Das kleine Tachometer zeigte an, dass irgendwo in der Tiefe des Netzes eifrig gerechnet wurde. Mia wartete geduldig.
Nach acht Minuten verschwand das Tachometer. Die Wände wurden weltraumschwarz, dann auf einmal baute sich ein normalgroßes Umgebungsbild auf.
Mia befand sich in einem Architekturbüro, darin ein großer Schreibtisch mit künstlicher Maserung, grell funkelnde Messinglampen und algorithmische Wirbel simulierten Marmors. Die Sessel waren dick gepolstert und wirkten so, als ob man darin versinken könne. Sessel für alte Leute. Die Art Sessel, wie sie Top-Möbeldesigner in den Siebzigern entworfen hatten, als ihnen auf einmal bewusst geworden war, dass alte Menschen über alles Geld der Welt verfügten und dass es von nun an bis ans Ende aller Zeiten auch im Besitz alter Menschen bleiben würde.
Das virtuelle Büro war mit feiner Ironie so gestaltet worden, dass es dem Büro eines klassischen Architekten ähnelte. Architekten, die statt virtueller Strukturen reale Gebäude entwarfen, neigten dazu, ihre intime Beziehung zur physischen Realität aufdringlich zu betonen. Mia war umgeben von Korktafeln, Schiefertafeln, Stiften, Zeichenpapier. Alles analog und berührbar. Kein einziger Bildschirm war zu sehen. Mal abgesehen davon, dass diese ganze virtuelle Umgebung in sich ein Bildschirm war.
Es bestand eine große Diskrepanz zwischen Martin Warshaws raffiniertem Erinnerungspalast und diesem willkürlich ausgewählten und ein wenig schäbigen Vorhanggerät. Vor dem Hintergrund der runden Gewebewände wirkten die Ecken des virtuellen Raums ziemlich hässlich, voller visueller Verzerrungen, die einem auf den Magen schlugen. Die Simulation wusste offenbar nicht so recht, wo sie den Boden hintun sollte. Die Bodenränder bogen sich empor wie die Seitenwände eines sinkenden Ruderboots.
Ein simuliertes Fenster in der einen Wand bot Ausblick in einen Garten, doch die organischen Formen waren katastrophal schlecht. Die Bäume waren alberne vage Flecken, die albtraumhafte Vision einer röntgenbestrahlten Vegetation unter dem Licht einer fremden Sonne, das so dick wie Käse war. Das Innere des Büros war vollgestopft mit virtuellen Topfpflanzen, deren große gezackte Blätter so steif und leblos wie Waffeleisen wirkten.
Mia schaute sich aufmerksam in dem virtuellen Büro um. An der linken Wand hing ein riesiger gerahmter Bauplan. Er stellte ein großes, vielstöckiges Gebäude dar - wahrscheinlich der Grundriss des Erinnerungspalasts. Die Pläne waren mit zahlreichen Anmerkungen in Form fürchterlich verschwommener, winziger Druckbuchstaben versehen. Der Palast wirkte riesig, wohldurchdacht und ziemlich einschüchternd. Mia fühlte sich, als habe sie ein Weihnachtsgeschenk ausgepackt und festgestellt, dass es sich um eine vollständige Dampflokomotive handelte. Um einen tonnenschweren, mit Kohle befeuerten virtuellen Springteufel.
Sie wandte sich wieder in die Mitte des Zimmers um. Auf dem holzgemaserten Schreibtisch stand ein einzelnes gerahmtes Foto. Mia machte Schrittbewegungen und schaffte es, vor dem virtuellen Schreibtisch stehen zu bleiben, ohne hindurch zu pflügen. Sie streckte die Hand aus und ergriff das Foto. Das Handschuhinterface war jämmerlich schlecht, voller Störungen und Überlappungen.
Das Interface war höchst ungeeignet. Und ein kleines Wunder. Diese virtuelle Umgebung wurde sicherlich verschlüsselt, entschlüsselt, abermals verschlüsselt, anonym über Satelliten und Kabel geleitet, auf einem fremden Rechner mittels schlecht passender, veralteter Protokolle emuliert und anschließend mittels längst nicht mehr gebräuchlicher Grafikstandards dargestellt. Zerstückelt, weitergeleitet, komprimiert, gepackt, entpackt, dekomprimiert und wieder zusammengesetzt. Schlimmer noch, der Palast war alt. Virtuelle Gebäude alterten nicht wie reale, sondern durchliefen ähnlich wie ihre Besitzer subtile Prozesse geheimnisvollen Niedergangs. Ein kleiner Ziertisch in der Ecke litt ganz eindeutig an Datenverrottung; aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet hatte die Oberfläche alle Farbe verloren.
Dennoch war der Ort nicht tot. Ein virtueller Gecko tauchte auf und hangelte sich an der Wand entlang, ein Hinweis auf die Heilkräfte der kleinen Unterprogramme, die sich noch immer durch die feuchten, dunkleren Winkel des Palastcodes hindurcharbeiteten.
Mia nahm das Foto zögernd in die Hand. Als sie es vom Schreibtisch hochhob, platzte es wie ein Blutgerinnsel aus dem Rahmen hervor, sprang an die Gewebewand des Vorhanggeräts und entfaltete sich zu einem 360-Grad-Inferno hellroter Pixel von der Größe eines blutigen Daumenabdrucks. Mia zuckte zusammen, stellte das Foto wieder ab und betrachtete es durch die Membran ihres Armfächers hindurch von der Seite. Die in Griffweite befindlichen Gegenstände wirkten grafisch weitaus besser umgesetzt als die grässliche Bescherung an den Vorhangwänden.
Das Digitalfoto im Rahmen stellte sie selbst dar. Diesmal ein anderes Bild: die ganz junge Mia Ziemann saß in ihrem roten Frotteebademantel auf einem Sofa mit zerschlissenem rotem Bezug und las in einer Zeitschrift, die schlanken, nackten Beine auf einen Couchtisch gelegt. Ihr Haar war feucht. Auf dem Boden waren Collegeutensilien verstreut: Hamburgerverpackungen, Musik-CDs, zwei Schuhe mit verschnürten Schuhbändern. Die junge Mia wähnte sich unbeobachtet. Sie wirkte entspannt, vertieft in die Zeitschrift.
Ein weiteres Andenken Martins. Seine posthume Botschaft an die auserkorene Palasterbin.
Mia öffnete eine Schublade des virtuellen Schreibtischs. Leer. Sie warf das Foto in die leere Schublade und schloss diese wieder. Sie öffnete eine weitere Schublade. Schere, Papier, Stifte, Klebeband, Stecknadeln. Trotz mehrmaligen Versuchs bekam sie die virtuelle Schere nicht richtig zu fassen. Sie öffnete die nächste Schublade, darin ein Karton mit bunter Kreide.
Mia nahm ein Stück blassgrüner Kreide aus der Schachtel und wandte sich der Schiefertafel an der gegenüberliegenden Wand zu. Sie marschierte, auf der Stelle tretend, zu der verstörend schwankenden Tafel und streckte die Hand aus, die behandschuhten Finger fest um die virtuelle Kreide zusammengedrückt.
Offenbar erforderte dieses Unternehmen weitaus bessere Handschuhe als die billigen Einmalhandschuhe, die sie trug. Die Kreide verschwand immer wieder in der Tafel, ganz so, als habe Lewis Carrolls Alice Anfälle im Spiegel. Nach längerem Kampf schaffte es Mia, eine krakelige Botschaft niederzuschreiben, das Erstbeste, was ihr eingefallen war:
Sie fügte noch ein Kilroy-Gesicht mit Knubbelnase hinzu und kritzelte ein paar kindische Miss-Kilroy-Locken auf Kilroys Birnenschädel. Dabei fiel ihr die Kreide aus der Hand, traf mit einem hörbaren Klicken auf dem Fußboden auf und verschwand. Nachdem sie mit den Armfächern ergebnislos danach gesucht hatte, wurde Mia nun ernstlich übel. Sie stöpselte das Touchpad aus, riss den Vorhang auf und trat aus der Kabine.
Sie schluckte sauren Speichel, nahm die Armfächer ab und legte sie weg. Sie pellte sich die Handschuhe in Streifen von den Händen und warf sie in den Recycler. Für einen ersten Versuch hatte das mehr als ausgereicht. Sollte sie je wieder Warshaws Palast betreten, würde sie ihre topmodernen Datenhandschuhe von der Arbeit und eine ordentliche Brille benutzen. Mia fühlte sich elend. Und merkwürdig enttäuscht. Und gründlich verarscht. Und todtraurig.
Schwer atmend bahnte sie sich einen Weg zwischen Stuarts’ Gerätephalanx hindurch und versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Sie ging bis zu den neuen Geräten am anderen Ende des Schuppens. Dort machte sie kehrt und ging zurück. Jetzt fühlte sie sich wieder besser. Umhergehen tat ihr immer gut.
»Komm mit mir nach Europa«, sagte eine Frau. Mia blieb stehen.
»Wir haben keine Zeit für Europa. Und auch kein Geld«, knurrte ein Mann. Die beiden saßen auf einer Decke auf dem Boden, auf einem Gang zwischen den Geräten. Der Mann trug eine große wattierte Jacke, schmutzige Leggings und große Stulpenstiefel; er hatte sich eine glitzernde Cyberbrille in die Stirn geschoben. Die Frau war sehr eigenwillig gekleidet, mit einem zeltartigen braunen Poncho, an dem mittels Hosenträgern eine weite Faltenhose befestigt war. Beide waren mit einer CAD-Vorrichtung beschäftigt. Die Bedienungshandschuhe hatten sie ausgezogen, fläzten sich nun auf der Decke und verzehrten Plätzchen aus einer Papiertüte.
Beide wirkten ziemlich schmutzig. Sie redeten zu laut. Ihre Gesichter waren eigentümlich faltenlos und geschmeidig. Ihre Gesten waren abgehackt. Offenbar regten sie sich über irgendetwas auf.
Sie waren jung.
»In Stuttgart könnte man das Polymer innerhalb von sechs Tagen spinnen«, sagte das Mädchen. »Vielleicht sogar innerhalb
von sechs Stunden.«
»Stuttgart ist keine gute Lösung. Hier haben wir wenigstens Kontakte.«
»Der alte Mann duldet uns hier vor allem deshalb, weil er uns beim Fummeln zuschauen will! Wir brauchen lebendige Menschen. Menschen wie wir. Einen Ort, wo es passiert. Nicht dieses Museum.«
»In Stuttgart würden wir es zu nichts bringen. Hast du eine Ahnung, wie hoch die Mieten in Stuttgart sind? Und außerdem, willst du damit sagen, wir wären nicht lebendig? Du und ich? Wir müssen auf unsere Art lebendig sein, dort, wo wir leben. Ansonsten wäre es bedeutungslos.«
Mia ging an ihnen vorbei und tat so, als höre sie ihnen nicht zu. Mr. Stuart stand hinter der Theke. Er wühlte gerade mit einem Multifunktionswerkzeug in den silbrigen Innereien eines kaputten Helms.
»Ich bin einstweilen fertig«, sagte Mia.
»Prima«, meinte Stuart gleichgültig und klemmte sich ein Cybermonokel ins Auge.
»Erzählen Sie mir von den beiden jungen Leuten dort drüben, die mit dem CAD-Gerät beschäftigt sind.«
Stuart starrte sie an, sein Monokel funkelte. »Machen Sie Witze? Was geht Sie das an?«
»Ich habe Sie schließlich nicht gefragt, in welche Netzwerke sie sich einklinken«, erklärte Mia. »Ich möchte bloß etwas über ihren persönlichen Hintergrund erfahren.«
»Ach so, kein Problem«, meinte Stuart erleichtert. »Die beiden sind in den Zwanzigern. Haben ständig irgendein kleines Projekt am Laufen, Sie wissen ja, wie das in dem Alter ist.
Keinerlei Zeitgefühl, jede Menge überschüssige Energie, den Kopf in den Wolken. Sie machen Mode. Sie versuchen es.«
»Ach.«
»Kleider für andere junge Leute. Sie macht die Entwürfe, und er setzt sie um. Sie sind ein Team. Eine Jugendromanze. Ganz reizend.«
»Wie heißen sie?«
»Nach ihren Namen hab ich sie nicht gefragt.«
»Womit bezahlen sie die Zugangszeit?«
Stuart schwieg vielsagend.
»Vielen Dank«, sagte Mia. Sie ging wieder zurück, um eingehender zu lauschen. Die jungen Leute waren verschwunden. Mia zog ihre Geldkarte aus dem Automaten am Eingang. Viel war nicht mehr drauf, denn Stuart knöpfte Fremden irrsinnig hohe Gebühren ab. Sie eilte auf die Straße.
Der Junge und das Mädchen hatten Rucksäcke geschultert und gingen hügelan zu einer Bushaltestelle.
Als der Bus eintraf, stieg Mia ebenfalls ein. Das Pärchen nahm hinten Platz. Mia setzte sich in ihrer Nähe auf einen freien Platz auf der anderen Seite des Mittelgangs. Die beiden beachteten sie nicht. Junge Leute nahmen alte Menschen nicht gern zur Kenntnis.
»Diese Stadt«, verkündete das Mädchen, »langweilt mich zu Tode.«
»Klar«, meinte der Junge und gähnte.
»Mir ist jetzt langweilig«, sagte das Mädchen.
»Du sitzt in einem Bus«, erklärte der Junge mit grenzenloser Geduld. Er wühlte in seinem Rucksack.
Mia holte die Sonnenbrille aus der Handtasche, setzte sie auf und tat so, als blicke sie den Mittelgang entlang. Drei Hunde und zwei Katzen waren an Bord. Weiter vorne verzehrten zwei gut gekleidete Asiaten mit Essstäbchen ein Gericht aus Pappkartons.
Das Mädchen öffnete den Rucksack, holte eine Klapperschlange heraus und hängte sie sich um den Hals. Die Schlange war wunderschön. Die geschuppte Haut wirkte wie Mosaikboden, aus großer Höhe betrachtet. Als sie warme Haut berührte, regte sich die Schlange.
»Werd nicht high«, sagte der Junge.
»Ich werd schon nicht high. Snakey ist nicht geladen.«
»Dann lad sie auch nicht. Wenn wir uns streiten, wirst du immer high. Als wenn das eine Lösung wäre.« Der Junge holte einen Emaillekamm aus dem Rucksack und fuhr sich damit rastlos durchs Haar. »Außerdem würde die Schlange in Stuttgart blöd aussehen. In Stuttgart gibt es keine Klapperschlangen.«
»Wir könnten nach Prag gehen. Oder nach Mailand.« Das Mädchen spielte lustlos mit der Klapper der Schlange herum. »Hier ist es so öde. Nie passiert was. Schatz, ich fühl mich elend.« Sie ließ die Schlange los und zupfte an einer fettigen braunen Haarsträhne. »Wenn ich mich mies fühle, kann ich nicht arbeiten. Du weißt doch, dass ich dann nicht arbeiten kann!«
»Was soll ich mit dir machen, wenn du dich in Europa elend fühlst?«
»In Europa würde ich mich niemals elend fühlen.«
»Klar.«
»Du glaubst, ich wüsste nicht, was ich will«, meinte sie aufgebracht. »Das war schon immer dein Problem.«
»Du weißt nicht, was du willst, und du wirst es auch nie wissen«, fauchte er. »Du gehst mir auf den Geist.«
»Ich hasse dich«, verkündete das Mädchen. Sie stopfte die Schlange wieder in den Rucksack.
»Sie sollten nach Europa gehen«, sagte Mia laut.
Die beiden schauten verwirrt hoch. »Was?«, fragte das Mädchen.
»Sie sollten fortgehen. Einfach so.« Mias Herz setzte für einen Schlag aus, dann begann es zu rasen. »Sie sind sehr jung, aber Sie haben jede Menge Zeit. Gehen Sie für fünf Wochen nach Europa. Für fünf Monate. Für fünf Jahre. Fünf Jahre sind ein Klacks. Sie sollten gemeinsam nach Europa gehen, eine Ortsveränderung würde Ihnen gut tun.«
»Ich bitte um Verzeihung«, sagte der Junge. »Haben wir Sie nach Ihrer Meinung gefragt?«
Mia nahm die Sonnenbrille ab, blickte den beiden in die Augen.
»Lass sie in Ruhe«, meinte das Mädchen rasch.
»Irgendwann wäre es zu spät«, sagte Mia. »Wenn Sie zu lange warten, dann wissen Sie zu viel. Dann ist es überall gleich, ganz egal, wohin Sie gehen.« Sie brach in Tränen aus.
»Na toll«, murmelte der Junge. Er erhob sich, packte die Bambushaltestange. »Komm, wir gehen.«
Das Mädchen rührte sich nicht. »Wieso?«
»Komm schon, sie hat einen Anfall! Das geht uns nichts an. Wir haben auch so schon genug Probleme.«
»Sie sind noch nicht alt genug, um richtige Probleme zu haben«, entgegnete Mia. »Sie können noch eine Menge Risiken eingehen. Sie haben Kraft, und Sie sind frei. Nur zu, riskieren Sie etwas. Gehen Sie mit ihr nach Europa.«
Der Junge starrte sie an. »Sehe ich etwa aus wie jemand, der von fremden alten Damen, die in Bussen weinen, Karriereratschläge entgegennimmt?«
»Sie sehen aus wie ... Sie erinnern mich an einen Mann, mit dem ich vor langer Zeit mal befreundet war«, sagte Mia. Ihre Stimme zitterte. Ihre Tränengänge schmerzten. Das Brennen erstreckte sich bis in die Nase.
»Sie gehen ziemlich großzügig mit Ratschlägen um. Wann sind Sie zum letzten Mal ein Risiko eingegangen?«
Mia rieb sich die brennenden Augen und schniefte. »Ich gehe im Moment ein Risiko ein.«
»Aber sicher doch,« meinte der Junge höhnisch. »Was für ein Risiko für eine Gerontokratin, sich über uns lustig zu machen! Schauen Sie sich doch einmal an - für Sie stehen die Ambulanzen doch rund um die Uhr bereit! Sie haben alle Vorteile auf Ihrer Seite! Und was haben wir?«
Er funkelte sie aggressiv an. »Wissen Sie was, Madam, auch wenn ich erst zweiundzwanzig bin, ist mein Leben doch ebenso real und lebenswert wie Ihres! Halten Sie uns etwa für dumm, bloß weil wir jung sind? Sie wissen nicht annähernd genug, um uns Ratschläge erteilen zu können - Sie wissen gar nichts von uns, von unserem Leben, unseren Lebensumständen oder von sonst irgendwas. Sie blicken bloß auf uns herab.«
»Nein, das tut sie nicht«, sagte das Mädchen.
»Sie wollen uns bevormunden!«
»Ach, das tut sie doch gar nicht! Sieh mal, sie weint, sie meint es ernst!«
»Sie sind unverschämt!«
»Hör auf, die nette Dame zu beleidigen! Sie hat vollkommen Recht, mit jedem einzelnen Wort!«
Der Bus hielt. »Ich steige aus«, verkündete der Junge. »Ich kann es nicht ausstehen, wenn alte Leute meine Erfahrung in Zweifel ziehen.«
»Dann geh doch«, sagte das Mädchen, verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sich gegen den Sitz zurückfallen. Der Junge stutzte. Sein Gesicht lief rot an. Er schulterte den Rucksack und stürmte mit polternden Stiefeln die Stufen hinunter.
Der Bus setzte sich wieder in Bewegung.
»Es tut mir Leid«, sagte Mia demütig.
»Das braucht es nicht«, meinte das Mädchen. »Ich hasse ihn! Er engt mich ein! Er glaubt, er könnte mir Vorschriften machen.«
Mia schwieg.
Das Mädchen runzelte die Stirn. »Ich habe noch nie öfter als zweimal mit einem Mann geschlafen, ohne dass er geglaubt hätte, mir Vorschriften machen zu können!«
Mia schaute hoch. »Wie alt sind Sie?«
Das Mädchen reckte das Kinn. »Neunzehn.«
»Wie heißen Sie?«
»Brett«, erklärte das Mädchen. Sie log. »Und Sie?«
»Maya.«
Brett kam zu Mia herüber und setzte sich neben sie. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Maya.«
»Freut mich ebenfalls, Brett.«
»Ich gehe nach Europa«, verkündete Brett. Sie wühlte wieder in ihrem Rucksack. »Wahrscheinlich nach Stuttgart. Das ist die bedeutendste Kunstmetropole. Waren Sie schon einmal in Stuttgart?«
»Ich war ein paarmal in Europa. Aber das ist schon ein paar Jahre her.«
»Waren Sie in Stuttgart, seit es wiederaufgebaut wurde?«
»Nein.«
»Waren Sie schon mal in Indianapolis?«
»Einmal mittels Telepräsenz. Indianapolis scheint mir ein unsicheres Pflaster zu sein.«
Brett bot Mia ein Papiertaschentuch an. Mia nahm es dankbar entgegen und putzte sich die Nase. Ihre Tränengänge waren außer Übung. Sie fühlten sich wund an und brannten.
Brett musterte sie mit unverhohlener Neugier. »Sie waren in letzter Zeit nicht mehr viel unterwegs, nicht wahr, Maya?«
»Nein. Das kann ich wirklich nicht behaupten.«
»Möchten Sie mich ein Stück begleiten? Vielleicht könnte ich Ihnen das eine oder andere zeigen. Hätten Sie Lust?«
Mia war überrascht und gerührt. Die Einladung traf sie unvorbereitet, doch das Mädchen wollte ihr einen Gefallen tun. »Ja, einverstanden.«
Brett stieg an der nächsten Haltestelle aus. Sie spazierten gemeinsam die Filmore Street entlang. Der Straßenrand war dicht mit Bäumen bestanden. Eine Giraffe weidete methodisch das Laub ab. Mia war überzeugt davon, dass die Giraffe vollkommen harmlos war, doch sie war das größte Stadttier, dem sie in San Francisco jemals begegnet war. Ein ziemlich exotisches Tier. Irgendjemand vom Stadtrat hatte Initiative gezeigt.
Brett schlenderte zunächst, dann zog sie allmählich das Tempo an. »Sie sind ziemlich gut zu Fuß«, sagte Brett. »Wie alt sind Sie eigentlich?«
»Beinahe hundert.«
»Das sieht man Ihnen nicht an. Sie müssen verdammt smart sein.«
»Ich war bloß vorsichtig.«
»Leiden Sie beispielsweise an Arthritis, Inkontinenz oder irgendwelchen anderen seltsamen Gebrechen?«
»Ich habe einen empfindlichen Vagus«, antwortete Mia. »Nachts bekomme ich schon mal Krämpfe. Und ich habe Hornhautverkrümmung.« Sie lächelte. Das war ein interessantes Thema. Sie erinnerte sich noch an Zeiten, als Fremde miteinander über das Wetter geplaudert hatten.
»Haben Sie einen Freund?«
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»Vor langer Zeit war ich mal verheiratet. Als es vorbei war, erschien mir dieser Aspekt des Lebens nicht mehr so wichtig.«
»Welcher Aspekt ist denn wichtig?«
»Verantwortung.«
»Das klingt nicht sonderlich aufregend.«
»Es ist nicht aufregend, aber wenn man keine Verantwortung übernimmt, achtet man nicht genug auf sich. Man wird krank und verfällt.« Diese Binsenwahrheit musste in den Ohren eines jungen Menschen ziemlich fatalistisch, sinnlos und morbid klingen. »Wenn man sehr lange lebt«, fuhr Mia fort, »verändert sich alles. Das Gefüge der Welt, die Politik, die Wirtschaft, die Religion, die Kultur und alles andere. Für diese Veränderungen war man mitverantwortlich, sie haben einem genützt, man hat sie selbst mitbewirkt. Man muss sich sehr anstrengen, um den Ansprüchen der Gesellschaft gerecht zu werden. Ein guter Bürger zu sein, erfordert eine Menge Arbeit und große Opfer.«
»Klar«, sagte Brett und lachte. »Das hatte ich ganz vergessen.«
Brett führte sie in eine Mall - eine Ansammlung von Ramschläden in der Nähe der Haight Street. Eine Menge Leute waren da, ruhten sich auf den Bänken aus, betrachteten die Schaufenster, tranken Tinkturen in einem Cafe. Zwei Cops in pinkfarbenen Jacken beobachteten von ihren Fahrrädern aus die Menge. Mia ertappte sich dabei, dass sie zum erstenmal seit vielen Jahren vom Police Officer mit einem misstrauischen Blick bedacht wurde.
»Kennen Sie sich in diesem Viertel aus?«, fragte Brett.
»Klar. Sehen Sie den Sammlerladen dort drüben? Da gibt es Medienkrimskrams, hin und wieder kaufe ich dort alte Verpackungen.«
»Wow«, wunderte sich Brett, »ich hab mich immer gefragt, was für Leute in diesem komischen alten Laden wohl einkaufen würden ...«
Brett betrat ein dunkles, winziges Geschäft, ein Loch in der Wand mit einer Rotholzfront. Dort gab es Teppiche, Decken und billigen Schmuck. Mia war in ihrem ganzen Leben noch nicht in einem solchen Laden gewesen. In der Luft hing ein kräftiger, nahezu erstickender Geruch nach Vanillespray. Die Wände waren mit tiefgrünem Moos überwachsen.
Auf der Glasfläche der Ladentheke schlief eine Tigerkatze, alle Viere von sich gestreckt. Menschen waren keine zu sehen. Brett steuerte schnurstracks auf ein Kleidergestell in einem Winkel zu. »Schauen Sie ... das ist von mir.«
»Das alles?«
»Nein, nicht alles«, sagte Brett, eifrig in den Kleidern wühlend, »aber das ist von mir und das da und das da ... Das heißt, von mir stammt der Entwurf, Griff hat ihn umgesetzt.« Aus der Zornesfalte auf Bretts ansonsten glatter Stirn schloss Mia, dass Griff ihr Freund war. »Mr. Quiroga, der älter ist als wir, ist der Besitzer. Wir haben eine Art Vereinbarung mit ihm.«
»Die Entwürfe sind sehr interessant«, meinte Mia. Sie waren ausgesprochen eigenwillig.
»Gefallen sie Ihnen wirklich?«
»Aber sicher doch.« Mia nahm eine rote Jacke vom Bügel. Sie war aus bauschigem, gesponnenem Plastik und fühlte sich an wie eine Mischung aus Leder, Segeltuch und weicher Kaumasse. Der Großteil der Jacke war bonbonrot, doch an Ellbogen, Kragen und Saum waren große dunkelblaue Flicken angebracht. Sie hatte eine Menge Taschen mit dicken Knöpfen und eine wasserdichte rote Kapuze, die im dicken Kragen untergebracht war.
»Sehen Sie, wie gut sie die Form hält?«, prahlte Brett. »Außerdem benötigt sie nicht einmal Batterien. Das kommt alles vom Schnitt und vom Material. Und vom Elastizitätsmodul der Faser.«
»Woraus besteht sie?«
»Aus Elastomeren und Polymeren. Und ein wenig Webkeramik für die beanspruchten Teile. Sehen Sie, man kann die Jacke bei jedem Wetter tragen, genau das Richtige für eine Reise! Probieren Sie sie mal an!«
Mia steckte die Arme in die wattierten Ärmel. Brett zupfte an den Schultern, dann schloss sie den Reißverschluss bis ans
Kinn. »Passt großartig!«, erklärte Brett. Davon konnte keine Rede sein. Mia hatte das Gefühl, man habe sie in einen monströsen Obstkuchen gestopft.
Mia trat vor einen schmalen Ganzkörperspiegel, der in einem anderen Winkel untergebracht war. Darin erblickte sie eine Fremde in einer grellbunten Jacke. Maya, die Lebkuchenfrau. Sie setzte die Sonnenbrille auf. Mit der Brille wirkte sie bei der düsteren Beleuchtung beinahe jung - wie eine sehr müde, aufgedunsene, kränkliche junge Frau in einer grotesken Kinderjacke. Mit unglaublich adretten, konservativen Hosen und Schuhen.
Mia fuhr sich durchs Haar, schüttelte den Kopf und zerstörte dabei ihre Frisur.
»So ist es besser«, sagte sie mit Blick in den Spiegel.
Brett lachte überrascht.
»Eine wirklich hübsche Jacke. Was brauche ich eigentlich sonst noch?«
»Bessere Schuhe«, meinte Brett ganz ernsthaft. »Einen Rock. Lange Ohrringe. Keine Handtasche, stattdessen einen Rucksack. Echten Lippenstift, nicht dieses medizinische Zeugs für kleine alte Damen. Nagellack. Haarspangen. Halsketten. Keinen Gürtel. Keinen BH, wenn’s irgend geht. Und vor allem keine Uhr.« Sie zögerte. »Und schwenken Sie beim Gehen ein bisschen mehr die Hüften. Legen Sie ein wenig Schwung hinein.«
»Das ist schon eine ganze Menge.«
Brett zuckte die Achseln. »Wenn man lebendig wirken will, kommt es vor allem darauf an, was man nicht kaufen und nicht tun darf.«
»Für diese Art Leben habe ich nicht mehr die richtigen Wangenknochen«, sagte Mia. »Ich rede zu langsam. Ich gestikuliere nicht genug. Ich kichere nicht. Würde ich zu tanzen versuchen, hätte ich eine Woche lang Schmerzen.«
»Sie brauchen nicht zu tanzen. Wenn Sie wollen, mache ich einen richtig lebendigen Menschen aus Ihnen. Darin bin ich ziemlich gut. Dazu habe ich Talent. Das sagt jeder.«
»Ich bin sicher, dass Sie das könnten, Brett. Aber weshalb sollte ich es wollen?«
Brett wirkte geknickt. Es versetzte Mia einen Stich, das Mädchen enttäuscht zu haben. Es war, als habe sie auf der Straße ein kleines Kind geohrfeigt. »Ich will die Jacke haben«, sagte Mia. »Sie gefällt mir, ich möchte Sie Ihnen abkaufen.«
»Ist das Ihr Ernst?«
»Ja, natürlich.«
»Könnten Sie mir Erwachsenengeld dafür geben?«
»Wie bitte?«
»Ich meine, richtiges Geld aus einer Langzeitanlage«, erklärte Brett. »Beglaubigtes Geld.«
»Aber beglaubigtes Geld ist nur für spezielle Transaktionen gedacht. Wie Lebensverlängerung, Kapitalgeschäfte, Pensionen, halt solche Sachen.«
»Nein, das stimmt nicht. Beglaubigtes Geld ist das wahre Geld der wahren Wirtschaft. Die Art Geld, die Leute wie Griff und ich niemals in die Hände bekommen.« Bretts Jungmädchenaugen - von einem warmen Haselnussbraun, die Augäpfel so weiß und klar, dass sie nahezu künstlich wirkten - verengten sich. »Sie brauchen mir nicht viel richtiges Geld zu geben. Ich wäre schon glücklich, wenn ich nur ein bisschen beglaubigtes Erwachsenengeld hätte.«
»Ich würde Ihnen ja was geben«, sagte Mia, »aber es geht nicht. Natürlich verfüge ich über beglaubigtes Kapital, das auf meinen Namen eingetragen ist, aber das ist alles in langfristigen Anlagen gebunden, wie es auch sein sollte. Niemand nutzt diese finanziellen Instrumente für Alltagsgeschäfte wie zum Beispiel den Erwerb von Kleidung oder Nahrungsmitteln. Was haben Sie denn gegen eine Geldkarte einzuwenden?«
»Ohne beglaubigtes Kapital kann man kein richtiges Geschäft aufmachen«, sagte Brett. »Dann muss man sich mit allen möglichen Steuer-, Versicherungs- und Haftungsproblemen herumschlagen. Das ist alles Teil der großen Verschwörung, um die jungen Leute klein zu halten.«
»Nein, das stimmt nicht«, entgegnete Mia. »Sondern es dient der Geldstabilität und der Verminderung der Liquidität auf den Kapitalmärkten. Das ist ein sehr ödes und kompliziertes Thema, Brett, aber zufällig bin ich Medizinökonomin und kenne mich ein wenig damit aus. Hätten Sie miterlebt, was in den Zwanzigern, Vierzigern und selbst noch in den Sechzigern auf den Märkten los war, wüssten Sie die heutigen zeitbasierten Beschränkungen der Kapitalflüsse zu schätzen. Sie haben gute Auswirkungen gehabt, das Leben ist jetzt viel vorhersagbarer. Die ganze Struktur des medizinisch-industriellen Komplexes beruht auf verlässlichen Bewilligungsprozeduren und abgestufter Reduzierung der Liquidität.«
Brett zuckte die Achseln. »Ach, schon gut, schon gut ... Ich wusste, dass Sie mir nichts geben würden, aber ich musste es trotzdem versuchen. Sie sind mir hoffentlich nicht böse.«
»Nein, schon gut. Ich bin Ihnen nicht böse.«
Brett blickte sich im Laden um, verzog die glänzenden Lippen zu einem affektierten Lächeln. »Mr. Quiroga ist nicht da. Wahrscheinlich hat er wieder Sozial dienst. Er soll den Laden führen, aber wenn man ihn braucht, ist er nicht da ... Wahrscheinlich bekommt er mehr Behandlungspunkte von der Regierung, wenn er uns jungen Leuten nachspioniert ... Können Sie mir fünfzehn Einheiten dafür geben? In bar?«
Mia holte die Minibank aus der Handtasche, übertrug fünfzehn Einheiten auf die Smartcard und reichte sie Brett.
Brett verstaute die Karte sorgfältig in der Rucksacktasche und entfernte einen kaum sichtbaren Anhänger vom roten Jackenärmel. Sie schob den Anhänger unter die schlafende Katze, die einmal reflexhaft miaute. »Also, vielen Dank, Mia. Griff wird sich mächtig freuen, dass ich was verkauft habe. Das heißt, falls ich Griff jemals wiedersehe.«
»Wollen Sie ihn denn wiedersehen?«
»Ach, er wird sich schon bei mir melden. Er wird mir Honig ums Maul schmieren und sich entschuldigen und alles, aber er ist nicht gut für mich. Er ist intelligent, aber dumm, wenn Sie verstehen, was ich meine. Er wird es nie zu was bringen. Er wird auch niemals von hier fortgehen.« Brett war rastlos. »Gehen wir.«
Sie traten aus der Mall auf die Pierce Street hinaus. Ein Polizei-Pekinese mit einem pinkfarbenen Halsband kam den Hügel heruntergewackelt. Brett blieb stocksteif stehen und starrte den kleinen Hund voll unverhohlener Feindseligkeit an. Als der Hund sie passiert hatte, ging sie weiter.
»Ich könnte heute Abend noch aufbrechen«, erklärte Brett und schwang die jungen, makellosen Arme unter dem Poncho. »Einfach einen Flieger nach Stuttgart besteigen. Nein, besser nicht nach Stuttgart, da wäre es zu voll. Lieber eine andere Stadt in Europa. Vielleicht Warschau. Flugzeuge sind wie Busse. Kaum jemand macht sich die Mühe nachzuprüfen, ob man bezahlt hat.«
»Das wäre unredlich«, sagte Mia mit sanftem Vorwurf.
»Ich würde schon damit durchkommen! Wenn man den Nerv dafür hat, ist es ganz leicht.«
»Was würden Ihre Eltern sagen?«
Brett lachte bitter. »Ich würde mich in Stuttgart nicht untersuchen lassen. Ich würde mich in Europa versteckt halten, und ich würde mich erst wieder untersuchen lassen, wenn ich zurück bin. In Europa gibt es keine medizinischen Aufzeichnungen über mich. Niemand könnte mich finden. Ich könnte heute Abend noch losfliegen. Niemand würde was merken.«
Sie gingen bergan, und Mia brannten die Knöchel. »Ohne offizielle Dokumente könnten Sie in Europa kaum etwas ausrichten.«
»Die Leute reisen doch ständig umher! Solange man keinen wichtigen Eindruck macht, kann man sich alles erlauben.«
»Wie denkt Griff darüber?«
»Griff hat keine Phantasie.«
»Und wenn er nach Ihnen sucht?«
Bretts Miene umwölkte sich. »Dieser Mann, mit dem Sie mal befreundet waren. Ihr Geliebter. War er Griff wirklich so ähnlich?«
»Schon möglich.«
»Was ist aus ihm geworden?«
»Er wurde heute bestattet.«
»Ach«, meinte Brett. »Allmählich dämmert es mir.« Sie berührte leicht Mias wattierte Schulter. »Jetzt hab ich’s kapiert. Tut mir Leid.«
»Schon gut.«
Eine Weile gingen sie schweigend weiter. Mia atmete schwer. Dann brach Brett das Schweigen. »Ich wette, Sie haben ihn insgeheim bis zuletzt geliebt.«
»Nein. So war es nicht.«
»Aber Sie waren heute bei seinem Begräbnis.«
»Ja, schon.«
»Also, ich wette, tief in Ihrem Innern haben Sie ihn die ganze Zeit geliebt.«
»Ich weiß, das würde romantisch wirken«, sagte Mia, »aber so war es nicht. Jedenfalls nicht für mich. Ich habe ihn nicht halb so sehr geliebt wie einen besseren Mann, den ich später kennengelernt habe und an den ich jetzt auch kaum mehr denke. Obwohl ich fünfzig Jahre lang seine Frau war.«
»Nein, nein, nein«, beharrte Brett aufgekratzt, »ich wette, dass Sie zu Sylvester Mnemos nehmen und Alkohol trinken, an Ihre alten Freunde denken und weinen.«
»Alkohol ist Gift«, sagte Mia. »Und Mnemos machen bloß Probleme. Aber junge Frauen glauben eben, alte Frauen würden sich so verhalten. Posthumane Frauen sind ganz anders. Wir sind weder traurig noch nostalgisch. Richtig alte Frauen, die noch gesund und rüstig sind - die sind bloß anders. Wir ... wir kommen darüber hinweg.« Sie stockte. »Richtig alte Männer, jedenfalls manche von ihnen…«
»Aber er kann Ihnen nicht vollständig gleichgültig gewesen sein, sonst hätten Sie im Bus nicht um ihn geweint.«
»Ach, um Himmels willen«, sagte Mia. »Das galt nicht ihm, das betraf die allgemeine Situation! Die menschliche Situation! Die posthumane Situation ... Wenn ich über den Verlust meines Liebeslebens geweint hätte, wäre ich mit Ihrem Freund ausgestiegen, nicht mit Ihnen.«
»Sehr komisch«, sagte Brett und warf Mia einen eifersüchtigen Blick zu. Sie wurde schneller, ihre elastischen Sohlen quietschten auf dem Pflaster.
»Ich wollte damit keinesfalls andeuten, dass ich versucht hätte, Ihnen den Freund abspenstig zu machen«, sagte Mia sehr vorsichtig. »Ich glaube, er sieht verdammt gut aus, aber das steht nicht besonders weit oben auf meiner Prioritätenliste.«
Sie überquerten den Mittelstreifen. »Ich weiß, weshalb Sie das gesagt haben«, meinte Brett mürrisch, als sie einen halben Block weiter waren. »Ich wette, Sie würden sich richtig gut fühlen, wenn Sie mir einen gut gemeinten Erwachsenenrat geben und mir vielleicht eine Jacke kaufen könnten, und wenn ich zu Griff zurückkehrte und wir gemeinsam nach Europa gingen und uns genau so verhielten, wie ein junges Liebespaar sich verhalten sollte.«
»Weshalb sind Sie so misstrauisch?«
»Ich bin nicht misstrauisch. Ich bin bloß nicht naiv. Ich weiß, Sie glauben, ich wär ein kleines Mädchen, ein neunzehnjähriges kleines Mädchen. Ich bin vielleicht nicht reif, aber ich bin eine Frau. Ich bin sogar eine gefährliche Frau.«
»Ach, wirklich.«
»Ja.« Brett ruckte mit dem Kopf. »Ich habe Wünsche, die dem Status quo zuwiderlaufen, verstehen Sie.«
»Das klingt ziemlich ernsthaft.«
»Und es macht mir nichts aus, andere Menschen zu verletzen, wenn ich dazu gezwungen bin. Hin und wieder tut ihnen das sogar gut. Verletzt zu werden. Ein wenig schockiert zu werden.« Bretts hübsches junges Gesicht nahm einen eigentümlichen Ausdruck an. Nach einer Weile wurde Mia bewusst, dass Brett sich bemühte, verrucht und verführerisch zu wirken. Dabei wirkte sie so durchtrieben wie ein Kätzchen in seinem Korb.
»Ich verstehe«, sagte Mia.
»Sind Sie reich, Mia?«
»Könnte man so sagen«, antwortete Mia. »Ja. Ich bin wohlhabend.«
»Wie haben Sie das geschafft?«
»Durch regelmäßiges Einkommen, niedrige Ausgaben, Grundbesitz und langes Warten.« Mia lachte. »Auf diese Weise können selbst unbelebte Objekte reich werden.«
»Mehr brauchten Sie nicht zu tun?«
»So leicht, wie sich das anhört, ist es nicht. Die niedrigen Ausgaben sind das schwerste. Es ist leicht, Geld zu verdienen, aber es ist schwer, das Geld nicht auf der Stelle auszugeben.«
»Besitzen Sie ein großes Haus, Mia?«
»Ich habe eine Wohnung in der Parnassus Street. Am Gesundheitszentrum. Eigentlich ist es gar nicht weit von hier.«
»Haben Sie dort viel Platz?«
Mia zögerte. »Sie möchten bei mir schlafen, wollen Sie darauf hinaus?«
»Darf ich, Mia? Nehmen Sie mich mit? Bloß für eine Nacht. Ich schlafe auf dem Boden, daran bin ich gewöhnt. Ich will bloß nicht von Griff gefunden werden, verstehen Sie. Ich brauche ein bisschen Ruhe, um über alles nachzudenken. Bitte sagen Sie ja,
Sie würden mir einen großen Gefallen tun.«
Mia überlegte. Sie würde sich vielleicht eine Menge Ärger einhandeln, doch aus irgendeinem Grund schreckte sie der Gedanke nicht ab. Sie hatte eine so intensive Beziehung zu dem Mädchen entwickelt, dass sie eine beinahe abergläubische Scheu davor hatte, die Verbindung jetzt abzubrechen. Sie war sich nicht sicher, ob sie Brett mochte und ob sie ihrem eigenen neunzehnjährigen Ich wiederbegegnen wollte. Aber trotzdem: neunzehn Jahre alt! Sie brachte es nicht über sich, Brett den Wunsch abzuschlagen. »Sind Sie hungrig, Brett?«
»Ich könnte was vertragen.« Auf einmal war Brett wieder guter Dinge.
»Es ist hier so ordentlich und sauber«, sagte Brett, als sie beinahe auf Zehenspitzen durch Mias Wohnung schlich. »Sieht es hier immer so aus?«
Mia machte sich in der Küche zu schaffen. Eigentlich war sie kein besonders ordentlicher Mensch, doch in den Siebzigern war ihre Unordentlichkeit von ihr abgefallen. Sie war aus dem Durcheinander einfach herausgewachsen, so wie ein Kind die Milchzähne verliert. Von da an wusch Mia das Geschirr ab, machte stets das Bett, hob herumliegende Sachen auf und räumte sie weg. Auf diese Weise lebte es sich leichter, und es kam ihr auch vernünftiger vor. Schmutz und Unordnung vermittelten ihr nicht mehr das Gefühl von Lockerheit, Freiheit oder Spontaneität. Siebzig Jahre hatte sie gebraucht, um zu lernen, hinter sich aufzuräumen, doch nachdem sie es einmal verinnerlicht hatte, konnte sie nicht mehr davon ablassen.
Sie wusste nicht, wie sie Brett das erklären sollte. Ein solch tiefgreifender Persönlichkeitswandel wäre einer Neunzehnjährigen niemals begreifbar gewesen. Hier war eine Halbwahrheit eher angebracht. »Zweimal die Woche kommt eine Sozialarbeiterin vorbei.«
»Mann, wie lästig.« Brett betrachtete einen gerahmten Verpackungskarton. »Was ist denn das?«
»Ein Stück aus meiner Sammlung. Das ist die Verpackung eines Computerspiels aus dem zwanzigsten Jahrhundert.«
»Was, dieses riesige silberne Wesen mit den Fangzähnen und Muskeln und all den Kriegsmaschinen und so?«
Mia nickte. »Das war eine Art von Virtualität, aber sie war flach und langsam und wurde in einem Glaskasten dargestellt.«
»Weshalb sammeln Sie dieses Zeug?«
»Es gefällt mir.«
Brett war noch nicht überzeugt.
Mia lächelte. »Es gefällt mir wirklich! Ich mag es, weil es einerseits so high-tech-mäßig ultrafortschrittlich tut und andererseits so gewalttätig und derb daherkommt. Das Design und die Vermarktung haben eine Menge Geld gekostet, denn damals hat es die Leute beeindruckt, wenn man viel Geld ausgegeben hat. Trotzdem wirkt es dilettantisch und plump. Von dem Spiel gab es mal Tausende von Kopien, jetzt aber sind sie vergessen. Ich mag es, weil sich nur wenige Leute für diesen altmodischen Schund interessieren. Wenn ich mir dieses Bild anschaue und darüber nachdenke - wo es herkam und was es bedeutet -, also, dann fühle ich mich mir selbst irgendwie näher.«
»Ist es sehr wertvoll? Jedenfalls sieht es grässlich aus.«
»Der Karton wäre wertvoll, wenn das Spiel noch drin wäre. Es leben noch ein paar Leute, die das Spiel in ihrer Jugend gespielt haben. Manche von ihnen sind vernarrt in Museumsstücke, sie horten die uralten Rechner, Disketten, Kassetten, Kathodenstrahlröhren, alles. Sie kennen sich alle durchs Netz und verkaufen einander originalverpackte Spiele. Zu hohen Sammlerpreisen. Aber der Karton allein? Nein. Der ist nicht viel wert.«
»Sie spielen nicht?«
»Gott bewahre. Es ist verdammt schwer, die Spiele zum Laufen zu bringen. Außerdem sind sie fürchterlich.«
Sie aßen Faserfettucin mit Proteinwürfeln in Bratensoße, dazu grüne Kohlehydratflocken. »Das schmeckt wirklich köstlich«, sagte Brett, die eifrig zulangte. »Ich weiß gar nicht, weshalb sich jedermann über medizinische Diät beklagt. So wie Sie es anrichten, schmeckt es richtig gut. Der Geschmack ist so subtil. Viel besser als pflanzliche und tierische Nahrung.«
»Danke.«
»Ich habe bis zum Alter von fünf Jahren bloß Spezialkost gegessen«, prahlte Brett. »Damals war ich so stark wie ein Pferd, ich war kein einziges Mal krank. Ich konnte Klimmzüge machen und den ganzen Tag rumlaufen, ich konnte alle Kinder, die von Milch und solchem Zeug lebten, zusammenschlagen! Und Gemüse! Wer kleinen Kindern Gemüse gibt, den sollte man bestrafen. Haben Sie jemals Gemüse gegessen?«
»Seit fünfzig Jahren nicht mehr. Ich glaube, inzwischen ist es verboten, Kindern Gemüse zu geben. Jedenfalls in Kalifornien.«
»Das Zeug ist ekelhaft. Besonders der Spinat. Mais ist auch widerlich. Diese großen gelben Körner mit all den kleinen Samen darauf…« Brett schauderte.
»Haben Sie jemals Eier gegessen? Eier enthalten eine Menge Cholesterin.«
»Tatsächlich? Keine Ahnung, vielleicht hab ich mal eins in einem Nest gefunden und gegessen.« Brett lächelte zufrieden und schob den leeren Teller weg. »Sie sind eine richtig gute Köchin, Maya. Ich wünschte, ich könnte kochen. Mit Tinkturen kenne ich mich besser aus. Sie haben doch bestimmt ein richtig großes Bad, nicht wahr? Könnte ich vielleicht ein Bad nehmen? Hätten Sie was dagegen?«
»Weshalb sollte ich?«
»Anschließend wollen Sie es vielleicht desinfizieren.«
»Oh. Also, ich bin da sehr modern, Brett, damit komme ich klar.«
»Ist gut.«
Während Brett badete, sammelte Mia ihre Sachen auf, bestrahlte sie hygienehalber mit Mikrowellen, wusch und trocknete sie. Die Schuhe mit den elastischen Sohlen sahen aus, als würden sie beim Sterilisieren schmelzen oder platzen, daher rührte Mia sie nicht an. Die Schuhe verströmten einen starken Geruch. Eigentlich war er gar nicht so unangenehm, aber es hatten längere Zeit bloße Füße drin gesteckt, und jetzt labte sich irgendeine Bakterienart in der feuchten Wärme.
Brett kam aus dem Bad, ein Handtuch um den Leib geschlungen. »Sie möchten das Handtuch bestimmt sterilisieren«, sagte sie reumütig und reichte es Mia. Brett war überall behaart. In den Achselhöhlen, an der Scham, um die Brustwarzen. Seidig glänzendes menschliches Fell. Die Wirkung des vielen Haars war erstaunlich sittsam und nüchtern. Brett wirkte kaum verlegen; sie setzte sich nackt und behaart auf den Teppichboden und wühlte in ihrem Rucksack.
»Das war wundervoll«, sagte sie. »Baden ist wundervoll. Seit vier Wochen schlafe ich in einem Zelt.«
»In einem Zelt, ach wirklich? Wie abenteuerlich.«
»Ja, hauptsächlich unter den Bäumen im Buena Vista Park. Das heißt, vor allem in den Bäumen, in einer Hängematte. Von dort hat man eine großartige Aussicht auf die Stadt. Wir waschen uns in öffentlichen Toiletten und essen aus Pappkartons, so kann man wirklich billig leben. Aber jetzt wird es allmählich zu kalt dafür.«
»Ist das nicht gefährlich?«
Brett zuckte die Achseln. »Das hier ist San Francisco! Die halbe Bevölkerung ist beim Sozialdienst. Niemand belästigt einen. Was sollte man mir schon antun, mich ausrauben? Meine Kleider sind alle in Läden untergebracht, und die Entwürfe existieren bloß virtuell.« Sie nahm eine kleine Plastikflasche aus der Rucksacktasche, dann holte sie die Klapperschlange heraus.
Sie klappte das strahlend weiße Gebiss des trägen Tieres auseinander und drückte die Giftzähne nacheinander durch ein kleines Loch in der elastischen Spitze des Fläschchens. Dann drückte sie mit dem flachen Daumen auf den eingedellten, geschuppten Kopf. Als die Zähne geladen waren, stopfte sie die Schlange wieder in den Rucksack. Sodann holte sie ein Metallröhrchen mit Schnappverschluss hervor. Sie nahm eine Art Wachsstift aus dem Röhrchen und rieb sich damit sorgfältig die Zwischenräume der Zehen ein.
»Das ist Fußwachs«, erklärte sie. »Lebendige, aber nicht vermehrungsfähige Bakterien. Sie fressen den Schmutz und den Schweiß und so, damit sich dort keine Pilze entwickeln.«
»Sehr praktisch.«
»Man muss schließlich sehen, wie man zurechtkommt! Man kann schließlich nicht alles stehen und liegen lassen und anfangen, unter Bäumen und Brücken zu schlafen. Wenn man’s richtig anfängt, gehört eine ganze Menge Know-how dazu. Das ist eine Kunst.« Brett bearbeitete ihre pelzigen Achselhöhlen mit einem Deoroller.
»Wo verwahren Sie eigentlich Ihre überzähligen Klamotten?«
Brett stutzte. »Ich bin ein Profi! Wenn ich neue Sachen brauche, lasse ich sie mir einfach realisieren.« Sie holte ein kleines Netzgerät hervor und zupfte sich mit Blick in den hochgeklappten spiegelnden Bildschirm die Augenbrauen.
Mia räumte derweil das Geschirr ab. »Wie wär’s mit Nachtisch?«
»Nein, danke.«
»Möchten Sie was zum Anziehen? Ich könnte Ihnen was borgen.«
»Ach, es geht schon. Es ist warm hier.«
»Dann vielleicht einen Aufguss?«
»Können Sie heiße Schokolade machen?«
»Klar. Kakao wäre prima.« Mia holte das Tinkturenset und machte sich daran, die Katalysatoren und Enzyme neu zu mischen. Dünne Leitungen aus bernsteinfarbenem Polyvinyl und Stahllegierung. Vergoldete Ringe. Emaillierte Klammern. Osmosemembranen. Mischbehälter und Filter und durchsichtige, mit Schläuchen versehene Kammern. Schritt-für-Schritt-Anleitungen. Es hielt die Hände beschäftigt, wenn man sich mit jemandem unterhielt.
Brett holte die Schlange hervor und versetzte ihr einen Schlag auf den Kopf. Die Schlange zuckte zurück und ließ ein zorniges Rasseln vernehmen. Brett hielt ihr den rechten Unterarm hin. Der Kopf der Schlange schnellte vor, und die Zähne gruben sich in Bretts Fleisch.
Brett löste die Schlange behutsam und tätschelte sie beruhigend. Sodann tupfte sie Salbe auf die beiden Bissmale. Ein kleines Blutrinnsal trat hervor. »Uff«, machte sie.
»Was haben Sie sich verabreicht?«
»Oh, der Frau, von der ich das Zeug habe, musste ich versprechen, es niemandem zu sagen«, antwortete Brett selbstgefällig. »Es vermittelt mir Sicherheit und Geborgenheit, wenn ich an fremden Orten schlafe ... Ich fühle mich gut davon, aber es tut mir nicht wirklich gut. Deshalb achte ich darauf, dass es jedes Mal ein bisschen weh tut. Wenn man ungesunde Sachen macht und es vermeidet, dass sie weh tun, dann ist man auf dem besten Wege, sich große Schwierigkeiten einzuhandeln.«
»Ein Schlangenbiss birgt sicher ein hohes Infektionsrisiko.«
»Was, eklige warmblütige Keime aus einem hübschen Kaltblütermaul? Das kann ich mir nicht vorstellen. Snakey ist schnell und sauber. Sie ist mein guter Freund im Rucksack ... Man braucht halt besondere Dinge. Und besondere Freunde.« Brett blinzelte, die Lider wurden ihr schwer. Sie lächelte.
Sie tranken Kakao. Brett schlief ein.
Mia deckte Brett zu und zog sich in ihr schmales Bett zurück. Sie schob das Überdruckzelt beiseite, zog die Decke hoch bis ans Kinn und ließ die Gedanken schweifen. Ihr kleines Schlafzimmer machte einen leblosen, leeren Eindruck, ähnlich der papierenen Hülle eines verlassenen Wespennests.
Tagsüber hatte sie die Gedanken an die Bestattung verdrängt, jetzt aber, da es dunkel und still war, stahl sich das Wissen um ihre eigene Sterblichkeit wieder in ihr Bewusstsein. Mit unerbittlicher Klarheit und Genauigkeit vergegenwärtigte Mia sich die endlose Liste der Syndrome des Alterungsprozesses. Die unendliche Fülle und Vielgestaltigkeit des körperlichen Verfalls.
Nahtstellen bildeten Knoten und verkalkten. Knorpelmembranen verknöcherten. In der Gallenblase, in der Leber und in den Arterien bildeten sich steinharte mineralische Ablagerungen. Die Fingernägel wurden dicker, die Haut wurde schuppig, das Haar dünnte aus, ergraute, wurde spröde. Die Brustwarzen dunkelten ein, die Brüste erschlafften, die Blutgefäße schrumpften, die Drüsen trockneten ein. Die Harn- und Geschlechtsorgane, der schlaue Fruchtbarkeitskompromiss der Evolution mit der Sterblichkeit, bereiteten ständig Probleme. Das Knochenmark starb ab und wurde durch dicke gelbe Fettablagerungen ersetzt. Die Netzhaut und der komplizierte Mechanismus des Innenohrs arbeiteten nicht mehr richtig. Das Gehirn, diese uralte Drüse, stellte seinen hormonalen Ausstoß solange um, bis sich seine reptilienhaften Bereiche mit toxischen Ablagerungen füllten, als wollte es eine Kindheitsneurose austreiben.
Mia war nicht krank, und sie war sicherlich nicht dem Tod nahe, doch die Jugend lag weit hinter ihr. Sie hatte sich einen klaren Kopf bewahrt, doch die wiederholten neuralen Reinigungen hatte gewisse periphere Nerven arg in Mitleidenschaft gezogen. Dies betraf zumal das untere Rückgrat und die langen Nervenleitern der Beine. Ihr Vagus war in besonders schlechter Verfassung. Ihr schwacher Vagus stellte keine tödliche Bedrohung dar, doch die Herzaussetzer waren überhaupt nicht angenehm.
Mias verstopfte Lymphgefäße verursachten ihr ständig Ärger. Im linken Ohr hatte sie häufig Anfälle von Tinnitus, und mit dem rechten hörte sie keine hohen Töne mehr. Die Gelenkschmiere der Fußknöchel und Handgelenke hatte einen Großteil ihrer Gleitfähigkeit eingebüßt. Die Zellen der menschlichen Augenlinsen erneuerten sich nicht, daher musste sie sich mit dem Verlust der Akkomodationsfähigkeit und dem daraus resultierenden Astigmatismus abfinden.
Stress machte alles nur noch schlimmer. Stress machte einen stärker, solange man jung war, er war lehrreich. Im Alter aber war Stress der schnellste Weg zur Senilität.
Heute konnte sie nicht einschlafen. Sie war nicht mehr jung. Der Umstand, dass sie ihre Wohnung mit einer jungen Frau teilte, und sei es nur vorübergehend, hatte ihr diese Tatsache wieder bewusst gemacht. Sie spürte Bretts Anwesenheit, ihren kräftigen Herzschlag und ihren leichten Atem wie die Gegenwart eines wilden Tieres.
Mia stand auf und ging nach dem Mädchen sehen. Brett hatte sich von der Decke freigestrampelt und war in einen ursprünglichen Zustand ergötzlicher Ruhe eingetreten. Sie lag lang ausgestreckt auf dem gemusterten Teppich wie eine Haremssklavin, in jener Art von tiefem, mattem, erotischem Schlummer gefangen, der Frauen nur auf französischen Genrebildern des neunzehnten Jahrhunderts zugänglich war. Neid stieg in Mia auf wie giftiger Rauch. Sie ging zurück zum Bett, setzte sich darauf und dachte voller Bitterkeit über das Ereignisgefüge nach, das sie als ihr Leben bezeichnete.
Schließlich fiel sie in den Schlaf. Um drei Uhr morgens setzten die allnächtlichen Krämpfe ein. Das linke Bein zuckte, als hinge es am Haken, und die Wade wurde unter der Decke steinhart. Nach einem fürchterlichen Moment setzte in der linken Fußsohle ein noch schmerzhafterer Krampf ein. Ihre Zehen krümmten sich wie Angelhaken und verharrten in dieser Haltung.
Mia schrie gedämpft auf. Sie schlug mit den Knöcheln auf das verkrampfte Fleisch ein. Der Schmerz wurde immer schlimmer, die Lebenskraft ihres Körpers hatte sich kurzgeschlossen und gegen sie gewandt. Das hatte mit Kalium und Aminobrenzkatechin und allerlei dummen Begriffen zu tun und bedeutete doch bloß Schmerz. Sie schlug auf den heimtückischen Muskel ein. Mit einem kleinen spastischen Zucken erschlaffte der Wadenmuskel, inwendig nichts als heißes Gummi und Blut. Wimmernd massierte sie den blassen, blutleeren Fuß. Die Sehnen im Fuß und im Knöchel knackten, als sich der Krampf gegen ihren Griff zur Wehr setzte.
Als sie den Fuß aus der bösartigen Umklammerung befreit hatte, erhob sich Mia und humpelte im Nachthemd durchs Zimmer. Sie stützte sich mit beiden Armen gegen die Wand, beugte sich vor und streckte methodisch die Achillessehnen. Der Schlaf war jetzt ebenso fern wie Stuttgart. Ihr linkes Bein fühlte sich an wie ein verbranntes Seil.
Diese Anfälle hatten nichts Mysteriöses an sich. Über ihre Ursache wusste sie genau Bescheid: Kaliummangel, Abnutzungserscheinungen im Bereich der unteren Wirbelsäule, Ausschüttung von Stress-Histaminen durch Nervenleiter eines bestimmten Rückenwirbels, eine zelluläre metabolische Kaskade - doch das war bloß die Diagnose. Stress war der Grund oder aber mangelnde Bewegung, und etwa alle fünf Wochen traten die Krämpfe ganz von alleine auf.
Die Wahrheit war: sie war alt. Nächtliche Krämpfe waren da eher ein geringeres Übel. Die Menschen wurden eben sehr alt, und dann passierten seltsame Dinge mit ihnen, und sie reparierten, was die sich rasend schnell entwickelnde Technik ihnen zu reparieren ermöglichte, und was sie nicht zu heilen vermochten, das erduldeten sie. In gewisser Weise waren die nächtlichen Krämpfe sogar ein gutes Zeichen. Sie bekam die Krämpfe, weil sie noch laufen konnte. Sie war nicht bettlägerig. Sie konnte sich glücklich schätzen. Das musste sie sich vor Augen halten: ihr Glück.
Mia wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. Sie humpelte ins vordere Zimmer. Brett schlief noch. Sie lag ganz entspannt da, den Kopf auf einen Arm gebettet. Plötzlich hatte Mia ein Deja vu.
Im nächsten Moment hatte sie die Erinnerung parat, und das Herz zappelte ihr im Leib wie die Motte im Spinnennetz. Eines Nachts hatte sie nach ihrer schlafenden Tochter geschaut. Chloe war damals fünf, sechs Jahre alt gewesen. Daniel war bei ihr gewesen. Das Kind ihrer Liebe hatte tief und fest geschlafen; es fühlte sich behütet.
Menschenleben, ihr Menschenleben. Eine Nacht, die sich nicht sehr von tausend anderen Nächten unterschied, bloß dass sie in diesem Moment eine tiefe Freude verspürte, eine Art heiliges Feuer. Ohne ein Wort mit ihm zu wechseln hatte sie gewusst, dass ihr Mann das gleiche empfand wie sie, und sie hatte ihm den Arm um die Hüfte gelegt. Es war ein wortloser, zeitloser Moment gewesen.
Und jetzt betrachtete sie eine nackte Fremde unter Drogeneinfluss, die auf ihrem Teppich lag, und dieser geheiligte Moment war ihr wieder gegenwärtig geworden, so wie er gewesen war und immer sein würde. Diese Fremde war nicht ihre Tochter, und dieser eine Moment des langen Jahrhunderts war anders als jener andere verflogene Augenblick, doch darauf kam es nicht an. Das heilige Feuer war wirklicher als die Zeit, wirklicher als alle äußeren Umstände. Sie lebte nicht bloß eine glückliche Erinnerung nach. Sie erlebte Glück. Sie war glücklich.
Die heiße Glut der tiefen Freude hatte ihr Aschebett verlassen. Noch immer voller mysteriöser, unergründlicher Bedeutung. So kostbar und lebendig und authentisch wie nur irgendein Gefühl, das sie jemals empfunden hatte. Eine Emotion, die andauern würde bis zu ihrem Tod, eine Emotion, die sie am Tag der Abrechnung würde in Betracht ziehen müssen. Ein umfassenderes Gefühl als das Bewusstsein ihrer Identität. Sie spürte, wie die Freude in ihr knisterte und knackte, und im flackernden Licht ihrer Glut erkannte sie, wie armselig ihr Leben war.
Ganz gleich, wie sorgsam sie sich behütete, das Leben war zu kurz. Das Leben würde immer zu kurz sein.
Mia vernahm ihre eigene Stimme in der Stille des Zimmers. Als die Worte an ihre Ohren drangen, spürte sie die Kraft einer unerbittlichen Entschlossenheit. Ein Augenblicksentschluss, plötzlich, unbewusst, ungewollt, aber unwiderruflich: »Ich kann so nicht weitermachen.«