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Maya erwachte gegen fünf Uhr früh. Ihre Fingernägel juckten, als passten sie nicht mehr auf die Finger. Die Hormone in ihrem Blut veranlassten die Nägel, wie tropischer Bambus zu sprießen. Die Deckhaut wuchs unregelmäßig, das Keratin war eigenartig dünn. Die Nägel kamen ihr künstlich vor.
Sie erhob sich von Frau Najadovas Sofa, schnappte sich den Rucksack, schlüpfte lautlos aus der Tür, stieg die Treppe hinunter und betrat Emils Atelier. Emil war allein und schlief tief und fest. Am liebsten hätte sie sich zu ihm gelegt und weitergeschlafen, widerstand aber der Versuchung. Sie fühlte sich nicht mehr wohl in der eigenen Haut. Da hätte sie die Nähe zu ihm kaum ertragen.
Sie suchte ihre rote Jacke und fand sie. Sie schenkte sich Wasser ein, dann wühlte sie in ihrer Schmerzmittelsammlung. Sie entschied sich, keine Pillen mehr zu nehmen. Vielleicht würde sie sie bald dringend brauchen, und die Apotheker waren nicht überall so verständnisvoll wie in Stuttgart.
Emil erwachte und setzte sich im Bett auf. Er musterte sie verständnislos, aber höflich, dann zog er sich die Decke übers Gesicht und schlief weiter. Maya packte methodisch ihren Rucksack. Dann trat sie auf den Korridor. Sie wusste nicht, ob sie jemals hierher zurückkehren würde. Der Abschied fiel ihr nicht schwer.
Sie trat auf die von Sternen erhellte Straße hinaus, betrat eine mild leuchtende Netzzelle und rief die Hilfefunktion auf. Die Netzberatung war wie immer hervorragend. Sie ließ sich mit der Netsite in San Francisco und gleichzeitig mit Mr. Stuart verbinden.
»Was kann ich an diesem schönen Abend für Sie tun?«, sagte Stuart mit zweihundertfünfzig Millisekunden Verzögerung, aber völlig klarer Stimme.
»Mr. Stuart, ich bin seit langem Ihr Kunde und brauche Zugang zu einem Cyberraum mit veralteten Protokollen.«
»Also, Ma’am, wenn wir sie auf Lager haben, ist das kein Problem. Besuchen Sie mich in meinem Schuppen.«
»Zufällig bin ich gerade in Prag.«
»Prag ist wirklich eine schöne Stadt«, bemerkte Stuart ohne jedes Erstaunen. »Wenn der Preis stimmt, kann ich Sie verbinden, falls Ihnen die Verzögerung nichts ausmacht, ist das kein Problem. Weshalb legen Sie nicht auf und loggen sich über unseren Primärserver ein?«
»Nein, nein - das ist sehr großzügig von Ihnen, aber ich habe mich gefragt, ob Sie hier in Prag vielleicht einen Kollegen kennen, der Verständnis hätte für meinen Wunsch nach Diskretion. Können Sie mir nicht jemanden empfehlen? In diesen Dingen vertraue ich auf Ihr Urteil. Bedingungslos.«
»Sie vertrauen also meinem Urteil? Bedingungslos?«
»Ja.«
»Das ist wirklich nett. Vertrauen ist die wesentliche globale Infrastruktur. Wollen Sie mir nicht sagen, wer Sie sind?«
»Nein. Ich würde ja gern, aber ... dafür haben Sie doch sicherlich Verständnis.«
»Also schön. Dann will ich mal diese nützliche Geschäftsbeziehung anrufen. Ich melde mich gleich wieder.«
Mayas zarte Fingerspitzen zuckten.
»Versuchen Sie es mal im Zugangsbüro in Narodni Obrany in Prag Sechs. Fragen Sie nach Bozhena.«
»Ist gut, habe verstanden. Vielen Dank.« Sie legte auf.
Sie suchte sich die Adresse auf einem Stadtplan des Sozialdienstes heraus und machte sich auf den Weg. Es war ein langer Weg durch Dunkelheit und Kälte. Menschenleeres Kopfsteinpflaster. Geschlossene Läden. Einsamkeit. Hohe Wolken und Mondschein auf dem Fluss. Das unwirkliche Leuchten des Hradschin, der die Altstadt überragenden Burg, die so alt war wie die Aristokratie, welche einmal über Europa geherrscht hatte. All die vielen Türme des schlafenden Prag. Schmiedeeiserne Laternen, Statuen, Ziegeldächer, dunkle Torbögen und verschwiegene Durchgänge, streunende großäugige Katzen. Was für eine Stadt - ihre Geschichte war weit realer als die Stadt selbst.
Allmählich bekam sie Blasen an den Füßen. Die Rucksackriemen schnitten in ihre Schultern. Dieser Schmerz und die Erschöpfung versetzten sie in einen Zustand der Hellsichtigkeit. Regelmäßig blieb sie stehen, peilte durch den Sucher der Kamera, brachte es aber nicht über sich, ein Foto zu machen. Sobald das Gerät ihr Gesicht berührte, zeigte ihr der Sucher bloß Lügen. Dann auf einmal fand sie die Lösung: die Linse saß weiter hinten. Alle Kameralinsen saßen hinter der Kamera. Sie bemühte sich so sehr, sich an die Welt zu binden, doch ihr eigentliches Thema lag hinter ihren Lidern.
Am frühen Morgen hatte sie die Adresse gefunden. Sie stand vor einem abweisend wirkenden Gebäude, dessen verwitterter, noch aus der Kommunistenära stammende Beton längst zerbröselt und mit modernem, grünlichem Plastikschaum ausgebessert worden war. Es hatte noch geschlossen. An den Türen waren dezente Plakate in blau-weiß befestigt, die Maya jedoch nicht lesen konnte.
Sie setzte sich in ein Frühstückscafe, wärmte sich auf, aß etwas, erneuerte ihr Make-up und beobachtete, wie das Leben mit dem behäbigen Klappern der Fahrräder zurückkehrte. Als die Eingangstür des Gebäudes zum vorprogrammierten Zeitpunkt aufging, trat sie als erste ein.
Die Netsite lag im dritten Stock, am Ende der Treppe. Die Tür war noch verschlossen. Maya schleppte sich auf ihren wunden Füßen auf die Toilette, setzte sich in eine Kabine, schloss die Augen und döste ein wenig.
Beim nächsten Versuch war die Tür angelehnt. Dahinter entdeckte sie wundervolle Gewölbedecken, Türen mit Messingklinken, in Plastik eingeschweißte Bedienungsanleitungen, uralte Geräte, miteinander durch ein Kabelgewirr verbunden. Die Fenster waren zugemauert. Die getünchten Wände waren fleckig, und in den Ecken hingen Spinnweben.
Bozhena bürstete sich gerade das Haar, verspeiste Frühstücksbrötchen und trank tierische Milch aus einer Flasche. Für eine Frau im fortgeschrittenen Alter hatte Bozhena ausgesprochen üppiges Haar. Auch ihre Zähne waren eindrucksvoll: so groß wie Grabsteine, tadellos erhalten und strahlend weiß.
»Sie sind bestimmt Bozhena. Guten Morgen.«
»Guten Morgen und willkommen im Koordinierten Zugangsbüro.« Bozhena war offenbar stolz auf ihr unbeholfenes Technikerenglisch. »Was wünschen Sie?«
»Ich brauche einen Touchscreen, um mich in einen Erinnerungspalast aus den Sechzigern einzuloggen. Mein Kontaktmann in San Francisco hat mir versichert, Sie würden die notwendige Diskretion gewährleisten.«
»Aber ja, wir sind hier im Zugangsbüro sehr diskret«, versicherte ihr Bozhena. »Und völlig veraltet! Alte Paläste, alte Burgen, Labyrinthe und Verliese! Das ist unsere hiesige Spezialität.« Bozhena fasste sich unvermittelt an den Ohrhörer, wandte sich von der Theke ab und zog sich in ein vollgestopftes Hinterzimmer zurück.
Die Zeit verstrich nur langsam. Staubteilchen tanzten in den Lichtkegeln der wenigen Deckenstrahler. Die Netzgeräte hockten so reglos da wie nutzlose Hydranten.
Vier ältere tschechische Damen, offenbar Angestellte, betraten nacheinander das Büro. Sie hatten ihr Frühstück und ihr Strickzeug dabei. Eine hatte sogar ihre Katze mitgebracht.
Nach einer Weile näherte sich ihr eine der Frauen gähnend mit einem Touchscreen, setzte ihn auf die Theke, machte ein Kreuz auf einer Liste und entfernte sich wortlos. Maya hob den Touchscreen aus der körnigen Plastikbox und pustete den Staub weg. Vom Touchscreen blätterten unleserliche Aufkleber ab. Alter präelektronischer Text, die tschechische Orthographie aus der Zeit vor der europäischen Rechtschreibreform. Kleine Kreise, eigentümliche Einschaltungszeichen, eine Unmenge von Akuten, Zirkumflexen und Betonungszeichen, sodass die Worte wie in Stacheldraht gehüllt waren.
Bozhena kam wieder herbeigeschlendert, raffte umständlich den wadenlangen grauen Rock und nahm hinter ihrem einschüchternd wirkenden Plastikschreibtisch Platz. Nacheinander wühlte sie in sechs Schubladen. Schließlich legte sie einen hübschen gläsernen Briefbeschwerer auf den Tisch und begann damit herumzuspielen.
»Entschuldigen Sie«, sagte Maya. »Haben Sie zufällig Material über Josef Novak?«
Bozhenas Gesichtszüge erstarrten. Sie erhob sich und kam hinter der Theke hervor. »Weshalb interessieren Sie sich für Mr. Novak? Wer hat Ihnen gesagt, wir hätten Informationen über ihn archiviert?«
»Ich bin Mr. Novaks neue Schülerin«, log Maya lächelnd. »Er unterrichtet mich in Fotografie.«
In Bozhenas Zügen spiegelte sich tiefe Verwirrung wieder. »Sie? Warum? Novaks Schülerin? Aber Sie sind nicht von hier. Was hat der arme Kerl denn jetzt schon wieder angestellt?« Bozhena holte eine Bürste aus der Handtasche und striegelte sich mit frischer Energie das Haar.
Die Tür ging auf, und zwei tschechische Polizisten in pinkfarbenen Uniformen traten ein. Sie setzten sich an einen Holztisch, schalteten einen Bildschirm ein und tranken heiße Aufgüsse aus Pappbechern.
Auf einmal hielt Maya es nicht mehr für ausgeschlossen, dass Mr. Stuart sie geradewegs zu einer Prager Polizeistation geschickt hatte. Diese Leute waren bestimmt alle Polizisten. Das war eine Rechercheeinrichtung der Polizei. Sie war umringt von tschechischen Cyberpolizisten. Gewiss, die Netsite war antiquarisch - aber bloß deshalb, weil die tschechische Polizei denkbar schlecht ausgerüstet war.
»Kennen Sie Helene?«, fragte Maya beiläufig und stützte sich auf die Theke. »Helene Vauxcelles-Serusier?«
»Die Witwe kommt und geht«, meinte Bozhena achselzuckend und betrachtete ihre Fingernägel. »Ständig. Keine Ahnung, wieso. Für uns hat sie nie ein gutes Wort übrig.«
»Ich muss sie heute noch anrufen und ein paar Dinge mit ihr klären. Kennen Sie zufällig Helenes Netzadresse?«
»Das hier ist eine Netsite, keine Auskunft«, erwiderte Bozhena scharf. »Wir helfen Ihnen gern, wir sind offen und freundlich in Prag, wir haben nichts zu verbergen! Die Witwe aber wohnt nicht in Prag, daher geht sie mich auch nichts an.«
»Hören Sie«, sagte Maya, »wenn Sie mir mit Novak nicht weiterhelfen wollen, dann brauchen Sie es bloß zu sagen.«
»Das habe ich nicht gemeint«, entgegnete Bozhena.
»Ich kenne nämlich noch andere Kanäle und verfüge über eine Menge Kontakte, wissen Sie.«
»Das glaube ich Ihnen aufs Wort, Miss America«, sagte Bozhena mit ätzender Ironie.
Maya rieb sich die geröteten Augen. »Also gut, machen wir uns doch nicht gegenseitig das Leben schwer«, sagte sie. »Ich werde mir jetzt einen Weg durch das Gewühl Ihrer Kunden bahnen und dem alten magnetischen Trackerset einen Lebensfunken entlocken. Und wir tun beide so, als wäre nichts passiert. Okay?«
Bozhena schwieg. Sie zog sich wieder hinter die Theke zurück.
Die Angst und das Adrenalin hatten Maya unbesiegbar gemacht. Irgendwo fand sie Brille und Handschuhe. Auf einmal musste sie daran denken, dass Leute, die mit Brille und Handschuhen zugange waren, niemals gestört wurden. Die Brille und die Handschuhe würden sie unsichtbar machen.
Sie schaffte es, das uralte Gerät in Gang zu bringen, und gab die Passgeste ein. Dabei kam es ihr so vor, als beschwöre sie den Erinnerungspalast mit bloßer Willenskraft herauf.
Das schon vertraute Architektenbüro tauchte um sie herum auf und bedeckte die einen Handbreit vor ihren feuchten Augäpfeln befindlichen Displays. Jemand hatte sich an der Tafel zu schaffen gemacht. Neben dem lockigen Kilroy-Gesicht und dem grünlichen Schriftzug MAYA WAS HERE stand nun in Druckbuchstaben MAYA, HIER DRÜCKEN. Darunter befand sich ein mit bunter Kreide gemalter Knopf.
Nach kurzem Überlegen drückte Maya auf den bunten Knopf auf der Tafel. Die Handschuhe machten einen soliden Eindruck, doch nichts geschah.
Sie ließ den Blick durchs virtuelle Büro schweifen. Es wimmelte von Geckos. Überall waren Reparaturgeckos bei der Arbeit, manche so groß wie Brotlaibe, während andere wie Ameisen umherwimmelten. Der kaputte Tisch war verschwunden. Die Pflanzen im Garten waren diesmal besser gerendert. Sie wirkten fast natürlich.
Einer der Sessel erlitt eine plötzliche Identitätskrise und verwandelte sich mittels Morphing in Benedetta. Die virtuelle Benedetta trug ein schwarzes Cocktailkleid und eine kurze pinkfarbene Jacke mit schwarzem Besatz. Sie hatte die unnatürlich langen Beine einer Modezeichnung; die Absätze ihrer Schuhe waren unglaublich hoch. Das Gesicht wies eine große Ähnlichkeit mit Benedetta auf, bloß das Haar war schlecht geraten. Virtuelles Haar wirkte fast immer unnatürlich, entweder wie aus Gummi oder wie eine hyperaktive Subroutine der Medusa. Benedetta hatte sich bedauerlicherweise für eine bohemienhafte Medusa-Variante entschieden, was die Übertragungskapazität beinahe überforderte. Als sie eine rasche Bewegung vollführte, löste sich die Frisur teilweise auf.
Das virtuelle Model bewegte lautlos die Lippen. »Ciao, Maya.«
Maya entdeckte an der Brille ein herabhängendes Kabel und steckte sich das Ende ins Ohr. »Ciao, Benedetta.«
Benedetta vollführte einen kleinen Knicks. »Bist du überrascht?«
»Ich bin ein wenig enttäuscht«, sagte Maya. »Wird meine Stimme ordentlich übertragen?«
»Ja, ich verstehe dich gut.«
»Ich hätte nie geglaubt, dass du meine Passgeste stehlen und mein Vertrauen missbrauchen würdest. Wirklich, Benedetta, das war kindisch von dir.«
»Ich wollte dir nicht schaden«, erklärte Benedetta zerknirscht. »Ich wollte die Palastarchitektur und die historischen Details bewundern. Und die wundervollen veralteten Programmcodes.«
»Schon klar, Schätzchen. Und hast du die Pornos entdeckt?«
»Ja, natürlich habe ich die Pornos gefunden. Aber ich habe ein kleines Problem, und deshalb« - Bendetta deutete auf die Tafel - »habe ich dir den Rufknopf hinterlassen. Ein kleines Problem mit dem Palast.«
»Ja, das haben wir wohl.«
»Irgendetwas geht hier vor. Irgendetwas lebt hier.«
»Etwas, das du in Gang gesetzt hast, oder etwas, das schon da war?«
»Das kann ich dir nicht sagen, denn ich weiß es nicht. Ich habe versucht, es herauszufinden, doch es ist mir nicht gelungen. Den anderen auch nicht.«
»Ich verstehe. Und wie viele ›andere‹ hast du hier hereingelassen?«
»Maya, dieser alte Palast ist riesig. Wundervoll geräumig. Es gibt hier eine Menge Platz. Niemand hat ihn benutzt, und es ist toll, dass es hier keine Netzpolizisten gibt. Bitte sei nicht eifersüchtig. Glaub mir, du hättest uns bestimmt nicht bemerkt. Wenn dieses kleine Problem nicht gewesen wäre.«
»Das sind keine guten Neuigkeiten.«
»Aber es gibt gute Neuigkeiten. In dem Palast ist Geld versteckt. Hast du das gewusst? Richtiges Geld! Beglaubigtes Alte-Leute-Geld!«
»Wunderbar. Und habt ihr mir Geld übrig gelassen?«
»Hör mal, ich möchte so gern mit dir reden. Über alles Mögliche. Aber das ist wirklich kein guter Zeitpunkt. Ich spiele gerade mit meinem Vater Karten. Ich möchte eine solche Unterhaltung nicht vom Haus meines Vaters aus führen. Kannst du nach Bologna kommen und mich besuchen? Ich hätte dir eine Menge zu bieten. Ich möchte deine Freundin sein.«
»Vielleicht ginge das. Wie viel Geld hast du eigentlich entdeckt? Muss ich diese Schweizer Shareware-Nervensägen für das Diamantencollier bezahlen, das du mir geschenkt hast?«
»Mach dir wegen des Colliers keine Sorgen«, sagte Benedetta. »Ohrschmuck ist pleite. Sie haben zu viel verlangt, und kein Mensch hat gezahlt. Schenk das Collier einfach jemand anderem. Es fängt erst nach einem Monat an, einen zu nerven.«
»Du bist ein richtiger Schatz.«
»Ich ruf dich später nochmal an, Maya. Das war nicht nett von mir, ich geb’s zu. Wenn du mir eine Chance gibst, mache ich’s wieder gut! Aber noch was, ich kann dir eine viel bessere Online-Präsenz verschaffen - weißt du, dass du mir wie ein großer, hässlicher blauer Block erscheinst? Wo bist du im Moment?«
»Das geht dich nichts an. Hinterlass mir bei Paul eine Nachricht.«
Benedettas virtueller Mund dehnte sich überrascht. »Du hast Paul doch hoffentlich nichts von dem Palast erzählt?«
»Weshalb hätte ich Paul nicht davon erzählen sollen?«
»Schätzchen, Paul ist reiner Theoretiker. Ich bin Praktikerin.«
»Vielleicht bin ich auch eine Theoretikerin.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Benedetta. »Ganz bestimmt nicht. Oder sollte ich mich täuschen?«
Maya überlegte. »Also gut, wenn Paul nichts erfahren soll, dann hinterlass mir eine Nachricht im Tete. Ich bin fast täglich dort. Ich verstehe mich ziemlich gut mit Klaus.«
»Ist gut. Im Tete. Das ist ein guter Vorschlag. Klaus ist in Ordnung, er ist ja so diskret. Jetzt muss ich aber wirklich Schluss machen.« Benedetta morphte. Der Stuhl stellte sich wieder her, lag allerdings jetzt auf dem Boden.
Maya versuchte, den umgekippten Stuhl wieder aufzurichten. Mit den Handschuhen griff sie wiederholt hindurch; die ontologische Sinnlosigkeit fehlerhafter Software. Sie mühte sich eine ganze Weile mit dem Stuhl ab und probierte in gebückter Haltung unterschiedliche Winkel aus.
Plötzlich hatte sie das Gefühl, nicht mehr allein zu sein. Sie blickte sich verstohlen im Büro um, ohne sich zu rühren. Die virtuelle Wesenheit sickerte durch die Wände, bewegte sich wie ein Windhauch durch ihre Projektion hindurch, entschwand durch die gegenüberliegende Wand. Ein gebrochenes Leuchten durchwaberte die rechnergenerierte Substanz.
Maya riss sich Brille und Ohrhörer herunter. Sie streifte sich die Handschuhe von den geschwollenen Fingern. Sie schaltete das Gerät ab. Dann betrachtete sie die verschwitzte Ausrüstung, voller Bedauern darüber, dass sie auf tschechischer Polizeiausrüstung eine belastende Wolke menschlicher DNS zurückgelassen hatte. Sie rieb ein wenig mit dem Ärmel an der Brille, als könnte ihr diese symbolhafte Geste etwas nützen. DNS war mikroskopisch. Die Beweise waren überall verteilt und allgegenwärtig. Die Wahrheit lag unterhalb der Bewusstseinsschwelle verborgen, genau wie die Mikroben.
Ein Verbrechen aber war erst dann ein Verbrechen, wenn man sich erwischen ließ.
Sie beschloss, den praktischen Touchscreen nicht mitgehen zu lassen.
Sie war jetzt müde, daher stieg sie in einen Zug und schlief zwei Stunden lang, während sie unter der Stadt hin und her fuhr. Dann betrat sie eine Netsite an der Malostranska U-Bahnstation und bat um Informationen über Josef Novak. Sogleich wurde seine Adresse angezeigt. Maya fuhr mit der U-Bahn zurück nach Karlovo Namesti und schleppte sich zu Josef Novaks Wohnung. Das Haus sah nicht sonderlich einladend aus. Sie zog den Stadtplan zu Rate, überprüfte zweimal die Adresse, dann drückte sie den Klingelknopf. Keine Reaktion. Sie drückte fester, worauf die defekte Türglocke in ihrem Gehäuse schnarrte.
Sie schlug mit der Faust gegen die eisengerahmte Holztür. Von innen kamen gedämpfte Geräusche, doch niemand öffnete ihr. Sie schlug fester zu.
Eine ältere Tschechin öffnete die Tür, die mit einer kurzen Messingkette gesichert war. Sie trug ein Kopftuch und eine Cyberbrille. »[Was wollen Sie?]«
»Ich möchte zu Josef Novak. Ich muss mit ihm sprechen.«
»[Ich spreche nicht englisch. Josef empfängt keine Besuche. Zumal keine Touristen. Gehen Sie.]« Die Tür wurde zugeschlagen.
Maya entfernte sich und aß etwas Chutovky mit Knedliky Diese kleinen Rückschläge waren sehr nützlich. Wenn sie jedes Mal etwas aß, wenn sie ausgesperrt oder hinausgeworfen wurde, würde sie bei guter Gesundheit bleiben. Nachdem sie noch einen Pappbecher mit schmackhaftem Regierungs-Pudding verzehrt hatte, kehrte sie zu Novaks Haus zurück und klopfte erneut.
Dieselbe Frau öffnete ihr, diesmal mit einem dicken Nachthemd bekleidet. »[Sie schon wieder! Das Mädchen, das nach Stuttgart riecht. Lassen Sie uns in Ruhe, Sie sind unhöflich, und es hat überhaupt keinen Zweck.]« Wumm.
Eine weitere nützliche Erinnerung. Maya ging ein paar Straßen weiter zu Emils Atelier. Emil war nicht da. Seine Abwesenheit hätte sie beunruhigen können, doch aus dem Zustand seiner Küche schloss sie, dass er essen gegangen war. Sie wischte und putzte eine Weile herum, dann nebelte sie das Atelier mit gewissen Substanzen ein, die sie in Stuttgart erstanden hatte. Alsbald roch es nach frischen Bananen. Dieser Sieg über die unsichtbare Welt der Mikroben erfüllte Maya mit großer Genugtuung. Sie ging in der kalten Dunkelheit zurück zu Novaks Haus und klopfte erneut.
Diesmal wurde die Tür von einem gebeugten weißhaarigen Mann geöffnet. Er trug eine einarmige schwarze Jacke. Der alte Mann hatte nur noch einen Arm. »[Was wollen Sie?]«
»Sprechen Sie englisch, Mr. Novak?«
»Wenn es sein muss.«
»Ich bin Ihre neue Schülerin. Ich heiße Maya.«
»Ich nehme keine Schüler an«, erwiderte Novak höflich, »und reise morgen nach Rom.«
»Dann reise ich morgen ebenfalls nach Rom.«
Novak musterte sie aus dem Lichtkeil hervor, der aus der kettengesicherten Tür fiel.
»Glaslabyrinth«, sagte Maya. »Die Skulpturgärten. Die Wasser-Anima. Verschwundene Statuen.«
Novak seufzte. »Die Titel haben auf englisch einen schlechten Klang ... Na ja, ich glaube, du solltest wohl besser reinkommen.«
Die Wände von Novaks Erdgeschosswohnung waren eine Bienenwabe aus Holz; eine Phantasmagorie sechseckiger Regalelemente. Darin untergebracht waren Holzpuppen mit beweglichen Gliedern. Glassachen. Schnitzwerkzeuge. Federn. Weidenruten. Briefmarken. Steineier. Murmeln. Schreibfedern und Büroklammern. Brillengläser. Reliefmasken. Kompasse und Sanduhren. Medaillen. Gürtelschnallen. Billige Pfeifen und Blechspielzeug zum Aufziehen. Einige Elemente waren bis zum Platzen vollgestopft. Andere wiederum waren nur sparsam bestückt, einige wenige ganz leer. Wie ein hölzerner Bienenstock, bewohnt von einer intelligenten Rasse zeitreisender Bienen.
Im Raum gab es Arbeitstische, aber keine Sitzgelegenheit. Der Holzboden war gebohnert und glänzte.
Von der Treppe rief eine schläfrige Frauenstimme herunter: »[Was gibt es?]«
»[Wir haben einen Gast]«, antwortete Novak. Er fischte ein emailliertes Feuerzeug aus seiner weiten Hosentasche.
»[Schon wieder diese lästige Amerikanerin mit dem kurzen Haar?]«
»[So ist es.]« Das Feuerzeug klickte, und Novak entzündete nacheinander die Kerzen eines Kandelabers, bis sechs Flammen brannten. Die Deckenbeleuchtung ging aus. Der Raum war in tiefgelbes Licht gehüllt. »[Würdest du uns einen Sitzsack herunterbringen, Schatz?]«
»[Es ist schon zu spät. Sag ihr, sie soll weggehen.]«
»[Sie ist sehr hübsch]«, sagte Novak. »[Für die hübschen gibt es manchmal Verwendung.]«
Schweigen. Dann kamen zwei schwarze Sitzsäcke wie Blutwürste die kerzenerhellte Treppe heruntergeschlittert.
Novak setzte sich auf seinen Sack und bedeutete Maya mit der Linken, ebenfalls Platz zu nehmen. Er schien mit dem Verlust des rechten Arms ausgezeichnet zurecht zu kommen, so als wäre ein Arm völlig ausreichend.
Maya wuchtete ihren Rucksack auf den Holzboden. Sie setzte sich. »Ich möchte fotografieren lernen.«
»Fotografieren.« Novak nickte. »Die Fotografie ist wundervoll! So real, so lebensecht. Wenn man ein Zyklop ist. Wie angewurzelt. Für eine fünftausendstel Sekunde.«
»Ich weiß, Sie können es mir beibringen.«
»Ja, ich habe früher Fotografie gelehrt«, räumte Novak wie unter Qualen ein. »Ich habe anderen beigebracht, wie eine Kamera zu sehen. Was für eine Errungenschaft! Schau dir doch bloß mal mein armseliges kleines Haus an. Ich war neunzig Jahre lang Fotograf - neunzig Jahre! Und was haben wir für all die harte Arbeit bekommen, die alte Frau und ich? Nichts. All die schrecklichen Wirtschaftskrisen! Die Abwertungen! Die ruinösen Steuern! Aufstände und Säuberungen! Politische Wirren. Seuchen! Bankzusammenbrüche! Nichts ist sicher, nichts ist von Dauer.«
Novak musterte sie voll resignativem Misstrauen; von einem Moment auf den anderen wirkte er bäurisch-durchtrieben mit seinen abstehenden Ohren, den struppigen Augenbrauen und der geschwollenen Altmännernase, die an eine Kartoffel erinnerte. »Wir besitzen nichts, wir haben kein Vermögen. Wir sind alte Leute, aber wir können dir nichts bieten, Mädchen. Du solltest fortgehen, dann ersparst du uns allen Ärger.«
»Aber Sie sind berühmt.«
»Ich habe meinen Ruhm überlebt, ich bin vergessen. Ich mache nur deshalb weiter, weil ich nicht anders kann.«
Maya blickte sich im Wohnzimmer um. Eine einzigartige Mischung aus eklektischem Krimskrams und äußerster Sauberkeit. Zahllose kleine Objekte aus dem Grenzbereich von Kunst und Kitsch. Eine Bibliothek vom Zahn der Zeit angenagter technischer Spielereien. Gleichwohl war kein einziges Staubkörnchen zu sehen. Wer die Musen verehrt, betreut am Ende ein Museum.
Die brennenden Kerzen schmolzen ihre weißen Flammen in die Wachsschäfte ein. Dem weißhaarigen Novak machte das lang währende Schweigen offenbar nichts aus.
Maya deutete auf ein Fach weit oben im Bienenwabenregal. »Diese Kristallvase«, sagte sie, »diese Karaffe.«
»Altes böhmisches Glas«, meinte Novak.
»Sie ist wunderschön.«
Novak stieß einen leisen Pfiff aus. In der Wand neben der Küche öffnete sich eine Klapptür, und ein menschlicher Arm fiel heraus.
Der Arm landete mit dem fleischigen Klatschen der fünf gespreizten Finger auf dem Holzboden. Die nackte Schulter endete in einem gekräuselten Stummel, ähnlich dem Fuß einer Entenmuschel.
Der Arm krümmte sich und sprang, krümmte sich und sprang, kapriolte über den kerzenerhellten Boden. Er krümmte sich erneut und spannte sich, dann schlängelte er sich mit unglaublicher Geschwindigkeit in Novaks leeren Jackenärmel.
Novak verdrehte die Augen, zuckte ein wenig, dann hob er die künstliche Hand und bog die Finger.
Dann stützte er sich beiläufig auf den linken Ellbogen und langte weit durchs Zimmer. Der rechte Arm dehnte sich, die unbehaarte Haut wurde blasig und körnig, der Unterarm kontrahierte, bis er so dünn wie ein Vogelknochen war. Mit der weit entfernten Hand packte er die Karaffe. Als er den Arm wieder einzog, nahm dieser mit einem leisen inwendigen Knirschen wieder seine normale Größe an; es hörte sich an, als liefe jemand über Asche.
Er reichte Maya die Karaffe. Sie musterte das Gefäß im Kerzenschein.
»So etwas ähnliches habe ich schon einmal gesehen«, sagte sie. »Ich habe eine Zeit lang darin gelebt. Es war ein ganzes Universum.«
Novak zuckte die Achseln. Mit dem neuen Arm gelang ihm dies erstaunlich gut. »Die Dichter haben dies auch schon von einem einzigen Sandkorn behauptet.«
Maya schaute hoch. »Das Glas besteht aus Sand, nicht wahr? Eine Kameralinse besteht aus Sand. Ein Datenbit ist ein einzelnes Sandkorn.«
Novak lächelte. »Ich habe eine gute Neuigkeit für dich«, sagte er. »Du gefällst mir.«
»Es ist wundervoll, das Glaslabyrinth zu halten«, sagte sie, die Karaffe in Händen wendend. »In virtueller Form kam es mir viel realer vor.« Sie reichte ihm das Gefäß zurück.
Novak betrachtete die Karaffe, streichelte mit der Linken darüber; die Rechte ähnelte einer handschuhförmigen Ansammlung von Gummipinzetten. »Das Gefäß ist sehr alt. Ein Stück vom Dachboden der Antike. Ach, die griechische Attika!« Er begann auf tschechisch zu rezitieren. »[Gestaltet mit marmornen Männern und Frauen und Ästen aus dem Wald und von Füßen zertretenem Kraut. Du stilles Gebilde. Du bewegst unseren Geist, als wärst du die Ewigkeit. Du Gedicht aus Eis! Wenn das Alter diese Generation dahinrafft, wirst du im Dickicht anderer Menschen Sorgen überdauern. Ein Freund der Menschheit. Du sprichst zu uns: ›Schönheit ist Wahrheit, und Wahrheit ist Schönheit.‹ Wir wissen nicht mehr, und mehr brauchen wir auch nicht zu wissen.]«
»War das ein Gedicht?«
»Ein altes englisches Gedicht.«
»Weshalb rezitieren sie es dann nicht auf englisch?«
»Das Englische hat keine Poesie. Bei der weltweiten Ausbreitung hat sie all ihre Poesie eingebüßt.«
Maya dachte darüber nach. Es klang plausibel und schien eine Menge zu erklären. »Finden Sie denn, dass das Gedicht auf tschechisch noch richtig klingt?«
»Das Tschechische ist eine veraltete Plattform«, sagte Novak. Er erhob sich, streckte den Arm wie Plastilin und stellte die Karaffe wieder auf ihren Platz.
»Wann brechen Sie auf?«, fragte Maya.
»Morgen. In aller Frühe.«
»Darf ich hier sitzen bleiben und auf Sie warten?«
»Wenn Sie mir versprechen, die Kerzen auszublasen«, antwortete Novak. Und stapfte die Treppe hoch. Zehn Minuten später kam sein Arm heruntergehüpft und verschwand hinter der Wandklappe.
Am Morgen brachen sie auf nach Rom. Frau Novakova hatte ihrem Mann einen gewaltigen Koffer mit Tragriemen gepackt. Novak verzichtete darauf, seine Armprothese mitzunehmen.
Maya schulterte ihren Rucksack. Brav erbot sie sich, Novaks Koffer zu tragen. Novak reichte ihn ihr bereitwillig. Er wog eine halbe Tonne. Novak sammelte sich, seufzte verstimmt, öffnete widerwillig die Tür und überquerte mit drei Schritten den alten Gehsteig. Am Bordstein parkte eine brandneue, funkelnde Limousine.
Maya verstaute das Gepäck im Kofferraum und stieg in den Wagen, der sich lautlos öffnete. »Weshalb kommt Ihre Frau nicht mit nach Rom?«
»Ach, diese geschäftlichen Anlässe sind äußerst öde, reine Verpflichtung. Sie langweilt sich dabei.«
»Wie lange sind Sie schon mit Milena verheiratet?«
»Seit 1994«, brummte Novak. »Mittlerweile besteht die Ehe nur noch auf dem Papier. Wir leben wie Bruder und Schwester zusammen.« Er rieb sich das Kinn. »Nein, das ist nicht ganz zutreffend. Wir haben die Bürde der Geschlechtlichkeit abgestreift. Wir bilden eine Art Lebensgemeinschaft.«
»Es kommt nicht oft vor, dass Menschen ein ganzes Jahrhundert lang verheiratet sind. Sie sind bestimmt sehr stolz darauf.«
»Machbar ist es schon. Man muss einander die schreckliche Vulgarität des geschlechtlichen Begehrens verzeihen - außerdem sind Milena und ich beide Sammler, wir werfen nicht gerne etwas weg.« Novak langte unter seinen Kragen und holte das Netzgerät hervor. Er tippte eine Adresse ein.
»Hallo?«, blaffte er. »Ah, Voice-Mail, ja?« Novak wechselte gereizt ins Tschechische. »[Gehen Sie mir immer noch aus dem Weg? Dann hören Sie mir mal zu, Sie Schmarotzer! Es ist einfach unglaublich - unvorstellbar! -, dass ein alter Invalide ohne rechten Arm, vergessen von der Welt, ohne richtiges Atelier und ohne professionelle Unterstützung, jährlich dreißigtausend Mark Umsatzsteuer zahlen soll! Das ist grotesk! Zumal was das Jahr 2095 angeht, ein Jahr mit äußerst kargen Einkünften! Und was soll dieses Gewäsch von wegen ausstehender Zahlungen? Sie verlangen eine Nachzahlung? Säumniszuschläge obendrein? Nachdem Sie uns haben ausb luten lassen? Einen Verdienten Künstler der Tschechischen Republik! Den fünfmaligen Gewinner des Preises der Stadt Prag! Nachdem Sie uns mit Ihren wahnsinnigen Nachstellungen an den Rand des Ruins getrieben haben! Das ist ein Skandal! Sie werden noch von mir hören, Sie skrupelloser Gauner.]« Er unterbrach die Verbindung.
»Man sagt es ihnen immer wieder«, klagte er. »Man überhäuft sie mit Attesten, Ersuchen, Dokumenten, die Korrespondenz zieht sich Jahr um Jahr hin! Ach, es ist zwecklos. Die sind wie Capeks Roboter.« Er schüttelte den Kopf, dann lächelte er grimmig. »Aber ich bin trotzdem guten Mutes! Denn ich bin sehr geduldig, deshalb werde ich sie aussitzen.«
Am Prager Flugplatz erwartete sie ein Privatflugzeug, eine elegante Maschine in Weiß, Silber und Pfauenblau. »Sehen Sie sich das mal an«, grollte Novak am Fuß der ausgeklappten perforierten Gangway. »Giancarlo hätte mir einen Steward mitschicken sollen. Er weiß doch, wie es um mich steht.«
»Lassen Sie mich Ihre Stewardess sein.« Maya öffnete den Kofferraum und holte das Gepäck heraus.
»Giancarlo ist ja so di moda. Sie sollten mal sein Schloss in Gstaad sehen, wo es von diesen Stuttgarter Krabben nur so wimmelt. Wenn die durchdrehen, bringen einen diese verrückten Maschinen glatt um. Schneiden einem mit ihren Zangen im Schlaf die Kehle durch.« Novak trat beiseite, und Maya schleppte das schwere Gepäck ins Flugzeug. Anschließend stieg er hurtig die Gangway hoch.
Es gab keine Sitzsäcke. Maya sah sich verwirrt um. Als Novak Anstalten machte, sich auf den Boden zu setzen, entfaltete sich unter ihm lautlos und mit wahnsinniger Geschwindigkeit ein Sessel. Der Boden ähnelte edlem italienischem Marmor, doch wenn man sich setzte, stieß er blitzschnell einen durchsichtigen, luftgefüllten Sessel aus. Auch Maya setzte sich und wurde ebenfalls von einem Sessel aufgefangen. »Ein hübsches Flugzeug«, sagte sie, die nachgiebigen Armlehnen tätschelnd.
»Danke, Madam«, sagte das Flugzeug. »Sind Sie bereit zum Abflug?«
»Ich denke schon«, knurrte Novak. Die langen, schlanken Flügel begannen lautlos zu vibrieren. Das Flugzeug stieg senkrecht in die Luft.
Novak blickte in schweigender Konzentration aus dem Fenster, bis sein geliebtes Prag nicht mehr zu sehen war. Dann wandte er sich an Maya.
»Arbeitest du als Model? Ja, bestimmt«, sagte er.
»Manchmal.«
»Hast du eine Agentur?«
»Nein. Ich habe noch nie Geld dafür bekommen.« Sie stockte. »Ich will nicht für Geld als Model arbeiten. Aber wenn Sie möchten, stehe ich Ihnen Modell.«
»Kannst du Kleider herzeigen? Weißt du, wie man richtig geht?«
»Ich habe beobachtet, wie Models gehen ... Aber nein, ich weiß es nicht.«
»Dann bringe ich’s dir bei«, sagte Novak. »Pass gut auf, wie ich die Füße setze.« Als sie aufstanden, verschwanden die Sessel so blitzartig wie geplatzte Seifenblasen. Jetzt hatten sie eine Menge Platz zum Üben.
Im Jahr 2065 unterzog Innozenz XIV. sich als erster Papst einer Lebensverlängerung. Die Details der Behandlung blieben geheim, eine seltene und sehr diplomatische Ausnahme von der üblichen Praxis totaler medizinischer Offenheit. Die Entscheidung des Papstes sowie die damit einhergehende tief greifende Verletzung des gottgegebenen Gesetzes, wonach jedem Lebewesen eine bestimmte Lebensspanne zubemessen ist, stellte den normalen Prozess der päpstlichen Nachfolge infrage und stürzte die Kirche in eine Krise.
Die Kardinalsversammlung, welche die Implikationen der päpstlichen Handlungsweise beraten wollte, erlebte eine göttliche Vision. Ihre spirituelle Verzückung, ihr ekstatisches Tanzen und das Reden in Zungen hatten auf Skeptiker die Wirkung einer chemisch induzierten Halluzination. Diejenigen aber, welche bei der Herabkunft des heiligen Geistes zugegen gewesen waren, hegten keinerlei Zweifel an seinem göttlichen Ursprung. Die Kirche hatte die lieblosen Spekulationen der Skeptiker bislang stets überlebt.
Auf diese göttliche Offenbarung folgte alsbald die offizielle kirchliche Missbilligung gewisser Methoden der Posthumanisierung. Stattdessen empfahl die Kirche nun ihre eigenen lebensverlängernden Techniken. Diese anerkannten medizinischen Prozeduren wie auch die modernen Abendmahlsfeiern mit entheogenen Tinkturen sowie verschiedene spirituelle Disziplinen firmierten unter dem Oberbegriff ›Die neue Nachfolge Christi‹.
Der demütige und metabolisch unermüdliche Heilige Vater, dessen langer weißer Bart mittlerweile zur Hälfte schwarz nachgewachsen war, hatte sich zur zentralen, ikonenhaften Figur der europäischen Moderne entwickelt. Viele hatten in Innozenz zunächst einen bloßen Karrieristen gesehen, den genialen Verwalter eines im Niedergang begriffenen uralten Glaubens. Nach der Herabkunft des Heiligen Geistes aber wurde offenbar, dass der wiedergeborene Papst wahrhaft übermenschliche Qualitäten besaß. Seine erstaunliche Eloquenz, seine Ernsthaftigkeit und sein offensichtlicher guter Wille beeindruckten selbst die zynischsten Kritiker.
Während seine chemisch gestärkte Kirche den verlorenen Boden des alten Christentums zurückeroberte, bewirkte der Statthalter Christi Wunder, wie man sie seit der Zeit der Apostel nicht mehr gesehen hatte. Der Papst heilte Lahme und Hinkende mit einem Wort und einer Berührung. Er trieb Geisteskranken die Dämonen aus. Deren Besserung war zudem häufig von Dauer.
Außerdem sprach er Prophezeiungen aus - detailliert und häufig zutreffend. Viele Menschen glaubten, der Papst könne Gedanken lesen. Paranormale Fähigkeiten wurden ihm nicht nur von gläubigen Katholiken zugeschrieben, sondern auch von Diplomaten, Staatsmännern, Wissenschaftlern und Rechtsanwälten. Sein unheimlich anmutendes Einfühlungsvermögen hatte er des Öfteren auf der politischen Bühne unter Beweis gestellt. Seelisch verhärtete Kriegsherren und erfolgreiche Kriminelle verließen die Privataudienz beim Pontifex als gebrochene Männer, die öffentlich ihre Sünden bekannten.
Papst Innozenz hatte den Armen geholfen, den Heimatlosen Obdach gegeben, widerspenstige Regierungen beschämt und zu einer neuen, menschlicheren Politik bewegt. Er hatte große Hospitäler gegründet, dazu Lehrorden, Bibliotheken, Netsites, Museen und Universitäten. Er hatte Europa mit einem Netzwerk von Herbergen und Unterkünften für die Bettelorden und Pilger überzogen. Er hatte den Vatikan restauriert und alte Kathedralen und Kirchen in spirituelle Zentren der Christenheit verwandelt, die widerhallten von der eindrucksvollen himmlischen Virtualität der modernen Messe. Er war gewiss der bedeutendste Papst des einundzwanzigsten Jahrhunderts, wahrscheinlich sogar der bedeutendste Papst des vergangenen Jahrtausends, vielleicht der bedeutendste Papst überhaupt. Die Heiligsprechung war ihm gewiss, sollte er jemals Zeit und Gelegenheit finden, zu sterben.
Maya besuchte in Rom eine Messe. Tags zuvor hatte sich ein Wunder ereignet. Seit es Entheogene gab, waren Wunder recht alltäglich geworden; mittlerweile bedurfte es schon außergewöhnlicher Umstände, um dem Übernatürlichen öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dieses neueste Wunder hatte mehr als genug an Übernatürlichem geboten: die Jungfrau Marie war zwei Kindern, einem Hund und einer öffentlichen Telepräsenzsite erschienen.
Kinder nahmen normalerweise keine Entheogene. Selbst postcanine Hunde waren im Allgemeinen nicht sonderlich empfänglich für spirituelle Erfahrungen. Und die Aufzeichnungen öffentlicher Telepräsenzsites galten als fälschungssicher; jedenfalls war es nicht normal, dass sie über der Viale Gugliemo Marconi schwebende kissenförmige leuchtende Flecken zeigten.
Die Römer waren Wundern gegenüber normalerweise ziemlich gleichgültig. Die Vorgänge im Vatikan ließen gebürtige Römer meistens kalt. Gleichwohl waren aus ganz Europa Gläubige herbeigeströmt, um zu beten, Buße zu tun, Reliquien zu besuchen und das Medienspektakel zu genießen. Der Verkehr - Busse, Fahrräder, Wohnwagen, Touristengruppen in den Gewändern des Franziskanerordens - war unglaublich dicht, laut, festlich, außer Rand und Band, eben wahrhaft italienisch. Außerdem regnete es.
Maya blickte durch das regenüberströmte Fenster der Limousine. »Josef, sind Sie religiös?«
»Es gibt viele Welten. Es gibt eine Welt, die man im Dunkeln wahrnimmt«, sagte Novak und tippte sich an die Stirn. »Da ist einmal die materielle Welt, die von der Sonne erhellt wird. Dann gibt es die Virtualität, unsere moderne, immaterielle Scheinwelt. Die Religion ist auch eine Art Virtualität. Eine sehr alte.«
»Aber sind Sie gläubig?«
»Ich habe ein paar sehr bescheidene Überzeugungen. Ich glaube, wenn man einen Gegenstand nimmt und ihn mittels Licht zum Leben erweckt und diese Wahrnehmung von Leben in eine virtuelle Darstellung aufnimmt, erzielt man das, was man als ›Ästhetik‹ bezeichnet. Manche Leute haben ein starkes irrationales Verlangen nach Religion. Ich habe ein starkes irrationales Verlangen nach Ästhetik. Ich kann nicht anders, und darüber zu debattieren interessiert mich nicht. Daher lasse ich die Gläubigen in Ruhe, solange sie mich in Ruhe lassen.«
»Aber heute sind hier bestimmt eine halbe Million Menschen auf den Beinen! Und das alles wegen einem Hund, einem Computer und zwei Kindern. Was halten Sie davon?«
»Ich glaube, Giancarlo wird verärgert sein, dass man ihm die Schau stiehlt.«
Die für den römischen Verkehr viel zu sperrige Limousine brachte sie zum Hotel, das natürlich völlig ausgebucht war. Novak ließ sich mit der Dame an der Rezeption auf eine mehrsprachige Diskussion ein und rang ihr zum Missvergnügen der übrigen Bewerber in der Lobby zwei Einzelzimmer ab. Maya badete und gab ihre Kleider zur Reinigung.
Als sie zurückkamen, war auch ein Abendkleid dabei. Novaks Vorstellung von einem femininen Abendkleid wirkte rührend altmodisch, doch das Kleid war frisch hergestellt und passte dank Novaks ausgezeichnetem Sinn für Proportionen auch hervorragend.
Giancarlo Vietti, der Meistercouturier des Emporio Vietti, stellte seine fünfundsiebzigste Frühjahrskollektion vor. Ein Ereignis dieser Größenordnung verlangte nach einer angemessenen Umgebung. Vietti hatte das Kio-Amphitheater gemietet, ein Kolosseum von exquisitem Stil, erbaut von einem exzentrischen japanischen Milliardär, nachdem der Flaminio-Bezirk bei einem Erdbeben verwüstet worden war.
Das Taxi hielt vor den rosenaroten Marmorsäulen des Kio, und sie stiegen auf einer Promenade aus, die von römischen Paparazzi mit Cyberbrillen wimmelte. Novak war offenbar nicht sonderlich bekannt in Rom, doch als Einarmiger fiel er sofort auf. Er ignorierte die lärmenden Paparazzi, ließ sich aber Zeit damit.
Sie stiegen die Treppe hoch. Novak musterte die Fassade aus falschem Marmor mit wildem Blick. »Der lebende Beweis dafür, dass die Vergangenheit einen unerschöpflichen Vorrat an Vorbildern liefert«, murmelte er. »Es wäre besser gewesen, Indianapolis nachzuahmen, als den Versuch zu unternehmen, den faschistischen Mussolini zu übertreffen - noch dazu mit billigen Materialien.«
Maya hingegen gefiel das Bauwerk. Ihm fehlte die unkrautüberwucherte steinerne Authentizität der echten römischen Ruinen, doch es wirkte transzendental-funktional und besaß die unfreiwillige Anmut eines gut designten Fotokopierers.
Sie betraten das Gebäude, loggten sich ein und stießen auf dreihundert Personen, die im Begriff waren, sich dem Essen zuzuwenden, das von Krabben serviert wurde.
So viele Alte. Maya zeigte sich beeindruckt von der monumentalen Feierlichkeit der Anwesenden, vom erstaunlichen Umstand, dass diese plappernde Schar manikürter und äußerst geschmackvoll gekleideter Menschen so viel älter war als das Gebäude, das sie beherbergte.
Das war die europäische High Society. Menschen, die sich die Zeit unterworfen hatten und mit ihren hinter Cyberbrillen verborgenen, wissenden Augen den Eindruck machten, als könnten sie durch massiven Fels hindurchblicken. Als Veteranen der europäischen Couture hatten sie sich die Essenz der neophilen Vergänglichkeit angeeignet und sie wie ein Leichenhemd um sich herum konserviert. Sie waren ebenso bezaubernd wie die pharaonischen Grabgemälde.
Novak setzte seine Brille auf, dann bahnte er sich energisch einen Weg zu seinem Platz, wobei er sich von irgendwelchen an die Brille fernübertragenen Hinweisen leiten ließ. Novak und Maya nahmen nebeneinander an einem kleinen, runden Tisch mit einer cremefarbenen leinenen Tischdecke Platz, der umringt war von Polsterstühlen.
»Guten Abend, Josef«, sagte der Mann, der Novak gegenübersaß.
»Hallo, Daizaburo, alter Kollege. Es ist lange her.«
Daizaburo musterte Maya über den Rand seiner teuren Brille hinweg mit dem distanzierten, kühlen Interesse eines Schmetterlingskundlers. »Sie ist hübsch. Wo hast du bloß dieses Kleid aufgetrieben?«
»Das erste Original von Vietti, das ich fotografiert habe«, sagte Novak.
»Es erstaunt mich, dass Vietti dieses Exemplar überhaupt noch auf Lager hat.«
»Giancarlo hat es vielleicht aus seinem Speicher gelöscht. Meiner hat eine höhere Kapazität.«
»Giancarlo war damals noch so jung«, sagte Daizaburo. »Wir trinken Wasser. Möchtest du auch eins?«
»Warum nicht?«, meinte Novak.
Daizaburo winkte eine Krabbe herbei. Sie sprach ihn auf Japanisch an. »Englisch, bitte«, sagte Daizaburo.
»Antarktisches Gletscherwasser«, sagte die Krabbe. »Aus tiefen Ablagerungen aus der Zeit des Pleistozän. Völlig unverschmutzt, unberührt seit der Entstehung des Menschen. Vollkommen rein.«
»Eine reizender Einfall«, meinte Novak. »Das sieht Vietti ähnlich.«
»Wir haben auch Mondwasser«, sagte die Krabbe. »Mit sehr interessanten isotopischen Eigenschaften.«
»Hast du schon einmal Mondwasser getrunken, meine Liebe?«
Maya schüttelte den Kopf.
Novak bestellte Mondwasser.
Eine zweite Krabbe brachte ein vakuumisoliertes Gefäß. Mit ihren funkelnden Zangen kippte sie zwei winzige, dampfende blaue Eiswürfel in Brandygläser.
»Wasser ist das perfekte soziale Vergnügen«, meinte Daizaburo, als sich die Krabben entfernten. »Wir können dem animalischen Akt der Flüssigkeitsaufnahme vielleicht nicht alle etwas abgewinnen, teilen aber gewiss die unbeschreibliche Freude, Eis beim Schmelzen zuzusehen.«
Die andere Frau an ihrem kleinen Tisch beugte sich vor. Sie war klein, verschrumpelt und beinahe kahl, eine Person unbestimmter ethnischer Herkunft mit einem gewaltigen schwarzen Hut auf dem Kopf. »Es stammt von einem Kometen vom Rande des Universums«, lispelte sie lebhaft. »Es war sechs Milliarden Jahre gefroren. Hat niemals die Wärme des Lebens kennengelernt - bis jetzt, da wir es trinken.«
Novak hob sein Glas und schwenkte es, sein zerfurchtes Bauerngesicht strahlte erwartungsvoll. »Es wundert mich, dass es noch genug Lunarier gibt, um Mondeis abzubauen.«
»Dort oben gibt es noch siebzehn Überlebende. Schade, dass sie sich alle gegenseitig hassen.« Daizaburo ließ ein eisiges Lächeln aufblitzen.
»Kosmische Rebellen, kosmische Visionäre«, sagte Novak und schnupperte vorsichtig am Glas. »Arme Kerle, sie haben die existenziellen Schwierigkeiten eines Lebens ohne Überlieferung erfahren müssen.«
Maya musterte die Leute an den anderen kleinen Tischen, und auf einmal machte es bei ihr Klick. Sie fing an, die Behandlungsmethoden zu katalogisieren. All diese alten Menschen und ihre alten Techniken. Faltenentfernung, künstlicher Haarwuchs, Hauttransplantate. Blutfilterung. Synthetische Lymphe. Zu neuem Wachstum angeregte Nerven und Muskeln. Beschleunigte Zellteilung. Intrazelluläre antioxidative Enzymierung; verjüngende Hexengebräus, bestehend aus Arginin, Ornithin und Cystein, Glutathion und Katalase. Villi-Laminierung des Darmtrakts (VLD). Affektive circadianische Anpassung (ACA). Künstliches Knochenwachstum. Keramische Gelenkprothesen. Gezielt eingesetztes Aminogluanidin. Gezielt eingesetztes Dehydroepiandrosteron. Autoimmune Reprogrammierung (AR). Arteriosklerotische mikrobiologische Ausschabung (AMA). Neuronale dissipative Defibrillation (NDD). Kinetischmetabolische Breitbandbeschleunigung (KMBB). Das waren veraltete Techniken. Längst hatte die Medizin sich höhere Ziele gesteckt.
Ein Bronzegong ertönte. Die dreihundert Gäste erhoben sich einmütig von ihren Plätzen, gingen, humpelten, schlurften oder rollten davon und spielten wohlgeordnet Bäumchen-wechsle-dich. Anschließend fanden sich alle in der intimen Gesellschaft neuer Freunde wieder, die einander mit spontanem Entzücken begrüßten. Eifrige Roboter servierten frische Getränke und die Vorspeise.
Josefs neue Tischgenossen - offenbar kannte er sie gut, oder aber sie hatten ihre Biographien an seine Brille übermittelt - sprachen deutsch. Maya hatte ihren Übersetzer auf Tschechisch und Italienisch eingestellt. Sie hätte gern das kleine Diamantei für Deutsch eingesetzt, doch wenn sie sich am Collier zu schaffen machte, verweigerte es neuerdings unweigerlich die Arbeit und beklagte sich darüber, wie viel sie der Firma schuldete.
Sie schämte sich wegen ihres Colliers. Die billige Goldkette und die Diamanten funkelten in ihrem Decollete wie radioaktiver Abfall. Und so schwieg sie, ohne dass ihre Zurückhaltung aufgefallen wäre. Sie war jung. Sie hatte nichts Interessantes zu sagen.
Die Roboter räumten die Suppenteller ab, worauf erneut die Plätze getauscht wurden. Als Nächstes wurden höchst appetitlich anzusehende, äußerst fade und leicht verdauliche Cannelloni serviert. Einige Gäste verspeisten sie, während andere sie mit Nichtbeachtung straften. Dann wechselte man erneut die Tische, worauf hübsch geformte und ziemlich geschmacklose kleine Gnocchi aufgetragen wurde. Dann gab es geriffelte gelbe Keile geruchloser Käsemasse. Anschließend eine in Kegelform gegossene Süßspeise. Das ganze Mahl war äußerst kunstvoll angerichtet, ohne die Zähne zu beanspruchen.
Nun begab sich die Gästeschar zu der in düsterer Pracht gehaltenen Präsentationsabteilung des Kio. Da und dort hatte man an den Wänden Vitrinen aufgestellt, sehr gewagte Vitrinen, die beinahe den Eindruck von Werbung machten. Dieser Regelverstoß von Vietti war reines Imponiergehabe, denn marktschreierische Kommerzialität war bei der Haute Couture fehl am Platz. Wahre Haute Couture, die Suche nach der wahrhaft exquisiten Kleidung, erforderte vor allem Geduld. Und über Geduld verfügte die heutige Glitzerwelt im Übermaß. Mode war ein Spiel, bei dem es um Prestige ging, und das Geld dafür stammte teilweise von den Reichen und vor allem aus Viettis Lizenzgeschäften: Cyberbrillen, Düfte, Badezubehör, Privatbäder, medizinische Kosmetik. Ein Arsenal intellektuellen Eigentums für einen Couturier, der weniger Kleider entwarf als vielmehr eine Lebensweise.
Hier fanden die glücklichen Anwesenden, deren Knochen von den asketischen Stühlen schmerzten, endlich bequeme Sessel vor. In Reihen geordnet wie in einer Kirche bildeten sich miteinander wetteifernde Untergruppen. Verschiedene indonesische, japanische und amerikanische Politiker nahmen die vorderen Reihen in Beschlag, dazu entschlossen, einander zu beeindrucken. Hinter ihnen kamen die Netz-Designer, Geschäftsleute, Fotografen, Schauspieler und Schauspielerinnen, Geschäfts- und Salonmillionäre, Männer und Frauen von Welt.
Für alle reichten die Sitzgelegenheiten nicht aus: ein absichtliches und kaum überraschendes Versehen. Novak geleitete Maya durch eine wogende Menge von Angehörigen der oberen Zehntausend, Nachwuchsdesignern und kleineren Berühmtheiten hinter die Bühne.
Dort wimmelte es von europäischen Störchen, afrikanischen Sekretärvögeln und amerikanischen Kranichen. All diese großen Vögel mit dem feierlichen Gefieder warteten mit eindrucksvoller Würde auf ihren Auftritt und gingen den ängstlichen Menschen aus dem Weg.
Der sagenumwobene Couturier stand im Mittelpunkt einer lärmenden, hochmotivierten Schar von Mitarbeitern. Vietti trug seine Version von Arbeitskleidung: ein seehundschwarzes, irgendwie pelzig wirkendes Teil mit vielen Taschen, zu dem Luftflaschen hervorragend gepasst hätten. Er ging gerade den Ablauf der Show auf einem regenbogenfarbenen Paar flatternder, an seinen Handgelenken befestigter Displayfächer durch.
»Josef, wie schön, dass du gekommen bist«, sagte Vietti auf englisch. Er war groß und breitschultrig, hatte ein kantiges Kinn und gehörte zu den wenigen Anwesenden, die es verschmähten, eine Cyberbrille zu tragen. Man sah sogleich, dass Vietti einmal sehr attraktiv gewesen war. Viele Jahre und viele Schmerzen lagen hinter ihm. Nun strahlte er die ein wenig düstere Würde des römischen Colosseums aus - wenngleich Giancarlo Vietti nicht aus Rom, sondern aus Mailand stammte.
Vietti musterte Maya mit dem gleichen abwesenden, nachsichtigen Blick wie seine gehorsamen Störche. Plötzlich weiteten sich seine blassblauen Augen. Schließlich ließ er seine Keramikzähne aufblitzen. »Aber, Josef. Die ist ja ganz reizend! Du alter Gauner. Also wirklich, das hättest du nicht tun sollen.«
»Dann erinnerst du dich also noch.«
»Hast du etwa gedacht, ich hätte meine erste Kollektion vergessen? Das wäre ja, als könnte ich mich nicht mehr an meine erste Operation erinnern.« Vietti musterte Maya; offenbar faszinierte sie ihn. »Wo hast du sie aufgetrieben?«
»Das ist meine neue Schülerin.«
Vietti berührte Mayas Kinn ganz sachte mit einer schwarz behandschuhten Fingerspitze. Er zupfte an einer Strähne ihrer Perücke und glättete rasch die Schulternaht. Er lachte verzückt.
Nach etwa zehn Sekunden herzhaften Gelächters überzogen sich Viettis Wangen mit roten Flecken, und unter dem Anzug kamen seltsame Gurgelgeräusche hervor. Vietti fasste sich mit der Linken an die Hüfte, zuckte zusammen und fummelte an den verborgenen Schaltern seines lebenserhaltenden Apparats herum. Anschließend sah er auf den Cyberfächer und tippte die Membran mit der Fingerspitze an.
»Lassen wir sie heute Abend auf den Laufsteg raus«, sagte er. »Eine Präsentation in Rom verläuft sowieso immer chaotisch. Und das ist wirklich hübsch.«
»Das kannst du nicht machen, Giancarlo. Das Kleid ist aus Plastik, das ist eine Kopie.«
»Ich weiß, du hast dir einen Scherz mit mir erlaubt, aber das kriegen wir schon hin. Kann sie laufen?«
»Ein wenig.«
»Sie ist noch sehr jung, man wird ihr nachsehen, wenn sie nicht laufen kann.« Vietti sah Maya erwartungsvoll an. »Wie heißt du?«
»Maya.«
»Kleine Maya, ich habe hier eine tolle Mannschaft. Ich würde dich ihr gern anvertrauen. Kannst du vor all den Wichtigtuern laufen? Sie sind schrecklich alt, tragen alle diese blöden Brillen und haben zu viel Geld.« Vietti zwinkerte ihr zu, eine unbeholfene kameradschaftliche Geste über den Abgrund eines Jahrhunderts hinweg.
»Klar kann ich das.« Voller Optimismus und Zuversicht.
Vietti blickte sie mit seinen klaren Augen an. »Noch was, Josef - ein paar Fotos für mich. Für meinen kleinen Winkel im Netz.«
»Ach, das geht nicht«, sagte Novak. »Ich habe meine Ausrüstung nicht dabei.«
»Josef, um der alten Zeiten willen. Du kannst Madrackis Ausrüstung benutzen, Madracki ist ein Poseur, ein Idiot, außerdem schuldet er mir noch einen Gefallen.«
»Ich bin ganz aus der Übung. Wirklich, in letzter Zeit brauche ich schon meine ganzen Kräfte, um eine Eierschale oder ein Spinnennetz zu fotografieren ...«
»Josef, wo du dir so viel Mühe mit ihrem Kleid gemacht hast! Zier dich nicht. Das Gesicht ist furchtbar, das stimmt, dieses Klein-Mädchen-Make-up, lebendiger Kitsch für Kinder, aber das kriegen wir schon hin. Und die Perücke ist eine Katastrophe ... Aber sie ist so sexy, Josef! In den Zwanzigern waren alle so sexy. Selbst ich war damals sexy.« Vietti seufzte wehmütig. »Weißt du noch, wie sexy ich damals war?«
»In deiner Jugend waren sogar der Mond und die Sterne sexy.«
»Aber die Leute sind in den Zwanzigern so jung gestorben, deshalb waren sie sexy und alles andere auch. Sogar Aids war in den Zwanzigern sexy. In dieser ganzen Kollektion habe ich kein einziges sexy Model, dein kleines Mädchen wäre die einzige sexy Erscheinung heute Abend, das wäre doch ein Spaß. Barbara wird sich drum kümmern.« Vietti klappte die Fächer zu und klatschte in die Hände. »Barbara!«
»Du hast Glück«, wandte Novak sich leise an Maya. »Er ist entschlossen, dich zu mögen. Enttäusche uns nicht.«
»Aber er wird mich doch nicht bezahlen?«, flüsterte Maya zurück. »Solange er mich nicht bezahlt, geht es in Ordnung.«
»Ich kümmere mich drum«, versicherte ihr Novak. »Sei tapfer.«
Barbara war Viettis Oberassistentin. Barbara hatte den Akzent des Londoner Westend und die breiten Gesichtszüge und das krause schwarze Haar einer Inderin, kombiniert mit dem Pfirsichteint eines präraphaelitischen Mädchens. Barbara war sachlich und tüchtig und so hübsch gekleidet wie eine hochrangige Diplomatin. Barbara war achtzig Jahre alt.
Barbara nahm Maya mit in den Schminkraum mit lauter männlichen Models. Vor hell ausgeleuchteten Videospiegeln saßen etwa zehn erstaunlich gut aussehende, nur teilweise bekleidete Männer, spannten Bizeps und Quadrizeps an und bereiteten sich systematisch auf ihren Auftritt vor.
»Das ist Philippe, er wird sich um dich kümmern«, sagte Barbara und drückte Maya auf einen Stuhl an der Seite des Kosmetikers nieder. Philippe war ein kleiner Mann mit einem winzigen verkniffenen Mund, pomadisiertem blondem Haar und einer riesigen Brille. Philippe sah sie an, stieß ein entsetztes »Lieber Gott, nein!«, hervor, ließ Spachtel, Reinigungscreme, saugfähige Papiertücher, Puderquasten bringen und verlangte dringend nach dem Friseur.
Die beiden Models neben Maya unterhielten sich miteinander. »Hast du Tomi heute Abend schon gesehen? Er ist dick geworden. Richtig dick.«
»Das kommt vom Enkel«, meinte das zweite Model. »Ich meine, übers eigene Kind kommt man hinweg, aber wenn das Kind ein Kind bekommt, also, ich weiß nicht.«
»Was macht dein neues Haus, Brandon?«
»Bis jetzt läuft alles glatt, aber wir hätten in dem erdbebengefährdeten Gebiet nicht so tief bohren sollen. Das macht mir Sorgen.«
»Nein, jetzt habt ihr es geschafft, jetzt kannst du es mit Bobby versiegeln, Mikroben einsetzen, eine diskrete Sache da unten, wirklich, ich werde ganz grün vor Neid.« Das Model schaute in den Videospiegel. Das Spiegelbild war nicht seitenverkehrt. »Sind meine Augenlider okay?«
»Hast du sie wieder straffen lassen?«
»Nein, diesmal ist es was Neues.«
»Adrian, deine Lider haben nie besser ausgesehen. Im Ernst.«
»Danke. Hab ich dir schon erzählt, dass ich in die Armee eingetreten bin?«
»Du machst Witze.« Brand beugte sich mühelos vor und setzte die Hände flach auf den Boden. Er machte einen Handstand, dann krümmte er methodisch die Ellbogen. Seine muskulösen Beine, die Zehen zur Decke weisend wie bei einem Turmspringer, wirkten so massiv, als bestünden sie aus Bronze.
»Na ja«, sagte Adrian, »die Behandlungen verschlingen eine Menge Geld, und der Sozialdienst, also das ist ein Haufen Schmutzfinken. Hab ich nicht Recht? Aber die bewaffneten Streitkräfte! Ich meine, die moderne Gesellschaft braucht doch eine ordnende Hand, im Ernst. Neben all diesen verweichlichten Zivilisten muss es doch auch ein paar ernsthafte Kerle geben, die bereit sind, jemandem in den Hintern zu treten und Tacheles zu reden. Capisci?«
Brandon vollführte einen mühelosen Salto rückwärts. Er betrachtete im Spiegel seinen Waschbrettbauch, runzelte die Stirn und schnappte sich einen reaktiven Gürtel. »Für wie lange hast du dich verpflichtet?«
»Für fünf Jahre.«
»Die fünf Jahre könntest du problemlos auch im Kopfstand runterreißen.« Brando rückte den Gürtel zurecht, der sich mit einem saugenden Geräusch schloss. »Die medizinische Untersuchung und das alles hast du überstanden?«
»Klar, die lieben mich. Sie haben mich ins Offizierskorps gesteckt.«
»Die Sache mit der Prostata hat ihnen nichts ausgemacht?«
»Das ist Geschichte, die Prostata ist nagelneu und knackig. Ich habe am Wochenende Dienst in einer Basis in Kairo.« Adrian hielt plötzlich inne. »Philippe, was stellst du denn da mit den Augenbrauen von dem armen Kind an?«
»Ich bin in Eile«, klagte Philippe.
»Das Kleid ist historisch. Du musst dem Mädel Augenbrauen aus den Zwanzigern machen. Du kannst sie ihr nicht einfach auszupfen, als wäre sie eine wild gewordene Veruzhina, das ist ein naiver Look.« Adrian tätschelte Maya väterlich den Arm. »Hab dich noch nie gesehen, Mädchen. Zum ersten Mal bei Giancarlo?«
»Ja. Es ist überhaupt das erste Mal für mich.«
»Brandon, hör dir das mal an, sie ist Amerikanerin.«
»Seid ihr auch Amerikaner?«, fragte Maya.
»Klar«, antwortete Adrian lächelnd, »Europäer lieben den ursprünglichen Amerikaner, breite Schultern, Muskeln, strohdumm, kann kaum sprechen, wie soll man den nicht mögen?«
»Sie mögen uns gern männlich«, sagte Brandon. »Sie bezahlen gut für Männlichkeit, weil es mörderisch ist, sich die männliche Ausstrahlung zu bewahren.« Er lachte.
»Du hast saure Poren, Schätzchen«, sagte Philippe tief besorgt. »Hast du in Schimmel gebadet?«
»Bloß einmal.«
»Das solltest du aber. Das solltest du wirklich! Ich habe eine Aspergillus-Kultur, die würde Wunder bei dir wirken. Ich muss den Haaransatz verschieben und die Oberlippe depilieren. Das könnte ein bisschen weh tun.«
Pinzetten zupften, Bürsten surrten, Cremes zogen ein, Puder reagierten. Nach einer halben Stunde waren alle Männer perfekt angekleidet. Die ersten traten auf den Laufsteg hinaus.
Philippe zeigte Maya ihr neues Gesicht.
Sie hatte schon viele Gesichtsbehandlungen über sich ergehen lassen, alle möglichen Arten von Gesichtsbehandlung, über Jahrzehnte hinweg. Die meisten waren rein kosmetischer, technischer Natur gewesen. Restaurative Gesichtsbehandlungen, wonach das Gesicht roh und unfertig wirkte, die Art Gesicht, das in einem warmen, dunklen Raum allein gelassen werden wollte, um sich wiederherzustellen. Philippe aber war ein Künstler. Es war noch immer Mayas Gesicht - aber ein gesammeltes, strahlendes, makelloses Maya-Gesicht. Geschwungene, leicht gefärbte Wimpern. Rauchfarbene Augenlider. Brauen wie Schwingen. Die Haut weicher als Damast. Die Iris klar, der Augapfel so strahlend weiß wie Porzellan. Lippen wie Mohnblüten. Ein vollendetes Gesicht. Menschliche Vollkommenheit.
Anschließend setzte man ihr eine neue Perücke auf, und Maya stieg aus dem Reich der menschlichen Vollkommenheit in eine noch höhere Sphäre auf. Es war eine sehr smarte Perücke. Sie hätte wie ein Überschallschneller Oktopus von ihrem Schädel springen und ihre Arme durch eine Wand treiben können. Da sie jedoch einem großen Modehaus gehörte, würde sie eine derartige Taktlosigkeit niemals begehen. Die Perücke war unglaublich schön, die Farbe ein tiefes, äußerst überzeugendes, ganz leicht lumineszierendes Kastanienbraun, so teuer, behaglich und gut gebaut wie eine Limousine.
Die Perücke verankerte sich überzeugender auf ihrem Kopf als ihr eigenes Haar. Die glänzenden Wellen, die sich ihr um Hals und Schultern legten, verhielten sich so wie Frauenhaar in Tagträumen.
Ein Gong ertönte. Die letzten Männer verließen den Raum. Vier weibliche Models kamen hereingeschlendert. Die Frauen waren groß und schlank und mit Ausnahme der Schuhe vollständig bekleidet. Die Schuhe waren stets problematisch, und ängstliche Läufer wechselten sie ständig aus. Die Models nippten gelangweilt und geduldig Tinkturen, nahmen Inhalationen und verspeisten Appetithäppchen in Form kleiner weißer, kalorienfreier Stäbchen. Ihre unnatürlich langen Arme beförderten die Speisen mit gespenstischer Anmut vom bunten Tablett an die bemalten Lippen.
Die Models waren alte Frauen, und sie sahen so aus, wie moderne alte Frauen in bester Verfassung eben aussahen: sie wirkten wie Athletinnen jenseits der Wechseljahre. Wie pubertierende Turnerinnen, denen man allen jugendlichen Schwung ausgetrieben hatte. Sie wiesen keines der natürlichen Anzeichen des Alterns auf, sondern waren bloß ein wenig spröde, ein wenig straff. Die Models waren ernst, dunkeläugig, zart und ungewöhnlich kräftig. Sie erweckten den Eindruck, sie könnten mit dem Kopf voran durch eine Glasplatte springen, ohne sich ein Härchen zu krümmen.
Ihre Kleider waren dekorativ, schlauchförmig, eng in den Hüften und eng an der Brust. Beim Anblick dieser Models drängte sich einem der Gedanke auf, dass weibliche Kleidung auch ohne sexuelle Ausstrahlung schön, eindrucksvoll, sogar feminin sein konnte. Die Kleider waren wunderbar geschnitten. Ziemlich ekklesiastisch, ziemlich streng, an die Hofkleidung hochstehender Palasteunuchen aus der Verbotenen Stadt erinnernd. Einige Kleider zeigten Haut, doch es war die Art Haut, wie eine Frau sie zeigen mochte, die sich anschickte, den Ärmelkanal zu durchschwimmen.
Die Kleider geizten nicht mit Federn. Weder dezent noch protzig, sondern in schimmernder, geschäftsmäßiger Anordnung, Federn wie ein Kettenhemd. Giancarlo hatte sich bei seiner Frühjahrskollektion diesmal auf Federn kapriziert. Vor allem die sorgfältige Verarbeitung der Federn hatte diese Kleider ins überirdische Reich des Luxus entschweben lassen.
»[Es geht nicht bloß um die Reduzierung des Risikos]«, sagte das eine Model auf italienisch. »[Es werden sechs Komma fünf Prozent Rendite ausgezahlt.]«
»[Ich bin mir nicht sicher, ob der Zeitpunkt für medizinisch orientierte Investmentfonds günstig ist]«, entgegnete ein anderes Model. »[Außerdem bin ich katholisch.]«
»[Es verlangt ja niemand von dir, dass du dich einer Behandlung von der schwarzen Liste unterziehst, du sollst ja bloß in sie investieren]«, meinte das erste Model geduldig. Sie strahlte eine tiefe, spirituelle, unnahbare Schönheit aus; sie ähnelte einer Figur aus Botticellis Primavera: »[Red mal mit einem Banker vom Vatikan, Schätzchen. Die sind sehr simpatico und stets auf dem Laufenden.]«
Das zweite Model musterte Maya überrascht, dann sah sie auf die Uhr. »[Wann bist du dran?]«
Maya fasste sich erst ans Collier und dann ans Ohr. »Tut mir Leid, ich spreche kein Italienisch.«
»Die Diamanten passen so gut zu deinem altmodischen Kleid, ich liebe Diamanten«, meinte das zweite Model in stockendem, aber sympathischem Englisch. »Aber das Haar - das ist nicht so gut. Das ist smartes Haar, das passt nicht zu den Zwanzigern.«
»Du bist sehr sexy«, erklärte das erste Model höflich.
»Molte grazie«, erwiderte Maya zögernd.
»Es sollte mehr Mode für sexy Frauen geben, es ist jammerschade, dass sexy Frauen kein Geld haben«, meinte das erste Model. »Als ich jung und sexy war, habe ich viel Geld verdient. Aber jetzt haben es die jungen Mädchen schwer, Sex lässt sich nur schwer verkaufen. Das ist ausgesprochen ungerecht.«
Draußen kam die Show allmählich auf Touren; hin und wieder ertönte Applaus. Man brachte Maya Viettis Kleid, das noch ganz warm war. Dieses Kleid passte besser als Novaks billigere Version. Plötzlich sah sich Maya nackt und zitternd den gleichgültigen Blicken und kundigen Händen zweier Männer und dreier Frauen ausgesetzt. Sie schlitzten das Kleid mit rasiermesserscharfen Keramikscheren auf und pinselten rasch einziehendes Klebemittel auf Mayas Gänsehaut. Im Handumdrehen hatte man sie in das Kleid gezwängt, anschließend quetschte man ihre Füße in zwei Nummern zu kleine Pumps. Dann ging es in einer Traube nervöser Aufpasser zur Tür hinaus. Philippe lief neben ihr her und besserte ihr Make-up aus, während sie auf das Zeichen zum Auftritt wartete.
Als der Moment gekommen war, trat sie hinter dem Vorhang hervor und schritt so einher, wie man es ihr gezeigt hatte. Die Scheinwerfer, welche den Laufsteg beleuchteten, waren so hell wie zwei Vollmonde, und das Publikum war eine funkelnde Ansammlung von Cyberbrillen: Nachtaugen inmitten eines vergoldeten Sumpfes. Es wurde ein Popsong der Zwanziger gespielt, den sie sogleich wiedererkannte, ein Song, den sie einmal für hip gehalten hatte. Jetzt klang die veraltete Musik verloren und primitiv, nahezu barbarisch. Themenmusik für den Triumphmarsch der lebenden Fossilien.
Man hatte sie als Glamourgirl der Zwanziger herausgeputzt. Dabei war sie niemals eine Schönheit gewesen, keinen Moment hatte sie ausgesehen wie jetzt, denn sie war viel zu beschäftigt und viel zu vorsichtig gewesen. Und jetzt hatte sie sich durch eine erstaunlich Fügung dafür gerächt. Die Freude war gleichzeitig voller Wehmut und Unmittelbarkeit, und beides vermischte sich in ihrem Kopf zu einem wahnsinnigen Frohlocken.
Die Kameras im Publikum stießen weiße Laserblitze aus, die sich allmählich zu einem Crescendo steigerten. Maya kam sich so strahlend vor. Sie war eine tolle Person. Sie stob wie ein nostalgischer Wirbelwind an den maschinenverhüllten Augen der Zuschauer vorbei. Sie befand sich im Mittelpunkt der Bewunderung, die Schöne, der Vamp, die Femme fatale. Die unsterbliche verlorene Geliebte, todschick, grabesschick, im Begriff, wiederaufzuerstehen und unter den Sterblichen zu wandeln. Sie hatte das Publikum mit ihrem geklauten Charisma zerschmettert. Man hatte sie als auferstandenes Gespenst in eine Mailänder Modenschau entlassen, auf dass sie die Zeit unter ihren Füßen zertrampelte. Sie brachte das Publikum dazu, sie zu lieben.
Am Ende des Laufstegs vollführte sie eine kleine Pirouette, trat mit knallenden Absätzen ein Stück zurück, strahlte das Publikum glücklich an. Sie stand so weit über ihm und war in lunares Licht gehüllt, und die Zuschauer waren stinkende, dunkle, niedere Kreaturen, für die sie unerreichbar war. Ihr Lauf währte eine Ewigkeit. Sie hatte ganz vergessen zu atmen. Die Beengung in der Brust machte sie fast wahnsinnig vor Erregung. Ein weißer Kranich sprang auf den Laufsteg, bemerkte sogleich seinen Fehler und hüpfte auf seinen dünnen Beinen und mit schlagenden schneeweißen Schwingen ins Publikum. Vor dem Vorhang zögerte Maya kurz, dann wirbelte sie herum und warf dem Publikum eine Kusshand zu. Ein Blitzlichtgewitter war die Antwort.
Als sie hinter dem Vorhang angekommen war, prickelten ihr die zitternden Glieder. In einem Winkel entdeckte sie einen Hocker, setzte sich darauf und rang nach Luft. Der Applaus dauerte noch immer an. Dann wechselte die Musik, und ein anderes Model glitt wie ein Engel auf Laufrollen an ihr vorbei.
Novak kam hinzu. Er lachte.
»Was bist du doch für ein tapferes Mädchen. Du machst Nägel mit Köpfen, was?«
»Wie war ich?«
»Hervorragend! Du hast so glücklich und verrucht gewirkt, wie ein kleines, verdorbenes Kind. Das hast du gut gemacht, das hat gut gepasst.«
»Ob Giancarlo mit mir zufrieden ist?«
»Keine Ahnung. Wahrscheinlich meint er, du hättest zu dick aufgetragen, und hält dich jetzt für ganz durchtrieben. Aber keine Bange, damit ist der Abend für uns gelaufen.« Novak kicherte. So glücklich hatte sie Novak noch nicht erlebt; er glich einem Billardspieler, dem mit einem Gummiqueue ein Trick gelungen ist. »Giancarlo wird schon kommen, sobald er hört, wie sie über dich reden. In dieser Hinsicht ist Giancarlo sehr schlau. Er urteilt erst, wenn er sich vergewissert hat, wie das Publikum reagiert.«
Mayas Begeisterungstaumel ließ allmählich nach. Die reale Welt kam ihr auf einmal so fad vor. Alltäglich, langweilig, flach. »Ich habe mein Bestes gegeben.«
»Aber ja doch, ja«, tröstete er sie. »Nicht weinen, Schätzchen, es ist ja alles gut. Es war nett für uns, so anders. Man heuert Profis an, damit sie richtig laufen, aber du warst so ernsthaft, das kann man nicht kaufen.« Novak fasste sie beim Ellbogen und geleitete sie zu einem Wasserspender. Er füllte einen Becher mit kristallklarem Destillat und reichte ihn ihr. »Wirklich bemerkenswert«, meinte er. »Du kannst ein Kleid natürlich nicht richtig zur Geltung bringen, denn du bist schließlich eine blutige Anfängerin. Aber du hast es drauf! Dir zuzusehen, das war, als schaute man sich ein historisches Video an. Ein Yankeemädchen aus den Zwanzigern, in zu engen Schuhen, so rührend stolz auf ihr wunderschönes Kleid. Ein Deja vu, ein mono no aware! Es war unheimlich.«
Maya wischte sich die Augen trocken und rang sich ein Lächeln ab. »Ach, jetzt hab ich Philippes wundervolles Augenmake-up ruiniert.«
»Nein, nein, mach dir keine Vorwürfe.« Novak rieb sich nachdenklich das Kinn. »Maya, wir machen jetzt eine richtige Fotosession. Du und ich. Wir ziehen Philippe hinzu, die Kosten berechnen wir. Wenn du im Auftrag von Giancarlo arbeitest, dann ist es nur angemessen, ihm ein paar richtig teure Leute in Rechnung zu stellen ...«
»Ich sollte mich vielleicht bei Giancarlo bedanken. Was meinen Sie? Er hat mir einen Riesengefallen damit getan, mich auf den Laufsteg zu lassen. Ich meine, neben all den Profis ... Und sie waren so nett zu mir, überhaupt nicht eifersüchtig.«
»Das sind alte Hasen. Du bist viel zu jung, um ihre Eifersucht zu wecken. Bei unserem Freund Giancarlo kannst du dich übers Netz bedanken. Es ist besser, wenn wir jetzt gehen.« Novak lächelte. »Du hast sie verprügelt, Schätzchen, du hast sie verprügelt wie kranke alte Hunde. Wir gehen jetzt. Es ist besser, man geht, solange sie nach mehr verlangen.«
»Also, dann ziehe ich mich jetzt um.«
»Behalt das Kleid an. Es gehört dir. Sie waren in Eile, deshalb haben sie’s ruiniert.«
»Dann sollte ich wenigstens diese unglaubliche Perücke zurückgeben.«
»Nimm die Perücke mit, die behalten wir. Dann rufen sie uns auch bestimmt an.«
Maya schaffte es, die engen Schuhe auszuziehen. Als sie aus der Garderobe kam, fuchtelte Novak mit seinem Arm in der Luft herum, als wehre er einen Mückenschwarm ab. Doch er war nicht verrückt geworden, er bediente bloß die Menüs seiner Brille. Er bestellte ein Taxi.
Novak bugsierte sie energisch an einer Handvoll Gratulanten vorbei. Die Profis wirkten auf ihre steife, unnahbare Art erfreut und amüsiert. Sie verließen das Amphitheater über einen Hinterausgang. Draußen war es so kalt, dass ihr Atem kondensierte. Mayas Schweiß verdampfte von den nackten Schultern in die römische Nacht. Sie fröstelte.
Als sie um die Ecke des Kio bogen, wurden sie von den Paparazzi entdeckt. Sie eilten herbei und schrien Maya auf italienisch an. Dies waren die jüngsten der Paparazzi, was den Umstand erklärte, dass sie bereitwillig rannten. Einige von ihnen reckten optisch leitende Drahtringe hoch und tauchten das feuchte Pflaster in ein Blitzlichtgewitter. Maya lächelte sie geschmeichelt an. Als die Paparazzi ihre Reaktion bemerkten, schrien sie noch lauter und begeisterter.
»Spricht hier jemand englisch?«, fragte Maya.
Die sie umkreisenden und sie durch funkelnde Linsen hindurch anstarrenden Paparazzi berieten sich kurz. Schließlich drängte von hinten eine junge Frau nach vorn. »Ich spreche englisch! Wollen Sie wirklich mit uns reden?«
»Klar.«
»Großartig! Wir wollen alle wissen, wie Sie das angestellt haben.«
»Was meinen Sie damit?«
»Wie sind Sie an diese Riesenchance gekommen?«, fragte das Mädchen und nahm eilig den Übersetzerknopf aus dem Ohr. Sie war Amerikanerin. »Haben Sie das allein geschafft?«
»Nein, natürlich nicht.«
»Dann verdanken Sie das also Ihrem Begleiter? Sponsort er Sie? Welcher Art ist Ihre Beziehung? Und wie heißen Sie beide eigentlich?«
»Ich bin Maya, und das ist Mr. Josef Novak. Unsere Beziehung ist ganz unschuldig.«
Novak lachte. »Sag das nicht! Ich bin tief bewegt, Urheber eines Skandals zu sein.«
»Woher kennen Sie Giancarlo Vietti? Wie alt sind Sie? Wo kommen Sie her?«
»Sag ihnen gar nichts«, riet ihr Novak, »sollen sich die armen Schweine ruhig den Kopf zerbrechen.«
»Seien Sie doch nicht so«, flehte die junge Paparazza. Sie drängte Maya ihre Visitenkarte auf. Auf der schäbigen Karte waren lediglich ein Name und eine Netzadresse aufgedruckt. »Darf ich Sie später interviewen, Signorina Maya? Wo kommen Sie her?«
»Wo kommen Sie her?«, entgegnete Maya.
»Aus Kalifornien.«
»Aus welcher Stadt?«
»San Francisco.«
Maya starrte sie entgeistert an. »Warte mal! Das ist ja unglaublich! Wir kennen uns doch! Du bist Brett!«
Brett lachte. »Sorry, so heiße ich nicht.«
»Doch, du bist es! Du heißt Brett und warst mit einem gewissen Griff befreundet, und ich habe dir mal eine Jacke abgekauft.«
»Also, ich heiße nicht Brett, und ein Model von Giancarlo Vietti trägt bestimmt keine Jacke von mir.«
»Du bist Brett, du hattest eine Klapperschlange! Was in aller Welt machst du hier in Rom, Brett? Und was hast du mit deinem Haar angestellt?«
»Hören Sie, ich heiße Natalie, okay? Und was glauben Sie wohl, was ich hier mache? Ich hänge vor einer Modenschau auf dem kalten Pflaster rum und klaube die Krümel auf, das mache ich.« Brett nahm die Brille ab und musterte Maya verwundert. »Woher wissen Sie über mich Bescheid? Kennen wir uns wirklich? Woher?«
»Aber ich bin’s doch, Brett! Ich bin Maya«, sagte Maya und schauderte plötzlich von Kopf bis Fuß. An ihrem Rücken löste sich ein fingerbreites Stück Klebstoff. Sie fror. Und auf einmal fühlte sie sich elend. Schwindelig und benommen.
»Wir kennen uns nicht«, beharrte Brett. »Ich habe Sie noch nie gesehen! Was geht hier eigentlich vor? Wollen Sie mich verarschen?«
»Das Taxi ist da«, sagte Novak.
»Bleiben Sie!« Brett packte sie am Arm. »Wissen Sie, dass es eine Million Mädchen gibt, die jemanden umbringen würden, nur um einmal einen Laufsteg zu betreten? Was muss ich tun, um eine solche Chance zu bekommen? Sagen Sie’s mir!«
»Rühren Sie sie nicht an!«, fauchte Novak. Brett prallte zurück, als habe sie eine Kugel getroffen.
»Wenn Sie wüssten, wie es dort drinnen war«, sagte Novak, »würden Sie morgen heimreisen! Legen Sie sich an den Strand, seien Sie eine junge Frau, leben Sie, atmen Sie! Das dort drinnen ist nichts für Sie. Dafür hat man gesorgt, lange bevor Sie geboren wurden.«
»Mir ist schlecht, Josef«, wimmerte Maya.
»Steig ein.« Novak schob sie ins Taxi. Die Türen schlossen sich. Brett stand einen Moment lang wie benommen da, dann sprang sie vor und hämmerte gegen die Scheibe, lautlos schreiend. Das Taxi fuhr los.
Am nächsten Morgen stellte Maya fest, dass im Netz Artikel über sie erschienen waren. Vietti hatte ihr weiße Nachthyazinthen geschickt, und acht Journalisten hatten angerufen. Einer der Journalisten hatte von der Lobby aus angerufen. Er wartete dort auf sie.
Das Frühstück ließen sie sich in Novaks Zimmer servieren. »Du bist nicht in der Verfassung, um mit richtigen Journalisten zu sprechen«, erklärte Novak. »Journalisten sind die natürlichen Feinde der Topmodels. Wenn sie irgendwelche Dinge aufdecken, die dich tief verletzen, geraten sie in hormonelle Erregung.«
»Ich bin kein Topmodel.« Jedenfalls fühlte sie sich nicht so. Sie hatte das Kleid zerreißen müssen. Sie hatte Reinigungscreme, einen Schwamm und eine halbe Stunde gebraucht, um sich den Klebstoff vom Leib zu schrubben. Sie hatte es nicht gewagt, mit der intelligenten Perücke zu schlafen, und beim Aufwachen stellte Maya fest, dass sie schlaff und leblos geworden war. Sie wusste nicht einmal, wie sie neue Software laden sollte.
»Das mag wohl sein, aber ein Sandhaufen ist noch lange kein böhmischer Kristall, meine Liebe.«
»Ich will Fotografin sein und kein Model.«
»Nur nichts überstürzen. Bevor du andere Leute mit einer Linse quälst, solltest du lernen, mit einer Kamera umzugehen. Ein paar Fotosessions vor Ort werden dich das rechte Mitgefühl mit deinen zukünftigen Opfern lehren.« Novak tupfte sich die Lippen mit einer Serviette ab, stand auf und leerte seinen Reisekoffer aufs Bett.
Im doppelten Boden waren zwei Schichten grauer Schaumstoffformteile untergebracht. Vier hochspezialisierte Brillen. Linsen mit 35, 105, 200 und 250 Millimeter Brennweite. Zwei verformbare Fischaugenobjektive und ein Fotogrammeter. Ein Stativ. Filter. Zwei Kameragehäuse. Verbindungskabel. Zehn Meter abstimmbarer laserleitender Blitzdraht. Klebeband. Ein dickes Grafiknotebook mit einem hochempfindlichen Retuschierstab und Zusatzspeicher. Mehrköpfige Fotolampen, zusammengerollte Reflektoren, Filterhalterungen, Adapterringe, Metallfolie, ein kleiner Supraleiter.
Maya blinzelte. »Sie haben doch gesagt, Sie hätten Ihre Ausrüstung nicht dabei.«
»Ich sagte, ich hätte meine Ausrüstung nicht zur Modenschau mitgebracht«, meinte Novak. »Außerdem ist das hier nichts Besonderes. Da ich schon mal herkommen musste, dachte ich mir, ich könnte ein paar von diesen hübschen römischen Kanaldeckeln fotografieren ... Aber Modeaufnahmen! Welche Herausforderung.«
»Kann Vietti uns nicht helfen? Er beschäftigt doch zahllose Leute, da könnte er uns auch ein paar abtreten.«
»Schätzchen, Giancarlo und ich, wir sind Profis. Das Spiel, das wir miteinander spielen, hat zwei Regeln. Gewinne ich, gebe ich Giancarlo genau das, was ich ihm geben will. Er hält den Mund und bezahlt. Verliere ich, lastet die ganze schreckliche Bürde seines taktvollen Rats auf meinen Schultern.«
»Oh.«
Novak musterte das auf der Bettdecke ausgebreitete Arsenal an Photonensammlern und zupfte nachdenklich an seiner großen, gealterten, verknorpelten Knollennase. »Bei einer Modesession geht es nicht um Stillleben, dazu braucht man ein Team. Modefotos nimmt man nicht auf, man macht sie. Ein Stylist für die Kleidung, ein Arrangeur ... für die Requisiten ist ein tüchtiger Studioservice unabdingbar. Und wir brauchen einen Location Scout ... Und Haardesigner, Kosmetiker ...«
»Wo kriegen wir diese vielen Leute her?«
»Wir engagieren sie. Die Rechnungen gehen schließlich an Giancarlo. Das ist das Gute dabei. Weniger gut ist, dass ich in Rom über keine Kontakte verfüge. Und da mich geschäftliche Fehler in den Ruin getrieben haben, besitze ich auch kein Kapital.«
Maya musterte ihn nachdenklich. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass Novak eine Menge Geld besaß, doch diese Quelle anzuzapfen hätte bedeutet, ihm zehn Liter Blut abzunehmen. »Ich hätte vielleicht ein bisschen Geld«, meinte sie zögernd.
»Tatsächlich? Das sind ja aufregende Neuigkeiten, meine Liebe.«
»Ich kenne eine Frau in Bologna, die uns helfen könnte. Sie hat eine Menge Freunde, sie sich mit virtueller Realität und Kunst beschäftigen.«
»Junge Leute? Amateure.«
»Ja, Josef, junge Leute. Sie wissen, was das bedeutet, nicht wahr? Es bedeutet, dass sie umsonst für uns arbeiten werden, und anschließend können wir für sie veranschlagen, was wir für richtig halten.«
»Na ja«, meinte Novak nachdenklich, »trotzdem sind sie Amateure, aber fragen kostet nichts.«
»Ich werde sie fragen. Ich glaube, sie werden mitmachen. Um sie zu fragen, brauche ich die nötige Ausrüstung. Kennen Sie zufällig eine hübsche, diskrete Netsite in Rom, die mit veralteten Protokollen arbeitet?«
Die Antwort bereitete Josef Novak keine Schwierigkeit. »Die Villa Curonia«, sagte er sogleich. »Die alte, verruchte Villa Curonia, was sonst. Eine wundervolle Umgebung für ein Location-Shooting.«
Die Villa Curonia war eine ehemalige Privatresidenz und lag in Monteverde Nuovo. Hinter den mit Glasscherben gekrönten Backsteinmauern ragten die struppigen grünen Kronen indiskreter Palmen auf. Eine gewisse Exzentrizität der Fassade deutete darauf hin, dass der Erbauer ein Opium rauchender Ästhet im Stil D’Annunzios gewesen war, mit Beziehungen zu den höchsten und grusligsten Kreisen der Kurie des frühen zwanzigsten Jahrhunderts.
Im Innern lag ein von Säulengängen umgebener Innenhof mit einem ausgetrockneten Springbrunnen und einer HermesStatue auf einem Sockel, die perfekte Umgebung für mitternächtliche Zusammentreffen zwielichtiger Gestalten. Der dreistöckige Ostflügel war mit Stromleitungen und optisch leitenden Fasern durchsetzt. Überall abgelaufene Parkettböden, stille, elfenbeinfarbene Gänge und unglaublich alte VR-Geräte, die wie Kröten hinter den verschlossenen Türen der Gesindekammern hockten. Zwei auf komische Weise unheimliche Brüder namens Khornak betrieben das Etablissement für weiß Gott welche Hintermänner, und unter ihrer Schirmherrschaft hatte das alte Gebäude die halbseidene Atmosphäre eines digitalen Bordells angenommen. Ein römisches Haus, das MenschMaschine-Affären vorbehalten war.
Novak ging sehr methodisch vor, und Maya wurde beinahe verrückt. Benedetta erwies sich als ausgesprochen hilfreich. Wenn sie erst einmal Feuer gefangen hatte, war sie unermüdlich.
Brett traf gegen drei Uhr nachmittags auf einem Mietfahrrad ein. Maya geleitete sie am Wachposten und den finster dreinblickenden Khornak-Brüdern vorbei.
»Das ist ein erstaunliches Gebäude, so edel«, staunte Brett. »Es ist wirklich nett von Ihnen, dass Sie mich hergerufen haben.«
»Hör endlich auf, mir was vorzujammern, Brett. Sag du zu mir und erzähl mal, wie du nach Rom gekommen bist.«
»Möchtest du das wirklich wissen? Also, zuerst war ich in Stuttgart, aber dort sind die Mieten so hoch, und die Leute sind so von sich eingenommen, also beschloss ich, eine Art Wanderjahr einzulegen, und schließlich führen alle Wege nach Rom, nicht wahr? Niemand interessierte sich für meine Entwürfe, daher hab ich mich rumgehört und diesen Teilzeit-Brillenjob bei dem Boulevardnetz gekriegt, und jetzt hänge ich auf Modenschauen und in Cafes herum, und wenn ich Glück habe, treffe ich jemanden wie dich.«
»Das habe ich mir beinahe gedacht. Du kennst bestimmt eine Menge Second-Hand-Läden in der Gegend, stimmt’s?«
»Du meinst Kleiderläden? Klar. Hier in Rom gibt es unzählige. In der Via del Corso, in der Via Condotti, in Trastevere bekommt man gegen Cash alles mögliche…«
»Josef ist oben und stöbert in seinen Prager Files. Er will mir ein paar neue Kleider anfertigen lassen, Sachen aus den Zwanzigern. Darum geht’s nämlich. Kennst du dich mit dem damaligen Stil aus?«
»Ja, klar, ein bisschen. In den Zwanzigern waren doch weite Kittelhemden aus Lastex und Tüll mit jeder Menge optisch leitenden Fransenbändern beliebt.«
Maya stutzte. Das mit den Kittelhemden klang plausibel, aber sie konnte sich nicht erinnern, jemals auch nur einen Zentimeter optisch leitendes Fransenband getragen zu haben. »Brett, wir brauchen ein paar Requisiten. Etwas, das Josef inspiriert. Er hat lange keine Modeaufnahmen mehr gemacht, daher brauchen wir eine Menge Atmosphäre, etwas ... wie das Glaslabyrinth aus Novaks Frühwerk. Josef Novak ging es immer um die inhärente Poesie der Dinge ... um diese eigenartig intensive poetische Dinglichkeit, die manchen ... äh ... Dingen anhaftet ... Verstehst du überhaupt, wovon ich rede?«
»Ich glaube schon.«
Maya reichte ihr eine prall gefüllte Geldkarte. Als Brett die Anzeige studierte, machte sie große Augen.
»Alte Spielkarten«, sagte Maya. »Halbmonde. Damenhandschuhe. Buntes Garn. Netze. Skurrile wissenschaftliche Instrumente aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Altmodische Prothesen. Treibholz. Prismen. Kompasse. Gehstöcke mit Messingspitze. Ein paar räudige ausgestopfte Tiere mit furchteinflößenden Glasaugen, Nerze oder Wiesel oder Hermeline, weißt du. Kaputtes Blechspielzeug zum Aufziehen. Weißt du, was ein Plattenspieler ist? Na gut, dann vergiss den Plattenspieler. Hast du kapiert, worum es Novak geht?«
Brett nickte unsicher.
»Okay, dann nimm das Geld, durchstöbere die Ramschläden und sag den Verkäufern, du wärst meine Stylistin. Du arbeitest bei einer Fotosession für Giancarlo Vietti mit. Borge so viel wie möglich aus, miete, was du nicht borgen kannst, und kaufe nur das, was du selbst gern behalten würdest. Wir sind hier ziemlich in Eile, also treib ein paar lebendige Freunde auf und lass dir von ihnen helfen. Bring sie anschließend alle mit in die Villa. Beeil dich! Vergiss das Fahrrad, nimm ein Taxi. Wenn du Probleme kriegst, ruf mich an. Hast du mich verstanden? Okay, dann los!«
Brett verharrte blinzelnd auf der Stelle.
»Worauf wartest du noch?«
»Auf gar nichts«, erwiderte Brett. »Das ist bloß alles so aufregend. Ich bin ja so froh, für dich zu arbeiten.«
»Los, beeil dich!«
Brett stolperte los. Josefs erste frisch angefertigten Kleider trafen per Kurier ein. Es handelte sich um Kostüme. Tragekomfort boten sie nicht. Das waren Kamerarequisiten, für Photonen gemacht.
In den Zwanzigern hatte man viel von Naturfasern gehalten, doch die Kostüme enthielten keine einzige Naturfaser. Sie bestanden aus gestrecktem und geschrumpftem Plastikgewebe und kleinen Plastikmaschen. Die Kostüme waren nicht besonders luftdurchlässig und raschelten laut, wenn man sich bewegte, sahen aber himmlisch aus. Zupfte man sie zurecht, behielten sie die Form und spotteten der Schwerkraft.
»Sieht so aus, als hätten sich die Ausgaben gelohnt.«
»Die Khornak-Brüder rauben uns aus«, stöhnte Novak. »Sechzehn Prozent Transaktionsgebühr! Ist das denn zu glauben?«
Maya schälte ein mandarinfarbenes Cape-Kleid vom Kleiderstapel und probierte es an. »Solange sie diskret sind, ist das kein Problem.«
»Maya, bevor wir anfangen, möchte ich etwas von dir wissen. Weshalb wird die Session aus den Mitteln der nicht mehr existierenden Produktionsfirma eines toten Hollywoodregisseurs bezahlt?«
»Tatsächlich?«, sagte Maya und besah sich die bedruckten Ärmel. »Eigentlich sollte das Geld vom Projektfonds eines Bologneser Technikerkollegs kommen.«
»Mit derlei kindischen Ausflüchten kannst du vielleicht einen sehr geduldigen Steuerbeamten zum Narren halten. Bei mir und diesen miesen kleinen Hehlern zieht das nicht.«
Maya seufzte. »Josef, zufällig besitze ich etwas Erwachsenengeld. Es stammt von einem gewissen Erwachsenen, und er hätte es mir wirklich nicht geben sollen. Das Geld ist nicht gut für mich, und ich muss es loswerden. Diese Villa ist eine gute Gelegenheit dazu. Finden Sie nicht? Das hier ist eine Schwarzmarkt-Netsite. Das hier ist Rom, eine sehr alte und sehr verruchte Stadt. Und das ist die Modebranche, wo die Leute ständig aus nichtigen Gründen gewaltige Geldsummen zum Fenster hinauswerfen. Wenn ich das Geld nicht unter diesen Umständen waschen kann, dann schaffe ich es nie.«
»Es ist riskant.«
»Risiko ist mein Leben. Denken Sie nicht an das dumme Geld. Zeigen Sie mir, was Schönheit ist.«
Novak seufzte. »Hier geht es nicht um Schönheit, Schätzchen. Tut mir Leid, aber es geht bloß um Chic.«
»Also gut, dann werde ich mich eben mit Glamour begnügen. Ich hab’s eilig. Ich verlange so viel, Josef. Ich will es gleich.«
Novak nickte bedächtig. »Ja. Das nehme ich dir ab. Genau daher rührt dein Charme, Schätzchen ... das heißt, das bist du, und das ist der Moment, Schätzchen.«
Um halb vier traf Philippe ein, um sie zu schminken. Philippe brachte ein Geschenk mit: eine Modeperücke aus dem Emporio Vietti. Die neue Perücke hatte einen eingebauten Übersetzer, der vierundsiebzig Sprachen beherrschte und über ein durchsichtiges Kabel mit dem rechten Ohr verbunden war. Novak meinte, es sei »typisch Vietti«, über die entwendete Perücke so demonstrativ hinwegzusehen und den Einsatz mit einem noch viel besseren Exemplar zu verdoppeln.
Die Perücke war auf dreiundzwanzig Frisuren vorprogrammiert, Viettis taktvoller Versuch, Einfluss auf die Fotosession zu nehmen. Es wäre unhöflich gewesen, ein solch praktisches und nützliches Geschenk zurückzuweisen. Novak aber ärgerte sich über diese kleine Stichelei seines ehemaligen Gönners. Der Ärger versetzte Novak in einen Zustand kreativer Raserei.
»Ich will dir erklären, was ich von dir erwarte, Schätzchen«, murmelte Novak. »Worum es heute geht. Der Reiz des Unheimlichen liegt in der Pikanterie des in sich Widersprüchlichen begründet. Weißt du, wie das Leben in den Zwanzigern war? Natürlich nicht. Das kannst du nicht wissen, aber du musst so tun als ob, mir zuliebe ... Als Giancarlo und ich noch jung waren, schien alles möglich. Jetzt schreiben wir die Neunziger, und alles ist möglich - aber wenn man jung ist, ist es einem nicht gestattet, diese Möglichkeiten wahrzunehmen. Verstehst du, was ich damit sagen will?«
Maya nickte mit unbewegter Miene, darauf achtend, dass ihr Make-up nicht in Mitleidenschaft gezogen wurde. »Ja, Josef, das verstehe ich. Sehr gut sogar.«
»Das Unheimliche ist Schönheit macchiato, Schätzchen, leicht befleckte Schönheit - befleckt mit Schuldbewusstsein, mit dem Monströsen. Das hat Vietti wirklich in dir gesehen, als er meinte, du sähest reizend aus. Und um diese Welt für die Alten vollkommen sicher zu machen, haben wir das Leben der Jungen auf wahrhaft niederträchtige Art und Weise verändert, verstehst du.«
»Ist das nicht ungerecht, Josef? Sie sind sehr streng in Ihrem Urteil.«
»Unterbrich mich nicht. Vietti kann sich diese Wahrheit nicht vergegenwärtigen, ohne sich seine Komplizenschaft einzugestehen. Deshalb war er fasziniert von dir.« Novak schwenkte seinen Arm. »Heute wirst du dich in die längst vergangene Jugend der Gerontokratie verwandeln, in eine gefährliche Liebschaft mit der zerschmetterten Jugend der Moderne. Eine unmögliche Verschwörung, ein traumhafter Bruch. Ein Spiel mit dem Gefühl und der Nostalgie, im Kern aber ein wenig gefährlich, ein wenig pervers. Ich habe vor, den alten Mann mit der Nase drauf zu stoßen. Er wird nicht alles wahrnehmen, weil er die Erkenntnis der ganzen Wahrheit nicht zulassen kann; aber das, was er wahrnehmen kann, wird ihn zur Liebe nötigen.«
Sie machten sich an die Arbeit. Maya in Schwarz, an ein halbtotes antikes VR-Gerät gelehnt. Maya, wie sie ein ausgestopftes Wiesel und einen dicken Umschlag an einen mürrischen, halbnackten Boten überreichte (dargestellt von einem römischen Bekannten Bretts). Maya mit einer Cyberbrille, die an eine Dominomaske erinnerte, während ihr einer von Khornaks Wachposten den Siegelring küsste. (Der vom Glamour geblendete Mann war besonders gut in seiner Rolle.) Maya, ein Paket von Drogenpflastern verschmähend, während sie so tat, als rauche sie eine Zigarette. Eine nachdenkliche Maya im Kerzenschein, in hochhackigen Schuhen auf dem Boden hockend und über eine kleine Spielkartenburg aus römischen Bustickets gebeugt.
Erst zehn, dann ein Dutzend, schließlich zwanzig Jugendliche in Straßenkleidung tauchten in der Villa auf. Novak baute sie in die Bilder ein. Gesichtslos und zu Mayas Füßen über den Boden kriechend, wirkte ihre billige und lebendige Kleidung im Halbdunkel nahezu grotesk.
Als Maya die unfertigen Bilder auf Novaks Notebook betrachtete, war sie entzückt und entsetzt. Entzückt, weil sie so schön wirkte. Entsetzt, weil Novaks Phantasien so aufschlussreich waren. Er hatte sie in einen bezaubernden Atavismus verwandelt, in eine Königin der Unterwelt, deren verbotener Chic auf einen Mob monströser Kinder abzielte. Novaks Glamour war eine Lüge, die die Wahrheit aussprach.
Nachts um halb zwei fuhr Novak mit dem Taxi zum Hotel zurück. Der alte Mann hatte sich lange nicht mehr so verausgabt. Er war ganz zitterig vor Erschöpfung; in Anbetracht seiner hundertzwanzig Jahre kein Wunder.
Als Novak fort war, warfen die Khornak-Brüder, die wegen der lebendigen Jugendlichen zunehmend nervös geworden waren, alle zusammen mit einem Durcheinander von Requisiten hinaus.
Die Jugendlichen verabschiedeten sich mit lautem Hallo, fuhren auf klapprigen Fahrrädern davon oder quetschten sich zu sechst in ein Taxi. Als Brett und Maya die geliehenen Requisiten in Augenschein nahmen, stellten sie fest, dass die Statisten eine Handvoll kleiner, aber wertvoller Gegenstände entwendet hatten. Brett war den Tränen nahe. »Das ist typisch«, sagte sie. »Also wirklich, man gibt den Leuten eine Chance, endlich einmal eine richtige Chance, und das ist nun der Lohn. Ein Schlag ins Gesicht.«
»Sie wollten ein paar Souvenirs behalten, Brett. Sie haben uns ihre Zeit zur Verfügung gestellt, und wir haben ihnen nichts dafür gezahlt, daher macht es mir nichts aus. So teuer kann ein ausgestopftes Wiesel schließlich nicht sein.«
»Aber ich habe den Verkäufern versprochen, gut auf die Sachen aufzupassen. Und ich habe den Kids eine ganz besondere Chance geboten, und sie haben mich bestohlen.« Brett schüttelte den Kopf und schniefte. »Die kapieren’s einfach nicht, Maya. Die römischen Kids sind anders als wir. Das ist, als hätte man alles Lebendige aus ihnen herausgequetscht. Sie tun nichts, sie versuchen’s nicht einmal, sie hängen bloß bei der Spanischen Treppe herum, trinken Frappes und lesen. Man mag’s ja kaum glauben, aber sie lesen. Man braucht ihnen bloß ein dickes Papierbuch in die Hand zu drücken, und schon setzen sie sich hin und schalten stundenlang ab.«
»Die römischen Kids lesen?«, half Maya nach, damit beschäftigt, die Schuhe zu sortieren. »Mann, wie klassisch.«
»Es ist schrecklich, eine furchtbare Angewohnheit! In der Virtualität gibt es wenigstens Interaktion! Sogar beim Fernsehen muss man Gehirnregionen nutzen, die visuelle Reize und echte Dialoge verarbeiten! Lesen ist wirklich schlecht für einen, es schadet den Augen, ruiniert die Haltung und macht dick.«
»Meinst du nicht, Lesen könnte bisweilen auch nützlich sein?«
»Klar, das sagen alle. Diese Typen nehmen Sprachtinkturen zu sich, dann können sie tausend Worte pro Minute lesen! Trotzdem tun sie nichts! Sie lesen bloß davon, etwas zu tun. Das ist krankhaft.«
Maya richtete sich widerwillig auf. Vom langen Stehen und den vielen Anproben taten ihr die angeschwollenen Beine weh. Posen einzunehmen und zu halten war körperlich anstrengender, als sie sich vorgestellt hatte. »Also, heute ist es schon zu spät, um die Sachen zurückzugeben. Kennst du einen sicheren Ort, wo wir den Plunder verwahren können? Wo wohnst du?«
»Ich glaube, meine Wohnung wäre nicht so geeignet.«
»Lebst du in einem Baum oder was?«
Brett runzelte verletzt die Stirn. »Nein! Ich finde bloß, dass meine Wohnung nicht geeignet wäre.«
»Also, in das Luxushotel, in dem ich abgestiegen bin, kann ich diesen Krempel nicht mitnehmen, ich würde nicht mal am Türsteherhund vorbeikommen.« Maya warf ihre Löckchen. Die neue, dunkle Perücke stand ihr gut. Sie war sehr viel besser als ihr eigenes Haar. »Wo können wir um zwei Uhr morgens mit einem Haufen Requisiten hingehen?«
»Also, ich kenne da den perfekten Unterschlupf«, sagte Brett, »aber wahrscheinlich sollte ich dich nicht dorthin mitnehmen.«
Bretts Freunde waren um drei Uhr morgens noch auf, denn sie waren süchtig. Sie waren zu sechst und lebten in einem feuchten Keller in Trastevere, der aussah, als habe er bereits Generationen von Drogensüchtigen beherbergt.
Drogensüchtigen der neunziger Jahre standen völlig neue Wege ins künstliche Paradies offen. Die Politas unterband jeglichen Schwarzhandel mit illegalen Drogen, doch mit einem entsprechend ausgerüsteten Tinkturenset und den richtigen biochemischen Rezepten konnte man genug von nahezu jeder beliebigen Droge herstellen, um sich und eine ganze Schar von Freunden ins Jenseits zu befördern. Die Politas fand sich damit ab, dass sich die Herstellung und der Besitz von Drogen der Kontrolle entzogen. Sie begnügte sich damit, den Menschen, die vorsätzlich ihre Gesundheit ruinierten, die medizinische Behandlung einzuschränken.
Wie jede vertrackte Situation war auch diese von der Politas bis in alle Einzelheiten ausgearbeitet. Gefährliche Stoffe, die zum Herzstillstand führten oder die Leber schädigten, verringerten eindeutig die Lebenserwartung, daher zog ihr Gebrauch strenge medizinische Strafen nach sich. Drogen, welche schon in Mikrogrammmengen die kognitiven Prozesse beeinträchtigten, richteten nur geringe metabolische Schäden an und wurden daher weitgehend toleriert. Die Politas war ein medizinischindustrieller Komplex, eine mit Drogen durchtränkte Gesellschaft. Der primitive Mythos einer drogenfreien Lebensweise übte keinen Reiz auf die Politas aus. Der auf dem neurochemischen Schlachtfeld ausgetragene Kampf gegen die Senilität hatte dazu geführt, dass große und einflussreiche Segmente der wahlberechtigten Bevölkerung permanent in veränderten Bewusstseinszuständen lebten.
Maya - oder vielmehr Mia - hatte auch schon früher mit Junkies zu tun gehabt. Jedes Mal war sie von der Höflichkeit der Junkies beeindruckt gewesen. Junkies war eine übermenschliche Vornehmheit zu eigen, die mit einer völligen Gleichgültigkeit gegenüber konventionellen Vorstellungen und Bestrebungen einherging. Sie war noch keinem Junkie begegnet, der nicht höflich versucht hätte, andere zu der düsteren Transzendenz des Drogenlebens zu bekehren. Junkies teilten alles miteinander: Moskitos, Pillen, Betten, Gabeln, Kämme, Zahnbürsten, das Essen und natürlich auch ihre Drogen. Junkies waren Teil eines losen, globalen Netzwerks, der interkontinentalen Freimaurerloge der Drogenabhängigen.
Da ihnen umfangreiche Vorräte von allen Drogen gestattet waren, die sie zusammenbrauen konnten, waren moderne Junkies nur selten gewalttätig. Sie vermieden es, ins Elend abzurutschen. Gleichwohl war ihr Tun mehr oder minder selbstmörderisch.
Viele Junkies verstanden es, mit erstaunlich poetischer Eloquenz über die Freuden ihres chemisch aufgepeppten Innenlebens zu reden. Die beredsamsten und intellektuellsten Junkies war im Allgemeinen die, deren Verfall am weitesten fortgeschritten war. Junkies waren so ziemlich die einzigen Menschen der modernen Welt, die wahrhaft krank aussahen. Junkies hatten Geschwüre, Karies und sprödes, lebloses Haar; Junkies hatten Flöhe und waren bisweilen auch Träger der gefährdeten Spezies der Läuse. Die von Pilzen befallene juckende Fußhaut der Junkies schälte sich ab, und ihnen lief die Nase. Junkies husteten und kratzten sich und hatten wässrige blutunterlaufene Augen. Sie gehörten zu den Millionen Menschen, die im fortgeschrittenen Verfall begriffen waren, doch allein die Junkies waren auf die Hygienestandards des zwanzigsten Jahrhunderts zurückgefallen.
Die Junkies - ein Mann und zwei Frauen - hießen sie willkommen. In dem Keller hielten sich noch zwei weitere Männer auf, doch die träumten friedlich in ihren Hängematten. Die Junkies machten kein großes Aufhebens um Bretts Mitbringsel, sondern schafften mit rührender Hilfsbereitschaft eine zerschlissene Decke herbei und deckten alles zu. Dann wandte sich der männliche Junkie wieder seiner unterbrochenen Beschäftigung zu. Er las laut aus der italienischen Übersetzung des Tibetischen Totenbuchs vor und war bereits bis zu Seite 212 vorgestoßen. Die beiden Frauen, die in solchen Höhen schwebten, dass ein Drache nicht an sie herangereicht hätte, brachen hin und wieder in schallendes, zustimmendes Gelächter aus und zupften ansonsten versonnen an ihren Zehennägeln.
Maya und Brett legten sich in eine Zweierhängematte. Sie war mit ein paar Blutflecken verschmutzt, und sie verströmte einen unangenehmen Geruch, doch die Hängematte war hübsch gewebt und viel sauberer als der Fußboden. »Brett, woher kennst du diese Leute?«
»Maya, darf ich dich um etwas bitten? Um einen kleinen Gefallen? Ich heiße wirklich nicht Brett. Ich heiße Natalie.«
»Tut mir Leid.«
»Es gibt zwei Arten von Leben, weißt du«, sagte Natalie, während sie es sich in der schwankenden Hängematte bequem machte; offenbar kannte sie sich damit aus. »Das eine ist das Leben der Bürgerlichen, beim anderen geht es darum, wirklich bewusst zu werden.«
»Das ist nichts Neues für mich, schließlich komme ich aus San Francisco. Und mit welcher Brechstange willst du die Türen der Wahrnehmung aufhebeln?«
»Also, ich stehe auf Lacrimogen.«
»Oh, nein. Konntest du dir nicht etwas Harmloseres aussuchen, wie zum Beispiel Heroin?«
»Heroin kann im Blut und im Haar nachgewiesen werden und bringt einem nur Nachteile ein. Lacrimogen hingegen kommt in jedem Gehirn vor. Lacrimogen ist natürliche Neurochemie. Weil es nicht nachweisbar ist, ist es eine sehr lebendige Droge. Klar, wenn man zu viel nimmt, kriegt man Probleme, eine klinische Depression. Aber in der richtigen Menge genossen, macht es einen viel bewusster.«
»O je, meine Liebe.«
»Hör mal, ich bin eine Jugendliche, okay?«, sagte Brett. »Ich meine, das sind wir beide, aber ich kann mir das eingestehen, ich weiß wirklich, wie schlimm das ist. Weißt du, warum junge Leute es heutzutage so schwer haben? Nicht bloß deshalb, weil sie eine kleine Minderheit sind. Unser wahres Problem liegt darin, dass wir so mit Hormonen vollgestopft sind, dass wir in einer Phantasiewelt leben. Und das ist nicht gut für mich; ich kann mein Leben nicht auf leere Hoffnungen gründen. Ich muss meine Lage klar einschätzen.«
»Brett, ich meine Natalie, es erfordert große Reife, ohne Illusionen zu leben.«
»Also, ich setze auf künstliche Desillusionierung. Ich weiß, es tut mir gut.«
»Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das stimmt.«
»Dann lass es mich dir beweisen. Lass uns wetten«, erklärte Natalie. »Wir nehmen beide hundert Mikrogramm Lacrimogen, okay? Wenn du dir dadurch nicht mindestens einer fürchterlichen Lebenslüge bewusst wirst, nehme ich nie wieder Lacrimogen.«
»Ist das dein Ernst? Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das Versprechen einhalten würdest.«
»Lacrimogen macht nicht süchtig, weißt du. Man bekommt keine Schweißausbrüche oder irgendwelche anderen Entzugserscheinungen oder so. Natürlich würde ich damit aufhören, wenn ich nicht wüsste, dass es mir hilft.«
»Hör mal, die Selbstmordrate ist bei Lacrimogen unglaublich hoch. Alte Leute nehmen Lacrimogen, um den Mut zum Selbstmord aufzubringen.«
»Nein, das stimmt nicht, sie nehmen es, um ihr Leben nachträglich in Ordnung zu bringen. Dafür kann man nicht die Droge verantwortlich machen. Wenn man meint, man müsse Mut sammeln, um sich umzubringen, dann sollte man es wohl auch tun. Die Menschen müssen sich heutzutage umbringen, das ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Wenn Lacrimogen einem zu dieser Einsicht verhilft und über die damit einhergehende Angst und die Verwirrung hinweghilft, dann spricht das nur für die Droge.«
»Lacrimogen ist gefährlich.«
»Sicherheit kotzt mich an. Sicherheit in jeder Form. Sicherheit korrumpiert. Ich wäre lieber tot als in Sicherheit.«
»Aber würdest du wirklich damit aufhören? Wenn ich es mit dir zusammen einnähme und dich anschließend bitten würde, damit aufzuhören?«
Natalie nickte zuversichtlich. »Das waren meine Worte. Wenn du dich nicht traust, ist das in Ordnung, das verstehe ich. Aber du hast kein Recht, mir deswegen Vorhaltungen zu machen. Weil du keine Ahnung hast, wovon du überhaupt redest.«
Maya blickte sich im Keller um. Sie wusste, dass sie im Moment in Gefahr war. Die Bedrohung ließ die Umgebung noch realer erscheinen. Den abbröckelnden Putz, die Risse in der Decke, das große, altmodische Tinkturengerät. Die herumliegenden Bücher, die Fläschchen mit Tinkturen, das kaputte Fahrrad, die Unterwäsche, den tropfenden Wasserhahn, das sonore Schnarchen des einen bewusstlosen Junkies. Die Haarnetze, die heruntergelassenen Rollläden, das Rumpeln einer vorbeifahrenden Straßenbahn. Hier war Brett zu Hause. Sie war Brett hierher gefolgt. Sie war Brett den ganzen weiten Weg gefolgt.
»Also gut. Ich tu’s.«
»Hey!«, rief Brett. »Antonio!«
Antonio unterbrach seine feierliche Rezitation und blickte höflich auf.
»Ich habe bald kein Lacrimogen mehr. Nur noch zwei Dosen. Kannst du mir sagen, wo ich Nachschub herkriege?«
»Klar«, meinte Antonio. »Ich kann dir was machen. Soll ich? Für deine hübsche Freundin? Kein Problem.« Er legte das Buch weg und wandte sich in schnellem Italienisch an die beiden Frauen. Alle wirkten erfreut, etwas tun zu können. Die Herstellung eines Stimulans war natürlich das Naheliegendste.
»Bitte seid nicht so laut«, meinte eine der Frauen, während sie sich die Ärmel hochkrempelte. Sie war sehr mager. »Sonst wacht Kurt noch auf. Kurt mag es nicht, wenn man herumschreit.«
Brett zog das Ende einer Rolle Klebepflaster aus einer Pergamintasche hervor. Sie pellte vier winzige Pflaster davon ab. Zwei davon drückte sie sich am Handgelenk auf die Schlagader, die anderen beiden gab sie Maya.
Nichts geschah.
»Du solltest nichts Sensationelles erwarten«, sagte Brett. »Das ist eine Stimmungsbeeinflussende Substanz. Das ist eine Stimmung.«
»Also, bei mir wirkt es nicht«, meinte Maya erleichtert. »Ich fühle mich bloß ein wenig schläfrig. Ein Bad wäre jetzt schön.«
»Hier gibt es kein Bad. Hier gibt’s bloß ein Klo. Hinter der Tür. Es macht dir doch nichts aus, dafür zu bezahlen, Maya? Fünf Mark? Für die Grundstoffe?«
Es war illegal, Drogen zu verkaufen. Man durfte sie tauschen, sie verschenken, sie selbst herstellen. Der Verkauf stellte ein Vergehen dar. »Wenn es ihnen hilft.«
Brett lächelte erleichtert. »Ich weiß wirklich nicht, weshalb Novak wollte, dass du so seltsam düster aussiehst. Du bist sehr freundlich, richtig nett.«
»Nun, ich habe Wünsche, die mit dem Status quo unvereinbar sind.« Das hatte sie schon oft gesagt, doch erst jetzt wurde ihr bewusst, was die Phrase wirklich bedeutete. Weshalb lebendige Menschen diese Worte zu ihrem Wahlspruch gemacht hatten, weshalb sie eine solch offensichtliche Dummheit allen Ernstes über die Lippen brachten. Der Status quo war die unerlässliche Vorbedingung des geleugneten Begehrens. Begehren war irrational, obszön und regelwidrig. Das Begehren zu akzeptieren, sich dem Begehren zu überlassen - das Begehren zu erkunden, es zu suchen - das war das genaue Gegenteil von Weisheit und Diskretion.
Und es war der Kern der Junkie-Romantik. Ein Vergnügen, so nackt wie die Geometrie - die euklidischen Freuden des Zentralnervensystems, eine reine Form der Fleischlichkeit für das graue Fleisch des Gehirns. Eine ultimative Form des Begehrens - keine Liebe, keine Wollust, keine Machtgier, stattdessen bloß gereinigte molekulare Gifte, die mit dem grauen Fleisch auf zellulärer Basis wundervolle Dinge anstellten. Die Erkenntnis schlug über ihr zusammen wie eine Woge. Sie hatte die Wahrheit des Junkie-Lebens bisher nicht erkannt, weil sie zu sehr damit beschäftigt gewesen war, es zu verachten. Jetzt aber verstand sie die Junkies und empfand Mitleid mit ihnen. Die Wahrheit und die Traurigkeit waren untrennbar miteinander verknüpft. Diese Wahrheit erkannte man erst dann, wenn man traurig genug war.
Antonio und seine beiden Freundinnen machten sich eifrig am Tinkturenset zu schaffen. Der korrekte Gebrauch eines Tinkturensets war eine Art sozialer Kunst, sie erforderte Gelassenheit und Geschicklichkeit, Weitblick und Genauigkeit im Detail.
Die Junkies besaßen keine dieser Eigenschaften. Sie waren linkisch und gleichzeitig fürchterlich entschlossen. Sie waren durch und durch vergiftet, daher machten sie viele kleine Fehler. Jedes Mal, wenn sie einen Fehler gemacht hatten, hielten sie inne und bemühten sich, darüber nachzudenken, und dann fingen sie von neuem an herumzuprobieren. Es war, als schaute man drei kleinen Spinnen zu, die sich allmählich anschickten, ein gefangenes, zappelndes Insekt zu verspeisen.
Maya schauderte heftig, und Brett streichelte ihr über den Arm. »Hab keine Angst.«
Bis jetzt hatte sie keine Angst gehabt. Aber kaum, dass Brett das Wort ausgesprochen hatte, war die Angst auf einmal da. Ein kalter Schwall hässlicher Angst, der einem überschwappenden, riesigen schwarzen Meer entstammte. Was hatte sie zu fürchten? Weshalb verspürte sie auf einmal Panik? Es gab keinen Grund, Angst zu haben. Abgesehen natürlich davon, dass sie sich dem Begehren überlassen hatte. Das Begehren war in ihrem alternden Gehirn in grauen Lappen aus frischem neuralem Fleisch herangewachsen. Ihre jugendliche Lebensfreude war ebenso falsch wie die spinnenhaften Zuckungen eines Junkies. Sie träumten vom künstlichen Paradies, während sie selbst zum künstlichen Paradies geworden war.
Sie stolperte durch Europa, als ob nie jemand hinter die Wahrheit kommen würde, aber wie sollte das zugehen? Mit großer Unverfrorenheit lebte sie nun seit drei Monaten außerhalb des Gesetzes, beschützt allein von einer verrückten Fassade des Glücklichseins und der Zuversicht. Von der Eierschale eines trügerischen Selbstvertrauens. Sie wandelte über die Hängebrücke anderer Leute Unglauben. Man musste schon verrückt sein, um zu meinen, dies könne von Dauer sein.
Natürlich würde man sie irgendwann schnappen. Irgendwann würde sie straucheln. Die nackte Wirklichkeit konnte jederzeit das Gewebe ihrer Phantasien durchstoßen. Von allen Seiten drohten Denunziation und Verrat. Von Paul, der zu viel wusste. Von Josef, sollte er sich mal Gedanken machen. Von Benedetta, die sich an ihr rächen könnte, sollte sie die hässliche Wahrheit einmal erfahren. Und wenn Emil sie nun vermisste und sich an die Polizei wandte?
Am liebsten wäre sie Hals über Kopf auf die Straße gerannt, doch die grausame, hellsichtige Kraft der Droge bannte sie auf dem Fleck fest. Angenommen, sie liefe abermals weg. Angenommen, sie bestiege einen Zug nach Wladiwostok oder Ulan Bator oder Johannesburg - was wäre, wenn sie einmal krank würde? Oder wenn sich Nebenwirkungen der Behandlung bemerkbar machten? Wie hatte sie, eine Medizinökonomin, nur so dumm sein können? Eine Behandlung wie die NTDZ hatte natürlich Nachwirkungen - vor allem deshalb hatte man sie so genau unter Beobachtung gehalten. Um die unerwünschten Reaktionen aufzuspüren und zu studieren. Zumal im schnell wachsenden Gewebe wie dem Haar und den Nägeln ...
Als Maya ihre schartigen Fingernägel betrachtete, entrang sich ihr ein Wimmern. Warum hatte sie sich das bloß angetan? Sie war ein Monstrum. Sie war ein Monstrum, das aus seinem Käfig geflohen war, und wen sie auch kannte und kennen lernte, alle hatten ein Interesse daran, sie wieder einzusperren. Vor Verzweiflung begann sie zu zittern.
»Vielleicht hätte ich dir nicht so viel geben sollen«, meinte Brett besorgt. »Aber ich wollte nicht, dass du die Wirkung an dir abprallen lässt und mich zum Aufhören zwingst.«
»Ich bin ein Monstrum«, sagte Maya. Ihre Lippen bebten.
Brett legte ihr den Arm um die Schultern. »Schon gut, meine Liebe«, murmelte sie. »Du bist kein Monstrum. Jedermann weiß, wie schön du bist. Du solltest ein wenig weinen. Das hilft bei Lacrimogen immer.«
Antonio kam herbeigeschlurft und blickte in die Hängematte. »Ist alles in Ordnung? Kommt sie klar?«
»Es geht ihr nicht besonders«, antwortete Brett. »Wonach riecht es hier?«
»Da ist was angebrannt«, erklärte Antonio. »Wir müssen es wegspülen und von vorn anfangen.«
»Was meinst du mit ›wegspülen‹?«
Antonio deutete auf die Toilettentür.
Brett setzte sich auf und versetzte die Hängematte in eine unangenehme Schaukelbewegung. »Hör mal, ihr könnt eine verdorbene Tinktur doch nicht einfach im Klo runterspülen! Seid ihr denn wahnsinnig? Man muss die Tinktur in dem Gerät zersetzen. Mann, das Abwassersystem wird überwacht! Man darf es nicht einfach so mit gefährlichen Chemikalien verunreinigen. Die sind womöglich sogar karzinogen! Da spielen die Überwachungsgeräte ja verrückt!«
»Wir haben verdorbene Chargen auch schon früher weggespült«, erwiderte Antonio geduldig. »Das tun wir ständig.«
»Verdorbenes Lacrimogen?«
»Nein, Entheogene. Aber das geht schon klar.«
»Du bist ein verantwortungsloser Soziopath, der keine Rücksicht auf Unbeteiligte nimmt«, sagte Brett in scharfem, bitterem Ton.
Antonio grinste, vielleicht ein wenig verärgert, aber zu höflich, um es zu zeigen. »Wenn du Lacrimogen genommen hast, bist du immer unausstehlich, Natalie. Wenn du jemanden nerven willst, schaff dir einen Freund an. Eine Liebesaffäre kann dich genauso runterziehen.«
Eine der Frauen kam herbeigeschlurft. Sie war keine Italienerin. Vielleicht Schweizerin. »Natalie, wir sind hier nicht in San Francisco«, sagte sie. »Das sind römische Abwasserkanäle, die ältesten Abwasserkanäle der Welt. Dort unten gibt es eine Menge Katakomben und verschüttete Villen, alte Jungfrauentempel, Mosaike, die Gebeine von Christen ...« Sie blinzelte und schwankte leicht. »Das bisschen Lacrimogen schadet den alten römischen Gespenstern nicht.«
Brett schüttelte den Kopf. »Ihr müsst das Tinkturenset reinigen, das Diagnoseprogramm laufen lassen und dann die verdorbenen Chemikalien zersetzen. So wird das gemacht, ganz einfach!«
»Wir sind zu müde«, meinte Antonio. »Willst du noch was haben oder nicht?«
»Von dem Zeug will ich nichts«, sagte Brett. »Haltet ihr mich etwa für wahnsinnig? Ich könnte mich vergiften!« Sie brach in Tränen aus.
Einer der Junkies meldete sich aus seiner Hängematte zu Wort. Er war groß und kräftig, hatte dichte, drohende Augenbrauen und einen Viertagebart. »Verzeihung«, sagte er mit irischem Akzent. »Lest laut vor, meine Lieben, plaudert miteinander, vergnügt euch. Aber zankt euch nicht. Und vor allem, keine Tränen.«
»Tut mir Leid, Kurt, tut mir echt Leid«, sagte Antonio. Er brachte eine versiegelte Plastikpfanne ins Klo. Eine uralte Kette rasselte, dann gurgelte Wasser.
Kurt setzte sich auf. »Oh, unser neuer Gast ist sehr hübsch.«
»Sie hat Lacrimogen genommen«, meinte Brett abwehrend.
»Frauen, die Lacrimogen genommen haben, brauchen einen Mann«, knurrte Kurt. »Komm kuscheln, Schätzchen. Wein dich in den Schlaf.«
»Mit einem so schmutzigen Mann schlafe ich nicht!«, platzte Maya heraus.
»Frauen, die Lacrimogen genommen haben, sind auch sehr taktlos«, bemerkte Kurt. Er wälzte sich auf die Seite. Die Hängematte ächzte.
Eine Zeit lang war es still. Schließlich nahm Antonio wieder das Buch zur Hand und las weiter vor.
»Ich verrate dir ein Geheimnis«, flüsterte Brett Maya zu.
»Ja?«
»Komm, wir legen uns hin.«
Sie streckten sich in der Hängematte aus. Brett schlang die Arme um Mayas Hals und sah ihr in die Augen. Sie beide empfanden so tiefen Schmerz, dass die Berührung ausgesprochen trostreich war. Als wären sie gemeinsam im letzten Moment aus einem brennenden Fahrzeug gekrochen.
»Ich tu’s nie wieder«, sagte Brett. Eine Träne rollte ihre Nase hinunter und fiel auf Mayas Wange. »Ich will Mode machen, mehr verlange ich gar nicht. Aber ich werde es niemals schaffen. Ich werde niemals so gut wie Giancarlo Vietti sein. Er ist hundertzwölf Jahre alt. Er besitzt sämtliche Files, die jemals über Mode veröffentlicht wurden, sämtliche Bücher, die je darüber geschrieben wurden. Seit fünfundsiebzig Jahren leitet er sein eigenes Modehaus. Er ist Multimillionär und hat einen riesigen Mitarbeiterstab. Ihm habe ich einfach nichts entgegenzusetzen.«
»Irgendwann wird er sterben«, sagte Maya.
»Klar. Vielleicht. Aber dann bin ich neunzig. Vorher werde ich keine Chance bekommen zu leben. Vietti hat jung angefangen, er hat Erfahrung erworben, er wird bei seinem Tod ein Jahrhundert lang der König der Modebranche gewesen sein. Diese Erfahrungen werden mir fehlen. Bis ich neunzig bin, habe ich mich in Stein verwandelt.«
»Wenn er dir keinen Platz in seiner Welt einräumt, musst du dir deine eigene Welt erschaffen.«
»Das sagen alle lebendigen Leute, aber die Alten lassen es nicht zu. Sie lassen uns bloß im Sandkasten spielen. Sie geben uns weder richtiges Geld noch richtige Macht, noch richtige Chancen.« Brett atmete stockend ein. »Und was am schlimmsten ist, selbst wenn wir dies alles hätten, wären wir noch lange nicht so gut wie sie. Verglichen mit den Gerontokraten sind wir Abfall, Kitsch, dumme kleine Amateure. Ich könnte das lebendigste Mädchen auf der ganzen Welt sein und wäre doch immer nur ein kleines Mädchen. Die Gerontokraten, die sind wie die Eiskruste auf einem Teich. Wir sind tief unten, wo wir das Tageslicht nie zu Gesicht bekommen. Wenn unsere Zeit kommt, dann sind wir alt - kalte, blinde Tische, schlimmer als Vietti, hundertmal schlimmer. Und dann wird sich die ganze Welt in Eis verwandeln.«
Sie schluchzte hemmungslos.
Kurt setzte sich abermals auf. Diesmal war er wütend. »Hallo? Wer hat euch hergebeten? Wenn ihr nicht klarkommt, verschwindet!«
»Deshalb liebe ich die Junkies!«, rief Brett mit schriller Stimme und setzte sich weinend auf; ihr Gesicht war gerötet. »Weil sie in Bereiche vordringen, wohin ihnen die Gerontokraten niemals folgen werden. Sie spinnen sich in Phantasien ein und sterben. Seht euch doch mal um! So wird einmal die ganze Welt aussehen, wenn man uns nicht gestattet zu leben.«
»Ja, schon gut«, meinte Antonio und legte das Buch sorgsam weg. »Kurt, schmeiß die kleine Spinnerin raus. Wirf sie auf die Straße, Kurt.«
»Mach du das«, sagte Kurt. »Du hast sie reingelassen.«
Auf einmal krachte es auf der Toilette. Die Tür sprang auf und knallte so heftig gegen die Wand, dass sich ein Scharnier löste.
Alle waren wie erstarrt. Es gurgelte, dann gab es eine weitere heftige Explosion. Braunes Abwasser spritzte bis an die Decke. Dann barsten verrostete Bolzen, das Klobecken löste sich aus seiner Verankerung und kippte in den Keller.
Eine funkelnde Maschine mit hundert zappelnden Beinen schlängelte sich aus dem Abflussrohr hervor. Der dicke Metallkopf war gespickt mit dreckverschmutzten Borsten und chemischen Sensoren. Die Maschine klammerte sich mit ihren dicken Borstenbeinen an den Türrahmen, während das Hinterteil stoßweise weißen Schaum freisetzte.
Sie wölbte den gepanzerten Rücken und heulte wie eine Todesfee.
»Nicht weglaufen, nicht weglaufen!«, brüllte Kurt. »Wer wegläuft, wird strenger bestraft!« Natürlich liefen doch alle weg. Sie sprangen auf, polterten die Treppe hoch und rannten auf die Straße wie eine Horde aufgescheuchter Paviane.
Auch Maya stürzte auf die feuchte, eiskalte römische Straße.
Dann machte sie kehrt und rannte wieder in den Keller hinunter. Sie schnappte sich den Rucksack. Der Abwasserwächter war halb unter Dichtungsschaum begraben. Er wandte sich ihr zu, nahm sie mit seinen Kameraaugen ins Visier, richtete zwei Flanschen am Hals auf, die sogleich rote Lichtblitze aussandten. Er sagte etwas sehr bedrohlich Klingendes auf italienisch. Maya wandte sich zur Flucht.
Gegen fünf Uhr morgens gelangte sie ins Hotel. Nieselregen hatte eingesetzt.
Sie stolperte in die Hotelbar. Sie hatte weiche Knie. Es wäre netter gewesen, irgendwo anders hinzugehen, aber sie war es leid, nicht zu wissen, wo sie hingehörte. In der leeren Straßenbahn hatte sie einen Plan gefasst.
Sie würde warten, bis Novak aufwachte, und ihm dann alles beichten. Vielleicht würde er ja seines Abscheus und seines Zorns Herr werden und Mitleid mit ihr haben. Vielleicht würde er sogar irgendwie eingreifen. Und wenn nicht, nun, er hatte die Chance verdient, sie anzuzeigen. Die Chance, sich zu rächen.
Die Prager Polizisten machten einen etwas schrulligen Eindruck und wären daher vielleicht nachsichtiger als die Polizei in Rom, Munchen oder San Francisco. Außerdem stand sie tief in Novaks Schuld; er hatte ihr die Augen geöffnet. Sie war mit ihrem nutzlosen Ich in sein Leben eingedrungen, und nun verdankte sie ihm die Erkenntnis der Wahrheit.
Sie setzte sich auf einen Barhocker, der sich unter ihr zu drehen schien. Einen Moment lang wurde es schwarz um sie. Allmählich dämmerte ihr, dass sie den ganzen Tag über nichts gegessen hatte. Sie hatte einfach nicht daran gedacht.
Die Bar war leer. Ein Barkeeper trat aus der Tür für das Dienstpersonal. Es war fünf Uhr morgens, aber vielleicht hatte ihm der Türsteherhund Bescheid gegeben. Der Barkeeper näherte sich ihr voller Besorgnis. Er war gut aussehend und elegant und ihr unendlich überlegen. Das Hotel hatte nette Angestellte, römische Bürger in den Vierzigern, Jugendliche, die sich ihr Geld damit verdienten, die Reichen zu bedienen. »Signorina?«
»Ich brauche einen Drink«, krächzte Maya.
Der Barkeeper lächelte galant. »Eine lange Nacht, Signorina? Eine unglückliche Nacht? Dürfte ich Ihnen einen Triacylglycerol-Frappe vorschlagen?«
»Großartig. Einen doppelten. Und geizen Sie nicht mit gesättigten Fettsäuren.«
Er brachte ihr einen großen Frappe, klares Protein zum Nachspülen und eine geriffelte Schale mit römischen Snacks. Der erste Happen verursachte ihr einen derartigen metabolischen Schock, dass sie beinahe ohnmächtig geworden wäre. Dann aber wärmte er sie von innen und sickerte in ihren ausgehungerten Blutkreislauf ein.
Als sie den Frappe zur Hälfte getrunken hatte, ließ ihre Panik allmählich nach. Sie konnte wieder aufrecht auf dem Barhocker sitzen. Das Zittern hörte auf, und sie streifte die Schuhe ab. Der Barkeeper verzog sich taktvoll ans Ende der Bar und machte sich an einem teilweise zerlegten Hausroboter zu schaffen.
Maya öffnete den Rucksack, holte die Puderdose heraus und betrachtete schaudernd ihr Gesicht. Sie entfernte das Schlimmste mit einem Papiertuch und erneuerte den Lippenstift.
Ein Römer in eleganter Abendkleidung betrat die Bar vom hoteleigenen Casino her. Er tippte mit einem Pokerchip auf die Theke und bestellte Koffein macchiato. Der angestrengte Ausdruck seines gepuderten Gesichts mit der Adlernase ließ erkennen, dass ihm die Karten heute nicht freundlich gesonnen gewesen waren.
Der Römer nahm die Mokkatasse entgegen, setzte sich zwei Plätze weiter auf einen Barhocker und blickte in den Spiegel hinter der Bar. Dann wandte er sich Maya zu und sah sie unmittelbar an. Er betrachtete ihre Beine, ihre nackten Arme, ihre bloßen Füße. Er musterte ihren Busen, der offenbar seine Zustimmung fand. Er bewunderte ausgiebig den intimen Kontakt ihres Gesäßes mit dem Barhocker. Sein Blick war direkt und aufgeladen mit sexuellem Interesse. Ein Blick, der dem Umstand gegenüber, dass sie völlig durcheinander war vor Angst, nicht gleichgültiger hätte sein können. Ein warmer, haftender Blick, der ihren Körper einhüllte wie mediterraner Sonnenschein.
Zwei Zentimeter cremefarbener Manschetten blitzen auf, als er den Ellbogen auf die Bar setzte und den dunklen, schlanken Kopf darauf stützte. Dann lächelte er.
»Ciao«, sagte sie.
»Ciao bella.«
»Sprechen Sie englisch?«
Er schüttelte den Kopf und äußerte einen leisen Laut des Bedauerns.
»Nun, das macht nichts«, sagte sie und winkte ihn mit dem Finger näher. »Heute ist deine Glücksnacht, mein Hübscher.«