25

»Da bist du ja endlich! Wo hast du nur gesteckt? David kann jeden Moment hier sein.« Der vorwurfsvolle Ton meiner Mutter ist nicht zu überhören. »Und wie du aussiehst! Wieso bist du noch nicht umgezogen?«, fährt sie tadelnd fort und bedenkt mich mit einem argwöhnischen Blick.

Verstohlen wische ich mir über die Augen, um die letzten vermeintlichen Spuren der verschmierten Mascara zu entfernen, und atme mehrmals tief ein und aus. Unter gar keinen Umständen darf man mir anmerken, dass ich völlig durch den Wind bin.

Ich sacke auf einen Küchenstuhl und überlege krampfhaft, wie ich meiner Mutter am schonendsten beibringe, dass David nicht wie geplant zum Essen kommt und sie sich die ganze Mühe umsonst gemacht hat. Bestimmt sitzt David gerade mit Cora in einem piekfeinen Restaurant und lacht sich über die dumme Miriam Behrens kaputt, die er so herrlich an der Nase herumgeführt hat.

Ich habe so eine Wut, ich könnte mich selber ohrfeigen!

Denn mit am schlimmsten ist, dass mir außer »Mama, mit David ist es aus« nichts Intelligentes einfällt, um meiner Mutter die Sache mit David halbwegs zu erklären.

Fuck! Was mache ich denn nur?

»Miriam, tu mir bitte den Gefallen und zieh dich endlich um! Ich habe dir extra was Schönes rausgelegt.«

Der Mund klappt mir auf, meine Augen weiten sich. »Du hast mir was rausgelegt?« Sofort vergesse ich das Dilemma mit David.

»In deinem Schrank hing der alte Jeansrock, den dir Oma Herta zu Weihnachten geschenkt hat. Hoffentlich passt der dir noch.« Meine Mutter mustert mich kritisch. »Doch, müsste gehen. Und dazu ziehst du deine weiße Bluse an.«

Fassungslos verberge ich meinen Kopf zwischen den Händen. Es ist offiziell. Ich erschieße mich. Auf der Stelle. Das kann meine Mutter nicht ernst meinen! Der Jeansrock ist eine glatte Katastrophe, und das ist noch schmeichelhaft. Mindestens acht Jahre alt und schon damals aus der Mode geraten, auch wenn mir meine Oma weiszumachen versuchte, dass ich in dem Rock unheimlich »fesch und modern« wirke. Zu Karneval vielleicht. In Wahrheit sehe ich in dem knöchellangen Rock nicht nur wie meine eigene Großmutter aus, sondern obendrein wie eine Hütchenfigur! Nie im Leben trage ich dieses potthässliche Teil mit den Blümchenranken. Nur über meine Leiche!

»Ja, weißt du, Mama, ich muss mit dir … über etwas sprechen«, beginne ich zögerlich, werde jedoch jäh von der Türklingel unterbrochen. Meine Mutter guckt mich überrascht an, ich zucke nur ahnungslos mit den Achseln.

Aus dem Flur dringt die beschwingte Stimme meines Vaters. Und eine weitere Stimme. Eine männliche Stimme. Eine mir keineswegs unbekannte männliche Stimme. Es vergehen zwei weitere ewig lange Sekunden, ehe es in meinem Kopf klick! macht.

Entsetzt glotze ich die Küchenuhr an. 20:00 Uhr.

Ach, du Schei–!

Wie eine Verrückte flitze ich zur Haustür. Zwei Meter vorher bremse ich scharf ab. Ungläubig starre ich David an, er starrt unsicher zurück. Dann breitet sich ein verschmitztes Lächeln auf seinem Gesicht aus. Mit seinem Zahnpastagrinsen überreicht er mir eine rosarote Gerbera und gibt mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

Gedankenverloren streiche ich mit den Fingerspitzen über die Stelle. Vor lauter Aufregung und Herzklopfen vergesse ich, dass ich eigentlich wütend auf ihn bin. Wieso muss der Kerl nur so gut aussehen in dieser grauen Cargohose und dem schlichten schwarzen Hemd? Und warum, um alles in der Welt, springen meine verdammten Klein-Mädchen-Hormone immer noch auf ihn an?

Weil du in David verliebt bist, du dumme Nuss!

Als mich diese Erkenntnis mit voller Breitseite trifft, bin ich einem seelischen Zusammenbruch nahe.

Scheiße. Scheiße. Scheiße!

Wie konnte das nur passieren? Das war nun wirklich nicht eingeplant.

Panisch klammere ich mich an der Flurkommode fest, da ich befürchte, dass meine Beine jede Sekunde wegknicken.

Oh Gott, oh Gott, oh Gott!

Am liebsten würde ich heulen. Aus Verzweiflung und absoluter Dummheit. Wie konnte ich es so weit kommen lassen? Und warum habe ich nicht früher was gemerkt? Wie blöd bin ich eigentlich?

Mein Vater hält anerkennend eine Weinflasche in die Höhe, die David als Geschenk mitgebracht hat. »Guter Geschmack, junger Mann«, lobt er. Papa zwinkert mir fröhlich zu und streckt unauffällig den Daumen in die Höhe. Test bestanden. Der zukünftige Schwiegersohn ist nach seinem Gusto. Kein Wunder, mein Vater ist bekennender Wein-Fan, und mit solch einem Mitbringsel hat David einen Stein bei ihm im Brett.

»David, schön, dass Sie gekommen sind«, zwitschert meine Mutter. Sie bindet sich die Schürze ab und schüttelt freudig Davids Hand.

Ich gebe verzweifelte Winsellaute von mir. Diesen Abend überlebe ich nicht, das steht mal fest.

»Vielen Dank für die Einladung, Frau Behrens.« David überreicht meiner Mutter einen wunderschönen bunten Strauß Sommerblumen.

»Das wäre doch nicht nötig gewesen!« Mama wird ganz verlegen. »Konrad, wärst du so lieb und öffnest den Wein? Ich stelle derweil die Blumen ins Wasser.« Sie stupst meinen Vater in die Seite. Er nickt reichlich verdattert, trabt jedoch artig hinter meiner Mutter her in die Küche, so dass David und ich allein im Flur zurückbleiben.

»Kannst du mir bitte erklären, was du noch hier willst?« Ich stemme zornig die Hände in die Hüften. Wut, blanke Wut. Ein Schutzmechanismus, um mein armes gebeuteltes Herz zu schützen. Zu groß ist die Angst, dass David mich noch mehr verletzen könnte.

Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht, dass David es tatsächlich wagt, hier heute Abend aufzukreuzen. Nach allem. Und dann auch noch so zu tun, als ob nichts vorgefallen wäre. Das ist echt unglaublich!

David hakt die Daumen in die Schlaufen seiner Hose ein und blickt mich hilfesuchend an.

»Du hast mich eingeladen.« Eine Feststellung. Allerdings alles andere als souverän.

»Das war, bevor ich wusste, was du hinter meinem Rücken mit Cora abziehst«, entgegne ich und bin selbst verblüfft, wie gleichgültig ich klinge. Als ob mich die ganze Angelegenheit vollkommen kaltlassen würde. Ich bin wirklich stolz auf mich.

»Darüber wollte ich mit dir reden.«

»Schön für dich. Ich aber nicht mit dir.«

»Miriam«, bittet David inständig, »das mit Cora, dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung.«

Misstrauisch kneife ich die Augen zusammen. »Ach ja? Ich wüsste nicht, welche. Das tut auch gar nichts zur Sache, denn Cora war freundlich genug, mich über deine – Verzeihung – eure Pläne aufzuklären.«

David guckt völlig verdattert aus der Wäsche. »Wie meinst du das?« Er tritt einen Schritt auf mich zu, so dass ich sein Aftershave riechen kann. Er hat sich frisch rasiert, um einen guten Eindruck zu machen. Dabei mag ich seinen verwegenen Dreitagebart viel lieber. Halt! Stopp! Das ist vollkommen uninteressant.

»Jetzt tu nicht so scheinheilig! Ich mag dämlich aussehen, aber ich bin es nicht. Also erspar dir und mir das Theater, du Starfotograf

David presst den Kiefer vor Anspannung fest aufeinander. Seine Augen durchbohren mich nahezu. »Kannst du deutlicher werden?«, fragt er mit einer eiskalten Ruhe, die mir einen Schauer über den Rücken laufen lässt. »Ich habe nämlich absolut keinen Schimmer, was eigentlich los ist.«

»Dann lass es mich klarer formulieren: Unser kleines Spielchen ist vorbei, also bemüh dich nicht weiter. Du kannst endlich zurück zu Cora und mit ihr glücklich werden. In Paris, Mailand oder Vanuatu. Das ist mir völlig wurscht! Schließlich will ich einem aufstrebenden Talent wie dir nicht im Wege stehen, das ist sicher auch in deinem Sinn. Von daher, alles Gute.«

David runzelt irritiert die Stirn. »Wovon, um Himmels willen, sprichst du?«

»Oh bitte«, entfährt es mir mit einem tiefen Aufstöhnen. »Erspar mir diese Unschuldsnummer.«

David fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über beide Augenbrauen. Er holt tief Luft und schüttelt mehrmals den Kopf. Der Frust steht ihm ins Gesicht geschrieben. »Ich habe zwar keine Ahnung, was Cora dir gesagt hat, aber ich bin nicht und war nie mit ihr zusammen. Und wie kommst du darauf, dass ich aus Wismar weggehen will? Das ist der größte Schwachsinn, den ich seit langem gehört habe.«

»Findest du, ja?«, schnappe ich zurück, meine Unterlippe bebt vor Zorn.

»Sag mal« – David tritt einen weiteren Schritt auf mich zu, sein Mund ist meinem plötzlich so nahe, dass ich seinen Pfefferminzatem riechen kann –, »kann es sein, dass ich dir keineswegs gleichgültig bin? Miriam Behrens, bist du eifersüchtig?«

»Pah, wieso sollte ich?« Ich spüre, wie mir das Blut ins Gesicht schießt und ich knallrot werde. Auweia.

»Erklär du es mir«, fordert David. Er drängt mich in die Enge. Keine Chance, ihm zu entwischen, ohne ihm eine anständige Antwort auf seine Frage zu geben.

Allein Davids körperliche Nähe bringt mich um den Verstand. In seiner Gegenwart stelle ich fast komplett das Denken ein. Ein Notstromaggregat hält mein Gehirn am Laufen. Sämtliche Zellen in meinem Körper schreien, sehnen sich danach, dass David seine Arme um mich schlingt. Eine einzige Berührung, mehr bedarf es nicht, damit ich den Verstand verliere. Aber das Notstromaggregat erfüllt seinen Zweck. Noch. Noch denke ich mit dem Kopf. Und nicht mit dem Herzen. Zum Glück.

»Miriam.« Schon allein, wie er meinen Namen ausspricht, macht mich ganz wuschig. Melodiös und verspielt.

»Ich … äh … ich weiß nicht, was du meinst«, entgegne ich herablassend und nutze Davids kurze Verblüffung, um mich unter seinem Arm hindurchzuducken.

David dreht sich zu mir um, die Hände in den Taschen seiner Hose vergraben. Er grinst. »Wir sind mit diesem Gespräch noch nicht fertig, Schatz, noch lange nicht.«

»Hmpf«, mache ich und trabe wutschnaubend ins Esszimmer. Aufgeblasener Vollidiot!

»Hoffentlich haben Sie Appetit mitgebracht, David.«

Meine Mutter reicht die Platte mit dem Rinderbraten an David. Er lächelt höflich und nimmt sich wie zur Bestätigung eine große Scheibe, die er in ordentlich Soße ertränkt.

Ich kann mir ein Stöhnen nicht verkneifen. Meine Hoffnung, dieses Essen im Schnelldurchgang über die Bühne zu bekommen, zerschlägt sich mit einem lauten Knall.

Das Universum ist momentan echt nicht auf meiner Seite! Von meinen Eltern ganz zu schweigen, die wie ein paar aufgekratzte Bienen auf Speed um David herumschwirren und ihn nötigen, ordentlich zuzugreifen. Als ob David vom Fleisch fallen würde. Eltern können sooooo peinlich sein!

»Schmeckt es dir nicht, Schatz?«, fragt mein Vater und deutet auf meinen Teller, wo eine einzelne Kartoffel in einem Klecks brauner Soße badet.

»Ich habe keinen Hunger.«

»Miriam!«, zischt meine Mutter angespannt.

»Sie ist nur nervös wegen heute Abend«, erklärt David meinen Eltern mit seinem perfekten Schwiegersohn-Lächeln und drückt beruhigend meine Hand.

Wenn Blicke töten könnten, dann befände sich auf dem Stuhl neben mir jetzt ein Aschehäuflein.

Meine Mutter lacht geziert. »Unsere Tochter befürchtet, wir blamieren sie vor Ihnen. Als ob wir das jemals täten! Wir wollen schließlich nur das Beste für sie.« Mein Vater nickt bekräftigend. »Wenn ich da nur an Miriams frühere Freunde zurückdenke. Ach herrje! Aber bei Ihnen brauchen wir uns ja zum Glück keine Sorgen zu machen.«

Danke, Mama! Ich hatte schon Angst, die Peinlichkeiten müssten bis zum Dessert warten.

Verbissen presse ich die Zähne zusammen und stochere lustlos in meinem Essen herum. Wieso tue ich mir das eigentlich an?

Statt meinen Eltern hier und jetzt klipp und klar die Wahrheit zu sagen, spiele ich dieses absurde Spielchen weiter mit. Als ob alles in Butter wäre. Dabei ist nichts in Butter. Absolut nichts.

»Sagen Sie, David, wie kommt es, dass Sie ausgerechnet in Wismar ein Fotoatelier eröffnet haben?«, will mein Vater wissen, während er Wein nachschenkt. »Das ist für jemanden in Ihrem Alter recht ungewöhnlich. Normalerweise verlassen die jungen Leute Wismar, und nicht umgekehrt.«

»Keine Sorge, Papa. David wird Wismar bald wieder verlassen. Ist es nicht so, Bärchen?«, flöte ich und klimpere unschuldig mit den Wimpern.

David legt das Besteck zur Seite und zieht hörbar die Luft ein. Die Halsschlagader pumpt verdächtig, die linke Hand ist zur Faust geballt. Er ist wütend. Stinkwütend.

Für einen Moment befürchte ich, dass er aufsteht und die Sauciere über meinem Kopf ausgießt. Als Revanche für die Torte von heute Nachmittag. Aber natürlich ist David dazu viel zu diszipliniert. Einen Wimpernschlag später hat er sich bereits wieder voll unter Kontrolle.

»Das sollte eine Überraschung werden, Schatz«, meint er vorwurfsvoll und schüttelt enttäuscht den Kopf. Er spielt seine Rolle perfekt. Nicht einen Moment lässt er sich von mir aus der Ruhe bringen, was mich tierisch auf die Palme bringt.

Verärgert schmeiße ich meine Serviette auf den Tisch. »Eine Überraschung? Ach, so nennt man das also!«

Meine Eltern tauschen verunsicherte Blicke aus.

»In der Tat. Ich wollte mit dir nächstes Wochenende nach Berlin fahren, aber die Überraschung hast du mir gründlich verdorben.«

»Äh …« Mit offenem Mund starre ich ihn an. Das verschlägt mir die Sprache.

»Dass du immer so neugierig sein musst«, klagt meine Mutter mit einem tiefen Seufzen, »schon als Kind waren die Weihnachtsgeschenke nie vor dir sicher.«

»Mama!«

»Unsere Miriam ist Miss Marple. Daran müssen Sie sich in Zukunft gewöhnen, David«, bestätigt mein Vater mit einem Grinsen und nimmt einen Schluck Wein aus seinem Glas.

»Sie überrascht einen täglich. Mit Miriam wird es nie langweilig«, schmunzelt David und streicht mir verliebt über meine Wange. »Nicht wahr, Schatz?«

Ja, du mich auch, du Blödmann. Memo an mich: David nach dem Essen erwürgen.

»Um auf Ihre Frage zurückzukommen, Herr Behrens, mein Onkel Paul war ebenfalls Fotograf in Wismar. Als ich klein war, verbrachte ich regelmäßig meine Sommerferien bei ihm – vorzugsweise in der Dunkelkammer.« David lacht. Ein kehliges Lachen, das mir durch und durch geht. »Paul ist sozusagen schuld daran, dass ich Fotograf geworden bin. Das Weihnachtsfest, an dem ich meine erste Kamera von ihm bekommen habe, verflucht mein Vater bis heute.«

»Und dann?« Wie jemand freiwillig nach Wismar ziehen kann, übersteigt nach wie vor meinen geistigen Horizont.

»Natürlich war mein Berufswunsch meinem Vater ein Dorn im Auge. Denn gemeinsam mit meinem älteren Bruder Jonathan sollte ich die Firma übernehmen, aber dagegen habe ich mich immer gesträubt. Gegen den Willen meines Vaters begann ich eine Ausbildung zum Fotografen und habe nebenher an Fotowettbewerben teilgenommen, was mir erste Achtungserfolge einbrachte. Das hat selbst meinen Vater nach einer gewissen Zeit beeindruckt.« David nippt an seinem Wein. Er wirkt vollkommen relaxt, aber ich kann mir denken, dass es ihn damals eine Menge Kraft und Nerven gekostet hat, sich gegen seinen Vater zu stellen.

»Nach der Ausbildung habe ich dann für diverse Magazine und Zeitungen gearbeitet und bald einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Szene genossen«, fährt David fort. Er lehnt sich zurück, die Hände locker auf den Oberschenkeln abgestützt. »Allerdings habe ich bald gemerkt, dass dieses unstete Leben nichts für mich ist. Die Nachricht vom Tod meines Onkels habe ich als Zeichen empfunden, mein Leben zu ändern. Ohne groß darüber nachzudenken, habe ich mein gesamtes Leben nach Wismar verfrachtet und hier mein eigenes Fotostudio eröffnet. Mein Vater hat gekocht vor Wut. Dass ich meine Karriere einfach weggeschmissen habe, um in die Provinz zu ziehen, trägt er mir heute noch nach. Aber es war die richtige Entscheidung. Statt irgendwelche Promis oder abgemagerte Models zu fotografieren, wollte ich lieber das richtige Leben mit der Kamera einfangen. So wie mein Onkel es einst getan hat. Ich habe diesen Schritt bis heute nicht bereut.«

»Alle Achtung«, meint mein Vater anerkennend. »Dazu gehört eine gehörige Portion Mut.«

Ich blinzele erstaunt. Das ist ja höchst interessant.

David winkt ab. Die Situation ist ihm offenkundig unangenehm. »Ich wusste, was ich wollte. Mein Vater ist bis zum heutigen Tage alles andere als glücklich über meine Entscheidung, aber er hat sich damit arrangiert. Weitestgehend«, fügt er mit einem schiefen Grinsen hinzu.

»Ja, ja, wenn die Kinder andere Pläne haben als von den Eltern vorgesehen, das ist hart«, gesteht mein Vater nachdenklich.

Ungläubig glotze ich ihn an. Ich glaub es einfach nicht! David erntet für seine Rebellion gegen die Pläne des Vaters Lob, wohingegen ich mir all die Jahre Vorwürfe anhören darf? »Tja, der tolle David«, stichele ich erbost, »schade, dass man ihn nicht gegen mich eintauschen kann.«

»MIRIAM!« Mama schaut mich mit schreckgeweiteten Augen an. Papa verschluckt sich an dem letzten Bissen des Rinderbratens.

»Im Gegensatz zu mir hat er einen festen Job und lebt glücklich und zufrieden im Märchenland Wismar. Was für eine Idylle!« Ich speie die letzten Worte förmlich aus. Zu gerne würde ich mich übergeben. »Aber wisst ihr was? Das stimmt gar nicht! Der tolle David will nämlich raus aus diesem Kaff. Wismar ist dem Starfotografen zu langweilig geworden, so sieht es aus!«

»Es reicht, Miriam!«, kommt es scharf von David. Seine Worte haben die Wirkung einer Ohrfeige.

»Ich fange gerade erst an!«

»Sollen wir euch vielleicht allein lassen?«, wagt meine Mutter vorsichtig einzuwerfen.

David ergreift meinen Oberarm, der Griff ist fest, aber nicht schmerzhaft. Er sieht mich finster an. Ich wage kaum zu atmen. »Du bringst dich in Teufels Küche, also halt jetzt besser den Mund!«, herrscht David mich an. Sein ganzer Körper ist angespannt, wie auf dem Sprung. Ein Bollwerk an Kraft und Gefährlichkeit, das mich kurzzeitig einzuschüchtern droht.

Wütend reiße ich mich von ihm los. Das Geschirr klirrt verdächtig. »Was dann?«, frage ich herausfordernd, das Kinn angriffslustig nach vorne gereckt.

»Überleg dir, was du tust.«

»Ha, das sagst ausgerechnet du!« Ich muss unkontrolliert auflachen.

»Verdammt noch mal! Hör endlich auf, mir eine Affäre mit Cora anzudichten! Ich hab’s dir schon mehrmals gesagt, Cora interessiert mich nicht. Unser Verhältnis ist rein geschäftlich. Genauso wie bei uns. Oder muss ich dich erst an die Einzelheiten unseres Arrangements erinnern?«, ergänzt David kühl.

Oh Gott, er wird doch wohl nicht …

»Geschäftlich, verstehe. Das sah gestern Nacht allerdings ganz anders aus«, schnappe ich zurück und versuche, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr mich seine Worte getroffen haben. Tapfer kämpfe ich gegen die aufsteigenden Tränen an. Bloß nicht vor David und meinen Eltern das große Heulen kriegen. Alles, nur das nicht.

»Komm, Miriam. Du hast dich doch nur mit mir abgegeben, um vor deiner Familie nicht als Versagerin dazustehen. Ich war quasi zur rechten Zeit am rechten Ort. Ein nettes Mitbringsel, mit dem du für ein paar Stunden angeben konntest. Ansonsten war ich dir herzlich egal und konnte bleiben, wo der Pfeffer wächst. Und ich war auch noch dumm genug, mich auf dieses Spielchen einzulassen.«

»Das stimmt überhaupt nicht!«, entgegne ich mit schwacher Stimme und merke selbst, wie kleinlaut ich klinge. Weil David recht hat. Weil ich anfangs genau das beabsichtigt hatte. Aber wie hätte ich denn ahnen können, dass sich unsere »Geschäftsbeziehung« verselbständigt?

Das ist allein Davids Schuld! Hätte er sich von Anfang an daran gehalten, mich nach der Geburtstagsfeier in Ruhe zu lassen, dann wäre das alles nicht passiert. Es war nicht geplant, dass wir anschließend so viel Zeit miteinander verbringen.

Und vor allen Dingen war nie vorgesehen, dass ich mich in David verliebe.

»Hör auf, dir etwas vorzumachen!«, fordert David energisch, aber der Kampfgeist macht allmählich Resignation Platz. »Du vertraust mir kein bisschen. Andernfalls würdest du nicht diesen Unsinn glauben, den Cora dir erzählt hat. Das zeigt nur, dass ich irgendwer für dich bin. Dass ich dir gleichgültig bin.«

Ich gucke betroffen auf das Tischtuch. Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. David hat mich durchschaut. Mit einer Leichtigkeit, die mir Angst macht. Aber mir auch deutlich vor Augen führt, dass er mich viel besser kennt, als ich geglaubt habe. In einem Punkt hat er jedoch unrecht. Im wichtigsten. Er ist mir nicht gleichgültig! Alles andere als das.

Bevor ich David das sagen kann, erhebt er sich. Ich schaue ihm entgeistert dabei zu, wie er die Hand meiner nicht minder perplexen Mutter schüttelt.

»Vielen Dank für das wunderbare Essen, es war köstlich. Die Fotos können Sie sich morgen abholen. Schönen Abend noch.«

Im nächsten Moment höre ich die Haustür scheppernd ins Schloss fallen. Während mein Herz in hundert Einzelteile zersplittert.

Zuckerguss
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