16
»Verstehst du jetzt, warum ich gerne hier lebe?«
Wir sitzen nebeneinander auf der Kaimauer und lassen die Beine baumeln. Eine einsame Laterne spendet schemenhaft Licht und wirft unsere Schatten aufs Wasser. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens ist das Hafenfest in vollem Gange. Die bunten Lichter spiegeln sich im Wasser. Musik und Heiterkeit hängen in der sommerlichen Brise, in der Ferne dreht sich das Riesenrad.
Ich lausche dem leichten Wellenschlag gegen den Kai und denke über Davids Frage nach.
Der laue Sommerabend am Hafen besitzt in der Tat etwas Traumhaftes; er ist zu schön, um wahr zu sein. Wie eine Sequenz aus einem kitschigen Film, die einen für den Moment gefangen hält – aber die Realität pocht hart an die Tür. Genauso ergeht es mir mit Wismar.
Dieser Augenblick, diese Minuten neben David, entsprechen nicht der Wirklichkeit, denn sie verschleiern das Bild von meiner Heimatstadt. Schon morgen ist alles Vergangenheit. Was bleibt, ist eine schöne Erinnerung. Und auf Dauer ist mir das zu wenig. Wismar hat für mich nicht mehr diese Magie, löst nicht dieses Gefühl aus, zu Hause zu sein. Für ein paar Tage ist es wunderbar, ein kurzer Urlaub, um die Erinnerungen aufzufrischen. Aber dann reicht es auch, Zeit, um Abschied zu nehmen und sich dem normalen Leben zu stellen. Irgendwo anders auf der Welt, fernab von Wismar und diesem einen zauberhaften Moment, der einen für eine Sekunde ins Grübeln brachte.
Diese Zwickmühle versuche ich David begreiflich zu machen. Er legt den Kopf schief und sieht mich lange an. »Ich denke, es wird Zeit, Frieden zu schließen«, sagt er schließlich und fährt gedankenverloren die Kontur meiner Hand nach.
»Das ist nicht so leicht.«
»Weglaufen hilft auf Dauer genauso wenig.«
»Kann sein.«
»Wovor hast du solche Angst?« David umfasst meinen Kopf mit beiden Händen und dreht ihn zu sich. Ich will mich von ihm losreißen, aber er lässt mich nicht. Seine verständnisvollen Augen, in denen ich mich verlieren könnte, ruhen auf mir. Er wartet geduldig auf eine Antwort. Als ich jedoch beharrlich schweige, wendet er sich ab und rutscht ein Stück von mir weg.
»Es ist so kompliziert«, gestehe ich, traurig über die körperliche Distanz.
»Ach, Miriam. Das ganze Leben ist kompliziert.«
Ich nage an meiner Unterlippe.
»Wenn dir Wismar so eine Angst einjagt, warum bist du dann zurückgekommen?«
»Das weißt du doch, meine Mutter hatte Geburtstag«, erwidere ich schroffer als beabsichtigt. Wenn eines offensichtlich ist, dann dieser Umstand.
David guckt nicht überzeugt. »Wirklich?«, fragt er herausfordernd. »Die vorherigen Jahre hast du gekonnt durch Abwesenheit geglänzt.«
Ich kneife die Augen zusammen. »Was weißt du denn schon? Du hast ja keine Ahnung! Also erspar mir deine Predigt.« Ich erhebe mich und eile schnellen Schrittes Richtung Ulmenstraße. Das ist ja wohl das Letzte, dass ich mir von David Vorhaltungen anhören muss! Ausgerechnet von einem dahergelaufenen Starfotografen. Pah.
David holt mich ein und hält mich am Arm zurück. Ich wirbele herum, funkele ihn wütend an.
»Lass. Mich. Los.«
»Was ist eigentlich dein Problem?«
»Mein Problem?« Ich lache irre auf. »Mein Problem bist du. Du und dieses verdammte Kaff.« Auch wenn das nur die halbe Wahrheit ist. Denn ich ahne, was mein eigentliches Problem ist. Das ist ja das Schlimme. Allerdings ich bin klug genug, nicht weiter darüber nachzudenken.
»Verstehe.« David löst ruckartig seinen Griff um meinen Arm.
Ich bin so überrascht, dass ich ins Stolpern gerate. Im letzten Augenblick bekomme ich den Griff eines Eisengeländers zu fassen. Mit pochendem Herzen lehne ich mich gegen die Brüstung.
Als ich wieder aufblicke, ist David nirgends zu sehen.
Panisch fahre ich mir mit allen zehn Fingern durch die Haare und suche mit halb zugekniffenen Augen in der Dunkelheit nach einem Lebenszeichen. Nichts. Der West-Kai ist leergefegt. Ich trete zornig gegen die steinerne Treppenstufe. Der ziehende Schmerz in meinem rechten Fuß ist eine willkommene Abwechslung. Ich habe es nicht anders verdient. Für eine Sekunde überlege ich sogar, ob ich nicht meinen Kopf gegen die Wand hauen sollte, aber das ist mir dann doch zu schmerzhaft.
»Verdammte Scheiße!«
Das habe ich ja prima hinbekommen. Eine glatte Eins. Mit Sternchen. Ich kann froh sein, wenn David in ein paar Jahren wieder mit mir redet.
David.
Allein bei dem Gedanken an seinen ernüchterten und gekränkten Gesichtsausdruck wird mir ganz übel. Frustriert plumpse ich auf die unterste Stufe und vergrabe den Kopf zwischen den Knien.
Allmählich dringt die Erkenntnis zu mir durch, dass ich nach dieser grandiosen Aktion zwangsläufig ohne Freund dastehe. Super. Das habe ich wirklich großartig hinbekommen! Ich mag gar nicht daran denken, wie ich meiner Mutter (»Du wirst auch diese Beziehung ruinieren«, hallt es in meinem Kopf) das verklickern soll. Wo sie sich bereits unsere Traumhochzeit in den schillerndsten Farben ausgemalt hat. Himmel, am Ende denkt sie womöglich, dass es daran lag, dass wir nicht genügend Sex hatten, weil ich bekanntlich zu prüde bin. Oh Gott, oh Gott.
»Eines kapiere ich nicht, warum bist du noch hier, wenn Wismar für dich die Hölle auf Erden ist?«
Ich blinzele. »David?«
Ungläubig blicke ich auf, direkt in die mir so vertrauten braunen Augen. Ich ertappe mich dabei, wie ich ihm am liebsten vor Erleichterung um den Hals fallen möchte. Bei seinem Anblick überlege ich es mir jedoch anders. Er hat die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt, seine Miene ist eisig. Die Schneekönigin wirkt gegen ihn wie die Fröhlichkeit persönlich. Unweigerlich fröstele ich.
Er tritt einen Schritt auf mich zu. »Also?«
»Ich weiß es nicht.« Eine fadenscheinige Antwort, David spürt es genau. Aber zu mehr bin ich nicht fähig, noch nicht. Denn tief in meinem Inneren kenne ich den Grund. Und der ist so absurd, dass ich es mir verbiete, auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken.
David scheint damit zufrieden zu sein, denn er nickt. Er setzt sich neben mir auf die Treppe, und gemeinsam beobachten wir den Verkehr in der Wasserstraße. Die Scheinwerfer der Autos rasen an uns vorbei, beleuchten für eine Millisekunde unsere Gesichter in der Dunkelheit. Für eine Weile schweigen wir, lauschen dem Verkehrslärm und den Klängen des Hafenfestes. Worte sind überflüssig.
»Wie lange gedenkst du zu bleiben?«, fragt David nach einer halben Ewigkeit. Die Arme hat er auf die Knie gelegt, die Hände sind gefaltet. Er wirkt nachdenklich.
»Darüber habe ich noch nicht wieder nachgedacht«, gebe ich ehrlich zu.
»Hast Wismar wohl lieben gelernt, was?«
»Sagen wir lieber, ich muss einige Dinge klären.« Mit Grauen denke ich an meinen Vater und seine Borniertheit. Wie ich es schaffen soll, dass wir wieder normal miteinander umgehen können, weiß ich beim besten Willen nicht. Andererseits ist klar, dass Eva mich bis an mein Lebensende nerven wird, wenn ich mich nicht um Waffenstillstand bemühe. Tolle Aussichten.
»Meinst du uns beide?« Er deutet mit dem Finger auf mich und sich.
»Auch, aber das ist nicht mein größtes Problem.«
David legt den Kopf schief und sieht mich aufmunternd an.
Ich seufze theatralisch. »Mein Vater ist von meinem momentanen Lebensstil alles andere als begeistert, genauer gesagt, er hasst ihn.« Ich berichte David in groben Zügen von dem alten neuen Vater-Tochter-Zoff. »Er kann mir nicht verzeihen, dass ich seine Pläne ruiniert habe. Dabei ist mein Bruder der deutlich bessere Bäcker, aber erklär das mal meinem Vater.«
David fährt sich über das Kinn, den Blick in die Ferne gerichtet. »Den Erwartungen der Väter zu entsprechen ist immer schwierig. Erst recht, wenn der eigene Weg komplett anders aussieht als geplant.«
Ich schaue ihn verwirrt an, eine Augenbraue fragend in die Höhe gezogen. »Geht es dir genauso?« Ich rutsche dichter an ihn heran.
»Vielleicht«, meint er tief in Gedanken versunken und schüttelt den Kopf, als ob er eine schmerzhafte Erinnerung vertreiben würde.
Als er meinen neugierigen Gesichtsausdruck wahrnimmt, lächelt er. Doch das Lächeln reicht nicht bis zu seinen Augen.
Ich verschränke abwartend die Arme vor der Brust. Aber David macht sein Sphinxgesicht und schweigt beharrlich. Irgendwas stimmt da nicht. Und ich bin wild entschlossen, das Rätsel zu lösen, so viel steht fest.
»Und was willst du?«, kommt er auf die Ausgangsfrage zurück und lenkt damit gekonnt von sich ab.
Ich hebe die Schultern. »Ich lose noch aus.«
Obwohl es bereits weit nach zehn Uhr ist, pulsiert am Hafen nach wie vor das Leben. Zwischen den einzelnen Ständen des Hafenfestes ist es tierisch voll, nur im Entengang kommt man überhaupt vorwärts, und selbst das gestaltet sich als schwierig. Schon zum dritten Mal trampelt mir jemand auf meinen Fuß. Ich verziehe schmerzhaft das Gesicht. Wie konnte ich mich hierzu nur überreden lassen?
Die Antwort steht neben mir und jubelt einer Depeche-Mode-Coverband auf der Bühne zu, die gerade Enjoy the Silence als Zugabe gibt. Die Menge grölt jedes Wort mit. Mein Begleiter ist keine Ausnahme. Ich stehe etwas verloren daneben und möchte mich allzu gerne in Luft auflösen. Ich bin definitiv nicht klaustrophobisch veranlagt, aber ich kämpfe zunehmend gegen ein kleines bisschen Platzangst und Luftknappheit an.
Neben mir springen zwei Jugendliche wie bekloppt auf der Stelle und wiehern albern. Der Inhalt ihrer Bierflaschen entleert sich halb auf meinen Schuhen. Stinksauer brülle ich die beiden Idioten an, die sind jedoch bereits dermaßen dicht, dass ihnen mein Geschrei herzlich egal ist. Ich schnüffele an meinem Ärmel, der ebenfalls einige Tropfen abbekommen hat. Bäh. Ich stinke wie ein Bierfass. Und wie ich meinen Vater kenne, wird er glauben, ich habe eben dieses leer gesoffen.
»Tolles Konzert«, ruft David, um die begeisterte Menge zu übertönen. Er ist total aufgekratzt, die Augen leuchten und die Mundwinkel sind zu einem breiten Grinsen verzogen. Man könnte den Eindruck gewinnen, er hat gerade Dave Gahan höchstpersönlich getroffen.
Ich lächele grimmig. »Erklär mir bitte noch mal, warum ich mitgekommen bin.«
»Publicity.« Er klingt wie ein gerissener PR-Manager, der sein neuestes Pferd im Stall über Nacht berühmt machen will. »Wenn uns möglichst viele Leute zusammen sehen, kann das nur gut für die Glaubwürdigkeit unserer Beziehung sein.«
Ich verdrehe die Augen zum Himmel. Glaubt er den Quatsch eigentlich wirklich?
Nun gut, es gibt bedeutend Schlimmeres, als seinen Freitagabend mit einem unglaublich gutaussehenden Mann auf dem Hafenfest zu verbringen und so zu tun, als ob man wahnsinnig verliebt in ihn wäre. Dass David diese Farce hingegen weiter bereitwillig mitspielt, mich zwecks besserer »Glaubwürdigkeit« sogar auf das Hafenfest schleppt, ist mir allerdings nach wie vor nicht sonderlich geheuer.
»Sieh mal einer an, das Traumpaar von Wismar gibt sich die Ehre.«
»Was machst du denn hier?«, knirsche ich, die Kiefer fest aufeinandergepresst. Ich bin nicht wirklich überrascht, Olli zu sehen, aber ich hatte in meiner Naivität gehofft, dass mir wenigstens dieses Zusammentreffen erspart bleibt. Karma is a bitch!
»Ich kann mir dieses Spektakel doch nicht entgehen lassen.« Ob Olli damit das Hafenfest oder David und mein öffentliches Coming-out meint, ist nicht ersichtlich. Aber ich kann es mir denken, so dämlich, wie er grinst. Verräter!
»Genau meine Worte«, stimmt David in den Kanon mit ein. Er legt seinen Arm besitzergreifend um meine biergetränkte Schulter und glotzt mich an wie ein verliebter Pudel.
»Miriam muss manchmal zu ihrem Glück gezwungen werden«, kommentiert Olli nüchtern, der Schalk blitzt in seinen Pupillen.
»Den Eindruck habe ich auch.«
»Ich weiß noch, wie sie sich wochenlang geweigert hat, Spinat zu probieren, weil die grüne Farbe sie an den Spielzeugschleim von Alexander erinnerte, den er ihr eines Abends ins Bett gelegt hatte. Meine Mutter ließ aber nicht locker, sie kann sehr überzeugend sein. Heute gehört Spaghetti mit Spinatsoße zu Miriams Leibgerichten.«
Um Davids Mundwinkel zuckt es verräterisch, aber er verzieht keine Miene. »Die Geschichte hat sie mir nie erzählt.«
Halloooo? »SIE steht direkt neben euch!« Entrüstet stemme ich die Hände in die Hüften und wippe herausfordernd auf den Ballen, um mich größer zu machen. »Wir sprechen uns noch!«
Meine Drohung entlockt Olli ein amüsiertes Glucksen.
Ich kneife die Augen zusammen, hole tief Luft und will zu einem Rundumschlag ansetzen, als ich Davids Hand an meiner spüre. Seine Finger streichen beruhigend über meine geballte Faust. Automatisch lockere ich meine Hand, lasse es zu, dass er mit dem Daumen über die Innenseite fährt. Ich lehne mich an ihn, seine Wärme durchströmt mich. Mein Puls schaltet runter, ich entspanne mich.
Olli seufzt dramatisch. »Muss Liebe schön sein.«
»Neidisch?«, erwidere ich spitz.
»Wieso sollte ich?«
»Weil du es vielleicht selber nicht auf die Reihe mit Lissy kriegst?« Erschrocken halte ich mir die Hand vor den Mund. Olli starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, David zieht hörbar die Luft ein. Shit! Das hätte ich wohl besser nicht ausgeplappert. »Tut mir leid, Olli. Das wollte ich nicht«, wispere ich kleinlaut. Warum kann ich nicht einmal meine Klappe halten?
»Lissy? DIE Lissy?« In Davids Kopf rattert es hörbar.
Olli ist puterrot im Gesicht, was fast niedlich aussieht. Händeringend suche ich nach einem Ausweg, wie ich ihn aus dieser peinlichen Lage befreien kann. Mein Blick fällt auf das Riesenrad.
»Komm, lass uns eine Runde im Riesenrad fahren. Von dort hat man bestimmt einen tollen Ausblick.«
David runzelt die Stirn. »Riesenrad? Jetzt?«
»Sicher«, sage ich im Brustton der Überzeugung, gekonnt meine Nervosität überspielend. »Das wollte ich schon immer mal machen.« Ich strecke beide Daumen in die Höhe und grinse debil.
»Äh, okay«, zögert David. Begeisterung sieht anders aus, aber egal. Da muss er durch, ebenso wie ich.
Entschlossen ergreife ich Davids Hand und ziehe ihn hinter mir her, bevor mich am Ende der Mut verlässt.
Ich überhöre daher auch Ollis verunsicherten Aufschrei: »Aber Miriam, du hast doch Höhenangst!«
Die Gondel setzt sich langsam in Bewegung und gewinnt stetig an Höhe. Ich mache mich ganz klein und versuche, meine Atmung zu kontrollieren. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Alles halb so wild. Höhenangst? Ich? Pah, so ein Quatsch!
Wagemutig riskiere ich einen Blick nach unten. Fehler, gaaaanz großer Fehler! Beim Anblick der schwarzen Tiefe unter mir stockt mir der Atem. Kurzzeitig wird mir schwarz vor Augen, weil ich meine Atmung vergessen habe. Ich werde nicht kollabieren! Das fehlt ja noch, dass ich Angst vor diesem popeligen Riesenrad habe. Wäre doch gelacht, wenn ich das nicht locker und leicht schaffen würde.
Ein Auge geschlossen, schiele ich vorsichtig nach oben. Dabei wird mir normalerweise nicht ganz so schnell schlecht. Meinem Gefühl nach sind wir bereits hundert Kilometer von der Erde entfernt, und ich finde, das reicht nun. Wirklich. Aber die Gondel steigt immer weiter empor.
Du lieber Himmel.
Mir ist furchtbar schlecht. Ich befürchte, mich jeden Augenblick übergeben zu müssen. Und diese verdammte Gondel ist immer noch nicht oben angekommen!
Riesenrad. Also ehrlich. Ich weiß doch, dass mir schon beim Ausblick aus dem dritten Stock speiübel wird.
Wind kommt auf und bringt unsere Gondel zum Schaukeln. Die Verankerung über mir quietscht, und ich möchte mich nun wirklich gerne übergeben. Was, wenn das Teil plötzlich stehen bleibt? Oh Gott, das überlebe ich nicht!
»Der Ausblick ist phantastisch«, lobt David und dreht seinen Kopf nach allen Seiten, um ja nichts von der tollen Aussicht zu verpassen. Er ist total aus dem Häuschen. »Wie winzig die Leute unter uns sind, wie bunte Punkte auf schwarzem Untergrund. Schau mal, dort drüben, das Wassertor sieht aus wie ein Miniaturnachbau.«
»Hm.«
»Gefällt’s dir nicht?«
»Doch. Spitze. Klasse.« Ich klang schon mal überzeugender. Aber im Moment interessiert mich dieser phantastische Ausblick nicht die Bohne. Mein einziger Wunsch ist, wieder festen Boden unter die Füße zu kriegen. Schnellstmöglich!
»So siehst du nicht unbedingt aus.«
»Das täuscht«, winsele ich. Ich winsele! Das muss man sich mal vorstellen!
David legt den Kopf schief. »Hast du Höhenangst?«, erkundigt er sich unsicher.
Ich lache laut auf. »Blödsinn. Ich, Höhenangst? Haha. Das hättest du wohl gerne.«
»Du bist ganz grün um die Nase.« Sein Gesicht drückt echte Besorgnis aus.
»Das liegt an der frischen Ostseeluft«, stammele ich, als es über mir erneut verdächtig knarrt. »Hast du das gehört?« Ich grapsche nach Davids Hand und zerquetsche in einem leichten Panikanfall beinahe seine Finger. Nach dieser Fahrt sind sie reif für den Gipsverband, so viel scheint sicher.
Wann ist dieser Höllenritt denn bloß vorbei? Mir ist hundsübel, und ich möchte heulen wie ein kleines Baby.
Als hätte mich der Betreiber des Riesenrads gehört, schwebt unsere Gondel dem Erdboden entgegen. Gott sei Dank! In wenigen Sekunden habe ich diesen Horror überstanden und wieder festen Boden unter den Füßen.
Ich will mich bereits freudig von meinem Platz erheben, als die Gondel zu einer weiteren Runde ansetzt. Hilfe, nein! Stopp! Anhalten! Hektisch rudere ich mit dem Armen, um dem Menschen im Riesenradhäuschen gestenreich mitzuteilen, dass ich aussteigen will. Jetzt. Sofort. Auf der Stelle. Er beachtet mich jedoch nicht, sondern blättert seelenruhig weiter in seiner Zeitung. Ob ich schreien sollte? Aber das ist mir dann doch zu viel Aufsehen, peinlich obendrein.
Resigniert lasse ich mich auf den Holzsitz neben David fallen, lege den Kopf zwischen die Knie und setze meine Atemübungen von vorhin fort. Wenn ich nicht mitbekomme, wie wir uns bewegen, überstehe ich das hier vielleicht eher. Irgendwann muss diese Fahrtrunde ja ein Ende haben. Hoffentlich früher als später!
David legt seinen Arm um meine Schultern und zieht mich in die Kuhle zwischen Rückbank und seinem Oberkörper.
Ich blicke erstaunt auf, will etwas sagen, aber er legt seinen Finger auf meinen Mund. Die Worte, die mir auf der Zunge lagen, lösen sich in Luft auf. Und ehe ich mich’s versehe, liegt mein Kopf an seiner Brust und ich lausche Davids Herzschlag. Das beständige Klopfen hat eine derart beruhigende Wirkung auf mich, dass ich mich dabei ertappe, wie ich kurz die Augen schließe. Entsetzt reiße ich sie wieder auf.
Ein Ruckeln durchzuckt die Gondel, dann noch mal. Die Lichter des Riesenrads erlöschen. Ich kreische angsterfüllt auf und klammere mich an Davids Sakko fest. Mein schlimmster Alptraum bewahrheitet sich. Wir stürzen ab. Hinab in die pechschwarze Tiefe. Oh Gott.
Meine Atmung beschleunigt sich, ich stehe kurz davor zu hyperventilieren. Wir werden zermatscht sein, wenn nicht vom Aufprall auf dem Pflaster, dann von den tonnenschweren Teilen, die von dem Riesenrad auf uns herabregnen. Nicht schön, ganz und gar nicht schön. Ich will nicht sterben! Und so erst recht nicht, um das ein für alle Mal klarzustellen.
David umfasst meinen Kopf mit beiden Händen und zwingt mich, ihm ins Gesicht zu schauen. »Ganz ruhig, Miriam. Alles in Ordnung. Nichts passiert.«
Nichts passiert? »Wir stürzen ab, und das bezeichnest du als alles in Ordnung?«, röchele ich. Der kalte Schweiß rinnt mir den Rücken hinunter, ich zittere wie Espenlaub. Entfernt vernehme ich, wie jemand ruft: »Stromausfall! Gleich geht es weiter …«
Ich bin kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Da spüre ich, wie David mir eine Ohrfeige gibt. Mit offenem Mund starre ich ihn fassungslos an. Ich bin so erschrocken, dass ich vergesse, ohnmächtig zu werden.
»Sag mal, hast du sie noch alle?«, platze ich heraus und reibe mir die Wange, obwohl der Schlag nicht besonders kräftig war.
»Was regst du dich auf? Es hat doch geholfen«, meint David achselzuckend und lehnt sich lässig zurück, als ob wir hier ein Teekränzchen abhalten würden. Das verschlägt mir glatt die Sprache.
»Du hast mir eine gescheuert!«
»Jetzt übertreib nicht! Ich habe dich lediglich davor bewahrt zu kollabieren. Du standest kurz vorm Herzinfarkt! Also reg dich ab und sei dankbar.«
Ich schnappe nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. »BITTE?«, entgegne ich schrill. »Nicht nur, dass ich mit dir in diesem gottverdammten Riesenrad festsitze, nein, nun soll ich auch noch dankbar sein, dass du mich selbstlos geohrfeigt hast. Das glaube ich nicht!«
David breitet seine Arme auf der Rückenlehne aus, streckt die Beine aus und wirkt vollkommen entspannt. »Immerhin drehen wir uns nicht mehr«, wirft er ein.
»Da bin ich ja gleich beruhigter!«
»Siehst du.«
Ich verdrehe die Augen und setze mich verdrießlich neben David. Hier hilft nur noch, die Situation einigermaßen gelassen (haha!) auszusitzen. Und am besten nicht daran zu denken, dass wir zwanzig Meter über dem Erdboden in der Luft hängen.
»Sehr geehrte Fahrgäste, bitten haben Sie noch einen Augenblick Geduld. Es geht in wenigen Minuten weiter«, ertönt es blechern aus einem Megafon von unten.
Geduld. Ha! Die haben gut reden.
»Wie lange kann es denn dauern, eine verfluchte Sicherung auszutauschen?«, stichele ich, eine neuerliche Panikattacke überspielend.
»Soll ich runterklettern und nachfragen?«
Ich funkele David zornig an. »Sehr witzig.«
Er zuckt mit den Achseln. Fehlt nur noch, dass er die Augen schließt und ein Nickerchen macht, während ich hier einem mittleren Nervenzusammenbruch nahe bin. Aber interessiert das den Herrn? Natürlich nicht!
»Eines verspreche ich dir, das wird Konsequenzen haben!«, drohe ich und tippe David bei jedem einzelnen Wort mit dem Zeigefinger gegen den Oberkörper.
»Korrigiere mich, wenn ich mich irre, aber wessen Idee war das mit dem Riesenrad?«, fragt er herausfordernd, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.
»Aber doch nur, weil ich Olli vor einer Blamage retten wollte«, verteidige ich mich aufgebracht und ärgere mich, dass David mir ein schlechtes Gewissen gemacht hat.
»Wer hat denn mit Lissy angefangen?«
»Weil ihr mich provoziert habt«, schmolle ich und schiebe trotzig das Kinn vor, was David ein Grinsen entlockt.
»Du wolltest bloß vor Olli mit mir angeben.«
»Pfff, träum weiter!« Arroganter Schnösel.
Er rutscht dichter zu mir heran, unsere Knie berühren sich. Erschrocken weiche ich zurück, als ob ich einen elektrischen Schlag bekommen hätte.
Plötzlich wird mir Davids Nähe in dieser winzigen Gondel bewusst. Sein Duft, männlich und markant, der verwegene Bartschatten auf seinen Wangen, die tiefdunklen Augen und seine breiten Schultern. Ich weiß auf einmal nicht mehr, wo ich hinschauen soll. Nervös nage ich an meiner Lippe, versuche, Davids intensivem Hypnoseblick auszuweichen.
Er lehnt sich einen weiteren Zentimeter zu mir rüber. Knie an Knie. Oberarm an Oberarm. Unsere Nasen berühren sich fast. Ich halte die Luft an, als sein Mund sich meinem nähert.
»Willst du mich etwa küssen?«, frage ich atemlos.
»Der Gedanke kam mir.«
»Oh.«
»Irgendwelche Einwände?«
»Ich denk drüber nach.«
»Später …«
Er beugt sich nach vorne. Unsere Münder trennen nur noch wenige Millimeter. In gespannter Erwartung, die Augen geschlossen, spitze ich die Lippen, male mir den Kuss in Gedanken aus. Ich schmecke seine Lippen schon beinahe, als meinen Körper ein heftiges Zucken durchfährt. Ich reiße die Augen auf, blicke David verstört an, der mindestens ebenso irritiert guckt wie ich.
Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife, dass das Riesenrad sich dreht. Der Strom ist wieder da. Ich schwanke zwischen Erleichterung und unsäglicher Enttäuschung und Wut. Wut, dass ausgerechnet jetzt, nachdem wir ewig darauf gewartet haben, der blöde Strom wieder da ist. Genau dann, als David mich küssen wollte. Wie sehr muss mich der liebe Gott hassen, wenn er mir sogar das vereitelt. Nachdem ich Höllenqualen in diesem Riesenrad ausgestanden habe, gönnt er mir nicht mal dieses klitzekleine Vergnügen.
Vielen Dank auch.
Tja, eigentlich sollte ich ihm dankbar sein. Denn mal ehrlich, was habe ich mir dabei gedacht? Gut, ich befand mich in einer Ausnahmesituation, und da steht folglich jeder neben sich, aber wollte ich ernsthaft David küssen? David Vahrenberg, diesen … diesen Möchtegernfotografen? Diesen arroganten Kerl?
Zum Glück bleibt mir keine Zeit mehr zum Nachdenken (ich will die Antwort auch gar nicht wissen!), denn unsere Gondel erreicht den Ausstiegsbereich. Ich stürme wie von der Tarantel gestochen und ohne ein weiteres Wort aus der Gondel. Ich flüchte förmlich vor David, vor dem Riesenrad, vor mir und meiner Courage.
Zu Hause angekommen werfe ich mich auf mein Bett und schlage minutenlang wild auf mein Kissen ein. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Danach sinke ich erschöpft in die Kissen und starre finster die Decke an.
Ich muss von allen guten Geistern verlassen worden sein. Für einen Augenblick wollte ich doch tatsächlich, dass David mich küsst. Mehr als alles andere. Hier, alleine in meinem Zimmer, abgeschieden in der Dunkelheit, traue ich mich, mir das einzugestehen. Als wir da oben in der Gondel gefangen waren, dreißig Meter über dem Erdboden, spürte ich zum allerersten Mal, dass da vielleicht doch mehr zwischen uns sein könnte. Und David scheint es ähnlich ergangen zu sein. Der Kussversuch ging immerhin von ihm aus. Das wollen wir nicht außer Acht lassen.
Miriam Behrens, du tickst nicht mehr ganz richtig! Hör endlich auf, da mehr hineinzuinterpretieren, als da war. David tut dir einen Gefallen. Nicht mehr und nicht weniger.
Also Schluss jetzt mit dem Unsinn!
Entnervt vergrabe ich meinen Kopf unter der Bettdecke.