13

»Heute ohne Kuchen, Prinzessin?«

David lehnt an der oberen Balustrade, die vom Verkaufsraum zur Empore hinaufführt, und grinst mich verschmitzt an. Er kennt mich bereits gut genug, um zu wissen, dass ich bei dem Kosenamen an die Decke gehen könnte. Oder noch besser, ihm die Augen auskratzen. Leider fällt beides flach, denn die Fotofachverkäuferin, eine hagere Frau Mitte vierzig mit Mireille-Mathieu-Frisur und einer Hornbrille auf der Nase, spitzt bereits ihre Lauscher.

Ich klimpere verführerisch mit den Wimpern und mache einen Schmollmund. »Bärschen, du weißt doch, dass isch die ’imbeersahnetort für ’eute Abend auf’ebe. Wenn isch gahns unanständig Ding mit dir vor’abe«, hauche ich in meinem besten französischen Akzent. Dabei streiche ich mir verführerisch meine Haare aus dem Gesicht, fahre mit der Hand bis zum Kinn und fächele mir träge Luft unter halb gesenkten Wimpern zu.

David starrt mich mit offenem Mund an. Dann presst er die Lippen fest aufeinander. Er kämpft sichtlich mit einer gigantischen Lachsalve, und er scheint den Kampf in den nächsten Sekunden zu verlieren.

Hinter mir räuspert sich jemand vernehmlich. Ich werfe einen Blick über meine Schulter und sehe, wie die Hornbrille geflissentlich die Bilderrahmen hin- und herrückt und ein nicht vorhandenes Staubkorn aus der Vitrine wegpustet. Sie ist puterrot im Gesicht und bemüht sich angestrengt, den Augenkontakt mit mir zu vermeiden.

»Junge Liebe – Sie wissen doch, wie das ist«, schwärme ich mit seligem Gesichtsausdruck.

Die Hornbrille guckt mich säuerlich an. Liebe kennt sie dem Anschein nach nur vom Hörensagen. Kein Wunder, so giftig, wie sie dreinblickt, da würde ich auch die Flucht ergreifen; nicht nur wegen der abscheulichen Frisur und dieser Brille, die nicht mal vor dreißig Jahren modisch gewesen sein kann.

Als die Ladenglocke erklingt und ein älterer Herr sich wegen Passbildern erkundigt, wendet sie sich erhobenen Hauptes von mir ab, nicht ohne etwas von »Unverschämtheit« zu murmeln.

Ich zucke mit den Schultern. Die Hornbrille und ich werden in diesem Leben wohl keine Freunde mehr.

»Himbeersahnetorte, soso. Ich hatte ja keine Ahnung, was für Ideen dieses hübsche Köpfchen ausbrütet.« David tippt mit dem Zeigefinger gegen meine Stirn. Um seine Mundwinkel zuckt es verdächtig.

Ich spüre, wie mir das Blut in den Kopf schießt. Wie schaffe ich es bloß immer, mich in peinliche Lagen wie diese zu bringen?

Verschämt linse ich auf meine Schuhspitzen und möchte mich am liebsten unsichtbar machen.

»Äh … ja, das … w-war nicht ern-ernst g-gemeint«, stottere ich hilflos, knallrot im Gesicht. Mittlerweile ähnele ich höchstwahrscheinlich einer überreifen kanarischen Tomate.

David grinst breit, verkneift sich aber jeglichen Kommentar. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass die Sache damit keineswegs vom Tisch ist. Wahrscheinlich mache ich mich grundlos selbst verrückt. David wird wohl kaum nachts mit einer Himbeersahnetorte im Arm in mein Zimmer schneien, damit wir uns unsere Körper gegenseitig mit Himbeersahne einschmieren, sie danach hingebungsvoll aus unseren Bauchnabeln lecken und anschließend wilden, hemmungslosen Sex haben können. Ich schüttele heftig den Kopf, um die erotischen Bilder zu vertreiben. Wenn das so weitergeht mit meinen Tagträumereien, sollte ich wirklich einen Psychotherapeuten aufsuchen. Das ist doch nicht mehr normal, dass ich in Gegenwart eines halbwegs gutaussehenden Mannes total verruchte Phantasien entwickle – die noch dazu jeglicher Grundlage entbehren.

»Was führt dich zu mir? Außer deiner Sehnsucht und dem Angebot mit der Himbeersahnetorte natürlich«, erkundigt sich David mit einem Augenzwinkern, während er mich in sein privates Büro geleitet.

Davids Arbeitszimmer wirkt auf den ersten Blick wie jedes andere. Ein großer, lichtdurchfluteter Raum mit weiß getünchten Wänden, dessen gesamte Längsseite ein Sideboard einnimmt. Unter dem großen Fenster zum Hof steht ein massiver Schreibtisch aus Eiche, der neben einem aufgeklappten Notebook mit leeren Blättern, Fotos, Dias und verstreuten Büroutensilien zugemüllt ist. Kreatives Chaos nennt sich das bestimmt.

»Du siehst enttäuscht aus«, kommentiert David nüchtern mein nichtssagendes Gesicht. Er geht zum Fenster, um die Jalousie runterzuziehen, damit die Sonne das Zimmer nicht weiter aufheizt. Der Ventilator läuft bereits auf Hochtouren.

»Ich habe es mir anders vorgestellt«, gebe ich zu. Nicht so steril und eintönig, möchte ich hinzufügen, verkneife es mir aber.

David lacht und zieht einen Vorhang zur Seite, den ich zuvor nicht wahrgenommen habe. Ein abgewetzter Tapeziertisch kommt dahinter zum Vorschein. Zahlreiche Flaschen und Fläschchen stehen darauf, von denen ich nicht einmal ansatzweise weiß, wozu sie gut sind. In der hinteren Ecke stapeln sich Pakete mit Fotopapier bis fast an die Decke. Eine unscheinbare weiße Tür führt in einen weiteren Raum.

»Meine geheime gruselige Dunkelkammer«, scherzt David, als er meinen neugierigen Blick auffängt.

»Haha.«

Er geht ans Waschbecken und füllt Wasser in die Kaffeemaschine. »Mein Job ist bedeutend langweiliger, als du glaubst.«

»Garantiert spannender als mein momentanes Leben«, entschlüpft es mir unüberlegt. Im nächsten Moment möchte ich mir die Zunge abbeißen. Kann ich denn nicht ein einziges Mal meine vorlaute Klappe halten?

»Das meinst du nicht ernst«, sagt David ehrlich erstaunt.

Er hat recht. Langweilig ist mein Leben gerade wirklich nicht. Ich habe schließlich genug Komplikationen am Hals, die mich auf Trab halten. Vermutlich kommt es mir bloß so vor, weil ich das Gefühl habe, insgesamt mit meinem Leben in einer Sackgasse zu stecken. Was kommt beispielsweise nach der Uni? Mein ganzes restliches Leben hängt von dieser Entscheidung ab, und ich habe absolut keinen Plan. Nicht einmal ansatzweise. Bis hierhin bin ich gekommen. Aber was nun? Vor mir herrscht Dunkelheit, hinter mir ebenfalls. Ich bin lediglich mit einer flackernden Taschenlampe bewaffnet und suche den Ausweg. Den ultimativen Plan. Die Erleuchtung.

»Wie auch immer …«, sinniere ich und verscheuche die düsteren Gedanken. »Meine Mutter schickt mich wegen der Geburtstagsfotos. Ich hab ihr zwar gesagt, dass du sicher angerufen hättest, wenn sie fertig wären – aber nun ja, sie ist etwas eigen.«

David schmunzelt. »Sie hat Angst um unsere Beziehung, richtig?«

Ich verdrehe die Augen. »So in der Art.«

»Das kommt davon, wenn man seinen armen Freund so schändlich vernachlässigt. Kein Wunder, dass sie misstrauisch wird.«

»He, es war nicht die Rede davon, dass wir ständig aufeinanderhocken!«, entrüste ich mich.

Er runzelt die Stirn. »Wann hattest du eigentlich deine letzte richtige Beziehung?«, fragt David plötzlich wie aus dem Nichts. Er klingt sehr nachdenklich.

»Was geht dich das an?«, zische ich gereizt. Meine Stimme ist um mindestens zwei Oktaven angestiegen.

Er streicht sich über das Kinn. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Er scheint tief in Gedanken zu sein. Ich möchte zu gerne wissen, was ihm durch den Kopf geht.

Eine ganze Weile schweigen wir uns an. Durchbohren uns mit Blicken. Keiner weicht dem Blick des anderen aus. Wir stehen einfach nur da, starren uns an wie Tiger in einem Käfig. Bereit für den Kampf.

»Du kannst die Krallen wieder einfahren, Schätzchen.« David lächelt versöhnlich, als ob nichts gewesen wäre.

Ich knirsche mit den Zähnen. »Ich bin nicht dein Schätzchen.«

»Ein bisschen mehr Einsatz von deiner Seite könnte jedenfalls nicht schaden. Ansonsten merkt deine Mutter schneller als du denkst, was los ist.«

Er klingt so wahnsinnig vernünftig, dass ich schreien möchte. »Du bist ein verdammter Klugscheißer!«

»Ich bin rational.«

Grrrr!!!

David schenkt Kaffee in zwei Becher und bietet mir wortlos einen an. Seinen Kaffee versüßt er mit drei Stück Würfelzucker und einer halben Packung Kaffeesahne. Er nimmt einen Schluck und lehnt sich gegen den Schreibtisch. »Um auf die Fotos zurückzukommen, ich konnte erst die Hälfte entwickeln. Ich war die Tage zu sehr mit anderen Aufträgen ausgebucht«, meint er schuldbewusst.

»Kein Problem. Meiner Mutter ging es ohnehin nicht um die Fotos. Vielmehr ärgert es sie, dass wir nicht genügend Zeit miteinander verbringen. ›Du hast noch nicht einmal bei ihm übernachtet‹«, ahme ich meine Mutter in diesem überbesorgten Tonfall nach, den Mütter perfekt beherrschen. Mir wird zu spät bewusst, wie diese Aussage auf David wirken muss. »Also nicht, dass ich … du weißt schon …«

David kommt einen Schritt auf mich zu. Ich halte unweigerlich die Luft an, unfähig, mich von der Stelle zu rühren. Er streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Bei der sanften Berührung fahre ich zusammen. Ein Stromschlag von zehntausend Volt durchzuckt meinen Körper. Die feinen Härchen in meinem Nacken stellen sich auf. Das Herz klopft mir bis zum Hals. Unaufhörlich pumpt es literweise Blut durch meine Adern. Fast habe ich Angst, dass David meinen unrhythmischen Herzschlag spürt.

»Du siehst niedlich aus, wenn dir etwas peinlich ist.« Seine Stimme klingt nicht im mindesten belustigt, sondern samtig-weich. Wie ein wohliger Schauer, der einem über den Rücken läuft. Gefährlich. Sehr, sehr gefährlich.

Davids Nähe macht mich zunehmend kirre. Nur nicht die Nerven verlieren, beginne ich mir einzureden. Das ist alles gaaaaaanz harmlos. Immerhin wollen wir als total verliebtes Pärchen durchgehen. David trägt nur seinen Part dazu bei. Mit bedeutend mehr Engagement und Überzeugung als ich, wie ich mir zähneknirschend eingestehen muss.

Er stupst mit dem Zeigefinger gegen meine Nase. »Hast du Lust, dir die bereits fertigen Bilder anzuschauen?«

Wie betäubt nicke ich. Kurz darauf höre ich ihn lautstark nebenan herumpoltern.

Ich gönne mir zwei, drei tiefe Atemzüge, um meinen Herzschlag wieder auf Normalmodus herunterzufahren. Dieses Auf und Ab meiner Hormone, sobald ich in Davids Nähe bin, wird mich in Teufels Küche bringen. Es wird Zeit, dass ich endlich wieder die Fäden in die Hand nehme und mich auf das Wesentliche konzentriere. Wie zum Beispiel schnellstmöglich und ohne Aufsehen nach Hannover zu verschwinden. Dann würden sich nämlich auch alle meine Sorgen mit einem Schlag in Luft auflösen.

Neugierig betrachte ich einige von Davids Arbeiten, die über dem Sideboard hängen. Es sind ausnahmslos Landschafts- und Naturaufnahmen, teils in Schwarzweiß, teils als Panorama. Herbststürme über der rauen Ostsee, die alte Strandweide im Frühling sowie ein verlassener Leuchtturm, an dem schon das Efeu emporrankt, hängen neben einem kristallblauen Südseestrand mit einer einsamen Palme und einem gigantischen Sonnenuntergang im Hintergrund. Augenblicklich bekomme ich Fernweh. Auf einem anderen Bild ist eine vertrocknete Rosenblüte mit Regentropfen als Makro fotografiert worden. Die Rosenblätter sind farbig, der Rest ist in Schwarzweiß gehalten. Leben und Tod; verstörend, faszinierend und wunderschön zugleich.

Ich bin wirklich beeindruckt, mit welcher Liebe zum Detail David die Motive eingefangen hat. Die Bilder ziehen einen förmlich in den Bann, werden zu einem Teil von einem selber. Es ist, als ob man in das Bild hineingezogen und sich einen Lidschlag später an genau diesem Ort wiederfinden würde. Wie bei Mary Poppins, wenn Mary mit Bert und den beiden Kindern Jane und Michael in die Pflastersteinbilder hineinspringt und die Motive zum Leben erweckt werden.

Auch einige Wismarer Sehenswürdigen wie der Alte Hafen, der Marien-Kirchturm oder die Schweinsgrube fehlen nicht in Davids Sammlung. Am spannendsten sind jedoch die Aufnahmen von den engen, verwinkelten Wismarer Gassen, die David aus einem ganz eigenartigen Blickwinkel aufgenommen hat. Teilweise wirken sie dermaßen fremdartig, dass ich nicht weiß, um welche Straßen es sich tatsächlich handelt. Vielleicht liegt es an Davids Fotografien, aber ich bin in der Tat erstaunt, wie entzückend Wismar ist.

Beim Betrachten der Fotos frage ich mich immer wieder, was jemand wie David in diesem Kaff eigentlich will. Mit seinem Talent sollte er die Welt bereisen, Ausstellungen planen und umjubelt werden. Verdient hätte er es. Stattdessen versteckt er sich hier, um langweilige Passbilder und Hochzeiten von Lieschen Müller zu fotografieren.

»Okay, ich habe sie«, empfängt mich David mit einem entschuldigenden Lächeln.

»Ordnung ist eben nicht jedermanns Sache«, feixe ich, obwohl ich diesbezüglich lieber den Mund halten sollte.

David lacht. Er breitet ein halbes Dutzend Farbaufnahmen auf einem Beistelltisch aus und beugt sich fachmännisch darüber. Sorgfältig begutachtet er jede einzelne Fotografie, bevor er sie in Zweierreihen anordnet.

Ich trete an Davids Seite und lasse meinen Blick über die sechs Abzüge schweifen. Auch ohne jegliches Fachwissen weiß ich, dass die Bilder großartig geworden sind. Jede Aufnahme besitzt eine ganz eigene Stimmung. Unverwechselbare Momente, individuell und zugleich Ausschnitte aus einem großen Ganzen. Auf einem meine Mutter mit einem unschuldigen Lachen, als sie von der Kamera ertappt worden ist. Daneben ein Bild, wo der Bürgermeister Mama kavaliersmäßig die Hand küsst, ehe er sie im nächsten Moment über die Tanzbühne schiebt.

David stemmt die Arme auf den Tisch und dreht den Kopf zu mir. Sein Gesicht ist meinem ganz nah. Ich nehme seinen männlichen Duft sowie sein betörendes Aftershave, das nach Meer und ganz viel mehr riecht, wahr. Sein Atem streichelt meine Wange. Die Luft zwischen uns flimmert vor Anspannung. Hastig wende ich mich von ihm ab, gebannt auf die Fotos blickend.

»Gefallen sie dir?«

»Ich bin beeindruckt, Herr Vahrenberg.« Zu meiner eigenen Überraschung klingt meine Stimme überhaupt nicht piepsig oder eingeschüchtert.

»Ehrlich?«

»Ganz ehrlich.«

David strahlt wie ein kleiner Junge, der zu Weihnachten die heißersehnte Ritterburg bekommen hat. Ich bin mir nicht sicher, ob das Funkeln in seinen Augen von dem Lob oder von dieser knisternden Atmosphäre zwischen uns herrührt.

Ich räuspere mich mehrfach, denn der Kloß in meiner Kehle wird immer größer. »Was treibt jemand wie du in Wismar?«

David legt fragend die Stirn in Falten. »Wie meinst du das?«

»Na ja, offensichtlich hast du Talent. Zweifelsohne bin ich kein Experte – mich bringt schon der Auslöser einer Digicam in Erklärungsnot –, aber deine Bilder sind exzellent. Sie besitzen eine innere Natürlichkeit, Zartheit und Stärke zugleich. Als ob sie der Realität ein Stückchen entrückt wurden, aber trotzdem weiter fest in ihr verankert sind.« Ich blicke David nun doch wieder ins Gesicht. Er sieht ein wenig geschockt aus, aber um seine Mundwinkel schleicht ein feines, kaum wahrnehmbares Lächeln. »Kitschig, ich weiß. Ich habe eben absolut keine Ahnung.« Ich lache gekünstelt.

»Das war das schönste Kompliment, das ich je bekommen habe«, meint David ernsthaft.

»Spinner!«

»Vielleicht.« Er lächelt entwaffnend.

»Warum Wismar?«, hake ich nach, immer mehr davon überzeugt, dass ein brillanter Fotograf wie David nicht in die tiefste Provinz von Meck-Pomm gehört.

»Wieso nicht?!«

»Gegenfragen zählen nicht.«

»Sagt wer?«

»Sie weichen aus, Herr Vahrenberg.«

Aus Davids Brust entsteigt ein tiefes, melodisches Lachen. »Und Sie sind reichlich neugierig, Frau Behrens.«

»Ist das etwas Schlechtes?«, erkundige ich mich, das Kinn herausfordernd in die Höhe gereckt und die Hände in die Hüften gestemmt.

Er streicht sich gedankenvoll mit der Hand über seinen Bart. »Abwarten.«

Ich hebe vielsagend die linke Augenbraue. David seufzt. »Wismar hat sich eines Tages ergeben. Ich mochte die Stadt, die Leute, das Meer. Folglich bin ich geblieben. Der Trubel der Großstadt, dieses hektische Leben auf der Überholspur war ohnehin nichts für mich.«

»Aber ausgerechnet Wismar?« Mein Gesicht und meine Stimme spiegeln blankes Entsetzen.

»Du tust gerade so, als ob Wismar die Hölle auf Erden wäre«, staunt David. Seine Augen ruhen auf mir, suchen nach einer Antwort für meine Aversion. Unter seinem durchdringenden Blick fühle ich mich klein. Ich habe Angst, dass er hinter meine Fassade schauen könnte und die wahren Gründe für meine Abneigung gegen das Kleinstadtleben erkennt.

»Lassen wir das«, meine ich ausweichend.

David runzelt die Stirn. »Wer weicht nun wem aus?«

Allzu gerne würde ich diesem Klugscheißer jetzt die Zunge herausstrecken.

Er setzt sich in den Drehstuhl und führt schweigend einige Klicks an seinem Notebook aus.

Verunsichert stehe ich da und weiß nicht, ob ich gehen oder bleiben soll. Ist er sauer auf mich und will nicht mehr mit mir reden, weil ich ihn gedrängt habe, mir ein paar private Details zu verraten? Andererseits weiß er viel mehr über mich als ich über ihn. Ich finde es nur legitim, wenn ich auch Fragen stelle. Immerhin bin ich seine Freundin. Na gut, seine Fake-Freundin.

Aber was, wenn er nun so verärgert ist, dass er mich nicht mehr sehen will? Und wenn ja, wie erkläre ich das vermeintliche Ende unserer Beziehung meiner Familie? Schluss durch gegenseitiges Anschweigen?

Das beständige Klicken der Maus zerrt an meinen angespannten Nerven. Ich bin kurz davor, die Beherrschung zu verlieren und ihn anzuschreien, damit er etwas sagt, als er unerwartet aufsieht.

»Magst du dir die restlichen Bilder anschauen?«

Offenbar redet er weiterhin mit mir. »Ich denke, die sind noch nicht entwickelt«, antworte ich verblüfft.

»Stimmt.« David winkt mich zu sich heran und deutet auf den Bildschirm seines Notebooks, wo Dutzende kleiner Miniaturansichten der Geburtstagsparty zu sehen sind. »Sind allerdings unbearbeitet.«

»Aha.« Ich nehme auf dem Stuhl neben David Platz. Dabei berühren sich unsere Knie. Eilig rücke ich ein Stück weit von ihm weg, beunruhigt von seiner körperlichen Anziehung auf mich.

David hat die Arme vor der Brust verschränkt, unter seinem Hemd zeichnet sich deutlich seine muskulöse Brust ab. Ich bemühe mich intensiv, auf den Bildschirm vor mir zu gucken, anstatt auf meinen Sitznachbarn.

Leider ist das leichter gesagt als getan, denn David scheint nicht daran interessiert zu sein, die Professionalität unserer Geschäftsbeziehung zu wahren. Im Gegenteil. Sein Arm ruht nun lässig auf der Rückenlehne meines Stuhls, seine Finger spielen wie zufällig mit meinen Haaren. Unruhig rutsche ich auf dem Stuhl weiter nach vorne, bis ich nahezu auf der Kante sitze. Eine weitere Bewegung, und ich lande mit meinem Hintern auf dem Hosenboden.

»Wir waren echt überzeugend«, stellt David anerkennend fest. Auf dem Bildschirm erscheint gerade die Aufnahme von uns beiden, auf die meine Mutter energisch bestand. David, einen Arm um mich gelegt und mich frisch verliebt angrinsend, während ich reichlich dämlich in die Kamera glotze. Nicht ohne Grund meide ich Kameras seit Jahren. Ich bin nämlich in etwa so fotogen wie ein Blumentopf.

»Leichtigkeit«, winke ich ab. »Meine Mutter ist froh, dass ich in meinem Alter überhaupt noch jemanden abgekriegt habe.«

»Jetzt übertreibst du aber!«

Ich rolle mit den Augen. »Du kennst meine Familie nicht.« Und dafür sollte er wirklich dankbar sein.

»Das kann man ja bei einem Abendessen ändern«, schlägt David aus heiterem Himmel vor, die Lippen zu einem unwiderstehlichen Ich-bin-der-Traum-aller-Schwiegermütter-Lächeln verzogen.

Ich glotze ihn mit offenem Mund an. Hat der sich mit meiner Mutter verschworen? Dieser Mist ist hoffentlich nicht sein Ernst. Erstens kennen wir uns kaum, zweitens spielen wir das Traumpaar von Wismar bloß vor meinen Eltern und drittens – nur über meine Leiche!

»Ich werde dich nicht blamieren, versprochen. Du wirst es nicht glauben, aber ich habe durchaus Manieren«, beruhigt mich David, als er meinen entgeisterten Gesichtsausdruck wahrnimmt. »Ich werde brav Guten Abend sagen und verspreche hiermit hoch und heilig, nicht die teure Damasttischdecke deiner Mutter vollzukleckern. Ehrenwort.«

David scheint das wirklich durchziehen zu wollen. Es hat sogar den Anschein, als ob er sich auf ein solches Abendessen freuen würde. Die Hände locker zwischen den Knien gefaltet und ein verschmitztes Grinsen auf den Lippen. Keine Panik, mich bringt so leicht nichts aus der Ruhe, soll das wohl heißen. Bei dem Typ muss echt eine Schraube locker sein.

»Du hast ’nen Vollschuss!«

Er lehnt sich lässig zurück und verschränkt die Arme im Nacken. »Meinetwegen können wir auch allein essen gehen. Ich bin da flexibel. Du schuldest mir ohnehin ein Date.«

»Vergiss es!«, entrüste ich mich aufgebracht. Wenn er weiter so penetrant auf dieser Verabredung herumreitet, mache ich wirklich Schluss. Egal was für ein Theater meine Mutter veranstaltet.

Einen gebuchten Freund zu haben habe ich mir bei weitem unkomplizierter vorgestellt. Statt einmal kurz Hallo zu sagen, Küsschen links, Küsschen rechts und auf Nimmerwiedersehen, finde ich mich nun im schönsten Lebens- und Liebeschaos wieder. Denn David verhält sich überhaupt nicht, wie ich das geplant habe. Eigentlich sollte er froh sein, mich und meine oberpeinliche Familie so wenig wie möglich zu sehen.

»Um acht beim Seemannsgarn?« Er lässt nicht locker. Seine Hartnäckigkeit ist beinahe bewundernswert.

»Nein.«

David sieht mich vielsagend an. »Schätzchen, langsam wird es verdächtig, wenn wir nie gemeinsam etwas unternehmen. Außerdem wirkt sich deine Ablehnung auf meine Psyche aus«, beklagt er sich mit treudoofem Dackelblick.

Ich muss unweigerlich grinsen. »Deine Psyche wird es überleben, Bärchen.«

»Das sagst du

»Gewöhn dich dran.«

»Und was ist mit der Himbeersahnetorte?«, schmollt David mit vorgeschobener Unterlippe. Er wirkt damit keinesfalls lächerlich, sondern noch unwiderstehlicher. Eine riskante Mischung. Ich sollte schleunigst das Weite suchen, ehe ich mich zu einer Dummheit hinreißen lasse.

»Ich schicke dir ein Stück vorbei«, versichere ich kühl, dabei fühle ich mich alles andere als unnahbar und cool in seiner Gegenwart. David spürt das. Sein intensiver Blick ruht auf mir, scannt mich von oben bis unten. Er muss einen Peilsender besitzen, um zu wissen, wie er mich am besten nervös machen kann. Darin scheint er ein wahrer Meister zu sein.

»Das ist nicht dasselbe«, behauptet er, mich spitzbübisch anfunkelnd.

Ich tätschele ihm mütterlich die Wange. »Du wirst es verkraften, Don David.«

»Dir ist hoffentlich bewusst, was dir entgeht.«

Ich schlucke schwer. »Ich kann es mir vorstellen.«

Zuckerguss
titlepage.xhtml
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_000.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_001.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_002.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_003.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_004.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_005.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_006.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_007.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_008.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_009.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_010.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_011.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_012.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_013.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_014.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_015.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_016.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_017.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_018.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_019.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_020.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_021.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_022.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_023.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_024.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_025.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_026.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_027.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_028.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_029.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_030.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_031.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_032.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_033.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_034.html