4

Lautes Türenknallen weckt mich am nächsten Morgen. Verschlafen angele ich nach dem Wecker auf meinem Nachttisch. Kurz vor neun Uhr. Och, nööö. Ich gähne herzhaft. Kann man denn in diesem Haus nicht mal am Wochenende ausschlafen?

Rums. Eine weitere Tür fällt ins Schloss, gefolgt von eifrigem Füßegetrampel. Sauer ziehe ich mir die Bettdecke über den Kopf. Ich muss Schlaf von gestern nachholen, verdammt. Ruhe da unten.

Erneutes Scheppern, gepaart mit lautem Stimmengewirr.

Ich reibe mir seufzend den restlichen Schlaf aus den Augen und strampele die Bettdecke weg, weiterschlafen kann ich nun eh vergessen.

Der Tag fängt genauso toll an, wie der gestrige aufhörte. Mein Fuß war noch nicht einmal halb über der Wohnzimmertürschwelle, als mein Vater aus seinem Sessel hochschoss und mich schlechtgelaunt ansah. »Wo kommst du jetzt her?«, donnerte er los. Der Versuch, ihm in ruhigem Ton von meinem Wiedersehen mit Olli zu erzählen, scheiterte kläglich, er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen. Solange ich hier wohnte und meine Füße unter seinen Tisch hielt, hätte ich mich gefälligst an die Hausregeln zu halten und mich an- und abzumelden. Mama und er würden sich schließlich Sorgen um mich machen. Ich verdrehte innerlich die Augen und stieg wortlos die Treppe zu meinem Zimmer hinauf. Mein Vater schien vergessen zu haben, dass ich erwachsen und keineswegs verpflichtet war, über jeden meiner Schritte Rechenschaft abzulegen. So weit kam es noch! Was sollte mir hier passieren? Dass ich Opfer des gelangweilten Kettensägenmonsters wurde? Lachhaft! Wismar war nun wirklich nicht mit Frankfurt oder Berlin zu vergleichen.

Der Krach draußen ebbt nicht ab. Grummelnd krieche ich aus dem Bett und spähe vom Fenster aus in den Garten. Erschrocken fahre ich zurück. In unserem Garten befindet sich ein gigantisches Partyzelt! Eine ganze Reihe von übereinandergestapelten Plastikstühlen sowie ein zehn Meter langer Tisch stehen unter dem Kirschbaum. Neben dem Zelt thront meine Mutter auf einem Hocker und kommandiert ein halbes Dutzend Männer in grauen Overalls herum. Biggi’s Partyservice prangt auf dem Rücken von einem blonden Hünen. Mir kommen Ollis Worte von gestern in den Sinn, die halbe Stadt sei zur Geburtstagsparty eingeladen. Wenn ich mir das Theater da unten anschaue, habe ich daran keinen Zweifel. Das wird keine Familienfeier, sondern ein Staatsempfang!

Eilig ziehe ich mir etwas an. Ich muss hier sofort weg, bevor meine Mutter auf die Idee kommt, mich für ihre Partyplanung einzuspannen. Dabei weiß sie so gut wie ich, dass das zwangsläufig im Streit endet. Ich bin eine Chaotin auf zwei Beinen ohne Geschmackssinn. Meine Mutter dagegen die reinste Perfektionistin, bei ihr müssen sogar die Servietten geometrisch korrekt ausgerichtet sein.

Der Lärm ist mittlerweile so laut, dass ich das Gefühl habe, jeden Augenblick einen Hörsturz zu bekommen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich da unten eine Großbaustelle vermuten.

Vorsichtig spähe ich mit dem Kopf aus der Tür. Nichts. Die Luft ist rein. Auf Zehenspitzen schleiche ich mich aus dem Haus.

Eine Viertelstunde später erreiche ich den Strand, der einsam und verlassen vor mir liegt. Keine Menschenseele weit und breit.

Ich ziehe die Beine an und beobachte in der Ferne das Auslaufen eines Schiffes. Die Sonnenstrahlen kitzeln mich an der Nasenspitze. Ich beschließe, die Gunst der Stunde zu nutzen und ein morgendliches Bad zu nehmen. Zum Glück habe ich mir daheim bereits meinen Badeanzug angezogen.

Das Wasser ist überraschend warm. Ich schwimme eine ganze Weile und lasse mich dann träge auf dem Rücken treiben. Es ist herrlich! Das erfrischende Nass weckt meine Lebensgeister und lässt meine schlechte Laune verschwinden.

Als ich nach einer halben Ewigkeit aus dem Wasser wate, füllt sich der Strand allmählich mit den täglichen Badeurlaubern des nahe gelegenen Campingplatzes, die sich auf einen weiteren faulen und entspannenden Tag am Meer freuen. Handtücher werden ausgebreitet, Sonnenschirme aufgestellt. Kinder tollen mit Eimer und Schaufel bewaffnet zwischen den Sandburgen herum. Die morgendliche Ruhe ist vorbei. Spätestens in zwei Stunden brennt hier der Sand, und es gibt kein freies Fleckchen mehr.

In der Nähe meines Handtuchs steht ein junger Mann in Jeans und T-Shirt und sieht zu mir herüber. Um seinen Hals baumelt eine Kamera.

Einen Wimpernschlag später hat er das Kameraobjektiv plötzlich frontal auf mich gerichtet. Vor Schreck kreische ich los. Dabei verliere ich die Balance und beginne wild mit den Armen zu rudern, um den unvermeidlichen Sturz irgendwie abzufangen. Zu spät. Mit einem lauten Platschen lande ich unsanft im flachen Wasser.

Aua!

Mühsam kämpfe ich mich hoch. Mir tut alles weh, würde mich nicht wundern, wenn mindestens drei Knochen gebrochen sind. Prüfend schaue ich an mir herunter. Meine Oberschenkel sind mit einer feinen Sandschicht überzogen, in meinen Haaren hängt eine halbe Tonne Seegras.

Wutschnaubend stampfe ich auf den Ursprung allen Übels zu. »Können Sie mir erklären, was das sollte?«

»Was denn?« Er schraubt gelassen das Objektiv ab und verstaut es in seiner Umhängetasche.

»Das wissen Sie ganz genau!«

»Nein, tut mir leid.«

Ich kneife die Augen zu Schlitzen zusammen. Wenn er mir dumm kommen will, dann soll er sich warm anziehen. Der Typ wird mich noch kennenlernen. »Sie haben mich fotografiert. Ohne mich zu fragen. Was sollte das?«, wiederhole ich meine Frage.

Er blickt auf und grinst mich anzüglich an. »Wie kommen Sie darauf, dass ich gerade Sie fotografiert habe?«

Bitte? Ich bin vielleicht blond, aber nicht blöd. »Na hören Sie mal! Sie haben Ihr Objektiv voll auf mich draufgehalten«, widerspreche ich, darum bemüht, sachlich und vernünftig zu bleiben. »Das war nicht zu übersehen.«

»Scheinbar schon. Ich habe lediglich diesen Strandabschnitt fotografiert.« Er macht eine ausladende Handbewegung. »Sie wollte ich nie im Leben ablichten. Selbst wenn, sind Sie mir höchstens ins Bild gelaufen.«

»Ich bin was?«, explodiere ich, mein Blutdruck auf dreihundert.

»Sie haben mir meine Aufnahme mit Ihrem Halle-Berry-Auftritt ruiniert. Dafür könnte ich Schadensersatz fordern.«

Er will mich wohl auf den Arm nehmen! Seit wann kann man wegen eigener Unfähigkeit Schadensersatz verlangen? Es ist ja wohl nicht mein Problem, wenn der Kerl nicht weiß, in welchem Moment er auf den Auslöser drücken muss. Ich habe vielmehr Grund, ihn zu verklagen. Ohne meine Einwilligung ein Foto von mir zu machen widerspricht mit Sicherheit den Menschenrechten, den Genfer Konventionen und was weiß ich nicht noch alles. Und dann dieser Schwachsinn mit dem Halle-Berry-Auftritt. Soll das ein verzweifelter Versuch sein, sich bei mir einzuschleimen? Missglückt auf ganzer Linie! Erstens ist meine Figur weit davon entfernt, wie die dieser Hollywoodschönheit auszusehen (leider), und zweitens sehe ich hier keinen Pierce Brosnan. Das wäre etwas anderes gewesen. Oh Gott, habe ich das gerade wirklich gedacht? Nee echt, Miriam!

»Sie sind der ungehobeltste Kerl, der mir seit langem über den Weg gelaufen ist.«

»Komplimente zu solch früher Stunde? Womit habe ich das verdient?«, fragt er grinsend, die Hände in den Hosentaschen vergraben.

Ich stoße die angehaltene Luft aus. Der Mann bringt mich zur Weißglut mit seinem Dauergrinsen. Wir sind hier nicht beim Verkaufsfernsehen! »Sie –«

»Sind charmant?«, hilft er aus und lächelt schon wieder.

Gleich verliere ich die Nerven. Wie kann man bloß so von sich eingenommen sein? Unglaublich!

»Sie sind lästig, wollte ich sagen.«

»Jetzt haben Sie mich getroffen.« Er legt die rechte Hand auf sein Herz und sieht mich an wie Bambi. Wenn er glaubt, dass mich das in irgendeiner Art besänftigen würde, irrt er sich gewaltig. Von jemandem wie ihm lasse ich mich nicht einlullen. Wäre ja noch schöner!

»Wie mir das leidtut«, höhne ich. »Hätten Sie nun die Güte und würden das Bild löschen? Wo ich Ihre Aufnahme ohnehin verdorben habe, können Sie darauf bestimmt verzichten.«

»Kommen Sie aus Wismar?«, will er wissen, während er tatsächlich an seiner Kamera herumzufummeln beginnt.

»Ich wüsste nicht, was Sie das angeht.«

»Ich versuche nur, Smalltalk zu machen«, antwortet er achselzuckend.

»Sehe ich aus, als ob ich Interesse hätte, mich mit nervigen Touristen wie Ihnen zu unterhalten?«

»Sie sehen vor allem aus, als ob Ihnen kalt wäre«, stellt er ungerührt mit einem Blick auf meine wachsende Gänsehaut fest. »Sie zittern ja förmlich.« Er legt mir seine Hand auf den Arm. Mit weit aufgerissenen Augen starre ich ihn an und ziehe blitzschnell meinen Arm weg, als ob ich mich verbrannt hätte. »Darf ich Sie vielleicht ein Stück mitnehmen? Mein Wagen steht dort vorne. Sie könnten mich als Entschädigung zu einem Kaffee einladen.«

Ich schnappe nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Sagen Sie mal, ist das Ihre Masche, wildfremde Frauen am Strand erst ohne ihre Erlaubnis zu fotografieren, um sie dann abzuschleppen?«

»Glauben Sie, dass ich das nötig habe?«

Ganz ehrlich? Nein. Dafür sieht er nämlich zu gut aus. Er ist bestimmt um die eins fünfundachtzig groß, seine kurzen, leicht gelockten hellbraunen Haare sind nach hinten gekämmt und reichen ihm bis in den Nacken. Der Dreitagebart lässt ihn verwegen aussehen, und unter seinem engen Shirt zeichnet sich ein muskulöser Oberkörper ab. Auf den zweiten Blick sieht er wirklich verboten attraktiv aus.

Das beweist aber gar nichts! Er könnte ebenso gut ein Psychopath sein, der sich als harmloser Hobbyfotograf tarnt. Nur weil er zugegebenermaßen ganz vertrauenswürdig wirkt, muss er das nicht sein. Psychopathen erkennt man selten an ihrem Aussehen. Und die allerwenigsten laufen mit einem Schild herum, das sie als solche kennzeichnet.

»Werfen Sie einen Blick in den Spiegel und beantworten sich diese Frage selbst«, entgegne ich schnippisch.

»Ah. Sie sind also nicht abgeneigt.«

»Das hätten Sie wohl gerne. Und damit Sie’s wissen, ich werde weder heute noch in naher Zukunft mit Ihnen einen Kaffee trinken gehen.«

»Sie sind eine harte Nuss!«

»Wird das bald was?«, fahre ich ihn unwirsch an, weil er immer noch mit seinem dämlichen Fotoapparat beschäftigt ist. Ernsthaft, wie schwer kann es sein, ein Foto zu löschen?

»Immer mit der Ruhe, Schätzchen.«

Ich will ihn gerade darauf hinweisen, dass ich nicht sein Schätzchen bin, als er mir endlich das schwarze Display mit dem Hinweis »Kein Bild« unter die Nase hält. Na bitte, geht doch! Als ich mich abwenden will, hält er mich zurück.

»Sie haben mir meine Frage noch nicht beantwortet.« Erstaunt ziehe ich die linke Augenbraue hoch. »Wo Sie herkommen«, hilft er nach. »Und Ihren Namen wüsste ich auch gerne.«

Der Mann ist hartnäckig, das muss ich ihm lassen. »Finden Sie es heraus«, erwidere ich ausweichend, nur damit er Ruhe gibt.

»Das ist aber unfair! Sie können mich doch hier nicht stehen lassen.«

»Doch, das kann ich sehr wohl.«

Er seufzt dramatisch. »Sie sind stur.«

»Nein, nur gut erzogen«, berichtige ich ihn gespielt lächelnd. Dann schnappe ich mir mein Handtuch und gehe erhobenen Hauptes.

»Das werden wir noch sehen«, ruft er mir herausfordernd hinterher.

Ja, oder auch nicht.

In unserem Garten geht es hoch her. Überall liegen Kabel, unsere Obstbäume sind über und über mit bunten Lampions geschmückt (Weihnachten im Juni, hurra!), und der gesamte Garten ist mit weißen Klappstühlen zugepflastert. Mittendrin in diesem Wirrwarr steht meine Mutter wie ein Fels in der Brandung und scheucht die verzweifelt aussehenden Mitarbeiter von Biggi’s Partyservice herum.

Ungläubig lehne ich mit verschränkten Armen an dem Verandageländer und sehe dem Schauspiel zu. Ich habe immer gewusst, dass Mama – neben Modestylistin – die geborene Gastgeberin ist. Aber das hier spottet wirklich jedweder Beschreibung und übertrifft alles bisher Dagewesene.

Mit einem Kopfschütteln gehe ich zu ihr. Dabei muss ich einem wuchtigen Kerl ausweichen, der gerade einen Lautsprecher in den Pavillon schleppt. Mit zwei Handgriffen verbindet er die Box mit dem Mischpult des DJs. Immerhin (und das muss ich meiner Mutter zugutehalten) hat sie kein Streichquartett bestellt.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Mama.«

Meine Mutter strahlt mich an. »Danke, mein Schatz.« Ich umarme sie und will ihr mein Geschenk überreichen, als sie eilig abwinkt. »Nicht jetzt, Miriam! Das kommt zusammen mit den anderen auf den Tisch dort hinten.« Sie deutet auf einen Klapptisch in der Nähe des Buffets, auf dem bereits zwei Päckchen liegen. »Die Geschenke vorher auszupacken würde das Flair der Party zerstören.« Sie haucht das Wort »Flair« so hoheitsvoll, als ob wir uns am spanischen Königshof befänden und auf Etikette zu achten hätten.

Ich zucke mit den Schultern. Wenn meine Mutter meint, dass das wegen des »Flairs« sein muss, bitte.

»Und, was sagst du?« Mama macht eine weit ausholende Armbewegung und sieht mich neugierig an. Ich bin sicher, dass sie die Wahrheit nicht von mir hören will. Dieses Theater, das sie hier betreibt, ist sogar für ihre Verhältnisse too much.

»Ja … toll.« Ich versuche, begeistert zu klingen, aber es gelingt mir nicht ganz. Wie gut, dass das meiner Mutter in ihrem Wahn nicht weiter auffällt.

»Der Tipp mit dem Partyservice kam von Gloria. Als ich erwähnte, dass wir zu meinem Geburtstag nichts Großes planten, war sie ganz entsetzt. Das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Noch am gleichen Tag habe ich Biggi’s Partyservice angerufen, die kümmern sich um alles.«

Hätte ich mir gleich denken können, dass Tante Gloria hinter diesem ganzen Zirkus steckt. Vermutlich hat sie meine Mutter so lange bearbeitet, bis sie einlenkte. Klar, dass sich Susanne Behrens nicht von ihrer eigenen Schwester vorhalten lassen will, dass sie keine würdige Party zu ihrem fünfundfünfzigsten Geburtstag veranstaltet. Schließlich geht’s da um die Ehre. Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die größte Gastgeberin in diesem Land …

»Einen roten Teppich gibt es aber nicht, oder?«

»Sei nicht albern, Miriam.«

Ich hüstele vernehmlich. Wer von uns beiden macht denn aus dieser Geburtstagsfeier einen Staatsempfang? Nicht, dass ich sonderlich überrascht bin. Der Hang zum Übertreiben liegt in der Familie. Seit Tante Gloria zu Luisas einundzwanzigstem Geburtstag die Wendeltreppe mit rotem Teppich auslegen ließ, erschüttert mich praktisch nichts mehr. Getoppt wurde das Ganze übrigens nur durch ein Spalier aus Luisas Freunden; allerdings ohne Verbeugung oder Hofknicks. Erschütternd. Wo selbst das Diadem auf Luisas Kopf nicht fehlte. Ich fand das Getue meiner Tante absolut lächerlich. Im Gegensatz zu meiner Mutter, die zwischen Neid und Begeisterung schwankte. Zum Glück konnte ich ihr diesen Quatsch für meinen Geburtstag ausreden. (Es stellte sich nämlich heraus, dass die Freunde meiner Cousine mit Geld bestochen wurden, damit sie sich auf der Treppe zum Hanswurst machten.)

Schweigend schaue ich zwei Männern zu, die ein Sonnensegel über dem Buffettisch aufbauen. Wenn meine Mutter bei der Gestaltung schon solch ein Trara macht, dann möchte ich mir nicht ausmalen, was das bei dem Essen erst wird. Das müssen förmlich Gebirge in Himalajaform sein. Mit Köstlichkeiten aus der ganzen Welt. Hoffentlich bricht der Tisch nicht zusammen. Der sieht trotz seiner Länge nicht sonderlich stabil aus.

»Wo steckt eigentlich der Rest der Familie?«, erkundige ich mich beiläufig.

»Dein Vater und Alexander sind in der Bäckerei – obwohl sie mir versprochen haben, sie heute nicht zu öffnen«, ereifert sich meine Mutter aufgebracht.

Ich muss mir das Lachen verkneifen. Wenn ich in der Haut der beiden stecken würde, dann hätte ich auch alle Hebel in Bewegung gesetzt, um mich vor diesem Tohuwabohu zu drücken. »Und Eva? Wollte sie nicht gestern anreisen?«

Meine Mutter schüttelt nachsichtig den Kopf. »Deiner Schwester ist beruflich etwas dazwischengekommen. Sie ist erst heute früh eingetroffen, du hast da noch tief und fest geschlafen«, zwinkert sie und streicht mir mit dem Finger über die rechte Wange.

Tief und fest geschlafen? Bei dem Lärm? Sehr lustig, Mama.

»Aha«, meine ich einsilbig.

»Sie wollte heute Vormittag eine alte Schulfreundin in Grevesmühlen besuchen. Zur Feier ist sie aber wieder da«, beruhigt mich meine Mutter, als sie meinen leicht bestürzten Gesichtsausdruck bemerkt.

»Eva hat Fabrizio mit zu ihrer Freundin genommen?«

Meine Mutter lacht herzhaft. »Natürlich nicht! Fabrizio ist nicht mit nach Wismar gefahren. Er konnte sich in der Klinik nicht losreißen, da ist wohl gerade Not am Mann. Na ja, kann man nichts machen. Er hat vorhin angerufen und sich tausendmal entschuldigt, der Arme.«

Oh.

Wieso bin eigentlich ich nicht auf die Idee gekommen, meinen Beruf vorzuschieben? Ach ja richtig, ich habe keinen. Ich bin nur eine arme Studentin, die sich von ihrer Schwester zu diesem Unsinn hat überreden lassen.

Ganz große Klasse!

Bis zum frühen Nachmittag bin ich mit meiner Mutter also wohl oder übel alleine – abgesehen von den sechs herumwuselnden Partyservice-Mitarbeitern in unserem Garten. Natürlich gibt es bedeutend Schlimmeres. Beispielsweise eine Mutter, die ihre Party am liebsten nach Feng-Shui ausgerichtet hätte. Gott sei Dank funktionierte das nicht wie ursprünglich geplant, wie ein Angestellter von Biggi’s Partyservice seinem Kollegen aufatmend zuraunt.

Meine Mutter und ich sehen dabei zu, wie das Sonnensegel über dem Buffettisch ausgerichtet wird. Im hinteren Teil des Gartens verteilen derweil zwei weitere Mitarbeiter mehrere Solarleuchten um die Hibiskus-Sträucher. »Das gibt der ganzen Feier einen romantischen Touch«, erklärt mir meine Mutter mit einem Augenzwinkern.

Ich habe schlichtweg keine Ahnung, was sie mir damit sagen will. Also zucke ich bloß mit den Achseln und lasse sie machen. Es hat ja doch keinen Sinn, gegen irgendeinen von ihren Plänen anzureden.

»Wann kommt eigentlich dein Freund Stephan, Schatz?«

Ähm.

Augenblicklich schrumpfe ich in mir zusammen und halte Ausschau nach dem nächsten Kaninchenloch. Oh Gott, wie erkläre ich meiner Mutter am schonendsten, dass es keinen Stephan in meinem Leben gibt? Mama, Stephan wird nicht kommen. Er heiratet Anne. Sie ist schwanger. Von ihm. Ach ja, und ich bin Single. Wieder einmal. Das Gesicht von meiner Mutter möchte ich sehen! Aber was wäre die Alternative? Ein imaginärer Freund? Angesichts meines Alters ziehe ich das eher nicht in Betracht. Und für einen Callboy ist es auch zu spät, oder? Steht diese Telefonnummer überhaupt in den Gelben Seiten? Und wenn ja, worunter?

Meine Mutter sieht mich erwartungsvoll an.

»Ach, Stephan. Ja … der … kommt später. Der musste noch … der musste noch … was Familiäres erledigen«, höre ich mich da bereits stammeln. Als es raus ist, schlage ich mir mit der Hand gegen die Stirn. Stephan musste noch was Familiäres erledigen? Himmel, Miriam! Erst denken, dann sprechen! Oje, wie komme ich denn da wieder raus? Wieso habe ich nicht gesagt, dass mein (nicht vorhandener) Freund ebenfalls beruflich zu sehr eingespannt ist? Das bot sich doch förmlich an! Stattdessen glaubt meine Mutter nun, dass Stephan jeden Moment durch die Terrassentür stolziert.

Argh!!!

Panisch drehe ich mich im Kreis. Mir bricht der kalte Schweiß aus. Wenn ich Stephan jetzt anrufe, dann müsste er es noch rechtzeitig nach Wismar schaffen. Ach nein, der macht ja Babyshopping mit seiner Anne. Mist, Mist, Mist. Wobei, was ist eigentlich mit diesem Thorsten? Wenn ich den … Oder lieber einen anonymen Callboy? Wo sind die verfluchten Gelben Seiten?

»Ich freue mich sehr, deinen Freund kennenzulernen«, plappert meine Mutter fröhlich weiter. »Eva hat zwar schon einiges über Stephan erzählt, aber wenn man sich von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht, ist das ja doch etwas anderes.«

Allerdings. Erst recht, wenn das Gegenüber gar nicht vorhanden ist.

Während ich insgeheim einem Nervenzusammenbruch nahe bin, klatscht meine Mutter verzückt die Hände zusammen. Die Aufbauarbeiten sind abgeschlossen. Die Lampions haben den Leuchttest überstanden, und aus den Boxen dröhnt spiritueller Singsang. Hoffentlich versteht meine Mutter das nicht unter Unterhaltungsmusik.

»Der Garten sieht wirklich hübsch aus«, findet sie hocherfreut.

Ich enthalte mich einer Meinung. Ohne das überdimensionale Zelt (das sogar eine Tanzbühne beherbergt!), die drei Millionen Kabel und die ganzen Stühle würde unser Garten weitestgehend wie immer aussehen.

»Willst du dich nicht langsam umziehen?«

Ich blinzele überrascht. »Wozu?«

Meine Mutter mustert mich mit diesem speziellen Blick, bei dem ich mir immer vorkomme, als würde ich wie Omas alter Mopp in der Besenkammer aussehen. »Du willst hoffentlich nicht in diesem Aufzug auf der Feier erscheinen?« Sie wedelt aufgeregt mit ihren Händen in der Luft herum.

Verwundert blicke ich an mir herunter. Zu einer dunkelblauen Jeans trage ich eine khakifarbene Tunika. Um die Hüften habe ich locker einen breiten Gürtel geschlungen, das noch leicht feuchte Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Meine Füße stecken in bequemen Flip Flops. Ich finde, ich sehe durchaus angemessen angezogen für eine Gartenparty aus. Aber natürlich sieht meine Mutter das gaaaaanz anders.

»So geht das nicht!«, wiegelt sie entschieden ab. »Du siehst aus wie dahergelaufen.«

Mit offenem Mund glotze ich meine Mutter an. Ich sehe bitte wie aus? Ich glaube, ich höre nicht richtig. »Was ist denn an diesem Outfit so furchtbar?«

Meine Mutter legt die Stirn in Falten. »Alles, Schatz. Du musst doch einsehen, dass du in diesen Freizeitklamotten nicht auf eine Party gehen kannst, zu der sogar der Bürgermeister kommt.«

»Der Bürgermeister?« Das ist der Moment, wo ich mich erschießen möchte. Der verdammte Bürgermeister kommt zum Geburtstag meiner Mutter? Warum? Wieso? Weshalb?

»Verstehst du jetzt, warum du etwas Angemessenes tragen solltest?«

Trotzig verschränke ich die Arme vor der Brust. »Das da wäre?«

»Ein Kleid und ein paar vernünftige Schuhe – und nicht diese Badelatschen«, antwortet meine Mutter ohne zu zögern.

Oh nein! Nein, nein, nein. Ich werde unter gar keinen Umständen ein Kleid anziehen. Kommt nicht in die Tüte. Das kann sie vergessen! »Seit meinem sechzehnten Lebensjahr habe ich kein Kleid mehr getragen!«

Mama nickt bedeutungsvoll. »Das erklärt deine zahlreichen Fehlgriffe bei den Männern. Ich verstehe bis heute nicht, wieso du nicht mit Heribert ausgehen wolltest. Der Mann war perfekt. Investmentbanker, stilvoll gekleidet, gutsituiert, und er besaß tadellose Manieren.«

Ich verdrehe die Augen gen Himmel. Meine Mutter hört sich an, als wollte sie mir einen Pudel verkaufen. »Mama, Heribert war erstens fünfzehn Jahre älter als ich und zweitens ein busengrapschender Vollidiot!«

»Manchmal bist du wirklich arrogant.«

Mir verschlägt es die Sprache. Ich stehe einfach nur da und gucke meine Mutter fassungslos an.

»Es wundert mich nicht, dass du jahrelang Single warst. Bei deinen Ansprüchen und deinem grässlichen Modegeschmack«, fährt sie ungerührt fort.

»MUTTER

»Ich sage dir lediglich die Wahrheit.«

»Ich. Ziehe. Kein. Kleid. An!«, presse ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Natürlich tust du das, Schatz. Du gehst in die Stadt und suchst dir einen Traum von einem Kleid aus. Wir haben eine neue Boutique am Markt. Sehr elegant. Très chic. Es wird dir gefallen.«

Das bezweifele ich stark. Ich will weder ein Kleid tragen noch in diesem supertollen Laden shoppen gehen. Ich lasse mir von meiner Mutter doch nicht vorschreiben, was ich anzuziehen habe. Aus dem Alter bin ich nun wirklich raus. Mama will mir sowieso nur ein schlechtes Gewissen einreden, damit ich klein beigebe und sie ihren Willen bekommt. Aber nicht mit mir!

Meine Mutter drückt mir mit einem Lächeln ihre Kreditkarte in die Hand. Wo hat sie die denn auf einmal hergezaubert? »Komm mir nicht ohne ein hübsches Kleid zurück!« Dann ist sie im Haus verschwunden.

Ich stehe da wie vom Donner gerührt. Ich finde, jetzt ist der passende Moment, um eine Flasche Rotwein zu köpfen. Mindestens.

Zuckerguss
titlepage.xhtml
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_000.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_001.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_002.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_003.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_004.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_005.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_006.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_007.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_008.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_009.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_010.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_011.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_012.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_013.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_014.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_015.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_016.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_017.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_018.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_019.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_020.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_021.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_022.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_023.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_024.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_025.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_026.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_027.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_028.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_029.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_030.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_031.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_032.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_033.html
CR!2ETCFYY5AS4AK1V1SQ5MT8F1E8S8_split_034.html