11. KAPITEL
“Ich liebe diesen Raum”, flüsterte Caleb Vicki ins Ohr, als er ihr sein Hemd reichte.
Leicht verlegen zog Vicki es an. “Caleb, das war … ich kann nicht glauben … Ach, hol einfach das Essen.”
Lachend küsste er sie, bevor er den heruntergefallenen Karton aufhob, der erstaunlicherweise unbeschädigt war. Vicki betrachtete währenddessen Calebs schönen Körper.
Als Caleb sich umdrehte, hob er eine Augenbraue. “Sieh mich nicht so an. Du hast mich vollkommen fertiggemacht, du unersättliche Frau.” Er stellte die Schachtel auf ihren Schoß und sah sich nach seinen Boxershorts und der Hose um.
“Bist du sicher?”, neckte sie ihn. Sie beobachtete, wie er den Reißverschluss seiner Hose hochzog, den Knopf aber offen ließ. Ihr Mann war wirklich unglaublich sexy, und sie sehnte sich bereits wieder nach ihm. Körperlich war sie befriedigt, trotzdem wollte sie Caleb berühren und bei ihm sein. Irgendwie glaubte sie nicht, dass das an den Hormonen lag, die durch ihre Schwangerschaft bestimmt durcheinandergeraten waren. Dazu begehrte sie Caleb zu sehr.
Er setzte sich neben sie. “Gib mir zu essen, Frau.”
Sie schnitt eine Grimasse. “Das Essen ist fast kalt.” Sie öffnete die Schachtel und hob einen Behälter mit gebratenem Reis heraus.
“Aber du bist heiß.” Er neigte sich zu ihr und knabberte zärtlich an ihrem Ohrläppchen.
Vicki kicherte und reichte Caleb den Behälter. “Benimm dich”, sagte sie, obwohl sie das nicht wirklich meinte. Das Letzte, was sie wollte, war, dass ihr Mann wieder zu der kühlen formellen Art zurückkehrte, mit der er sie früher behandelt hatte. Jetzt war er wieder viel mehr wie am Anfang ihrer Ehe, bevor alles schiefgelaufen war.
Der Unterschied war, dass jetzt großes Vertrauen zwischen ihnen herrschte. Vicki war vielleicht noch nicht bereit, es bis zum Letzten auszutesten, doch zumindest verschloss sie sich nicht länger vor Calebs Bedürfnissen oder vor ihren eigenen.
Während sie aßen, sprachen sie über Vickis Ideen, für “Heart” Geld aufzutreiben. Caleb wollte an diesem neuen Bereich ihres Lebens Anteil nehmen. Es würde keine Wände mehr zwischen ihnen geben, egal wie nackt und entblößt er sich manchmal auch vorkommen würde. Verglichen mit den Höllenqualen der Einsamkeit war es einfach zu ertragen, wenn man verletzbar war. Jedenfalls beinahe.
“Also”, sagte Vicki, nachdem sie das süßsaure Hühnchen gegessen hatten, “ich dachte, wenn wir einen Spot in dieser Radiosendung bekommen könnten, würden wir dadurch die Leute ködern, die wir am meisten brauchen.”
“Das klingt, als würdest du viel zu tun bekommen.”
Ihr vergnügtes Lächeln verblasste. “Du glaubst nicht, dass das funktioniert? Dass ich arbeite und das Baby habe? Ich meine, bereits am ersten Tag vergesse ich das Abendessen …”
Er unterbrach sie mit einem Kuss. “Nichts von dem habe ich gemeint. Es wird funktionieren. Du bist nicht Superwoman, deshalb werden wir eine Köchin und eine Putzfrau einstellen, aber es wird funktionieren.”
“Kein Kindermädchen”, erklärte sie ernst. “Ich werde unser Baby aufziehen.”
“Kein Kindermädchen”, stimmte er ihr zu.
“Caleb?” Sie holte tief Atem. “Ich weiß, wie wichtig es für dich ist, dass ich zu Hause bin. Deshalb danke ich dir, dass du mich bei meiner Arbeit unterstützt.”
Überrascht sah er auf. “Ich habe nie von dir erwartet, Hausfrau zu sein, wenn du das nicht selbst willst.”
“Aber dir ist das lieber. Sag die Wahrheit.”
Einen Augenblick lang dachte er darüber nach und erinnerte sich an die Fantasien von einer perfekten Ehefrau und Familie, die er sich als Teenager ausgemalt hatte. Sicher, seine Traumfrau war immer zu Hause gewesen. Irgendwie hatte Vicki eine Rolle übernommen, die er sich unbewusst für seine Frau gewünscht hatte. “Es ist schön, wenn du zu Hause bist, aber nur, wenn du damit zufrieden bist. Ich will, dass du glücklich bist, egal, was dazu nötig ist.”
“Wirklich?”
“Wirklich. Siehst du? Das ist kein echtes Problem.” Er bemühte sich, Vicki zu ermutigen, obwohl er schon besorgt war, sie könnte durch ihren neuen Job bald immer weniger Zeit für ihn und das Kind haben. Der kleine Junge in ihm war gar nicht so einfach zum Schweigen zu bringen, wie Caleb gedacht hatte.
“Weißt du, zum ersten Mal seit langer, langer Zeit fange ich an, mich gut zu fühlen, als wäre ich wirklich etwas wert”, sagte Vicki. Sie neigte sich vor und stützte die Ellbogen auf die Knie.
Caleb runzelte die Stirn und betrachtete ihr Profil. “Für mich bist du das Wertvollste auf der Welt.”
Sie lächelte ein wenig traurig. “Bis vor wenigen Tagen hielt ich mich für einen nachträglichen Zusatz in deinem Leben.” Als er darauf etwas erwidern wollte, legte sie ihm einen Finger auf die Lippen. “Ich gebe dir keine Schuld. Das hat damit zu tun, wie ich mich selbst sehe.”
“Wie siehst du dich denn?”, fragte er, wobei ihm klar wurde, dass sie sich seine Vorwürfe von ihrem Streit am Sonntag zu Herzen genommen hatte. Ohne dass er sie drängte, erzählte sie ihm jetzt, was sie bewegte.
“Ich bin nicht stolz darauf, wer ich bin. Ich will eine Frau sein mit Zielen, Ambitionen, Träumen.” Sie wirkte so entschlossen, als sie sich zu ihm umdrehte, dass er ganz erstaunt war. “Ich will leben, Caleb. Ich will ohne Reue auf mein Leben zurückblicken.”
“Warum hast du mir das noch nie gesagt?”
“Zuerst war ich mit meiner Situation zufrieden.” Sie streckte den Arm aus und griff nach seiner Hand. “Es war irgendwie schön, umsorgt zu werden. Niemand hat das je für mich getan, ohne mir das Gefühl zu geben, ich sei eine Belastung.”
“Das bist du nie gewesen.” Für ihn war sie immer ein Geschenk gewesen. Ein anmutiges Geschöpf, das eine Vorliebe für ihn entwickelt hatte.
“Ich weiß. Das war ja so verführerisch. Ich habe mir eingeredet, es wäre in Ordnung, wenn sich jemand um mich kümmert, dass es reicht, einfach nur zu existieren.” Sie drückte seine Hand. “Dabei hätte ich mich auch um dich kümmern müssen. Du brauchst genauso viel Zuwendung wie ich.”
“Wie hättest du die Sache mit Max wissen sollen?” Calebs Blick verfinsterte sich. “Ich war viel zu dickköpfig, um darüber zu reden.”
“Verstehst du nicht? Selbst wenn Max ein perfekter Vater gewesen wäre, hätte ich als deine Frau deine Bedürfnisse erfüllen müssen. Aber das habe ich nicht. Ich habe dich die ganze Arbeit erledigen lassen, während ich mich zurückgelehnt habe.” Sie versuchte zu lächeln. “Ich glaube, das wird sich in Zukunft bessern.”
“Für mich bist du vollkommen.”
“Aber ich kann den Sinn meines Lebens nicht ausschließlich von dir abhängig machen. Das ist nicht gesund. Du würdest irgendwann ersticken. Ich will in meinem Leben selbst Dinge erreichen. Ich will eine Leidenschaft für etwas außerhalb unserer Beziehung entdecken, so wie du für deine Anwaltskanzlei.”
“Was ist mit uns?” Er hob ihre miteinander verbundenen Hände und küsste Vickis Knöchel. “Wir haben eine Leidenschaft füreinander entdeckt.”
“Ja, das haben wir”, sagte sie ein klein wenig verlegen. “Um nichts in der Welt möchte ich das missen.”
“Aber du brauchst noch etwas anderes.” Etwas, was er ihr nicht geben konnte. Sein Ego fühlte sich angegriffen. Caleb würde niemals aufhören, Vicki in allem zu unterstützen, was sie sich wünschte. Aber er verstand nicht, warum es ihr nicht reichte, seine Frau und die Mutter seines Kindes zu sein.
“Aus demselben Grund, aus dem du jeden Tag zur Arbeit gehst”, erklärte sie. “Du lebst deinen Traum. Das ist alles, was ich will – einen eigenen Traum, den ich lebe.”
Ihre Worte versetzten ihm einen Stich. Er hatte sich darauf konzentriert, was ihre Handlungen auf ihn für Auswirkungen hatten. Dabei hätte er besser zugehört, was sie versuchte, ihm zu sagen, fast vom ersten Moment an, seit sie wieder zusammen waren. Seine Vicki hatte niemals die Chance gehabt, herauszufinden, was ihre Träume waren, ob sie nun Ehefrau und Mutter sein wollte oder noch etwas völlig anderes dazu. Welches Recht hatte er, ihr zu verweigern, herauszufinden, was sie wirklich wollte?
“Dann suche deinen Traum.” Vicki konnte unmöglich eine Ahnung haben, was diese Worte ihn kosteten. Durch seine Vergangenheit war Caleb schrecklich besitzergreifend geworden, so unvernünftig das auch war. Vicki gehörte zu ihm. Sie war die einzige Person, die jemals zu ihm gehört hatte. Außer, dass das eigentlich niemals wirklich der Fall gewesen war. Die Frau aus der Vergangenheit war ein Schatten des Menschen, den er langsam kennenzulernen begann.
So schwer das für ihn war, die neue Frau, die er gerade verstehen lernte, würde entscheiden müssen, ob sie zu ihm gehören wollte oder nicht. Er durfte sie nicht bedrängen.
Am nächsten Tag war Vicki allein zu Hause, als sie einen Anruf von ihrer Großmutter bekam. Ada erkundigte sich, warum Caleb und Victoria sie nicht besucht hatten, seit sie wieder zusammen wohnten.
“Wir waren sehr beschäftigt”, erklärte Vicki, wobei sie ein flaues Gefühl im Magen spürte.
“Ich weiß, Caleb ist ein viel beschäftigter Mann, aber du hättest dir Zeit nehmen können.” Ada wusste genau, was sie sagen musste, um sie zu treffen.
“Ich habe einen neuen Job angefangen.”
Ada lachte. “Was? Wahrscheinlich etwas für wohltätige Zwecke. Wirklich, Victoria, das mache ich schon mein ganzes Leben lang.”
Vicki wollte Ada nicht von ihren Hoffnungen erzählen. Ihre Großmutter hätte ihr nur die Freude verdorben. “Ich weiß.”
“Dann kommt ihr heute Abend um sieben zum Essen. Ich werde dem Koch sagen, er soll etwas Italienisches zubereiten. Caleb mag italienisches Essen.” Ohne ein weiteres Wort legte sie auf.
Vicki stöhnte und stützte den Kopf in die Hände. Warum ließ sie sich von ihrer Großmutter herumkommandieren? Sie war doch nicht irgendein Schwächling. Das hatte sie in den vergangenen Tagen immer und immer wieder bewiesen. Doch die Jahre, die sie unter Adas Fuchtel verbracht hatte, waren eben nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Als ihre Großmutter angefangen hatte, sie einzuschüchtern, hatte Vicki sich in ihr Schneckenhaus zurückgezogen, von dem sie gedacht hatte, sie würde es nie wieder brauchen.
Sie griff nach dem Hörer und rief Caleb an, um ihm zu erzählen, was passiert war. “Tut mir leid, ich konnte einfach nicht Nein sagen.” Sie verzog das Gesicht über ihren jämmerlichen Ton. “Ich habe wieder die Einsiedlerkrebs-Methode angewandt.” Auch wenn sie ihre Reaktion erkannte und einordnen konnte, war es schwer, mit alten Verhaltensmustern zu brechen.
Zu ihrem Erstaunen lachte Caleb. “Solange dir das nicht bei mir passiert, darfst du einen gelegentlichen Rückfall haben.”
“Ich komme mir vor wie ein leicht zu besiegender Gegner.”
“Nimm’s nicht so schwer, Liebling. Wir haben beide unsere Schwachpunkte. Wer sagt denn, dass du allein damit zurechtkommen musst? Du hältst Lara in Schach, ich kümmere mich um Queen Ada.”
Vicki fühlte sich gleich besser, weil er damit ausdrückte, dass er ihre Hilfe akzeptierte. “Willst du hingehen?”
“Wir sollten das hinter uns bringen. Sonst hört sie nicht auf, dich zu bedrängen.” Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr. “Ich sag dir was, ich werde die alte Fledermaus dermaßen bezaubern, dass sie eine Menge Geld für ‘Heart’ spendet.”
Vicki musste lachen. “Ich kann nicht glauben, was du eben gesagt hast.”
“Wieso, ich bin doch bloß nett? Jedenfalls zu dir.” Jetzt lachte er auch, und Vicki spürte Sehnsucht nach ihrem Mann in sich erwachen. “Ich werde keine Zeit zum Umziehen haben, deshalb wird sie mich nehmen müssen, wie ich bin.”
Vicki befeuchtete sich die Lippen mit der Zunge, dann wagte sie einen Vorstoß. “So wie du bist, finde ich dich sehr verführerisch.”
Eine kurze Stille trat ein. “Du darfst nicht solche Sachen zu mir sagen, wenn ich mitten in einem Entwurf für eine Aktennotiz stecke. Ich glaube, ich habe gerade den Namen des Mandanten falsch geschrieben.” Seine Stimme klang rau und erinnerte Vicki an das Vergnügen, das sie in der vergangenen Nacht in den Armen des anderen gefunden hatten.
“Komm doch zum Mittagessen nach Hause”, schlug sie vor. Sie kannte sich selbst kaum wieder, als sie diese Worte aussprach.
Caleb seufzte. “Ich habe um ein Uhr einen Termin in der Vorstadt.”
Enttäuschung breitete sich in ihr aus. “Dann sehe ich dich um halb sieben?”
“Bye-bye, Liebling.”
Als die Türglocke kurz vor zwölf Uhr läutete, dachte Vicki an nichts Besonderes. Sie ging zur Tür, öffnete in der Erwartung, draußen einen Lieferanten zu sehen, doch zu ihrer Überraschung stürmte Caleb ins Haus.
“Ich habe zwanzig Minuten, bevor ich zu meinem Termin muss.” Er warf die Tür hinter sich zu und küsste Vicki leidenschaftlich.
Sie wehrte sich nicht, als er nach dem Gummizug ihrer Hose tastete. Innerhalb von zwei Sekunden hatte sich ihr Körper von kühl auf sehr heiß erhitzt. Caleb schob ihre Hose gleichzeitig mit ihrem Slip nach unten und unterbrach seinen Kuss gerade lange genug, um sich zu bücken und ihr die Kleidungsstücke ganz abzustreifen.
Als er sich aufrichtete, strich er mit den Händen über die Rückseite ihrer Oberschenkel nach oben bis zu ihrem Po. Vicki schlang Arme und Beine fest um ihn, als er sie hochhob und gegen die Wand drückte. Da er ihr nicht schnell genug war, nahm sie sein Gesicht in beide Hände und küsste ihn erneut verlangend auf den Mund. Für Hemmungen blieb keine Zeit. Alles passierte zu schnell. Sie biss ihn in die Lippe, und er zuckte kurz zusammen.
Dann tastete er sich mit der Hand zu ihrem Bauch vor und begann sie dort zu streicheln, wo sie es am liebsten hatte. Geschickt steigerte er ihre Erregung. Als er mit zwei Fingern in sie eindrang, schrie Vicki auf und klammerte sich an seine Schultern.
“Caleb!”
Er zog seine Hand zurück, und eine Sekunde später spürte sie, wie er in sie eindrang. “Du bist so heiß, Liebling, und so schön eng.”
Sie konnte nicht antworten. Ihr blieb die Luft weg, noch bevor er völlig in ihr war. Stöhnend drang er ganz in sie ein. Mehr war nicht nötig. Der Höhepunkt war so heftig, dass Vicki Sterne sah. Caleb bewegte sich immer schneller, immer kraftvoller, bis auch er von seiner Lust überwältigt wurde.
Als Vicki die Augen öffnete, war Caleb über ihr zusammengesunken. Sein Gesicht ruhte in ihrer Halsbeuge, sein heißer Atem strich über ihre Haut. Sein Hemd fühlte sich feucht und zerknittert an, als sie darüberstrich. Sie streichelte sein Haar.
Er schmiegte sich an sie, hauchte einen Kuss auf die pulsierende Ader an ihrem Hals und hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Lächelnd rieb Vicki ihre Nase an seiner. Eine alberne Geste, aber Caleb schien sie zu gefallen. Er umklammerte immer noch ihre Oberschenkel.
“Du hast genau …”, sie sah auf die Wanduhr im Flur, “… zwölf Minuten, um zu duschen und etwas zu essen.” Ohne Unterbrechung streichelte sie sein Gesicht und seinen Körper. Caleb war so lieb zu ihr. Endlich behandelte er sie wie seine Frau, der er alles gab, was er zu geben hatte.
Seufzend löste sich Caleb von ihr und fragte: “Eine Dusche gefällig?”
Mit großen Augen sah sie ihn an. “Du wirst zu spät kommen.” Aber sie nahm seine Hand und ließ sich von Caleb zum Badezimmer führen.
Sobald sie den Raum betreten hatten, zog Caleb ihr das Top aus und öffnete den Verschluss ihres BHs, während sie fieberhaft seine Krawatte löste und sein Hemd aufknöpfte. Sie brauchten ungefähr eine Minute, bis sie nackt unter der Dusche standen und kühles Wasser über ihre erhitzten Körper lief.
“Elf Minuten.” Caleb griff nach der Seife.
Doch bevor er Vicki damit berühren konnte, nahm sie sie ihn ab. “Du bist derjenige, der sich beeilen muss.” Sie schäumte die Hände ein und legte die Seife zurück. “Ich wasche dir den Rücken.” Sie zwang sich zur Eile, obwohl sie sich gern intensiver mit seinem Körper beschäftigt hätte. So hatte sie sich in ihrer Fantasie ihre erste gemeinsame Dusche eigentlich nicht vorgestellt. Aber das war jetzt nicht so wichtig. “Fertig.”
Statt das Wasser abzudrehen, warf Caleb einen Blick auf die wasserdichte Uhr an seinem Handgelenk. “Acht Minuten. Ich habe Zeit.” Dann wandte er sich Vickis Körper zu.
Vicki wunderte sich, wie es möglich war, dass sie Caleb nach dem leidenschaftlichen Zusammensein im Flur schon wieder begehrte. Seine Hände waren voller Seife und überall. Als er sie zwischen ihre Beine schob und Vicki mühelos zum zweiten Orgasmus innerhalb von zwanzig Minuten brachte, hatte sie das Gefühl, ihre Beine würden gleich nachgeben.
“Fertig”, sagte er, als sie in seine Arme sank, während immer noch Wasser aus der Dusche strömte. “Sechs Minuten.”
Vicki nahm ihre ganze Kraft zusammen und drehte den Hahn zu. Dann trocknete sie sich mit einem Handtuch ab und griff nach dem Bademantel, der an einem Haken an der Tür hing. “Ich wärme dir etwas zum Essen auf.”
Caleb versuchte sie aufzuhalten, doch sie floh lachend aus der Tür. Das letzte, was sie sah, als sie weglief, war sein herrlicher Körper, auf dem Wassertropfen glitzerten.
Drei Minuten später kam er angezogen in einem dunklen Anzug, weißem Hemd und blauer Krawatte in die Küche. Die Kleidung war beinahe identisch mit den Sachen, die er zuvor getragen hatte. Er grinste übermütig. “Wenn ich ins Büro zurückkomme und anders aussehe als vorher, könnten die Leute sich wundern, was ich getrieben habe.”
Vicki merkte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. “Iss jetzt. Es gibt nichts Besonderes, aber es macht wenigstens satt.”
Er kam um die Anrichte herum und begann im Stehen zu essen. Vicki fand eine Reisetasse, füllte sie mit Kaffee und schraubte den Deckel zu. “Für die Fahrt.” Sie reichte sie ihm, als er in Rekordzeit gegessen hatte.
Fünf Sekunden, bevor die zwanzig Minuten um waren, standen sie an der Tür. Vicki konnte nicht widerstehen, schlang die Arme um seinen Nacken und küsste Caleb voller Hingabe zum Abschied. Als sie sich von ihm löste, glänzten seine Augen.
“Merk dir dein Vorhaben”, sagte er und ging zur Tür hinaus.
“Ich werde auf dich warten.” Sie sah ihm nach, als er die Auffahrt entlangfuhr. Ein glückliches Lächeln lag auf ihrem Gesicht. Sie konnte nicht glauben, was sie gerade getan hatte. Sie hatte nicht nur gerade den wildesten Sex mit ihrem Ehemann gehabt, sie hatte auch mit ihm geduscht. Zwei Fantasien waren innerhalb von zwanzig Minuten zur Wirklichkeit geworden. Nicht schlecht.
Vicki wartete darauf, dass Caleb sie für den Besuch bei Ada abholen würde, als er anrief. “Tut mir leid, Schatz, aber ich komme nicht rechtzeitig aus dem Büro.”
Enttäuschung breitete sich in Vicki aus. “Dann werde ich allein fahren.”
“Nein, wirst du nicht. Ich halte meine Versprechen.” Seine Stimme klang zärtlich. “Ich habe abgesagt. Wir werden jetzt nicht vor Sonntag von Ada erwartet. Zusammen.”
Vickis Miene erhellte sich. “Wie hast du das geschafft?”
“Indem ich sie angelogen habe”, erklärte er ohne Reue. “Ich versuche um neun Uhr zu Hause zu sein.”
“Bis dann.” Vicki legte auf. Es ging ihr sehr gut. Caleb lernte nicht nur, ein bisschen weniger zu arbeiten, er war auch dabei, sie, seine Frau, besser kennenzulernen. Natürlich würde er heute wieder erst spät kommen. Doch am Montag hatte er sich freigenommen, um mit ihr zusammen zu sein.
Vicki verstand, wie viel die Arbeit manchmal von Caleb forderte. Das war einer der Hauptgründe, weshalb sie etwas Eigenes wollte. Abgesehen davon, dass es sie stolz machte, etwas zu leisten, würde sie eine Aufgabe haben, die ihr half, damit zurechtzukommen, wenn Caleb mal wieder völlig in der Arbeit aufging.
Tief im Innern sorgte sie sich zwar, ihr Ehemann könnte vielleicht nicht ausschließlich mit seiner Arbeit beschäftigt sein, sondern mit jemand anderem. Doch diesen Gedanken verdrängte sie mit so viel Geschick, dass sie fast glaubte, sie hätte ihre Ängste überwunden.
In der Nacht auf Samstag wurde Vicki klar, dass sie einen großen Fehler gemacht hatte. Es war drei Uhr morgens, und sie hörte gerade Calebs Wagen vorfahren. Seit sie sich im Flur geliebt hatten, hatte er jeden einzelnen Tag bis spät in die Nacht gearbeitet. Offenbar hatte er ihre Geduld, weil er an diesem Abend spät gekommen war, mit einem Freifahrtschein verwechselt, wieder zu seinem üblichen Verhalten als Workaholic zurückkehren zu dürfen.
Vicki hatte mehrere Aktennotizen für “Heart” verfasst, während sie auf Caleb gewartet hatte. Jetzt ging sie in die Küche, schenkte Kaffee in zwei Tassen und trug sie ins Wohnzimmer.
“Vicki?”, rief er, als er durch die Hintertür ins Haus trat. Offenbar hatte er das Licht gesehen.
“Ich bin hier.” Sie schob mehrere Zeitschriften auf dem Sofatisch zur Seite und überlegte rasch, wie sie das Thema ansprechen konnte, ohne einen großen Krach auszulösen. Sie wollte nicht als Nörglerin erscheinen, aber es war wichtig, dass sie miteinander redeten, für sie beide und für ihr Kind. Wie sie Caleb schon gesagt hatte, sie würde nicht zulassen, dass ihr Kind sich vorkam wie eine Verpflichtung.
In dem Moment, als Caleb hereinkam, wurde ihr jedoch klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Sein Anzug war nass vom Regen, genau wie sein Haar, das ziemlich zerzaust aussah. Doch was Vicki am meisten erschreckte, war der trostlose Ausdruck in seinen Augen. So hatte sie ihn erst einmal gesehen, und zwar in der Nacht, nachdem sie ihn gebeten hatte, auszuziehen und er gemerkt hatte, dass er sie nicht umstimmen konnte.
“Was ist passiert?” Sie ging zu ihm, um ihm aus dem Mantel zu helfen.
Er überließ ihr den Mantel und sank auf das Sofa. Besorgt setzte Vicki sich neben ihn. “Caleb, Schatz?”
“Ich bin bloß müde.” Er starrte auf die gegenüberliegende Wand, doch Vicki wusste, dass er nicht das Bild betrachtete, das dort hing.
“Nein”, widersprach sie, legte eine Hand auf sein Kinn und zwang ihn, sie anzusehen. “Du wirst nicht wieder damit anfangen.”
“Womit?” Er legte seine Hand auf ihre, zog sie aber nicht weg.
“Geheimnisse für dich zu behalten, weil sie wehtun.” Missbilligend schüttelte sie den Kopf.
“Gerade jetzt sollst du dir nicht auch noch Sorgen machen. Ich will nicht, dass dir wehgetan wird.”
Seine Fürsorge berührte sie tief. Er war der liebenswerteste Mensch, den sie je kennengelernt hatte. “Weißt du, was mir am meisten wehtut? Wenn ich aus deinem Leben ausgeschlossen werde. Tue mir das nicht an, Caleb. Nicht wieder”, bat sie ihn eindringlich.
Traurig sah er sie an. Vicki schmiegte sich an ihn und hielt ihn fest. Würde er mit ihr reden? Würde er den nächsten Schritt in ihrer neuen Beziehung machen? Eine Beziehung, in der sie gleichberechtigte Partner waren und in der sie beide für das Wohl des anderen Verantwortung trugen?
“Vor zwei Tagen …”, fing er an zu erzählen, “… begann ein großer Deal, den wir schon seit einem Jahr vorbereiten, zu platzen.”
“Was ist passiert?”
“Maxwell ist unser Mandant, Horrocks der Käufer. Der Vertrag war kurz vor der Unterzeichnung, als Horrocks eine große Diskrepanz in den Finanzberichten entdeckte, die Maxwell geliefert hatte.”
Vicki verstand genug vom Geschäft, um das Ausmaß des Problems zu erkennen. “Horrocks weigert sich zu unterzeichnen?”
“Nicht nur das. Horrocks beschuldigt Maxwell der absichtlichen Täuschung.”
Vicki wusste, dass Caleb ein absoluter Perfektionist in seiner Arbeit war. Niemals würde er bei einem Betrug mitmachen. “Hat jemand von Maxwell dich in Schwierigkeiten gebracht?”
“Nicht absichtlich. Letztendlich ist der Leiter der Finanzabteilung mit seinen Mitarbeitern für die falschen Zahlen verantwortlich.” Seufzend legte Caleb das Kinn auf ihr Haar. “Hast du heute schon die Zeitung gelesen?”
“Nein, ich hatte keine Zeit.” Alarmiert von seinem Ton, ging sie zu dem kleinen Sideboard, auf das sie immer die Zeitung legte, sobald sie geliefert wurde, und brachte sie Caleb.
Caleb nahm sie, wartete aber, bis Vicki sich wieder neben ihn gesetzt hatte, bevor er die erste Seite des Wirtschaftsteils aufschlug. Die Schlagzeile dort wühlte ihn immer noch auf. “Angesehene Anwaltskanzlei verpfuscht Firmenaufkauf”, las er laut vor. Er hatte das Gefühl, seine Träume würden gerade wie eine Seifenblase platzen.
Vicki berührte ihn sanft an der Schulter. “Du weißt, dass du dir nichts vorzuwerfen hast. Steht der Deal noch zur Debatte? Hast du etwas, womit du arbeiten kannst?”
Er warf die Zeitung auf ein Kissen. “Kaum. Wenn wir Horrocks nicht dazu überreden können, Maxwell Zeit zu geben, den strittigen Punkt zu klären, wird der Deal scheitern.”
“Die Schuld liegt bei Maxwell, nicht bei dir.”
“Nein. Es ist unsere Schuld. Maxwell ist unser Mandant, und wir hätten uns dieses Problems annehmen müssen.” Er würde sich nicht so einfach aus der Affäre ziehen.
Vicki gab ihm einen Klaps auf die Schulter. “Du bist Anwalt, kein Buchhalter. Hier geht es um Finanzprobleme.”
“Callaghan & Associates wurden von Maxwell mit der Abwicklung des Verkaufs beauftragt. Wir wurden dafür bezahlt, sicherzustellen, dass alles korrekt abgewickelt wird.” Er nahm ihre Hand von seiner Schulter und küsste ihre Fingerspitzen. “Wenn wir diesen Deal nicht retten, wird die Kanzlei Mandanten verlieren, und das wird der Anfang vom Ende sein.”
Vickis Augen blitzten. “Wenn es dazu kommt, fangen wir wieder von vorne an, selbst wenn das bedeutet, dass ich als deine Sekretärin arbeiten muss.” Sie lächelte. “Ohne Reue.”
Eine schwere Last schien von ihm abzufallen. Ein kleiner Teil von ihm hatte befürchtet, sie würde die Schließung der Kanzlei begrüßen, die sie immer als Rivalin betrachtet hatte. “Keine Reue?”
“Nie.”
Caleb war froh über seine Frau. Einer seiner Partner bekam bereits Druck von seiner Frau, die von ihm die Zusicherung verlangte, dass sie auch weiterhin den gewohnten Lebensstil aufrechterhalten konnte.
Vicki streichelte sein Kinn. “Ich habe vollkommenes Vertrauen in dich. Du wirst Erfolg haben, da bin ich ganz sicher. Kann ich irgendetwas tun, um dir zu helfen?”
“Danke, Liebling, dass du fragst, aber das muss ich mit meinem Team schon allein bewältigen.”
Vicki tippte mit dem Finger gegen ihre Lippen. “Ich glaube, ich habe da so eine Idee, wie du eure anderen Mandanten dazu bringen kannst, bei euch zu bleiben.”
“Sollte ich mir Sorgen machen? Das letzte Mal, als du eine Idee hattest, musste ich zwei Monate lang im Hotel wohnen.”
“Na ja, daran hattest du schon einen Anteil”, erwiderte Vicki, ohne nachzudenken. Sie wusste, im Augenblick war ein denkbar ungünstiger Moment, darauf zu sprechen zu kommen, doch sie hatte es nicht mehr in der Hand. Mit seiner schnippischen Bemerkung schien er einen Schalter in ihr umgelegt zu haben.
“Als Ehemann war ich wohl kein Hauptgewinn, was? Aber jetzt machen wir unsere Sache doch gut.”
“Machen wir das wirklich?”, entgegnete sie und dachte im selben Moment: Warum musste ich das jetzt bloß sagen? Hatte sie sich nicht vorgenommen, diesen Punkt nicht anzusprechen? Doch offenbar hatte sie sich etwas vorgemacht. “Wir haben uns versprochen, keine Geheimnisse mehr voreinander zu haben, und doch …”
“Du glaubst, es gibt noch etwas, das wir klären müssen?” Er klang betroffen.
“Wir haben nie über Miranda gesprochen.” Erst jetzt, nachdem sie das Thema angeschnitten hatte, merkte sie, wie groß der Druck war, der sich in ihr aufgestaut hatte.
“Miranda? Was um alles in der Welt hat sie denn mit uns zu tun?”
Anscheinend verstand er nicht, wovon sie sprach. Ein ungutes Gefühl beschlich Vicki. Entweder log Caleb, oder sie hatte einen schrecklichen Fehler gemacht. Doch Caleb war nicht gerissen. Seine Verblüffung war unmöglich gespielt.
Plötzlich schien er zu begreifen. “Verdammt, Vicki!” Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar. “Ich kann nicht glauben, was ich da in deinem Blick lese. Nun sprich es schon aus.”
Jetzt war es zu spät für einen Rückzieher. “Ich weiß, dass unsere Ehe lange Zeit sehr schwierig war”, begann sie, “aber der Grund, weshalb ich mich scheiden lassen wollte, war, weil ich dachte, du hättest eine Affäre mit Miranda.” Das war der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Untreue war die einzige Sache, die sie nicht hinnehmen konnte, möglicherweise deshalb, weil sie sich wegen des Verhaltens ihrer Mutter ständig schuldig fühlte.
Ärger stieg in Caleb auf. “Wie bist du darauf gekommen?”
“Du bist immer bis spät in die Nacht im Büro geblieben. Wenn ich anrief, war jedes Mal sie am Telefon und sagte mir, du könntest jetzt nicht an den Apparat kommen.”
“Das reichte, um mich zu verurteilen?” Sein Ton war barsch, und Caleb berührte Vicki nicht.
Sie fragte sich, ob sie Caleb nach allem, was sie unternommen hatten, um ihre Ehe zu retten, nun wegen ihrer eigenen Dummheit verlieren würde. Die Vorstellung, ihn nie wieder lachen zu hören, traf sie wie ein Messerstich.
Sie nahm sich zusammen und sah ihm direkt in die Augen. Sie musste offen mit ihm sprechen. Die Zeiten waren vorbei, wo sie ihren Schmerz versteckt und sich selbst etwas vorgemacht hatte. Wenn sie ihre Ehe retten wollte, musste sie sich Klarheit verschaffen und ihn fragen, ob er sie betrogen hatte.
“Nein. Ich meine, die Telefonate mit Miranda haben mich misstrauisch gemacht – schließlich wissen wir beide, dass ich nicht gerade die selbstsicherste Frau der Welt bin.”
“Vicki …”, begann Caleb.
“Lass mich erst ausreden”, bat sie. “Ich kann das nicht zweimal machen.”
“Dann rede.” Caleb legte den Arm auf die Sofalehne, und dabei berührten seine Finger Vickis Nacken. Vicki war unendlich erleichtert. Diese Berührung war für sie wie ein Anker, an dem sie sich festhalten konnte.
“Du bist vor vier Monaten geschäftlich nach Wellington gereist, und sie hat dich begleitet. Erinnerst du dich?”
“Ja.” Natürlich erinnerte Caleb sich. In fast fünf Jahren Ehe hatte er seine Frau zum ersten Mal länger als eine Woche allein gelassen, und er hatte sich jeden Augenblick nach ihr gesehnt. Doch damals war Vicki die Beziehung zu ihm nicht wichtig genug gewesen, um den ersten Schritt zu machen, und ihn dort anzurufen. Ziemlich gekränkt hatte er ebenfalls keinen Kontakt mit ihr aufgenommen.
“Ich habe dich so vermisst”, gestand ihm Vicki nun. “Ohne dich konnte ich gar nicht schlafen.”
Er horchte auf.
“In der ersten Nacht, als du weg warst, habe ich stundenlang auf einen Anruf von dir gewartet. Sonst hast du dich ja auch immer gemeldet. Als kein Anruf kam, habe ich schließlich um drei Uhr morgens den Hörer genommen und versucht dich über dein Handy zu erreichen. Aber du musst es ausgeschaltet haben, deshalb habe ich in deinem Hotelzimmer angerufen.” Ihre Hände ballten sich zu Fäusten. “Sie ist an den Apparat gegangen!”
Vicki kämpfte mit den Tränen. “Sie sagte, du wärst auf dem Balkon, aber sie könnte dich holen, falls ich das wollte. Die Art wie sie sprach … Wie sollte ich denn etwas anderes annehmen? Wir hatten damals gestritten, und du warst so wütend …”
Bevor Caleb etwas zu seiner Verteidigung sagen konnte, sprach Vicki mit einer Vehemenz weiter, die er gar nicht an ihr kannte. War das wirklich seine zurückhaltende Victoria?
“Dann bist du zurückgekommen und hast mich nicht einmal angefasst! Du hast mich überhaupt nicht begehrt, und ich dachte, sie hätte dir gegeben, was du nicht von mir bekommen konntest. Was hat sie in deinem Zimmer gemacht, Caleb? Warum ging sie mitten in der Nacht an dein Telefon?”
Caleb wollte sie umarmen, doch sie hob die Hände und hielt ihn davon ab. So wütend hatte er Vicki noch nie erlebt. “Wir haben die Zimmer getauscht”, erklärte er und fragte sich, ob Vicki ihm glauben würde.
“Was?” Verwirrt sah sie ihn an. “Warum?”
“Das Hotel hat bei der Buchung einen Fehler gemacht. Ich bekam das Raucherzimmer und Miranda das Nichtraucherzimmer.” Er machte eine Pause und rief sich die Ereignisse von damals in Erinnerung. “Da muss ein Fehler passiert sein … Miranda hätte das nicht planen können.” Nach seinem Streit mit Vicki war er in ziemlich schlechter Stimmung nach Wellington geflogen. Miranda hatte kein Wort über seine Laune verloren, sondern nur sehr betroffen gewirkt.
Wenn Caleb jetzt darüber nachdachte, wurde ihm klar, was er die ganze Zeit übersehen hatte: Die Frau hatte ihm viel mehr angeboten als Mitgefühl. Bestimmt hatte sie sich geärgert, weil er auf ihre Annäherungsversuche nicht eingegangen war. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie das Ziel verfolgt hatte, seine Ehe zu zerstören.
Vicki holte tief Atem. “Wusste die Rezeption nicht von dem Zimmertausch? Ich habe nämlich meinen Anruf über die Zentrale durchstellen lassen.”
“Wir haben sehr spät eingecheckt, weil wir den letzten Flug genommen haben. Als wir den Fehler entdeckten, haben wir einfach die Zimmer getauscht, und Miranda sagte, sie würde am nächsten Morgen an der Rezeption Bescheid geben.”
“Oh, Caleb.” Vicki schluckte und strich sich das Haar zurück. Ihr Gesicht war blass und wirkte sehr angespannt. “Aber du hast mich nicht begehrt. Eine Woche lang hast du mich nicht angefasst! Vorher hast du mich immer berührt. Egal, was passiert war, du hast mich berührt.”
“Ich war verletzt.” Wenn Vicki ehrlich zu ihm war, musste er das ebenfalls sein. “Ich wollte, dass meine Frau sich genug aus mir macht, um nach dem Streit auf mich zuzugehen. Aber soviel ich mitbekommen hatte, hast du dir nicht die Mühe gemacht.”
“Sie klang unglaublich überzeugend. Wenn du sie gehört hättest …” Vicki sprach jetzt nur noch ganz leise. “Der Gedanke hat mir entsetzlich wehgetan, dass du mit einer anderen Frau zusammen sein könntest. Mir brach das Herz.”
Caleb betrachtete Vicki. Seine Sicherheit war längst verschwunden. “Ich habe dich nie betrogen, und das werde ich auch nie tun.” Allein dass er diesen Schritt einmal aus Wut in Betracht gezogen hatte, hatte endlose Schuldgefühle in ihm verursacht. Er würde niemals betrügen und sich dann noch selbst im Spiegel betrachten können. Niemals. “Treue ist die einzige Waffe, mit der ich die Schande bekämpfen kann, die mein Erbe ist, wie Max mir eingeredet hat. Irgendwie bin ich unfähig zu betrügen. Glaubst du mir?”
Diese schlichte Frage erschütterte sie. “Ja, Caleb.” Sie hob den Kopf, und in ihrem Blick lag so viel Qual, dass Caleb nicht anders konnte, als ihr zu verzeihen. “Tut mir so leid, Caleb. Ich hätte mit dir reden sollen, nicht einfach …”
Er war ärgerlich auf sie, wegen ihres Mangels an Vertrauen, aber nicht sehr. Schließlich hatte er mit zu diesem Missverständnis beigetragen. “Ich weiß noch, wie ich mich benommen habe, nachdem ich zurückkam. Kein Wunder, dass du dieses Thema nicht zur Sprache bringen wolltest. Außerdem hattest du in einem Punkt recht.”
“In welchem?”
“Der Grund, weshalb ich eine neue Sekretärin habe, ist der, dass ich ein paar Tage nach unserer Trennung heftig mit Miranda aneinandergeraten bin.” Er war unglaublich wütend gewesen, dass jemand wagte, seine Loyalität zu seiner Frau infrage zu stellen, und hatte Miranda grob abgewiesen. “Als ihr klar wurde, dass ich mir lieber die Kehle durchschneiden würde, als auf ihre Annäherungsversuche einzugehen, kündigte sie. Ich habe das als mangelndes Urteilsvermögen von ihrer Seite abgetan. Wenn ich gewusst hätte, was sie in Wellington gemacht hat …”
Vicki stieß einen erstickten Schrei aus. “Ich kann nicht glauben, dass ich mich verrückt gemacht habe wegen etwas, das gar nicht stimmte! Monatelang habe ich mich mit dieser Sache herumgequält und versuchte mir einzureden, ich könnte darüber wegkommen und es um unseres Kindes willen akzeptieren. Und die ganze Zeit wusste ich genau, ich wäre niemals imstande, zu vergeben und zu vergessen.”
“Ich schätze, das war deine Strafe, und jetzt ist es vorbei”, verkündete er, und das meinte er ernst. Er würde nicht zulassen, dass Mirandas Lügen ihre Ehe störten, die gerade immer besser wurde. Außerdem konnte er nachträglich sowieso nichts tun, um die Qualen zu lindern, die Vicki durchgestanden hatte.
Die Tatsache, dass sie schließlich mit ihm über ihre Sorgen gesprochen hatte, statt sie weiter in sich gären zu lassen, war an sich schon ein Zeichen tiefen Vertrauens. “Du brauchst dir niemals Sorgen darüber zu machen, ich könnte dich betrügen, Liebling. Neben dir und der Arbeit hätte ich kaum dazu Zeit.” Er wollte sie zum Lachen bringen.
Doch stattdessen setzte sie sich auf seinen Schoß und schlang die Arme um seinen Nacken. “Wir retten deine Anwaltskanzlei, Caleb. Niemand wird sie dir wegnehmen. Das verspreche ich.”
Er umarmte Vicki und drückte sie fest an sich. Er merkte, dass sie irgendetwas vorhatte, doch er hatte keine Ahnung, was.
Zwei Tage und viele Stunden harter Arbeit später hatte Vicki für Caleb eine Dinnerparty organisiert, mit neun seiner wichtigsten Mandanten und deren Gattinnen. Kent Jacobs und seine Verlobte – eine weitere Frau, die zu ihrem Partner stand – waren ebenfalls anwesend.
Als sie schon halb mit Essen fertig waren und sich alle ungezwungen unterhielten, lehnte sich ein älterer Mandant vor und meinte: “Caleb, Sie sind seit acht Jahren meine erste Wahl, sogar schon bevor Sie Ihre eigene Sozietät gründeten. Ich will ja keine Panik verbreiten, aber ich werde auch nicht meine Firma mit Ihnen untergehen lassen. Wir können es uns einfach nicht leisten, mit einem Unternehmen verbunden zu sein, das den Ruf hat, inkompetent zu sein, wenn Sie mir meine Offenheit vergeben. Ich persönlich weiß, dass Sie der Beste sind. Aber ich muss den Aktionären Rede und Antwort stehen, die ihre Informationen den Medien entnehmen.”
Nachdenkliches Schweigen breitete sich am Tisch aus, doch Caleb war froh über die Gelegenheit, die Dinge offen darzulegen. Er warf Vicki einen Blick zu und begann zu sprechen: “Wir vertrauen darauf, diesen Deal zu retten, über den die Medien negativ berichteten. Wir bitten Sie nur darum, dass Sie unsere Sozietät nicht in eine Krise stürzen, indem Sie Ihre Fälle vorzeitig abziehen.” Das war deutlich, doch keiner der Anwesenden redete gern um den heißen Brei herum. “Falls der Deal nicht zustande kommt, haben Sie unsere volle Kooperationsbereitschaft bei der Übergabe sämtlicher Unterlagen an Ihre neuen Anwälte. Wir bitten Sie nur um zwei Wochen Geduld.”
Der Mann, der das Thema ursprünglich angeschnitten hatte, nickte. Wie alle anderen am Tisch entschied er sich gewöhnlich rasch. “Ich bin bereit, mich darauf einzulassen. Ich will Sie nicht verlieren, wenn es eine Chance gibt, dass Sie aus dieser Sache heil herauskommen.”
Nachdem noch ein paar weitere Fragen beantwortet waren, stimmte ein Mandant nach dem anderen dieser Entscheidung zu. Callaghan & Associates hatten zwei Wochen Schonfrist.
In dieser Nacht umarmte Caleb Vicki im Bett. “Wir haben eine Atempause.”
“Ich werde immer zu dir stehen.”
“Ich weiß.” Dieses Wissen gab ihm mehr Kraft und Entschlossenheit als alles andere. “Die nächsten zwei Wochen werden hart.”
“Härter als die Zeit unserer Trennung?”
“Nichts könnte so hart sein.” Diese Bemerkung half ihm, alles wieder in die richtige Perspektive zu rücken. “Was ist das Schlimmste, was passieren kann? Wenn der Deal platzt und die Sozietät zusammen mit meinem Ruf den Bach hinuntergeht.”
“Und?”, fragte Vicki und sah ihn an.
“Und wir fangen wieder von vorne an.” Die Last auf seinen Schultern fühlte sich eine Spur leichter an. “Wir werden nicht mittellos sein. Ich habe genug gespart und angelegt, damit wir uns eine Weile lang über Wasser halten können.”
“Ich könnte dich ernähren”, schlug sie vor und küsste ihn auf den Hals. “Ich habe immer noch das Geld aus dem Treuhandvermögen, das ich zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag bekommen habe. Außerdem werde ich bald für meine Arbeit bezahlt.”
“Das Leben eines versorgten Mannes”, sprach er leise vor sich hin. “Daran könnte etwas sein.”
Spielerisch knabberte sie an seinem Kinn. “Du würdest nach der ersten Stunde verrückt werden.”
“Stimmt. Aber man kann ja mal träumen.” Er drehte den Kopf so, dass ihre Lippen sich trafen.
Der Kuss war wunderschön zärtlich, aber auch leidenschaftlich. Als sie sich voneinander lösten, war Vickis Blick verschleiert, doch um ihren Mund lag ein ernster Zug. “Caleb, zwischen uns ist doch alles in Ordnung, oder?”
Er wusste sofort, worauf sie anspielte. “Wir sind stärker als je zuvor. Du hast lediglich bewiesen, dass du dich ebenso zum Narren machen kannst wie ich.”
Sie verzog das Gesicht. “Schuldig im Sinne der Anklage. Ich werde nie wieder an dir zweifeln.”
“Ich weiß.” Das war die Wahrheit. Er wusste, dass ihre Beziehung noch stärker geworden war, weil Vicki ihm genug vertraut hatte, um ein quälendes Thema zur Sprache zu bringen. “Gute Nacht, Baby.”
“Gute Nacht, Caleb”, sagte sie, kuschelte sich an ihn und legte ihre Hand auf die Stelle, wo sein Herz schlug.
Zufrieden schlief er ein.