9. KAPITEL
Vier Stunden später spazierten Vicki und Caleb durch Mission Bay. Dort waren sie hingefahren, um ein nettes Lokal zum Essen zu suchen. Vicki war es völlig egal, wo sie zum Essen hingingen. Sie freute sich einfach nur darüber, an einem gemütlichen Samstagnachmittag mit ihrem Mann etwas zu unternehmen.
“Hast du Lust auf einen Imbiss am Strand?”, fragte Caleb.
Sie blickte über die Straße zum Park, der an den Sandstrand grenzte. “Das klingt gut, und es ist warm genug.” Sie trug Jeans und einen himmelblauen Kaschmirpullover. Der frische Wind, der vom Meer herwehte, konnte ihr nichts anhaben.
Caleb zog die Autoschlüssel aus der Hosentasche. “Du holst die Picknicksachen aus dem Kofferraum, und ich besorge uns etwas zum Essen. Wir treffen uns dort drüben.” Er wies auf ein sonniges Plätzchen. “Hast du auf etwas Bestimmtes Appetit?”
“Such du etwas aus.” Sie nahm die Schlüssel und überlegte eine Sekunde lang. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küsste Caleb auf den Mund, bevor sie wegging. So beiläufig und normal diese Geste war, sie hatte so etwas noch nie zuvor getan, weil sie Zeichen der Zuneigung in der Öffentlichkeit für unpassend gehalten hatte. Manchmal hasste sie ihre Großmutter, doch darüber wollte sie heute nicht nachdenken.
Als sie zu ihrem Wagen kam, öffnete sie den Kofferraum und holte das Picknickset heraus, das sie vor Monaten dort hingestellt hatte, in der vagen Hoffnung, Caleb würde den Hinweis verstehen. Er hat sich daran erinnert, das ist ein sehr gutes Zeichen, dachte sie, während sie den Kofferraumdeckel wieder verschloss. Der Picknickkorb enthielt Teller, Besteck und eine dünne Decke, auf die man sich setzen konnte.
Vicki erreichte vor Caleb den Strand. Sie breitete die Decke aus, setzte sich und stellte auf das andere Ende den Korb, damit der Wind die Decke nicht anheben konnte. Während sie auf Caleb wartete, beobachtete sie Leute. Der Park war voller Familien, und auf den Gehwegen fuhren Inlineskater.
Eine Mutter warf ihrem strahlenden Kleinkind einen Ball zu, und sie amüsierten sich beide über die Possen des Kindes. Vicki lächelte, bis ihr Blick auf den Mann fiel, von dem sie annahm, er sei der Vater. Er saß in der Nähe und telefonierte mit einem Handy. Neben ihm lag eine offene Aktentasche. Ab und zu blickte die Frau zu ihm, als wollte sie ihn auffordern, doch an dem Spaß teilzuhaben, den sie hatten, doch er nahm sie und das Kind kaum wahr.
Ein Schatten verdunkelte die Decke, und Caleb setzte sich eine Sekunde später neben Vicki auf die Decke. Er hatte einen Pizzakarton dabei, Mineralwasser in Dosen und ein in Folie gewickeltes Päckchen, das nach Knoblauchbrot aussah. “Was findest du denn so interessant?”, wollte er wissen.
“Nichts.” Sie sah weg, aber er war ihrem Blick schon gefolgt. Keiner sagte ein weiteres Wort, als Vicki die Pizzaschachtel öffnete und den Deckel so abstützte, dass der Wind keinen Sand auf das Essen wehen konnte. Danach wickelte sie das Knoblauchbrot aus, und Caleb öffnete zwei Getränkedosen.
Erst als sie angefangen hatten zu essen, fragte Caleb: “Hast du Angst, das könnte auch mit uns passieren?”
Vicki konnte nicht anders, sie musste ehrlich sein. “Ja. Aber ich weiß, dass du dich bemühst, Liebling. Ich meine, wir verbringen zusammen dieses ganze Wochenende.”
“Ein Wochenende in mehreren Monaten wird nicht reichen, nicht wahr, Vicki?” Er schaute sie so intensiv an, als wollte er bis in ihre Seele blicken.
“Ein kleines Kind wie das dort drüben bekommt vielleicht noch nicht so viel mit”, erwiderte sie leise. Wenn Caleb dieses Thema schon anschnitt, wollte sie darüber auch mit ihm sprechen. “Aber ein Kind, das schon in die Schule geht, das im Fußball- oder Hockeyteam spielt, merkt es, wenn sein Vater keine Zeit hat.”
Sie legte sich ein zweites Pizzastück auf den Teller und trank einen Schluck Wasser. “Ich habe meine Eltern an jedem einzelnen Tag vermisst, an dem sie nicht da waren. Ich war nicht sehr aktiv beim Sport, aber ich habe im Schulorchester Flöte gespielt.”
Sie ließ zu, dass sie sich an die Vergangenheit erinnerte, an das Mädchen, das jedes Mal voller Hoffnung die Gesichter der Zuschauer abgesucht hatte. Am liebsten hätte sie diese Erinnerung erneut verdrängt, doch für ihr ungeborenes Kind musste sie sich damit auseinandersetzen.
“Ab und zu gaben wir ein Konzert. Großmutter war immer anwesend, aber sie war nicht so wie die Mütter und Väter, die mit ihren Videokameras jeden Augenblick festhielten. Ihren Kindern war das manchmal vielleicht peinlich, aber ihnen wurde dadurch gezeigt, dass sie geliebt wurden.”
Vicki strich eine Haarsträhne zurück. “Ada Wentworth kam, damit niemand sagen konnte, sie würde ihr Enkelkind vernachlässigen.” Sie beugte sich vor und berührte Calebs Wange. “Ich möchte nicht, dass sich unser Kind als Verpflichtung vorkommt. Ich möchte nicht, dass unser Kind denkt, du wärst nur unter den Zuschauern, weil ich dich gezwungen habe zu kommen, während du eigentlich lieber etwas wirklich Wichtiges machen würdest.”
Caleb stellte seinen Teller beiseite, nahm ihre Hand und setzte sich ganz nahe neben Vicki. Sein Gesicht war dem Meer zugewandt. “Die Arbeit ist ein Teil von mir”, sagte er. “Ich könnte sie nie als bloße Nebenbeschäftigung betrachten.”
“Das weiß ich.” Sie wünschte, sie würde verstehen, warum es wichtig für ihn war, immer besser sein zu wollen als der Beste. Das hatte etwas mit seiner Familie zu tun, aber Caleb hatte sich immer geweigert, darüber zu reden. Vicki wusste nur, dass er sich etwas beweisen musste und es niemandem gestattete, ihn daran zu hindern. Nicht einmal seiner Frau.
Caleb war viel zu dickköpfig, als dass Vicki versucht hätte, dagegen anzukämpfen, aber vielleicht war die Zeit dafür bald reif. Jetzt stand nicht mehr länger nur ihr Glück allein auf dem Spiel. “Ich erwarte gar nicht, dass du deine Arbeit vernachlässigst. Ich möchte lediglich, dass du in deinem Leben Raum für dein Kind schaffst. Echten Raum, nicht einen Augenblick hier und dort.”
Caleb sagte darauf nichts, doch er hörte zu. Das war zwar nicht genug, aber es war immerhin ein Anfang.
Die sinnlichen Momente, die am Freitag begonnen hatten, setzten sich das ganze Wochenende über fort. Dabei ging es nicht so sehr um die körperlichen Freuden, die Vicki und Caleb sich gegenseitig lernten zu schenken, sondern die Emotionen, die hinter dem Wunsch standen, einander zu erfreuen. Diesmal waren sie entschlossen, es richtig zu machen. Im Bett und auch außerhalb.
Der einzige schwierige Punkt tauchte auf, als sie am Sonntagabend nach dem Abendessen entspannt Kaffee trinken wollten und das Telefon läutete. Caleb ging, um den Anruf entgegenzunehmen.
Eine Sekunde später verblasste Vickis Lächeln. “Ja, Lara, natürlich bin ich es.”
Vicki stellte die Zuckerdose zurück auf den Tisch und ging zu Caleb. Sie berührte seine Schulter und streckte die Hand nach dem Hörer aus. Ihre Blicke trafen sich, und Caleb schüttelte den Kopf. Sie wusste, warum. Er wollte Vicki nicht belasten.
Sein Bedürfnis, sie zu schützen, ärgerte sie nicht mehr. Sein Beschützerinstinkt war inzwischen zu einem wertvollen Geschenk geworden und zu einem Zeichen, wie viel sie ihm bedeutete.
Sie nahm Caleb den Hörer aus der Hand und hielt ihn sich ans Ohr. Lara war gerade in Fahrt geraten und redete ohne Unterbrechung.
“Lara, hier ist Vicki.”
Es entstand eine Pause. “Warum bist du am Telefon? Wo ist Caleb?”
“Er wollte, dass ich dir die freudige Nachricht mitteile.” Vicki war ärgerlich darüber, dass Lara ihr schönes Wochenende störte. Ihre Geduld hing an einem seidenen Faden.
“Was?”
Vicki warf Caleb einen finsteren Blick zu, als er ihr den Hörer wegnehmen wollte. “Ich bin schwanger. Ist das nicht wundervoll?” Bei ihrem Ton hob Caleb die Augenbrauen, aber er versuchte nicht länger, ihr den Hörer abzunehmen.
Eine weitere Pause entstand, und Vicki hatte den Eindruck, dass Lara jemand anderem die Neuigkeit mitteilte. “Gratuliere. Hast du es gerade erst herausgefunden?”
“Nein. Wir wissen es schon eine Weile.”
“Danke, dass du es uns erzählst.” Das klang sarkastisch.
Vicki lächelte und schlug dann einen zuckersüßen Ton an. Schließlich hatte sie von einer wahren Meisterin gelernt, wie man Sarkasmus mit den eigenen Waffen schlug. “Nun, Tatsache ist, Lara, dass du dich nie nach uns erkundigst, wenn du anrufst. So haben wir schlecht die Möglichkeit, unsere Neuigkeiten mit dir zu teilen.”
Lara schwieg eine Weile. Anscheinend überlegte sie, ob ihre normalerweise sehr zuvorkommende Schwägerin jetzt bissig war. “Hör mal, gib den Hörer einfach wieder Caleb.”
“Ich fürchte, er kann gerade nicht ans Telefon kommen.” Sie lehnte sich an ihn und schlang einen Arm um seine Taille. Er fing an, mit ihrem Haar zu spielen, ein Zeichen, dass er ihr das Gespräch überließ.
Ermutigt fuhr Vicki fort: “Er ist damit beschäftigt, für unser Kind Geld zu verdienen. Wir müssen wirklich von Anfang an für eine Ausbildung sparen, findest du nicht?” Eine ziemlich lange Pause entstand, während der Vicki im Hintergrund Geflüster hörte. Sie wusste genau, wer Lara soufflierte, was sie sagen sollte.
“Er ist mein Bruder.”
Ein raffinierter Schachzug, dachte Vicki. “Und er ist der Vater meines Kindes”, erwiderte sie sanft und sonnte sich in dem Gefühl, dass Caleb nun hinter ihr stand.
Trotz all der Schwierigkeiten, die sie in der Vergangenheit gehabt hatten und obwohl er seine Arbeit über alles anderes stellte, hatte er ihr deutlich gemacht, dass sie für ihn zählte. Sie zählte so viel, dass sie es wert war, um sie zu kämpfen. Noch nie zuvor hatte jemand sich so viel aus ihr gemacht.
Caleb wurde unruhig, und Vicki war klar, dass er versuchen würde, das Gespräch doch wieder zu übernehmen. Nun, sie vergötterte ihn, aber manchmal trieb er sie zum Wahnsinn. Sie schob ihn weg und gab ihm ein Zeichen, er solle sich raushalten.
“Du kannst mich nicht davon abhalten, mit meinem Bruder zu sprechen”, Lara erhob die Stimme.
“Das würde ich nie versuchen.” Vicki beschloss, deutlicher zu werden. “Solange du ihn nicht unglücklich machst, wenn du anrufst, kannst du gern mit ihm reden. Kannst du das akzeptieren?”
Eine ganze Weile lang herrschte Schweigen, dann ertönte das Freizeichen. Vicki seufzte und hängte den Hörer auf. “Sie hat aufgelegt.”
Caleb nahm Vicki in die Arme. “Ich will nicht, dass du dich mit meiner Familie abgibst. Sie können so …”
“Nein, Caleb.” Sie sah zu ihm auf. “Ich meinte, was ich gesagt habe. Von jetzt an kämpfen wir für den anderen. Halt mich nicht davon ab. Ich bin stark genug, um dich zu unterstützen.”
Er sah sie mit offenkundigem Stolz an. “Du bist verflixt sexy, wenn du aufgebracht bist, Mrs. Victoria Elizabeth Callaghan.”
Sie lachte. “Oh nein, zuerst trinken wir unseren Kaffee und dann unterhalten wir uns.” Um ihre Worte in die Tat umzusetzen, schenkte sie zwei Tassen ein. Caleb streichelte sie und küsste sie auf den Hals, bis sie ihn endlich in einen Stuhl schob, den Kaffee vor ihm auf den Tisch stellte und meinte: “Benimm dich.”
Er grinste und trank einen Schluck.
Vicki schüttelte den Kopf und lehnte sich neben seinem Stuhl gegen die Tischkante. “Ich verstehe nicht, weshalb deine Familie so unfreundlich zu dir ist. Ich weiß, du hast einen völlig anderen Weg gewählt als sie. Aber unabhängig von ihren philosophischen Problemen mit dem Kapitalismus, sollte man doch annehmen, dass sie stolz auf dich sind. Sogar meine Großmutter ist von deinen Leistungen beeindruckt, und sie ist der strengste Kritiker, den ich kenne.”
Caleb merkte, wie sich seine Nackenmuskulatur verspannte. “Mag schon sein.” Die Unterhaltung nahm eine Richtung, die ihm nicht gefiel.
Vicki berührte seine Wange und forderte ihn damit auf, sie anzusehen. “Da steckt mehr dahinter, nicht wahr?”
“Komm schon, Liebling, wir wollen uns entspannen und uns einen schönen Abend machen.” Er nahm seine Tasse und überlegte, ob Vicki wohl wusste, wie hübsch sie in ihrem pinkfarbenen Pullover und der Jeans aussah. “Ich will jetzt nicht über meine Familie diskutieren.”
Eigentlich erwartete er, dass Vicki das Thema nun fallen lassen würde. Schlafende Hunde sollte man nicht wecken. Aber er hatte vergessen, wie sehr sich die Dinge inzwischen geändert hatten.
“Nein, du musst jetzt mit mir reden”, erklärte sie und streichelte weiter seine Wange.
“Da gibt es nichts zu reden.”
Sie ließ die Hand sinken. “Warum bist du dann verärgert?”
“Ich bin nicht verärgert.” Er stellte seine Tasse ab und legte eine Hand auf Vickis Bein.
Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu, stellte die eigene Tasse weg und stieß sich vom Tisch ab. Er glaubte wohl, sie gab sich geschlagen. Rasch schwang sie ein Bein über ihn und setzte sich rittlings auf seinen Schoß. “Sprich mit mir.”
“Vielleicht gibt es da Dinge, über die ich nicht reden möchte.” Er hatte seine Vergangenheit hinter sich gelassen. Es gab keinen Grund, alles wieder ans Tageslicht zu zerren. Nicht jetzt. Nicht wenn ihr gemeinsames Leben gerade schön wurde.
“Sag mir, warum sie dich so behandeln.” Sie runzelte die Stirn, als er sie von seinem Schoß hob, aufstand und zur Kaffeemaschine ging, um sich demonstrativ eine neue Tasse einzuschenken. “Du darfst dich nicht verschließen, wenn du dich so fühlst, Caleb.”
Er wurde ärgerlich. Gereizt stellte er seine Tasse auf die Anrichte und drehte sich zu Vicki um. “Du erklärst mir, dass ich mich verschließe? Und was ist mit dir?” Das sagte er, um sich zu verteidigen und von sich abzulenken, obwohl er sich insgeheim schämte, diese Taktik bei Vicki anzuwenden.
In Wahrheit wollte er nicht über den Grund sprechen, weshalb Max ihn hasste und seine Mutter ihn kaum duldete. Deshalb lenkte er jetzt die Aufmerksamkeit lieber auf seine Frau. Trotzdem stimmte es, was er sagte.
Caleb sah wütender aus, als Vicki ihn jemals erlebt hatte. Bisher hatte er auch während ihrer vielen Auseinandersetzungen niemals die Beherrschung verloren. Aber jetzt schienen seine Augen Funken zu sprühen. Sie verstand bloß nicht warum.
“Ich?” Es verletzte sie, dass er jetzt ihre sexuelle Unzulänglichkeit aufs Tapet brachte, wo sie doch gerade geglaubt hatte, er würde anfangen, die Gründe für ihr Verhalten zu verstehen. “Ich weiß, ich bin nicht gut im Bett, aber …”
Mit einer Handbewegung unterbrach er sie. “Ich rede nicht von Sex.”
“Worüber dann?” Seine Bemerkung verwirrte sie, aber sie ließ sich nichts anmerken. Caleb war ein guter Mann, aber er war auch sehr starrsinnig und wollte sich immer durchsetzen. Trotzdem würde sie sich nicht mehr überrollen lassen. Das letzte Mal, als sie das zugelassen hatte, war beinahe ihre Ehe zerstört worden.
“Meine Güte, Vicki.” Er fuhr sich mit der Hand durch das von ihren Liebesspielen sowieso schon zerzauste Haar. “Weißt du eigentlich, wie hart es ist, durch diese Schale zu kommen, in der du dich verkrochen hast?” Er schüttelte den Kopf. “Du bist wie eine dieser verflixten Einsiedlerkrabben. Jedes Mal, wenn ich zu viel frage, ziehst du dich in deinen schützenden Panzer zurück.” Er wirkte richtig aufgewühlt. “Hast du eine Ahnung, wie es ist, mit einer Frau zusammenzuleben, die so mir nichts dir nichts einfach abblockt? Das bringt einen um.”
“Das stimmt nicht. Ich habe immer versucht, dir auf halbem Weg entgegenzukommen.”
Seine Worte waren hart, schonungslos und sehr deutlich, und unwillkürlich trat Vicki einen Schritt zurück. Zum Teil war sie sich gar nicht sicher, ob sie die Stärke besaß, sich mit Caleb auseinanderzusetzen, wenn er so war wie jetzt. Ein anderer Teil in ihr erkannte, dass nun genau die Situation eingetreten war, für die sie gekämpft hatte. Sie hatte einen Ehemann gewollt, der sich nicht zurückhielt, aus Sorge, sie käme nicht mit seinen Gefühlen zurecht.
“Ich weiß nicht, was deine Familie dir angetan hat”, sagte er, “aber du hast Narben davongetragen, auch wenn du das nicht zugeben willst. Du hast so viel Angst, jemand an dich heranzulassen, dass du lieber allein bleibst.”
“Das ist eine Lüge!”, entgegnete sie. “Ich kämpfe für uns.”
“Wirklich? Wenn ich dir Fragen stelle, die du nicht beantworten willst, und dich bitte, dich mit Dingen auseinanderzusetzen, mit denen du nicht konfrontiert werden willst, was wirst du dann tun?” Ein harter Zug lag um seinen Mund. “Du wirst dich verkriechen, dich mit aller Macht beherrschen und am nächsten Morgen wirst du mich anlächeln, als wäre nichts passiert.”
Sie zitterte so heftig, dass sie nichts darauf erwidern konnte. Vielleicht war das früher so gewesen, aber jetzt nicht mehr. “Ich bin zu dir gekommen”, erinnerte sie ihn und dachte dabei an die Nacht, als sie ihn gezwungen hatte, ihr zuzuhören, obwohl er wütend gewesen war.
“Es reicht nicht, wenn du einmal kurz dein Herz öffnest und meinst, damit hättest du deine Pflicht erfüllt.”
“Ich verstehe nicht.”
Er stemmte die Hände in die Hüften. “Jetzt, wo wir glücklich im Bett sind, denkst du, dass du dich wieder in dein kleines Schneckenhaus zurückziehen kannst, wo du dein eigenes Leben lebst und dich nicht mit der Tatsache abgeben musst, dass du vielleicht angreifbar wirst, wenn du dich auf die Bedürfnisse einer anderen Person einlässt.”
Diese Worte rissen sie aus ihrer Erstarrung. “Wie kannst du so etwas sagen? Du weißt, wie sehr mich der Gedanke gequält hat, ich könnte dir nicht geben, was du brauchst. Wenn ich wirklich so verschlossen wäre, hätte ich das nicht empfinden können!” Sie schrie, was bei ihr eigentlich niemals vorkam.
Er ballte die Hände zu Fäusten. “Aber du hast das nicht gezeigt, als es darauf ankam, oder? Du hast nicht mit mir darüber geredet. Du hast die Wunde gären lassen, bis die Scheidung der einzig mögliche Ausweg zu sein schien!”
Sie wollte widersprechen, aber sie konnte nicht. Er hatte recht. Sogar jetzt noch hatte sie Geheimnisse – schändliche, schmerzliche Geheimnisse. Sie bemühte sich, nicht daran zu denken, versuchte die Vorstellung, was Caleb mit Miranda getan hatte, hinter sich zu lassen. Doch seine Untreue hatte sie so stark verletzt, dass sie tief im Innern nicht damit fertig wurde. Trotzdem schaffte sie es nicht, darüber zu sprechen, konnte es nicht über sich bringen, ihr Herz zu öffnen und über den Schmerz zu reden, der sie quälte.
“Über wie viele Dinge wirst du nie mit mir sprechen, weil sie zu schlimm sind, um sich damit auseinanderzusetzen?” Er blickte ihr direkt in die Augen. “Weißt du, was mich wirklich verrückt macht? Das hat nichts mit unseren Schwierigkeiten im Bett zu tun.”
“Womit dann?”, fragte sie, obwohl sie Angst hatte, die Antwort zu hören.
“Eine Ehe beruht auf Vertrauen, Vicki, und auf gegenseitiger Unterstützung. Eine Ehe ist eine Partnerschaft, aber du bist nur bereit, dich auf die Teile einzulassen, die dir in den Kram passen. Es fällt dir leicht, dich auf meine Probleme zu konzentrieren, denn dann brauchst du nicht auf deine Ängste zu schauen.”
Vicki brachte kein Wort heraus. Mit jedem weiteren Wort zerstörte Caleb die Schutzmechanismen, die ihr geholfen hatten, ohne Mutter und Vater und ohne Liebe und Aufmerksamkeit aufzuwachsen.
“Du fragst mich nach meiner Familie, aber wann hast du je über deine gesprochen?”, fuhr Caleb fort. “Letztes Jahr hat Danica uns besucht, und du hast anschließend eine Woche lang geweint, ohne mir zu sagen, warum.” Seine Stimme überschlug sich. “Glaubst du, ich weiß nicht, wie viel du mit dir herumschleppst? Wie viel du versteckst, damit du nicht zugeben musst, wie sehr du verletzt bist?”
Ihre Kehle brannte. “Bin ich so schwach?”, flüsterte sie. “Habe ich so viel Angst vor der Vergangenheit?” Erschrocken bedeckte sie ihren Mund mit den Händen.
Die Seelenqual in ihrem Blick entsetzte Caleb, und er bekam ein furchtbar schlechtes Gewissen. Trotzdem war er nicht bereit, jetzt einen Rückzieher zu machen. Näher war sie nie davor gewesen, über ihre Geheimnisse zu sprechen. “Du bist nicht schwach.” Er ging zu ihr und nahm die Hände von ihrem Mund.
“Aber ich habe Angst, Caleb. Schreckliche Angst.”
“Wovor denn, Liebling?” Er gab sich genauso viel Schuld an ihrer Situation. Er hatte ihr geholfen, sich zu verstecken und sich von allem zurückzuhalten, was vielleicht zu viel für sie hätte sein können. Er war sogar so weit gegangen, seine Bedürfnisse nur deshalb einzuschränken, weil er befürchtete, sie könne nicht damit umgehen.
Sexuell fingen sie gerade an, miteinander klarzukommen. Doch wie stand es mit der emotionalen Seite? Innerlich war der Abstand zu Vicki immer noch viel zu groß. Sie war viel zu argwöhnisch, um sich ihm zu öffnen. Alle Liebkosungen der Welt konnten die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, dass sie ihm noch nie gesagt hatte, sie liebe ihn.
Er pflegte ihr Liebeserklärungen ins Ohr zu flüstern, aber sie hatte das noch nie bei ihm getan. Diesmal würde er sein Herz nicht wieder aufs Spiel setzen. Nicht, ohne dass sie dasselbe Risiko einging. Vicki musste sich von der Vergangenheit lösen. “Wovor hast du Angst?”, wiederholte er, als sie schwieg.
“Davor, erneut weggeworfen zu werden.”
Diese leise ausgesprochenen Worte dämpften seinen Ärger. Er zog Vicki an sich, und sie legte zitternd die Arme um seine Taille. “Davor brauchst du nie wieder Angst zu haben”, stieß er aus. “Nie wieder, hörst du?”
Sie antwortete nicht, sie klammerte sich einfach nur an ihn. Caleb küsste ihr Haar und bemühte sich, Vicki zu beruhigen. “Ich werde dich nie verlassen.” Sein Ton duldete keinen Widerspruch. “Ich halte meine Versprechen, und an unserem Hochzeitstag habe ich dir versprochen, für immer zu dir zu halten.”
Vicki hatte das Gefühl, ihre Kehle sei zugeschnürt. Sie musste sich richtig anstrengen, zu sprechen. “Ich habe nicht gewusst, wie viel Angst ich habe. Solange ich mich nicht mit der Angst beschäftigt habe, habe ich nicht darüber nachgedacht, dass meine Eltern mich verlassen haben.”
“Auf ihre Art haben sie sich um dich gekümmert.” Er hatte Gregory und Danica kennengelernt und wusste, wovon er redete. “Die beiden eignen sich einfach nicht als Eltern.”
“Wie konnten sie mich einfach so allein lassen?” Ihre Stimme brach. “Mich einfach bei Ada lassen und wegfahren, um ein neues Leben zu beginnen. Wie ein Haustier, das man nicht mehr haben will und ins Tierheim bringt. Wie konnten sie das nur tun, Caleb?”
Tränen stiegen ihm in die Augen, doch er wehrte sich dagegen. Am liebsten hätte er Vickis Problem für sie bewältigt. Aber er konnte nichts anderes tun, als sie zu ermutigen, ihren Schmerz und ihre Wut herauszulassen.
Nach einer Ewigkeit, wie es schien, sprach Vicki weiter. “Meine Mutter hat mich oft ihren kleinen Engel genannt. Ich erinnere mich daran, wie ich neben ihr an ihrem Toilettentisch saß und ihr dabei zusah, wie sie Make-up auflegte. Damals hielt ich sie für die schönste Frau der Welt.” Ihre Stimme klang tief bewegt. “Sie erzählte mir, ich würde genau wie sie werden und wenn die Zeit reif wäre, würde sie mir zeigen, wie ich mich noch hübscher machen könnte, als ich sowieso schon wäre. Manchmal pinselte sie ein wenig Nagellack auf meine Zehennägel, und ich kam mir dann sehr erwachsen vor.”
Caleb streichelte ihr seidiges Haar.
“Dann, eines Tages packte sie meine Sachen, brachte mich zu Adas Haus und winkte mir zum Abschied zu. Mein Vater war bereits Monate vorher gegangen. Ihm hatte ich nie so nahegestanden, deshalb war das nicht so schlimm gewesen. Nach einer Weile hatte ich mich daran gewöhnt. Schließlich hatte ich ja immer noch meine Mutter, und Mütter ließen einen nicht allein.
Lange Zeit glaubte ich, sie würde zurückkommen. Ich saß meistens vor dem Haus auf der Treppe und wartete auf sie.” Vicki bewegte sich, und Caleb lockerte seine Umarmung. Als sie die Hände hob, um sich die Tränen abzuwischen, schüttelte er den Kopf und erledigte das für sie. Ihre Lippen zitterten, als Vicki versuchte zu lächeln.
“Liebling”, begann er. Der Anblick ihres tränennassen Gesichtes erschütterte ihn. “Genug ist genug.” Er hasste sich dafür, dass er sie in diesen Zustand gebracht hatte, während er selbst seine dunklen Geheimnisse versteckte. Was war er bloß für ein Feigling! Hatte er nicht geschworen, seine Frau zu beschützen?
Statt auf ihn zu hören, berührte Vicki mit einer liebevollen Geste sein Kinn und fuhr fort: “Nach zwei Monaten hatte Ada schließlich genug und erklärte mir, meine Mutter sei eine Hure und würde nicht zurückkommen. Sie wäre viel zu sehr damit beschäftigt, die Beine für ihren neuen Liebhaber breit zu machen, als sich um ihr Kind zu kümmern.”
Caleb war fürchterlich wütend. Seine Hand zitterte, als er Vickis Wange streichelte. “Sie ist eine verbitterte alte Frau, der man niemals ein Kind hätte anvertrauen dürfen. Lass nicht zu, dass ihre Worte dein Leben vergiften.”
Vicki, die sowieso nur mit Mühe ruhig geblieben war, brach unter seinen Worten völlig zusammen. Sie schluchzte und fing an, mit ihren Fäusten gegen seine Brust zu hämmern. “Aber meine Mutter hat mich dort allein gelassen! Sie wusste genau, wie Ada ist, und trotzdem hat sie mich bei ihr gelassen. Manchmal hasse ich Mutter so sehr, dass ich Angst bekomme.”
Sie sank in sich zusammen. Wenn Caleb sie nicht festgehalten hätte, wäre sie auf den Boden gefallen. Doch er hielt sie fest, während sie bitterlich weinte.