6. KAPITEL
Caleb war so erregt, dass er nicht sprechen konnte, und so drückte er das, was er empfand, mit seinen Liebkosungen aus. Mit gespreizten Fingern streichelte er Vickis flachen Bauch. Bald schon würde sich ihr Bauch runden, und Caleb wollte die Veränderung jeden einzelnen Tag miterleben, ohne sich Sorgen zu machen, seine Zärtlichkeiten könnten unerwünscht sein.
Ein wundervolles kleines Wesen wuchs im Körper seiner Frau heran. Dieses kleine Wesen war so begierig darauf, geboren zu werden, dass es alle Vorsichtsmaßnahmen umgangen hatte, die Vicki und er getroffen hatten. Caleb war bereits stolz auf die Dickköpfigkeit des gemeinsamen Kindes.
“Ich fühle mich wie beim ersten Mal”, sagte Vicki leise.
Er sah ihr in die Augen. “Das geht uns beiden so.” Sie küssten sich.
Der Kuss war wunderschön. Doch nun war ein neuer Aspekt dazugekommen. Vicki war nicht länger das schüchterne Mädchen, das herrlich küssen konnte, sondern jetzt war sie eine erwachsene Frau, die damit ihre Begierde ausdrückte. Seine Erregung wuchs. Ein bisschen war es so, als würde er mit einer Unbekannten im Bett liegen. Dieser Gedanke bot noch einen zusätzlichen erotischen Reiz.
Zögernd fing Vicki an, seinen Oberkörper zu streicheln. Nachdem Caleb sich jahrelang nach Vickis Berührungen gesehnt hatte, konnte er sich jetzt kaum beherrschen. Vicki umrundete mit den Fingerkuppen seine Brustwarzen, und er sog heftig die Luft ein.
Sie unterbrach den Kuss. “Caleb?”
“Bitte hör nicht auf, Vicki. Ich wünsche mir schon so lange, dass du mich berührst.” Damit gestand er ihr ein Bedürfnis, das er bisher aus Stolz immer vor ihr verborgen hatte.
“Wirst du mir sagen, wenn ich etwas tue, was du nicht willst?”
Ihr Mut erstaunte ihn. “Ich schwöre dir, mir wird alles gefallen, was du mit mir machst.”
Sie lächelte. “Eigentlich ist es mir immer sehr schwergefallen, dich nicht zu streicheln.” Erneut glitt sie streichelnd mit den Händen über seinen Körper. “So oft wollte ich dir das sagen. Aber ich dachte immer, eine Dame redet nicht über Sex, und du würdest dich von mir abgestoßen fühlen. Wie konnte ich nur so dumm sein?”
“Pst.” Er küsste sie. “Du hast dir Sorgen gemacht, weil du so unerfahren bist, und ich bin ja auch nicht gerade ein Mann, mit dem man leicht reden kann. Aber vergiss die Vergangenheit. Von jetzt an gibt es in diesem Bett nur noch dich und mich, keine Lügen mehr und keine Reue.”
“Keine Reue.” Mit ihren schlanken Fingern wanderte sie zu seiner Taille und dann zu seinem Rücken.
Auch wenn es ihm schwerfiel, hielt Caleb sich zurück, um Vicki Zeit zu lassen, seinen Körper zu erforschen. Erneut küsste er sie. Wie immer versprach ihr Kuss herrliche Freuden, doch diesmal wusste Caleb, dass dieses Versprechen erfüllt werden würde, wenn er nur geduldig war.
Vicki streichelte seinen Rücken, bevor sie sich wieder seiner Brust zuwandte. Caleb sehnte sich nach intimeren Berührungen. Doch er wusste, dass diese Zärtlichkeiten von ihr ausgehen mussten. In seiner Lust fühlte er sich fast ausgeliefert.
Sie wanderte mit der Hand unterhalb seiner Taille.
“Tiefer”, stieß er aus, weil er nicht länger warten konnte. “Entschuldige.”
Sie küsste ihn aufs Kinn. “Nein, ich will, dass du mir sagst, was du möchtest.”
In der momentanen Situation konnte er kaum einen klaren Gedanken fassen. Dann zog Vicki mit einem Finger am Elastikbund seiner Boxershorts, und er stöhnte: “Tiefer, Liebling.” Seine Stimme klang so rau, dass er sie fast selbst nicht erkannte.
“Du meinst so?”
Er erschauerte, als sie mit der Hand in seine Shorts schlüpfte und ihn vorsichtig umfasste. Caleb versuchte gleichmäßig zu atmen, als sie ihn langsam zu streicheln begann. Mit den Fäusten umklammerte er die Bettdecke, weil er fürchtete, Vicki wehzutun, so heftig war seine Leidenschaft.
Ihre Brüste pressten sich an seinen Oberkörper, und selbst durch den Pyjama spürte Caleb die harten, aufgerichteten Spitzen. Doch er war so mit dem unerwarteten Vergnügen beschäftigt, das Vicki ihm bereitete, dass er ihren Brüsten nicht die Aufmerksamkeit schenken konnte, die sie verdienten. Mit einem Mal überwältigte ihn die Leidenschaft und es passierte etwas, das ihm noch nie während seiner Ehe passiert war – er verlor die Kontrolle.
Der Höhepunkt war so intensiv, dass er danach schwer atmend auf Vicki sank. Sein Herz raste wie verrückt. “Tut mir leid”, sagte er, als er endlich wieder sprechen konnte.
Zu seiner Überraschung küsste sie ihn auf den Hals und meinte: “Macht es dir wirklich so viel Spaß mit mir?” Mit der freien Hand strich sie ihm eine Haarsträhne aus der schweißfeuchten Stirn.
“Mir hat es immer Spaß mit dir gemacht.” Der einzige Grund, weshalb er sich noch nie seiner Lust so völlig hingegeben hatte, war, dass er die Leidenschaft für einseitig gehalten hatte. Diese Vorstellung hatte sein Vergnügen immer gedämpft.
“Ich möchte dir noch einmal so viel Lust schenken”, sagte sie leise und begann spielerisch an seinem Ohrläppchen zu knabbern. “Ich will spüren, wie du mich begehrst. Du musst mir sagen, dass du es magst, wenn ich … wenn ich so etwas tue.” Sie schluckte. “Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob es okay ist, wenn ich mich so benehme.” Sie machte eine kleine Bewegung mit der Hand.
Heftig sog er die Luft ein, als ihm bewusst wurde, dass sie ihn immer noch umfasste. “Liebling, glaub mir, ich würde dir gern den Gefallen tun. Aber ich brauche ein bisschen Zeit, um mich zu erholen.”
Sie fing an, ihn zu streicheln und überzog seine Wange mit Küssen. “Bitte, Caleb.”
Während er noch überlegte, wie er ihr erklären sollte, dass sich sein Körper daran gewöhnt hatte, schon mit wenig zufrieden zu sein, erwachte sein Verlangen erneut.
“Ich möchte dir …”, begann er.
Sie streichelte ihn noch begieriger, und heiße Schauer durchströmten ihn. “Du hast mir genug Lust geschenkt”, unterbrach sie ihn. “Ich schulde dir etwas. Lass mich einfach, Liebling.”
Erregt wie er war, blieb ihm gar keine andere Wahl.
Als Caleb am nächsten Morgen erwachte, war Vicki schon aufgestanden, und er hörte sie in der Küche singen. Er stand ebenfalls auf und kam sich wie ein Teenager vor, weil er unwillkürlich glücklich lächelte. Zwar hatten sie sich in der letzten Nacht nicht richtig geliebt, doch darüber beschwerte er sich nicht. Das würde noch kommen.
Wenn er geduldig war.
Geduld war allerdings noch nie seine Stärke gewesen. Doch diesmal würde er in dieser Disziplin die Goldmedaille gewinnen, das schwor er sich. Immer noch strahlend, trat er unter die Dusche. Fünfzehn Minuten später band er sich eine Krawatte um und ging in die Küche.
Vicki stand am Herd und backte Pfannkuchen. Er liebte Pfannkuchen, doch normalerweise machte Vicki nur am Wochenende welche. Caleb trat hinter sie, schlang die Arme um ihre Taille und küsste sie auf den Nacken. “Guten Morgen.”
Sie errötete. “Guten Morgen”, erwiderte sie seinen Gruß. Dann wandte sie sich vom Herd weg und ließ die Pfannkuchen auf einen Teller gleiten.
“Ich freue mich schon sehr darauf, heute Abend wieder geduldig zu sein.”
“Caleb Callaghan!” Sie wirbelte in seinen Armen herum und hob das Kinn. “Du sollst dich nicht über mich lustig machen.”
Amüsiert betrachtete Caleb sie. “Warum denn nicht?”
“Weil ich dir Pfannkuchen gemacht habe.”
Er konnte nicht widerstehen und küsste sie. Vicki legte die Arme um ihn. Zwar zögernd, doch immerhin. Und ihr Mund … ihr Mund war die reinste Verführung. Caleb küsste sie leidenschaftlich.
Als sie sich voneinander lösten, waren Vickis Lippen geschwollen, und sie sah ihn mit großen Augen an. Nur ungern ließ Caleb sie los. Sie war seine Frau, und er liebte sie. Wenn sie ihre Probleme in den Griff bekamen, konnten sie zusammen alles erreichen. “Wir werden es schaffen.”
“Caleb, wir haben nicht nur ein Problem im Schlafzimmer. Vielleicht ist das sogar das geringste Problem. Ich habe dich immer begehrt. Ich wusste einfach bloß nicht, wie ich das zeigen sollte.”
Erstaunt stellte er fest, wie ähnlich ihre Gedanken waren. “Aber wenn wir nach so langer Zeit endlich darüber reden können, können wir auch über alles andere sprechen.”
“Wirklich?” Wolken verdunkelten ihr liebenswertes Gesicht. “Man kann dich nicht gerade offen nennen. Trotz der gemeinsamen Jahre kenne ich dich immer noch kaum. Ich habe das Gefühl, als wärst du lediglich bereit, die einfachen Seiten von dir mit mir zu teilen. Alles andere hältst du fest verschlossen.”
Er lehnte seine Stirn gegen ihre. “Ich kämpfe um dich, Vicki. Du musst auch um mich kämpfen.” Das war eine Aufforderung, die nun ungeahnte Folgen nach sich ziehen konnte. Was würde geschehen, wenn sie erfuhr, von wem er wirklich abstammte – ein Geheimnis, das ihn seit seiner frühesten Kindheit belastete, auch wenn er noch so sehr versucht hatte, es zu vergessen?
Calebs gute Stimmung schwand eine Stunde, nachdem er sein Büro betreten hatte. Bei einem sehr wichtigen Fall gab es große Schwierigkeiten, und ihm blieb nichts anderes übrig, als bis ungefähr ein Uhr morgens zu arbeiten, um das Schlimmste zu verhindern.
Müde und hungrig, weil er weder zu Mittag noch zu Abend gegessen hatte, parkte er seinen Wagen auf der Auffahrt zu seiner Villa. Als er den Weg zur Tür hochging, wurde die Vordertür geöffnet, und Vicki erschien. Sie trug eines seiner alten Rugbytrikots und sah zum Anbeißen aus. Trotzdem hatte Caleb kein gutes Gefühl, sie zu sehen. “Warum bist du denn noch auf?”
Vicki bemerkte sofort die Spuren der Erschöpfung auf seinem Gesicht und sagte sich, sie müsse jetzt ruhig bleiben. “Ich habe auf dich gewartet.” Sie schloss hinter ihm die Tür und ging zum Schlafzimmer.
Caleb folgte ihr. “Du bist schwanger. Du brauchst deinen Schlaf.” Sobald er den Raum betreten hatte, begann er, sich auszuziehen.
Vicki legte sich ins Bett und wartete, bis er Schuhe, Gürtel, Jackett und Krawatte abgelegt hatte, bevor sie erneut etwas sagte. “Du tust es schon wieder.”
“Was?” Zerstreut strich er sich das Haar zurück.
Früher hatte sie ihn immer allein gelassen, wenn er in dieser Stimmung war, weil sie vermutete, er sei mit sehr wichtigen Dingen beschäftigt. Doch inzwischen war ihr klar geworden, dass nichts wichtiger war als ihre Ehe. “Das, was uns überhaupt in Schwierigkeiten gebracht hat.”
Er knöpfte sein Hemd auf. “Liebe Güte, Vicki. Ich will einfach nur ein paar Stunden schlafen, und du willst deswegen einen Streit anfangen?”
Sie ballte die Hände zu Fäusten. “Ich versuche nur sicherzustellen, dass wir nicht zweimal denselben Fehler machen. Behandle mich bitte nicht, als wäre ich es nicht wert, dass man mir zuhört.”
“Bitte?” Ärgerlich drehte er sich um. “Ich habe bis ein Uhr morgens geschuftet, und du willst mich ins Kreuzverhör nehmen? Ich mache nur meinen Job! Du weißt genau, dass wir für einige Fälle wochenlang Tag und Nacht arbeiten müssen. Tut mir leid, dass ich dich nicht angerufen habe, aber im Büro war es unglaublich hektisch.”
Vicki entnahm seinen Worten, dass er nicht einmal an sie gedacht hatte, sobald er wieder in der Arbeit gewesen war. Die Erkenntnis tat weh, aber sie wollte davor nicht die Augen verschließen. Calebs Leidenschaft war seine Arbeit, und damit wollte sie sich nicht länger abfinden. “Hör dir bloß mal selbst zu!” Sie warf die Decke beiseite und kniete sich ins Bett. Ihr Bauch schmerzte mit einem Mal, so angespannt war sie. “Ich glaube, ein Mann, der wochenlang Tag und Nacht arbeitet, eignet sich nicht zum Ehemann.”
Er stieß eine Verwünschung aus, zog sich mit einem Ruck das Hemd aus und warf es beiseite. “Was willst du von mir? Soll ich kündigen?”
“Nein. Ich will bloß, dass du nachdenkst!” Um sich zu beruhigen, atmete sie ein paar Mal tief durch. Der Anblick seines straffen muskulösen Körpers ließ sie innehalten, und mit einem Mal fiel ihr wieder ein, wie schön die vorangegangene Nacht gewesen war. Doch sie durfte sich nicht ablenken lassen, dazu war dieses Gespräch zu wichtig. “Wenn du so weitermachst, wie willst du dann jemals ein Vater sein? Oder muss ich beides sein, Mutter und Vater?”
“Du hast schließlich genug Zeit”, antwortete er wütend. “Oder würde das deine Treffen mit irgendwelchen Freundinnen stören?”
Sie schnappte nach Luft und warf ein Kissen nach ihm. “Geh raus!”
“Das werde ich nicht tun! Das ist mein Schlafzimmer.”
“Gut!” Sie stand auf und ging zur Tür. “Dann gehe ich.”
“Vicki”, rief er ihr nach.
Sie war zu wütend, um darauf zu achten. Sie riss die Tür auf und ging zum Gästezimmer. Caleb folgte ihr, schlang die Arme um sie und hielt sie fest. “Jetzt benimm dich nicht so melodramatisch”, sagte er und ärgerte Vicki damit nur noch mehr. “Lass uns ins Bett gehen. Wir sprechen später darüber.”
Wie oft hatten sie das schon gesagt? Enttäuscht darüber, wie wenig bereit er war, auch nur zu versuchen, die Dinge aus ihrer Perspektive zu sehen, befreite sie sich aus seiner Umarmung. “Ich will allein sein.” Sie ging ins Gästezimmer und legte sich mit dem Gesicht zur Wand auf das Bett.
Natürlich folgte er ihr und legte sich neben sie. Sie hörte ihn seufzen. “Tut mir leid wegen des dummen Spruchs vorhin.”
Sie zuckte die Schultern. Eigentlich wusste sie, dass sie sich verletzt fühlte, weil Caleb recht hatte. Sie machte nichts, während er den ganzen Tag arbeitete. “Ich will keine gelangweilte Hausfrau sein”, brach es aus ihr heraus. “Es macht mich wütend, dass du mich so siehst.”
“Entschuldige, Liebling. Ehrlich.” Er legte den Arm um sie.
“Ja, nun, aber es stimmt, nicht wahr? Zu was bin ich denn schon nütze? Zu nichts.”
“Komm schon, Vicki …”
“Vergiss es, Caleb.” Sie war nicht bereit, mit ihm darüber zu reden. Warum hatte sie dieses Thema überhaupt zur Sprache gebracht? “Hör einfach auf, zu drängen, und lass mich nachdenken.”
Sie spürte, dass er sich anspannte. “Damit du dir wieder so etwas Idiotisches ausdenken kannst wie unsere Trennung?”
Erneut flammte ihr Zorn auf. “Du findest es idiotisch, wenn ich arbeiten gehen will?”
“Das habe ich nicht gesagt.”
“Aber so ist es bei mir angekommen. Arme dumme Vicki. Wenn du mich in meinen Bedürfnissen unterstützt hättest, wäre ich vielleicht nie auf die Idee gekommen, die Scheidung von dir zu verlangen.”
“Jetzt ist wohl alles meine Schuld.”
Obwohl sie wusste, wie kindisch das war, erwiderte sie: “Ja.”
“Liebe Güte.” Caleb zog den Arm nicht zurück, den er um sie gelegt hatte, aber Vicki spürte, wie verärgert er war. “Ich bin einfach zu müde zum Streiten.”
“Gut.”
Sie merkte, dass er wenige Minuten später einschlief, während sie, wie ihr vorkam, noch stundenlang wach lag. Wut, Frustration und Eifersucht tobten in ihr, während ihr eine neue Erkenntnis kam. Ihr Mann mochte mit Miranda geschlafen haben und tat das vielleicht immer noch, aber seine Arbeit war seine wahre Geliebte.
Wie sollte sie dagegen ankommen?