Zu viel Mann ist anstrengend
Stress ist ein Lustkiller, darüber besteht Einigkeit. Wenn zu viele Termine und zu große Anforderungen bei zu wenig Schlaf und zu wenig Pausen zusammenkommen, läuft im Bett nicht mehr viel. Ob es die Neunzig-Stunden-Woche ist, die drei kleinen Kinder oder eine Mischung davon – biochemisch betrachtet dämpft das Stresshormon Adrenalin die Sexualhormone Testosteron und Östrogen. Das war’s dann mit der Lust.
Im Urlaub oder wenn ruhigere Zeiten anbrechen, sollte sich das wieder bessern. Doch nicht immer geschieht dies, was daran liegt, dass wir nicht nur auf der oberflächlichen Ebene Stress haben, sondern auch auf einer tieferen – und der hört nie auf. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und haben ihre Normen verinnerlicht. Viele nehmen ihr gedankliches Hamsterrad auch mit in den dreiwöchigen Seychellen-Urlaub. Da liegt man dann im Liegestuhl und jagt schon die Pläne für die Monate nach den Ferien durch den Kopf.
»Zu viel Yang«, würde ein weiser alter Chinese sagen und sorgenvoll den Kopf schütteln. »Zu wenig Yin. Nicht ausgeglichen. Nicht gut!«
Yin und Yang sind zusammengehörige, unterschiedlich wirkende Prinzipien, mit denen Gegensätze im Universum beschrieben werden. Sie können uns wertvolle Dienste leisten, um zu verstehen, woran unser Sex möglicherweise krankt. Yang steht für männlich und aktiv, Yin für weiblich und passiv. Tag und Nacht, hell und dunkel, Ein- und Ausatmen sind weitere Gegensatzpaare, wobei der Übergang zwischen den Polen fließend ist. Das Ziel ist nicht, eines der beiden polaren Prinzipien strikt zu vermeiden und zu versuchen, das jeweils andere zu erreichen – so wie es bei Gut und Böse der Fall ist –, sondern sie in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen, da nur so dauerhaft Energie fließt. Doch ausgewogen sind diese beiden Pole in unserem modernen, alltäglichen Leben nicht. Wir kennen es alle: übersteigertes Yang, also Anforderungen, Termindruck, Hektik, Stress, Lautstärke – und zu wenig Yin, mithin Entspannung, Schlafen, Genießen, Stille. Das ist kein Leben, das man sich auf Dauer wünscht, das macht unzufrieden und krank.
Schieflage auch im Bett
Yin ist, wie gesagt, weiblich, Yang ist männlich. Früher waren diese Polaritäten im Sex eindeutig verteilt: Der Mann sagte an – und die Frau fügte sich. In allen Macho-Kulturen ist das auch heute noch so.
In modernen Gesellschaften können wir erkennen, wie die Gleichberechtigung vorangekommen ist: Die Frauen werden nicht mehr unterdrückt, sie dürfen auch wie Männer sein. Vergleicht man alte Action-Filme mit modernen, kann man das besonders gut erkennen: Einst waren Frauen das dekorative Element oder mussten gerettet werden. Heute wird es als sexy wahrgenommen, wenn sie mit den größten Knarren fleißig mitballern und auch mal einen Mann aus den Klauen des Feindes befreien.
Im Sex gibt es dieses Ungleichgewicht ebenso, das Yin hat sich unbemerkt verflüchtigt: Frauen sollen im Sex aktiv sein, fast an der Grenze zur Aggressivität, dazu noch aufreizend super-weiblich. Der Mann muss Leistung bringen, und er soll auch einfühlsam und ausdauernd zärtlich sein. Auch die scheinbar weiblichen Qualitäten sind allesamt mit Ansprüchen besetzt! Und damit wird Sex endgültig zur anstrengenden Angelegenheit. Man muss grandios im Bett sein, Orgasmuspflicht ist selbstverständlich. Weitere Forderungen kommen dazu: »Zeig mir, dass du es genießt, sei ein Luder. Hast du Lust auf mich, bist du geil?« Natürlich soll der Sex auch noch spontan passieren, wild und ekstatisch oder romantisch und unvergesslich sein. Unbewusst sind wir ständig beschäftigt, unzählige Bedürfnisse zu erfüllen, die eigenen und die des Partners. Das verkörpert alles eher den Yang-Pol. Yin würde beim Liebesspiel zum Beispiel als tiefe Hingabe zum Ausdruck kommen. Aber die hat keinen Platz mehr in der Erotik, dafür müsste man nämlich die Erwartungen an tollen Sex loslassen.
Wo ist das Yin geblieben?
Wir können es nicht ausschalten, letztlich bricht es sich doch Bahn – in Form von Erschöpfung und Lustlosigkeit. Und es antwortet auf die Frage: »Bist du geil?« mit: »Ich will meine Ruhe haben, lass mich schlafen.« Oder als letztes Zugeständnis: »Lass uns kuscheln.«
Von vielen, die in Sachen Sex Rat geben, wird dieses Ungleichgewicht mittlerweile sehr wohl erkannt. Und Entspannung empfohlen, autogenes Training, mal wieder Urlaub machen. Atemübungen. Das ist alles wunderbar und richtig, aber im Grunde sind es hilflose Tipps. Yin und Yang muss in der Sexualität selbst stattfinden, und zwar in einem guten Gleichgewicht, dann taucht die Lust auch wieder auf.
Yin und Yang in der Erotik
Um dem Yin-Pol in der Sexualität einen angemessenen Platz einräumen zu können, sollte man sich Gedanken darüber machen, was von unseren sexuellen Aktivitäten eher dem Yin und was eher dem Yang zuzuordnen ist.
Zum Yang-Pol gehört natürlich alles, was mit Machen, Denken, Wollen und hoher Erregung zu tun hat: Sex im Kopf, erotische Fantasien, aufregende Spiele und der Reiz des Neuen und Verbotenen. Yang-Sex braucht diese hohe Spannung, seine Essenz ist das Erobern, er kommt völlig ohne Liebe aus, die erotische Anziehung genügt. Sichere Merkmale von Yang-Sex sind drängende Ungeduld und häufig wechselnde Partner. Mit viel Yang-Energie steht man auf pure Leistung: »War ich gut? Wie oft bist du gekommen?«
Dem Yin-Pol kann man alles zuordnen, was mit Geschehenlassen, Fühlen, einem Sich-Öffnen und Genießen zu tun hat: den ganzen Körper erotisch empfinden, sich aufmerksam spüren, sich liebevoll anfassen, Kuscheln, Streicheln, bewusstes Atmen, entspanntes Wohlfühlen. An die Stelle der hohen Spannung tritt ein umfassendes Berührtsein, körperlich und seelisch, eine erotische Grundwärme, ein warmes Hingezogensein, ein inneres Aufmachen. Die Essenz von Yin-Sex ist die Intimität. Auf diese Weise Liebe zu machen verbindet die Partner und stärkt die Nähe zwischen ihnen. Da eine tiefere Begegnung stattfindet, geht’s nicht ohne Liebe.
Um es noch mehr zu verdeutlichen:
Yang-Energie strebt nach Selbstbestätigung, Yin-Energie fördert Innigkeit. Im Yang-Sex will man die Penetration, im Yin-Sex strebt man nach Vereinigung. Yang-Sex ist faktisch und auf Ergebnisse gerichtet, steuert zielgerichtet auf den Orgasmus zu – Augen zu und durch. Im Yin-Sex genießt man es, in der Gegenwart zu verweilen, es ist ein Innehalten, ein In-Kontakt-Sein mit dem Partner.
Dabei, wenn man ehrlich ist, klingt nur der testosterongesteuerte Yang-Sex nach richtigem Sex – und Yin-Sex eher nach langweiliger Kuschelei. Das mag an dem Bild liegen, das wir von Sex haben und das von den Unterhaltungsmedien genährt wird. Doch dies ist nicht die ganze Wahrheit. Der Yang-Sex ist so populär, weil man damit Emotionen abwehren kann. Bloß keinen Augenblick verweilen, sonst können Gefühle einsickern, bloß keiner Stille Raum geben, in der man schwach werden könnte, bloß keine Hingabe zulassen, sonst verliebt man sich vielleicht wirklich.
Für unsere Seele ist nicht der Yin-Sex langweilig, sondern genau der andere Pol. Turnübungen mit Ego-Show? Nein danke. Unsere Seele sehnt sich nach Gefühlen.
Frauen wollen Sex mit
Gefühlen –
und Männer tief drinnen auch
»Trau keinem Wesen, das einmal im Monat blutet, ohne daran zu sterben!« Der flapsige Spruch klingt harmlos, aber er spiegelt trotzdem wider, dass das Geheimnis der Fruchtbarkeit und der weiblichen Sexualität für Männer unheimlich war und es immer noch ist, aufgeklärt wie wir sind. Für viele ist alles Weibliche bedrohlich, selbst wenn sie es nicht einmal bewusst wahrnehmen, und deshalb scheuen sie Intimität wie der Teufel das Weihwasser.
Das liegt auch daran, dass Männer von Frauen geboren werden und im Laufe der Zeit lernen müssen, sich vom Weiblichen abzugrenzen, um zum Mann zu werden. Als kleine Jungen sind sie meist von einer weiblichen Übermacht umgeben, noch immer sind die Väter viel zu selten anwesend. Je unsicherer ein Heranwachsender sich seiner Männlichkeit ist, desto eher wird er in der Gruppe mit Gleichaltrigen Kraftmeierei üben. Indem er verächtlich über Mädchen spricht, versucht er sich stark zu fühlen. Emotionen sind selbstverständlich tabu – sie zu zeigen wäre unmännlich und ein Zeichen von Schwäche.
Gleichzeitig zieht es die jungen Männer wahnsinnig zu diesen so andersartigen Wesen hin. Wobei das überreichlich produzierte Testosteron sie nicht unbedingt an Liebe denken lässt, sondern an Sex! Sex! Sex! Sie fühlen sich unwiderstehlich angelockt – und gleichzeitig bedroht.
Dieses Dilemma lösen Männer häufig, indem sie Sex haben, aber ohne sich wirklich auf die Partnerin einzulassen. Die Abgrenzung findet im Dichtmachen statt, im Abschneiden von Gefühlen. Es ist cool, Frauen am besten ein wenig zu verachten und »es ihnen richtig zu besorgen«. Man will sich im Sex beweisen, versucht ein Spitzen-Lover zu sein, lässt aber die Frau innerlich nicht an sich heran. Heraus kommt ein mechanischer Akt, der Versuch, sich gleichzeitig abzugrenzen und zu verbinden, sozusagen Gaspedal und Bremse mit voller Kraft zu treten.
Sex ohne Gefühle ist ein mieser Kompromiss, ein Beharren auf einer reduzierten Männlichkeit, die sich nicht einlassen will. Die nicht wirklich souverän, sondern kalt und seelenlos ist. Wenn es dabei bleibt, ist es kein Wunder, dass der Sex in einer Beziehung einschläft. Frauen wollen eine Erotik mit Gefühlen – und Männer in ihrem Innern ja auch …
Die ausgesperrten Emotionen sind nicht allein ein Männerthema, treten aber bei ihnen häufiger in Erscheinung. Auch Frauen können sehr abgrenzend sein – vor allem, wenn sie unverarbeitete psychische Leiden mit sich herumtragen. Wobei diese nicht immer aus der eigenen Geschichte herrühren müssen. Viele Frauen fühlen sich stark in Tragödien ihrer Geschlechtsgenossinnen ein, empfinden kollektive Schmerzen. Gewalt und vor allem sexuelle Gewalt gegen Frauen war und ist immer noch ein Grund, Männern gegenüber ablehnend zu sein. Die wenigsten Frauen gehen unbelastet in sexuelle Begegnungen. Ihr Spagat besteht darin, den Mann in ihrer Vagina willkommen zu heißen und gleichzeitig ihre nur halb bewusste Wut und ihre alten Narben nicht zu fühlen. Vergleichbar ist das mit einer Einladung, bei der man den Gast im Hausflur stehen lassen und dort bewirten muss, weil die Zimmer verschlossen und voller Gerümpel sind. Frauen leben oft nur ihre halbe Weiblichkeit, können sich nicht wirklich hingeben, weil sie – häufig verständlich – den Männern nicht vertrauen.
Beide Geschlechter können so eine Yang-betonte Sexualität bevorzugen – weil das Yin zu gefährlich erscheint oder zu schmerzhaft ist. Man benützt die Genitalien dazu, angenehme Gefühle zu erzeugen. Aber es bleibt unbefriedigend, denn die Seele hat in einer solchen Sexualität wenig Raum. Und eine Seelenverbindung wünschen wir uns alle, selbst die härtesten Männer und auch die sehr verletzten Frauen.
Wenn man das Gleichgewicht wiederherstellt, den Yin-Pol stärkt, öffnet sich das Tor zu wirklicher Befriedigung und tiefer Verbundenheit. Eine derartige Sexualität macht uns menschlicher.
Die Sehnsucht danach treibt uns schon um, wenn auch unser modernes Leben mit der Hypothek der Vergangenheit es uns nicht einfach macht. Die meisten Männer wollen sowieso keine harten, eiskalten Typen mehr sein. Sie wollen modern und kooperativ sein, gute Beziehungen leben, sich um ihre Kinder kümmern. Sie wollen den Frauen entgegenkommen, distanzieren sich von ihrer triebhaften Natur, versuchen sich als geduldige Liebhaber zu beweisen. So strengen sie sich an, ihre männliche Energie zu zügeln, zu leugnen, zu verdrängen. Was vielfach nur bedingt funktioniert. Nicht wenige »Saubermänner« werden am Ende doch wieder bei zügellosen Sexspielen ertappt. Und wenn es tatsächlich gelingt, den wilden Mann dauerhaft in den Keller zu sperren, fehlt etwas im Sex, nämlich die kraftvolle männliche Energie.
Und die Frauen? Lange genug sind sie unterdrückt worden, jetzt nehmen sie die Gleichberechtigung ernst, drängen überall nach vorne, erstürmen die Domänen der Männer – und eignen sich all ihre schlechten Angewohnheiten an. Täten sie es nicht, wären sie die ersten Verlierer, die nicht die Methoden der Sieger kopieren. Und in der Liebe wollen sie auch keineswegs mehr nur die Beine breit machen. Viele Frauen plagen sich mit ambivalenten Emotionen: Sie fühlen sich stark und sexy, wenn sie aktiv im Bett sind, zugleich verspüren sie eine tiefe Sehnsucht danach, sich hinzugeben, was in gefährlicher Nähe dazu liegt, passiv zu sein oder sich zu unterwerfen.
Und so sind wir auf der Suche danach, was heutzutage weiblich und was männlich ist und wie wir es leben wollen.
Sexuelle Heilung
Ist das nicht eine inspirierende Vision: Frieden im Herzen und Ekstase im Bett? Damit sie wahr werden kann, gilt es als Erstes, Vertrauen zu lernen. Und es ist eine Yin-betonte Sexualität, die dies am ehesten ermöglicht. Wenn sich Männer (und Frauen) intensiver einlassen und Frauen (und Männer) ihre seelischen Schmerzen überwinden, versöhnen wir uns auf einer grundlegenden Ebene miteinander – und auf dieser dürfen Männer männlich sein und Frauen weiblich. Ein Mann, der mit seinen Gefühlen in Verbindung ist, kann sogar dominant sein. Aber er wird seinen Penis nicht als Waffe einsetzen, um die Frau zu beherrschen, sondern als einen Zauberstab, der beide glücklich macht. Und wenn eine Frau sich geehrt und beschützt fühlt, kann sie sich völlig hingeben, ohne sich zu verlieren. Sie wird den Mann einladen, ihn in ihrer Vagina aufnehmen und willkommen heißen. Wenn eine Frau geliebt wird, lässt sie sich mit Vergnügen stürmisch überrollen. Wenn sie sich gemeint fühlt, ist auch seine ungezügelte Männlichkeit eine reine Wonne für sie.
Dann fließt nämlich Energie, und jetzt richtig.
Aber seien Sie vorbereitet: Wenn Sie aus dem Leistungssex aussteigen, fallen die Masken. Nähe schafft Ehrlichkeit, und möglicherweise tauchen alte Kränkungen auf. Häufig steckt die wunde Weiblichkeit dahinter, die noch viel Heilung braucht. Natürlich ist es nicht angenehm, wenn individuelle – und kollektive – Schmerzen an die Oberfläche gelangen. Aber sehen Sie es als Chance: Dadurch, dass wir uns dem Leid stellen, können wir es überwinden und zu unserem ekstatischen Potenzial im Hier und Jetzt finden.
Männer müssen die Verletzungen und die unendliche Wut der Frauen akzeptieren, selbst wenn sie sich unschuldig fühlen, und sich ihrer Angst vor allem Weiblichen stellen. Sie können dadurch weich und hingebungsvoll sein und zugleich Männer bleiben.
Frauen müssen den Mut aufbringen, sich trotz ihrer Wunden und ihrem oft berechtigten Misstrauen hinzugeben, zu vertrauen und zu vergeben. Damit können sie ihre destruktive Wut zügeln und zu ihrer weiblichen Kraft finden.
Den Boden für Heilung bereitet ein »weiblicher« Umgang in der Partnerschaft. Das bedeutet:
• Hören Sie auf, alles
ausdiskutieren zu wollen,
und versuchen Sie, Gefühle gemeinsam anzuerkennen.
• Lassen Sie sich beim Handeln nicht von Schmerz
und Zorn leiten, sondern von der Absicht,
sich aufrichtig zu versöhnen.
• Taktieren Sie nicht, verzichten Sie darauf, recht haben
zu wollen. Sagen Sie stattdessen von innen heraus Ja
zu dem, was ist.
Diese innerliche Haltung bereitet die Basis dafür, sich auf die Yin-Sexualität einlassen zu können. Und damit gelangen Sie vom Orgasmus zur Ekstase, von der Penetration zur Vereinigung, vom Geschlechterkampf zur Liebe – und gehören zur Avantgarde einer neuen Beziehungskultur. Eine Sexualität mit Leib und Seele schafft Versöhnung in den Betten und eine wirklich neue Mann-Frau-Partnerschaft, die lustvoll, kraftvoll und friedlich ist.