Problem? Was für ein Problem?
Come on baby, let’s have some fun! Loslegen und viel Spaß haben! Das ist ein häufig geäußerter Wunsch in Bezug auf Sex. Verständlich ist er schon. Was wäre es doch angenehm, einfach nur unkomplizierten, unverbindlichen und lustvollen Sex zu genießen. Aber Sexualität ist kein seichtes Vergnügen, sie ist eine sehr starke Energie, verbunden mit all unseren Emotionen und unserer persönlichen Geschichte. Sie ruft sämtliche Gefühle und Erinnerungen in uns hervor, die in unserem Körper gespeichert sind. Der Versuch, die Sexualität zum Spaß zu erklären und sie auf ein paar nette Empfindungen zu beschränken, ist, als reduziere man eine klassische Symphonie auf einen Handyklingelton. Und vielleicht ähnlich naiv, wie wenn man Spiegeleier auf einem Vulkan braten möchte.
Natürlich sind wir nicht gerade begeistert, wenn die schönste Nebensache der Welt schwierige Gefühle in uns weckt. Aber diese zu ignorieren führt oft zu rätselhaften Problemen. Der Körper kann der Stimme der Seele direkt Ausdruck verleihen und einfach Nein sagen. Vaginismus, der schmerzhafte Scheidenkrampf, der ein Eindringen des Penis unmöglich machen kann, ist ein Beispiel für ein solches Nein. Ebenso viele Potenzstörungen. Doch selbst wenn der Körper kerngesund und »funktionsfähig« ist, gibt es dieses Nein: »Schatz, ich kann heute nicht!« Oder es heißt: »Ich will jetzt einfach nicht!« Oder: »Fang nicht schon wieder damit an!« Oder man schweigt und zieht sich zurück.
Psychische Ursachen für ein Nein im Bett können in der Vergangenheit liegen oder mit dem aktuellen Beziehungsgeflecht zu tun haben. Meist ist es eine Mischung aus beidem. Bekannt ist jedenfalls, dass sich bei seelischen Störungen oft als Erstes die Sexualität verabschiedet. Da heißt es dann vielleicht: »Ich kann doch nicht mit ihm schlafen, als wäre nichts gewesen!«
Im Gegensatz dazu kann mit einer funktionierenden Sexualität aber auch so manches Problem zugedeckt werden. Frauen, die missbraucht wurden, gestalten Sex häufig mechanisch – ihre Gefühle haben sie dabei in den Katakomben ihrer Psyche verstaut. (Womöglich tauchen sie später als Rachegespenster oder Depressionen auf, sobald die Verdrängung brüchig wird.) Dieses Vorgehen findet sich ebenfalls bei Frauen, die sich völlig unattraktiv finden.
Sex-Tipps sind meist der erste Versuch, das Liebesleben zu therapieren. Aber einen emotional verletzten Menschen damit heilen zu wollen ist so, als würde man einen Knochenbruch mit 100-Meter-Sprints behandeln.
Rat-Schläge von guten Freunden werden nicht ohne Grund als Schläge empfunden, besonders wenn sie wenig einfühlend sind:
»Du musst positiv denken!«
»Alles, was sie bräuchte, wäre wieder mal richtig gut durchgevögelt zu werden.«
»Er sollte sich einfach wie ein Kerl benehmen!«
Auf diese Weise ist sexuelle Heilung nicht zu erreichen. Dafür muss man sich trauen, tiefer zu gehen.
Wenn Eltern eine Bürde sind
Fragt man danach, wie als Kind die Sexualität der Eltern erlebt wurde, sind Aussagen wie diese nicht selten:
»Ich kann mir meine Eltern beim besten Willen nicht beim Sex vorstellen, der Gedanke ist völlig absurd. Das ganze Thema gab es einfach nicht bei uns zu Hause. Ich selbst kann heute noch nicht richtig über diese Dinge reden, obwohl ich über dreißig bin.«
»Manchmal hörte ich dumpfe Geräusche, unterdrückte Laute aus dem Schlafzimmer meiner Eltern. Dann zog ich mir die Decke über den Kopf, es klang bedrohlich.«
»Meine Mutter meinte einmal, man kann einen Mann nicht ständig abweisen, manchmal muss man ihn halt ranlassen.«
Wenn Heimlichkeiten und Peinlichkeiten in Ihrer Kindheit wie schlechte Luft alles umgaben, was mit Sexualität zu tun hatte, brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn Sie das Gefühl haben, zu ersticken, sollten Sie über Erotisches sprechen müssen. Scham ist eine höchst unangenehme Empfindung, der wir gern versuchen, aus dem Weg zu gehen.
Wenn Sie beginnen, über Sex zu reden, hat das Vermeiden ein Ende, wobei Sie aber zugleich den in Ihnen schlummernden Drachen der belastenden Gefühle wecken – doch nur so können Sie ihn auch besiegen. Wenn hingegen beide Partner einvernehmlich schweigen, wird Ihr Sex über ein Minimalprogramm nicht hinauskommen. Bringen Sie den frischen Wind, der sich in guten Gesprächen entwickelt, dazu, den Mief Ihrer Kinderstuben wegzuwehen. Üben Sie, ein wenig frech und zugleich gefühlvoll über Sex zu reden. Tauschen Sie sich mit dem Partner über die erotischen Erfahrungen aus, die Sie in der jeweils eigenen Familie gemacht haben, auch wenn sie noch so schwierig waren.
Und anschließend versuchen Sie, behutsam darüber hinauszuwachsen. Wagen Sie etwas in der Sexualität, selbst wenn Ihre Mutter das niemals getan und sicher missbilligt hätte. Sprechen Sie über Ihre erotischen Wünsche und Empfindungen, selbst wenn der Vater der Meinung war, dass sich das nicht gehört. Sollten Ihre Eltern »nur« verklemmt gewesen sein, ansonsten aber liebevoll, wohlmeinend und unterstützend, müssten Sie die Türen zu mehr erotischem Glück mit gutem Willen, Anleitung und ein bisschen Mut und Experimentierfreude recht einfach öffnen können.
In vielen Elternhäusern ist aber einiges mehr schiefgelaufen.
Es gibt leider vieles, was auf dem Rücken von Kindern ausgetragen wurde. Da wurden Scheidungskriege geführt, in die man die Tochter oder den Sohn hineingezogen hatte, auch indem man sie zu Ersatzpartnern oder Komplizen machte. Kinder können in schwierigen Beziehungen übermäßig verwöhnt, aber auch extrem vernachlässigt worden sein, bis hin zu Misshandlung oder Missbrauch in den vielfältigsten Formen: »Meine Mutter kam oft zu mir ins Bett, weil sie da vor meinem Vater sicher war, wenn er getrunken hatte und Sex wollte.«
Die Dynamik, die in einer Familie herrschte, musste nach außen hin gar nicht so dramatisch gewirkt haben, es genügte, wenn man es so als Kind wahrgenommen hatte. »›Werde bloß nicht wie dein Vater‹ war ein Spruch aus meiner Kindheit, der mich völlig verwirrte, weil ich meinen Erzeuger ab meinem sechsten Lebensjahr nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Ich wusste nur, dass ich irgendetwas nicht sein durfte, sonst würde mich meine Mutter nicht mehr lieben.«
Alles, was uns kränkt und verletzt, verwirrt und verstört, wütend macht und einsam, führt dazu, dass wir uns schützen und Mauern um uns bauen. Unserem Partner vertrauen wir nach solchen negativen Kindheitserfahrungen dann genauso wenig wie den Eltern.
Häufig beobachtet man, dass vieles, was Menschen mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil erlebt haben, ihr Selbstbild prägt. Und vieles, was wir mit dem gegengeschlechtlichen Elternteil erfahren haben, suchen wir unbewusst bei unserem Partner.
Seien Sie ehrlich und wachsam, wenn Sie aus einer pro-blematischen Familie stammen. Pflegen Sie Ihre eigene Partnerschaft gut – sich selbst und Ihren Kindern zuliebe. Schauen Sie sich Ihre Eltern genau an. Sie können sich freuen, wenn Sie deren gute Eigenschaften übernommen haben. Aber richtig stolz dürfen Sie sein, wenn es Ihnen gelingt, deren Schattenseiten abzulegen.
Erfüllung statt Pflichterfüllung
Jeder partnerschaftliche Konflikt spiegelt sich in der Sexualität. Das bedeutet nicht unbedingt, dass erotisch nichts läuft – es gibt Beziehungen, die man kaum noch so nennen kann und in denen einzig der Sex funktioniert. Diese Verbindungen können sogar äußerst stabil sein, weil sich die Partner in ihrer jeweiligen neurotischen Struktur ergänzen. Aber an diesem Punkt stellt sich die Frage, was für eine Sexualität man leben möchte. Genügt es einem, sich gegenseitig zu »gebrauchen«? Sicher ist: Je mehr ungelöste Probleme in Ihrer Partnerschaft untergründig wirken, desto weniger ist wirkliche Intimität möglich. Keiner wird sich öffnen, wenn emotionale Grundbedürfnisse wie Vertrauen nicht gegeben sind.
Wenn Sie Sex als Ausdruck von Liebe und Verbundenheit leben und erleben möchten, wenn Sie Erfüllung anstatt Pflichterfüllung suchen und sich Weiterentwicklung statt Weitermachen wünschen, dann sollten Sie sich behutsam mit einigen tieferen Regionen Ihrer Psyche beschäftigen.
Ich bin ich, und ich will dich
Wer seine Grenzen nicht kennt, kann sie nicht schützen und kein autonomes Körper-Ich aufbauen – ein häufiges Thema bei Frauen. Viele wurden als Mädchen dazu angehalten, sich selbst zu verleugnen.
»Gib dem guten Onkel die Hand«, sagten die Eltern, auch wenn man den schwitzenden, nach Rauch stinkenden Verwandten schrecklich fand. Ihm doch die Hand hinhalten zu müssen war bereits eine Verletzung der eigenen Grenzen und eine subtile Form von Missbrauch, selbst wenn der Mann tatsächlich ein herzensguter Onkel war, der niemals einen sündigen Gedanken hatte. Bei einem Jungen hätte man eher toleriert, wenn er seine Hand in der Hosentasche vergraben hätte, statt sie zum Gruß zu reichen. »Mädchen sollen lieb sein«, das ist die Botschaft, die bei solchen Gelegenheiten gelernt wurde. Auf einer tieferen Ebene bedeutet das: »Ignoriere deine eigenen Bedürfnisse.« In solchen Situationen distanziert sich ein Kind von seinen körperlichen Wahrnehmungen, spaltet sie ab, weil sie unangenehm sind.
Dramatische Formen nimmt dieser seelische Rückzug bei sexuellem Missbrauch an, und besonders schlimm ist, wenn dieser durch ein männliches Familienmitglied erfolgt und vielleicht auch noch von der Mutter ignoriert oder geleugnet wird. Für diese Mädchen und späteren Frauen ist der Aufbau eines autonomen Körper-Ichs Schwerstarbeit, aber unbedingt notwendig, um die eigenen sexuellen Wünsche und Bedürfnisse überhaupt spüren zu können. Sie müssen ihren Körper erst wieder in Besitz nehmen, bevor sie ihn in den Dienst einer Liebesbeziehung stellen können.
Aber auch Frauen, die sehr behütet aufgewachsen sind, kennen Situationen, in denen sie sich ihrer Grenzen unsicher sind. Wenn man sich emotional öffnet, kann das leicht dazu führen, dass man Dinge zulässt – und sogar meint, sie wirklich zu wollen, obwohl man sie später bereut: »Er hat mir so viel Persönliches von sich erzählt, wie einsam er als Kind war, und dann fing er plötzlich an mich zu streicheln. Ich ließ es geschehen, weil ich nicht wusste, wie ich reagieren sollte. Ich wollte ihn doch nicht verletzen.«
Frauen werden schnell weich, wenn sie Mitleid haben, wenn sie meinen, ein Missverständnis selbst verschuldet zu haben, wenn sie mit Intimität geködert werden oder wenn sie selbst bedürftig sind – als Single oder vernachlässigte Frau. Dann kommt es nicht selten zu Sex, den sie hinterher bereuen.
Sie müssen Nein sagen, wenn Sie ein Nein spüren: »Es tut mir leid, ich habe es mir anders überlegt.« Sie müssen Einhalt gebieten, wenn Sie unsicher sind: »So nicht, wir müssen reden.« Das ist die unabdingbare Selbstbestimmung, die Ihnen erlaubt, ein Nein sagen zu können, wenn Sie auch ein Nein meinen – und dies gibt Ihrem Ja erst Kraft.
Wenn Frauen diese Autonomie fehlt, wenn sie kein starkes Ja haben, wissen sie selten, was sie sich von ihrem Partner wünschen. Und so orientieren sie sich an ihm: »Mir wurde klar, dass alles, was ich im Sex tat, jede Bewegung, jeder Laut, darauf zurückzuführen war, was er wohl erwarten würde … Bei dem Gedanken, was ich denn jetzt will, bin ich völlig zusammengeklappt. Da war nichts anderes als ein Vakuum, ein schwarzes Loch.« Eine solche fehlende Wahrnehmung der eigenen Wünsche ist keine Basis für ein erfüllendes erotisches Zusammensein.
Autonomie ist keine Form von Zickigkeit, sondern ein In-sich-Ruhen. Damit fällt es leicht, dem Partner die gleichen Rechte zuzugestehen, ehrlich zu sein und die eigenen Vorstellungen ins erotische Spiel zu bringen – das ist eine viel bessere Ausgangssituation für die Lust, als nur zu tun, was der Partner erwarten könnte: »Zum ersten Mal habe ich sie als Frau wirklich in ihrer Lust gespürt, plötzlich war sie da und wollte was von mir!«
Natürlich führt es auch zu Konflikten, wenn Frauen selbstbewusst dafür einstehen, was sie sexuell möchten. Solange sie nur Ja und Amen zu allem sagen, was im Bett läuft, hat der andere leichtes Spiel. Aber sich mit den tatsächlich vorhandenen Differenzen auseinanderzusetzen bringt beiden Partnern langfristig Gewinn – im Gegensatz zu der schleichenden Unlust, die damit einhergeht, dass eine Frau ein schwaches Körper-Ich hat.
Männer können ebenfalls seelisch missbraucht und in ihren Grenzen verletzt worden sein – was sich nicht selten in Beziehungen zu dominanten Frauen widerspiegelt. Für sie gilt das Gleiche wie für betroffene Frauen – Autonomie üben.
Das tun Sie, indem Sie aktiv in sich hineinspüren und herausfinden, was Sie wirklich möchten. Danach müssen Sie sich trauen, diese Wünsche anzumelden. Selbstliebe ist ein guter, weil sicherer Einstieg, den eigenen Körper besser kennenzulernen. Damit Ihr Nein und Ihr Ja selbstbewusst und kraftvoll sind.
Hemmungslos und wild und bunt
Warum wird wilder und ekstatischer Sex so sehnsüchtig gewünscht und so selten gelebt?
Normalerweise deshalb, weil wir alle sehr kontrolliert sind. Damit fährt man nicht schlecht im Büro oder im Straßenverkehr oder bei vielen anderen Gelegenheiten, aber im Sex? Wenn wir wirklich ganz tief genießen wollen, ist loslassen angesagt. Beim Orgasmus verlieren wir für Sekunden die Kontrolle über uns selbst, und vielleicht ist das kein unwichtiger Grund, sich nach dem »kleinen Tod« (»la petite mort«) zu sehnen, wie Franzosen den Orgasmus auch nennen.
Alles im Griff haben zu wollen, nicht abschalten zu können, macht die Sexualität unlebendig und mechanisch. Alkohol und andere Rauschmittel werden häufig genutzt, um die Kontrolle zu lockern, aber sie sind zwiespältige Helfer. Wer damit umgehen kann, kann sie ruhig einsetzen. Aber ein Glas zu viel und man tut vielleicht Dinge, die man lieber nicht getan hätte.
Wenn Sie gern ein wenig hemmungsloser im Bett wären, überhaupt lockerer, lustiger, lebendiger werden möchten, dann sollten Sie ernsthaft üben, Vertrauen zu entwickeln – zu sich selbst, Ihrem Körper, dem Leben an sich.
Jede Verlangsamung im Sex erlaubt uns, den Punkt zu spüren, wo wir uns entscheiden können zwischen einem kontrollierten Weitermachen wie gewohnt oder einem Sich-mehr-Hingeben. Probieren Sie es aus, atmen Sie öfter einmal tief durch und geben Sie sich einen kleinen Schubs. Lassen Sie los!
Außerhalb der Sexualität können Sie Vertrauen üben, indem Sie Ihren Körper überhaupt besser kennenlernen und ihn stärker einsetzen. Freies Tanzen, alles, was mit spielerischer Improvisation zu tun hat, hilft Ihnen dabei. Wichtig ist auch, richtig zu atmen, Energie aufzubauen und kräftige Beckenbewegungen auszuführen – so bringen Sie sich näher an Ihr ekstatisches Potenzial.
Viele verschiedene Körpererfahrungen können Sie im sicheren Raum mit sich allein ausprobieren oder in einer Gruppe: »Erst dachte ich, ich werde mich endlos blamieren, als ich hörte, dass wir bei der Theaterimprovisation wilde Raubtiere spielen sollten. Am Ende war ich richtig heiser, aber ich habe mich selten so lebendig gefühlt.«
Sieht aus wie Sex, ist aber etwas anderes
Am schönsten ist Sex, wenn er Ausdruck von Liebe ist. In dieser reinen Form ist er eine Kostbarkeit. Er nimmt sehr schnell andere Schattierungen an, abhängig davon, wie die jeweiligen Partner psychisch gestrickt sind. Vieles davon ist menschlich sehr verständlich, macht den Sex aber dennoch schlechter.
Manche Männer kanalisieren all ihre Bedürfnisse, Wünsche und unverarbeiteten Gefühle, ihren Stress, Frust und Ärger in ihren Schwanz, aus dem einfachen Grund, weil es da einen Ausgang für diese Dinge gibt. Der übersichtliche Ablauf von Spannung – Ejakulation/Orgasmus – Entspannung ist ein bequemer und verführerischer Weg, alles, was Anspannung verursacht, mit Sex lösen zu wollen. Und Spaß macht es auch noch. Sich mit Sex abzureagieren gilt als völlig normal, und die Männer fühlen sich in diesem Zustand meist super – angespitzt, aktiv, unter Strom, also männlich. Und sie sind total genervt, wenn die Frauen »herumzicken« – sprich: keine Lust haben.
Es mag üblich sein, als Mann mit Sex Dampf abzulassen. Die Frau hat leider nicht viel Freude dran. Erstens ist sie diejenige, die diese druckvolle Energie in sich aufnehmen muss. Sie spürt intuitiv, das ist nicht Liebemachen, das ist Müll abladen. Zweitens fühlt sie sich nicht gemeint, wenn er vor aufgestauter Geilheit zittert – und sie ist auch nicht gemeint. Drittens gibt es nichts Unerotischeres als einen bedürftigen Mann. So sagt sie immer häufiger Nein, zeigt sich müde und desinteressiert. Das ist nicht der Sex, den sie sich wünscht.
Sie brauchen als Mann kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn es für Sie selbstverständlich ist, sich über Sex zu entlasten. Aber finden Sie als Paar neue Wege, um damit umzugehen: weniger vaginalen Verkehr, dafür mehr Selbstliebe, gern assistiert von der Partnerin. Oder es gelingt Ihnen, sich mit den ruhigeren Varianten des Liebesspiels anzufreunden.
Ungewöhnlich ist auch nicht, dass Sex die Funktion einer Tauschware haben kann. Das bedeutet, dass einer der Partner kein wirkliches Interesse hat, heimlich auf die Uhr schauen und Ekstase vortäuschen wird, damit es schneller vorbei ist: »Ich bräuchte es zwar nicht, aber für ihn ist es enorm wichtig. Da ist er danach einfach besser gelaunt!« Sex, um mehr Harmonie in der Beziehung herzustellen, ist verständlich und vertretbar. Schwieriger wird es, wenn es heißt: »Was bekomme ich dafür, wenn ich mit dir schlafe?«
Sogar als Waffe wird Sex missbraucht. Männer üben Macht aus, indem sie die Rute schwingen. Frauen drohen mit Sexentzug oder benützen kleine Schwächen ihres Partners, um ihn zu demütigen. Wenn es so weit ist, wird kein Sex-Ratgeber die Beziehung mehr verbessern können.
Therapie ist Lebensqualität
Beschäftigt man sich mit psychischen Problemen von Menschen, beschleicht einen nicht selten das deprimierende Gefühl, ins Bodenlose zu blicken. So viele Verletzungen, und so träge ist der Mensch, Veränderung ein so zäher Prozess.
Trotzdem, die Liebe lebt, die Menschen zieht es zueinander hin. Viele schaffen es trotz unsäglicher Erfahrungen, ein gutes Leben zu führen, auch wenn sie nicht alle seelischen Knoten auflösen können.
Es ist wichtig, Therapie nicht als letzten Ausweg, als schreckliche Niederlage zu betrachten, weil man allein nicht weiterkommt. Oder als ein Eingeständnis, dass man schwer defekt ist. Sehen Sie es so: Therapie ist ein Luxus, den wir uns zugestehen, um besser leben zu können. Das Auto fährt man auch in die Werkstatt, wenn etwas klappert. Man wartet nicht, bis es völlig fahruntüchtig ist, oder?
Holen Sie sich professionelle Hilfe, wenn Sie sie brauchen. Wägen Sie ab, ob es für Sie richtig ist, sich jemandem anzuvertrauen, oder ob Sie sich allein beziehungsweise mit dem Partner zusammen auf den Weg der kleinen Veränderungsschritte machen wollen. Im besten Fall nehmen Sie beide das lebenslange Lernen ernst – indem Sie Ihren Körper, Ihre Seele, Ihr Miteinander wachsen lassen. Sollte Ihr Partner erst einmal kein Interesse daran zeigen, benutzen Sie das nicht als Ausrede, um sich ganz von diesem Weg zu verabschieden. Beginnen Sie bei sich selbst. Tun Sie etwas für sich, stärken Sie Ihr Selbstbild, Ihre körperliche Power, Ihre sexuelle Energie. Wenn einer der Partner Bewegung in das eingefahrene Beziehungsspiel bringt, ist der andere nicht selten auch bereit für Neues.
Im Teil »Liebes- und Leibesübungen« (s. S. 103) finden Sie eine Fülle von Anregungen, die Sie aufnehmen können, um Veränderungen anzustoßen. Wenn Sie damit positive Erfahrungen machen, können Sie, mutiger geworden, weitere Schritte gehen. Lassen Sie sich nicht von den Problemen blockieren, sondern versuchen Sie aktiv Lösungen zu finden.