5. Kapitel
Dunkelheit, die das Unbekannte in sich zu verschlingen droht. Finsternis, die das Licht Gottes zu verdrängen trachtet. Hilflosigkeit, die sich über die Menschheit legt, um sie für ewig untertan zu machen.
Lau legt sich der sanfte Strahl des bläulichen Lichtes nieder, erfaßt das unsichtbare Band, um es mit einem Ruck zu durchtrennen. Langsam löst sich das innere Wesen von dem Körper, der mehr und mehr in Starrheit gerät. Schwebend entfernt sich das innere Wesen von seinem irdischen Körper, blickt nicht zurück, hinterläßt keine Spur, bis auf den Leichnam, der blutüberströmt am Boden liegt. Schwebend fährt es gen Himmel, direkt in das bläuliche Licht, das wie eine Öffnung gewaltig darüber ragt. Es fährt darin hinein, ohne einen Laut von sich zu geben, ohne sich um das nun Zurückgelassene zu kümmern. Plötzlich, ein Blitz durchzuckt den Tunnel, der den Weg in die ewige Freiheit verbindet. Haarscharf an dem Wesen vorbei folgt ein zweiter. Stimmen machen sich laut bemerkbar. Stimmen aus der Vergangenheit. Sie reden, sie schreien, sie jammern. Sie klagen an, ihn, für schuldig gesprochen am Schicksal der verlassenen Erde, dem Werk Gottes, das nun regiert ein anderer, ein Tier, im Finsteren, in der Nacht.
Das Wesen, es versucht sich zu verschließen, sich der Anklage zu entziehen – vergebens! Die Stimmen, die Schreie, das Jammern, es ist, als würden sie alle in ihm stecken. In ihm, der vergebens hat versucht, die Wahrheit von sich zu lügen. Nun steht er vor einem Gericht, das ihn bezichtigt, ihn verurteilt. Das Gericht Jerajisa! Nur wenige bestehen diese Prüfung. Sie ist entscheidend über die Zukunft der ewigen Existenz, der Wiederkehr zurück in das bescheidene Leben. Jerajisa, die Macht des blauen Lichtes, gerecht bis in das kleinste Detail.
Unendlich scheint der Tunnel zu sein. Unaufhaltsam zucken Blitze nieder und nieder. Unaufhörlich klagen die Stimmen.
Mit einem Male wird es still. Unheimlich still. Schlagartig verklingen die Stimmen von einem Moment auf den anderen. Etwas befindet sich vor dem Wesen. In greifbarer Nähe, und doch sehr, sehr weit entfernt.
Der Wächter des goldenen Tores, das versperrt den Einlaß in den göttlichen Saal, in das Jerajisa, den Ort der Verkündung. Langsam nähert es sich dem Tor, das ihm versperrt den Weg. Es beginnt sich zu öffnen, ihm Einlaß zu gewähren. Es tritt ein. Blicke beginnen ihn zu mustern, ihn förmlich zu durchbohren. Tausende von Blicken. Er spürt sie, jeden einzelnen, der ihn prüft, ihn abschätzt, ihn beurteilt. Auf einmal empfindet er die Nähe eines anderen Wesens, das ihm auf der Erde sehr, sehr nahe stand. Es versucht sich ihm zu nähern, scheint jedoch durch etwas festgehalten zu werden. Es ruft ihm etwas zu, jedoch kann er es nicht verstehen.
Jerajisa, der Saal der Verkündung. Gelassen wartet es, was nun geschehen wird. Gelassen mustert es den Prunk, der sich ihm in allen Farben widerspiegelt. Plötzlich beginnt das Licht sich zu verfinstern. Die Farben verlieren an Kraft, das andere Wesen fleht, es fleht um Gnade für ihren einstigen Geliebten. Noch vor wenigen Minuten trug er den irdischen Namen Cloud. Cloud Wallis, für einen Bruchteil der Ewigkeit das Jerajisa erblickt, steht es mit einem Male in völliger Finsternis. Jerajisa hat sich ihm wieder verschlossen.
„Wir sind hier“, vernimmt es plötzlich ein leises Flüstern. „Hier in deiner Nähe.“
„Ich kann nichts sehen“, versucht es zu erwidern. Erschrocken muß es feststellen, daß es auch gar nicht sprechen kann. Nicht wie auf der Erde. Niemand wird ihn also demnach verstehen können.
„Benutze deine Gedanken“, dringt es nach einer geraumen Weile zu ihm.
„Gedanken?“ Es versucht sich zu konzentrieren, doch zu groß ist die Verwirrung, die sich mehr und mehr in ihm verbreitet.
„Du darfst nur an eines denken“, vernimmt es wieder die Stimme. „Sonst kann ich dich nicht verstehen. Nur an das, was du mitteilen willst. Nur an das.“
Mit aller Gewalt versucht es, alles von sich zu weisen. Es fällt ihm schwer, sehr schwer nur die paar Worte – „Wer seid ihr“ – zu denken.
„Wir waren deine Freunde“, kommt es unmittelbar darauf zurück. „Showy und Champy. Uns hat sich das Jerajisa ebenfalls verschlossen. Unser Leid ist die Finsternis. Unsere Qual die Ewigkeit.“
„Die – Ewigkeit?“
„Sie ist unser Schicksal, Dumpkin. Für uns gibt es das Jerajisa nicht. Für uns gibt es nur Warten.“
„Warten?“
„Warten, bis wir wieder zurückdürfen. Zurück auf die Erde, um das gutzumachen, was wir verbrochen haben.“
„Zurück? Wann?“
„Das Buch, Dumpkin. Es stand alles in dem Buch. Ein Junge wird kommen. Ein Junge, wie Rouven es gewesen ist. Er wird kommen und das Buch finden, so wie er es hätte finden sollen. Er wird sie vertreiben, die Finsternis. Ihn – du weißt wen ich meine – wird es vertreiben. Wenn das alles geschehen ist, dann bekommen wir wieder eine Chance, doch werden wir vergessen. Im selben Moment vergessen, wie wir wieder in einen irdischen Körper schlüpfen.“ Hier macht der Sprecher eine lange Pause. Schweigen, unerträgliches Schweigen beherrscht das undurchdringbare Schwarz.
„Noch etwas, das ich dir mitteilen muß“, wird nach geraumer Zeit die Stille unterbrochen. Wie einen Schluck Wasser, den man einem Verdurstenden reicht, nimmt es die Worte wahr. „Es ist nicht nur die Ewigkeit, die uns quälen wird. Es ist die Einsamkeit, Dumpkin. Die unerträgliche Einsamkeit. Ein – sam – keit, Ein – sam – ke –.“ Die Stimme wird leiser und leiser, bis sie letztlich in sich erstirbt.
Wieder herrscht Schweigen. Wie eine schwere Last drückt sie von allen Seiten nieder.
„Wo bist du?“ fragt es nach einer Weile. Keine Antwort, nicht den geringsten Laut. Das Gefühl über die Nähe des anderen Wesens, es ist mit einem Male verschwunden.
„WO BIST DU“, schreit es, doch nicht einmal die eigene Stimme, die sich irgendwo widerbricht. „KOMM ZURÜCK!“, schreit es nochmals mit voller Kraft. „LASS MICH NICHT ALLEIN!“ –
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