5. Kapitel

Das Gesetz

Der Abend war hereingebrochen. Für die Unzertrennbaren gab es noch keine Möglichkeit, sich abzukapseln, wie sich Ellinoy auszudrücken pflegte. Nachdem Showy seinen Schandfleck mühevoll gereinigt hatte, saßen sie wieder im Zimmer zusammen, um Beratung abzuhalten. Dumpkin nagte nervös auf seiner Unterlippe.

„Ich halt das nicht mehr länger aus“, murmelte er. „Ich muß ins Lager, egal wie. Und wenn es stockdunkel ist. Ich muß!“

„Ausgangsverbot“, flüsterte Ellinoy. „Ich glaub’s einfach nicht. Kann mir einer sagen, was hier gespielt wird?“ Er blickte einem nach dem anderen ins Gesicht. Showy war die Blässe immer noch anzusehen. Seit Jeremies Beerdigung hatte er bisher noch kein Wort gesprochen.

„Warum durften wir nicht dabei sein?“ fragte Champy leise. Zum x-ten mal hatte er diese Frage gestellt. Immer wieder, als warte er darauf, eine plausible Antwort darauf zu bekommen. Dumpkin erhob sich aus seinem Bett, das er als Sofa benutzte, und begab sich zum Fenster. Dämmerung, vielleicht die beste Gelegenheit, sich aus dem Internat zu schleichen.

„Wer geht mit?“ fragte er, indem er sich gleichzeitig umdrehte. Champy schüttelte sofort den Kopf. Showy reagierte nicht darauf. Auf Ellinoy blieb sein Blick haften.

„Gehst du mit?“ fragte er ihn direkt.

Ellinoy senkte nachdenklich seinen Kopf. „Und wenn er kommt?“ fragte er zurück.

„Morgen ist es vielleicht zu spät“, setzte Dumpkin dagegen. „Denk an das Buch. Unser Buch.“

„Du hast ihn noch nicht gesehen“, erwiderte Ellinoy. „Du bist der einzige von uns, der ihn noch nicht gesehen hat.“

Dumpkin wandte sich ab. Lange blickte er zum Fenster hinaus. Minuten verstrichen, in denen das Tageslicht mehr und mehr von der herannahenden Nacht verdrängt wurde.

„Deine Taschenlampe“, sagte er nach einer Weile. „Gibst du sie mir?“ Erwartungsvoll, in der Hoffnung, Ellinoy doch noch umstimmen zu können, sah er ihn an. Ellinoy trug die kleine Stablampe ständig bei sich. Stumm gab er sie seinem Freund. Für Dumpkin das Zeichen, sein Unternehmen allein bewältigen zu müssen. Leise schlich Dumpkin sich aus dem Zimmer. Kein Wort wurde mehr gesprochen. Kein Versuch, ihn von seinem Vorhaben abzuhalten.

Der Flur war menschenleer. Deutlich verspürte Dumpkin die Trauer, die sich wie eine dicke Wolke über das Internat gelegt hatte. Hin und wieder ein Wort oder ein leises, unterdrücktes Husten drang an seine Ohren. Kein Lachen, keine lauten Stimmen, nichts dergleichen, wie es sonst immer der Fall war. Nur das Knarren der Dielen unter seinen Füßen, als er die Stufen hinabschlich. Geräuschlos versuchte er die Eingangstür zu öffnen. Auch diese knarrte ein wenig. Plötzlich vernahm er ein kaum merkliches Schlurfen hinter sich. Erstarrt blieb er stehen. Rührte sich nicht von der Stelle. Sein Herz begann zu pochen. Dumpkin getraute nicht, sich umzudrehen.

„Hey Dumpkin“, sprach ihn eine Mädchenstimme an. Dumpkin zuckte noch mehr zusammen. Er kam sich vor, als sei er bei einem Diebstahl ertappt worden. Nur langsam wandte er sich um. Melanie. Dumpkin konnte es nicht fassen. Mit allem hatte er gerechnet, nicht aber mit Melanie. Ein Lächeln flog über ihren Mund, als sie in Dumpkins betroffenes Gesicht blickte.

„Du?“ brachte Dumpkin nur mühevoll über die Lippen.

„Wie geht es deiner verletzten Hand?“ fragte sie ihn unvermittelt.

„Meiner Hand?“ Dumpkin mußte sich zusammenreißen. Zu sehr steckte der Schreck in seinen Knochen. Auffällig musterte er den Verband.

„Wolltest du gerade hinaus?“ stellte sie ihm eine weitere Frage. Dumpkin hätte sich ohrfeigen können. Nicht ein Wort brachte er fließend über die Lippen. Statt dessen reichte es ihm wieder einmal nur zu einem Grinsen.

„Hast du was dagegen, wenn ich mit dir gehe?“ Erwartungsvoll wartete sie auf eine Antwort. Dumpkin versetzte es einen Hieb in die Magengegend. Hatte er richtig gehört? Hatte sie wirklich gefragt, ob sie mit ihm gehen darf? Noch konfuser blickte er sie an.

Melanie schien seine Gedanken zu erraten. „Ich meine hinaus“, setzte sie schnell hinzu. Geschickt verbarg sie ihre Betroffenheit, indem sie ein leichtes Hüsteln vortäuschte.

„Klar, äh – natürlich nicht“, antwortete Dumpkin etwas bestürzt. Gleichzeitig öffnete er vollends die Tür. Melanie folgte ihm, obwohl sie nicht genau wußte, woran sie nun war.

„Eigentlich dürften wir das ja gar nicht“, flüsterte sie Dumpkin zu, der sich sofort auf die Seite begab, wo es einigermaßen dunkel genug war, um nicht gleich gesehen zu werden. Melanie stellte sich dicht neben ihn. Lässig lehnte sie sich gegen die Hauswand. „Hast du eine Ahnung, warum wir nicht draußen sein dürfen?“ Überaus leise flüsterte sie. Auf gar keinen Fall wollte sie gehört werden. Dumpkin fühlte sich unwohl in seiner Haut. Da stand er nun, mit Melanie – ganz allein. Das Mädchen, das seine Pulsadern zum Rasen brachte. Und gefragt hatte sie ihn, ob er was weiß. Natürlich weiß er was! Dumpkin sträubte sich dagegen, Melanie anzulügen. Aber was sollte er machen? Am liebsten würde er sie ja in ihr Geheimnis einweihen. Aber was würden wohl die anderen dazu sagen?

„Pater Richmon sagte so seltsame Dinge“, sprach Melanie weiter, als Dumpkin ihr keine Antwort darauf gab.

„Es ist gefährlich, nachts“, erwiderte Dumpkin. Unruhig trat er von einem Bein auf das andere. Melanie sah ihn unverständlich an.

„Ich meine, überhaupt so allein“, verbesserte er sich.

„Und du?“ entgegnete Melanie erstaunt. „Hast du keine Angst, erwischt zu werden?“

„Erwischt?“ tat Dumpkin unschuldig und grinste sie dabei an.

„Hast du schon das Neueste gehört?“ fragte Melanie weiter. Offensichtlich gefiel ihr Dumpkins Art, wie er sich momentan ihr gegenüber verhielt.

„Das – Neueste?“ Fragend musterte er sie von oben bis unten. Nun war es Melanie, die ein wenig grinste.

„Ich weiß es von Mr. Larsen, unserem Mathelehrer. Er hat zwar gesagt, ich solle es niemandem weitersagen, aber dir möchte ich es gerne anvertrauen.“

„Ich – fühle – mich geehrt“, stotterte Dumpkin. Nervös blickte er um sich.

„Weißt du, ich habe das mitbekommen, mit Mr. Sallivan.“

Dumpkin erschrak darüber. Bestürzt sah er sie an. „Was?“ hauchte er.

„Na das, daß er dich nicht leiden kann. Deshalb möchte ich, daß du es weißt.“

„Was denn?“ drängte Dumpkin. Ungeduldig wischte er sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Mr. Sallivan ist entlassen worden“, rückte sie endlich mit der Sprache raus. „Aber versprich mir, daß du es nicht von mir weißt. Mr. Larsen hat es mir im Vertrauen gesagt. Den anderen will man sagen, daß Mr. Sallivan gekündigt hat.“

„Entlassen?“ Dumpkin machte ungewollt einen Schritt zurück. „Wann?“

„Heute morgen. Daraufhin hat Mr. Sallivan das Internat sofort verlassen.“

„Warum?“

„Keine Ahnung. Aber, wieso bist du so erschrocken darüber?“

Dumpkin sah Melanie mit aufgerissenen Augen an. Am liebsten wäre er sofort zu seinen Freunden gesprungen, um ihnen diese Nachricht zu übermitteln. Das würde Sallivans Fehlen auf Jeremies Beerdigung erklären. Und ihr Traum, hatte er vielleicht eine andere Bedeutung? Und das Buch? Hatte es ihnen doch geholfen? Langsam kam Freude in Dumpkin auf. Aber was war, wenn Mr. Goodman es einfach so hindrehte. Wenn einfach gesagt würde, Sallivan sei entlassen worden? Was dann?

Dumpkin fühlte sich hin- und hergerissen. Melanie blickte Dumpkin verständnislos an. Plötzlich vernahmen sie ein Geräusch, das von der Eingangstür herrührte. Erschrocken starrten sie auf die Türklinke, die langsam nach unten gedrückt wurde. Melanie stellte sich schutzsuchend hinter Dumpkin. Das Knarren war deutlich zu hören. Wenig später betrat eine Gestalt das Freie.

Dumpkin atmete auf. Ellinoy, der sofort in das Dunkel huschte. In die Richtung von Dumpkin und Melanie. Erschrocken blieb Ellinoy stehen. Erst beim zweiten Blick erkannte er seinen Freund.

„Du bist noch hier?“ fragte er ihn verwundert. Melanie trat hinter Dumpkin vor.

„Ah“, entfuhr es Ellinoy. Lächelnd blickte er sie an.

Dumpkin konnte seine Freude über Ellinoys unerwartetes Erscheinen fast nicht verbergen. Schmunzelnd streckte er ihm seine unverletzte Hand entgegen. Ellinoy schlug kräftig darin ein.

„Hab’s mir anders überlegt“, flüsterte er.

„Ich muß dann wieder gehen“, sagte Melanie zu Dumpkin. Sie wollte an ihm vorbei. Auf einmal hallten Schritte über das Pflaster. Dumpkin blickte um sich. Das einzige Versteck war das schützende Dunkel. Ellinoy drückte sich gegen die Mauer. Dumpkin forderte Melanie durch einen Wink dazu auf, dasselbe zu tun. Die Schritte wurden lauter. Nicht mehr weit, dann mußte die Person hinter der Kirche hervortreten. Jäh verstummten sie. Minuten verstrichen. Melanie verhielt sich überraschend still. Nicht den geringsten Laut gab sie von sich. Dumpkin griff vorsichtig in seine Tasche. Fest umschlossen seine Finger das Messer. Plötzlich wieder die Schritte. Sie entfernten sich. Schnell, bis sie gänzlich verhallten.

„Gott sei Dank“, atmete Melanie auf. Noch ehe Dumpkin etwas sagen konnte, hatte sie sich zur Tür begeben. Für einen Moment drehte sie sich zu ihm um.

„Wir sehen uns“, flüsterte sie, halb fragend, halb bestimmend. Dumpkin zwinkerte ihr nur zu. Melanie verschwand hinter der Tür.

Ellinoy löste sich von der Mauer.

„Das war knapp“, schnaufte er erleichtert auf. „Nun aber nichts wie weg.“

Dumpkin nickte nur. Seine Gedanken waren noch bei Melanie. Gleichzeitig aber auch bei dem Buch, das keine ungefährliche Strecke entfernt verborgen lag. Ellinoy zog sich die Schuhe aus, band die Schnürsenkel zusammen und warf sie sich über die Schulter. Dumpkin folgte seinem Beispiel, wobei Ellinoy ihm beim Zusammenbinden behilflich war.

„Ich bin froh, daß du es dir anders überlegt hast“, machte Dumpkin nach einiger Zeit seiner Freude Luft. Hintereinander schlichen sie sich an der Kirchenmauer entlang bis hin zu der Stelle, an der sie sich einen Tag zuvor schon einmal getrennt hatten.

„Ich dachte schon, dich nicht mehr anzutreffen“, erwiderte Ellinoy. Aufmerksam spähte er um sich. Niemand war zu sehen. „Möchte wissen, wer das gewesen ist“, fragte er darauf.

„Melanie hat mir etwas Interessantes erzählt“, flüsterte Dumpkin zurück. Obwohl sie ihn eindringlich gebeten hatte, es niemandem weiterzuerzählen, mußte er diese Nachricht Ellinoy anvertrauen. Immerhin hatte sie es ihm ja auch nur anvertraut. Und die Situation erforderte es, diesbezüglich nichts zu verschweigen, wobei er seinen Freunden gegenüber so oder so keinerlei Geheimnisse besaß.

„Sallivan hat heute morgen das Internat verlassen“, sprach Dumpkin weiter.

Ellinoy wandte sich entgeistert um. „Sallivan ist tot“, entfuhr es ihm. Dumpkin blickte über Ellinoys Schulter hinweg.

„Die Luft ist rein“, entgegnete er. „Ich erzähle es dir, wenn wir draußen sind.“

Ellinoy nickte. Noch einmal überzeugten sie sich davon, nicht beobachtet zu werden. Mit ausgreifenden Schritten rannten sie über den freien Platz, bis hin zu der Stelle, die sie sonst immer als Eingang benutzten.

Ellinoy stellte sich sofort mit dem Rücken gegen die Mauer. Seine Hände zusammengefaltet, bildete er einen Tritt. Dumpkin setzte einen Fuß in die dargebotenen Hände. Plötzlich, wie aus dem Nichts, löste sich eine Gestalt neben ihnen von der Mauer. Ellinoy bemerkte sie erst, als sie dicht hinter Dumpkin stand und ihm eine Hand auf die Schulter legte. Dumpkin zuckte in sich zusammen. Wie erstarrt blieb er stehen. Ellinoy atmete erleichtert auf, als er Pater Richmon erkannte.

„Ihr wißt doch, daß strengstes Ausgangsverbot angeordnet wurde“, sagte Richmon leise. Dumpkin drehte sich langsam um. Richmon lächelte ihn an. Dumpkin war heilfroh, daß es der Pater war und nicht jemand anders. Trotzdem konnte er seinen Ärger nicht verbergen. Ausgerechnet jetzt mußte er kommen. Ausgerechnet jetzt! Giftig blickte er ihn an.

„In dem Unbegreiflichen steckt die Wurzel der Vernunft, Cloud“, sprach der Pater in gedämpftem Ton. „Niemals dürft ihr etwas riskieren, das euch an die Haut gehen kann. Versteht ihr das?“

„Was – wollen Sie damit sagen?“ fragte Ellinoy etwas erschrocken.

Richmon lächelte immer noch. Dumpkin wischte sich seine Haare aus dem Gesicht.

„Kürzlich habe ich euch doch etwas von einem Einbruch in der Kirche erzählt“, entgegnete Richmon. „Ihr wißt doch noch davon, oder?“ Fragend musterte er sie nacheinander.

„Kann mich vage daran erinnern“, antwortete Dumpkin nach einer Weile.

„Habt ihr etwas herausbekommen?“

„Sie wollten uns noch sagen, was gestohlen worden ist“, erwiderte Ellinoy geistesgegenwärtig. Ganz genau konnte er sich noch daran erinnern, als sie der Pater einen Tag darauf angesprochen hatte.

„Wirklich? Wollte ich das?“ tat Richmon erstaunt.

„Ja, wir müssen doch wissen, nach was wir suchen sollen.“ Ellinoy stellte gelassen einen Fuß gegen die Mauer. Seine Arme hielt er verschränkt vor der Brust.

„Nach den Dieben“, schlug Richmon zurück. „Nur nach den Dieben. Aber, das habe ich vergessen, euch zu sagen. Es ist nichts gestohlen worden. Ihr braucht euch also nicht mehr umzuhören. Wo keine Beute, da auch kein Dieb, oder?“

„Hm“ entfuhr es Dumpkin. „Da haben Sie allerdings recht.“

„Was wolltet ihr denn noch so spät da draußen?“ fragte Richmon unvermittelt. Sein Lächeln verschwand für einen Augenblick. Beinah streng blickte er sie an.

„Och“, murmelte Dumpkin unverständlich. „Nur ein wenig spazierengehen.“

„Können Sie uns vielleicht sagen, warum wir nicht das Haus verlassen dürfen?“ Ellinoy sah dem Pater direkt in die Augen. Für Richmon war es eine Leichtigkeit, diesem Blick standzuhalten.

„Es sind die Trauertage, die es euch verbieten“, antwortete Richmon in ernstem Ton. „Schon seit Bestehen dieser Gemäuer wird den Verstorbenen durch Trauertage eine Ehre erwiesen.“

Dumpkin und Ellinoy sahen den Pater ungläubig an.

„Trauertage?“ kam es wie aus einem Mund.

„Das ist der eine Grund.“ Richmon sprach noch um einiges leiser. „Aber der eigentliche Grund ist der –“, er machte einen Schritt nach vorn. „Ihr dürft es niemandem weitersagen. Wirklich niemandem!“ Richmon blickte auf Dumpkin, dann auf Ellinoy. Erwartungsvoll sahen sie ihn nur an.

„Während der Trauertage, so sagt man, geschehen unwirkliche Dinge. Solche Dinge, die nicht zu begreifen sind. Gefährliche Dinge. Früher sind Menschen dabei gestorben. Einfach gestorben. Oder verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Aber behaltet es für euch. Ich sag es euch nur, weil ihr mir irgendwie ans Herz gewachsen seid. Behaltet es unbedingt für euch.“

Dumpkin und Ellinoy blickten sich gegenseitig an. Ellinoy fröstelte bei dem Gedanken, daß sie mehr wußten, als der Pater auch nur erahnen konnte.

„Wo – war Sallivan heute mittag?“ Nur mühevoll gelang es Ellinoy, seine Aufregung zu verbergen. Dumpkin stierte auf den Pater. Er konnte es kaum erwarten, was Richmon darauf antworten wird.

„Mr. – Sallivan“, sagte Richmon gedehnt. „Da habe ich eine gute Nachricht für euch. Mr. Sallivan hat sein Amt als Lehrer niedergelegt. Mr. Sallivan hat das Internat heute morgen verlassen.“

„Verlassen?“ entfuhr es Ellinoy. Ungläubig sah er den Pater an.

„Wir wissen nicht, warum und weshalb“, sprach Richmon weiter. „Mr. Goodman hatte darüber nichts erwähnt.“ Richmon sog hörbar den Atem durch die Nase. „Nun wird es aber Zeit für euch“, sagte er darauf. „Ihr solltet nun wieder zurückgehen. Glaubt mir, und wartet mit eurem Spaziergang, bis die Trauertage vorüber sind. Du tust dir nur einen Gefallen damit, Cloud. Vergiß nicht, daß deine Hand verletzt ist.“ Geduldig wartete Richmon darauf, was die beiden Freunde nun unternehmen würden. Sie taten aber nichts. Regungslos blieben sie stehen und starrten auf den Boden.

„Wenn ihr wollt, begleite ich euch bis zur Tür“, schlug Pater Richmon vor. Ellinoy erhob seinen Kopf. Fragend musterte er Dumpkin. Dieser sah ihn an. Unmerklich zwinkerte Dumpkin mit dem rechten Auge. Über Ellinoys Gesicht flog ein freudiger Strahl.

„Meinetwegen“, brummte er wie gelangweilt in sich hinein. Etwas mißmutig schlüpften sie in ihre Schuhe, was Richmon mit nicht geringer Genugtuung verfolgte. Wenig später schritten sie nebeneinander über den Hof. Hinter dem unbeleuchteten Fenster des Rektorates entfernte sich eine Gestalt. Mr. Goodman, der sie die gesamte Zeit über schon beobachtete. Auch schon, als Ellinoy und Dumpkin über den Hof geschlichen kamen, denen der Pater einige Minuten vorausgegangen war. Keine Minute verging, da wurde die Eingangstür geöffnet. Mr. Goodman verließ das Gebäude. In sicherem Abstand folgte er den dreien. Lautlos. Seine Schritte waren nicht zu hören.

Als sie die Kirche erreicht hatten, blieb Richmon am Hintereingang der Kathedrale stehen.

„Ich vertraue euch“, flüsterte er ihnen zu und legte seine Hand an die Holztür. Verwundert blickten sie ihn an.

„Euer Unterricht geht morgen wie gewohnt weiter. Vergeßt nicht, warum ihr hier, hier in diesem Internat seid. Vergeßt das nicht.“ Richmon begann zu lächeln. Das Weiß seiner Zähne blitzte ihnen entgegen. „Und vergeßt nicht das Versprechen, das ihr mir gegeben habt. Alle vier, auf euer Leben. Vergeßt auch dieses nicht.“ Abrupt öffnete Richmon die Tür und verschwand im Inneren der Kirche. Betroffen über das Gesagte schauten sie einander fragend an.

„Das Versprechen“, wiederholte Ellinoy. „Ich möchte wissen, was er damit bezwecken will.“

Dumpkin zuckte mit der Schulter. „Es stimmt also doch“, sagte er zu sich selbst.

„Was meinst du?“

„Es stimmt doch, das mit Sallivan. Melanie hatte es mir auch erzählt. Sie weiß es vom Mathelehrer. Nur hat der ihr gesagt, daß Sallivan entlassen worden ist. Entlassen, verstehst du? Entlassen!“

„Du meinst, Sallivan ist nicht tot?“

Dumpkin schüttelte nur mit dem Kopf.

„Und der Traum?“ Ellinoy legte seine Hand auf Dumpkins Schulter. „Wir hatten alle denselben Traum.“

„Der Traum“, meinte Dumpkin nachdenklich. „Bestimmt hatte er nur die Bedeutung, daß Sallivan verschwinden wird. Das Buch hat es getan. Das Buch war es, das Mr. Goodman Sallivan entlassen ließ. Das Buch ist auf unserer Seite. Der Traum war bestimmt so eine Art Botschaft.“

„Aber – dir ist doch auch aufgefallen, daß das Grab –“

„Verstehst du denn nicht?“ unterbrach ihn Dumpkin. „Es paßt zusammen. Sallivan war bei uns, kurz bevor er gegangen ist. Wir haben ihn doch alle gesehen. Nun ist er fort, endlich fort!“

„Und die Gestalt? Dieses abscheuliche Gesicht? Mit eigenen Augen haben wir gesehen, wie Sallivan aus dem Tor geschleudert wurde. Er wurde hinausgeschleudert, Dumpkin. Wie erklärst du dir das?“ Ellinoy blickte ängstlich um sich.

„Ich bin mir sicher, daß das Buch etwas damit zu tun hat“, versuchte Dumpkin es zu erklären. „Am liebsten würde ich umdrehen, um es zu holen. Ich glaube, das Buch hat etwas mit diesen unerklärlichen Dingen zu tun, von denen Pater Richmon gesprochen hatte.“

„Laß uns warten, bis morgen, wenn es hell ist“, meinte Ellinoy eindringlich. „Wenn das stimmt, was der Pater erzählt hat, dann sollten wir besser auf ihn hören.“

„Auf einmal?“ erwiderte Dumpkin. Beinah ärgerlich sah er auf seinen Freund.

„Ich hab ein scheißungutes Gefühl in mir.“ Immer noch spähte Ellinoy hin und her. „Mir ist, als würden wir die ganze Zeit schon beobachtet.“

Nachdenklich blickte Dumpkin vor sich hin. Diese Ungewißheit, ob das Buch noch da ist, ließ nicht von ihm los. „Und wenn Sallivan es mit hat?“ fragte er nach einer Weile.

„Dann – ich weiß auch nicht“, entgegnete Ellinoy.

„Das Buch, es gehört uns!“ zischte Dumpkin. „Uns, und niemand anderem. Wir haben es gefunden. Wir! Und wenn es uns einer streitig machen will, dem –“, unmißverständlich fuhr er sich mit dem Finger an der Kehle entlang. Verbissen wandte er sich von Ellinoy ab und schlug die Richtung des Schülerhauses ein. Ellinoy folgte ihm. Mit wenigen Schritten hatte er seinen Freund eingeholt. Kaum waren sie verschwunden, tauchte Mr. Goodman hinter der Kirchenmauer hervor. Unmerklich hatte er sich der nächtlichen Gesellschaft genähert und jedes Wort, das gesprochen wurde, erlauscht.

„Ihr habt es also, dieses verfluchte Buch“, zischte Goodman. Lange blickte er ihnen hinterher. Erst als er das leise Klicken der Eingangstür des Schülerhauses vernahm, machte er kehrt und begab sich wieder in das Lehrerhaus zurück. Im Dunkeln stieg er die Treppe hinauf. Auch als er sein Zimmer betrat, zog er es vor, im Dunkeln zu bleiben. Schwerfällig ließ er sich in seinen Sessel fallen.

„Dieses verdammte Buch“, hauchte er vor sich hin. Krampfhaft rieb er mit der einen Hand seine Augen, mit der anderen klammerte er sich an seinem Schreibtisch fest. „Dieses gottverdammte Buch! Ich muß es vernichten, bevor noch mehr Unheil geschieht.“ Verbittert starrte er auf das Fenster. „Warum habe ich dich nicht fortgeschickt, Blandow? Warum? Verdammt noch mal, warum?“ Wütend schlug er mit der Faust auf den Tisch. „Du kleiner roter Teufel! Deinetwegen ist er wieder hier! Nur deinetwegen! Ich laß mir mein Geschäft nicht ruinieren. Nicht von dir!“ Hysterisch sprang Goodman auf. Zitternd stützte er sich auf der Tischplatte ab. „Du und das Buch“, keifte er. „Mein Geschäft tötet ihr nicht. Vorher bringe ich dich um, Rouven Blandow! Und das Buch, dieses gottverdammte Buch! Ich muß es vernichten. Ich muß, bevor es zu spät ist.“ Erschöpft ließ er sich wieder in den Sessel zurückfallen. „Mein Gott“, stöhnte Goodman. Sein Atem ging schwer, unregelmäßig. „Warum ist es nur soweit gekommen? Warum?“ Unruhig stand Goodman wieder auf. Schlurfend begab er sich auf das Fenster zu. „Pontakus“, gab er nur noch flüsterternd von sich. „Nun weiß ich, wo das Buch zu finden ist. Ich werde es vernichten, das schwöre ich dir. Das Buch und – den Jungen.“ Nahezu traurig senkte er seinen Kopf.

„Ha ha ha“, lachte plötzlich jemand hinter ihm. „Du Narr!“ zischte es darauf. Goodman zuckte zusammen. Eiskalt lief es ihm über den Rücken. Langsam, sehr langsam versuchte er sich umzudrehen. Seine Glieder versagten. Wie erstarrt blieb Goodman stehen.

„Janosh, Janosh Goodman“, wurde sein Name geflüstert. „Du bist derselbe Narr, wie er es ist.“

Goodman zuckte nochmals zusammen. „Wer – spricht da?“ stammelte er. Mit einem Ruck wandte Goodman sich vollends um. Jedoch konnte er nichts erkennen. Dafür war es zu finster.

„Pontakus denkt, sein Werk fortsetzen zu können“, flüsterte die Stimme weiter. „Die Welt will er retten. Aber daraus wird nichts! Das Buch, Janosh Goodman – du wirst es mir besorgen. Der Pater hat es in seinem Besitz. Der Pater. Ich, so wahr ich Bifezius heiße, befehle dir, ich befehle dir!“

Goodman starrte in das Schwarze vor ihm. Verzweifelt versuchte er es zu durchdringen. Seine Augen waren nicht mehr die besten. Das Alter hatte längst schon an seiner Sehkraft genagt.

„Ich gebe dir genau einen Tag, Janosh. Genau einen Tag. Und versuche nicht, mich zu betrügen. Das wäre das Ende deines – Geschäftes. Das Ende, verstehst du?“

Mit einem Male wurde die Tür geöffnet. Schritte entfernten sich. Ein Bein schien verletzt zu sein. Es wurde nur hinterhergeschleift. Sekunden darauf wurde die Eingangstür geöffnet. Goodman stürzte zum Fenster. Eine Gestalt trat in den Schein des Mondes.

Mit offenem Mund starrte Goodman darauf. Mit offenem Mund. Nur ein kurzes abgehacktes Röcheln drang aus ihm hervor. Noch niemals hatte er so etwas gesehen. Nicht einmal seine schlimmsten Alpträume konnten das widerspiegeln, was er dort, dort unten auf dem Hof, in seinem Internat zu sehen bekam. Schleppend bewegte es sich vorwärts, diese abscheuliche Geschöpf, das noch vor wenigen Minuten mit ihm gesprochen hatte. Deutlich konnte er ihn erkennen, den kahlen rötlichen Schädel, die fleischigen Arme mit den reißenden Fingernägeln daran. Goodman schwankte. Er löste sich von dem Fenster. Seine Hände zitterten, als er nach der Schreibtischlampe griff. Hastig suchte er nach dem Schalter, bis er ihn nach geraumer Zeit erst in die Finger bekam. Ängstlich blickte er in seinem Zimmer umher. Die Tür stand noch offen. Mit wenigen Schritten befand er sich bei ihr. Lautlos drückte er sie zu. Mit dem Rücken lehnte er sich dagegen. Schweiß perlte von seiner Stirn. Langsam ließ Goodman seinen Blick durch den Raum schweifen. Stück für Stück begann er ihn zu untersuchen. Auf dem Schreibtisch blieb sein Blick haften. Goodman war sich sicher, den Foliant nicht gesehen zu haben, als er das Licht angeknipst hatte. Er war sich sicher, daß es nicht dagewesen war. Nun lag es auf seinem Tisch. Die Chronik des Klosters, deren Platz eigentlich in der Kirche war. Aufgeschlagen lag sie vor ihm. Nur zögernd näherte Goodman sich seinem Schreibtisch. Sein Herzschlag pochte, schlug mit doppelter Stärke, je mehr er sich dem Foliant näherte. Noch zaghafter setzte er sich in den Sessel. Zitternd klemmte er sein Monokel in das Auge. Das letzte beschriebene Blatt war aufgeschlagen. Das Licht spiegelte sich in der Schrift wider. Sie war noch feucht. Goodman erkannte, daß das Blatt erst vor Minuten beschrieben worden war.

Es ist die Zeit der Wahrheit, die letzten Stunden dieser Zeit. Pontakus ist ein Narr. Er will sie retten, diese Erde. Retten vor der Wahrheit, die er niedergeschrieben hat. Wiederkommen will er. Wiederkommen, um sein Werk zu vollbringen. Dieser Narr. Niemals hat er begreifen mögen, daß das Böse der Ursprung des Daseins ist. Das Böse, das Immerwiederkehrende. Das Böse –.

An dieser Stelle endete das Geschriebene. Abrupt, als sei der Verfasser unterbrochen worden.

Goodman las die Zeilen wieder und wieder, bis er sich nach langer Zeit in den Sessel zurücklehnte. Sein Gesicht schien um das doppelte gealtert zu sein. Falte um Falte durchzog seine Haut.

„Bifezius“, hauchte er nur. Das Monokel rutschte aus seinem Auge, baumelte an der goldenen Kette, die mittels einer Brosche an seiner Jacke befestigt war.

Lange verharrte er in dieser Stellung, bis er sich langsam aufraffte. Seine Finger tasteten sich an dem Schreibtisch entlang. Rechter Hand befanden sich Schubladen. An diesen ließ er seine Hand hinuntergleiten. Die unterste Schublade begann er zu öffnen. Nur ein Stück, so daß er hineingreifen konnte. Goodman hatte keine Gewalt mehr über seine Finger. Allergrößte Anstrengung kostete es ihn, das Kuvert auf den Tisch zu legen, ohne es aus den Fingern gleiten zu lassen. Fiebrig zog er zwei dichtbeschriebene Blätter daraus hervor. Noch mehr Mühe kostete es ihn, das Monokel wieder in das Auge zu stecken. Der Brief war an Rouven gerichtet. Schon viele Male hatte Goodman ihn gelesen, obwohl er erst am Morgen, zusammen mit dem Telegramm, eingetroffen war. Doch jetzt erst begriff er, was der Inhalt zu bedeuten hatte. Goodman hatte nie die Absicht gehabt, ihn Rouven auszuhändigen. Schon bei dem ersten Brief, dessen Inhalt er nicht kannte, war er nahe daran, ihn Rouven zu unterschlagen.

Lieber Rouven, mein Junge,

ich hoffe sehr, daß Du dieses Schreiben bekommst. Diese Worte werden Dich sehr hart treffen, Rouven. Dennoch mußte es sein, daß ich sie Dir schreibe.

Seitdem Du nun in diesem Internat bist, Rouven, ist sehr, sehr vieles geschehen. Nun muß ich davon ausgehen, daß Dich mein erster Brief erreicht hat. Darin habe ich ein Buch erwähnt, welches Du unbedingt an Dich nehmen mußt. Das Buch der Schatten, das ein Mönch vor langer, langer Zeit niedergeschrieben hat. Hoffentlich hattest Du meine Worte richtig gedeutet. Bitte hasse mich jetzt nicht, wenn ich Dir nun sage, daß ich zwischenzeitlich wieder in dem Internat gewesen bin. Die Briefe, ich habe sie selbst gebracht. Hatte sie jedoch zuvor auf der Post stempeln lassen, da ich sicher gehen wollte.

In jener Nacht habe ich etwas sehr Schreckliches beobachtet. Ich hatte den Brief vor den Eingang des Hauses, in dem sich das Rektorat befindet, hingelegt. Ein Junge, ich glaube es war ein Chinese, wollte den Brief an sich nehmen. Auf einmal, ich konnte nicht genau sehen wie es geschah, schnellte eine Hand wie aus dem Nichts hervor. Sie packte den Jungen an einem Finger. Die Hand hatte zentimeterlange Fingernägel. Ich glaube, damit hatte er dem Jungen den Finger abgerissen. Plötzlich waren die Hand und der Brief verschwunden. Der Junge ist schreiend davongerannt. Den zweiten Brief habe ich in das Gebäude gelegt. Als ich dann das Internat wieder verlassen wollte, lag plötzlich der verschwundene Brief vor dem großen Holztor. Ich versuchte nicht darüber nachzudenken und warf diesen einfach in den Briefkasten. Plötzlich hörte ich hinter mir meinen Namen flüstern. Erschrocken darüber drehte ich mich um. Etwas Unmenschliches stand vor mir. Ich kann es Dir nicht beschreiben. Es sah mich an, obwohl es keine Augen hatte. Nur dunkle Löcher, die mich anblickten. Und dann sah ich sie wieder, diese Hand. Ich weiß nicht warum, aber mehrmals begann ich mich zu bekreuzigen. Irgendwie mußte es geholfen haben, denn auf einmal war es spurlos verschwunden. Aber seither verfolgt mich dieses Gesicht. Diese dunklen Löcher, in die ich geblickt hatte. Das Gesicht war irgendwie mit vielen kleinen Fasern überzogen. Genauso der Schädel und die Arme. An den Körper kann ich mich nicht mehr erinnern. Aber das, was ich gesehen hatte, war blutrot ... –

An dieser Stelle lehnte sich Goodman in den Sessel zurück. Seine Hände waren klatschnaß, doch das Zittern hatte sich gelegt. Mehrmals atmete er tief durch die Nasenflügel, worauf er fieberig weiterlas.

... Jede Nacht kommt es wieder, dieses Gesicht. Obwohl es nicht da ist, blickt es mich ständig an. Wie ein Fluch lastet es auf mir. Wie ein Fluch, der mich Stück für Stück auffressen will. Es versperrt meine sämtlichen Gedanken. Nur noch dieses schreckliche Gesicht. Es hat mich, Rouven. Es hat Besitz von mir genommen. Besitz von meiner Seele. Nun kann ich Dir nicht mehr behilflich sein, Rouven. Solange dieses, ich weiß nicht was es ist, mich besitzt, bin ich nutzlos. Hoffentlich verstehst Du mich. Ich kann Dir nicht mehr helfen. Meine Träume sind zu weit entfernt. Jemand versucht sie mir zu stehlen. Dieses Gesicht, dieses schreckliche Gesicht. Nun bist Du auf Dich allein gestellt, Rouven. Vollende es. Vollende es und nimm Dich in acht vor diesem Gesicht. Blicke niemals hinein. Das Böse, es ist das Böse, das sich, ich weiß nicht wie ich sagen soll, das sich personifiziert hat. Wende Dich an das Buch. Lese es! Lese es, Rouven, denn nur Du bist dafür geschaffen. Solltest Du es nicht besitzen, Rouven, sollte das eingetreten sein, vor dem ich Dich gewarnt habe, dann ist es vielleicht zu spät. Dann nehmen die Dinge ihren Lauf. Vielleicht ist es schon in greifbarer Nähe? Rouven, ich bitte Dich, tu alles, um es zu verhindern. Überwinde Dich und vernichte es, das Böse. Vernichte es. Lies das Buch! Lies es! Dein Weg steht darin niedergeschrieben. Halte ihn Dir vor Augen und achte dabei nicht auf Gefahr.

Helfe Gott, wenn Du keinen Erfolg hast. Helfe Gott jenen, die ahnungslos ins offene Messer rennen.

Rouven, nun ist meine Kraft zu Ende. Wenn Du diesen Brief erhältst, werde ich wahrscheinlich nicht mehr sein. Mein Ende naht, Rouven. Mein Ende, selbst werde ich es mir zufügen. Ich habe versagt. Das Böse, bevor es mich vollends besitzt, werde ich fliehen. Bitte, mein lieber, lieber Junge. Bitte vergiß mich nicht. Immer habe ich Dich geliebt. Bis zum letzten Augenblick.

Langsam steckte Goodman den Brief zurück in das Kuvert. Er schien auf einmal ruhig geworden zu sein. Das Blasse aus seinem Gesicht war verschwunden. Seine Hände zitterten nicht mehr.

Tödlich funkelten seine Augen, als er den Umschlag auf den Tisch zurücklegte. Die unheimliche Begegnung, sie war wie weggeblasen. Goodman verfolgte nur noch einen Gedanken. Seinen Gedanken, seine Hoffnung, an die er sich mit Überzeugung klammerte. Die Vernichtung des Unheils durch die Vernichtung des Buches – und Rouven, dem er die Schuld an all dem anlastete.

*

Am Aufgehen des feuerroten Balles wird das Dunkel verdrängt. Das Dunkel, die Zeit der Träume, die Zeit der jenseitlichen Stunden. Vieles wird während dieser Zeit geschehen, das sich in manchem Antlitz widerspiegeln wird. Niemand weiß, welches nun diese dunkle Seite ist. Niemand weiß, was Traum oder Nichttraum in unserem Dasein ist. Alles könnte anders sein, und doch nicht so wie es ist. Ist es nicht die Sonne, die über uns hinweg wandert, dann ist es der Mond, der sein Licht nur einmal voll von sich gibt. Anders ist, wir drehen uns, gleichmäßig, von neuem bis zum Neuen. Immer wieder. Wir sterben, der feuerrote Ball nicht. Dieser überdauert unsere Zeit, bis zu jenen Stunden, in denen sich das Licht der Nacht in das Licht des Tages verwandelt. Feuerrot, brennend fackelt es vom Himmel. Sterne, die in unaufhaltsamer Geschwindigkeit auf uns niederregnen. Ist dies nun Traum oder Nichttraum. Welche Seite wird es sein, die des jenseitlichen auf uns zeigen wird.

Pater Richmon stand auf. Nachdenklich schritt er in seinem Zimmer umher. Richmons Unterkunft befand sich direkt unter dem Dach des Lehrerhauses. Eine Etage über dem Rektorat. Nachdem er Ellinoy und Dumpkin vor der Kirche hatte stehen lassen, verließ er, ohne sich in der Kathedrale aufzuhalten, auf der anderen Seite das Gebäude. Auf direktem Wege hatte er sich in seine bescheidene Behausung begeben, die nur ausgestattet war mit einem Bett, einem Schrank und einem kleinen Tisch. Als Stuhl diente ihm ein alter Schemel, den er zuweilen auch als Kleiderablage benutzte.

Nervös blieb er vor dem kleinen Tisch stehen. Einige Seiten des Buches hatte er schon gelesen. Alles auf dieselbe Art geschrieben, aus dem er sich keinen Zusammenhalt bilden konnte. Vertieft in seine Gedanken blätterte er mehrere Seiten auf einmal um. Genau die Seite, auf der das Hexagramm, das Siegel Salomon aufgezeichnet war. Wie gebannt starrte Richmon auf das Symbol, dessen Spitzen von einem Kreis miteinander verbunden wurden. Langsam wanderte sein Blick auf das gegenüberliegende Blatt.

Leise sprach er die wenigen Worte vor sich hin.

„Symbol des Lebens, das erschaffen, um als Symbol zu dienen.

Symbol des Immerwiederkehrenden. Zum Erschaffen des Lebens.

Symbol der Macht, das Leben und Tod miteinander vereint.

Symbol des Feuers, das Erschaffende und Vernichtende.

Symbol des Wassers, das Unerschöpfliche.

Symbol der Umkehrung, des Ist und nicht Ist.“

Wieder musterte er das Zeichen. Wohl wußte er, was es zu bedeuten hatte. Auch konnte er die Worte damit in Verbindung bringen. Doch den wahren Sinn, diesen wollte er nicht nur erraten. Wissen, wissen wollte er ihn. Und je mehr er darüber nachzudenken versuchte, desto mehr schwanden seine Gedanken. Richmon wußte nicht, wie ihm momentan geschah. Jedes Wort konnte er drehen und wenden, alles blieb gleich. Vollkommen gleich. Nichts konnte er sich daraus zusammenreimen, und doch schien es ihm alles zu offenbaren.

Ein leises Klopfen an der Tür brachte Richmon zurück. Zurück zu seinen Gedanken, die sich in dem kleinen bescheidenen Raum abspielten. Schnell klappte er das Buch zu. Wieder klopfte es an der Tür. Zaghaft, dennoch etwas lauter. Die Sitzfläche des Schemels ließ sich aufklappen wie eine Falltür. Ein leerer Kasten, in den Richmon das Buch legte.

„Ja – bitte“, antwortete er darauf in gedämpftem Ton. Die Tür wurde geöffnet. Schwester Maria betrat das schwach erleuchtete Zimmer.

„Ich hoffe, ich störe Sie nicht“, sagte sie. Sofort schloß sie hinter sich die Tür.

„Nein – nein“, versuchte Richmon gleichgültig zu erscheinen. Schwester Maria lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand. Immer noch waren Spuren der Angst in ihrem Gesicht zu erkennen.

„Rouven hat sich vollkommen verändert.“ Nahezu vorwurfsvoll blickte sie den Pater an. Richmon wandte sich ab, kehrte ihr den Rücken zu.

„Wo ist Rouven?“ fragte er, ohne sie dabei anzusehen.

„Was spielen Sie für ein Spiel, Pater Richmon?“ fragte sie ihn unvermittelt. „Was sind Sie für ein Mensch geworden?“

Richmon drehte sich um. Seine Stirn legte sich in Falten.

„Wo ist er?“

Schwester Maria bewegte ihren Kopf hin und her. „Von mir werden Sie es nicht erfahren“, antwortete sie ihm abweisend. „Nicht, bevor Sie mir sagen, was hier gespielt wird.“

„Rouven ist in Gefahr“, erwiderte Richmon. „In großer Gefahr. Sie müssen mir sagen, wo er ist. Sie müssen!“

„Nicht bevor ich alles weiß“, beharrte die Schwester. „Ich habe ein Recht darauf, es zu erfahren. Die Kinder sind vollkommen durcheinander. Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Die Kinder haben Angst. Verstehen Sie? Angst!“

„Der Unterricht läuft morgen ganz normal weiter“, hielt Richmon dagegen.

Schwester Maria machte einen Schritt nach vorn. Wütend funkelten ihre Augen den Pater an. „Sie haben etwas, das Rouven gehört“, forderte sie ihn heraus.

Richmon versuchte ein Lächeln aufzulegen. „Warum kommt er nicht selbst?“

„Dann haben Sie es?“ fragte Schwester Maria darauf.

„Was?“ Richmon sah sie erwartungsvoll an. Schwester Maria blieb nichts anderes übrig, als klein beizugeben.

„Das – hat er mir nicht gesagt“, entgegnete sie.

Unmerklich atmete Richmon auf. „Wo ist Rouven?“ stellte er zum dritten Mal dieselbe Frage. Ein scharfer, zynischer Unterton hatte sich daruntergemischt. Unmißverständlich musterte er sie dabei. Schwester Maria wurde noch wütender.

„Ich warne Sie, Pater Richmon“, drohte sie ihm. „Ich wende mich an die Obrigkeit.“

Richmon schien dies jedoch nicht sehr zu beeindrucken. Er lächelte die Schwester nur an, sagte nichts.

„Wie Sie wollen“, entfuhr es Schwester Maria. „Ihre Sturheit müssen Sie noch teuer bezahlen.“ Schwungvoll drehte sie sich um und öffnete die Tür.

„Fragen Sie Rouven“, murmelte Richmon, so daß Schwester Maria es noch gut verstehen konnte. „Er soll Ihnen erzählen, was hier gespielt wird.“

Die Schwester hielt einen Augenblick inne. Kurz schien sie nachzudenken, worauf sie sich dem Pater wieder zuwandte.

„Rouven ist verschwunden“, hauchte sie nur. „Spurlos verschwunden.“

Das hatte Richmon nicht erwartet. Sichtlich erschrocken blickte er Schwester Maria an. „Und das sagen Sie erst jetzt?“ machte er nun ihr einen Vorwurf.

„Ich habe ihn schon überall gesucht“, flüsterte Schwester Maria. „Ich dachte, er sei bei Ihnen.“ Noch ehe Richmon etwas erwidern konnte, hatte sie das Zimmer verlassen und die Tür hinter sich zugedrückt.

Richmon rührte sich nicht. Er starrte nur auf die Tür. Rouven, schoß es ihm immer wieder durch den Kopf. Wenn ihm etwas zustößt, ist er dafür verantwortlich. Nur er ganz allein. Fieberhaft überlegte Richmon, wo Rouven sich aufhalten könnte. Irgendwo mußte er ja sein. Ein Ort, der ihm Sicherheit bot. Ein Ort, an dem er sich geborgen fühlte. Geistig durchwanderte Richmon sämtliche Räume und Plätze des Internates. Nichts schien ihm als geeignet zu erscheinen. Plötzlich, wie ein Pfeil durchbohrte es seine Gedanken. Deutlich sah er auf einmal das Bild vor Augen. Hastig griff er nach seinem Umhang, der seitlich des Schrankes an einem Bügel hing. Den Schemel schob er mit dem Fuß unter den Tisch, knipste die Lampe aus und verließ leise das Zimmer. Zweimal drehte er den Schlüssel, den er sonst immer im Schloß stecken ließ. Richmon bemerkte nicht, wie sich die Tür des Rektorates öffnete, als er daran vorbeischritt. Wenig später verließ Mr. Goodman ebenfalls das Lehrerhaus. Das Licht des Mondes war noch hell genug, um erkennen zu lassen, daß Richmon die Kirche durch den Hintereingang betrat. Goodman folgte. Vor dem Holzverschlag wartete er eine kurze Zeit, bevor er Richmon hinterherschlich.

Die Tür zum Aufstieg des Glockenturmes stand einen Spaltweit geöffnet. Durch diesen spähte er hindurch. Richmon stand mit der Front zu ihm nicht weit von der Tür entfernt. Seinen Kopf hielt er emporgerichtet. Goodman war es, als sehe er in Richmons Gesicht eine Spur des Entsetzens. Geraume Zeit verging, ohne daß Richmon sich rührte. Plötzlich vernahm Goodman ein leises Geräusch, das vom Treppenaufgang des Turmes herrührte. Jemand schien die Stufen hinabzusteigen. Beunruhigt blickte er um sich. Es gab keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Das Geräusch kam näher. Ungewöhnlich leise huschte Goodman zu dem Holzverschlag. Er wollte den Raum verlassen. Zu spät. Nur noch wenige Stufen konnten es sein, bis der Unbekannte sie hinter sich hatte. Das Öffnen der Tür wäre unbedingt zu hören gewesen. Er sah nur noch eine Möglichkeit, sich zu verstecken. So dicht er konnte, drückte er sich in das hinterste Eck. Sollte die Person den Saal betreten, so war er gerettet. Sollte sie aber die Kirche verlassen wollen, dann war ein Entdecktwerden nicht mehr zu umgehen. Goodmans Nerven waren bis auf das Äußerste gespannt. Keine Sekunde ließ er den Aufgang aus den Augen. Bereit, denjenigen anzuspringen, falls er bemerkt werden sollte.

Die letzte Stufe knarrte. Nur undeutlich konnte Goodman die Umrisse erkennen. Die Umrisse eines Knaben. Rouvens Umrisse. Ohne sich umzublicken, trat Rouven direkt auf die angelehnte Tür zu. Einen Moment lang spähte er durch den Spalt, bevor er langsam die Tür öffnete.

„Rouven“, vernahm Goodman die Stimme des Paters. Rouven trat in den Saal. Die Tür ließ er hinter sich offen stehen. Schwach erleuchtete das Kerzenlicht einen schmalen Teil des dunklen Raumes. Goodman atmete auf. Vorsichtig tastete er sich an der Wand entlang bis hin zur Tür. Jedoch getraute er sich nicht, in das Innere der Kirche zu blicken.

Rouven blieb im sicheren Abstand vor dem Pater stehen. Er sagte kein Wort. Mit ausdruckslosem Blick musterte er Richmon. Dieser versuchte die gespannte Atmosphäre durch ein Lächeln zu lockern. Doch immer wieder sprang sein Blick auf das Gemälde, das sein Lächeln augenblicklich verbannte.

„Hast du es schon gesehen?“ fragte er Rouven nach einer Weile. Rouven nickte nur.

„Weißt du, was es zu bedeuten hat?“ Richmon machte einen Schritt auf Rouven zu.

„Du bist nicht mein Freund“, wehrte Rouven sofort ab. Seine Stimme klang kalt. Er hatte nicht mehr das Liebe, das Anhängliche an sich. Mit starrem Blick betrachtete er den Pater. Richmon hielt inne. Seine Blicke sprangen hin und her. Von Rouven auf das Gemälde, von dem Gemälde wieder auf Rouven.

„Die Schlange, wer ist sie?“ entfuhr es Richmon. Unwillkürlich wanderte sein Blick wieder auf das Bild.

„Du hast es“, entgegnete Rouven außergewöhnlich ruhig. „Du willst es für dich behalten. Für dich.“

„Die Schlange, Rouven, wer ist sie?“ wiederholte sich Richmon. Rouven wandte sich dem Gemälde zu. Die Schlange, die sich am Fuße des Engels gewunden hatte, umschlang ein Bein des Knaben, der emporblickte in die Leere des Universums. Mit jedem Male, wie Richmon einen Blick auf das Gemälde warf, war ihm, als hätte die Schlange sich ein Stück fortbewegt.

„Du kannste es nicht verstehen“, sprach Rouven gelassen weiter. „Du kannst es lesen, aber nicht verstehen. Nicht du besitzt das Buch, sondern das Buch besitzt dich. Jeder Buchstabe wird deinen Glauben zerstören.“ Jäh drehte Rouven sich um. „Gib es mir!“ fuhr er den Pater an. „Du hast kein Recht, es zu behalten. Du kennst die Bedeutung. Du kennst sie und verachtest sie.“

Richmon machte mehrere Schritte rückwärts. Er wußte nicht, was er Rouven darauf erwidern sollte. Wenn er das Buch aus seinen Fingern gibt, so wird er es niemals lesen können. Niemals wird er erfahren, was die Wahrheit über das Dasein beinhaltet. Niemals wird er erfahren können, was sich außerhalb des Geschehens abspielt. Das Jenseits, wo es sich befindet, was es ist. Der Drang, alles zu wissen, die verborgensten Geheimnisse dieser Erde zu erfahren, die er in dem Buch zu erlesen hoffte, verstärkte sich von Sekunde zu Sekunde. Mit jedem Fordern, das Rouven ihm gegenüber äußerte, festigte sich seine Absicht, das Buch für sich zu behalten. Gleichzeitig aber mußte er mit seinem Gewissen, seinem Pflichtgefühl kämpfen, die er sich und den anderen gegenüber hatte. Immer wieder schreckte er vor sich selbst zurück. Vor seinem Ich, das plötzlich ein ganz anderes war.

Rouven ließ Richmon nicht aus den Augen. Dieser starrte ihn nur an. Fordernd streckte ihm Rouven die flache Hand entgegen. Wie das Gemälde es ausgedrückt hatte, bevor sich das Bildnis des Engels in nichts auflöste. Langsam wich Richmon zurück. Fuß um Fuß bewegte er sich rückwärts auf den Altar zu. Das schwarze Tuch verdeckte noch den steinernen Opfertisch. Erschrocken blieb er stehen, als er gegen den Altar stieß.

„Du hattest recht, Rouven“, sagte Richmon auf einmal. „Du hattest recht, als du gesagt hast, daß das Buch Jeremie in den Tod gestürzt hatte.“ Richmon versuchte Rouvens Augen zu fixieren. „Ego venio iterium“, sprach er weiter. „Das heißt, ich komme wieder. Verstehst du Rouven? Das Buch, Pontakus, er ist zurückgekommen. Er ist nicht mehr derselbe, Rouven. Pontakus mordet. Er mordet des Buches willen.“ Richmon hielt für einen Moment inne. Rouven streckte ihm immer noch fordernd seine Hand entgegen. „Ich – ich habe das Buch vernichtet“, setzte er flüsternd hinzu.

Rouven schüttelte energisch seinen Kopf. „Du lügst“, rief er ihm ungläubig entgegen. „Das sagst du nur, das sagst du nur.“

„Du hast ihn gesehen, Rouven“, erwiderte Richmon. „Genauso wie ich, hast du Pontakus gesehen. Das Buch war es, das ihn nicht sterben ließ. Solange das Buch noch war, ist auch er gewesen. Nun hat er seinen Frieden gefunden, Rouven. Mit der Vernichtung des Buches ist auch Pontakus vernichtet.“

Rouven zuckte plötzlich zusammen. Entsetzt starrte er auf den Altar. Auf das Tuch, das sich beinah unmerklich bewegte.

„Du mußt mir glauben, Rouven“, versuchte Richmon zu beteuern. „Es war das einzig Richtige. Denk an Mr. Sallivan. Er mußte ebenfalls mit dem Leben bezahlen.“

Das Tuch bewegte sich immer mehr. Plötzlich sah Rouven etwas Längliches, das lautlos durch den Stoff getrieben wurde. Ein Fingernagel, der sich langsam hindurchbohrte und sich eine Öffnung zurechtschlitzte.

Weder Richmon noch Rouven bemerkten das Geräusch, das zur selben Zeit vom Eingangsbereich herrührte. Nur Goodman war es, als vernehme er einen kaum wahrnehmbaren Laut an sein Ohr dringen. Obwohl er sich am weitesten davon entfernt befand, hatte er den Eindruck, daß jemand die schwere Eichentür öffnete und danach sanft wieder schloß.

Rouven rührte sich nicht von der Stelle. Eine Hand, eine knochige Hand kam zum Vorschein. Sehr langsam schob sie sich zwischen dem Tuch hindurch. Rouven stockte der Atem. Er wollte schreien, schreien um den Pater zu warnen, doch keinen Ton brachte er hervor. Richmon dachte, der entsetzte Gesichtsausdruck galt ihm. Plötzlich tat es ihm leid, Rouven auf solch schamlose Weise angelogen zu haben. Auf einmal verspürte er, wie sich etwas an seinem Hosenbein zu schaffen machte. Bestürzt wollte er auf die Seite weichen. Zu spät! Blitzschnell klammerte sich die knochige Hand um sein Bein. Die messerscharfen Fingernägel bohrten sich in seine Wade. Richmon starrte entsetzt auf den blutroten Arm, der ihn unter den Altar ziehen wollte. Hilfesuchend blickte er auf Rouven. Unaufhaltsam zerrte dieses abscheuliche Geschöpf an seinem Bein. Gegen diese Kraft hatte Richmon keine Chance. Seine einzige Rettung war Rouven.

„Rouven, hilf mir“, schrie Richmon außer sich. Verzweifelt suchte er einen Gegenstand, mit dem er auf die Hand einschlagen könnte. Doch nichts befand sich in greifbarer Nähe. Gleichmäßig zog es ihn mehr und mehr, bis er den Halt verlor. Unsanft stürzte Richmon zu Boden. Rouven starrte nur auf den Pater. Er war nicht fähig, ihm zu Hilfe zu kommen. Krampfhaft klammerte Richmon sich an der äußeren Kante des Altares fest. Seine Kraft war zu schwach. Zu schwach, dieser Gewalt zu widerstehen.

„Mein Gott Rouven, so hilf mir doch! Hilf mir!“

Stück für Stück wurde Richmon in den dunklen Gang gezogen. Mit letzter Kraft versuchte er sich noch zu befreien, sich am Steinboden hochzustemmen. Vergeblich.

„Rouven, das Buch“, schrie Richmon, als er dessen Blickfeld entschwand. „Es befindet sich im Schemel. In meinem Zimmer. Rouven es tut – lei-d“, abrupt verstummten Richmons Schreie.

Totenstille. Rouven starrte auf das Loch, in das Richmon samt dem schwarzen Tuch gezerrt wurde. Goodman hatte es mit angesehen. Jede Einzelheit hatte er genaustens beobachtet. Auch wußte er nun, wo das Buch zu finden ist. Ihm schauderte bei dem Gedanken, was dem Pater nun bevorstand. Deutlich sah er Sallivan vor sich. Enthäutet, wahrscheinlich bei lebendigem Leibe.

Plötzlich wurde die schwere Eichentür geöffnet. Jemand verließ die Kirche. Noch jemand, der diese schreckliche Szene mitbeobachtet hatte. Goodman fuhr es durch die Glieder. Noch jemand, der nun wußte, wo das Buch zu finden ist! Schlagartig wandte er sich um, hastete zu Tür, öffnete sie und eilte auf den Hof. Weit und breit konnte er niemanden erblicken. Demnach mußte sich derjenige entweder versteckt haben, oder er hatte die Richtung des Schülerhauses eingeschlagen. Goodman überlegte nicht lange. Auf direktem Weg hetzte er auf das Lehrerhaus zu. Die Hälfte der Strecke hatte er hinter sich, erst da bemerkte er, wie sich doch noch jemand dem Gebäude genähert hatte. Gerade verschwand die Gestalt hinter der Tür. Goodman konnte nicht mehr schneller. Seine Kräfte drohten ihm schon zu versagen. Kopfüber stürzte er auf die Eingangstür zu, riß sie auf und jagte hinterher. Durch das Geräusch wurden einige aus dem Schlaf gerissen. Lichter gingen an, eine Zimmertür wurde geöffnet. Mr. Larsen betrat den Flur. Verwundert blickte er auf den Internatsleiter, der eben an ihm vorbeirannte. Goodman schien ihn nicht zu registrieren. Larsen schüttelte unverständlich den Kopf. Ohne sich noch weiteres darum zu kümmern, trat er wieder zurück in sein Zimmer.

Von weitem hörte Goodman schon die Geräusche, wie sich jemand an Richmons Tür zu schaffen machte. Nur noch wenige Stufen hatte er vor sich. Mit einem Male verstummten sie, die Geräusche. Das Licht wurde ausgeschaltet. Goodman stockte, blieb stehen, versuchte den Atem anzuhalten. Nichts! Nicht den geringsten Laut konnte er vernehmen. Er wußte genau, irgend jemand befand sich in seiner Nähe, wollte dasselbe, was auch er an sich zu bringen trachtete. Irgend jemand, und dieser war in diesen Augenblicken sein Feind. Leise stieß er den Atem aus. Seine Lunge bebte nach dieser Anstrengung. Auf alles gefaßt setzte er seinen Fuß auf die letzte Stufe. Langsam drückte er sein Knie durch. Das Holz unter ihm knarrte. Innerlich verfluchte er dieses Geräusch. Angestrengt spähte er um sich. Richmons Zimmer war das einzige, das sich auf dieser Etage befand. Und dieses war nur wenige Meter von ihm entfernt. Aber es war viel zu dunkel, um etwas ausfindig machen zu können. Doch kannte er die Örtlichkeit so gut, daß es nur zwei Möglichkeiten gab, sich zu verstecken. Wobei sich die Person in der Nähe des Lichtschalters aufhalten mußte. Und das schloß die andere Möglichkeit aus. Auch sagte er sich, daß er sowenig gesehen werden konnte, wie er selbst zu sehen vermochte. Also gab es für Goodman nur noch das eine. Zum Angriff übergehen. Kurz atmete er mehrmals tief durch. Mit zwei Sätzen stand er neben dem Lichtschalter. Da war ihm, als wich jemand zurück. Rasch drehte er den Schalter. Der kurze Flur wurde erhellt. Gleichzeitig wurde Goodman mit einem Gegenstand ins Gesicht geschlagen. Er taumelte, faßte sich auf die getroffene Stelle. Ein zweiter Hieb traf ihn auf die Stirn. Ihm wurde schwarz vor Augen. Seine Beine versagten. Bewußtlos fiel Goodman gegen die Wand, rutschte langsam zu Boden. Schwester Maria starrte entsetzt auf den reglosen Körper. In der Hand hielt sie einen Schuh, mit dessen Absatz sie auf Goodman eingeschlagen hatte.

„Mutter Maria Gottes – Sie?“, entfuhr es ihr. Sie bekreuzigte sich. Einige Male hintereinander. Betroffen über ihre Tat drückte sie sich an Goodman vorbei. Sie sah ihn nicht dabei an. Unentwegt musterte sie nur die Tür, die sie vergebens zu öffnen versucht hatte. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Sie wußte, daß Goodman für sämtliche Räume Zweitschlüssel besaß. Eilig hastete sie die Treppe hinunter. Vorsichtig öffnete sie die Tür zu Goodmans Zimmer. Ohne Zögern trat sie ein und verschloß hinter sich den Raum. Erst dann betätigte sie den Lichtschalter. Augenblicklich begab sie sich zu seinem Schreibtisch. Erschrocken fuhr sie zurück. Der Foliant lag noch auf dem Pult. Die letzte Seite aufgeschlagen. Sie wollte es lesen, doch die Zeit drängte. Goodman konnte jeden Augenblick wieder zu sich kommen. Fiebrig durchsuchte sie die Schubladen. Wider Erwarten hatte sie schon bei der zweiten Lade Erfolg. Dort lag das Gesuchte. Ein großer Ring, mit unzähligen Schlüsseln daran. Sie schnappte ihn und ließ den Ring in ihre Seitentasche gleiten. Kurz warf sie noch einen Blick auf das Buch, das sie an sich nehmen wollte, sobald sie Richmons Dachstube durchsucht hatte. Leise verließ sie das Rektorat. Dabei vergaß sie in ihrer Hektik das Licht wieder auszuschalten. Nachdem sie nur langsam zum Treppenaufstieg geschlichen war, eilte sie um so schneller die Stufen hinauf. Vor Richmons Tür angelangt, zog sie den Schlüsselbund hervor, warf aber noch einen Blick auf Goodman, der immer noch regungslos auf dem Fußboden lag. Nacheinander steckte sie die Schlüssel in das Schloß. Keiner wollte so richtig passen. Mehrere Minuten vergingen, ohne Erfolg. Schon dachte sie, daß es für diesen Raum gar keinen zweiten Schlüssel gab, da machte es auf einmal einen Schnapper. Die Tür war offen. Erleichtert atmete sie auf. Nochmals musterte sie Goodman, bevor sie in die Kammer trat.

Zur selben Zeit betrat Rouven das Lehrerhaus. Von weitem hatte er Licht im Rektorat gesehen. Die Vorhänge waren nicht zusammengezogen, dadurch hatte er für einen Moment eindeutig Schwester Maria erkennen können. Rouven begab sich direkt auf das Rektorat zu, das die Schwester eben erst verlassen hatte. Entschlossen drückte Rouven die Klinke hinunter. Er hatte Schwester Maria erwartet, doch der Raum war leer. Dennoch trat er vollends ein. Aufmerksam ließ er seinen Blick umherschweifen. Auf dem Schreibtisch blieb er haften. Fassungslos starrte er auf den Foliant. Rouven hatte gesehen, wie er in den unterirdischen Gang gezogen wurde. Nun lag er da, auf diesem Tisch, auf dem Schreibpult des Internatleiters. Geöffnet, als sei erst vor wenigen Minuten darin gelesen worden. Nur stockend begab er sich darauf zu. Die Zimmertür ließ er angelehnt. Seine gesamte Aufmerksamkeit galt nur noch der Chronik. Zaghaft setzte er sich in den Sessel. Angespannt las er die letzte Seite. Wort für Wort. Immer wieder, wie Goodman es getan hatte. Nachdenklich blickte er nach einigen Minuten auf, ließ seine Blicke belanglos über die Tischplatte schweifen. Da fiel sein Blick auf das Kuvert, das Goodman liegen gelassen hatte. Es war nicht Rouvens Art, in fremden Sachen zu schnüffeln, doch, wie dazu gezwungen, nahm er das Kuvert zu sich. Bedächtig drehte er es um. Schlagartig versetzte es ihm einen Stich in die Magengegend. Als wolle er sich verkrampfen, als Rouven seine Anschrift darauf geschrieben las. Zitternd nahm er den Inhalt heraus. Ein Brief von seinem Vater, an ihn gerichtet, von Mr. Goodman unterschlagen. Rouvens Augen füllten sich mit Tränen. Er hätte schreien mögen vor Schmerz. Vor dieser seelischen Qual, die ihn mit jedem Wort, das ihm sein Vater geschrieben hatte, peinigte.

Ein lautes Poltern, das vom oberem Stockwerk herrührte, ließ ihn zusammenzucken. Gleichzeitig durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Das Buch, es befand sich in Pater Richmons Zimmer. Und das Zimmer war direkt über dem Rektorat. Schnell steckte er den Brief in den Umschlag zurück, den er dann in seine Hosentasche schob. Ein weiteres Poltern mahnte ihn zu höchster Eile. So schnell er konnte, rannte er die Treppe hinauf. Auf der letzten Stufe blieb er stehen. Deutlich vernahm er, wie zwei miteinander kämpften.

„Du Stück Dreck“, hörte er Goodman keuchen. „Gib mir das Buch, oder ich bring dich um!“ Im selben Augenblick ein dumpfer Schlag. Rouven näherte sich zögernd der Dachstube. Als er Einblick bekam, offenbarte sich ihm ein tödlicher Kampf zwischen Schwester Maria und Goodman. Goodman hielt ein Messer in der Hand. Dasselbe Messer, mit dem er Sallivan den Kopf abgetrennt hatte. Schwester Maria streckte das Buch schützend vor sich hin.

Goodman fuchtelte schnaubend mit dem Messer vor der Schwester hin und her. Er hatte eine Haltung eingenommen, als wolle er sie jeden Augenblick anspringen, um ihr die Klinge in den Leib zu stoßen. Schwester Marias Finger krallten sich fest um das Buch. Ihre Augen fixierten nur den Internatsleiter. Rouven, der im Türrahmen stand, hatte sie noch nicht bemerkt. Goodman stand mit dem Rücken zu ihm. Plötzlich, ein Zucken ging durch Goodmans Körper. Mit einem Aufschrei schnellte er vor.

„Nein –“, schrie Rouven entsetzt. Schwester Maria blickte zu ihm. In diesem Moment stach Goodman zu. Die Klinge streifte das Buch, wurde abgelenkt und bohrte sich in die linke Brustseite. Der Glanz in ihren Augen brach. Sie zuckte und brach in sich zusammen. Goodman starrte entsetzt auf die Schwester. Tot lag sie vor ihm, das Buch an sich gepreßt.

„Mein Gott“, hauchte er. „Ich – ich – .“

Rouven wagte nicht, sich zu rühren, dennoch setzte er einen Fuß in das Zimmer. Goodman registrierte ihn nicht. Fassungslos stierte er nur auf das Blut, das den Boden rot verfärbte. Rouven mußte all seine Kräfte in sich zusammenreißen, um nicht die Beherrschung zu verlieren. Zentimeter für Zentimeter näherte er sich der Schwester. In seinem Inneren hörte er die Stimme seines Vaters zu sich sprechen. Die Worte, die er noch vor wenigen Minuten in dem Brief gelesen hatte. Sie gaben ihm Kraft. Sie halfen ihm, das Buch an sich zu nehmen, es aus der Umklammerung der ermordeten Schwester zu entfernen. Goodman hinderte ihn nicht daran.

Blut tropfte an dem Buch herunter, als Rouven es Schwester Maria aus den Armen nahm. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ Rouven das Zimmer. Seltsamerweise schien das Gepolter von niemandem gehört worden zu sein. Es war überaus still. Unheimlich still. Rouven verließ das Lehrerhaus, das Buch fest an sich gepreßt, wie es Schwester Maria in ihren letzten Minuten getan hatte. Fest an sich gepreßt zum Schutz vor dem tödlichen Stich. Wäre Rouven nicht gewesen, würde die Klinge nun in dem dicken Einband stecken? Rouven versuchte diese Frage zu verdrängen. Die letzten Tage hatten ihn hart gemacht. Hart gegen sich, hart gegen seine Widersacher. Freunde besaß er nun keine mehr. Freunde, hatte er jemals welche gehabt? Ja! Jeremie. Aber auch er war ein Opfer dieses Buches geworden. Ein unschuldiges Opfer. Jeremie war sein Freund, sein einziger Freund. Seit wenigen Tagen tot. Ist es wirklich das Buch gewesen? Hatte wirklich dieses Buch Schuld an seinem Tod? Rouven erhoffte Antwort darin zu finden. Ebenso wie Pater Richmon. War er wirklich nur seinetwegen hier? Um ihn, wie er einmal gesagt hatte, auf den richtigen Weg zu weisen? Und dieses Geschöpf? Rouven wußte nun, daß nicht Pontakus, sondern Bifezius, der Wahnsinnige, es ist. Wer aber ist dann Pontakus? Wird er wirklich wiederkommen, um sein Werk fortzusetzen? Wem konnte Rouven sich nun noch anvertrauen? Wem? Vielleicht stand noch etwas in dem Brief seines Vaters darüber. Ganz hatte er ihn nicht lesen können. Aber sein Ziel schien erreicht zu sein. Er besaß das Buch. Oder war dies nur ein Anfang? Ein Anfang von was?

Rouven wußte nichts. Gar nichts! Fragen über Fragen häuften sich, die er nicht beantworten konnte. Mit gesenktem Kopf begab er sich auf die Kirche zu. Durch den Hintereingang betrat er die heilige Stätte.

*

Das Geschöpf schleifte Richmon an einem Bein den dunklen Gang entlang. Vergeblich versuchte er sich zu befreien, sein Bein von den Krallen loszureißen. Von dem Sturz in das Loch hatte er sich eine Platzwunde am Kopf zugezogen. Blut näßte sein Gesicht. Richmon war, als wären schon Stunden vergangen. Stunden, in denen er nur auf dem Boden entlanggeschleift wurde. Sein Bein schmerzte. Höllisch, als würde ständig jemand daran herumstochern. Plötzlich stoppte es. Richmon blickte um sich. Finsternis, nur Finsternis. Nicht das Geringste konnte er sehen. Nicht einmal seine eigene Hand. Auf einmal ließ es ihn los. Sein Bein fiel zu Boden. Diese Gelegenheit wollte er nutzen. Trotz der qualvollen Schmerzen zwang er sich aufzuspringen. Aussichtslos! Etwas packte ihn, hob ihn einfach empor. Richmon wußte nicht, wie ihm geschah. Einer unwiderstehlichen Gewalt war er ausgesetzt. Einer Gewalt, die nichts Menschliches an sich hatte. Seine Beine baumelten über dem Boden. Mit den Armen wollte er um sich schlagen, traf jedoch nur ins Leere. Plötzlich verspürte er Hartes hinter sich. Unsanft drückte es ihn gegen das Gemäuer. Seine Arme wurden gespreizt. Das Rasseln von Ketten hallte in dem Gewölbe. Eisen umklammerten seine Handgelenke. Richmon wollte schreien. Nur schreien. Die Furcht war zu groß, sie verschnürte ihm die Kehle. Jäh wurde er losgelassen. Schlagartig fiel er nach unten, doch die Ketten fingen ihn auf. Das Eisen an seinen Gelenken quetschte die Haut zusammen. Seine Arme, sie schmerzten. Als würden sie emporgerissen. Der Schmerz fuhr ihm bis in das Hüftgelenk, so stark war die Wucht seines eigenen Gewichtes. Stille! Totale Stille! Waren es Minuten, oder waren es Stunden? Er besaß kein Gefühl mehr für die Zeit. Die Schmerzen, das Dunkel, diese undurchdringbare Finsternis, alles verschmolz sich in einem, packte sich zusammen und war nur da. Einfach da. Brutal, erbarmungslos.

Auf einmal ein Geräusch. Es kam näher, noch näher, verstummte.

Hallo, Niclas, flüsterte eine Stimme.

Richmon blickte auf. Obwohl er nichts sehen konnte, fixierte er die Richtung, von der die Stimme zu ihm drang.

Weißt du, was ich will, Niclas?

Mich, brachte Richmon nur mühevoll hervor.

Falsch! zischte es ihm entgegen. Nicht dich, Niclas, nicht dich. Das Buch, Niclas. Wo ist das Buch? Wo ist es?

Richmon gab keine Antwort.

Deine Ungehorsamkeit mußt du bezahlen, Niclas. Weißt du, was dir bevorsteht? Weißt du das?

Du kannst meinen Körper töten, hauchte Richmon, aber nicht mich. Nicht meine Seele.

Nicht deine Seele will ich haben, Niclas. Sie ist nutzlos für mich. Dein Gesicht, das werde ich mir holen. Dein Gesicht. Ich habe keines, verstehst du?

In Sekundenschnelle entbrannte vor Richmon eine Fackel. Entsetzt kniff er die Augen zusammen. Richmon dachte an die Worte von Rouven. – Sieh nicht hinein – hatte er ihm zugerufen. – Dann hat er dich, für immer –.

Du brauchst mich nicht anzusehen, flüsterte das Geschöpf. Nicht mehr lange, dann gehören deine Augen mir.

Richmon drückte noch fester seine Augen zusammen. Plötzlich verspürte er einen spitzen Gegenstand an seinem Hals. Er mußte sich zwingen, die Augen verschlossen zu halten.

Mit deinem Gesicht, Niclas, werde ich es mir wieder holen, hauchte es Richmon entgegen. Langsam bohrte sich sein Fingernagel in dessen Haut. Das Buch wird mir alle Wünsche erfüllen. Dann besitze ich die Macht. Ich, Niclas, ich!

„Ah –“. Jäh fuhr Ellinoy nach oben. Entsetzt griff er sich an den Hals, blickte um sich. Es war noch dunkel. Ängstlich tastete er nach dem Lichtschalter. Erleichtert atmete er auf, als das Zimmer erhellte. Wenige Minuten nach drei Uhr zeigte sein Wecker an.

„Nur ein Traum“, sprach sich Ellinoy zu. „Es war nur ein Traum.“ Geraume Zeit verging. Das Licht getraute er nicht wieder auszuschalten. Nur schleichend verstrichen die Minuten. Er wollte ihn verdrängen, diesen Traum, doch deutlich sah er jedes Detail noch vor Augen.

„Verdammte Scheiße“, begann er in sich hineinzufluchen. Verzweifelt warf er einen Blick auf die Uhr. Nur kaum hatte der Zeiger sich bewegt, seit er das letzte Mal auf die Uhr geblickt hatte. Unruhig legte er sich zurück, zog sich die Bettdecke bis an den Hals. Das Licht jedoch löschte er nicht. Immer wieder fielen ihm die Augen zu. Momentan sah er wieder dieses Geschöpf vor sich, das Richmon den Hals aufschlitzen wollte.

Bis in den Morgen hinein hielt sich Ellinoy wach. Sehnsüchtig wartete er auf die ersten Sonnenstrahlen. Punkt sieben Uhr verließ er sein Zimmer. Der Waschraum befand sich im Erdgeschoß. Niemand begegnete ihm, als er sich dorthin begab. Auch war kein Laut zu hören, obwohl es seiner Meinung nach schon längst an der Zeit sein müßte. Der Unterricht sollte an diesem Tag wieder seinen normalen Rhythmus einnehmen.

Gerade als er den Wasserhahn aufdrehte, betrat noch jemand den Waschsaal. Einer aus der unteren Klasse. Ehrfürchtig musterte dieser Ellinoy. Wenig später füllte sich nach und nach der Raum. Es wurde laut. Der Tag hatte begonnen.

Von seinem Standpunkt aus konnte er im Spiegel die Eingangstür sehen. Ungeduldig wartete er darauf, daß einer seiner Freunde endlich den Waschsaal betreten würde. Eine Viertelstunde verging. Weder Dumpkin, Showy noch Champy tauchten auf. Nervös packte Ellinoy sein Waschzeug zusammen. Vollkommen in Gedanken versunken verließ er den Raum. Nicht einmal das Grüßen von einigen seiner Klassenkameraden nahm er wahr, als er ihnen auf der Treppe begegnete. Direkt steuerte er auf das Zimmer von Dumpkin zu. Stimmen drangen auf den Gang. Verstehen konnte er jedoch nichts, dafür war es zu laut geworden. Vorsichtig drückte er die Klinke hinunter. Plötzlich öffnete sich die Tür, wie von allein. Erschrocken nahm er seine Hand von dem Griff. Kurz zuckte er zusammen, als er in das Gesicht von Pater Richmon blickte. Dieser war eben im Begriff, das Zimmer zu verlassen.

„Hallo, Ellinoy“, lächelte Richmon ihm zu. Ellinoy machte einen Schritt zurück. Mißtrauisch musterte er den Pater.

„Komm doch herein“, forderte er ihn auf. „Wir haben dich schon vermißt.“

„Vermißt?“ tat Ellinoy verwundert. Über Richmons Schulter hinweg sah er Showy und Champy. Dumpkin hörte er leise reden.

Richmon trat auf die Seite, um Ellinoy Platz zum Eintreten zu machen. Ellinoy zögerte immer noch. Freundlich gab Richmon ihm darauf einen Wink.

„Warum so zaghaft?“ fragte Richmon. Langsam betrat Ellinoy das Zimmer.

„Da bist du ja“, bemerkte Dumpkin, als hätten sie nur noch auf ihn gewartet. Richmon verschloß hinter ihnen die Tür. Showy starrte nur vor sich hin, Champys Blicke wanderten von Richmon auf Dumpkin, dann auf Ellinoy und wieder auf Richmon.

„Ich will es ganz kurz machen“, sagte Pater Richmon ohne viel Umschweife. Dabei musterte er Ellinoy mit zusammengekniffenen Augen. Das freundliche Lächeln war wie weggeblasen. „Das Versprechen, welches ihr mir gegeben habt, nun müßt ihr es einlösen.“ Von Ellinoy sah er auf Dumpkin. Dieser grinste den Pater nur an.

„Dir wird dein Grinsen gleich vergehen“, sagte er zu ihm. Dumpkin zuckte mit der Schulter.

„Es geht um das Buch“, fuhr Richmon fort. „Das Buch, das ihr mir gestohlen habt.“

Dumpkin zuckte zusammen. Augenblicklich verschwand sein breites Grinsen. Statt dessen wich ihm die Farbe aus dem Gesicht. Erschrocken versuchte er nun, mit Ellinoy in Blickkontakt zu kommen.

„Ich will es wiederhaben“, sprach Richmon weiter. „Der Spaß hat nun ein Ende. Lange genug habe ich mit mir spielen lassen. Nun ist es soweit. Löst euer Versprechen ein, und wir bleiben Freunde. Tut ihr es nicht, so habt ihr in mir einen unerbittlichen Feind. Ich hoffe, ich habe mich deutlich genug ausgedrückt.“ Richmon sah von einem auf den anderen. Verblüfft blickten sich die vier gegenseitig an. Mit diesem hatten sie am allerwenigsten gerechnet.

„Welches Buch?“ trotzte Dumpkin. „Von was reden Sie“?

Nun war es Richmon, der grinste. „Ein altes Buch“, erwiderte er. „Ein sehr altes Buch. Ich bezweifle, daß ihr es lesen könnt. Oder, könnt ihr es?“ Blitzschnell blickte er auf Showy. Noch mehr legte sich seine Stirn in Falten. Showy schreckte zurück. Unsicher bewegte Showy seinen Kopf hin und her.

„Dachte ich es mir“, sagte Richmon darauf. „Seid vernünftig! Ich erwarte euch heute abend in der Kirche. Nach der Abendmesse, ihr wißt doch, daß heute abend eine Abendmesse stattfindet, oder?“

Wieder blickten sie sich unverständlich an. Ellinoy brachte keinen Ton hervor. Ständig mußte er an den Traum denken. Am liebsten hätte er Richmon den Umhang heruntergerissen. Aber was, wenn er es nun doch nicht ist? Was, wenn es, es –. Sofort verdrängte er den Gedanken wieder. Eiskalt lief es ihm über den Rücken.

Richmon wandte sich der Zimmertür zu. „Heute abend, Jungs“, flüsterte er. „Punkt sieben Uhr ist Messebeginn. Vergeßt es nicht!“ Leise schloß Richmon die Tür hinter sich zu. Sie waren allein, die Unzertrennbaren. Geraume Zeit starrten sie sich nur gegenseitig an. Hegten ihren Gedanken hinterher, sagten nichts. Bis Champy die drückende Stille unterbrach.

„Ich hasse dieses Buch“, hauchte er. „Am liebsten würde ich es verbrennen. Einfach verbrennen.“

Dumpkin drehte seinen Kopf zu ihm. Zornig funkelte er ihn an. „Bist du wahnsinnig“, zischte er. „Wir haben ein Bündnis mit dem Buch abgeschlossen. Es ist ein Teil von uns. Verstehst du? Von uns!“

Ellinoy wurde plötzlich schwarz vor Augen. Er schwankte, taumelte zurück. Gerade noch konnte er sich am Kleiderschrank festhalten. Bestürzt sahen seine Freunde ihn an.

„Was ist mit dir?“ erschrak Dumpkin. Er wollte zu ihm aufspringen, doch mit einem Wink wehrte ihm Ellinoy ab.

„Geht schon wieder“, stammelte er. Schwerfällig lehnte er sich gegen den Schrank, atmete mehrmals tief durch. „Heute nacht“, kam es nur leise über seine Lippen. „Ich habe von Pater Richmon geträumt. Es, es war grausam, schrecklich. Dieses, dieses Ding hat ihm, es hat ihm das Gesicht –“ Ellinoy zitterte am gesamten Leib. Mit aufgerissenen Augen blickte er von Dumpkin auf Champy. „Weißt du, was ich meine?“ fragte er Champy kaum hörbar. „Sein, sein Gesicht. Dieses Ding, es, es hat sein Gesicht.“

„Sein – Gesicht?“ wiederholte Champy. Entsetzen war in seinen Augen zu lesen. „Du hast es auch – geträumt? Du auch?“

Ellinoy nickte nur. Stumm wanderte sein Blick auf Dumpkin. Er sah ihm an, daß auch Dumpkin diesen fürchterlichen Traum hatte.

„Und – jetzt?“ flüsterte Ellinoy.

„Wir geben es ihm“, sagte auf einmal Showy. „Wir geben ihm dieses verdammte Buch. Ich will nichts mehr davon wissen!“

„Es ist das beste“, stimmte Champy bei. Fragend musterte er Dumpkin.

„Und du?“, murmelte Ellinoy, dessen Blick nicht von Dumpkin wich. „Wie denkst du?“

Dumpkin schüttelte mit dem Kopf. „So schnell gebe ich nicht auf“, erwiderte er. „Sallivan ist auch noch am Leben. Er ist nicht tot. Genauso ist es mit Richmon. Der Traum hat nur eine Bedeutung. Nichts anderes. Gehen wir ins Lager. Beraten wir uns im Lager weiter. Scheiß auf den Unterricht heute. Gehen wir, jetzt gleich!“ Dumpkin stand auf. Mit einer leichten Kopfbewegung schüttelte er sich die Haare aus dem Gesicht. Auffordernd musterte er seine Freunde. „Wir sind doch immer noch die Unzertrennbaren, oder?“ Das schien zu wirken. Wider Erwarten stimmten sie ihm nacheinander zu. Sogar Showy nickte nach einigem Zögern.

„Ich wußte, daß wir zusammenhalten. Ich wußte es.“

Kaum wurde etwas gesprochen, als sie nebeneinander den Hof überschritten. Die meisten Schüler befanden sich um diese Zeit noch im Speisesaal. Nur wenigen begegneten sie auf dem Weg zum Eingangstor. Es war verschlossen. Dumpkin blickte um sich. Keiner der Lehrer schien in der Nähe zu sein. Gemeinsam schoben sie den Balken zurück, öffneten den Flügel und verließen das Internat. Hintereinander drangen sie in den Wald. Ellinoy machte den Anfang, Champy bildete den Schluß. Ängstlich schauten sie immer wieder um sich. Für Champy war es seit dem Verlust seines Fingers das erste Mal, daß er das Internat wieder verlassen hatte. Leicht begann die Wunde zu schmerzen. Manchmal war ihm, als wäre der Finger noch dran. Ein sonderbares Gefühl überkam ihn dabei, vor allem in diesen Momenten, in denen ihm die Anstrengung zu schaffen machte.

Ohne Außergewöhnliches beobachtet zu haben, gelangten sie zu ihrem Schlupfwinkel. Showy machte sich sofort daran, den Einlaß zu öffnen. Erst nachdem er ihn sorgfältig wieder verschlossen hatte, unterbrach Dumpkin die Schweigsamkeit.

„Das Buch“, sprach er beinah feierlich. „Glaubt mir, es ist auf unserer Seite. Ihr dürft es nicht einfach aufgeben. Es wäre so, als würdet ihr euch selbst aufgeben.“

Showy schüttelte abwehrend seinen Kopf. „Pater Richmon meint es ernst“, versuchte er Dumpkin zu widerlegen. „Wenn er will, kann er uns ganz schön eine reindrücken. Ich mach da nicht mehr mit.“ Dumpkin blickte Showy ärgerlich an, entgegnete aber nichts darauf.

„Mann, versteh doch, Dumpkin.“ Mit feuchten Augen sah Showy auf seinen Freund. „Ich hab Schiß! Verdammt noch mal, ich hab einfach Schiß!“

„Ach Quatsch!“ versuchte Dumpkin einzuwenden. „Der will uns nur einschüchtern, sonst nichts.“

„Woher weiß er, daß wir es besitzen?“ fragte Ellinoy, ohne jedoch eine Antwort zu erwarten. „Verdammt noch mal, woher weiß er es, woher?“ Er näherte sich dem Baumstumpf. Mit beiden Händen stützte er sich darauf ab. „Das war nicht Pater Richmon“, flüsterte er. „Das war ER. Verdammt noch mal, ER war es, nicht der Pater. ER!“ Schweiß perlte auf Ellinoys Stirn. Angst, bloße Angst, die das Licht seiner Augen brach. „Richmon ist tot“, kam es kaum hörbar über seine Lippen. „Dieses Geschöpf, es hat ihn umgebracht. Ich spüre es. Wenn wir nicht das tun, was er will, bringt er uns ebenfalls um.“ Mit verzerrtem Gesichtsausdruck musterte er seine Freunde. Dumpkin blickte stumm auf den Boden. Nervös scharrte er mit dem Fuß auf der Erde. Dumpkin erkannte, daß er alle gegen sich hatte. Ein weiterer Versuch, sie umzustimmen, wäre zwecklos. Nach einigen Minuten schaute er wieder auf.

„Pater Richmon ist nicht tot“, sagte er. „Ebenso Sallivan. – Aber wenn ihr es unbedingt wollt, so tut es. Gebt es ihm. Noch nie habe ich ein Versprechen gebrochen. Und wir haben es versprochen.“

Ein allgemeines Aufatmen ging durch die Runde. Ellinoys Gesichtsmuskeln entspannten sich wieder. Mit dem Rücken stemmte er sich gegen den Baumstumpf. Nur schwer ließ er sich auf die Seite bewegen. Langsam kam das Erdloch unter dem Stammende hervor. Dumpkin kniete sich auf den Boden. Er wollte das Buch aus dem Versteck nehmen. Erschrocken fuhr Dumpkin zurück.

„Es ist weg“, entfuhr es ihm. „Das Buch, es ist weg!“

Ellinoy kniete sich ebenfalls auf die Erde. Vergeblich durchsuchte er die Vertiefung.

„Mein Gott“, entsetzt blickte er auf seinen Freund. Dumpkin starrte fassungslos erst auf Champy, dann auf Showy. Plötzlich schlug er mit der Faust auf den Boden.

„Rotschopf!“ zischte er wütend. „Das war dieser gottverdammte Rotschopf. Bestimmt war er uns gefolgt, dieser Drecksack dieser elendige!“ Abrupt stand er auf. Ellinoy zog sich nur mühsam an dem Baumstumpf empor.

„Wir hätten ihn gleich erledigen sollen“, giftete Dumpkin weiter. Champy legte Dumpkin seine Hand auf die Schulter. „Wir holen es uns wieder“, raunte er ihm zu. Dumpkin blickte ihm direkt in die Augen. „Das wird er uns büßen!“

„Heute abend“, stammelte Ellinoy. „Wir brauchen es heute abend. Er will es, verdammt noch mal, er will es!“

Showys Blick haftete auf Ellinoy. Ungläubig bewegte er seinen Kopf hin und her. Tränen standen in seinen Augen. „Ich will nicht sterben“, kam es schluchzend aus ihm hervor. „Ich will nicht, ich will nicht.“ Taumelnd bewegte er sich auf Ellinoy zu. „Was machen wir jetzt?“ fragte er ihn leise. „Glaubst du wirklich, daß es nicht Richmon gewesen ist?“

Ellinoy sah Showy nur an. Er wollte ihm etwas darauf erwidern, als auf einmal entferntes Glockengeläut an ihre Ohren drang. Verwundert horchten sie auf. Wild läuteten die Glocken, als wollten sie gegen irgend etwas Alarm schlagen. Ratlos blickten sie sich einander an.

„Hallo Jungs“, vernahmen sie plötzlich eine flüsternde Stimme. Gleichzeitig raschelte es im Gezweig. Betroffen blickten sie sich danach um. Augenblicklich verlagerte sich das Rascheln in die entgegengesetzte Richtung.

„Hallo Jungs“, wiederholte das Flüstern. Wieder drehten sie sich danach um, wieder wanderte das Rascheln, diesmal auf die linke Seite.

„Wer ist da?“ rief Champy mit zitternder Stimme. Das Rascheln wurde lauter. Eiskalt lief es ihnen über den Rücken. Auf einmal begann sich das Geräusch zu bewegen. Es schien um ihren Schlupfwinkel herumzulaufen. Von Sekunde zu Sekunde schneller werdend. Das Glockenläuten war längst nicht mehr zu hören. Minute um Minute verstrich. Verkrampft drückte Showy sich die Ohren zu. Ellinoy regte sich nicht von der Stelle. Starr richteten sich seine Blicke auf den Eingang. Jeden Moment rechnete er damit, daß es vor ihnen stehen würde. Plötzlich, von einer Sekunde auf die andere verstummte es. Unheimliche Stille herrschte statt dessen in ihrem Lager. Zwischenzeitlich war auch das Glockenläuten verklungen. Keiner von ihnen getraute sich zu bewegen, geschweige denn, irgend etwas zu sagen. Showy preßte sich immer noch die Ohren zu. Er war nahe daran, das Bewußtsein zu verlieren.

Geraume Zeit verging. Dumpkin war es, der die Stille unterbrach.

„Bloß weg hier!“ zischte er. Es kostete ihm große Überwindungskraft, sich von der Stelle zu rühren. Wider Erwarten geschah jedoch nichts. Vorsichtig begann sich nun auch Ellinoy zu rühren.

„Hauen wir ab!“ flüsterte nun auch er. „Verschwinden wir, bevor es zurückkommt.“

„Und wenn es draußen auf uns wartet?“ bemerkte Champy ängstlich. Dumpkin schüttelte seinen Kopf. „Ich weiß nicht was es war, aber dann wäre es hereingekommen.“ Er bückte sich und zog langsam an der Schnur. Champy betrachtete seine verletzte Hand. Panische Angst überkam ihn, wenn er an jene Nacht zurückdachte, in der er seinen Finger verloren hatte. Nun war es wieder da. Champy war, als verspüre er deutlich die Nähe dieses erbarmungslosen Geschöpfs.

Stück für Stück öffnete sich vor ihnen der Eingang. Showy hatte sich bisher noch nicht von der Stelle gerührt. Kaum war der Einlaß geöffnet, ging ein Zucken durch seinen Körper. Noch ehe seine Freunde es verhindern konnten, stürmte Showy zwischen das Dornengestrüpp hindurch.

„Showy“, rief Dumpkin entsetzt, sprang auf und machte sich ebenfalls daran, das Lager zu verlassen.

„Hinterher“, zischte Ellinoy. Champy war eben dabei, Dumpkin zu folgen. Wie besessen rannte Showy durch den Wald. Dumpkin hatte allergrößte Mühe, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Kurz vor dem Graben erst hatte er ihn eingeholt. Showy wollte einfach hinunterspringen. Gerade noch konnte Dumpkin ihn davon abhalten.

„Bist du wahnsinnig“, fuhr Dumpkin ihn an.

Mit beiden Händen mußte er Showy festhalten. Unsanft drückte er ihn gegen einen Baum. „Was ist los mit dir“, schnauzte er Showy ins Gesicht. „Willst du dir sämtliche Knochen brechen?“

Showys Augen füllten sich mit Tränen. „Ich will nach Hause“, schluchzte er. „Ich will heim, nur noch heim.“

„Scheiße“, fluchte Dumpkin in sich hinein. Vorsichtig ließ er Showy los. „Sei vernünftig, Showy“, versuchte er ihn zu beruhigen. Unsicher blickte er um sich. Soeben trat Champy an den Rand des Grabens. Dicht gefolgt von Ellinoy.

„Gehen wir weiter“, drängte Ellinoy. Kurz warf er einen Blick auf Showy. „Sei stark“, flüsterte er ihm zu, wandte sich ab und kletterte den Hang hinunter. Champy war mit wenigen Sätzen hinabgesprungen. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig, da er mit seiner verletzten Hand wenig anfangen konnte. Ebenso Dumpkin. Nachdem er Showy den Vortritt gelassen hatte, sprang er wie Champy hinterher. Zu zweit halfen sie dann Showy, die andere Seite zu erklimmen. Ellinoy stieg zuletzt den Hang hinauf. Unbewußt, ohne es eigentlich zu wollen, drehte er sich noch einmal um, bevor er den anderen folgte. Schon bereute er seine Neugier. Oder war es nur eine Illusion, ein Trug seiner Angst, die in ihm steckte. Undeutlich sah er eine Gestalt auf der gegenüberliegenden Seite. Verborgen hinter einem Baum. Seltsamerweise fiel sein Blick genau auf diese Stelle. Plötzlich war es wieder da. Ellinoy war, als sehe er es direkt vor sich, auf sich zukommen. Erinnerungen, das sind nur Erinnerungen! Nichts weiter als Erinnerungen. Abrupt wandte er sich um. Showy, der sich vor ihm durch den Wald kämpfte, war schon verschwunden. Ellinoy rannte los. Er nahm keine Rücksicht darauf, ob sich nun ein Ast in seiner Kleidung verharkte, oder er von einem Zweig gepeitscht wurde. Unaufhaltsam stürmte er den unscheinbaren Weg entlang weiter. Das Gefühl, verfolgt zu werden, jeden Augenblick im Genick gepackt zu werden, trieb ihn vorwärts.

„Eduard“, vernahm er auf einmal seinen Namen flüstern. „Eduard Lony.“ Entsetzen ließ seine Nackenhaare sträuben. Als würde es dicht hinter ihm stehen, so deutlich hörte er es flüstern. Noch weiter ließ er seine Beine ausgreifen. Unaufhörlich schienen ihm die Äste ins Gesicht zu schlagen, als wollten sie ihm seine Flucht verhindern.

„Du mußt es holen, Eduard“, flüsterte die Stimme weiter. Ellinoy versuchte ruhig zu bleiben. Es konnte ja nicht mehr lange dauern, dann mußte er seine Freunde eingeholt haben.

„Das Buch, Eduard! Rouven hat es! Rouven Blandow. Er hat es euch gestohlen. Holt es von ihm und gebt es dem Pater. Gebt es ihm – heute abend, Eduard. Heute abend!“

Der Wald lichtete sich. Auf einmal sah er Showy vor sich. Erleichtert atmete Ellinoy auf. Er wußte nicht, hatte er diese Stimme nun wirklich gehört? Hatte sie wirklich zu ihm gesprochen? Unvermindert hetzte er weiter. Nur noch wenige Meter und das ersehnte Freie wäre erreicht. Showy machte langsam. Jäh blieb er auf einmal stehen. Dumpkin und Champy waren ebenfalls stehengeblieben. Erst jetzt bemerkten sie, daß Ellinoy sich weit hinter ihnen befunden hatte. Beinah fassungslos starrten sie ihn an, als er sich ihnen näherte.

„Dein Gesicht“, hauchte Dumpkin. Verständnislos tastete Ellinoy sich über die Wangen. Es fühlte sich feucht an. Bestürzt sah er auf seine Hände. Sie waren rot. Blutverschmiert.

„Verdammt“, schnaubte er. Zitternd zog er sein Taschentuch heraus. Betulich tupfte er damit seine Wangen ab.

„Hört ihr das?“ bemerkte Champy. Angespannt lauschte er in die Richtung des Internates. Laute Stimmen, die zu ihnen drangen.

„Was ist passiert?“ ignorierte Dumpkin die Frage. Ellinoy blickte längere Zeit auf Dumpkin. Die Stimmen aus dem Internat schienen lauter zu werden.

„Er war wieder da“, gab er ihm zur Antwort. „Er hat – er hat zu mir gesprochen.“

Showy horchte fragend auf. Wirr blickte er von einer Richtung in die andere. Champy wandte sich um. Starr blieb sein Blick auf Ellinoy haften. „Was hat er gesagt?“ brachte er nur mühevoll hervor. Ellinoy tupfte sich vollends das Blut aus dem Gesicht. Zwei Striemen, von peitschenden Ästen verursacht, durchzogen leicht seine Wangen.

„Er nannte mich mit meinem ganzen Namen“, erwiderte er. „Wie unten, in dem geheimen Gang. Meinen richtigen Namen, wißt ihr.“

„Und, was hat er gesagt?“ drängte Champy. Erregt horchte ihm Dumpkin zu. Noch genau konnte er sich daran erinnern. Als sei es erst gestern gewesen.

„Kann aber auch sein, daß ich es mir nur eingebildet habe“, meinte Ellinoy nachdenklich. „Einfach nur eingebildet.“

„Was hat er denn gesagt?“ fragte nun auch Dumpkin. Die lauten Stimmen aus dem Internatsgelände schienen ihn nicht zu interessieren.

„Er sagte, daß, daß Rouven uns das Buch gestohlen hat. Ja, genau das hat er gesagt. Und, und wir sollen es uns wiederholen. Wir sollen es uns wiederholen und es dem Pater geben. Heute abend. Heute abend sollen wir es Pater Richmon geben.“ Auf Ellinoys Stirn perlte kalter Schweiß. Sein Gesicht begann zu brennen. Er mußte sich beherrschen, nicht auf den Schrammen herumzukratzen. „So ’ne Scheiße“ entfuhr es ihm. „Mein Gesicht, es brennt wie Feuer.“

„Rotschopf“, zischte Dumpkin. „Wer soll es denn sonst gestohlen haben.“ Wütend ballte er seine Hand zu einer Faust.

Ellinoy schüttelte seinen Kopf. „Kann auch sein, daß ich es mir nur eingebildet habe“, wiederholte er. Krampfhaft versuchte er daran zu glauben, einfach sich etwas anderes einreden, in der Hoffnung, seine Angst dadurch wenigstens zu mildern.

„Das paßt aber nicht zusammen“, schoß es aus Champy wie aus einer abgefeuerten Pistole. Verwundert blickten sie ihn an.

„Warum dem Pater geben, wenn es angeblich für Rotschopf bestimmt ist. Pater Richmon ist doch auf dem seiner Seite.“

„Wenn wir es Pater Richmon geben sollen, dann kann er ja nicht tot sein“, stellte Dumpkin mit Erleichterung fest. „Oder bist du immer noch davon überzeugt?“ fragend sah er auf Ellinoy. Dieser richtete nachdenklich seinen Blick auf den Boden. Schweigsame Sekunden verstrichen. Die lauten Stimmen aus dem Internat waren leiser geworden. Plötzlich riß Ellinoy seinen Kopf hoch. Wie erstarrt blickte er auf Dumpkin.

„Und wenn er es doch ist?“ kam es nur flüsternd über seine Lippen. „Wenn Pater Richmon und dieses, dieses Geschöpf ein und dieselbe Person sind, was dann?“

Champy machte einen Schritt zurück. Showy zuckte zusammen. Entsetzt starrte er auf Ellinoy. Seine Beine wollten versagen. Schwankend lehnte er sich gegen einen Baum. Dumpkin schossen tausende Gedanken auf einmal durch den Kopf. Er versuchte alles aus seinem Gedächtnis zusammenzutragen, zu rekonstruieren. Schon einmal waren sie bei diesem Punkt angelangt. Es war, als sie Rouvens Brief das erste Mal gelesen hatten. Da schon hatte Ellinoy den Pater im Verdacht. Da vermutete er schon, daß Richmon hinter all dem stecken könnte.

„Und wenn er nun doch tot ist?“ meinte er. „Wenn nun dieser – dieser Traum doch –?“

Kopfschüttelnd wehrte Ellinoy ab. „Es würde zusammenpassen“, hielt er an seiner Vermutung fest. „Wenn es so ist, dann paßt es zusammen.“

Auf einmal hallte Motorengeräusch von der Straße zu ihnen herüber. Mehrere Autos näherten sich dem Internat. Nur einige Bäume und Sträucher trennte sie von dem Zufahrtsweg. Fragende Blicke warfen sie sich gegenseitig zu. Champy lugte zwischen den Ästen hindurch. Kaum sah er auf die Straße, schreckte er entsetzt zurück.

„Ein Leichenwagen“, entfuhr es ihm beinah zu laut. Ellinoy hatte ihn schon gesehen. Showy raffte sich auf, stellte sich neben Champy und linste ebenfalls zwischen den Ästen hindurch. Gerade verschwand eine schwarze Limousine hinter dem Tor. Gefolgt von mehreren Fahrzeugen, einer Polizeieskorte ohne Sirene und Blaulicht. Einige blieben vor dem Tor stehen. Mehrere Beamte stiegen aus und eilten in das Internatsgelände.

„Was machen wir jetzt?“ fragte Showy, der sich auf einmal um vieles wohler zu fühlen schien. Die Nähe der Beamten vermittelte ihm eine gewisse Sicherheit, die ihn aufatmen ließ. Lange hätte er diesem Druck nicht mehr standhalten können. Dieser ständigen Angst, die ihn innerlich aufzufressen drohte. Showy konzentrierte sich nur noch auf die Sheriffs. Ein Gefühl, als würde nun alles vorüber sein. Das Ende eines schrecklichen Alptraumes, den er Tag für Tag, Nacht für Nacht miterleben mußte.

„Vielleicht doch Pater –?“ hauchte Ellinoy.

„Das beste ist, wir gehen einfach rein“, unterbrach ihn Dumpkin. „Mir sitzt immer noch dieses Scheiß Geräusch vom Lager im Nacken. Bestimmt hat es etwas damit zu tun.“

„Frag mal mich“, erwiderte Ellinoy. Schaudernd strich er sich mit dem Finger über die verkratzte Wangen. „Hoffentlich laufen wir Schwester Maria nicht über den Weg“, sagte er mehr zu sich selbst.

Dumpkin trat als erster auf den Zufahrtsweg. Weit und breit war kein Ordnungshüter zu sehen. Champy sprang zuletzt aus dem Wald. Hintereinander begaben sie sich an den Autos vorbei auf das Tor zu. Kaum traten sie hindurch, eilten schon zwei Beamte auf sie zu. Gefolgt von Mr. Larsen, der verständnislos den Kopf schüttelte.

„Mist“, fluchte Dumpkin.

„Wo kommt ihr denn her?“ fragte sie einer der Beamten. Noch bevor Dumpkin etwas darauf antworten konnte, stand Mr. Larsen neben dem Sheriff.

„Wir haben euch schon vermißt“, sagte Mr. Larsen grob. „Geht sofort in euer Zimmer und wartet dort, bis jemand zu euch kommt!“

Dumpkin blickte fragend auf den Beamten. Dieser nickte ihm mit finsterer Miene zu.

Ellinoy musterte indessen das Lehrerhaus, vor dem sich einiges abspielte. Eben wurde die Tür geöffnet. Zwei Männer trugen einen verschlossenen Sarg aus dem Gebäude. Langsam schoben sie ihn auf die Ladefläche des Leichenwagens.

Showy und Champy waren augenblicklich losgelaufen, nachdem Mr. Larsen sie dazu aufgefordert hatte. Regungslos stand Ellinoy da und starrte nur auf das Lehrerhaus. Erst als ihm Dumpkin sachte einen Stoß versetzte, nahm er Mr. Larsen gewahr.

„Komm schon“, raunte er ihm zu. Ungeduldig wartete Mr. Larsen darauf, daß sie endlich seiner Aufforderung Folge leisten würden. Die Sheriffs hatten sich zwischenzeitlich wieder den Geschehnissen zugewandt. Vollkommen verwirrt drehte Ellinoy sich um. Dumpkin zog ihn leicht am Ärmel, worauf er seinem Freund folgte. Als sie sich außer Hörweite befanden, atmete Ellinoy mehrmals tief durch.

„Hast du den Sarg gesehen?“ fragte er ihn. Dumpkin nickte. Vorsichtig drehte er seinen Kopf nach hinten. Erschrocken blieb er stehen.

„Mensch, sieh mal“, machte er Ellinoy aufmerksam. Ellinoy wandte sich um. Mr. Goodman wurde in Handschellen aus dem Gebäude geführt. Mit gesenktem Kopf schritt er zwischen zwei Beamten auf eines der Fahrzeuge zu. Plötzlich fühlte Ellinoy, wie sich ihm etwas näherte. Ein Geräusch, nur sehr leise, machte sie darauf aufmerksam.

Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schultern. Der Schreck fuhr ihnen durch sämtliche Glieder. Nur zaghaft drehten sie sich um.

„Sie?“ entfuhr es ihnen wie aus einem Munde, als sie in das Gesicht von Pater Richmon blickten.

„Solltet ihr nicht in euere Zimmer gehen?“ fragte sie Richmon mit strengem Unterton.

Ellinoy lief es eiskalt über den Rücken.

„Was – ist denn passiert?“ getraute sich Dumpkin dennoch zu fragen.

Richmon blickte zu dem Lehrerhaus hinüber. Der Wagen, in den Mr. Goodman gesetzt wurde, verließ eben das Internat.

„Es ist besser, wenn ihr das tut, was euch gesagt wird“, erwiderte Pater Richmon unmißverständlich. Mit zusammengezogener Stirn blickte er ihnen nacheinander in die Augen. „Nun geht!“

Dumpkin zuckte mit der Achsel, löste sich aus Richmons Griff und begann sich in die Richtung des Schülerhauses zu entfernen. Ellinoy wollte ihm folgen, doch Richmon hielt ihn fest.

„Das Versprechen, welches ihr mir gegeben habt, vergeßt es nicht“, flüsterte er ihm zu, nahm die Hand von seiner Schulter und strich ihm unerwartet über die verletzte Wange. Ellinoy wußte momentan nicht, wie ihm geschah. Ständig mußte er an diesen schrecklichen Alptraum denken. – Dein Gesicht werde ich mir holen, nur dein Gesicht – .

Richmon wandte sich von ihm ab. Ohne sich nochmals umzudrehen, schritt er auf die Kirche zu. Dumpkin war nach wenigen Metern stehen geblieben. Nicht, weil Ellinoy noch nicht bei ihm war. Ein Gedanke schoß ihm wie ein Pfeil durch den Kopf. Abrupt drehte er sich nach Ellinoy um. Dieser kam verwirrt auf ihn zugelaufen.

„Soeben ist mir etwas eingefallen“, sagte er in dringlichem Ton. Kurz blickte er auf Richmon, der gerade durch den Hintereingang die Kathedrale betrat. Ellinoys verwirrte Erscheinung schien ihm gar nicht aufzufallen.

„Nicht Pater Richmon ist es“, raunte er ihm zu. „ Mr. Goodman, Ellinoy! Mr. Goodman –“, jäh hielt er inne. Erst jetzt fiel ihm auf, daß sein Freund am gesamten Leib zitterte. „Was ist mit dir?“ erschrak sich Dumpkin. Sanft faßte er ihn am Arm.

„Pater Richmon sagte mir, wir, wir sollen das Versprechen nicht vergessen“, stammelte Ellinoy. „Verstehst du? Das Versprechen! Er will das Buch. Dieses gottverdammte Buch. Er will es!“ Zorn spiegelte sich in Ellinoys Augen. Bruderhaft nahm Dumpkin seinen Freund in den Arm und führte ihn auf das Schülerhaus zu. Von weitem wurden sie beobachtet, wie sie in geknickter Haltung das Gebäude betraten.

Rouven. Mitleid schimmerte in seinen Augen. Er befand sich in einem der Klassenzimmer, von deren Fenster aus er einen Teil des Schülerhauses und das gesamte Lehrerhaus beobachten konnte. Hinter ihm auf einem Tisch lag geöffnet das Buch. Auf einem anderen Tisch stand ein Tonbandgerät. Diesem setzte er sich gegenüber.

*

Showy saß zusammengekauert auf seinem Bett. Sein Magen knurrte. Den ganzen Morgen noch nichts gegessen, das hatte es bisher noch nicht gegeben. Champy starrte nur zum Fenster hinaus. Immer noch schmerzte ihn seine Verletzung. An diesem Morgen wollte Schwester Maria sich die Wunde noch einmal ansehen. Sie hatte etwas davon erwähnt, daß es langsam an der Zeit wäre, die Fäden zu ziehen. Dumpkin hielt Rouvens Brief in der Hand. In der Hoffnung, doch noch etwas Wichtiges herauslesen zu können, hatte er sich vollkommen in die Zeilen vertieft.

Eine Stunde war nun schon vergangen, seitdem sie Pater Richmon begegnet waren. Ständig hielt Ellinoy sich Richmons Gesicht vor Augen. Nichts Auffälliges, das er hat bemerken können. Langsam kam er zu der Gewißheit, daß der Traum eine andere Bedeutung haben mußte. Genauso wie bei Sallivan. War es vielleicht doch Mr. Goodman? Ellinoy wägte hin und her. Er versuchte es Stück für Stück zusammenzutragen. Wenn er nur wüßte, wer in dem Sarg gelegen hatte. Auf jeden Fall ist wieder etwas Schreckliches geschehen. Etwas, von dem sie noch keine Ahnung hatten.

„Rouven“, entfuhr es ihm auf einmal. Verwirrt blickte Dumpkin auf. Champy wandte sich um. Nur Showy schien es nicht zu interessieren. Keinen Millimeter regte er sich von der Stelle, oder bemühte sich aufzublicken.

„Rotschopf?“ fragte Dumpkin. Dabei zogen sich seine Augenbrauen zusammen.

„Schon die ganze Zeit überlege ich mir, wer in dem Sarg –“

„Du meinst, daß Rotschopf –?“ unterbrach ihn Dumpkin.

„Weiß auch nicht, wie ich auf diesen Gedanken komme. Auf jeden Fall hat Goodman etwas damit zu tun.“

„Was machen wir, wenn wir das Buch nicht wiederbekommen?“ fragte nun Champy. „Was machen wir dann?“ Ängstlich musterte er zuerst Dumpkin, dann Ellinoy.

Auf einmal richtete Showy sich auf. „Scheiß Buch“, sagte er beinah wütend. „Soll er es sich doch selbst holen.“ Geräuschvoll rümpfte er sich die Nase. „Warum holt er es sich nicht selbst von diesem Mistkerl. Hä – warum nicht?“ Er sah sie an, als erwarte er von einem seiner Freunde eine Antwort. Dumpkin strich sich die Haare aus der Stirn.

„Mensch, du hast recht“, erwiderte er erregt. „Daran habe ich nicht gedacht. Warum will er, daß wir es vom Rotschopf holen.“

Ellinoy blickte nachdenklich auf den Boden.

Champy lehnte sich gegen die Fensterbank. „Vielleicht will er nicht, daß Rouven sauer mit ihm wird. Daher schickt er uns, um an das Buch zu kommen.“

„Hmm“, brummte Dumpkin. „Da könntest du allerdings recht haben.“

Abrupt wandte Ellinoy sich der Zimmertür zu. „Ich will jetzt wissen, was da los ist“, sprach er leise vor sich hin, nahm die Türklinke in die Hand und drückte sie hinunter. Vorsichtig öffnete er die Tür.

„Bin gleich wieder da“, flüsterte er seinen Freunden zu. Lautlos schloß er sie hinter sich wieder zu. Leises Gemurmel, das aus den Zimmern herrührte, konnte er vernehmen. Sonst nichts. Auf Zehenspitzen schlich er sich bis hin zur Treppe. Angestrengt lauschte er, doch nichts Auffälliges war zu hören. Ein Drittel der Stufen hatte er hinter sich, da wurde auf einmal die Eingangstür geöffnet. Schritte, die sich dem Treppenaufgang näherten. Augenblicklich machte Ellinoy kehrt. Zwei Stufen auf einmal nehmend hastete er zurück. Gerade noch rechtzeitig. Mr. Larsen kam langsam die Treppe herauf.

„Irgend jemand kommt“, schnaufte Ellinoy, als er wieder bei seinen Freunden war. Kaum hatte er ausgesprochen, wurde die Zimmertür geöffnet. Mr. Larsen. In der offenen Tür blieb er stehen. Kurz blickte er von einem auf den anderen.

„In einer Viertelstunde findet im Speisesaal eine Versammlung statt“, kündete er leise, doch bestimmend an. „Bitte macht euch sofort auf den Weg.“ Mehr sagte er nicht. Die Tür ließ er offenstehen. Sekunden später hörten sie ihn dasselbe im Nachbarzimmer ausrichten. Binnen weniger Minuten wurde es laut auf dem Flur. Sämtliche Schüler kamen der Aufforderung von Mr. Larsen nach. Niemand sprach ein lautes Wort. Nur Geflüster, zwischendurch mal ein Husten. Weiter nichts. Gespannt begaben sie sich auf den Weg in den Speisesaal, um dort endlich zu erfahren, was am Morgen geschehen war.

Unheimlich still war es im Saal. Dumpkin blickte verstohlen um sich. Er suchte Melanie. Länger schon hatte er sie nicht mehr gesehen. Es dauerte eine Zeitlang, bis er sie in dem Getümmel ausfindig gemacht hatte. Geschickt lenkte er auf einen freien Tisch in ihrer Nähe zu. Bemerkt hatte sie ihn noch nicht. Ununterbrochen blickte sie auf den Boden. Erst nachdem sie sich gesetzt hatte, sah sie auf. Eine Spur von Traurigkeit brach das sanfte Licht in ihren Augen. Dumpkin setzte sich so, daß er sie ohne Mühe beobachten konnte. Ihm gegenüber hatte Ellinoy Platz genommen. Auch er ließ seine Blicke von einer Richtung in die andere schweifen. Allmählich kehrte wieder Ruhe ein. Mr. Larsen betrat mit dem übrigen Lehrpersonal den Saal. Sie stellten sich an einen Platz, von dem aus sie jeden im Auge behalten konnten. Nach einigen schweigsamen Minuten machte Mr. Larsen einen Schritt nach vorn.

„Einige von euch wissen vielleicht schon, warum wir uns versammelt haben“, begann Mr. Larsen zu sprechen. Unruhig wanderte sein Blick hin und her. Für einen Moment blieb er auf dem Tisch der Unzertrennbaren haften. „Es fällt mir schwer, es euch sagen zu müssen, aber leider bleibt es mir nicht erspart.“ Larsen hielt kurz inne, sah auf seine Kollegen, die ihn aufmunternd zunickten. „Auch weiß ich nicht, an welcher Stelle ich zuerst beginnen soll. Welches von den vielen Ereignissen ich euch an erster Stelle mitteilen soll. Auf jeden Fall bitte ich euch dringendst, ruhig zu bleiben und den Anweisungen der Lehrerschaft unbedingt Folge zu leisten. Es geht in erster Linie um Schwester Maria. Es fällt mir schwer, euch sagen zu müssen, daß sie heute nacht –“, wieder hielt er inne, wieder blickte er wie hilfesuchend auf seine Kollegen. Wieder nickten sie ihm anregend zu. „Daß Schwester Maria heute nacht verstorben ist.“ Ein allgemeiner Schrecken fuhr durch den Saal. Am meisten traf es den Tisch der vier Freunde. Entsetzt starrten sie auf Mr. Larsen.

„Noch wissen wir nicht, wie sich der tragische Unfall zugetragen hat. Die Kriminalbeamten sind den ganzen Morgen schon dabei, den Fall zu rekonstruieren. Des weiteren wird seit gestern Abend euer Mitschüler Rouven Blandow vermißt. Ebenso Pater Richmon. Auch von ihm ist nirgends eine Spur aufzufinden.“

Ellinoy stockte der Atem. Dumpkin mußte sich an der Tischplatte festhalten. Showy zuckte zusammen. Wirr blickte er umher, sah von einem auf den anderen. Champy versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Langsam schwand ihm die Farbe aus seinem Gesicht.

„Leider können wir es nicht umgehen, daß das Internat bis auf unbestimmte Zeit geschlossen werden muß“, fuhr Mr. Larsen fort. „Heute morgen schon haben wir eure Eltern informiert. Im Laufe des Tages, spätestens aber morgen werdet ihr abgeholt werden. Bitte nutzt die Zeit und packt solange eure Sachen. Weiteres werdet ihr innerhalb der nächsten Tage schriftlich von uns mitgeteilt bekommen.“

Betroffen, manche entgeistert, einige wie erstarrt. Dies waren die Eindrücke, die auf den Gesichtern der Schüler zu lesen waren. Zu sagen getraute sich keiner etwas. Viele nahmen es gar nicht für wahr, daß dies das Ende ihrer Schulzeit bedeutete.

„Hiermit ist die Versammlung für beendet erklärt“ setzte Mr. Larsen hinzu. Fragend blickten sich die Schüler gegenseitig an. Keiner wußte so recht, wie er sich nun verhalten sollte. Jeder wartete darauf, daß ein anderer den Anfang machen würde.

„Wenn ihr noch irgendwelche Fragen habt, dann habt ihr nun die Möglichkeit, sie zu stellen“, sagte Mr. Larsen nach längerer Zeit, als sich niemand von seinem Platz erhob. Wieder vergingen einige Minuten der Schweigsamkeit. Unruhig sah Mr. Larsen auf seine Kollegen. Mr. Gann, Physiklehrer von kleiner schmächtiger Statur, kam seinem Kollegen zu Hilfe.

Durch ein lautes Husten machte er auf sich aufmerksam.

„Viele Dinge in unserem Leben geschehen, die wir einfach nicht begreifen können“, sprach er mit lauter deutlicher Stimme. „Vieles habe ich euch beibringen können. Vieles haben die meisten von euch verstanden. Nun ist etwas eingetroffen, das selbst wir nicht verstehen können. Versucht doch einfach ein wenig Verständnis für unser Unverständnis aufzubringen. Ihr werdet sehen, daß es euch in dieser Situation sehr nützlich sein wird. Seht die bevorstehenden Tage einfach als vom Unterricht befreite Tage. Sobald es uns für möglich erscheint, wird der Unterricht selbstverständlich fortgesetzt. Was wir im Klartext damit sagen wollen ist, geht nun in eure Zimmer, packt eure Sachen zusammen und wartet, bis ihr von euren Eltern abgeholt werdet.“ Das half. Stimmen machten sich bemerkbar. Gleichzeitig standen mehrere der Älteren auf. Kurze Zeit später drängten sich die Schüler zum Speisesaal hinaus. Unter ihnen Dumpkin mit seinen Freunden. Es gelang ihm nicht, in die Nähe von Melanie zu gelangen. Als sie das Freie betraten, hatte er sie aus den Augen verloren. Ohne ein Wort miteinander zu sprechen, begaben sie sich auf direktem Weg in Dumpkins Zimmer.

Showy war der erste, der zu reden begann.

„Gott sei Dank“, atmete er auf. „Bloß weg von diesem Ort. Hier sieht mich keiner mehr, das kann ich euch versprechen.“

„Ich kann es gar nicht glauben“, sagte Ellinoy, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Schwester Maria – tot.“

„Und Pater Richmon, Mann“, entgegnete Dumpkin. „Wir haben ihn doch gesehen. Der hat doch vorhin mit uns gesprochen. Ich kapier nichts mehr.“ Verständnislos musterte er Ellinoy. Dieser nagte nervös auf seiner Unterlippe herum.

„Das Buch“, erwiderte Ellinoy. „Ich glaube nicht, daß wir es wiedersehen. Rotschopf ist auch verschwunden. Bestimmt hat er sich schon über alle Berge gemacht.“

„Diese Mistsau“, zischte Dumpkin zurück. „Ich glaub auch, daß es das beste ist, wenn wir für immer von hier verschwinden. Eigentlich möchte ich noch etwas erleben. Versteht ihr?“ Mit grimmigem Blick sah er durch die Runde.

„Hab auch keinen Bock darauf, noch mehr zu verlieren“, erwiderte Champy. Demonstrativ hob er seine verletzte Hand empor. Ein Schauder überfiel ihn, als er an jene Nacht denken mußte.

„Hoffentlich kommen meine Eltern bald“, murmelte Showy. „Noch mal so eine Nacht, und ich drehe durch.“

„Wir dürfen uns nicht verlieren“, meinte darauf Dumpkin. „Irgendwie sollten wir in Verbindung bleiben.“

„Am besten ist, wenn wir uns regelmäßig schreiben“, schlug Ellinoy darauf vor. „Vielleicht können wir uns ja auch mal gegenseitig besuchen.“

„Da bin ich auch dafür“, stimmte Champy sofort zu. „Oder, was meint ihr dazu?“ Fragend sah er zwischen Dumpkin und Showy hin und her.

„Na klar“, sagte Dumpkin. „Bei uns zu Hause hat es genügend Platz.“ Dumpkin blickte jedem kurz in die Augen. „Machen wir es zum Gesetz“, sprach er leise. „Schwören wir darauf. Schwören wir auf unsere Freundschaft, daß sie niemals auseinandergehen wird. Und wenn wir noch so weit voneinander entfernt sind. Niemals darf unsere Freundschaft brechen.“ Zum Schwur erhob er seine linke Hand, zwei Finger gespreizt. Die rechte Hand streckte er flach seinen Freunden entgegen. Ohne zu zögern legten sie nacheinander ihre Hände darauf, so daß alle miteinander verbunden waren. Feierlich blickten sie sich gegenseitig an.

„Für ewige Zeiten“, flüsterte Dumpkin. Leise sprachen sie ihm nach. „Immer werden wir miteinander verbunden bleiben. Regelmäßig werden wir uns gegenseitig schreiben. Nichts kann unsere Freundschaft zerstören. Immer und überall werden wir uns zur Hilfe kommen, sollte einer von uns in Gefahr gelangen. Ein Anruf, ein Telegramm oder was sonst auch für ein Zeichen es ist, sofort werden wir aufbrechen, um ihn nach unserem Besten zu helfen. Gemeint sind wir, die Unzertrennbaren. Ellinoy, Champy, Showy und ich, Dumpkin. Machen wir es zu unserem Gesetz. Unser Gesetz!“

Eine seltsame Stimmung verbreitete sich in dem kleinen Zimmer. Für jeden war es ernst. Jeder schwor, auch innerlich mit sich selbst, niemals dieses Gesetz zu brechen.

Stimmen wurden laut auf dem Flur. Plötzlich öffnete jemand von draußen die Tür. Gleichzeitig vernahmen sie Glockengeläute. Wild und stürmisch, wie sie es in ihrem Lager vernommen hatten. Mr. Gann, der Physiklehrer, stand ihnen gegenüber.

„Von vielen wurde der Wunsch geäußert, noch ein letztes Mal in der Kirche zusammenzukommen“, sagte er kurz angebunden. „Ich bitte euch, mir zu folgen.“ Er drehte sich um und schritt ihnen voran. Verblüfft sahen sich die Freunde gegenseitig in die Augen.

„Wir halten zusammen“, raunte Dumpkin ihnen entgegen. Mehr sagte er nicht. Sie waren die letzten, die das Gotteshaus betraten. Ein seltsames Gefühl, von dem sie auf einmal ergriffen wurden. Ein Gefühl, als würden sie beobachtet. Als lasteten irgendwelche Augen auf ihnen, die nur darauf warteten, sie zu verschlingen.

Sämtliche Schüler hatten sich schon angesammelt. Über Dumpkins Gesicht flog ein Freudenstrahl. Melanie. Wieder trennte sie nur der Gang voneinander. Die Glocken wurden leiser, noch leiser, bis sie gänzlich verstummten. Dies wäre der Zeitpunkt für Pater Richmons Erscheinen gewesen. Doch so sehr die Unzertrennbaren auch darauf hofften, niemand betrat den Bereich des Altares. Minuten des Schweigens, der Andacht verstrichen. Dumpkin blinzelte immer wieder zu Melanie hinüber. Regungslos saß sie da, ihre Hände zum Gebet zusammengefaltet.

Ellinoys Blicke hafteten auf dem Altar. Er war zugedeckt. Von der geheimen Öffnung konnte nichts gesehen werden. Langsam wanderten seine Blicke hinüber auf den Zugang des Glockenturmes. Dann auf das Gemälde. Jedoch war er zu weit entfernt, um etwas Detailliertes erkennen zu können. Eigentümlich, diese Minuten. Sie kamen sich verloren vor. Alle kamen sie sich ohne Pater Richmon verloren vor. Wie eine Herde Schafe ohne Hirte. Irgendwo ein Wolf. Ein hungriger Wolf, der nur noch darauf wartete, sich ein Lamm aus der Mitte der Herde zu holen. Leise Musik ertönte. Jemand bediente die Orgel. Sanfte Klänge erfüllten die Kathedrale. Ellinoy entging es nicht, wie sich die Köpfe der Lehrer erschrocken in die Richtung der Orgelpfeifen drehte. Sie wußten ja, daß eigentlich niemand dahinter sitzen durften. Gleichzeitig raunten sie sich gegenseitig einen Namen zu. Rouven, konnte Ellinoy von ihren Lippen lesen.

Die Töne blieben gleichbleibend. Weder wurden sie lauter, noch wurden sie schneller. Auf einmal hallte eine Stimme, die sich an den mächtigen Außenwänden widerbrach. Rouvens Stimme. Im Hintergrund leise Orgeltöne.

„Selbst hat sich der Engel in den tiefen Abgrund des Bösen begeben“, sprach er laut und deutlich. Ein unruhiges Murmeln ging durch die Reihen, das sich jedoch sofort wieder legte. „Selbst ist er böse geworden. Selbst hat er die Niederschrift des letzten Propheten an sich reißen wollen. Nun ist sein Sein gebrochen. Die Niederschrift des Propheten ist in rechte Hand geraten. Jedoch um Momente zu spät. Zu weit konnte sich das Böse schon verbreiten. In zu viele Gesichter hat es schon geblickt. Nun werden die Dinge ihren Lauf nehmen. Das Ende ist nun nicht mehr zu umgehen. Gottes Licht wird gewandelt werden in tiefe finstere Schatten. Die Schatten des Bösen, die sich unser nehmen werden. Gottes Urteil ist längst gefällt. Er hat sich abgewendet von uns. Verstoßen aus seinem Herzen sind wir nun unserem eigenen Schicksal entgegengestellt. Das Schicksal ist böse. Langsam wird es sich ankündigen, sich über uns legen. Nur wer sich rein hält von diesem Antlitz, nur jene können erleben die Gerechtigkeit Gottes. Nur jene. Haltet Ausschau auf die Zeichen des Bösen. Haltet Ausschau und hütet euch davor. Und bedenket, dieses Leben, es sind nur geringe Augenblicke der Ewigkeit. Auch eure Kinder laufen Gefahr, von dem Bösen ergriffen zu werden. Sie werden die ersten sein, die sich das Böse an sich reißen wird von jenen, die sein Antlitz erblickt haben. Listig wird es euch gegenübertreten. Listig wird es eure Kinder auf euch hetzen. – Der Jüngste Tag, er wird sich ankündigen durch schreiende Babys. Eine Nacht und einen Tag werden sie ununterbrochen schreien. Kein Arzt wird ihnen zuhilfe kommen können. Am Ende dieses Tages werden sie sterben. Trauer, die euch in jenen Momenten blind machen wird. Dann wird es neben euch stehen, das Böse. Achtet auf die Vögel. Weder sehen, noch hören werdet ihr sie können. Doch tot werden sie vom Himmel fallen. Achtet auf den Mond. Mehr und mehr wird er sich verfärben. Bis er rot ist wie das Blut. Euer Blut. Er wird es an sich saugen, eure Körper werden verfallen und verwesen. – Dies ist Gottes Gericht! Dies ist der letzte Augenblick, in dem ihr das Licht Gottes erblicken werdet.“

Rouvens letzte Silben hallten wider und verstarben gleichzeitig mit den Orgeltönen in einer Stille voller Verwirrtheit und Erschrockenheit. Verständnislos hatten sie alle seinen Worten gelauscht. Nun warteten sie darauf, daß er, wie beim ersten Mal, die Stufen der Galerie herabschreiten würde. Doch nichts war zu hören. Bis auf ein leises Klicken. Kaum wahrnehmbar, dennoch gut vernehmlich. Mr. Larsen sah dies als Anlaß, aufzustehen. Langsam begab er sich zu den Stufen, stieg noch langsamer zu dem Orgelplatz empor. Sämtliche Augen verfolgten ihn mit wachsender Spannung. Keine Minute verging, kam er wieder zurück. Ein Tonbandgerät in der Hand.

Die schwere Eichentür wurde geöffnet. Eine ältere Dame, gefolgt von einem jüngeren Herrn betraten die Kirche. Erfreut sprang eines der Kinder in den vorderen Reihen auf. Strahlend lief es ihnen entgegen. Stimmen machten sich bemerkbar. Es wurde laut. Von Minute zu Minute. Der schweigsame Bann schien gebrochen zu sein. Der Eingang war noch nicht ins Schloß gefallen, wurde das Tor wieder aufgedrückt. Weitere Eltern betraten den Messesaal. Die meisten Kinder waren schon aufgestanden. Ein wirres Durcheinander entstand. Dumpkin erhob sich ebenfalls von seinem Platz. Im selben Augenblick trat Melanie auf den Mittelgang. Beinah wären sie zusammengestoßen. Erschrocken fuhr Dumpkin zurück. Über Melanies Mund flog ein leichtes Lächeln. Sie ließ Dumpkin nicht die Chance, etwas zu sagen. Gewandt schlängelte sie sich durch die Menge.

„Dumpkin“, rief Ellinoy seinen Freund. Dumpkin drehte sich um. Ellinoy deutete ihm an, auf ihn zu warten.

„Ich muß mir unbedingt das Bild ansehen“, flüsterte er ihm zu. „Warten wir, bis die meisten draußen sind.“ Dumpkin wollte eigentlich Melanie folgen, doch wollte er auch seinen Freund nicht im Stich lassen.

„O.k.“, nickte er ihm zu. Fragend sah er auf Showy, dann auf Champy.

„Würde ein bißchen auffallen, wenn wir auch –“

„Ist schon in Ordnung“, erwiderte Dumpkin. „Wir kommen so schnell wie möglich nach. Treffen wir uns in unserem Zimmer.“

Showy klopfte Dumpkin auf die Schulter. Champy zwinkerte ihm zu und verschwand mit Showy in dem Getümmel. Langsam schlenderten sie dem Altar entgegen. Merkwürdigerweise hielt keiner der Lehrer sie dabei auf. Ellinoy konnte es nicht mehr erwarten, das Gemälde zu Gesicht zu bekommen. Irgendwie hatte er das bedrängende Gefühl, daß es sehr stark mit dem zusammenhing, was Rouven auf das Tonband gesprochen hatte. Jäh blieben sie stehen.

Sie hatten das Bild noch so in Erinnerung, wie sie es am Anfang betrachtet hatten. Ein Engel, ein Knabe und eine Schlange. Der Engel reichte dem Knaben ein schwarzes Buch entgegen. Der Hintergrund hatte das unendliche Universum dargestellt. Von all dem war nichts mehr zu sehen. Das Bild war beinah gänzlich verschwunden. Nur noch geringe Spuren, die sich auf der Wand abzeichneten. Sie standen da, nur da und starrten auf die wenigen Konturen, die immer weniger zu werden schienen. Plötzlich, längst hatte der letzte schon die Kirche verlassen, vernahmen sie hinter sich ein leises Geräusch. Ein kalter Luftzug wehte ihnen in den Nacken. Das Tuch, mit dem der Altar zugedeckt war, begann sich zu bewegen. Der Luftzug wurde stärker, das Geräusch mit jedem Atemzug lauter. Bestürzt drehten sie sich um. Im selben Moment wurde das Tuch vom Altar gerissen.

„Weg!“ schrie Ellinoy entsetzt. Gleichzeitig rannte er los. Den Mittelgang entlang auf das Eichentor zu. Dumpkin zögerte einen Augenblick. Einen Augenblick zu lange. Ehe er begriff, was geschah, kam es zum Vorschein. Es gelang ihm nicht mehr, wegzusehen. Starr blickte es ihn an, dieses Gesicht. Von Fasern durchzogen. Zwei dunkle schwarze Löcher. Die Lippen eingefallen, wie die eines uralten Greises.

„Nun gehörst du mir, Cloud Wallis“, flüsterte es ihm zu. Dumpkin zuckte zusammen, riß sich los von diesem Anblick und hetzte seinem Freund hinterher.

„Das Buch, mein Freund“, rief es ihm mit unterdrückter Stimme hinterher. „Vergiß nicht dein Versprechen, vergiß es nicht!“

Dumpkin hatte den Eingang erreicht. Ellinoy hielt ihm den Eichenflügel auf. Hals über Kopf stürzte er auf den Hof. Erst unter dem nahestehenden Baum machte er Halt. Vollkommen fertig lehnte er sich dagegen. Ellinoy wollte ihm folgen, doch das Herannahen eines graumelierten Herrn in ansehnlicher Kleidung hielt ihn zurück.

„Hallo Cloud, mein Sohn“, rief dieser ihm in einem ausländischen Akzent entgegen.