»Zwei Arten von Lastwagen fahren Tag für Tag von den Fabrikhöfen – die einen steuern die Lagerhallen und Kaufhäuser an, die anderen die Mülldeponien.«

Zygmunt Bauman,
»Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne«
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2. »… dann sollen sie doch Kuchen essen!«

Überschuss für die Überflüssigen: Wie die Tafeln arbeiten und was sie bewirken

Wenn Elisabeth Müller* montags einkaufen geht, ignoriert sie den nächstgelegenen Supermarkt. Er gehört schon längst nicht mehr zu ihrer Welt, obwohl er sich im Erdgeschoss ihres Wohnhauses befindet. Mit einem ratternden Trolley, einer Menge alter Plastiktüten, einem großen Fahrradanhänger und drei Kindern überquert sie die Kreuzung an einer Ausfallstraße im Münchner Osten. Dann verschwindet sie in einer Einfahrt, die sich inmitten einer Hecke auftut, die den Hof einer trostlosen evangelischen Betonkirche säumt.

Am Rand ist eine lange Reihe von Biertischen aufgebaut. Darauf stehen grüne Kisten mit Obst, Gemüse, Salat, Babynahrung, Fertignudelgerichten, Dosensuppen und Süßigkeiten. Vor einem offenen Lieferwagen stapeln sich Kisten mit Brot und Gebäck, auf dem Boden steht ein Karton mit gerade noch frischen Schnittblumen. Hinter den Tischen stehen Männer und Frauen mittleren Alters, sie tragen blaue Schürzen mit weißen Blümchen und lächeln in die ersten Frühlingssonnenstrahlen. Auf den ersten Blick könnte man glauben, es handle sich um einen Wochenmarkt – wäre da nicht diese lange Schlange von Menschen, denen man ansieht, dass sie hier nicht freiwillig stehen: Rentner in abgetragenen Mänteln, Menschen mit Gehwagen oder Krücken, Migranten, Frauen mit klapperigen Kinderwagen und Trolleys, die Köpfe gebeugt, die Blicke müde, bepackt mit Taschen und abgewetzten Einkaufstüten, die noch übrig geblieben sind aus jener Zeit, als ein Einkauf im Supermarkt oder Discounter zum normalen Alltag gehörte. Es ist eine von 24 Ausgabestellen der Münchner Tafel, die insgesamt rund 18 000 Bedürftige versorgt.47 877 Tafeln gibt es in ganz Deutschland; mehr als eine Million Menschen holen sich an den 2 000 Ausgabestellen einmal die Woche Essen ab. 48

Das Prinzip der Tafeln, die sich laut ihrem Bundesverband als die »größte soziale Bewegung aller Zeiten«49 feiern, ist so einfach wie faszinierend: Ehrenamtliche sammeln in Supermärkten, bei Discountern und bei Großhändlern Lebensmittel ein, die zwar noch verzehrfähig sind, aber nicht mehr verkauft werden. Meist sind das schnell verderbliche Waren wie Obst, Gemüse und Milchprodukte kurz vor oder nach dem Ablaufdatum. Dieser Überschuss, der sonst vernichtet würde, wird an Bedürftige verteilt, deren Geld nicht einmal dafür ausreicht, sich vernünftig zu ernähren.

Almosen statt Umverteilung

Die Idee stammt aus den USA: Anfang der sechziger Jahre entstanden dort die ersten Foodbanks. 1993 gründete sich nach diesem Vorbild die erste Tafel in Berlin, 1994 folgte München. Heute haben fast drei Viertel der deutschen Gemeinden mit mehr als 10 000 Einwohnern eine eigene Tafel.50 Denn was einst als Nothilfe für Menschen gedacht war, die aus allen sozialen Netzen gefallen waren, etwa Obdachlose und Drogenkranke, ist heute zu einem Versorgungssystem für Bürger geworden, die durch die Arbeitsmarktreform so tief in die Armut gerutscht sind, dass sie auf Lebensmittelspenden angewiesen sind: Zwischen 2003 und 2009 hat sich die Anzahl der Tafeln in Deutschland verdreifacht. Ein sprunghafter Anstieg war 2005 zu verzeichnen, dem Jahr, in dem die sogenannten Hartz-Gesetze in Kraft traten.51

Elisabeth Müller stellt Anhänger und Trolley, dessen Griff mit braunem Paketklebeband geflickt ist, auf der Wiese im Hof ab. Mit einer Bewegung, zu hastig, um gelassen zu wirken, holt die schmale, blasse Frau einen laminierten Zettel aus der Tasche ihres ausgewaschenen Anoraks, hängt sich den Berechtigungsausweis um den Hals und macht das, was die Gesellschaft von Menschen wie ihr erwartet: Sie stellt sich hinten an.

Eine kleine, rundliche Frau mit neonfarbener Pannenweste, die mit einem Klemmbrett die Schlange abschreitet, zeichnet die Anwesenden anhand der Nummern auf den Ausweisen ab. Einen Platz an der Tafel bekommt, wer Bedürftigkeit nachweisen kann. Bedürftig ist, wer auf Hartz IV oder die sogenannte Grundsicherung angewiesen ist: Diese beziehen Menschen, die nach lebenslanger Arbeit so wenig Rente erhalten, dass es kaum zum Überleben reicht. Auf den Ausweisen stehen Ablaufdatum und die Anzahl der Personen im Haushalt, die versorgt werden müssen. Je höher die Zahl auf dem Ausweis, desto mehr Lebensmittel kommen in die Tüte.

Auf Elisabeth Müllers Ausweis steht: 1 plus 5. Die 46-Jährige ist alleinerziehende Mutter von sechs Kindern, die älteste Tochter ist 22 und schon ausgezogen, der Jüngste ist drei Jahre alt. Die Müllers leben von Hartz IV, »seit mein Mann beschlossen hat, den Karren an die Wand zu fahren«. Sechs Kinder. Alleinerziehend. Hartz IV. Klingt wie das Klischee, das die Privatfernsehsender von kinderreichen Unterschichtmüttern verbreiten. In Wahrheit glich das Leben von Elisabeth Müller einst eher dem der ersten Schirmherrin der Tafel, Exfamilienministerin Ursula von der Leyen: Elisabeth Müller hat Medizin studiert, sie ist ausgebildete Ärztin. Zwanzig Jahre hat sie als Veranstalterin für medizinische Kongresse gearbeitet und gut verdient. Jetzt zahlt ihr Mann keinen Unterhalt; um sich um die Kinder kümmern zu können, musste Müller ihren Beruf aufgeben. Es war der Beginn einer Armutskarriere, wie sie die meisten Alleinerziehenden hinter sich haben, die auf das Angebot der Tafeln angewiesen sind. 41 Prozent der Alleinerziehenden in Deutschland sind Hartz-IV-Empfänger, die meisten davon Frauen.52 »Wir Frauen stehen für alles gerade, und irgendwann stehen wir hier«, sagt Müller bitter; sie kämpft seit drei Jahren für Unterhalt. Als ihr Mann sie verließ, war sie zum sechsten Mal schwanger. Und es dauerte nicht lange, bis sie verzweifelt beim Jugendamt saß, weil sie nicht mehr wusste, wie sie die Miete bezahlen sollte. Seither ist die Familie auf Hilfe angewiesen, unter anderem auf Lebensmittelspenden der Tafel.

»Wie oft bin ich montags hier vorbeigeradelt und habe mir gedacht: Hoffentlich komm ich niemals so auf den Hund, dass ich hier anstehen muss«, sagt Müller. Ihre Tante, die selbst bei der Tafel Essen holt, hat sie schließlich dazu überredet. »Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz«, habe sie damals gesagt. Heute sei sie froh, ihren Stolz überwunden zu haben. »Ich bin wirklich dankbar für dieses Angebot. Denn ohne kämen wir nicht über die Runden.«

»Hallo, Frau Müller, wie geht es Ihnen? Was darf ich Ihnen heute geben? Blumenkohl? Brokkoli? Rosenkohl hätten wir auch«, sagt Christian Liebich, der seit vier Jahren ehrenamtlich bei der Tafel arbeitet und die Tüten der Bedürftigen füllt. Müller lächelt tapfer: »Danke, geht schon, nehm ich gern alles, wenn es geht«, die Schlange schiebt sich weiter. Die meisten Ehrenamtlichen versuchen, den Bedürftigen nicht das Gefühl zu geben, sie müssten um Essen betteln. Rund acht Ehrenamtliche sind pro Tafel mit Aufbau und Essensausgabe beschäftigt, fast einen Arbeitstag lang, gute sechs Stunden, dauert das. Deswegen engagieren sich dort vor allem Rentner, Hausfrauen und auch Bedürftige, die selbst die Tafel nutzen. »Wir sind wie eine Familie«, sagt Liebich, der jeden Montag an der Ausgabestelle verbringt und die Arbeit mit den Ehrenamtlichen als bereichernd empfindet. Bei Sonne, Regen und Schnee baut er Tische auf, sortiert welken Salat aus und teilt mit seinem Messer Blumenkohl und Brokkoli, um das Gemüse so gerecht wie möglich verschenken zu können. Es wirkt manchmal etwas pathetisch, wenn Liebich die Arme gen Himmel hebt und sagt: »Ich möchte den Menschen zeigen: Ich bin für dich da. Du bist es wert, dass ich für dich hier stehe.« Liebich hat lange bei einem großen Autohersteller im Marketing gearbeitet, vor ein paar Jahren aber gekündigt und sich als Lebensberater selbstständig gemacht. Die ehrenamtliche Arbeit bei der Tafel, sagt Liebich – und wie er betonen das fast alle Tafelmitarbeiter, Politiker und auch der Tafelbundesverband –, sei »gelebte Solidarität«. Es gehe ja gar nicht ums Essen, fährt Liebich fort, die Lebensmittel seien »nur ein Träger«, sie stifteten zwischenmenschliche Beziehungen.

Für die Tafelnutzer allerdings sind die Lebensmittel nicht vordergründig Symbol der Nächstenliebe und Solidarität. Sie sind gezwungen, dort Essen zu holen, weil sie sonst nicht mehr über die Runden kämen. Das wiederum sagen fast alle Nutzer der Tafel. Aber stehen mag dort niemand. Armut ist ein Stigma, das auch die Tafeln nicht löschen können, ganz im Gegenteil: Die Bilder der Warteschlangen vor Essensausgaben sind zum Symbol geworden für eine Wohlstandsgesellschaft, die es sich leistet, einer zunehmenden Anzahl Bedürftiger allenfalls ihre Brosamen zukommen zu lassen, ihnen aber echte Teilhabe verweigert.

Es ist die hässliche Realität des sogenannten »Trickle-down-Effekts«, den die Apologeten eines Wirtschaftswachstums propagieren, das darauf basiert, dass sich der Staat aus den ökonomischen Prozessen heraushält. Diese extrem liberale Wirtschaftstheorie besagt, dass die Wohlstandsmehrung der Reichen nach und nach in die unteren Schichten der Gesellschaft durchsickere. Armutsbekämpfung durch Reichenförderung: Diese wohl dreisteste Rechtfertigung der Vermehrung von Privatvermögen ist mittlerweile leider – mehr oder weniger verdeckt – wesentlicher Teil der Regierungsprogramme der westlichen Welt. Von Kritikern wird sie anschaulicher als »Pferdeäpfeltheorie« beschrieben: Wenn man den Spatzen Gutes tun wolle, dann müsse man den Pferden den allerbesten Hafer füttern, damit die Spatzen aus der Scheiße ein paar Körner picken können.

Ihren kleineren Kindern sagt Elisabeth Müller deshalb, dass Montag »der Einkaufstag« sei. Seit sie in einer Fotogeschichte in einem Stadtmagazin erzählt habe, dass sie Essen bei der Tafel hole, seien ihre Kinder im Kindergarten und in der Schule ausgelacht worden: Igitt, dein Pausenbrot ist ja vom Müll!

20 Prozent der Kinder unter 15 Jahren in Deutschland leben in Hartz-IV-Familien – in Berlin sind es sogar 35,7 Prozent.53 Bei 15 bis 40 Prozent derjenigen, die auf Lebensmittelspenden der Tafeln angewiesen sind, handelt es sich um Kinder und Jugendliche.54 2,62 Euro sieht der Hartz-IV-Regelsatz täglich für Ernährung von Kindern bis sechs Jahre vor; 3,21 Euro für Kinder bis 14, 3,52 Euro für Teenager.55 Dass es unmöglich ist, Kinder und Jugendliche mit einem solchen Budget gesund zu ernähren, stellte Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) bereits vor vier Jahren fest: Wer einen Teenager von 15 Jahren halbwegs gesund ernähren will, muss selbst im Discounter 4,68 Euro und im Supermarkt 7,44 Euro am Tag ausgeben.56 Da helfen auch die autoritären und selbstgefälligen Belehrungen der Wohlhabenden nichts: »Nicht die Armut ist das Hauptproblem der Unterschicht, sondern der massenhafte Konsum von Fastfood und TV«, gibt der neokonservative Historiker Paul Nolte und Uniprofessor vor zu wissen: »Das große Fressen« lautete bereits 2003 die reichlich zynische Überschrift seines Essays über die »kulturellen Wurzeln der Verwahrlosung« in der Wochenzeitung Die Zeit: »Sich gut und vernünftig zu ernähren, hört man dann, sei eben teurer – womit man wieder bei den materiellen Verhältnissen und damit bei der Forderung nach Umverteilung wäre. Das ist jedoch eine Legende. Jede zu Hause zubereitete Mahlzeit aus Kartoffeln und Gemüse, aus Vollkornbrot und Käse ist billiger zu haben als die Dauerernährung in Imbissbude und Schnellrestaurant, die vielen Kindern der Unterschichten zugemutet wird – wohlgemerkt: nicht von den Konzernen, sondern von ihren eigenen Eltern.«57

Überschuss für die Überflüssigen

Elisabeth Müllers Taschen sind gut gefüllt mit Gemüse und Brot. Mit dem Käsebrot wird es diesmal trotzdem nichts, Milchprodukte gab es heute leider keine. »Dann muss es diese Woche mal ohne gehen«, murmelt sie. Es ist Monatsende, das Geld wird nicht reichen für den Einkauf im Supermarkt. Am liebsten, sagt Elisabeth Müller, würde sie sich und die Kinder mit Biolebensmitteln ernähren. Sie sagt das so, wie andere von einem Sportwagen schwärmen, den sie sich nie werden leisten können.

Dann geht die 46-Jährige in den Gemeindesaal und stellt sich an der Essensausgabe an. In einigen Ausgabestellen der Münchner Tafel gibt es kostenloses Mittagessen, solange der Vorrat reicht. Meist wird es von Firmenkantinen geliefert, manche Firmen lassen extra für die Tafel kochen. Zum Beispiel die Bayern Bankett Gastronomie, eine hundertprozentige Tochter der Bayerischen Landesbank, die der Staat mit 30 Milliarden Euro Steuergeldern gerettet hat.58 Jetzt sponsert sie für mehrere tausend Euro im Monat und unter großem Beifall der Gesellschaft Suppenküchen für diejenigen, die vom Staat kaum etwas zu erwarten haben.

Heute gibt es Fisch mit Spinat. »Sehr gut schmeckt das«, finden Frau Müller und ihre Tante; sie essen langsam, je später der Nachmittag, desto kleiner die Portionen. Eine alte Dame scheint weniger begeistert, sie schmeißt den fast vollen Plastikteller nach ein paar Bissen in den Müll.

Ein alltäglicher Vorgang, an dem sich in den Restaurants, Kantinen und an den häuslichen Esstischen der westlichen Wohlstandsgesellschaften keiner mehr stört. Nach einer im Mai 2011 veröffentlichten Untersuchung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, landet ein Drittel der weltweit hergestellten Nahrungsmittel im Müll.59 Essen wegzuwerfen ist das Privileg vollwertiger Mitglieder der Konsumgesellschaft. »Das konsumistische Wirtschaftssystem lebt vom Warenumsatz; es boomt, wenn mehr Geld den Besitzer wechselt, und wann immer Geld den Besitzer wechselt, wandern einige Konsumgüter in den Müll«, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman in seinem Buch Leben als Konsum.60 Er beschreibt den Konsumismus als »Ökonomie des Überschusses und des Abfalls«.61 Mit anderen Worten: Essen und andere Dinge wegzuwerfen ist die Grundlage der Konsumgesellschaft: Nur wenn viel entsorgt wird, wird auch viel gekauft. Doch hier im kargen, dunklen Vorraum des Gemeindezentrums geht ein entsetztes Raunen durch die Reihen der Tafelnutzer, die gerade noch ein Restchen Essen ergattert haben. In parallelen Konsumwelten wie der Tafel, in der nur der Überschuss verteilt wird, sind nicht nur die Waren endlich, sondern auch Gerechtigkeit und Wahlfreiheit. Solidarität zwischen den Bedürftigen entsteht so kaum, sie werden eher zu Konkurrenten.

Mittlerweile ist auch Klara** gekommen, die 13-jährige Tochter von Elisabeth Müller. Sie schaut sich unsicher um, man merkt, dass sie sich hier unwohl fühlt. Das bildhübsche, zierliche Mädchen trägt eine schwarze Satinhose, die am Knie ein Loch hat. »Was hast du denn da gemacht?« fragt die Tante, das Mädchen schaut traurig auf den Boden. »Macht ja nichts, das hat man jetzt so«, versucht die Tante zu trösten.

Klara besucht das Gymnasium, sie leidet sehr unter der Situation der Familie, sehr viel mehr als ihre kleinen Geschwister, die noch nicht ahnen, dass gesellschaftliche Anerkennung davon abhängt, welche Kleider oder Handys sie besitzen. Ihre Klassenkameradinnen, die sie gern zu Freundinnen hätte, kommen überwiegend aus Mittelschichtsfamilien ohne Geldsorgen. Da können es sich die Eltern auch leisten, den Mädchen 50 Euro für einen Einkaufsbummel mit anschließendem Besuch bei McDonald’s in die Hand zu drücken. Elisabeth Müller kann das nicht. Selten kann sie Klara zu solchen Nachmittagen mitschicken. »Mehr als 5 Euro sind dann nicht drin«, sagt sie.

Ihr selbst fällt der Verzicht nicht so schwer. Aber dass sie ihren Kinder so wenig bieten kann, »das tut wirklich weh«. Auch wenn sie verstünden, dass das meiste von dem, was für andere selbstverständlich ist, bei ihnen einfach nicht geht. Obwohl Frau Müller mit Büchern und DVDs aus der Bibliothek versucht, die Kinder auf dem neuesten Stand zu halten, und es bei den Kindern durchaus die Einsicht gibt, dass coole Klamotten, Shoppingtouren und Fast Food nicht das Wichtigste sind im Leben: Wer diesen Status nicht halten kann, wer auf Almosen angewiesen ist, gehört nicht mehr dazu. Deshalb traut sich Klara im Sommer nicht einmal mehr ins Freibad. Zwar ist der Eintritt für Bedürftige in München kostenlos. Doch wenn Klara ihren München-Pass an der Kasse vorzeigt, lachen die anderen sie wegen ihres »Penner-Passes« aus.

In einem Interview in der Süddeutschen Zeitung erzählt Paul Nolte, dass er in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen sei. »Jeden Tag standen Penner vor unserer Haustür und wollten eine Mark oder etwas zu essen haben. Da bin ich halt in die Küche und habe ein Butterbrot geschmiert.«

Er habe viel Empathie von zu Hause mitbekommen, sagt Nolte, der vom Pfarrersohn zum Hassprediger der Elite aufgestiegen ist, der heute seine Empathie gilt. Deshalb beklagt er wohl eine fehlende »Aufstiegmentalität«.62

Dabei haben 15,8 Prozent der Arbeitslosen in den westlichen Bundesländern einen Hochschulabschluss. Im Osten sind es 13,8. 80 Prozent der Geisteswissenschaftler finden nach dem Studium keine feste Anstellung sondern schlagen sich mit schlecht bezahlten Aushilfsjobs durch. 1,2 Prozent der Arbeitslosen sind Akademiker zwischen 25 und 35 Jahren, die direkt nach der Uni Hartz IV beantragen müssen.63 Das Problem von Menschen wie Elisabeth Müller ist also keinesfalls mangelnde »Aufstiegsmentalität«, sondern das sind der rapide Abstieg – und die Abstiegsangst der Mittelschicht, die sich, wie von Nolte gewünscht, nach oben orientiert. Frau Müller sagt, dass sie gern wieder arbeiten gehen würde. Doch mit sechs Kindern und ohne Unterhalt müsste sie mindestens 5 000 Euro verdienen, um ohne Unterstützung ein normales Leben führen zu können. Mit einem durchschnittlichen Gehalt von 2 000 Euro stünde sie noch schlechter da als jetzt, weil ihr sämtliche Unterstützung gestrichen würde. Auch ein Besuch bei der Tafel wäre dann nicht mehr drin, weil sie ihre Zugangsberechtigung verlöre.

»Wer im Wohnzimmer die berühmte Glasschale mit drei Kilo Süßigkeiten stehen hat, dem kann man sagen, dass sich das Geld auch anders investieren lässt, in Obst und Gemüse oder ein Buch zum Vorlesen zum Beispiel«, eifert Nolte, der sagt, er würde »den Finger in die Wunde legen« wollen.64 In der der Bedürftigen jedenfalls bohrt er ziemlich tief.

»Ich fühle mich von so was nicht angesprochen, ich arbeite ja von früh bis spät für die Kinder«, sagt Frau Müller. Und trotzdem soll nicht einmal ihr Bruder wissen, dass sie zur Tafel geht: »Er hält solche wie mich für Parasiten der Gesellschaft.« Auf Frau Müllers Tisch steht keine Glasschale mit drei Kilo Süßigkeiten, sondern ein Teller mit Weintrauben. Dazu legt ihr achtjähriger Sohn seine Matheschularbeit, eins mit Sternchen, Frau Müller unterzeichnet nicht ohne Stolz. An den Wänden der hübsch eingerichteten Wohnung hängen Fotos aus der anderen Zeit: die kleinen Kinder am Strand, die Familie vor Sehenswürdigkeiten in südeuropäischen Städten, Elisabeth Müller im Businesskostüm mit Kollegen. »Trauben von der Tafel«, sagt Frau Müller, steckt sich eine in den Mund und schüttelt lachend den Kopf. Einen solchen Luxus, sagt sie, könnte sie sich sonst nicht leisten. Wenn man fragt, welchen Luxus sie sich denn gönne, dann sagt sie fast trotzig: »Kaffee. Ja. Den kauf ich mir manchmal.« Dann schenkt sie sich eine Tasse aufgewärmten Kräutertee ein. Kaffee gibt es heute nur für den Gast.

Vom Müll in den Magen

Es ist kurz vor sieben Uhr. Die Morgensonne färbt die Türme des Heizkraftwerks am Rand des Münchner Großmarktgeländes rosa, ein Gabelstapler fährt Paletten über die ruhige Straße, leere Lieferwagen kommen vom Ausliefern zurück. Nur auf dem Parkplatz vor dem Heizkraftwerk, den die Stadt München der Tafel kostenlos für die 15 Lieferfahrzeuge zur Verfügung stellt, herrscht rege Geschäftigkeit. Motoren brummen, Autotüren knallen, das Handy der Koordinatorin Ruth Stark klingelt ununterbrochen, während sie den Fahrern Anweisungen zuruft. Wenn der Hauptbetrieb am Großmarkt vorbei ist und die frischen Lebensmittel in den Regalen der Supermärkte liegen, beginnt die Arbeit der Tafel. Sie steuert die Rückseite jener Supermärkte und Discounter an, auf deren Laderampen Kisten voll mit übrig geblieben Lebensmitteln stehen, die die regulären Kunden in den Regalen haben liegen lassen. Fahrer Dimitri***, 41, ist einer von 11 fest angestellten Mitarbeitern der Münchner Tafel. Mit den Jahren und unter dem Ansturm von immer mehr Armen mussten sich die Tafeln professionalisieren. Achtstündige Abhol- und Ausliefertouren, jeden Morgen ab sieben Uhr – das ist auch mit knapp 400 Ehrenamtlichen nicht zu leisten.65

Dimitri, der Ukrainer, ist ausgebildeter Zahntechniker. Als er vor mehr als zehn Jahren in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland kam, fand er keine Arbeit. Also machte er eine Umschulung zum Systemadministrator, doch auch nach 150 Bewerbungen hatte er noch keinen Job. Dimitri kam als Ehrenamtlicher zur Tafel, er stieg zum Ein-Euro-Jobber auf. Mancher Kollege von Dimitri war zuallererst selbst Nutzer der Tafel. Ein fester Job bei der Tafel ist das Ende einer Karriereleiter, die zwar aus der individuellen Armut herausführt, aber nicht aus der Parallelwelt der Armut. Dimitris Beruf ist es jetzt, Bedürftige mit kostenlosem Essen zu versorgen, andere Arbeitslose, die nicht so viel Glück hatten wie er.

Dimitri parkt den Lieferwagen rückwärts vor der Laderampe eines Discounters. Er geht durch den Laden zum Hintereingang, vorbei an den Regalen mit frischer Ware, die auf Kunden warten; ein Mitarbeiter zeigt wortlos neben die Kartonpresse. Unterhalb der Rampe stehen die Mülltonnen hinter einem abgeschlossenen Gitter.

Dimitri zieht seine Arbeitshandschuhe an und räumt die Müllsäcke beiseite, die auf den Kisten stehen, in denen das Essen für die Tafel wartet. Es gibt jede Menge Bananen, Paprika in Plastikschläuchen, Salatköpfe und Orangen; eine Kiste mit guten Kartoffeln, zwischen denen zwei Flaschen Bier ausgelaufen sind und in der drei Tiefkühlpizzen auftauen, muss Dimitri zurücklassen. Beim nächsten Discounter lässt sich erst gar kein Mitarbeiter blicken; vor dem verschlossenen Rollladen steht ein Turm aus Kisten. In einer gammelt Putenfleisch vor sich hin, in einer anderen suppt abgelaufener Joghurt aus kaputten Bechern über eine Schachtel mit zerdrückten Eiern, Fliegen sitzen auf dem Müll. Ist das einfach nur gedankenlos, oder glauben Lebensmittelkonzerne mit zweistelligem Milliardenumsatz tatsächlich, dass selbst verdorbenes Essen für Arme allemal gut genug ist?

Hannelore Kiethe, die die Münchner Tafel 1994 gründete, sagt, dass es eine Weile gedauert habe, bis sie den Supermärkten angewöhnt hätten, den Wareneinsammlern nicht einfach nur den Müll zu überlassen. »Man gab uns häufig verschimmelten, ungenießbaren Schrott. Wir waren für die Händler ein gefundenes Entsorgungsunternehmen«, schreibt Kiethe in dem kleinen Bildband … außer man tut es, den die Münchner Tafel anlässlich ihres 15-jährigen Bestehens veröffentlichte.

Die Chuzpe der Händler, den Ehrenamtlichen säckeweise verfaulte Kartoffeln oder Kisten mit stinkendem Fisch zu überlassen, gerät dort zur lustigen Anekdote: »Aber die feinen Damen hielten durch, erwiesen sich als ausdauernd und zäh. Die Händler staunten. Der Spott ließ nach, aus Verachtung wurde Hochachtung.«66 Heute dürfen sich die Händler darüber freuen, dass sie Tafelspenden als soziales Engagement für die Imagepflege bewerben können.

Die Handelsketten haben einfach erkannt, dass sie von der Zusammenarbeit bestens profitieren: Sie sparen sich einen Teil der Entsorgungskosten. Dafür gehen die der Münchner Tafel für Paletten, Pappe, Verpackung und Biomüll in die Tausende pro Monat – trotz Sponsoren und Vergünstigungen der Münchner Abfallwirtschaft. Die Berliner Tafel muss zwischen 26 000 und 40 000 Euro Spenden pro Jahr für die Müllbeseitigung aufbringen.67 Der Discounter Lidl nennt die Berliner Tafel noch heute »Entsorger« – sehr zum Ärger der Gründerin Sabine Werth.

Dimitri reißt Verpackungen auf und sortiert brauchbare – heißt: einwandfreie – Sachen in grüne Kisten. Die Tafeln müssen sich an Lebensmittelrichtlinien halten und werden entsprechend kontrolliert. Eine Selbstverständlichkeit, die die Tafeln allerdings extra betonen. »Wir geben nichts her, was wir nicht auch selbst essen würden«, wiederholen die Verantwortlichen gebetsmühlenartig. Man möchte nicht als Müllabfuhr verstanden werden, wenn man so hehre Ziele wie die Tafeln verfolgt. Nämlich nicht weniger als zwei der größten Probleme unserer Zeit gleichzeitig zu bekämpfen: Armut und Überfluss. Genau das ist der Grund, weshalb die Idee der Tafeln solche Anerkennung in der Gesellschaft findet: Rund 20 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr weggeworfen, während immer mehr Menschen Not leiden.68 Mehr als 11 Millionen Menschen leben in Deutschland nahe an oder unterhalb der Armutsgrenze.69 Ein Gedanke, der auch in der Überflussgesellschaft für latentes Unbehagen sorgt. Doch die Tafeln, so scheint es, füllen diese Lücke zwischen Armut und Überschuss. »In Deutschland gibt es Lebensmittel im Überfluss – dennoch herrscht bei vielen Menschen Mangel. Die Tafeln bemühen sich um einen Ausgleich«, heißt auf dem Faltblatt des Tafelbundesverbands. Das Motto, das unter dem orangefarbenen Schriftzug »Die Tafeln« und dem Tellersymbol mit Messer und Gabel steht, lautet »Essen, wo es hingehört«; »Verteilen statt vernichten« ist das Credo der Münchner Tafel. Das klingt nach Verteilungsgerechtigkeit und »Anpacken statt Jammern«. Doch der moralisch verbrämte Pragmatismus verdeckt den schmalen Grat, auf dem sich die Tafeln bewegen, die Überflüssiges an Überflüssige verteilen.

Kunden ohne Rechte

Am Nachmittag bietet eine freundliche Tafelmitarbeiterin einer Bedürftigen einen Laugenring mit Butter und Schnittlauch an, doch die Frau mit russischem Akzent lehnt unwirsch ab. Die Miene der Ehrenamtlichen verdüstert sich auf der Stelle. »Die ist absolut frisch und gut«, ruft sie so laut und empört, dass es alle in der Schlange mitbekommen. »Dann eben nicht«, zischt sie hinterher und beißt demonstrativ selbst hinein. Vielleicht mag die Russin kein Laugengebäck, vielleicht wollte die ältere Dame, die sich zu diesem Termin stark geschminkt und einen Mantel mit Pelzkragen angezogen hat, nur auf sehr ungeschickte Weise selbstbewusst wirken. Solche Szenen spielen sich nicht selten ab. Meistens reagieren die Ehrenamtlichen empfindlich, wenn die Bedürftigen Äpfel, Salat und Karotten in den Händen wiegen und braune Stellen oder welke Blätter monieren. »Das kann man doch wegschneiden«, sagen sie dann. Oder: »Das passiert Ihnen im normalen Supermarkt genauso.« Der Unterschied ist nur: Tafelnutzer sind darauf angewiesen, das zu essen, was normale Kunden im normalen Supermarkt liegen lassen. Sie haben nicht die Wahl. Und so wird der verzweifelte Versuch, ein Restchen Würde und Kundenstatus zu demonstrieren, oft genug als Undankbarkeit, Gier und Anspruchsdenken gewertet.

Die meisten Tafeln in Deutschland nennen ihre Nutzer tatsächlich »Kunden« und lassen sie einen symbolischen Euro zahlen, damit das Essen einen »Wert« erhält.70 In der Konsumgesellschaft sind Teilhabe und Würde des Einzelnen an seinen Kundenstatus gebunden – und Freiheit bedeutet in der Konsumgesellschaft, aus einer scheinbar unendlichen Fülle zu wählen und scheinbar individuelle Kaufentscheidungen zu treffen. Stephan Lorenz ist Soziologe an der Universität Jena und beschäftigt sich mit Konsum, Überfluss, Ernährung, Umwelt und Nachhaltigkeit. Er leitet zwei Jahre ein Forschungsprojekt zu den Tafeln und ist Herausgeber des Bandes Tafelgesellschaft. Zum neuen Umgang mit Überfluss und Ausgrenzung. Er sagt: »Die Simulation des Kundenstatus markiert ja gerade: Ihr gehört nicht dazu. Es ist ja keine Versorgung über den Markt, sondern neben dem Markt.« Unbeschädigte, also »normale« Kunden zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihren Bedarf auf eigenständige Weise befriedigen können. Wären sie echte Kunden, müssten sie eben nicht zur Tafel. »Der Kunde ist König, nicht Bettler«, sagt Lorenz.

Echte Kunden dürfen auch Ansprüche stellen. Tafelnutzer können das nicht. Zum einen, weil das Angebot oft willkürlich ist: So gibt es statt Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Nudeln oder Reis oft kistenweise Produkte wie Kilodosen Zwiebelsuppenpulver. Darüber sollte sich der Tafelkunde aber nicht beschweren: »Tafelkunden können keinen Anspruch haben. Das ist ein Problem. Denn wir merken halt auch: Der Anspruch ist da. Wir hatten auch schon Situationen, da hieß es dann: Ich habe hier bezahlt, da hab ich eine Anspruch auf was Anständiges, wo wir dann schon auch mal in einem Fall dem laut meckernden Mann den Euro zurückgegeben und gesagt haben: Geh zu Aldi, kauf dir was Schönes«, sagt die Gründerin der Berliner Tafel, Sabine Werth. Man könnte auch sagen: Friss oder stirb.

Permanent wird den Nutzern der Tafel ihr Status des Nichtkunden vergegenwärtigt. Auch durch das Angebot: Hier landen Produkte, die andere nicht haben wollen. Auf verstörende Art und Weise kann man so erkennen, was auf dem ersten Konsumgütermarkt angesagt ist und was nicht: Wenn die Leute weniger Fleisch essen wollen, weil Vegetarismus gerade in ist, gibt es eben mehr Wurst und Schnitzel für die Tafeln. Ebenso türmen sich Erdbeeren im Winter, wenn mal wieder in der Zeitung stand, dass deren Anbau der Umwelt schadet und der sogenannte verantwortungsvolle Konsument aus ökologischen Gründen folglich die Finger davon lässt. Bis in den Februar hinein gibt es abgepackten Raclettekäse von Silvester. Und während normale Kunden Osterhasen und Schokoeier kaufen, dürfen sich Tafelnutzer im April über Weihnachtsgebäck und Schokonikoläuse freuen. Nach dem Dioxinskandal entstand ein Überangebot von Eiern, die die verschreckten Kunden lieber im Supermarkt stehen ließen. Und als im Mai 2011 in Deutschland EHEC-Infektionen ausbrachen und man den Erreger auf Salat und Gurken vermutete, landeten bei einigen Tafeln selbstverständlich kistenweise Salat aus Norddeutschland und Gurken aus Spanien – die allerdings nicht verteilt wurden.71

Freiwillige und unfreiwillige Entsorger des Wohlstandsmülls

Das scheint die einzige Leistung, die Tafelkunden noch zu bieten haben: Sie entsorgen den Wohlstandsmüll – und damit en passant das schlechte Gewissen der Konsumgesellschaft. Gerd Häuser, Vorstandsvorsitzender des Tafelbundesverbands, sieht darin sogar eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe. Er sagt, er kämpfe für mehr Selbstbewusstsein bei den Tafelnutzern: »Ich wünsche mir, dass sie sagen: Ich tu was für die Gesellschaft, weil ich einen ökologischen Beitrag leiste. Diese Leistung müssen wir anerkennen. Das sind keine Almosenempfänger, sondern Rädchen in der Lebensmittelindustrie. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man das Zeug wegschmeißen. Das ist ja wohl auch nicht die Lösung.«

Das klingt allerdings zynisch. Denn niemand geht aus ökologischen Gründen zur Tafel, sondern weil ihn Not und Hunger dazu zwingen. Und gewiss würde es Handelsketten und Lebensmittelkonzernen und vielleicht auch den Tafeln nicht gefallen, wenn Tafelnutzer selbstbewusst Überproduktion anprangerten.

Das wiederum machen die sogenannten Freeganer. Die Bewegung entstand Mitte der neunziger Jahre unter Globalisierungsgegnern in New York. Der Name ist zusammengesetzt aus »free« für frei und »vegan«, was bedeutet, sich ohne tierische Produkte zu ernähren. Es ist eine politische Ernährungsform, die sich den kapitalistischen Marktprinzipien verweigert. Tafelnutzer wie Freeganer ernähren sich aus den gleichen Quellen. Der Unterschied ist nur: Freeganer holen sich einfach, was sie brauchen – ganz anarchisch. Nachts ziehen sie »los« und sammeln aus den Müllcontainern hinter den Supermärkten Lebensmittel, die noch verzehrfähig sind. Freeganer haben hippe Bezeichnungen für das, was sie tun, sie nennen es »Dumpster Diving« oder »Containern«, es gibt Freegan-Blogs mit Fotos der Ausbeute, die meist gewaltig ist, Foren, in denen sich Freeganer austauschen und Tipps geben; es gibt Container-Ortsgruppen, die Lebensmittel untereinander tauschen, es gibt sogar T-Shirts für bekennende Freeganer, und manche linksalternativen WGs besorgen sich ihre Nahrungsmittel komplett aus dem Müll.

Sie verstehen das nicht nur als privaten Konsumboykott, sondern als Bewegung: als politischen Protest gegen das kapitalistische System, das auf Ausbeutung, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzung bei der Lebensmittelproduktion gründet und Armut hervorbringt. Genau deshalb sind sie den Supermarktketten ein Dorn im Auge. Darum sperren die wiederum ihren Müll nachts weg oder umwickeln die Container mit Ketten; manche, so hört man in der Szene, schmeißen verdorbenes Essen oben drauf, sodass das gute Essen nicht mehr brauchbar ist, oder färben die Lebensmittel ein. In Großbritannien, wo es eine große Freegan-Szene gibt, werden sogar Wachdienste zur Verteidigung des Mülls beschäftigt.

In Berlin waren eine Zeit lang Container von Bio-Läden besonders beliebt. Denn seit Bio boomt und den Massenmarkt erreicht hat, seit auch Bio-Kunden so anspruchsvoll geworden sind, dass sie die ganze Produktpalette zu jeder Jahreszeit wünschen, seit Bio-Gemüse zu den Attributen des Öko-Glamours gehören, haben die zum alten Öko-Klischee verkommenen schrumpeligen Möhren ihre Daseinsberechtigung verloren. Auch bei Bio gibt es deshalb Überproduktion – und Überproduktion bedeutet, dass eine Menge Lebensmittel im Müll landen. Als vor ein paar Jahren ein Bio-Großhändler in einem Berliner Industriegebiet feststellte, dass bis zu 30 Freeganer jede Nacht die Mülleimer plündern, pappte er einen Aufkleber mit der Warnung »Vorsicht, Rattengift« auf die Container.72 Gutes Essen im Müll – das passt so gar nicht zum sauberen, edlen und nachhaltigen Image der Bio-Läden. Vor allem aber sollen die Menschen das teure Obst und Gemüse schließlich kaufen; Qualitätsware verliert ihren Wert, wenn sie andere für umsonst aus dem Müll fischen.

2004 erstattete eine Filialleiterin der Supermarktkette Rewe Anzeige gegen eine Freeganerin; selbst Müll ist in Deutschland Eigentum, dessen Diebstahl strafbar ist. Ein paar alte Brote und zwei abgelaufene Joghurts hatte die Frau ergattert, die dann wegen »gemeinschaftlichen Diebstahls in einem besonders schweren Fall« vor Gericht stand, weil sie mit ihren »Mittätern« über den Zaun kletterte. Es war nicht die einzige Strafanzeige gegen Freeganer in Deutschland. Die Straßenmusikerin musste die Anwaltskosten tragen und 60 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. 73 Gleichzeitig ist die Rewe Group (Umsatz dieses zweitgrößten Lebensmittelhändlers in Deutschland: 53 Milliarden Euro) seit 1993 der größte Lebensmittelspender der Tafeln und unterstützt außerdem das Bundestafeltreffen.74 Lebensmittelspenden aus dem Müll sind Teil der viel beworbenen »Nachhaltigkeitsinitiative« von Rewe, für die der Konzern 2010 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis erhielt.75 Zu den Beratern von Rewe gehört auch Joschka Fischer, der als stellvertretender Bundeskanzler der rot-grünen Regierung öffentlich für Hartz IV warb: »Hartz IV wird nicht massenhafte Verarmung hervorrufen, sondern bei Erhalt einer sozialen Grundsicherung mehr Chancen für den Zugang in den Arbeitsmarkt bieten«, so Fischer ein Jahr vor Inkrafttreten der Hartz-Gesetze.76

Beim jährlichen Sommerfest der Bundestafel hat Rewe Bundespräsident Christian Wulff »in die Hand versprochen, weiterhin jeden Tag an die Tafeln zu spenden«.77 Übersetzt bedeutet dieses Versprechen aber auch: Weiterhin werden jeden Tag noch verwertbare Nahrungsmittel in den Müll geschmissen.

Supermärkte als Profiteure der Lebensmittelverschwendung

Mit Nachhaltigkeit hat das allerdings nichts zu tun – denn Überproduktion und Verschwendung sind die Grundlage für den Profit der Handelsketten. Lebensmittelhersteller produzieren immer 120 bis 140 Prozent des realen Bedarfs, damit Engpässe, Verkaufsschwankungen, Transportprobleme und andere Störungen ausgeglichen werden können.78 Ein gutes Viertel aller Lebensmittel wird also wissentlich für den Müll produziert.

Es ist einer von vielen grundlegenden Widersprüchen des Tafelsystems, die sich nicht auflösen lassen: Zwar beteuern die Tafeln, den Überschuss zu bekämpfen – doch zugleich ist er ihr Geschäftsprinzip. Tafeln, Lebensmittelkonzerne und Supermärkte stehen in einem symbiotischen Verhältnis zueinander. »Man verhindert ja eben nicht das Entstehen von Abfällen – denn daran kann die Tafel kein Interesse haben. Dann hat man ja immer weniger zu verteilen«, sagt Stephan Lorenz. Das Prinzip der Tafeln setzt keine Anreize, sich von der Idee unendlichen Wirtschaftswachstums zu verabschieden. Sie tragen auch nicht dazu bei, die Strukturen der Verschwendung zu ändern, sondern greifen erst am Ende der Wertschöpfungskette ein: am Mülleimer. Dennoch spart der Bundesverband der Tafeln nicht an Eigenlob: Im hauseigenen Feedback-Magazin zum Thema Nachhaltigkeit preist Häuser die Arbeit der Vereine als ein »Paradebeispiel nachhaltigen Handelns«.79

130 000 Tonnen Lebensmittel verteilen die Tafeln pro Jahr an Bedürftige in Deutschland.80 Das klingt nach einer enormen Menge. Doch es ist gerade mal ein winziger Bruchteil der 20 Millionen Tonnen Lebensmittel, die in Deutschland jährlich im Müll landen. Die Deutsche Gesellschaft für Konsumforschung hat ausgerechnet, dass deutsche Privathaushalte Lebensmittel im Wert von fast 20 Milliarden Euro in den Müll schmeißen, darunter viele Lebensmittel, die noch eingeschweißt sind.81 Durch die extrem niedrigen Preise und das groteske Überangebot an Waren, mit denen die Handelsketten gegeneinander konkurrieren – ein Rewe-Supermarkt hat bis zu 40 000 unterschiedliche Artikel im Sortiment – werden die Konsumenten dazu verleitet, viel zu viele Lebensmittel zu kaufen, die schließlich im Kühlschrank vergammeln. In einem Zeitraum von nur zehn Jahren hat die Anzahl der angebotenen Waren in den deutschen Supermärkten um 130 Prozent und die der Produktvarianten sogar um 430 Prozent zugenommen. Seit den siebziger Jahren sind die Müllberge um 50 Prozent gewachsen.82

Der Großteil der Lebensmittel schafft es aber gar nicht erst ins Supermarktregal, er wird schon auf dem Acker vernichtet oder gar nicht erst geerntet, weil der Lebensmittelhandel nur optisch standardisierte Produkte annimmt. Die Gründe dafür sind mitunter erschütternd banal: So lassen sich etwa Kisten, in denen ausschließlich gerade geformte Gurken liegen, besser stapeln.83 Solche Kriterien bestimmt einzig der Handel, der es mit seinen mächtigen Lobbyverbänden geschafft hat, dass die EU-Normen für Obst und Gemüse seinen Bedingungen entsprechen.

Schätzungen gehen davon aus, dass in Industrieländern insgesamt sogar die Hälfte der produzierten Nahrungsmittel entsorgt wird, während eine Milliarde Menschen weltweit an Hunger leidet und täglich mindestens 20 000 Menschen an Unterernährung sterben. Die Menge der Lebensmittel, die in Europa und Nordamerika vernichtet wird, würde drei Mal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren.

Es gehört zur Politik aller Einzelhandelsketten, ganzjährig die gesamte Warenpalette anzubieten. Spricht man Supermarktverantwortliche darauf an, so zucken sie mit den Schultern und erklären mit weit aufgerissenen Unschuldsaugen, dass es ja »der Konsument« sei, der dies nachfrage, »sonst hätten wir die Sachen ja nicht im Regal stehen«. Beziehungsweise: »Wenn wir das nicht haben, dann gehen die Leute eben woandershin.«84

Das Überangebot an Waren ist konstituierend für die Konsumgesellschaft, in der die Wahlfreiheit des Kunden wie ein Menschenrecht gehandelt wird (Stichwort »mündiger Konsument«). Dass es aber tatsächlich ein formulierter Kundenwunsch sein könnte, zwischen 100 verschiedenen Sorten Joghurt zu wählen: schwer vorstellbar. Da es beim Einkaufen im Supermarkt längst nicht mehr nur darum geht, hungrige Menschen satt zu machen, müssen Handels- wie Lebensmittelkonzerne, um überhaupt wahrgenommen zu werden, ganz andere Dinge versprechen als bloß einen vollen Magen. Sie müssen satte Menschen wieder hungrig machen, sprich: neue Bedürfnisse wecken. Lebensmittelkonzerne wie Unilever, Danone und Nestlé sind inzwischen dazu übergegangen, so genanntes Functional Food auf den Markt zu bringen: Margarine, die den Cholesterinspiegel senken soll. Joghurts, die das Immunsystem stärken sollen. Müslis mit Vitaminzugabe.

Dazu kommt, dass Supermärkte, die bis zu 40 000 unterschiedliche Produkte auf Verkaufsflächen von mindestens 400 Quadratmetern anbieten, sich von den Discountern absetzen müssen, die nur eine kleine Auswahl – rund 1000 Produkte – billiger verkaufen.85 So wird aus dem »Vollsortiment« ein Überangebot, das den Konsumenten als anspruchsvoll und »mündig« adelt. Perfidestes Beispiel in diesem Zusammenhang: die Drachenfrucht. Das exotische Obst mit der pinkfarbenen Hülle und dem Fruchtfleisch, das Stracciatella-Eis ähnelt, sieht so attraktiv aus, dass Supermärkte gern ihre Obstabteilungen damit schmücken. Tatsächlich aber scheint die Frucht, die in Lateinamerika und Asien angebaut wird, nur als Lockmittel zu dienen. Haben will sie nämlich niemand. Die beiden Autoren Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn haben bei den Recherchen zu ihrem Buch: Die Essensvernichter. Warum die Hälfte unseres Essens auf dem Müll landet und wer dafür verantwortlich ist, herausgefunden, dass diese Früchte, die in teuren Supermärkten bis zu fünf Euro kosten, zu 80 Prozent weggeschmissen werden.86 Eine gigantische Verschwendung von Lebensmitteln und Energie: Von Januar bis Dezember werden die druckempfindlichen Früchte aus Lateinamerika und Asien eingeflogen, um in deutschen Mülleimern zu landen.

Weil die teuren Supermärkte sich durch »Premium-Qualität« absetzen wollen, gehört es zur obersten Maxime, Gemüse, Obst und Salat mit braunen Stellen oder Dellen sofort auszusortieren. Schnell verderbliches Gemüse wie etwa Salat oder Radieschen darf deshalb oft überhaupt nur einen einzigen Tag lang verkauft werden. In Valentin Thurns WDR-Film Frisch auf den Müll87 begleitet das Kamerateam eine auskunftsfreudige Verkäuferin bei der Arbeit in einem Supermarkt der Rewe Group. Sie erzählt, dass sie einen Salat schon aus dem Regal nehmen muss, wenn nur ein einziges Blatt eine braune Stelle hat. Dasselbe gilt für einen makellosen Kohlrabi, an dem die Blätter fehlen. »Wenn schon das Grüne ab ist, kauft keiner den Kohlrabi. Ist das Grüne dran, machen sie’s ab«, sagt kopfschüttelnd die Frau, der es sichtbar unangenehm ist, dass es zu ihrem Job gehört, gutes Essen einfach wegzuschmeißen. 88 Kein Verkäufer oder Filialleiter steht hier und weist, wie bei der Tafel, die Kunden zurecht, dass sie sich nicht so anstellen sollen, dass man den Kohlrabi ja wohl noch essen und braune Stellen einfach wegschneiden kann. Im Gegenteil: Im Konsumismus ist es das verbriefte Recht des »mündigen Konsumenten«, Kohlrabi angeboten zu bekommen, bei dem er sogar wählen darf, ob die ungenießbaren Blätter dranbleiben sollen oder nicht. Deshalb werden jeder zweite Kopfsalat, jede zweite Kartoffel und jedes fünfte Brot entsorgt.

Milchprodukte, erzählt die Rewe-Verkäuferin, müssen zwei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aussortiert werden. Dabei ist schon das willkürlich, weil es mit der echten Haltbarkeit eines Joghurts nicht das Geringste zu tun hat – meist hält der noch bis zu drei Wochen länger. Die aussortierten Waren werden augenblicklich nachgeordert, meistens bestelle man noch etwas mehr, um »Engpässe« zu vermeiden. Dabei geht es ausschließlich darum, dass alle Regale zu jeder Zeit randvoll sind, wir leben ja nicht im Kommunismus: »Leere Regale, das hatten wir schon mal: in den ostdeutschen HO-Läden«, sagt Helmut Martell, Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Großbäckereien, und es klingt wie eine Drohung.89 500 000 Tonnen Brot werden in Deutschland deshalb jedes Jahr vernichtet, Bäckereiketten produzieren bis zu 30 Prozent für den Müllcontainer, weil ihre Brotregale und die der Supermärkten bis kurz vor Ladenschluss komplett gefüllt sein müssen.90

Die Zerstörung des Essens und der globale Hunger

Ein Lastwagen voll mit altem Brot ist die beklemmende Anfangsszene von Erwin Wagenhofers Film We Feed the World. Unser täglich weggeworfenes Brot befördert direkt den Hunger in der Welt: Je mehr Weizen nachgefragt, je mehr Brot also für die Tonne produziert wird, desto größer der Hunger. Nicht weil wir das Brot »schließlich nicht nach Afrika schicken können«, wie manche ihr schlechtes Gewissen ob der gigantischen Verschwendung rechtfertigen. Sondern weil eine gestiegene Nachfrage die Weizenpreise an den Rohstoffbörsen nach oben schießen lässt. Das Menschenrechtsverbrechen Agrarspekulation ist ein profitables Geschäft für einige wenige. Für sehr viele hingegen bedeutet sie Leid und Tod, weil die Lebensmittelpreise in den Entwicklungsländern explodieren und die Menschen dort kein Essen mehr kaufen können. Im Sommer 2008 etwa verdoppelte sich der Weizenpreis, sodass es in vielen armen Ländern zu Unruhen kam, die teilweise vom Militär brutal niedergeschlagen wurden.91 Kurz: Menschen, von Hunger und Verzweiflung zu Straßenrevolten getrieben, werden erschossen, weil der anspruchsvolle westliche Kunde auch noch um kurz vor acht Uhr abends zwischen Vollkornbrot, Sonnenblumenbrot, Kartoffelbrot, Krustenbrot, Ciabatta, Baguette und Frühstückscroissant wählen können soll.

Das Verteilen des überflüssigen Essens an die bedürftigen Besucher der Tafeln unterstützt im Grunde die Überproduktion und die Wirtschaftsweise der Handelsketten, die ihren Profit nur darauf gründen. Es ist ein Grund, warum sie ihr Engagement bei den Tafeln so sehr betonen: Das soll belegen, dass die Handelsketten »verantwortungsvoll« mit Lebensmitteln umgehen. Sie suggerieren, dass sie den gesamten Überschuss den Tafeln spenden. Wie viel wirklich bei den Tafeln landet und wie viel weiterhin im Müll, das verschweigt der Handel wohlweislich. »Die Zahlen gibt es, aber sie werden nicht veröffentlicht. Jeder Supermarkt scannt die Produkte, die rein- und rausgehen. Die Differenz besteht hauptsächlich aus der Menge, die weggeworfen werden muss«, sagt Valentin Thurn. Auf Anfrage von Thurn und Kreutzberger beim Bundesverband des Deutschen Lebensmitteleinzelhandels behauptete der Hauptgeschäftsführer Michael Gehrling, dass Supermärkte nur ein Prozent des Nettoumsatzes wegwürfen. Beim Gemüse seien es fünf Prozent. Laut Hauptverband des Deutschen Einzelhandels würden 150 Tonnen jährlich an die Tafeln gespendet.92 Das ist in etwa die Menge, die allein die Münchner Tafel angibt, jede Woche zu verteilen. 130 000 Tonnen Lebensmittel teilen die Tafeln insgesamt pro Jahr aus. Einer von beiden muss sich da gehörig verrechnet haben.

Indem die Supermarktketten willkürliche Mengen an die Tafeln spenden, halten sie ihre »Entsorger«, die auf deren Spenden angewiesen sind, wohl bei der Stange. Manchmal hinterlässt ein Supermarkt nur kleine traurige Haufen, die in drei Gemüsekisten passen, manchmal füllen die bereitgestellten Kartons mit einwandfreier Premiumware den halben Transporter. Das verhindert Kritik. Schließlich wollen ja die Tafeln nach Selbstauskunft »auf den Überfluss aufmerksam machen«. So kommt es, dass die Tafeln ein knappes Spendenangebot als ihr Verdienst ansehen: »Wir kriegen sehr viel weniger von den Firmen, weil sie kapiert haben, wie viel sie eigentlich nicht verkaufen. Das schreiben wir uns zu. Das halte ich für den wesentlichen Gradmesser für unseren Erfolg«, sagt Sabine Werth von der Berliner Tafel. Tatsächlich weiß kein Mensch, wie viel die Supermärkte wirklich wegschmeißen.

Zu den Tafel-Sponsoren gehören neben der Rewe Group auch die Handelsriesen Edeka (Umsatz: 43,5 Mrd. Euro), Metro (30,6 Mrd. Euro), Lidl (42 Mrd. Euro) und Aldi (41,8 Mrd. Euro). Diese fünf Handelsketten bestreiten 90 Prozent des Lebensmittelmarkts in Deutschland. Der Marktanteil der Discounter beträgt mittlerweile 45 Prozent.93 Auf einem gesättigten Markt wie dem deutschen macht man Profite fast nur noch über den Aufkauf von Märkten oder qua Verdrängung durch einen gnadenlosen Preiskampf. Deutschland gilt international als der härteste Markt mit einem extrem niedrigen Preisniveau: Die Schlacht um Marktanteile ist eine um den niedrigsten Preis und um die größten Ladenflächen. »Wer seine Lieferanten am meisten bei den Preisen drückt oder ihnen unfaire Einkaufspraktiken diktiert, steht im knallharten Wettbewerb besser da. Jeder versucht, den anderen zu unterbieten«, schreibt die Initiative Supermarktmacht, ein Zusammenschluss von 23 Nichtregierungsorganisationen.94

Der Druck kommt direkt bei den Lebensmittelproduzenten an. Menschenrechtsverletzungen sind am zweithäufigsten in der Lebensmittelproduktion zu finden. Endstation Ladentheke heißt eine Untersuchung, in der die Hilfsorganisation Oxfam am Beispiel von Ananas und Bananen aus Costa Rica und Ecuador den verheerenden Einfluss der Marktmacht dieser fünf Konzerne belegt, die nicht nur in Europa, sondern auch weltweit expandieren.95 Weil jedes Unternehmen innerhalb der langen Lieferkette den größtmöglichen Teil der Wertschöpfung für sich haben möchte, gehen diejenigen, die die Lebensmittel herstellen, fast leer aus. Die Konzerne Chiquita und Dole, die die großen Supermärkte beliefern, geben ihren Arbeitern nur zwei- bis dreimonatige Verträge, damit sie sich um Sozialabgaben drücken können. Bis zu 72 Stunden, in Extremfällen bis zu 84 Stunden pro Woche schuften die Bananen-Arbeiter in Ecuador, Überstunden werden meist ohne Aufschläge oder überhaupt nicht bezahlt. Dadurch sparen sich die Unternehmen nach Schätzungen von Oxfam mindestens 43 000 US-Dollar – jeden Monat.96 Gewerkschaften gibt es so gut wie keine, die Unternehmen drohen mit Gehaltskürzung und Entlassungen, es gibt »schwarze Listen« mit Gewerkschaftsmitgliedern. Die Arbeitsbedingungen sind katastrophal: die Menschen sind jeden Tag dem Pestizidregen ausgesetzt, den Flugzeuge auf den Anbauflächen und gleichzeitig über den Dörfern verteilen. In solchen Anbauregionen leidet fast die Hälfte der Bevölkerung unter Vergiftungserscheinungen und schweren Krankheiten. Weil Boden und Wasser verseucht sind, weil für die gigantische Überproduktion immer mehr Land benötigt wird, haben Kleinbauern keine Chance mehr, für ihre Ernährungssouveränität selbst Nahrung anzubauen. Sie sind gezwungen, unter diesen verheerenden Bedingungen auf den Plantagen zu arbeiten, um überhaupt überleben zu können. Laut der Untersuchung Bittere Bananen, die Oxfam 2011 in Ecuador durchführte, verdienen Bananen-Arbeiter mit im Schnitt 237 US-Dollar pro Monat deutlich unter dem Staatlichen Mindestlohn von 544 US-Dollar.

Moralische Strategien der Handelskonzerne

Um dem Kunden das schlechte Gewissen beim Kauf zu nehmen, haben sich Handel und Produzenten Nachhaltigkeitssiegel zugelegt. Die allerdings stehen weder für biologischen Anbau noch für fairen Handel, klingen aber gut. So hat Chiquita, weltgrößter Bananenproduzent, einen Vertrag mit der industriefreundlichen US-amerikanischen Umweltorganisation Rainforest Alliance, die auf den Bananenplantagen seit Jahren dafür sorgen will, dass weniger Pestizide zum Einsatz kommen und auch Menschenrechte irgendwie umgesetzt werden. Doch es hat sich wenig geändert: Viele Bauern sind nach wie vor ohne Schutzkleidung hochgiftigen Pestiziden ausgesetzt, Gewerkschaftsarbeit wird behindert – und die Bauern verdienen nach wie vor viel zu wenig Geld: Laut einer Studie bekommen die Arbeiter 20 Prozent weniger als die, die sich dem fairen Handel angeschlossen haben.97

Rewe bezieht einen Teil der Bananen aus einem Projekt mit Chiquita und der Rainforest Alliance. Das gehört zur »Nachhaltigkeitsinitiative«, die unter anderem das Label »Pro Planet« auf ausgewählte Produkte klebt, um »den nachhaltigen Konsum im Massenmarkt zu fördern«.98 Für dieses Label, bekam Rewe unter anderem den Deutschen Nachhaltigkeitspreis: Schirmherrin Angela Merkel, gesponsert von Coca Cola, Danone und dem Deutschen Markenverband. Die Lobby-Organisation der Markenwirtschaft vereint unter ihrem Dach unter anderem Deutsche Bank, Henkel, Unilever, Nestlé, Danone, Axel Springer, Bayer, BASF und Kraft Foods – allesamt Konzerne, die von Überfluss und Überproduktion profitieren.99 Auf den Produkten, die das »Pro Planet«-Label tragen, wird eine positive Eigenschaft besonders ausgelobt; auf Paprika und Tomaten aus Südspanien, die man bei Rewe kaufen kann, steht dann zum Beispiel: »Soziale Bedingungen verbessert«.100

In der andalusischen Plastikhölle zwischen Alméria, Sierra Nevada und Costa del Sol wachsen auf einer Fläche, die größer ist als München, tonnenweise Gemüse für den europäischen Markt. Jeden Tag verlassen mehr als 1 000 LKW den westlichsten Zipfel Spaniens Richtung Norden. Zehntausende afrikanischer Flüchtlinge arbeiten in der Gemüseindustrie. Ohne Schutzkleidung sind auch sie dem Pestizidregen ausgesetzt; auch sie erhalten nicht einmal den tariflichen Mindestlohn von 43 Euro pro Tag.101 Einige von ihnen haben die lebensgefährliche Flucht aus Afrika in klapprigen Booten auf sich genommen – in der Hoffnung, in Europa ein besseres Leben zu finden. Jetzt arbeiten sie als Erntesklaven für den deutschen Billigmarkt, den die Gemüse-Patrones nur dann bedienen und gleichzeitig damit ihren Wohlstand sichern können, wenn sie die Kosten möglichst niedrig halten. So können sich die Arbeiter, die ihre armen Familien in Marokko oder im Senegal unterstützen, nicht einmal eine anständige Unterkunft leisten. Versteckt zwischen den Plantagen oder in den übrig gebliebenen Pinienwäldern fristen sie in selbst zusammengezimmerten Barracken ihr menschenunwürdiges Dasein – wenn sie nicht gleich von den Patrones in Lagern auf Slum-Niveau eingeschlossen werden. Der Schweizer Menschenrechtler Albert Widmer vom Europäischen Bürgerforum nennt die Zustände in Südspanien »keine unfreiwilligen Nebenerscheinungen, sondern festen Bestandteil des heute weltweit dominierenden agroindustriellen Modells. Nur billigste Saisonarbeiter, ohne Rechte und jederzeit verfügbar, ermöglichen niedrige Erzeugerpreise. Um diese Produktionsform am Leben zu halten, ist es nötig, die verschiedenen Gruppen von Landarbeitern gegeneinander auszuspielen und ein Überangebot an Arbeitskräften – eine Reservearmee – zu schaffen.«102

Für diese Reservearmee hat sich Rewe zur »Verbesserung der sozialen Bedingungen« einfallen lassen, ihnen für drei Monate saubere Unterkünfte zu stellen.103 Das kommt den Konzern günstiger, als dafür zu sorgen, dass die Arbeiter ordentliche Verträge und einen fairen Lohn bekommen, von dem sie eine anständige Unterkunft selbst bezahlen könnten. Damit die Menschen erst gar nicht gezwungen seien, ihr Land zu verlassen, spendet Rewe großzügig an das SOS-Kinderdorf im Senegal104: auf dass es den Kindern dank besserer Schuldbildung einmal besser gehen wird als der Generation ihrer Eltern, die arm sind, weil die Konzerne partout nicht bereit sind, sie für ihre Arbeit zu bezahlen. Sollen das mal andere machen, irgendwann, in der Zukunft, vielleicht.

Dabei liegt es vor allem in der Verantwortung der Handelsketten, dass der Senegal eines der ärmsten Länder der Welt ist: Die europäische Überproduktion an Gemüse und Milchpulver wird auf die afrikanischen Märkte gespült, hochsubventioniert von der EU, wovon abermals Lebensmittel- und Agrarkonzerne profitieren. Auf den Märkten im Senegal und in anderen Entwicklungsländern wird europäisches Gemüse billiger verkauft, als einheimische Bauern es erzeugen können. Das ist ein Grund dafür, warum die Wirtschaft in Ländern wie dem Senegal darniederliegt. Deshalb wird auch den erwachsenen, noch so gut ausgebildeten Senegalesen einmal wenig mehr übrigbleiben, als als »Wirtschaftsflüchtling« im Meer zu ertrinken oder sich als Söldner im Reserveheer des globalisierten Konsumkapitalismus zu verdingen.

Es führt eine direkte Linie von den Ausgebeuteten in den armen Ländern zu den Ausgeschlossenen der westlichen Konsumgesellschaft: die Wohlstandsverlierer der Dritten Welt produzieren Müll für die Wohlstandsverlierer der Ersten.

Die Folgen dieses wirtschaftlichen Weltkriegs sind vielfältig und unendlich, sie haben aber eine wesentliche Ursache: Überproduktion. Ein Viertel des weltweiten Wassers wird verschwendet, der Urwald wird für die immer größer werdenden Anbaufelder gerodet, indigene Völker und Kleinbauern werden vertrieben und in Armut gestürzt. Dort, wo Lebensmittel wachsen müssten, wächst Getreide zur Fütterung von Nutztieren, um den Fleischhunger im Norden mithilfe der Felder im Süden zu stillen: 57 Prozent der weltweiten Getreideernte ist für Tiertröge bestimmt.105 Für Fertigprodukte, die dem Kunden als »Convenience Food« schmackhaft gemacht werden, für Energie, die Flugzeuge, Lkws, Kraftwerke, Fabriken und Landmaschinen antreibt, wird ebenso unverzichtbarer Regenwald zugunsten von Palmölflächen gerodet. In Malaysia und Indonesien ist er bereits so gut wie verschwunden. Die Verschwendung von Lebensmitteln verursacht mindestens 10 Prozent der klimazerstörenden Gase. Weil Landwirtschaft nur noch in Großbetrieben rentabel ist, wachsen auch auf deutschen Feldern hochsubventioniert Energiemais, Elefantengras und Solarzellen – was bedeutet, dass die Lebensmittel, die regional wachsen könnten, importiert werden müssen.

Es ist erstaunlich, wie rasant sich die Idee der Tafeln in der Welt verbreitet. Außer in Europa und den USA gibt es Foodbanks in Ägypten, Argentinien, Australien Brasilien, Ghana, Großbritannien, Guatemala, Indien, Israel, Japan, Jordanien, Kanada, Kolumbien, Marokko, Mexiko, Neuseeland, Phillipinen, Südafrika, Südkorea, Taiwan und Türkei.106 Was allerdings kein Anzeichen dafür ist, dass die weltweite Armut im Begriff ist, abgeschafft zu werden. Im Gegenteil: Mit dem Export der Konsumgesellschaft, die durch Überfluss und Überproduktion gekennzeichnet ist, wächst in armen Kontinenten wie Indien und Afrika die Kluft zwischen Arm und Reich: Extreme Armut und extremer Reichtum nehmen zu. In Indien gibt es mittlerweile eine wohlhabende, gehobene Mittelschicht, die es sich leisten kann, Essen wegzuwerfen, während Landsleute den Hungertod sterben und die Hälfte der indischen Bevölkerung an Unterernährung leidet. Dass die erste Foodbank Indiens ausgerechnet in der fünftgrößten Stadt Indiens, in Chennai, angesiedelt ist, ist kein Zufall: Die Hauptstadt des Bundesstaates Tamil Nadu ist geprägt von Wirtschaftswachstum, viele multinationale Großkonzerne haben dort Produktionsstätten, etwa Daimler, BMW und Nokia. Der Handyhersteller geriet im September 2011 in die Kritik, weil er dort fast nur die Hälfte des existenzsichernden Lohns bezahlt.107 Die trotz Mangel an Belegen von den Wirtschaftsmächtigen hartnäckig verbreitete Theorie des Trickle-down-Effekts scheint sich auch hier allenfalls darin zu zeigen, dass Brosamen nach unten gereicht werden.

Natürlich werden auch die Foodbanks von den üblichen Verdächtigen unterstützt: Danone, Nestlé, PepsiCola, Unilever, Kellogg, Kraft Foods, Procter & Gamble, dem Pharmakonzern Abbott, der US-amerikanischen Fertiglebensmittelproduzenten General Mills sowie dem Agrarrohstoffproduzenten Cargill.108 Cargill (Umsatz: 116 Mrd. US-Dollar) gehört neben ADM und Bunge zu den heimlichen Herrschern des Weltagrarmarkts – die drei kontrollieren ein Drittel des globalen Handels mit Agrarrohstoffen wie Soja, Weizen und Futtermitteln. Mit ihren direkten Kunden, etwa den Lebensmittelmultis Coca Cola, McDonald’s, Kellogg, Kraft Foods, Nestlé und Unilever, beherrschen sie den weltweiten Lebensmittelmarkt. Zusammen sind sie wesentlich mitverantwortlich für den Hunger in der Welt.109 »Cargill. A global force against hunger« lautet der Titel des Magazins Food des Global Foodbanking Network.110 Ob sich da jemand verschrieben hat? Eigentlich müsste es fast heißen: »A global force against the poor«.

Hungerarmut auch in Deutschland

Indem Tafeln diesem Überschuss einen »Sinn« verleihen, erhalten sie das System Konsumgesellschaft, dessen wesentlicher Motor die Verschwendung ist: Sie steht für Fortschritt, Innovation und Zivilisation. Die nie versiegenden Warenströme demonstrieren existenzielle Sicherheit in einer Welt, in der es für eine wachsende Zahl von Menschen immer weniger Sicherheit gibt. Auf gewisse Weise suggerieren auch die Tafeln diese Sicherheit: Mit dem Verteilen des Überschusses wiegen sie die Gesellschaft in dem Glauben, dass in Deutschland keiner hungern müsse. Dabei kaschieren sie geschickt den Skandal der Armut in Deutschland, der für viele bedeutet, dass sie sich von dem wenigen Geld, das ihnen der Staat zukommen lässt, eben nicht ordentlich ernähren können. Das ist besonders fatal, weil die Prominenz der Tafeln verschleiert, dass es Hungerarmut in Deutschland tatsächlich gibt. Bereits Anfang der neunziger Jahre reichte die Sozialhilfe für Lebensmittel im Schnitt nur 19,5 Tage im Monat.111 Es kann davon ausgegangen werden, dass bei vielen Armen Hungerphasen gegen Ende des Monats vorkommen. Für ihr Kapitel »Hunger in der Überflussgesellschaft« in dem von Stefan Selke herausgegebenen Band Kritik der Tafeln in Deutschland. Standortbestimmungen zu einem ambivalenten sozialen Phänomen hat die Arbeits- und Industriesoziologin Sabine Pfeiffer die verschiedenen Untersuchungen ausgewertet, die es zum Essverhalten von Empfängern von Hilfeleistungen gibt. Sie gelangt zu dem Schluss, dass bei Bedürftigen im Extremfall 130 Tage pro Jahr zusammenkommen können, an denen diese hungern oder sich nur schlecht ernähren können. Sogar vor zehn Jahren gaben 70 Prozent der Sozialhilfeempfänger an, beim Essen zu sparen, bei zwei Dritteln reichte das Geld nicht für eine bedarfsgerechte Ernährung. Laut der Daten des Panels Arbeitsmarkt und soziale Sicherung von 2007 verzichtet fast die Hälfte der Hartz-IV-Empfänger auf eine tägliche Mahlzeit. 112 Im selben Jahr verhungerte ein 20-jähriger psychisch kranker Hartz-IV-Empfänger in Speyer. Weil der Sonderschüler keinen angebotenen Ein-Euro-Job annahm und auch nicht den schriftlichen Aufforderungen folgte, wurden ihm die Bezüge erst um 10, dann um 30 Prozent gekürzt, schließlich erhielt er überhaupt kein Geld mehr. Zuvor war der lernbehinderte junge Mann von Sozialamt in einer Reha-Maßnahme betreut worden. Die Sozialhilfe verpflichtet den Träger zur Fürsorge, auch wenn kein Antrag gestellt wurde. Betreuer suchten Menschen zu Hause auf, um sich ein Bild von ihrem Alltag und ihren Problemen zu machen. Das Einzige, was bei Hartz IV ins Haus kommt, sind Schriftstücke mit Drohungen und Aufforderungen. Es gehört zum Prinzip »Fördern und Fordern« des Systems Hartz IV, dass menschliche Schicksale am Schreibtisch verhandelt werden. Wer keinen Antrag stellt, wer seine eigene Bedürftigkeit nicht nachweisen kann, der erhält auch keine Hilfe. »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen«, sagte, wie erwähnt, Franz Müntefering. Der Hartz-IV-Empfänger aus Speyer seine gesellschaftlichen Pflichten erfüllt. Er starb am 15. April 2007 an einem Herz-Kreislauf-versagen, nachdem er seit Monaten keine vernünftige Nahrung mehr zu sich genommen hatte.113

Wie das »Wirtschaftswunder Tafel« die Armut verdeckt

Nach zwei Stunden fährt Dimitri, die Ladefläche nur zu einem Viertel voll, ein wenig enttäuscht zum Großmarkt. An der Rampe einer Lagerhalle, in der die Großmarktverwaltung der Münchner Tafel Raum zur Verfügung stellt, parken weitere Lieferwagen mit dem aufgedruckten blauen Corporate Design der Münchner Tafel. Hier werden die Waren abermals sortiert, Kartonagen und Folien weggeworfen und Biomüll entsorgt. Dann werden die Lebensmittel auf die Lieferwagen verteilt. Die Ausbeute ist heute mager. Einige der ehrenamtlichen Frauen steuern die Großmarkthallen an und hoffen darauf, dass sie übrig gebliebene Ware von den Händlern geschenkt bekommen. Den meisten sind die Damen mit den dunkelblauen geblümten Schürzen schon bekannt, »Schürzenjäger« werden sie genannt. Langsam schlendern sie durch die Hallengänge, fragen mal hier und dort. Nicht überall sind sie willkommen, manchmal ernten sie auf ihre freundliche Nachfrage nur ein unwirsches Kopfschütteln. Eine der Frauen sagt, es gebe zwei Sorten von Händlern: diejenigen, die gern die guten übrig gebliebenen Sachen spenden, und andere, die nicht einsehen, dass Menschen Essen gratis bekommen sollten: »Die sollen arbeiten gehen wie wir auch«, heiße es dann.

An der Rampe stehen Paletten mit Obst und frischem Gemüse vom Großmarkt und Zentnersäcke Kartoffeln und Karotten. Regelmäßig kauft die Münchner Tafel Letzteres zu, wenn günstig große Mengen haltbarer Ware oder Gemüse angeboten werden. Damit werden die eingesammelten Waren ergänzt, wenn, wie an diesem Tag, nicht genügend zusammenkommt, um die Münchner Bedürftigen ausreichend zu versorgen. Charly**** war selbst einmal Tafelkunde, jetzt ist der stille Mittfünfziger als Fahrer und Lagerarbeiter angestellt.

Er zieht einen Palettenwagen Vorräte aus dem Kühlraum: Fertignudelgerichte, Konservendosen, Tütensuppen, Kekse, Babynahrungsmittel, Kaffeemixgetränke. Routiniert verteilen die Ehrenamtlichen die Sachen auf die Lieferwagen, und schon kurz darauf macht sich der Hilfskonvoi auf den Weg in die Krisengebiete Münchens. Mit der steigenden Armut mussten sich die Tafeln professionalisieren. Um jeden Tag eine Million Deutsche mit Lebensmitteln zu versorgen, brauchen sie jeweils die Logistik eines mittelständischen Unternehmens.

Mit dem Erfolg der Tafeln mehrte sich aber auch die Kritik. Stefan Selke ist Soziologieprofessor an der Universität Furtwangen.114 Er ist der Erste, der sich in Forschungsprojekten mit den Tafeln beschäftigt hat. Es dürfte kaum jemanden geben, der sich damit besser auskennt als er. Denn Selke, vor einigen Jahren selbst arbeitslos, hat sich ihnen nicht nur aus wissenschaftlicher Perspektive genähert: Er hat ein Jahr lang selbst als Ehrenamtlicher bei verschiedenen Tafeln mitgearbeitet. Anfangs war auch Selke begeistert von der Idee, während der Arbeit für die Tafeln jedoch wuchsen seine Zweifel an der »karitativen Schattenökonomie«. Seine Beobachtungen hat er in einem Buch festgehalten: Fast ganz unten. Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird.115 Selke sagt: »Eine soziale Bewegung muss ein Ziel haben. Wenn das Ziel die Beseitigung von Armut ist, müssten die Tafeln an ihrer Abschaffung arbeiten.«

Doch anstatt sich überflüssig zu machen, arbeiten die Tafeln an ihrer Etablierung. Jede Erweiterung der Tätigkeit, jede Neueröffnung, jeder neue Lieferwagen müsste ein Skandal sein, legen sie doch nahe, dass sich die Tafeln von einem der beiden Hauptziele, nämlich die Armut zu bekämpfen, immer weiter entfernt haben. Stattdessen feiern sie ihre Professionalisierung als Erfolg. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen Ehrenamtliche und großzügige Sponsoren sowie ökonomische Größen und die Anzahl der Fahrzeuge. Wahrgenommen werden neu geschaffene Arbeitsplätze, die Fläche der Lagerhallen, die Zahl der Tonnen eingesammelter Lebensmittel, aufwändige Spendenaktionen mit Supermärkten. Für jede Neueröffnung, für jedes Jubiläum lassen sich die Organisatoren der Tafeln von Gesellschaft und Politik auf die Schultern klopfen. »So wird Hilfe zum Selbstzweck. Die Ursachen der Armut stehen dann nicht mehr im Mittelpunkt«, kritisiert Selke.

Weniger die Bedürftigen kommen in den Medien vor oder die Schande, dass in einem reichen Land wie Deutschland Menschen auf Essensspenden angewiesen sind. Sondern Fotos mit strahlenden Ehrenamtlichen vor Gemüsebergen, Unternehmensvertreter, die überdimensionierte Schecks aus Pappe überreichen, und Politiker, die nur zu gern die Schirmherrschaft übernehmen. Berlins Oberbürgermeister Klaus Wowereit (SPD) etwa, der die Bürger Berlins lieber qua einer Wette dazu herausfordert, 50 Tonnen Lebensmittel für die Tafeln zu spenden, anstatt mit politischen Mitteln die Schere zwischen Arm und Reich zu bekämpfen, die in seiner Stadt immer größer wird.116

Solche Beispiele machen Schule: Fünf Wochen vor dem 17. Bundestafeltreffen im Mai 2011 in Kassel ging auch Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) eine Wette mit Gerd Häuser ein, dem Bundesvorsitzenden der Tafel: Der Schirmherr der Veranstaltung wettete, dass die Kasseler bis zum Treffen der Ehrenamtlichen mindestens elf Tonnen haltbare Lebensmittel wie Reis, Nudeln, Kaffeepulver, Babynahrung oder Konserven für die Tafel spenden würden. 37 Tonnen kamen schließlich zusammen. Sie wurden nach der Konferenz an der öffentlichen »Langen Tafel« ausgegeben, die der Verband bereits als Tradition feiert. »Der Zusammenhalt in unserer Stadt ist sehr groß. Es überrascht mich, dass das Ergebnis der Stadtwette um mehr als den Faktor drei übertroffen wurde«, freute sich Hilgen.117

Dabei kann in Sachen Armut von gesellschaftlichem Zusammenhalt keine Rede sein. Was die meisten Deutschen wirklich denken, spürt man, wenn man etwa das Wort »Arme« durch »Arbeitslose« oder »Hartz IV-Empfänger« ersetzt. Dann verwandelt sich Mitgefühl schnell in Schuldzuweisung. Das belegt auch die Studie »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit«: Danach sind 52,7 Prozent überzeugt, dass die meisten Langzeitarbeitslosen nicht wirklich daran interessiert sind, einen Job zu finden.118

Zu ihrem 15. Geburtstag ließ die Münchner Tafel einen Bildband drucken. Die Armen, so scheint es nach Lektüre dieses »Making Of«, spielen vor allem eine Statistenrolle im Ehrenamts-Blockbuster. Auf den Fotos sieht man tapfer lächelnde Tafelbesucher, die sich von freundlichen Tafelmitarbeitern die Taschen füllen lassen. Die notdürftig improvisierten Transportmittel, klapprige, mit Tüten überladene Kinderwagen und von Expandern zusammengehaltene Obstkisten auf Trolleys, erscheinen hier weniger als augenfälliger Beleg für Mittellosigkeit und Verzweiflung, sondern als ästhetische Objekte, die das Bilderbuch zieren. Pittoreske Armut, Carl Spitzweg und sein »armer Poet« lassen grüßen. Es sind solche Darstellungen, die Selke im Kopf hat, wenn er sagt: »Armut ist dann kein Skandal mehr, sondern bei den Tafeln gut aufgehoben.«

Die Tafeln und die Politik

Im Vorwort lobt auch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) die Arbeit der Tafeln als eine »nicht mehr wegzudenkende Säule des sozialen Lebens in München und des sozialen Friedens in der Stadt«. Frieden vor allem für diejenigen, die (noch) nicht zum stetig wachsenden Heer der Armen gehören. Selbst in der reichen Stadt München sind 13,4 Prozent der Menschen von Armut betroffen und auf Hilfe angewiesen.119

Wenn Politiker die Tafeln als »unverzichtbar« loben, kann man das zugleich als Bankrotterklärung der Politik verstehen. Denn deren Aufgabe wäre es, soziale Gerechtigkeit zu garantieren. Doch stattdessen spendieren Stadtobere lieber Kartonpressen, stellen Gebäude zur Verfügung, lassen Gehwege für die Ausgabestellen sperren, subventionieren Arbeitsplätze oder spenden den Tafeln Geld. In manchen Gemeinden gründen Bürgermeister sogar selbst Tafeln; in Aachen wurde die Gründung vom Leiter des Sozialamts angeregt. In Leipzig haben die Tafeln, so Stephan Lorenz, ganze Gebäudekomplexe von Architekturbüros für sich ausbauen lassen – unterstützt mit öffentlichem Geld. Gleichzeitig aber hat die Stadt Leipzig über Jahre hinweg den Hartz IV-Empfängern zu wenig Mietzuschüsse bezahlt.120 Und in Nürnberg, so Tafelbundesvorstand Gerhard Häuser, hat die Stadt der Tafel ein Haus überlassen. Dafür zahlt die Tafel zwar Miete, doch einen Teil davon bekommt sie als Spende zurück.121 An einer Ausgabestelle der Münchner Tafel regt sich eine alleinerziehende Mutter über genau solche Mauscheleien auf. »Wieso gibt unser Bürgermeister das Geld den Tafeln? Wenn Geld da ist – warum gibt er das nicht uns? Warum fragt uns niemand, was wir wirklich brauchen?«, fragt die müde wirkendende Mittvierzigerin, die ihrer Tochter beim besten Willen keine neuen Turnschuhe für den Sportunterricht kaufen kann. Ihre Nachbarin, eine gepflegte Frau gleichen Alters, ebenfalls alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin, ärgert sich derweil über den zurechtweisenden Tonfall in einem Brief vom Arbeitsamt: Man hat ihr einen lächerlichen Betrag zu viel überwiesen, elf Euro, die sie nicht postwendend zurückgegeben habe. »Man wird behandelt wie eine Kriminelle«, sagt sie. Die Frau, die nicht weiß, von welchem Geld sie die kaputte Waschmaschine ersetzen soll, fügt an: »Wissen Sie, Armut ist ein Spießrutenlauf. Da kommt man nicht mehr raus.«

Auf eine Anfrage der Linken im Bundestag hin bezeichnete die Bundesregierung 2006 die Tafeln als »herausragendes Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement«.122 Die Regierung ging davon aus, dass durch die Tafeln »Menschen geholfen wird, die über die staatliche Sozialpolitik nur unzureichend erreicht werden«. Die Tafeln seien aus diesem Grund »eine wichtige Ergänzung der vorhandenen staatlichen Hilfen«. So kaschiert die Politik ihr eigenes Versagen; bürgerliches Engagement zu fördern soll den Abbau von Sozialleistungen wettmachen. Mit Gesetzen wie dem »zur weiteren Stärkung des bürgerlichen Engagements« entledigt sich die Politik ihrer ureigenen Aufgabe, Teilhabe so, wie sie im Grundgesetz steht, politisch zu garantieren.

»Es ist ein großes Glück, dass es die Tafeln gibt. Die Tafelbewegung ist ein wunderbares Beispiel für bürgerschaftliches Engagement«, schwärmt Katrin Göring-Eckardt, Grünen-Politikerin und Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, in einem Essay in Stephan Lorenz’ Buch Tafelgesellschaft: »Tafeln sind Antworten auf das zunehmende Problem von Armut. (…) Aber welche Menschen sind überhaupt angewiesen auf die Tafeln? Menschen, die in eine soziale Notlage geraten sind, die einfach weniger Chancen im Leben hatten als andere.«123 Könnten das eventuell dieselben sein, die von der rot-grünen Bundesregierung mit Einführung der Hartz-Gesetze in ausweglose Armut gestürzt wurden? Und hat nicht Göring-Eckardt die Agenda 2010 mitbeschlossen, jenes »Konglomerat zur umfassenden Zerstörung aller sozialen Sicherungen und Rechte der Menschen in Deutschland«, wie die ehemalige Grüne Jutta Ditfurth in ihrem Buch Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die Grünen schreibt?124 Aber gewiss doch. »Daher sind Tafeln auch Orte der Mahnung. Sie zwingen uns, hinzusehen und die Schwächsten unserer Gesellschaft nicht aus dem Blick zu verlieren. Sie sind auch Mahnung, Politik für die zu machen, die keine starke Lobby haben«, so Göring-Eckardt. Jedenfalls haben sie keine Lobby bei der neuen Elitepartei der Grünen, die ihre Wähler mittlerweile aus der gehobenen Mittelschicht rekrutiert. In einer Erklärung der damaligen Regierungspartei hieß es 2003: »Die Gesetzesentwürfe Hartz III und IV im Rahmen der Agenda 2010 sehen wir durchaus kritisch. Dennoch stimmen wir dem Gesetzespaket zu. (Es) werden viele andere Bezieher (…) von Arbeitslosenhilfe erhebliche Einkommenseinbußen erleiden. Das müssen wir leider in Kauf nehmen.«125 Leider, leider. Es tut uns selbst ja am meisten weh!

Zwar kritisiert der Bundesverband der Tafeln, der Mitglied im Deutschen paritätischen Wohlfahrtsverband ist, in Pressemitteilungen immer wieder derartige politische Entscheidungen und plädiert außerdem für einen Mindestlohn. Doch gleichzeitig schrieb Gerd Häuser anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Bundesvorstands im Jubiläumsheft: »Wir würden uns wünschen, dass wir von der Politik als notwendiger Teil unseres Sozialsystems anerkannt und die entsprechende Unterstützung erhalten würden.«126

Ein fatales Signal: Schon jetzt bekommen Bedürftige in Sozialämtern wortlos Zettel mit der Anschrift der örtlichen Tafel in die Hand gedrückt anstatt genügend Geld, um ein Leben in Würde zu führen. Im September 2011 wies das Sozialgericht Mannheim die Auffassung der Stadt Heidelberg zurück, die Asylbewerbern die Sozialleistungen kürzen wollte, weil sich diese ja kostenlos bei der Heidelberger Tafel versorgen könnten.127 Die Stadt Heidelberg hat gegen den Beschluss Beschwerde beim Landessozialgericht Baden-Württemberg eingelegt. 2005 regte die Stadt Bochum an, Hartz-IV-Beziehern, die die Tafeln nutzen, ihre Bezüge zu kürzen, weil Sachleistungen auf den Hilfebedarf angerechnet werden müssten. Diese Äußerung des Leiters der Bezirksverwaltung Wattenscheid in einem Fernsehinterview sorgte für Empörung. Wie kann man den Armen nicht mal die geschenkte Butter auf dem Brot aus dem Müll gönnen? Schnell beschwichtigten Politiker und Verwaltung: Natürlich würden Tafelspenden nicht auf die Hilfen angerechnet, der Mann habe Quatsch erzählt. Dabei hat er aber auf etwas Wesentliches hingewiesen: nämlich darauf, dass Verteilungsgerechtigkeit Sache des Staates ist und nicht die Sache Freiwilliger werden darf, die willkürlich Care-Pakete schnüren. Man habe schließlich kein Sozialsystem wie in Amerika, sagte er ebenfalls im Interview.128

Auf solche Kritik reagieren die Tafeln überaus empfindlich. Bundesvorstand Gerd Häuser sagt dann etwa: »Hauptaufgabe der Tafeln ist es nicht, Politik zu machen. Politik machen die Politiker. Wir wollen keine Partei werden.« Oder: »So lange die Tafeln da sind, gibt es schlechtes Gewissen. Deswegen sind die Politiker ja auch so freundlich zu uns.«

Vor allem aber profitiert die Politik noch auf ein ganz andere Art und Weise von den Tafeln: Rund zehn Prozent der dort Beschäftigten sind Ein-Euro-Jobber. Ohne sie könnten die Tafeln den logistischen Aufwand gar nicht bewältigen. »Der Einsatz der staatlich subventionierten Billigjobber bei den Tafeln trägt dazu bei, die Arbeitslosenstatistik zu schönen und gleichzeitig die schlimmsten Folgen der politisch intendierten Armut einzuhegen«, schreibt Luise Molling in Lorenz’ Band Tafelgesellschaft.129

Stephan Lorenz sagt: »Die Tafeln sagen zwar, sie sind politisch. Aber es wird weiterhin nur gesammelt und verteilt. Nach fast zwanzig Jahren fragt man sich schon: Wo bleibt denn die politische Initiative? Kommt die noch?«

Es ist ein Problem der Tafeln, dass sie sowohl die Anerkennung der Politik als auch die der Konzerne suchen. Das sorgt nicht eben für die nötige Distanz, um Kritik an beiden üben zu können. »Wenn man sich selbst als Teil der Sozialpolitik versteht, dann kann man das nicht mehr als Protest bezeichnen«, meint Lorenz. So würden sich die Tafeln eher mit den Unternehmen und den Vertretern der herrschenden Sozialpolitik gemein machen, als Solidarität mit den Armen zu üben. Dabei wäre es durchaus möglich (und auch sinnvoll), wenn die Tafeln zu einer politischen Stimme würden. Das findet auch die Gründerin der Berliner Tafel, Sabine Werth, die sich selbst als größte Kritikerin der Tafeln bezeichnet. Doch selbst ihre Kritik wird beim Bundesverband nicht gern gehört.

Wenn man Sabine Werth besucht, geht man durch die Halle des Berliner Großmarkts. Wüsste man nicht, dass hier die Lebensmittel für die Tafeln sortiert werden, könnte man denken, es sei ein normaler Gemüsegroßhandel, so gigantisch sind die Dimensionen der Essensverteilung in der Hauptstadt. Palettenwagen fahren zwischen den endlosen Türmen von Gemüsekisten, Dutzende Helfer sortieren hier die Ware. Durch ein Treppenhaus, dessen Wände tapeziert sind mit unzähligen symbolischen Pappschecks von Banken, Handelsketten und Unternehmen, gelangt man schließlich in Werths Büro. Sabine Werth ist Sozialpädagogin, neben ihrer Tätigkeit als Tafelchefin betreibt sie die Familienpflege Werth, in der Mütter und Kinder in schwierigen Situationen Unterstützung im Haushalt bekommen. Für ihre Arbeit bei den Tafeln hat Werth bereits das Bundesverdienstkreuz und das Verdienstkreuz des Landes Berlin bekommen.

1993, »Lichtjahre vor Hartz IV«, gründete Werth die Berliner Tafel, nachdem sie bei einem Vortrag von der New Yorker Organisation »City Harvest« gehört hatte, die übrig gebliebenes Essen an Obdachlose verteilte. Nach diesem Vorbild gründete sie damals die Tafel, um die Obdachlosen Berlins zu versorgen, die durch alle sozialen Netze gefallen waren. Sie wehrt sich deshalb gegen das Argument, die Tafeln seien für Hartz-IV-Empfänger ins Leben gerufen worden. Heute, wo diese sich zu einer großen Anzahl über die Tafeln versorgen müssen, sieht auch Werth, die etwa für ein bedingungsloses Grundeinkommen plädiert, die Pflicht der Tafeln in politischem Engagement: »Wir sind 877 Tafeln in Deutschland, das ist doch nicht mehr irgendwas. Wir müssen uns unserer Macht bewusst werden. Die Politik muss wissen, dass wir gefährlich sein können – gerade weil wir so eine große Anerkennung haben. Aber einen Umschwung der Tafeln in Richtung Politik sehe ich überhaupt nicht.« Sie kritisiert ebenfalls den Bundesverband: »Wir brauchen endlich ein offizielles Tafelstatement, das wir in einer Gruppe schon entwickelt haben, was von allen Landesverbänden noch verabschiedet werden muss. Da steht zum Beispiel eindeutig drin, dass sich die Tafeln politisch verhalten müssen. Damit stehen wir allein auf weiter Flur.«

Warum also nicht die große Menge der Menschen, die sich an den Tafeln begegnen, zum Protest mobilisieren? 877 Tafeln, eine Million Besucher, 50 000 Ehrenamtliche, Sozialverbände wie die Caritas, die Träger von beinahe der Hälfte der Tafeln ist – an Potenzial mangelt es nicht. Doch darauf angesprochen, reagiert Häuser entrüstet: »Wir können doch nicht sagen: wenn du nicht protestierst, dann kriegst du nichts zu essen. Mich würde es ja schon freuen, wenn unsere Kunden mal wählen gingen. Menschen, die um ihre tägliche Existenz kämpfen, haben doch gar keine Lust zu demonstrieren. Meinen Sie, eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern hat noch großartig Lust, auf die Straße zu gehen?«

Das allerdings müsste man schon die alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern selbst fragen. Offenbar tut das aber keiner. Das zeigt, wie weit die Tafeln vom Alltag und dem Bewusstsein der Menschen entfernt sind, die sie zu vertreten vorgeben. Armut bedeutet neben dem gesellschaftlichen immer auch einen politischen Ausschluss. Zu sagen, die Armen würden gar nicht demonstrieren wollen, ist nicht nur bevormundend, sondern treibt diesen Ausschluss weiter voran.

Kritik unerwünscht

Wann immer sie kritisiert werden, halten die Tafeln die tolle Arbeit der Ehrenamtlichen und die praktische Hilfe – »Wir tun was!« – wie einen Schutzschild hoch. Häuser beschreibt das »Wunder der Tafeln« – geht’s noch größer? – damit, dass diese das Zusammentreffen der Gesellschaftsschichten organisieren. Doch von einem Treffen auf Augenhöhe kann kaum die Rede sein, schließlich verabredet sich der ehrenamtlich engagierte, pensionierte Richter mit dem Hartz-IV-Empfänger nicht zum Kaffee. Die Rollen sind klar verteilt: Es gibt die, die nehmen, und die, die geben. Dass die Ehrenamtlichen ihr Selbstbewusstsein daraus ziehen, auf der richtigen Seite der Tafel zu stehen, merkt man daran, wie beleidigt sie auf Kritik reagieren. Die Ehrenamtlichen, sagt Werth deshalb, die könne man nicht politisieren. Sobald man das täte, sähen diese ihre Arbeit infrage gestellt. »Wenn ich eine knallharte politische Aussage mache, gelte ich als Nestbeschmutzerin. Das geht ganz schnell. Dabei könnten wir viel mehr erreichen, wenn es diese Empfindlichkeiten nicht gäbe.«

Von Wirtschaft über Politik erfährt das ehrenamtliche Engagement der Tafeln Anerkennung. Kritik trifft deshalb zuallererst auf Empörung. Der Soziologe Stefan Selke wird in den Medien vor allem als »Tafelkritiker« wahrgenommen. In Talkshows wie etwa bei »Anne Will« wird ihm meist die Rolle des ewigen Nörglers zugewiesen, der »die größte soziale Bewegung unserer Zeit« madig machen möchte und die ehrenamtliche Arbeit derer diffamiert, die »wenigstens etwas tun«. In der Tafelszene gilt Selke als Feind – dabei ist er der bislang Einzige, der Gegner und Befürworter zu Diskussionen zusammen bringen möchte. Zu diesem Zweck hat Selke das »Tafel-Forum«130 ins Leben gerufen, eine Diskussionsplattform im Internet, und das erste Tafelsymposion veranstaltet, zu dem sowohl Kritiker als auch Ehrenamtliche geladen waren. In einem Gastbeitrag im evangelischen Magazin Chrismon bezeichnete Selke die Tafeln als »Pannendienst der Gesellschaft«, weil sie, statt Armut zu bekämpfen, »lediglich helfen, die Armut zu bewältigen«. In der nächsten Ausgabe rückte Herrmann Gröhe (CDU), Staatsminister der Bundeskanzlerin und Herausgeber von Chrismon, Selkes Kritik wieder gerade: »Die Armut in unserem Land darf nicht nur mit Rechtsansprüchen auf staatliche Leistungen bekämpft werden – so notwendig diese als Grundlage bleiben.«131 Selkes Stellungnahme dazu wiederum wurde nie abgedruckt.

»Tafeln sind Teil des ideologischen Wandels der Betrachtung von Armut«, sagt der Soziologe. »Sie sind im Begriff, Prototyp der neuen Freiwilligengesellschaft zu werden.« In einer solchen würden einklagbare Rechtsansprüche schleichend durch eine unverbindliche Almosenökonomie ersetzt. Barmherzigkeit statt Bürgerrechte. Der Philosoph Peter Sloterdijk, der 2009 in seiner höchst elitären Kampfschrift »die Revolution der gebenden Hand« (FAZ) forderte, ließ sich gar zu der Behauptung hinreißen, bürokratischer Geldtransfer sei »kalte Hilfe«, die den Menschen Stolz und Würde nehme. Die freiwillige und barmherzige Gabe des Wohlhabenden gebe den Empfangenden jedoch deren Würde zurück. 132

In der Wochenzeitung Die Zeit warb auch Ulrich Greiner dafür, Ungleichheit als gesellschaftliche Tatsache zu akzeptieren. In seinem Essay mit dem bemerkenswerten Titel »Die Würde der Armut. Warum wir nicht mehr von Gleichheit reden sollten« schreibt er: »Man muss sich darüber im Klaren sein, dass seine [des Staates] Fürsorge, deren Ausmaß, historisch gesehen, einzigartig ist, Armut und Deprivation zwar gemildert, aber niemals beseitigt hat.«133 Weswegen selbstverständlich der Sozialstaat »an seine Grenzen gerät«. Neoliberale Apokalyptiker wie Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt, Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, Ex-BDI-Präsident Hans Olaf Henkel, der rechtskonservative Historiker Arnulf Baring oder SPD-Rechtspopulist Thilo Sarrazin haben diese Legende in den vergangenen zehn Jahren so oft wiederholt, dass »der Sozialstaat« mittlerweile als das eigentliche Problem gilt und nur dessen Abschaffung als Lösung. Neu allerdings ist, dass die Zerstörung des Sozialstaats nun sogar noch moralisch verbrämt wird: Er bedrohe Barmherzigkeit und Humanität. »Die Verrechnungslogik des Sozialstaats, die keine konkreten Menschen kennt, sondern nur abstrakte Geber und Nehmer, beschädigt den ursprünglich humanitären Impuls. An seine Stelle tritt der Rechtsanspruch des Staatsbürgers«, schreibt Greiner und preist die neue »Würde der Armut« als kollektive Grundlage dafür, künftig Almosen ohne schlechtes Gewissen empfangen zu können.

Letzter Ausweg Suppenküche

Carola Wagner*****, 42, und Saskia Fischer*, 36, jedenfalls können nichts Würdevolles daran finden, jeden Mittwoch selbst bei Schnee und Regen an der Ausgabestelle der Tafel in ihrem Münchner Stadtteil zu stehen. Die beiden Frauen haben ihre Einkaufstaschen in einiger Entfernung, immer aber in Sichtweite abgestellt. Sie plaudern, als hätten sie sich zufällig auf der Straße getroffen. Tische und Lieferwagen werden hier auf dem Gehweg aufgebaut, die Nutzer sind den neugierigen Blicken der Menschen im Viertel ausgeliefert.

Und auch dem der Medien: Diese Ausgabestelle ist so eine Art Showroom der Münchner Tafel, Fernsehteams sind oft zu Gast, nicht selten zum Missfallen der Nutzer – sie haben Angst, erkannt zu werden. Doch hier auf dem Gehweg ist die Tafel eine öffentliche Veranstaltung, die Fernsehteams brauchen die Nutzer nicht um Erlaubnis zu fragen. So dienen sie abermals als Statisten, wenn es in menschelnden Fernsehbeiträgen wieder darum geht, das Ehrenamt zu loben.

Nicht alle Fernsehteams haben die besten Absichten: Laut dem Sprecher des Tafelbundesverbands würden in der Berliner Zentrale immer wieder Privatsender anrufen, die bei den Tafeln Protagonisten für ihre menschenverachtenden Reality-Formate suchen, in denen Bedürftige als verwahrloste und lebensunfähige Lachfiguren dargestellt werden. Selbstverständlich würde man niemanden vermitteln, sagt der Tafelbundesverband. Dass die Menschenfänger dann eben etwas entfernt um die Ecke Tafelkunden abpassen und sie mit Geld in ihre Schmuddelsendungen locken, das sei nicht zu verhindern.

Auch Carola Wagner und Saskia Fischer sagen, dass sie es nicht gern sehen, wenn Fernsehteams kommen. Sie haben große Angst, hier entdeckt zu werden. »Wir haben uns schon überlegt, ob wir Kopftücher aufsetzen sollen«, sagt Fischer, der man die Armut nicht ansähe, stünde sie nicht hier. Die Ausgabestelle ist in der Nähe der Schule ihres Sohnes gelegen. »Wenn die Mitschüler oder deren Eltern das mitbekommen, dann wird mein Kind in der Schule gemobbt.« Wie bei Elisabeth Müller weiß auch in ihrer Familie niemand, wie schlecht es wirklich um sie steht. Ähnlich Saskia Fischer: »Mein Bruder verachtet Menschen, die hier stehen, als Schmarotzer.« Immer wieder schaut sie sich nervös um.

»Fünf Anläufe hat es gebraucht, bis ich mich wirklich getraut habe, hierherzukommen. Ich bin immer wieder umgekehrt, als ich die Schlange gesehen habe. Bis es nicht mehr ging«, sagt Fischer. Die 36-Jährige hat zwei Kinder; krankheitsbedingt musste ihr Mann seinen Job aufgeben und ist nun arbeitslos. Sie selbst ist ausgebildete Bürokauffrau, doch ihr Gehalt ist so niedrig, dass sie mit Hartz IV »aufstocken« muss. Saskia Fischer, die von ihrer Firma so wenig Geld bekommt, dass sie zur Tafel gehen muss, hat vor allem Angst, dass ihr Chef sie entdecken könnte: »Wenn der das rauskriegt, bin ich sofort gefeuert.« Wenn ein Arbeitskollege anruft und sagt, er wolle etwas vorbeibringen, macht sich Fischer lieber sofort selbst auf den Weg ins Büro. Niemand soll wissen, wo sie wohnt. Zwar lebt die Familie in einem ganz normalen Hochhaus. Doch »Hochhaus« bezeichnet heute nicht mehr eine Behausung, sondern minderwertige Lebensverhältnisse. »Hochhaus« ist eine Diagnose – genauso wie der Name Kevin.134

Rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland sind, wie Fischer, sogenannte »Aufstocker«. Sie müssen Hartz IV in Anspruch nehmen, obwohl sie arbeiten, weil das Geld, das sie verdienen, nicht zum Leben reicht. Jeder fünfte »Aufstocker« hat sogar einen Vollzeitjob. Auf diesem Wege subventioniert der Staat die Niedriglohnpolitik der Unternehmen, die umso mehr Profit machen, je weniger sie ihren Beschäftigten zahlen.

Ein arbeitspolitischer Skandal, verdeckt durch die zur allgemeinen Überzeugung geratene Auffassung, Hartz-IV-Empfänger seien Schmarotzer auf Kosten der »Leistungsträger«.

Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in einer Studie herausgefunden, dass die meisten Aufstocker überdurchschnittlich motiviert seien und bereit, sogar länger zu arbeiten. 60 Prozent der Aufstocker hätten angegeben, auch dann gerne zu arbeiten, wenn sie nicht auf den Lohn angewiesen wären. Mindestens 4,5 Millionen Arbeitslose seien bemüht, eine reguläre Stelle zu finden.135 Wie Carola Wagner, die blasse, zierliche Frau, die in ihrer Winterjacke fast verschwindet. Seit dreizehn Jahren ist sie alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, sie hat sogar zwei Ausbildungen, eine zur Steuerfachgehilfin und eine zur Hauswirtschafterin. Sie klingt entschieden und ehrgeizig, wenn sie von ihrem Traum erzählt, als Familienhelferin zu arbeiten. Doch dafür bräuchte sie ein Diplom zur Sozialpädagogin, sagt das Amt. Jetzt möchte sich Wagner selbstständig und dafür ihren Meister in Hauswirtschaft machen. Aber auch das will ihr die Arbeitsagentur verwehren: Sie müsse dem Amt fünf Tage die Woche zur Verfügung stehen – für unbezahlte Fulltime-Praktika und Ein-Euro-Jobs etwa. Das kann man genauso gut Zwangsarbeit nennen. »Ich bin immer mehr davon überzeugt, dass es gar nicht erwünscht ist, dass Leute wieder in reguläre Jobs kommen«, sagt Wagner. Als sie einer Sachbearbeiterin von ihrem Wunsch erzählte, sich selbstständig machen zu wollen, lachte diese sie aus: »Das schaffen sie doch sowieso nicht. Ein Hartz-IV-Empfänger braucht solche Gedanken gar nicht zu haben.« Es war einer von vielen Abenden, an denen Wagner erschöpft in ihrer Wohnung saß und weinte. Sie sagt: »Wenn ich wirklich einfach nur auf dem Sofa sitzen und nichts tun würde, dann ging es mir vielleicht besser. Sobald man wirklich arbeiten will, geht die Hölle richtig los.«

Und trotzdem hat sich Carola Wagner einen Platz in der Meisterschule erkämpft, den sie aus ihrem Regelsatz selbst bezahlt, weil sich das Amt noch immer weigert, die Kosten zu übernehmen. Trotzdem macht sie, mit 42, das nächste körperlich anstrengende Praktikum in einer Großküche und freut sich darüber, wenn sie eine Gelegenheit bekommt, ihren Vortrag über Sparen im Haushalt zu halten. Trotzdem berät Wagner ehrenamtlich in Not geratene Menschen bei ihren Finanzen – und muss selbst an der Tafel stehen, weil alle Sparsamkeit nichts nutzt. Was für eine gigantische Verschwendung von Energie und Arbeitskraft! Man fragt sich, woher Wagner, woher all diese Menschen, die versuchen, wieder ein selbstbestimmtes Erwerbsleben zu führen, und statt Unterstützung nur Demütigung erfahren, die Kraft nehmen, weiterzumachen.

Die ersten Male, sagt Wagner, habe sie geweint, wenn sie von der Tafel zurückkam. Auch sie sei zuvor, wie ihre Freundin Saskia, immer wieder umgekehrt. Ein Ehrenamtlicher habe sie schließlich überredet und gesagt: »Es ist keine Schande für Sie, sondern für die Gesellschaft.« Jetzt bringt sie jedes Mal eine Thermoskanne Tee für die Ehrenamtlichen mit, »damit ich wenigstens das Gefühl habe, ich kann etwas zurückgeben.«

Beide Frauen sagen, dass sie hier nicht stehen mögen. Beide sagen auch, dass sie dankbar sind für das Angebot. Wagner kann von dem Geld, dass sie gespart hat, den Teil der Miete bezahlen, den das Amt nicht übernimmt – sie fürchtet, dass sie sonst mit den Töchtern in eine kleinere Wohnung in einem schlechter gestellten Stadtteil umziehen müsste.

»Die Tafel hat mir meine Gesundheit wiedergegeben«, sagt Fischer. Sie habe bereits Bluthochdruck bekommen von der ständigen Sorge, wie sie den nächsten Tag überleben sollte, unlängst habe ihre Ärztin außerdem Burn-out diagnostiziert; ihr Sohn habe in der schweren Zeit Asthma bekommen. Jetzt sei wenigstens wieder »Luft zum Atmen«. Jetzt könne sie dem Kind neue Kleidung kaufen, »und zwar bei C&A und nicht das billige Zeug von Kik oder Gebrauchtes.« Und wenn es gut gehe, selten zwar, seien auch einmal 10 Euro fürs Kino drin. Der letzte Film, den Saskia Fischer gesehen hat, war Erwin Wagenhofers Dokumentarfilm über die Finanzkrise Let’s make Money.

Es ist ein Anspruch der Tafeln: Sie wollen, laut Bundesverband, ein Zusatzangebot offerieren, um finanzielle Freiräume zu schaffen. So können die Tafeln zwar akut die Not lindern, an die Ursachen strukturell bedingter Armut rühren sie jedoch nicht.

Dadurch, dass die Tafeln mehr und mehr versuchen, Versorgungslücken zu schließen, legitimieren sie vielmehr den Rückzug des Sozialstaats. Die flächendeckende Verbreitung von Tafeln, sagt Selke, erzeuge das Bild eines scheinbar gelösten Problems, »völlig konträr zur sozialen und politischen Realität«. Mit dem Lob der Tafeln spare der Staat »mit wenig Aufwand und ein bisschen Rhetorik viel Geld – und gibt es anderer Stelle aus.«

Warum die Wirtschaftselite die Tafelidee propagiert

Genau das dürfte auch ein wesentlicher Grund sein, weshalb sich Unternehmen bei der Tafel engagieren: Sie sind am Erhalt einer Wirtschaftsstruktur interessiert, die ihren Profit sichert. Dazu gehört ganz wesentlich der Abbau von Arbeitnehmerrechten, der wiederum die Armut zementiert. Die Münchner Tafel hat unter ihren Sponsoren auch die Molkerei Alois Müller, die ihre Milchbauern unter massiven Preisdruck setzt. Sie kündigte mehreren hundert in ihrer Existenz bedrohten Bauern, die gegen die Ausbeutung protestierten, schlicht den Abnahmevertrag. Vor einigen Jahren sackte das Unternehmen 70 Millionen Euro staatlicher Subventionen für die Schaffung von 148 Arbeitsplätzen ein, während es mit zwei Werksschließungen für 165 Arbeitslose sorgte.136 Mit etwas Glück bekommen diese nun einen abgelaufenen Joghurt bei einer Tafel geschenkt. Auch die steuerliche Begünstigung der Unternehmen zum Schaden des Sozialstaats mehrt die Armut: Zwischen 2000 und 2005 sind die Gewinne von Unternehmen und die Einkommen aus Vermögen in Deutschland um 31 Prozent gestiegen; die darauf gezahlten Steuern hingegen sind um rund 10 Prozent gesunken.137 Zu den Hauptsponsoren der Tafeln in Deutschland gehört auch Mercedes Benz. Der Autokonzern spendiert der Tafel (Motto: »Für die gute Sache geben wir unser Bestes: unsere Fahrzeuge«) gelegentlich Lieferwagen, was grundsätzlich für Presseecho sorgt. Dabei hatte Jürgen Schrempp, von 1995 bis 2005 Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG und der Daimler-Chrysler AG (heute Daimler AG) und entschiedener Vertreter des Shareholder-Value, einmal stolz erklärt, dass Daimler-Chrysler keine Steuern mehr bezahle.138 Der Rückgang der gezahlten Unternehmenssteuern geht einher mit dem Zuwachs an Dividendenausschüttungen. Dabei wären Unternehmenssteuern die einzige Möglichkeit, die Gesellschaft an den Gewinnen teilhaben zu lassen. Gerade weil Unternehmen dazu nicht verpflichtet werden, steigt der Bedarf an Tafeln, sprich: die Armut, stetig an.

Es überrascht kaum, dass ausgerechnet die am Shareholder-Value orientierte Unternehmensberatung McKinsey, die mit der Zerschlagung von Firmen und durch Massenentlassungen ungezählte Menschen in die ausweglose Armut getrieben hat, als erster Berater der Tafeln fungierte. Die Unternehmensberatung, deren Direktor Peter Kraljic neben Vertretern von Deutscher Bank, Daimler-Chrysler und Volkswagen in der Hartz-Kommission saß, schuf in einem zweijährigen Projekt ein Organisationsmodell für die Tafeln, das diesen schließlich half, sich zu einem hochprofessionellen Non-Profit-Franchise-Modell zu profilieren. Gleich zwei Publikationen, die für die Öffentlichkeit nicht einsehbar sind, verfasste McKinsey für die Tafeln: das Handbuch zur Gründung und das Handbuch zum Betrieb einer Tafel.139 Damit möchte der Bundesverband heute nicht mehr in Verbindung gebracht werden: Auf Anfrage heißt es, dass man die Bücher schon seit Jahren nicht mehr benutze und die allermeisten Tafeln diese gar nicht mehr kennen würden.

»Erst der Abbau von Sozialstaatlichkeit hat diejenigen Räume geschaffen, in denen sich Unternehmen nun über ein explizites, ein freiwilliges und über die gesetzlichen Regelungen hinaus gehendes gesellschaftliches Engagement ein gutes Image verschaffen können«, schreibt die Professorin für Wirtschaftssoziologie Stefanie Hiß im Sammelband Tafelgesellschaft.140 Mit der Unterstützung der Tafeln wollten Unternehmen eben auch zeigen, dass privat organisierte Hilfeleistung Armut mildern kann. Der Begriff unternehmerischer Verantwortung, auch »Corporate Social Responsibilty« (CSR) genannt, begann seine Karriere etwa gleichzeitig mit dem schleichenden Sozialabbau Mitte der neunziger Jahre. Mit der »CSR« ist untrennbar die Rede von der »Win-win-Situation« verbunden. Doch vor allem die Unternehmen profitieren von ihrem Engagement bei den Tafeln. Nicht nur, dass die Müll spendenden Handelsketten sich die Entsorgungskosten sparen – sie verdienen richtig Geld damit. Die Rewe Group wiederholt beispielsweise regelmäßig die bundesweite Aktion »Kauf eins mehr für die Tafel«, im Zuge derer die Kunden angehalten werden, haltbare Lebensmittel wie Kaffeepulver, Mehl, Nudeln, Reis, Zucker, Konserven oder Drogerieprodukte zu kaufen und für die Tafel zu spenden. In manchen Märkten packten die Supermarktmitarbeiter gleich selber Tüten, die sie für fünf Euro verkauften. Weihnachten 2010 verkündete der Handelskonzern per Pressemitteilung: »Rewe- und Toom-Märkte spenden Waren im Wert von 1,2 Millionen Euro.«141 Allerding haben einzig und allein die wohlwollenden Kunden, die die Tafelspenden gekauft hatten, den Großteil, eine Million Euro, bezahlt. Für die Waren im Wert von 200 000 Euro, die Rewe mit generöser Geste dazu packte142, gab es immerhin eine Spendenquittung der Tafeln. Steuern sparen, Umsatz machen und noch gute Presse in der Lokalzeitung bekommen – das ist sogar eine Win-win-win-Situation. Kein Wunder, dass andere Handelskonzerne diesem Beispiel nur zu gerne folgen. So rief auch Lidl im Mai 2011 seine Kunden zu einer »Spendenwoche« auf.143 Dass ausgerechnet Lidl zu den Hauptsponsoren gehört, ist beinahe zynisch: Der Konzern hat sich, was die Behandlung und Bezahlung seiner Mitarbeiter angeht, nicht eben mit Ruhm bekleckert – abgesehen davon, dass Lidl, wie alle Discounter und Handelsketten, von Dumpingpreisen und katastrophalen Arbeitsbedingungen in armen Ländern profitiert. Mit Aktionen wie etwa der »Pfandspende« lässt sich das Image jedoch bestens wieder zurechtrücken: So konnten Kunden wählen, ob sie das Pfand vom Rücknahmeautomat einsacken oder lieber der Tafel spenden wollten. Selbstredend haben weniger die Pfandspender als vielmehr Lidl Ruhm und Ehre dafür eingestrichen.

Eine Blacklist aber gibt es bei keiner Tafel. Bundesvorstand Häuser muss lange überlegen, wenn man fragt, ob es Unternehmen gäbe, mit denen man sich eine Zusammenarbeit nicht vorstellen könne. »Also Sachen mit Alkoholwerbung drauf würden wir nicht nehmen. Und Kriegsspiele würde ich auch nicht fördern, die sollen ihre Millionen alleine machen.« Gut, dass man Kriegsspielzeug nicht essen kann. Er sagt weiter: »Wir sind nie in Lidl reingegangen, um Lidl zu missionieren. Es wird eine kapitalistische Welt bleiben. Wir werden weder die Welt noch die Einkaufspolitik ändern können. Aber wir haben die Lidl-Kunden sensibiliert.« Selbst Sabine Werth, die Gründerin der Tafel in Berlin gibt zähneknirschend zu: »Unternehmenskritik in großem Stil können wir uns nicht leisten. Sonst bekommen wir keine Ware mehr.«

Der ehemalige Metro-Vorstandschef Chef Hans-Joachim Körber konstatiert, dass soziales Wirtschaften nicht die »Domäne von langhaarigen Weltverbessern mit rot-weiß-kariertem Palästinensertuch, sondern von nüchtern kalkulierenden Managern« sei.144 Es sind dieselben Argumente, die stets von der Wirtschaftselite hervorgebracht werden, wenn es um Privatisierung geht. Wenn sich mit den Armen Geld verdienen lässt, gibt sich jedes noch so unsozial wirtschaftende Unternehmen als Anwalt der Armen. Ebenso wie sich Unternehmen bereits zu Umweltengeln wandelten, seit sie gewittert haben, dass man sich mit Nachhaltigkeitsbehauptungen einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Social- und Greenwashing funktionieren identisch: Beides soll dazu beitragen, die Unternehmen aus der Schusslinie zu bringen und gesetzliche Auflagen – etwa angemessene Unternehmenssteuern und verbriefte Arbeitnehmerrechte – zu verhindern, die den Profit schmälern könnten. Dass sich Unternehmen entsprechend öffentlichkeitswirksam sozial engagieren, soll außerdem belegen, dass »die Wirtschaft« allein in der Lage ist, die »Changemaker« und »Innovationen« hervorzubringen und Probleme »kreativ« zu lösen.

Die Beseitigung von Armut bedarf allerdings ziemlich wenig Kreativität oder Innovation: Sie ist ganz einfach eine Frage der Verteilung. »Kreative Lösungen« zur Armutsbekämpfung dagegen geraten schnell zur Geschmacklosigkeit. Kurz vor dem Weihnachtsfest 2009 ließen sich die Kreativen der Werbeagentur Leo Burnett (Motto: »Big ideas come out of big pencils«) in Frankfurt eine besonders schöne Bescherung einfallen. Schon lange klagte die Frankfurter Tafel, dass sie die Pfandsammler nicht erreiche, sprich: diejenigen, die sich ein wenig Selbstbestimmung dadurch erhalten, dass sie in Glascontainern und Mülleimern nach Pfandflaschen suchen, die sie in den Supermärkten gegen Bares eintauschen. Aber Geld kann man doch nicht essen – dachte sich womöglich Leo Burnett. Also ließ die Agentur Plastikflaschen herstellen, auf denen statt eines Getränkeetiketts ein Aufkleber prangte mit den Worten: »Gegen Abgabe dieser Flasche erhalten Sie eine Tüte mit Lebensmitteln«; der Gutschein war einzulösen bei den Ausgabestellen der Tafel. Damit wollte man den Pfandsammlern »die Scheu davor nehmen, sich helfen zu lassen«.145 Das erklärte Kreativdirektor Hans Jürgen Kämmerer treuherzig, der die Idee zu der Aktion hatte: »Wir haben jetzt die ersten Flaschen hier am Hauptbahnhof verteilt und sogar schon einige Sammler beobachten können, die welche von unseren Modellen rausgefischt haben. Am Bahnhof sind die meisten von ihnen unterwegs, aber in den nächsten Wochen werden wir das Ganze noch ausweiten und auch die Gegenden um die anderen großen Stationen in der Innenstadt mit unseren Flaschen ›bestücken‹.«

Diese sensationelle Instinktlosigkeit traf auf große Begeisterung innerhalb der Werbeszene: Leo Burnett erhielt statt Kritik den Medialöwen in Bronze verliehen, einen internationalen Preis für gute Werbeideen. »Wir freuen uns, dass die hochkarätige Mediajury unsere Idee mit einem Löwen ausgezeichnet hat. Wir hatten gerade in diese Kategorie Hoffnungen gesetzt, denn die zentrale Idee der Arbeit für die Frankfurter Tafel ist in der Tat eine Mediaidee: Wie erreicht man Menschen, die durch Werbung normalerweise nicht erreichbar sind? Diese Aufgabenstellung hat unser Team sehr kreativ gelöst«, sagte Andreas Pauli von Leo Burnett in seiner Dankesrede. Die »trojanischen Flaschen« (die negative Konnotation des Begriffs »trojanisch« scheint niemandem aufgefallen zu sein) seien für die Frankfurter Tafel ein großer Erfolg gewesen. Alle Zeitungen hätten – meist positiv – über die Aktion berichtet, auch Regionalfernsehen und -radio »halfen, die Armut wieder zu einem Thema in den Köpfen der Menschen zu machen«. Und so jubelte der Branchendienst Ströer: »Mit einem Null-Euro-Budget konnte eine Berichterstattung im Gegenwert von 90 315 Euro erzielt werden.«146

Schön, wenn die Armut anderer so viel Geld wert ist. Ob die Pfandsammler tatsächlich das Angebot wahrnahmen, an den Tafeln Müll gegen Müll zu tauschen, darüber wurde nirgends berichtet. Und gefragt hat sie auch keiner: Denn gefragt werden die Nutzer grundsätzlich nicht.

Ausschluss der Ausgeschlossenen

Eine groß angelegte Befragung der Tafel-Nutzer hat es in fast 20 Jahren bis heute nicht gegeben. Wie zufrieden die Menschen mit dem Service sind, ob sie sich gut und gerecht behandelt fühlen, ob sie die postulierte »gelebte Solidarität« spüren, ob ihnen die Tafeln tatsächlich einen finanziellen Freiraum schaffen, der ihnen wiederum gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht, und ob sie überhaupt etwas anfangen können mit dem Angebot an Waren: das hat die Nutzer niemand gefragt. Die einseitige Betonung des gesellschaftlichen Engagements der Ehrenamtlichen lässt erst gar nicht den Verdacht aufkommen, dass es womöglich auch bei den Tafeln alles andere als gerecht zugeht. Schließlich ist es ja gut gemeint.

Dass die Tafeln mit Verteilungsgerechtigkeit nichts zu tun haben, lässt sich allerdings allein schon an den Zahlen ablesen: Die Tafeln erreichen nicht einmal zehn Prozent der Bedürftigen. Mehr als elf Millionen Menschen leben in Deutschland unter oder nahe an der Armutsgrenze – aber nur eine Million hat Zugang zu Tafeln, die keine flächendeckende Versorgung gewährleisten können. Prinzipiell kann jeder, sofern er sich den acht Tafelgrundsätzen verpflichtet, eine Tafel eröffnen. So kommt es, dass die Versorgungsdichte in reichen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bayern besonders hoch ist, während es in den neuen Bundesländern, wo wiederum der Bedarf besonders hoch wäre, kaum Tafeln gibt.

Im Büro der Münchner Tafel hängt ein Stadtplan, übersät von Stecknadeln mit kleinen Fähnchen in unterschiedlichen Farben. Die Tafel versorgt in München nicht nur Bedürftige an den 24 Ausgabestellen, sondern auch mehr als 85 soziale Einrichtungen sowie Schulen mit Lebensmitteln. Und trotzdem erreicht die Tafel auch hier nur knappe zehn Prozent der Bedürftigen. Das Büro der Münchner Tafel befindet sich im denkmalgeschützten Kontorhaus auf dem Großmarktgelände. Im Eingang prangt ein Messingschild aus alter Zeit: »Betteln und Hausieren verboten«. Tatsächlich, erzählt die Gründerin Hannelore Kiethe, komme es vor, dass Menschen so hungrig und verzweifelt vor der Tür stünden, dass sie diese erst einmal zu den Kollegen im Lagerraum schicken müsse, wo sie sofort etwas zu essen bekommen. »Die wissen nicht mehr, wovon sie leben sollen, man kann sich das gar nicht vorstellen. Das sind nicht wenige, selbst in der reichen Stadt München«, sagt Hannelore Kiethe. Sie sagt das mit echter Empörung. Froh sei sie, dass sie diesen Menschen wirklich helfen könne. Es ist ihr ein Anliegen, doch trotz guten Willens und bei aller Professionalität sind zehn Prozent das Limit: »Wir können nicht alle Bedürftigen versorgen. Klar sind die zehn Prozent, die wir erreichen, nicht befriedigend. Aber wir sagen: Wir tun was, und die, die wir erreichen, die haben halt das Glück gehabt. Die anderen müssen leider so klarkommen. Natürlich würde ich am liebsten alle aufnehmen.«

Härtefälle, sagt Kiethe schnell, würden natürlich sofort versorgt – entsprechend der ursprünglichen Idee der Tafeln. Doch längst sind es keine Härtfälle mehr, also etwa Obdachlose, sondern Bürger, die so tief in die Armut gerutscht sind, dass sie auf Essensausgaben, Suppenküchen und Kleiderkammern angewiesen sind. Immer neue Leute möchten die Tafeln nutzen, die Wartelisten sind lang, aber nur wenige haben die Chance nachzurücken – denn Armut ist heute bei den Allermeisten keine Episode, sondern Dauerzustand. Jeden Tag stehen an den Ausgabestellen Menschen, die ihre Scham überwunden haben und auf Hilfe hoffen. Gebeugt und mit erschöpften Gesichtern, aufgerissene Kuverts mit Amtsbescheiden in der Hand, so stehen sie da und warten, bis sie vorsprechen dürfen. Manche von ihnen haben bereits Taschen dabei, beobachten aufmerksam die Schlange, in der die Menschen ihre Tüten gefüllt bekommen.

Doch für die meisten gibt es nur einen Platz auf der Warteliste. Sie sind die Ausgeschlossenen unter den Ausgeschlossenen. Auch in der sogenannten Unterschicht gibt es Klassenunterschiede. So gern die Tafel helfen will, sie verstärkt diese Ungerechtigkeit, anstatt sie zu beseitigen. Denn einen Anspruch auf Versorgung bei den Tafeln besteht nicht: »Wir sind kein Amt, wir leisten freiwillig Hilfe. Wir bemühen uns sehr – aber einen Anspruch darauf gibt es nicht. Man muss zu uns kommen und um Hilfe bitten«, sagt Kiethe.

So liegt es im Ermessen der Tafelverantwortlichen, wer ihre Hilfe in Anspruch nehmen darf und wer nicht. Und teilweise auch, wie diese Hilfe organisiert wird. So hat die Münchner Tafel den Anspruch, ihren Nutzern eine Art Vollversorgung zu bieten. »Zukauf« ist den im Bundesverband organisierten Tafeln eigentlich verboten, soll es doch um das Verteilen überschüssiger Ware gehen. Doch die Münchner Tafel gehört keinem Verbund an. »Wir wissen heute, dass ganz viele Menschen, die wirklich schlecht dran sind, von unseren Lebensmitteln leben, die wir jede Woche ausgeben. Es ist unser Anliegen, sie so zu versorgen, dass sie gut über die Woche kommen. Wir wollen unsere Arbeit ordentlich machen«, sagt Kiethe. Der Ehrgeiz, die Menschen komplett zu versorgen, hat aber auch eine Kehrseite: Zum einen drängt es die Nutzer noch mehr in die Passivität der Empfangenden, wenn ihnen suggeriert wird, dass sie alles Nötige bei den Tafeln bekommen. Zum anderen reden die Tafeln auf diese Weise einer Bedarfsgerechtigkeit das Wort, innerhalb derer nicht die Bedürftigen bestimmen, was sie brauchen, sondern ihre »Versorger«. In München haben ebenjene entschieden: zur Grundversorgung, wie früher im Krieg, gehören Kartoffeln, dazu Karotten, Äpfel und Brot.

Das würde Paul Nolte gut gefallen. Der gab im SZ-Interview zu bedenken, dass die Unterschicht nicht immer nur Pommes und Burger essen solle, auch Äpfel und Karotten schmeckten gut.147 Zwiebeln, erklärt eine Ehrenamtliche, gehörten nicht dazu, die seien schließlich nicht lebensnotwendig. Und wenn die Ausbeute mager ist, dann dürfen die Armen auch mal geschenkte Dosensuppen und Fertignudelgerichte essen, obwohl sie im Normalfall von der Gesellschaft dafür gescholten würden. Übrigens auch bei den Tafeln: Die Leute heute hätten ja verlernt, anständig zu kochen, die gäben ihr ganzes Geld für teure Fertiggerichte aus und wunderten sich dann! Früher, so redet sich eine Ehrenamtliche in Rage, hätte man ja auch kein Geld gehabt und eben Gemüse eingekocht. Auf die Frage, ob denn Fertiggerichte, die von den Tafeln verteilt werden, besser seien, entgegnet sie empört: »Das ist ja wohl ein Unterschied.« Natürlich. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.

Aber was ist denn nun gerechter: Nicht zuzukaufen und das wenige nur als Ergänzung so gleichmäßig wie möglich auf viele zu verteilen? Oder weniger Leuten eine Art Vollversorgung zu bieten? Die Frage lässt sich nicht beantworten. Zumal es die vermeintliche Vollversorgung nur so lange gibt, wie der Vorrat reicht. »Die Idee der Tafeln bricht an dem Punkt, wo es um Ansprüche oder Rechte geht. Der Anspruch, etwas zu machen, was notwendig ist, beißt sich mit der Freiwilligkeit. Denn wenn man zu der Erkenntnis gelangt ist, dass die Menschen von der Hilfe abhängig sind, muss man sich dafür einsetzen, dass sie ein Recht darauf haben«, sagt Stephan Lorenz.

Die einzige Gerechtigkeit, die Tafeln organisieren können, besteht darin, den Ablauf möglichst fair zu gestalten. Weil es nur begrenzte Mengen von Lebensmitteln gibt und entsprechend diejenigen das Nachsehen haben, die hinten in der Schlange stehen, beginnen die Ausgaben immer mit einer anderen Ausweisnummer. Trotzdem gibt es gelegentlich ein würdeloses Gerangel in der Schlange. Denn hundertprozentig verlassen kann man sich nicht darauf, dass die Tüte am Ende voll ist. Die Münchner Tafeln sind stolz, dass eine Bäckerei ihnen extra frisches Brot bäckt. Ein Ehrenamtlicher, er verteilt an einer Ausgabestelle das Brot, sagt, manche Bedürftige hätten schon zu weinen begonnen, weil kein Brot mehr da gewesen sei. Manche halten diese Tränen für Selbstmitleid: »Jetzt haben die doch schon so viel Geld gespart – können die sich nicht einfach das Brot selbst kaufen?« Es sei ein Problem, sagt der Soziologe Stefan Selke, der bei seinen Recherchen ähnliche Szenen erlebt hat, dass die Tafeln mit dem ständigen Bemühen, Fehlendes zu ersetzen, Ansprüche wecken, mit denen sie dann nicht umgehen können. Nörgelei der »Kunden« ist bei den Tafeln überhaupt nicht gern gesehen. Im Zweifel werden Begehrlichkeiten als blanke Gier gewertet. An einem der Tage mit schlechterer Ausbeute murmelt eine der Ehrenamtlichen etwas zu laut, um überhört zu werden: »Es ist mal ganz gut, dass es wenig gibt heute. Die werden ja langsam gierig.« Eine andere Frau, die bei den Tafeln arbeitet, ist ebenfalls der Meinung, dass Bedürftige »sehr schnell verwöhnt« würden. Verwöhnen heißt: Sie bekommen manchmal Fleisch. Oder eine Packung Duschgel. Dann seien sie enttäuscht, wenn es so etwas beim nächsten Mal nicht mehr gibt. Sie selbst habe einmal auf der anderen Seite der Tafel gestanden. Sie wäre damals, wie sie erzählt, ohne Lebensmittelspenden nicht über die Runden gekommen. Doch das ist offenbar schnell vergessen, steht man endlich wieder auf der »richtigen« Seite. Mit ihrer festen Stelle bei der Tafel hat sich die Frau einen regelrechten Kasernenhofton zugelegt: »Wer frech wird, fliegt raus. Da kenn ich nix.« Sie erwähnt nicht ohne Stolz, dass sie Ausweise von Bedürftigen schon wochenlang habe sperren lassen.

Die Disziplinierung der Armen

Die Ansicht, Arme müssten, gemäß des Agenda-2010-Ansatzes »Fördern und fordern«, diszipliniert werden, findet sich in gewisser Weise auch bei den Tafeln. Dort macht man Hilfe vom richtigen Verhalten abhängig. Schlechtes Benehmen wird sanktioniert. Wer die Ehrenamtlichen nicht gut behandelt, wer zu laut auf seine (nicht vorhandenen) Rechte pocht oder mehrmals unentschuldigt fehlt, dem wird die Zugangsberechtigung entzogen. Spätestens wenn sich Ehrenamtliche zu Freizeitpädagogen aufschwingen, kommt das Hierarchiegefälle, zwischen den beiden Seiten der Tafel wieder deutlich zum Vorschein. »Wir nennen die Leute Gäste und nicht Kunden. Und ›Gäste‹ beinhaltet: Sie sind bei uns willkommen, müssen sich aber auch entsprechend benehmen. Und wer sich als Gast schlecht aufführt, dem darf man auch sagen: Bitte kommen Sie nicht mehr«, sagt Kiethe und beschreibt unfreiwillig sinnfällig die düstere Seite des strahlenden Ehrenamts und der Freiwilligkeit: Die Menschen werden in »gute« und »schlechte« Arme unterteilt – Armut wird moralisiert. Es gibt Opfer, und es gibt Schmarotzer. So reproduziert und zementiert die Tafel die gesellschaftlichen Machtverhältnisse von oben und unten, von drinnen und draußen. Tafeln sind die philantropisierte Version von: Wer zahlt, schafft an.

Apropos anschaffen: Die Tafel in Darmstadt hat ein Hausverbot gegen Prostituierte eines nahe gelegenen Straßenstrichs verhängt. »Das ist eine bestimmte Klientel, die wir nicht wollen«, begründete die Leiterin Doris Kappel diesen Schritt in der Frankfurter Rundschau. Die Frauen, die Hartz IV beziehen, durften dort nicht mehr zu Mittag essen, weil sie Zuhälter und Freier anzögen und sich auf den Toiletten frisch machten. Es sei, so eine Tafelmitarbeiterin, unzumutbar, dass Mütter und Kinder mit Freiern und Prostituierten (also: die guten mit den schlechten Armen) zu Mittag essen sollen.148 Eine andere Tafel in einer bayrischen Kleinstadt wiederum erteilte einem Besucher Hausverbot, weil er einen Teil seines Essens, das er dort geholt hatte, an diejenigen verschenkte, die nicht so viel abbekommen hatten. Wer gibt und wer nimmt, ist schließlich Sache der Tafeln.

Es ist kein Zufall, dass es die meisten Tafeln nicht dort gibt, wo die Armut besonders groß, sondern wo die Kluft zwischen Arm und Reich besonders tief ist: Meist sind es die Wohlhabenden, diejenigen, die von den ungerechten Strukturen profitieren, die mit der Gründung und dem Betrieb einer Tafel »etwas zurückgeben« möchten.

Auf dem Hof der Kirche im Münchner Osten ist die Ausgabestelle fertig aufgebaut. Etwas erschöpft lächeln die Ehrenamtlichen, die schon seit gut drei Stunden aussortiert, aufgeladen und Stände aufgebaut haben. In wenigen Minuten wird sich die Schlange, die sich schon seit einer Stunde vor der Einfahrt gebildet hat, in Bewegung setzen. Ein schwarz glänzendes Oberklasseauto braust an der Schlange vorbei und parkt direkt neben den Biertischen, eine feine Dame steigt aus. Gabriela Schultz trägt eine dunkelblaue Steppjacke, Jeans, Lederstiefel und ein Seidenhalstuch. Ihre große Sonnenbrille hat sie ins blonde Haar geschoben. Schultz ist im Vorstand der Münchner Tafel, außerdem ist sie verantwortlich für diese Ausgabestelle. Aber eher sieht sie so aus, als wolle sie gleich in der Maximilianstraße shoppen gehen. Viele Ehrenamtliche stammen aus der sogenannten ersten Gesellschaft. So auch Tafelgründerin Hannelore Kiethe, deren Mann eine große Anwaltskanzlei mit Sitz in München, Brüssel und Berlin führt. Kiethe hat ihren Beruf aufgegeben, als sie Kinder bekam, jetzt sind ihre Söhne erwachsen und aus dem Haus. Also widmet sie sich voll ihrem Ehrenamt: eine Frauenkarriere, wie sie nur in höheren Gesellschaftskreisen möglich ist. Ehrenamtliches Engagement gehört dort zum guten Ton. Mit der selbst formulierten Pflicht zur Mildtätigkeit legitimiert die Elite nicht zuletzt ihren privilegierten Status, denn schließlich gibt sie ja »etwas ab«.

Natürlich nützt den Tafeln der gesellschaftliche Status ihrer Betreiberinnen ganz praktisch: Die verfügen nämlich über beste Kontakte zur Wirtschaftselite und in die Politik. Sie haben es leichter als andere soziale Initiativen, Sponsoren und Spender zu finden. Sogar Erbschaften hat die Münchner Tafel schon bekommen, großzügige Spenden einer Tombola des Golfclubs und Lieferwagen, die der Rotary Club gespendet hat – sein Symbol prangt nun auf der Außenseite der Fahrzeuge. Und natürlich verbessert die enorme öffentliche Anerkennung den Status der Ehefrauen: Sie sind in diesem Fall selbst Unternehmerinnen, ja: Geschäftsführerinnen von erfolgreichen mittelständischen Unternehmen. Ganz ähnlich wie ihre Männer. Ihren 15. Geburtstag feierte die Münchner Tafel entsprechend großzügig: Die Stadt stellte den Rathaussaal für eine Ausstellung zur Verfügung, der Kulturreferent hielt eine Rede, weil, so Kiethe, »unsere Arbeit wertgeschätzt wird als Arbeit für die Stadt München«. Gefeiert wurde mit 500 Gästen: Den Mitarbeitern, Ehrenamtlichen und den Sponsoren spendierten Bayerische Landesbank – »ja, ja, die böse, böse Bayerische Landesbank, da kann man mal sehen« (Kiethe) – und Credit Suisse München ein großes Buffet.

Die Armen selbst waren zu dieser Feier nicht geladen. Aber für die sind 15 Jahre Tafel eher kein Grund zum Feiern.

Die Ideologie der herrschenden Klasse findet heute ihren Ausdruck in den Tafeln, wo die Brosamen der Bourgeosie an die Armen verteilt werden, als seien wir wieder im 19. Jahrhundert. »Wir hier oben kümmern uns um euch da unten und sagen euch, wie ihr als ordentliche Mittel- und Unterschichtsangehörige leben solltet. Die Frauen leben die Beziehungen, die die von ihnen vorgestellte Gesellschaftsordnung impliziert. Schließlich ist es für die Aufrechterhaltung der hierarchisch gegliederten Gesellschaft nützlich, wenn Menschen, die in der Hierarchie unten stehen, keinen Grund haben, unzufrieden zu sein«, beschreibt Tomke Böhnisch die Intention wohlhabender Frauen, sich ehrenamtlich zu engagieren, in ihrem Buch Gattinnen. Die Frauen der Elite.149 Spricht man nämlich die Damen darauf an, ob es nicht wesentlich sinnvoller wäre, die Strukturen so zu ändern, dass es keine Tafeln mehr geben muss – indem man etwa eine angemessene Reichensteuersteuer einführt –, schauen manche so konsterniert, als hätte man gerade die Gründung stalinistischer Umerziehungslager vorgeschlagen: »Aber ich bitte Sie – der Staat tut doch wirklich genug für die Leute, mehr geht eben einfach nicht.« Solche Antworten bekommt man dann. Politisch äußern will sich die Münchner Tafel deshalb ausdrücklich nicht, das steht sogar in ihrer Satzung.

Dankbarkeit als Währung

Auch Elisabeth Müller kommt heute wieder zum »Einkaufen«. Sie trägt denselben blassrosafarbenen Anorak, Tochter Klara immer noch die schwarze Hose mit Loch am Knie. Zwei ihre kleineren Kinder sitzen im Fahrradanhänger. Gabriele Schultz strahlt, als sie die Familie entdeckt. »Alleinerziehende und Rentner«, sagt Schultz, »die liegen mir besonders am Herzen.« Es sind diejenigen, die offenkundig am wenigsten »falsch gemacht« haben, es sind die »guten« Opfer, die »würdigen Armen«, denen man gern seine Hilfe zukommen lässt. Schulz eilt zu ihrem Auto und verteilt vor den Augen der anderen Eltern kleine Geschenke an die Kinder von Frau Müller. Elisabeth Müller ist der Liebling aller Ehrenamtlichen an der Ausgabestelle: »Eine tolle Frau. So ein Schicksal, aber sie jammert nie! Sie lächelt immer!«, sagt ein Ehrenamtlicher über die ehemalige Ärztin. Dabei hätte sie Grund zur Beschwerde genug. Doch darüber, dass Frau Müller nicht klagt, sondern die erwartete Gegenleistung Dankbarkeit erbringt, freut sich ihr Gegenüber so sehr, dass ihm gar nicht auffällt, wie müde ihr Lächeln manchmal ist. Gebetsmühlenartig wiederholen die Tafelbeschäftigten, dass sie ja nicht nur Lebensmittel verteilten, sondern auch stets ein »offenes Ohr« für die Sorgen ihrer Gäste hätten. Gewiss findet sich manchmal ein bisschen Zeit zum Plaudern. Meistens jedoch schiebt sich die Schlange der Menschen so schnell voran, dass für mehr als »Hallo«, »Wie geht es Ihnen« und »Auf Wiedersehen« gar keine Zeit ist.

Vor allem aber sorgt persönliches und individuelles Engagement bei den Nutzern für Unmut. Die Münchner Tafel hat zum Beispiel organisiert, dass die Johanniter Gehbehinderte und alte Menschen mit ihren Taschen nach Hause fahren. Prompt riefen andere Nutzer im Büro an und fragten, ob sie ihre Ware auch nach Hause geliefert bekommen könnten. An einigen Ausgabestellen stellen die Ehrenamtlichen, bevor der Ansturm losgeht, Kisten für diejenigen zusammen, die nicht kommen können, weil sie krank sind. Eine liebevolle, eine aufmerksame Geste – die bei anderen jedoch für Neid sorgt. An einer Ausgabestelle steht eine Migrantin in der Schlange, sie sieht sehr erschöpft aus. Eine Ehrenamtliche spricht sie an: »Ist alles in Ordnung bei Ihnen?« Aus der Frau platzt es heraus: Ihre Ein-Euro-Arbeitsstelle liegt so weit entfernt, dass sie oft zu spät zur Tafel kommt und deswegen weniger bekommt als die anderen. »Andere bekommen eine Kiste gepackt, warum bekomme ich das nicht, ihr wisst das doch?« keift sie, den Tränen nahe, die erschrockene Ehrenamtliche an. Natürlich möchte man sich als Freiwilliger, der jede Woche auch bei Schnee, Regen und Eiseskälte stundenlang harte Arbeit für die Bedürftigen leistet, nicht auch noch anpfeifen lassen. Das ahnt vermutlich auch die Ein-Euro-Jobberin. Doch ihre Verletzung, nach einem Tag voller Demütigungen gerade dort benachteiligt zu werden, wo es Zuspruch und Gerechtigkeit geben soll, wiegt einfach schwerer.

Der »Kontakt auf Augenhöhe« zwischen den Schichten ist vermutlich der größte Mythos, den die Tafeln verbreiten. Die Ehrenamtlichen solidarisieren sich eben nicht mit den Armen – sie geben ihnen Essen. Wenn sie Dinge sagen wie »wir sind wie eine Familie«, dann meinen sie ihr Verhältnis zu den anderen Ehrenamtlichen. Nicht zu den Bedürftigen. Für viele Ehrenamtliche sind die Tafeln eher Orte der Selbstverwirklichung: Die regelmäßige Arbeit bei den Tafeln strukturiert auch ihren Alltag. Außerdem ist das Engagement dort vergleichsweise harmlos und einfach: Man muss sich nicht von hoffnungslosen Obdachlosen, Drogenabhängigen oder kriminellen Jugendlichen runterziehen lassen, sondern leistet »Hilfe, die ankommt«. Nämlich in den Einkaufstaschen Bedürftiger. »Demonstratives Helfen«, nennt Selke die Tafelarbeit deshalb. Ehrenamtliche bei der Tafel haben mit Leuten zu tun, die auf ihrer Augenhöhe sein könnten, die ihnen prinzipiell ähnlich sind, aber einfach Pech hatten. Gut möglich, dass viele sich durch ihre Tafelarbeit selbst versichern, noch auf der richtigen Seite des Tisches zu stehen. Denn die Rolle zwischen den Gebenden und Nehmenden ist klar: Die eine stehen vor, die anderen hinter der Tafel. Tafelnutzer sind, um einen Begriff des Soziologen Georg Simmel zu verwenden, »Objekte der Fürsorge«. Die dürfen dankbar dafür sein, dass ihnen so selbstlos geholfen wird. Es gibt durchaus einen Grund dafür, dass die Bedürftigen es geheim halten, wenn sie zur Tafel gehen, während die Ehrenamtlichen ihre Arbeit stolz in die Welt posaunen.

Auch Elisabeth Müller ist heute dankbar. Sie hat das Schnäppchen des Tages gemacht und freut sich über eine Kiste angematschter Tomaten, die sie zufällig unter einem der Tafeltische entdeckte. Die Ehrenamtlichen haben sie dort aufgehoben. Für alle Fälle. Frau Müller wird daraus Tomatensoße kochen und einfrieren. Für noch schlechtere Zeiten.

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