»Barmherzigkeit ist endlich – Business ist unbegrenzt.«
Muhammad Yunus323
7. Die Privatisierung der Weltrettung
Social Business oder Profite mit den Ärmsten
»Don’t wait. Innovate!«, steht auf den Fahnen, die im eisigen Aprilwind vor der Universität Potsdam flattern. Drei Tage lang soll der Campus Griebnitzsee zum »Vision Campus« werden; hier findet der vierte »Vision Summit« statt, das weltgrößte Forum für Soziales Unternehmertum. Das Taxi rollt über den voll besetzten Parkplatz zum Eingang. »Wat is’n hier los, wenn man fragen darf?«, fragt der Fahrer. »Ein Kongress für Sozialunternehmer«, sage ich. »Aha. Wat soll dit sein?« – »Hier zeigt die Wirtschaft, wie sie mit sozialen Ideen Geld verdienen will.« Der Mann lacht: »Ne, wat’n Quatsch. Soziales kostet Geld, da kannste doch keen Geld mit verdienen!« Volkes Stimme.
Aber was weiß schon das Volk? Zum Glück werden in den nächsten Tagen nur noch Experten sprechen, von denen jeder einzelne Visionen haben wird, und Unternehmer, die sich für einen Kapitalismus mit Herz engagieren. Denn das ist soziales Unternehmertum: Kapitalismus mit Herz. »Social Entrepreneurship« heißt: Gesellschaftliche Probleme wie Armut sollen nicht mehr von der Politik gelöst werden, sondern von Unternehmen. Soziales Unternehmertum wird derzeit als Paradigmenwechsel der Wirtschaft gefeiert. Und die Fürsprecher und Vordenker des »Social Entrepreneurship« sparen nicht an schönen Worten: »Ob Zugang zu Trinkwasser, zu Energie in den armen Ländern oder soziale Probleme bei uns: Sie lassen sich viel öfter, als wir denken, auf wirtschaftlich tragfähige und nachhaltige Weise lösen. Und zwar jenseits von Charity, jenseits von Hilfszuweisungen durch den Sozialstaat.« Das sagt etwa Peter Spiegel, der Gründer des Vision Summit.324
Spätestens seit die Unternehmensberatung McKinsey in einer Studie belegt hat, dass ethisches Wirtschaften profitabel sein kann, ist die Verknüpfung von Ökonomie und Moral zur marktwirtschaftlichen Binse geworden. Es dürfte heute kaum mehr ein Unternehmen geben, das sich nicht »verantwortliches Handeln« auf die Fahnen schreibt und die PR-Abteilung um CSR erweitert hat, wobei CSR für Corporate Social Responsibilty steht, für Unternehmensverantwortung also. In diesen Firmenabteilungen wird, in der Regel mit Sozialprojekten oder (selbstverständlich freiwilligen) Selbstverpflichtungen, dem schlechten Ruf entgegenzuwirken versucht, den die meisten Unternehmen sich durch ihr verheerendes soziales und ökologisches Wirtschaften zu recht erworben haben.325 Social Entrepreurship aber will mehr als das: Die Lösung sozialer Probleme soll der Geschäftszweck dieser Unternehmen sein.
»›Eine bessere Welt ist möglich‹, war das Motto der globalen Zivilgesellschaft in der letzten Dekade. Die Botschaft der jetzigen Dekade soll heißen: ›Eine bessere Welt ist unternehmbar‹ – durch die selben engagierten Bürger, die nun lernen, nicht länger auf den Staat zu warten, sondern selbst innovative Lösungen für die sozialen und ökologischen Herausforderungen im Kleinen wie Großen zu entwickeln und selbsttragend umzusetzen«, sagt Peter Spiegel. Ein wenig roher formuliert (Eigenverantwortung versus »soziale Hängematte«) hat man das schon von Guido Westerwelle, Hans-Olaf Henkel, Gerhard Schröder, Hans-Werner Sinn und anderen Sozialstaatszerstörern gehört. Doch wenn Peter Spiegel, der sich selbst als »Possibilisten« bezeichnet, praktisch das Motto des globalisierungskritischen Netzwerks Attac zur Losung der globalen Wirtschaft umdichtet, klingt das wie eine soziale Bewegung.
Muhammad Yunus
Superstar:
der Messias der Marktwirtschaft
Wie groß der Glaube daran ist, dass Businesssamariter nunmehr die sozialen Probleme beseitigen, zeigt unter anderem der Umstand, dass ausgerechnet ein Banker den Friedensnobelpreis bekam: 2006 erhielt der bangladeschische Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus für sein Konzept, Mikrokredite an Arme zu vergeben, den renommierten Preis. Seither gilt Yunus als Säulenheiliger der ökonomischen Weltrettung. Seine nächste gefeierte Idee nennt sich »Social Business«: ein Unternehmen, das zur Lösung eines bestimmten sozialen Problems gegründet wird, jedoch Gewinne nicht an die Shareholder ausschüttet, sondern in das Unternehmen investiert, damit dieses wachsen und den sozialen Effekt vergrößern kann. Das Unternehmen muss dabei wirtschaftlich rentabel sein und sich selbst tragen, damit es nicht auf staatliche Zuschüsse oder Spenden angewiesen ist. Eine Vorgabe, die diese Art des Wirtschaftens auch für große Konzerne attraktiv macht: Mit den multinationalen Unternehmen Danone, Adidas, BASF, Veolia und Otto hat Yunus bereits Joint Ventures für solche »Social Businesses« in Bangladesch gegründet.
Mit seiner neuen Heilslehre war Yunus auch das Zugpferd des Vision Summit. In Veranstaltungen der ersten drei Jahre dieses Visionsgipfels war er jeweils der Stargast. Seither hat sich die Zahl der Besucher von 600 auf mehr als 1250 verdoppelt.326 Es waren vor allem seine Auftritte bei diesem Event, die für die Verbreitung und Anerkennung der »Social-Business«-Idee in Deutschland gesorgt haben. Gleich beim ersten Vision Summit 2007 erhielt der Ökonom den »Vision Award« und sorgte damit für große Aufmerksamkeit in den Medien.327 Vor allem weil der eloquente Messias des Kapitals so druckreife Sätze sagt wie: »Arme Menschen sind wie Bonsais. Der beste Samen eines großen Baumes wird nur wenige Zentimeter groß, wenn man ihn in einen Blumentopf pflanzt; er verkümmert, genau wie die Armen. Ihr Problem ist nicht der Samen, sondern die Gesellschaft, die ihnen keinen Raum gibt zu wachsen. Wenn wir das ändern, muss niemand mehr arm sein.«328 Klingt wie eine Mischung aus Zenphilosophie und biblischem Gleichnis. Zu dieser quasi religiösen Rhetorik passt, dass Yunus stets die Tracht seiner Heimat trägt. Wenn er auf den Fotos den Anzugträgern aus der Wirtschaft die Hand schüttelt, dann wirkt das nicht so, als hätten da gerade zwei Marktradikale einen lukrativen Deal abgeschlossen. Sondern eher als würde der Dalai Lama den Geschäftsleuten seinen Segen geben.
»Armut gehört nicht in eine zivilisierte Gesellschaft. Sie gehört ins Museum«, lautet Yunus’ berühmtester Satz.329 Es ist seine metaphernschwangere Ausdrucksweise, mit der er es schafft, Elite und einfache Menschen, NGOs und Konzernbosse gleichermaßen zu begeistern und sich selbst zu einem charismatischen Führer zu stilisieren. Er war sogar als Redner auf das Musikfestival eingeladen, das Globalisierungskritiker am Rande des G-8-Gipfels 2007 in Heiligendamm organisierten330 – obwohl er samt seiner Meinungen gewiss eher ins Hotel Kempinski gepasst hätte, wo zur gleichen Zeit unter dem Motto »Wachstum und Verantwortung« die Globalisierung vorangetrieben wurde.
Yunus’ Wortwahl wirkt mitunter zynisch, etwa wenn er es als »finanzielle Apartheid« bezeichnet, dass Arme keinen Zugang zu Krediten haben, oder diese Armen selbst »finanziell Unberührbare« nennt. Die Unberührbaren sind im Hinduismus menschlicher Bodensatz, sie werden in südasiatischen Ländern noch heute unterdrückt und diskriminiert. Mit solchen manipulativen Vergleichen erhebt Yunus Schulden zum Menschenrecht.
»Die Grameen Banh – und ihre Nacheiferer in aller Welt – hilft den Menschen dabei, ihren Willen und ihre Kraft, die sie brauchen, zusammenzunehmen, um die sie jeweils umgebenden Mauern einzureißen.«331 Hinter diesen schwülstigen Worten steckt nichts anderes als das schnörkellos neoliberale Mantra: »Jeder ist seines Glückes Schmied.« Yunus erweckt den Eindruck, er sei besonders nahe an den Armen dran. Gern wiederholt er die Geschichte von den Hungernden, die ihm in jungen Jahren vor den Füßen wegstarben, bis er den Anblick dieses Leids nicht mehr ertragen konnte. Tatsächlich aber stammt Yunus, Sohn eines Juweliers, aus der gehobenen Mittelschicht und studierte Wirtschaftswissenschaften in den USA. Sein Bild von der Armut ist, wenn man genauer hinsieht, ebenso westlich geprägt wie seine Idee der ökonomisch rentablen Entwicklungshilfe. Weil er mit dem Habitus der westlichen Elite vertraut ist, nimmt diese ihn ernst. Zu seinen Anhängern zählt nicht nur Politprominenz wie Hillary Clinton oder Nicolas Sarkozy, sondern auch superreiche Weltstars wie Angelina Jolie und Brad Pitt, Bono und Bob Geldof sowie Bestsellerautor Paulo Coelho. Muhammad Yunus ist Pop: Er taucht sogar als Figur bei den Simpsons auf und gab dort – »Ha, ha!« – Nelson Munz einen Mikrokredit zur Gründung eines Fahrradgeschäfts.332
Betriebswirte mit Gewissen
Im Foyer des Unigebäudes in Potsdam sind Informationsstände aufgebaut, an denen verschiedene Sozialunternehmer ihre Projekte vorstellen. Ein Kleinunternehmen präsentiert einen ökologisch abbaubaren Kaffeebecher, ein Reiseveranstalter bietet Urlaubern freiwillige soziale Arbeit in Indonesien an. Eine NGO wirbt für Altkleidersammlung, ein Kleinunternehmen pflanzt Bäume in Afrika. Mehrere Organisationen werben mit Fotos pittoresker Armut für »soziale Geldanlagen«. An einem Büchertisch kann man den Bildband The Power of Dignity. The Grameen Family für knapp 40 Euro kaufen, in dem Fotos von Roger Richter versammelt sind. Ein Coffeetablebook der Armut.
Alternativ angehauchte Frauen mittleren Alters stehen an den Infoständen. Sie greifen weltgewandt wissensdurstig, von keinerlei Selbstzweifel angekränkelt zu den Infobroschüren und stopfen sie in ihre Stoffbeutel. Viele junge Menschen tragen Namensschilder um den Hals, auf denen hinter »Ich interessiere mich für« Dinge stehen wie »innovative Lösungen«. An den Stehtischen sieht man Männer in Anzügen, sie gestikulieren geschäftig, während sie ihr dynamischstes Macherlächeln zeigen.
Es sind wohl solche Leute, die den Mythos befeuern, die neue Generation von Geschäftsführern denke sozial. Anders als die alten Machtopas, die hinter schweren Eichenschreibtischen in quietschenden Ledersesseln Zigarre rauchten und mit diabolischem Lachen auf die Bilanzen schauten. »Die jungen Führungskräfte, die mit Fernsehen und Internet groß geworden sind, sind sich der sozialen Probleme eher bewusst als frühere Generationen. Sie machen sich Gedanken über den Klimawandel, die Kinderarbeit, Aids, die Frauenrechte und die Armut in der Welt. Mit dem Aufstieg dieser Generation in den Firmenhierarchien rücken auch die globalen Probleme ins Blickfeld der Unternehmensführungen«, schreibt Yunus in seinem Buch Die Armut besiegen.333
Das Fach Wirtschaftsethik ist mittlerweile regulärer Bestandteil der Managerausbildung. Viele Universitäten haben Lehrstühle für Unternehmensethik und bieten Seminare zu CSR an.334 Ganz so, als hätten die neuen BWLer ihr soziales Gewissen entdeckt und wollten tatsächlich nicht mehr Gewinne, sondern gesellschaftlichen Nutzen maximieren. Allerdings ist keine andere Generation in einer derart durchökonomisierten Welt aufgewachsen wie diese. Die Manager von morgen mögen zwar mehr wissen über die Verhältnisse in der Welt und die Folgen verantwortungslosen Wirtschaftens. Gleichzeitig erscheint es ihnen logisch, dass man auch Armut nicht mit Politik, sondern nur mit wirtschaftlicher Effizienz und Pragmatismus bekämpfen kann. In der Welt des Social Entrepreneurship heißen sie deshalb »Changemaker«, »Problemlöser«, »Innovatoren«, »Visionäre«, »Impulsgeber«, »Rulebreaker« und »Erfahrungsteiler«, die mindestens eine »Mission« haben oder »ein Wagnis« eingehen wollen.
Bei der Eröffnung des Vision Summit im voll besetzten großen Hörsaal dann wird klar, dass eine wesentliche Figur in diesem Jahr fehlt: Erstmals ist Muhammad Yunus nicht Stargast der Veranstaltung. Der Friedensnobelpreisträger führt zu dieser Zeit Auseinandersetzungen mit der bangladeschischen Regierung, die ihn »aus Altersgründen« von seinen Aufgaben entbunden hat. Die Ministerpräsidentin des Landes, Hasina Wajed, wirft ihm außerdem vor, »ein Blutsauger der Armen« zu sein.335
Die Idee der Mikrokredite ist Ende 2010 erstmals schwer in Misskredit geraten, als sich in Indien 54 Menschen das Leben nahmen, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten.336 Wurde Yunus wegen dieses Imageverlustes nicht herbeigebeten? Veranstalter Spiegel dementiert: Man habe ihn nicht eingeladen, weil man sich diesmal nicht ausschließlich mit »Social Business« beschäftigen wolle. Er rufe aber alle Journalisten auf, sich mit dem »Skandal« der Entlassung Yunus’ zu beschäftigen.337 Die Anhänger des Bankers vermuteten in der Amtsenthebung eine politische Verschwörung: Die Regierung wolle sich seinen Erfolg und seine Macht »unter den Nagel reißen«. Auffallend ist jedoch, dass auch die Konzerne fehlen, die Joint Ventures mit dem Friedensnobelpreisträger gegründet haben. Weder Adidas noch Otto noch BASF sind nach Potsdam gekommen. Selbst das Grameen Creative Lab, die deutsche Vertretung von Muhammad Yunus, blieb der Veranstaltung fern.
Einzig Danone war vor Ort – um ein weiteres Mal das »Best Practice-Beispiel« vorzustellen, mit dem »Social Business« weltweit bekannt wurde338: 2006 eröffnet der Weltmarktführer bei Milchprodukten in Kooperation mit Muhammad Yunus in Bangladesch eine »soziale Joghurtfabrik«. Dort soll ein mit Vitaminen und Mineralstoffen angereicherter Joghurt hergestellt werden, der Kinder vor Mangelernährung schützen und den sich die Armen leisten können sollen. Bei Grameen Danone sollen Menschen aus der Umgebung arbeiten, die Milch von Kleinbauern aus der Region stammen und arme Frauen sich ein Einkommen schaffen, indem sie den Joghurt als »Sales Ladies« an arme Familien auf dem Land von Tür zu Tür verkaufen. Danone – Sponsor des Weltrettungsevents – erhielt dafür 2009 den Vision Award. In den Medien wurde das Projekt durchgehend als Best Practice-Beispiel für Social Business vorgestellt. Doch an diesem Tag betonte Andreas Knaut, damals noch Corporate Communications, Health and Sustainability bei Danone339, dass man nicht nur mit Yunus »Social Business« am Start habe, sondern weltweit 30 solcher Projekte »on place«.340
Die Redner auf der Veranstaltung geben sich alle Mühe, genauso viel Pathos zu verbreiten wie der Nobelpreisträger, um das »neue soziale Wirtschaftswunder« zum »größten aller bisherigen Wirtschaftswunder« (Peter Spiegel) zu machen.341 Einer der Redner ist Peter Endres, Vorstandsvorsitzender der Ergo-Versicherung. Er darf hier den neuen Werbespot zeigen, schließlich ist sein Konzern »Premiumsponsor«. Nur sechs Wochen nach der Weltrettungs- wird eine andere Sause bekannt, zu der 2007 die im Konzern aufgegangene Hamburg-Mannheimer Versicherung ihre besten Mitarbeiter in den Puff nach Budapest geschickt hat. Die 83 000 Euro, die dieser Spaß kostete, konnte Ergo anschließend immerhin als Betriebsausgaben von der Steuer absetzen.342
Die Referenten haben penetrant gute Laune, der Saal steht kurz vor gemeinsamem Zwangsschunkeln. Alles wirkt wie eine bizarre Mischung aus Esoterik-Messe, Sektenseminar und Manager-Motivationstraining: »Lassen Sie uns Denkschranken lösen!« Tschaka, tschaka! Im Hörsaal spricht Franz Alt; der Hobby-Ökologe und professionelle Magier, der seit 40 Jahren als »Francesco Altini« auftritt, untermalt seinen Vortrag mit symbolträchtigen Bildern der Erdkugel und der Sonne. Ich glaube kurz, mich verhört zu haben, als er Agrar-Energie als Perspektive für die Zukunft präsentiert und darüber schimpft, dass die Deutschen kein E 10 tanken wollen. Dass dies ein kapitaler Irrtum ist, haben selbst Institute wie Weltbank und OECD verstanden.343 Nicht aber Franz Alt. Der zeigt ein Bild von einem Bauern, der auf einem Feld mit Schilfgras steht, und ruft in den Applaus: »Der Mann hat was verstanden. Er ist jetzt nicht mehr Landwirt, sondern Energiewirt!«
Danone, der liebe Weltkonzern
Anfang März 2010 treffe ich Ramin Khabirpour, den Geschäftsführer von Danone Deutschland, zum Gespräch über die »Soziale Joghurtfabrik« in Bangladesch.
Es ist mein zweites Interview für die Zeitschrift Enorm, die sich mit Sozialem Unternehmertum beschäftigt. Für meine Interview-Serie Hartmann! konfrontiere ich Vertreter von Konzernen wie Ikea, Starbucks und McDonald’s, die ihr Öko- und Sozialengagement besonders deutlich betonen, mit den schädlichen Auswirkungen ihres Kerngeschäfts. Über jenes von Danone gibt es eine Menge Material.
Danone ist der zweitgrößte Milchproduzent der Welt. Der Konzern hat Niederlassungen in 120 Ländern und macht einen Umsatz von 15 Milliarden Euro jährlich. Durch den Aufkauf des belgischen Babynahrungsmittelherstellers Numico katapultierte er sich auf Platz zwei der Babynahrungsmittelproduzenten, direkt hinter Weltmarktführer und Danone-Konkurrent Nestlé. Bei Flaschenwasser rangiert Danone (Evian, Volvic), auf dem zweiten Platz weltweit. Wie jeder Multi sucht auch Danone den Profit durch Expansion in Schwellen- und Entwicklungsländer zu steigern. Denn die Märkte in Europa sind gesättigt; selbst mit »Innovationen« wie Joghurts, die angeblich das Immunsystem stärken,344 schafft Danone keine Gewinnsteigerungen mehr. Dagegen erwirtschaftet der Konzern mittlerweile 30 Prozent des Jahresumsatzes in armen Ländern.345
Es gibt eine Menge Vorwürfe gegen diese Geschäfte in armen Ländern. Etwa dass Unternehmen wie Danone, Nestlé und Coca Cola davon profitieren, dass die hoch verschuldeten Drittweltstaaten kein Geld für die Bereitstellung von Trinkwasser haben. Knapp eine Milliarde Menschen sind ohne Zugang zu sauberem Wasser, weshalb weltweit jährlich mindestens zwei Millionen Menschen sterben.346 Trinkwasserhersteller kaufen lokale Wasserabfüller oder Nutzungsrechte an Wasseraufkommen in der sogenannten Dritten Welt, oder sie liefern, wie Danone, teures Flaschenwasser aus dem Westen. Wollen sie sauberes Wasser haben, sind die Armen gezwungen, Flaschenwasser zu kaufen – zu einem bis zu 1000 Mal höheren Preis als Leitungswasser. Ein fantastisches Geschäft für die Konzerne: Flaschenwasser hat jährliche Wachstumsraten von 25 Prozent. 46,8 Milliarden Euro werden jährlich weltweit für Wasser in Flaschen ausgegeben – die globale Versorgung mit sauberem Leitungswasser dagegen würde mit geschätzten 23,3 Milliarden Euro vermutlich weniger als die Hälfte kosten.347
Doch gegen Kritik am Geschäft mit der Armut hat Danone sich gewappnet. Etwa durch ein Brunnenbauprojekt in Zusammenarbeit mit dem Kinderhilfswerk UNICEF in Äthiopien. Dafür lässt sich Markus Lanz mit fotogen lächelnden Eingeborenenkindern auf dem Arm gern ablichten und herumzeigen. So bewirbt Danone die Volvic-Kampagne »1 Liter für 10 Liter«. Doch das ist nicht alles. NGOs wie das International Babyfood Action Network (IBFAN) werfen Danone seit Jahren vor, mit den Tochterunternehmen Milupa, Bledina und Numico gegen den WHO-Kodex zur Vermarktung von Babynahrung zu verstoßen. Nach diesem Kodex darf künstliche Babynahrung für Kinder unter drei Monaten nicht beworben werden, um Mütter nicht vom Stillen abzubringen.348 Denn laut WHO-Schätzungen sterben jährlich 1,5 Millionen Babys in Entwicklungsländern, weil ihre Mütter das Milchpulver mit schmutzigem Wasser anrühren oder es gar strecken, weil sie es sich bald nicht mehr leisten können.349 Dann nämlich, wenn ihre Muttermilch endgültig versiegt ist. Doch die Konzerne stürzen sich auf das Geschäft mit dem Milchpulver. Spätestens seit die westliche Welt wieder zur Überzeugung gelangt ist, dass Stillen das Beste ist fürs Kind, stagnieren hier die Geschäfte. Weniger gebildeten Frauen in armen Ländern dagegen kann man leicht einreden, dass künstliches Milchpulver westlicher Konzerne gesünder sei fürs Baby. Zu den perfiden Verkaufspraktiken mancher Konzerne gehört es, Krankenschwestern und Hebammen in Entwicklungsländern mit großzügigen Geschenken zu korrumpieren: Haben sie ihr Verkaufsziel erfüllt, winken Urlaube, Reisen nach Mekka, Kühlschränke oder schlicht Geld.
Der Autor Tobias Zick hat für seinen Report »Die Milch-Macht« im Familienmagazin Nido in Indonesien recherchiert.350 Er hat eine Hebamme getroffen, die zur Belohnung dafür, dass sie einen Jahresschnitt von 20 verkauften Packungen im Monat halten konnte, »Fortbildungen« mit Strandreisen erhalten hat. Einmal, erzählt sie, seien vier Flugzeuge mit Hebammen auf Einladung von Numico, dem indonesischen Marktführer für Babynahrung, nach Bali geflogen. Der Firmensprecher bestätigt das Anreiz- und Belohnungssystem, betonte aber den Erfolg der 200 Projekte zur »Fortbildung« von 30 000 Hebammen: »Das Schöne ist, dass diese Fachkenntnisse dann von den Hebammen an Mütter weitergegeben werden. Wir beobachten die Wirkung der Projekte zur Senkung der Mütter- und Säuglingssterblichkeit.« Jedes Jahr sterben in Indonesien 30 000 Kinder, weil sie in den ersten sechs Monaten nicht ausschließlich gestillt werden.351 Hebammen und Krankenschwestern und ihren Einfluss auf Frauen nach der Geburt gezielt einzusetzen, wenn sie am verwundbarsten sind, um den Gewinn von Weltkonzernen zu steigern: das ist nachgerade abscheulich. Danone jedenfalls konnte im dritten Quartal 2011 seinen Umsatz erneut steigern, um 5,9 Prozent auf 4,81 Milliarden Euro im Vergleich zum Vorjahr. Babynahrung und medizinische Produkte fanden zwischen Juli und September in China und Indonesien besonders hohen Absatz.352
In der Deutschlandzentrale von Danone in München holt mich Susanne Knittel zum Interview mit dem Geschäftsführer Ramin Khabirpour ab. Sie ist Head of External Communications & Corporate Social Responsibilty; »Social Business« gehört zu ihren Themen. Knittel ist eine engagierte Frau, ihre Augen leuchten, wenn sie von dem Projekt in Bangladesch spricht. Sie ist offenkundig stolz darauf, dass Danone an der berühmten »sozialen Joghurtfabrik« beteiligt ist. Klar, wer freut sich nicht, wenn der eigene Arbeitgeber so viel Gutes tut. Mitarbeiterbindung ist ein wesentlicher Aspekt der Corporate Social Responsibility. Durch Social Business, das über eine altmodische Firmenspende weit hinausgeht, binden die Konzerne ihre Beschäftigten auch emotional und moralisch an das Unternehmen. Umgekehrt: Wer würde schon gerne für einen Konzern arbeiten, dem vorgeworfen wird, für den Tod tausender Säuglinge verantwortlich zu sein? Dass Danone in einem der ärmsten Länder der Welt eine Fabrik eröffnet hat, die ausschließlich »den Armen dienen« soll – das hat doch gleich einen ganz anderen Klang.
Aber wie wahrscheinlich ist es, dass Danone auf einmal sein großes Herz für Menschen entdeckt hat? Welche Motive könnte der Weltmarktführer von Milchprodukten wirklich haben, wenn er in Bangladesch eine »soziale Joghurtfabrik« errichtet?
Schließlich führt Knittel mich zu Ramin Khabirpour. Er lehnt sich lächelnd in seinen Sessel und sagt: »Für mich ist es ganz wichtig, morgens in ein Unternehmen zu kommen, von dem ich weiß, es ermöglicht mir etwas, das ich bei hundert anderen Unternehmen nicht machen könnte.« Ich frage: »Ist das Joghurt-Projekt nicht doch nur ein erster Schritt, Bangladesch als Absatzmarkt zu erobern?« Seine Antwort: »Nein. Wir wollen in Bangladesch unsere Mission erfüllen: ›Bring health through food to as many people as possible‹. Social Business ist eine Möglichkeit dafür, so dass immer mehr Haushalte in der Lage sind, unsere Produkte zu kaufen.«353 Gesundheit für arme Bangladeschi durch den guten Danone-Joghurt? Aus einer Fabrik, wo sie unter guten Arbeitsbedingungen in Herstellung und Vertrieb das Geld verdienen, von dem sie sich dann Joghurt kaufen können? Das will ich sehen.
Ja, wo laufen sie
denn?
Auf der Suche nach den Danone-Ladies
Meine Suche nach dem gutem Joghurt aus der guten Fabrik beginnt ein gutes Jahr später in Wetzlar. Dort sitzt die deutsche Initiative Netz Bangladesch. Doch die Mitarbeiter kennen das Danone-Projekt nur aus der Zeitung. Die Initiative selbst ist nicht in Bogra aktiv, wo die Joghurtfabrik ihren Sitz haben soll, verspricht aber, sich bei den Partnerorganisationen in Bangladesch umzuhören. »Das sollte wirklich kein Problem sein, mit Frauen dort zu sprechen«, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Peter Dietzel. Wenig später ruft mich Dietzel an, und er klingt überrascht: »Wie merkwürdig«, sagt er, »ich habe unsere Partner vor Ort angeschrieben – aber von Danone-Ladies, die den Joghurt von Tür zu Tür verkaufen, wusste niemand was.« Kann ja vorkommen – nicht überall weiß jeder alles, und schließlich leben in Bangladesch 158,5 Millionen Menschen. Wie sagt doch Muhammad Yunus so schön über seine Landsleute? »Die Leute achten nicht auf jemanden, der nebenan verrückte Dinge tut.«354 Wochen später treffe ich in Frankfurt die bangladeschische Politikwissenschaftlerin Meghna Guhathakurta. Sie ist Geschäftsführerin der Research Initiatives Bangladesch. Diese Organisation unterstützt und finanziert Untersuchungen zur Armutsbekämpfung. Guhathakurta unterrichtete an den Universitäten von Dhaka und im britischen York; sie ist national und international bestens vernetzt, kennt die bangladeschische NGO- und Entwicklungsszene gut und auch Muhammed Yunus. »Ja, sicher kenne ich den Joghurt. Den gibt es in Dhaka im Supermarkt. Ich gebe zu, ich esse den gern, ich finde das recht praktisch mit den kleinen Bechern«, sagt sie und lacht. Als ich die Sales-Ladies erwähne und frage, ob sie Näheres über die sozialen Auswirkungen der Joghurt-Fabrik weiß, stutzt sie. »Nein«, sagt sie, »davon habe ich noch nie gehört.« Hm.
Nächster Versuch: Ich wende mich an Kushi Kabir. Sie leitet die bangladeschische Organisation Nijera Kori. Das heißt übersetzt: »Wir machen das selbst«. Nijera Kori ist eine politische und soziale Bewegung, die marktwirtschaftliche Armutsbekämpfung ablehnt und auf Mobilisierung und Selbstermächtigung setzt. Seit 1974 kämpft sie für die Rechte von Frauen, Kleinbauern und Landlosen, für Selbstbestimmung und Ernährungsunabhängigkeit der Armen in Bangladesch.355 Nijera Kori findet große Anerkennung in der bangladeschischen Zivilgesellschaft und in der internationalen Entwicklungsszene: 2005 war Kushi Kabir eine der 1000 Frauen, die für den Friedensnobelpreis nominiert wurden;356 die Bewegung arbeitet mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst (EED), Christian AID und der internationalen NGO Food First Information and Action Network (FIAN) zusammen. Außerdem sitzt Nijera Kori in Dhaka und Bogra, dort also, wo Grameen-Danone angesiedelt ist. Das Nijera Kori Center liegt in Noongola, einem Ort im Bezirk Bogra Sadar. Auch die Joghurtfabrik befindet sich dort, ebenso Madla, das erste Verteilungsgebiet der Sales-Ladies. Beides ist nur wenige Autominuten vom Nijera Kori Center entfernt. Wenigstens Kushi Kabir müsste das Projekt kennen. Sie schreibt: »Der Joghurt ist in allen Supermärkten in Dhaka und anderen größeren Städten erhältlich. Auch in Bogra, wo er hergestellt wird. Ich werde versuchen, etwas über den Tür-zu-Tür-Verkauf auf dem Land herauszufinden, aber wir hier bei Nijera Kori haben nie davon gehört.« Zwei Wochen später: »Ich habe meine Kollegen und auch deren Familien, die in und rund um Bogra leben, gefragt, was sie über den Shokti Doi von Grameen Danone und die Grameen Ladies wissen, die den Joghurt von Tür zu Tür verkaufen. Eine Familie ist sogar im lokalen Joghurt-Business in Bogra tätig. Niemand, und ich wiederhole: niemand hat jemals von den Grameen Ladies gehört – geschweige denn welche gesehen.«
Es ist sieben Uhr morgens. Regentropfen sammeln sich an den Fenstern des klapprigen Busses. Nach elf Stunden anstrengender Fahrt mit abenteuerlichen Überholmanövern und Dauerhupen sind wir endlich in Joymonirhat, einem Dorf in Kurigram in der Division Rangpur im Nordosten Bangladeschs angekommen. Ich bin unterwegs mit der Kleinbauernbewegung Krishok Federation and Kishani Sabah (BKFS), die für Ernährungsunabhängigkeit und Geschlechtergerechtigkeit kämpft.357 Mit ihnen will ich in die ärmsten Regionen des Landes reisen und mit Menschen sprechen, die durch Mikrokredite noch ärmer geworden sind.
Der örtliche Bauernführer Abdul Karim holt unsere vierköpfige Delegation ab: Badrul Alam, der BKFS-Geschäftsführer mit den langen, schwarzen, lockigen Haaren, Abdul Mannan Azad, der ehemalige Widerstandskämpfer im bangladeschischen Befreiungskrieg, und Shipra Rani, eine junge Frau, die sich in der Bewegung engagiert. Wir werden herzlich empfangen, BKFS genießt große Anerkennung bei der Landbevölkerung; die Organisation hat mehr als eine Million Mitglieder. Es ist erholsam friedlich hier auf dem Land. Auch wenn es sehr heiß ist, kann man hier Luft holen. Anders als im lauten und chaotischen Dhaka, wo man manchmal vor lauter Smog den Himmel nicht sieht. »Komm erst mal zu uns«, hatte mir Badrul nach Deutschland geschrieben, »hier sehen wir alles weitere, das kriegen wir schon hin.« Das klang recht vage für mich, die ans andere Ende der Welt reisen wollte. Auch Badrul hatte nie von den Sales-Ladies gehört; er ist ein Kritiker von Yunus und Grameen in Bangladesch. Doch schon bei unserem ersten Treffen in Dhaka wird deutlich, dass dies »Schaumermal« kein leeres Wort bleiben wird. Badrul und Mannan, die mich am Abend meiner Ankunft in meinem Hotel treffen, freuen sich, dass ich die Wahrheit über Mikrokredite und »Social Business« herausfinden möchte – ohne die Hilfe der beteiligten Konzerne. Nur sehr wenige Menschen aus dem Westen, sagt Badrul, hätten diesen Anspruch.
Wir sitzen in der Blechhütte, in einer Ecke brütet ein Huhn, ein Zicklein hüpft übermütig über die Türschwelle und zurück. Vor den Fenstern stehen Kinder auf Zehenspitzen und beobachten uns kichernd. Badrul und Mannan haben sich in ihren Lungi gewickelt, den traditionellen Männerrock. Mannan grinst und packt vier Becher Shokti Doi aus, er hat sie vor der Abfahrt in Dhaka gekauft. Dort habe ich den Joghurt selbst schon in einem der neuen, teuren Supermärkte gesehen, vor denen Wachleute stehen, um Bettler zu verjagen. Der blaue Plastikbecher ist etwa so klein wie ein »Fruchtzwerge«-Becher, auf dem blauen Deckel prangt ein Löwe, der Kraft symbolisieren soll: »Shokti Doi« heißt Kraftjoghurt. Neben dem Löwen findet sich ein stilisiertes Haus, darin das Label von Danone in bengalischer Schnörkelschrift. Es ist das Symbol von Grameen-Danone. Das Haus ist das Markenzeichen von Grameen, der Name leitet sich aus dem bengalischen Wort Gram ab, was Dorf bedeutet. Grameen Bank bedeutet Dorfbank. Haps – drei Löffelchen, und weg ist er schon, der »Joghurt der Armen«. Er schmeckt ähnlich süß wie Actimel. Badrul hängt am Handy, es klingelt ständig, auch deshalb, weil er sein ganzes Netzwerk darauf angesetzt hat, Danone-Ladies zu finden. »Keine Sorge«, sagt er immer wieder, »wir finden die.« Auf dem Rückweg wollen wir in Bogra halten, um mit ihnen zu sprechen. Und wirklich: Kurz vor der Abreise verkündet Badrul strahlend, ein Bauernführer in Bogra habe nach langer Suche eine Danone-Lady gefunden.
Es dämmert bereits, als wir das Dorf Shaul im Bezirk Kahaloo im Bogra Distrikt erreichen. Bogra, eine der ältesten Städte Bangladeschs, ist ein Handelszentrum im Nordwesten, rund drei Millionen Menschen leben in dem ganzen Distrikt. Die Gegend ist vergleichsweise wohlhabend, dennoch sind 30 Prozent der Bewohner arm, zehn Prozent davon leben in extremer Armut. Arme haben hier zwischen 2000 und 5000 Taka (20 bis 50 Euro) im Monat zur Verfügung, sehr arme sogar weniger als 2000 Taka, sie besitzen auch kein Land, auf dem sie Nahrung anbauen könnten. Zwei Drittel der Menschen verdienen ihr Geld in der Landwirtschaft, die Löhne dort sind meist niedriger als 150 Taka (1,44 Euro) am Tag.358
Neben dem Dorfteich, der eher ein brackiger Tümpel ist, stehen Plastikstühle auf der hart gebackenen Erde. Davor wartet eine kleine gebeugte Frau im ausgewaschenen Sari. Sie heißt Surina und ist 55 Jahre alt, wirkt aber wie eine Greisin. Die Lebenserwartung von armen Frauen in Bangladesch beträgt 65 Jahre.359 »Ich war von Anfang an dabei«, erzählt Surina. Drei Jahre habe sie Joghurts verkauft, dann hätte sie aufgegeben. »Es war sehr harte Arbeit«, sagt sie und erzählt von stundenlangen Märschen durch die Dörfer bei quälender Sommerhitze und durch den Monsunregen, der die Böden zu einem Schlammbad macht, in dem man knöcheltief versinkt. All das mit einigen Kilo Joghurt in einer Kühltasche über der Schulter. »Harte Arbeit war das«, sagt sie immer wieder und fasst sich an Rücken und Beine, »aber mein Leben hat sich dadurch überhaupt nicht verbessert.« Ein Händler habe ihr den Joghurt geliefert, ihm habe sie den Joghurt erst einmal abkaufen müssen. 5,5 Taka (ca. fünf Cent) habe sie pro Becher bezahlt, 50 Becher musste sie abnehmen. Sie verkaufte ihn für sieben Taka weiter, das macht einen Verdienst von 1,5 Taka pro verkauften Becher. Hätte sie alle verkauft, dann hätte sie 75 Taka verdient, zusätzlich einer Prämie von 40 Taka – umgerechnet 1,15 Euro für bis zu drei Tage Arbeit. Doch dass sie alle Joghurts verkaufen konnte, sei selten vorgekommen. Wie fast alle Menschen, die auf dem Land leben, hat auch Surina keinen Kühlschrank. Binnen drei Tagen musste der Joghurt verkauft sein, sonst wurde er schlecht. »Manchmal habe ich eine Ladung gekauft und konnte keine einzigen verkaufen«, sagt sie, und im Schein der funzeligen Öllampe auf dem Boden sieht man ein wütendes Funkeln in ihren Augen, »dann habe ich totalen Verlust gemacht.« Die Menschen, denen sie den Joghurt an der Haustür verkaufen wollte, hätten skeptisch reagiert, manche sogar unwirsch. In einem muslimischen und patriarchalischen Land wie Bangladesch ist es ungewöhnlich, dass Frauen so lange alleine unterwegs sind, um Geschäfte zu machen, und von vielen Männern wird es nicht gern gesehen. Den teuren Joghurt – sieben Taka sind mindestens zehn Prozent dessen, was ein einfacher Landarbeiter am Tag zur Verfügung hat – hätten sich die Leute zudem nicht leisten können. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat Armut und Mangelernährung in Bangladesch noch verstärkt. Laut World Food Programme nehmen die Armen sogar noch weniger zu sich als zuvor, die Qualität ihrer Ernährung hat sich verschlechtert.360 Erschreckend fand Surina, dass manche Kunden ihr statt Geld Reis und Eier gaben, um einen süßen Snack zu kaufen, der nicht satt macht. Weil Surina aber auch ein bisschen satt werden wollte, habe sie die Lebensmittel schließlich genommen. Andere kauften auf Pump und zahlten nie zurück. Wieder andere hätten sie beschimpft: Sie wisse doch, dass hier keiner Geld habe für so etwas. »Das war schrecklich«, sagt Surina, sie windet sich auf ihrem Stuhl. Soziales Ansehen ist das höchste Gut in der bangladeschischen Landbevölkerung, offen beschimpft zu werden eine große Schande.
Ob sie denn Kontakt zu anderen Sales-Ladies habe? »Kaum«, sagt Surina, sie habe die anderen Verkäuferinnen nur bei den Meetings getroffen. Dort hätten sie nicht viel miteinander gesprochen. Warum auch? Schließlich waren sie ja Konkurrentinnen. Man habe ihr zwar nahegelegt, noch weitere Verkäuferinnen anzuwerben – »doch die Frauen, die ich kenne, hatten kein Interesse, die wollten keinen Ärger haben.« Für junge Frauen, die einen Haushalt führen müssen, sei das nicht lukrativ. »Es ist harte Arbeit und trotzdem unmöglich, davon zu leben«, sagt Surina abermals. Einmal sei versprochen worden, jede Saleslady bekäme einen Sari geschenkt. Doch als ihr Ehemann ein wenig zu spät angekommen sei, um ihn zu holen, habe es schon keine mehr gegeben. Um zu verstehen, was ein neuer Sari bedeutet, muss man sich nur Surinas zerschlissenes Tuch anschauen. An diesem Tag habe sie beschlossen, keinen Joghurt mehr zu verkaufen. Als der Lieferant sie umstimmen wollte, habe sie erwidert: Erst den Sari. Sie habe ihn daraufhin nie mehr gesehen.
»Warum«, fragt Surina, »bekommen wir Frauen eigentlich kein Gehalt für unsere Arbeit?«
Genau das hatte ich Ramin Khabirpour, den Geschäftsführer von Danone Deutschland, auch gefragt, als ich mich mit ihm für ein Gespräch traf.
Warum müssen die Frauen den Joghurt eigentlich erst kaufen und werden nicht als Verkäuferinnen von Danone bezahlt? Zu teuer für Danone?
Nein, die Löhne dort sind sehr niedrig. Der Gedanke des Mikrobusiness ist ja gerade, dass die Frauen selbstständig werden.
Ist man nicht vor allem dann eigenständig, wenn man für seine Arbeit anständig bezahlt wird?
Das ist unser Denken in Europa: Wir verfügen über ein soziales Netz, das uns einigermaßen zuverlässig auffängt. So ein Netz existiert in Bangladesch nicht. Wer dort auf eigenen Beinen steht, wer nicht angewiesen ist auf eine Anstellung bei einer Firma, der besitzt größere Sicherheit.
Aber die Frauen sind so doch erst recht abhängig von Danone, sie verkaufen ja ausschließlich den Joghurt.
Sie entwickeln Know-how, ihr Geschäft selbstständig zu gestalten. Sie erlernen Fähigkeiten, die sie anderweitig nutzen können und die helfen, sich zu emanzipieren.361
Als ich Surina von diesen Antworten erzähle, muss sie so laut lachen, dass die Straßenhunde im Dorf zu bellen anfangen. Ihre Nachbarn, die sich im Dunkeln um uns versammelt haben, stimmen in ihr Lachen ein.
Schließlich sagt Surina: »Ja, ich habe allerdings etwas gelernt. Doch die Erfahrungen, die ich gemacht habe, waren sehr, sehr bitter.«
Aber da sind doch diese schönen Bilder auf der Homepage von Danone, mit Dutzenden von glücklich lächelnden Frauen in bunten Saris, die alle den Shokti Doi in der Hand halten! Laut Grameen-Danone verkaufen 650 Salesladies den Joghurt.362
Ist Surina vielleicht nur ein unglücklicher Einzelfall?
Zurück in Dhaka sitze ich im Büro von Khushi Kabir im Stadtteil Lalmatia. Sie ist erstaunt, dass ich überhaupt eine Sales-Lady gefunden habe.
»Es hätte mich nicht überrascht, wenn es die Ladies gar nicht gibt«, sagt Khushi, »das wäre nicht das erste Mal, dass ein Konzern so etwas erfindet.« Und schöne Fotos, ja nun, die könne man ja auch stellen.
Ist das Ganze doch nur eine Riesenseifenblase?
Ich beschließe, ein zweites Mal nach Bogra zu reisen. Ich treffe Shahidur bin Sadar, einen Reporter, im Hotel. An seiner Seite sitzt ein großer und kräftiger junger Mann mit finsterer Miene. »Mein Bodyguard«, erklärt Shahidur********. Als kritischer Journalist hat er sich Feinde gemacht und wurde bereits mit dem Tod bedroht. Deshalb hat er einen Leibwächter. Und deshalb möchte er seinen richtigen Namen lieber nicht veröffentlichen. Er sagt das so fröhlich, als würde er von einem entspannten Besuch der Bundesgartenschau erzählen. Dann eröffnet er feierlich, dass er seinem Beschützer für die nächsten Tage frei gegeben habe, schaut sich um und zieht eine Pistole aus der Hosentasche:
»Du brauchst keine Angst zu haben. Bist du schon mal Motorrad gefahren?«
Zwanzig Minuten später sind wir im Dorf Chopinagar, elf Kilometer südlich vom Zentrum in Bogra. Vor einer Hütte sitzt Tarabanu Lalmia, ihr rechtes Auge ist trüb; vermutlich grauer Star. Diese Augenerkrankung beseitigt man in Europa mit einem Routineeingriff. In Bangladesch werden die Frauen, die sich keine Operation leisten können, einfach blind.
Neben ihr steht Salim Muzzaman, ein junger Mann Anfang 30. Aus ihm platzt es regelrecht heraus: »Ich bin sauer auf die Firma«, sagt er. Salim hat vier Jahre für Grameen-Danone gearbeitet, er hat den Joghurt an die Sales-Ladies und kleine Geschäfte verteilt. Dafür habe er den Joghurt für vier Taka von der Fabrik kaufen und außerdem für 250 Taka einen Rikscha-Van363 zahlen müssen. »Ich war für alles selbst verantwortlich«, sagt er. Mindestens 300 Taka habe er draufbezahlt, anstatt von dem Geschäft zu profitieren. Nach einer Weile setzt er fort, er kenne noch elf andere Fahrer, die aus den selben Gründen gekündigt hätten. Immer wieder hätten sie nach einem Gehalt gefragt und seien stets abgewiesen worden. Jetzt ärgert er sich, dass die Lieferanten neuerdings 5000 Taka pro Monat bekommen. Wie Tarabuna verdiente auch er nur 1,5 Taka pro Joghurt. »Man darf keinen Joghurt zur Firma zurückbringen. Wenn ich nicht alle 800 verkauft habe, bin ich drauf sitzen geblieben«, sagt Salim.
So ging es auch Tarabuna: »Manchmal konnte ich nicht mal ein Viertel verkaufen.« Auch für sie sei der Job ein Verlust-Geschäft von mindestens 800 Taka364 gewesen. Um sich die erste Ladung Joghurt zu kaufen, hat sich die Frau, die zuvor mit Saris gehandelt hat, Geld von der Familie geliehen.
Private Schulden, um Danone bei der Markteinführung behilflich zu sein.
Bei den Verkaufstrainings habe man ihnen erzählt, dass die Armen und die Gemeinschaft vom Shokti-Doi-Business profitieren würden.
Und?
Auch Tarabuna und Salim lachen ein raues Lachen. »Nein, niemand hat hier profitiert«, sagt Tarabuna. Die Armen könnten sich den Joghurt nicht leisten. Schon gar nicht für all ihre Kinder. Meist konnten sie nur einen kaufen und bettelten sie an, ihnen mehr zu schenken.
»Sie wurden sauer, wenn ich gesagt habe, dass das nicht geht. Das war sehr unangenehm«, sagt Tarabuna. Manche hätten den Joghurt auf Kredit kaufen wollen, andere hätten ihr ebenfalls Reis und Eier dafür gegeben. Als sie in der Regenzeit bei der Fabrik fragte, ob sie einen Schirm bekommen könnte, wurde das abgelehnt. Als sie um ein festes Gehalt bat, habe sie nur Kopfschütteln geerntet, stattdessen seien den Frauen Regenmäntel und Saris als Bonus in Aussicht gestellt worden. Sie selbst, sagt Tarabuna, habe nichts davon erhalten.
Ob sie noch Kontakt zu anderen Sales-Ladies habe?
Sie schüttelt den Kopf. »Manche haben Joghurt in Gebieten zu verkaufen, wo andere Frauen unterwegs waren, und versucht, diese zu übernehmen. Das hat oft Streit gegeben.«
Die Frauen, die als Drückerkolonne für einen Weltkonzern unterwegs sind, werden keine Freundinnen.
Gib den Armen
Zucker:
Plastiknahrung zur Armutsbekämpfung
Salim möchte uns zu seiner Mutter bringen. Sie sei die erste Mikrokreditnehmerin in Bogra und darum fast so etwas wie eine lokale Berühmtheit. Er sagt das jetzt mit ein bisschen Stolz. Nasma Begum ist eine schöne, gepflegte Frau mit hohen Wangenknochen, sie trägt einen Sari in leuchtendem rosa und sieht bei weitem nicht so alt aus wie Surina, obwohl beide etwa gleich alt sind. Nasma Begum ist eine von den wenigen Frauen, die mir in Bangladesch begegnet sind und sagen, dass sie von Mikrokrediten profitiert haben. Sie lebt nicht in einer Blechhütte, sondern auf einem großen, gemauerten Hof mit Holztor. Im Vergleich zu den Höfen auf dem Land wirkt das regelrecht wohlhabend. Gegenüber steht eine große Blechhütte unter Palmen. Dort, erzählt Shahidur, sei Ban Ki Moon 2008 auf seinem Bangladesch-Besuch zusammen mit Yunus gewesen, um sich das Mikrokredit-Projekt anzusehen.365 Ihm sei auch Nasma Begum vorgestellt worden. Sie gilt als eine Vorzeige-Frau, die es zu einem Vermögen und Landbesitz gebracht hat, seit sie 1989 den ersten Kredit und in den folgenden Jahren immer weitere Kredite aufgenommen hat. Hier sieht es nicht nach früherer Armut aus, schon eher nach traditionellem Mittelstand. Nasma Begum betont: »Es ist mir sehr schlecht gegangen früher.« Heute leitet sie eine Gruppe von fünf Kreditnehmerinnen. Keine der Frauen habe Probleme mit der Rückzahlung, sagt sie streng. »Doktor Yunus hat hier so viel Gutes getan«, schwärmt sie und lächelt wieder. Auf meinen Reisen in den Norden und Süden des Landes, die ich bereits unternommen hatte, war mir allerdings anderes zu Ohren gekommen. Warum gehe es dann vielen Frauen noch schlechter als zuvor? Ihr Lächeln friert ein, sie zuckt mit den Schultern und sagt: »Die verwenden das Geld nicht richtig, das ist der Grund.« Und die Danone-Sales-Ladies? Warum haben die es nicht zu finanzieller Unabhängigkeit gebracht? »Die Frauen haben das falsch verstanden. Es geht um die Gesundheit von Kindern.« Sie zieht ein vielleicht siebenjähriges Mädchen aus der Gruppe von Frauen hinter ihr hervor und strahlt: »Da sehen Sie: die Kleine isst sechs bis sieben Shokti Doi jeden Tag!« Die Hälfte der Kinder in Bangladesch ist unterernährt, 36 Prozent sind unterentwickelt, doch der Anblick des Mädchens ist verstörend: sie sieht nicht gesund ernährt aus – sie ist fett.
Übergewicht ist kein Indiz für allgemeinen Wohlstand, im Gegenteil, es ist ein Zeichen steigender Armut. Was hierzulande kaum wahrgenommen wird: Zwei von drei Übergewichtigen leben in Entwicklungsländern. Dort treten in immer mehr Familien Über- und Untergewicht gleichzeitig auf. Diabetes, Schlaganfall, Herzinfarkt und Krebs sind die Folge dieser Fehlernährung. Weltweit leiden bereits 285 Millionen Menschen an Diabetes, die WHO schätzt, dass es bis zum Jahr 2030 366 Millionen sein werden, 298 Millionen davon in Entwicklungsländern.366 Wegen der schlechten medizinischen Versorgung in diesen Ländern wird es dort noch schwieriger sein, diese Krankheiten in den Griff zu bekommen.
Hunger und Mangelernährung auf der einen, Übergewicht auf der anderen Seite: In der Entwicklungspolitik nennt man diesen Effekt double burden«, Doppelbelastung.367 In Bangladesch ist das zwar noch nicht der Fall. Doch das Prinzip ist in allen armen Ländern gleich: Viele neue, industrielle Lebensmittel westlicher Konzerne wie der Shokti Doi drängen in den Entwicklungsländern auf den Markt. Erst kaufen die neuen Mittelschichten diese meist großflächig beworbenen Artikel, weil sie in ihnen Prestigeobjekte sehen. Entsprechend begehrt sind solche Produkte dann bald auch bei Armen.
Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisiert schon lange Lebensmittelkonzerne, die ihre überzuckerten und fettreichen Produkte mit Gesundheitsversprechen veredeln: Margarine zur Senkung des Cholesterinspiegels, Schokoriegel für gutes Knochenwachstum, gezuckerte Joghurts zur Darmpflege.368 Solche Lebensmittel machen bald ein Viertel des Lebensmittelmarktes in Deutschland aus, obwohl es zum Beleg von deren Wirksamkeit meist nur Studien gibt, die die Konzerne selbst finanziert haben.369 Vor allem Zucker ist ein profitabler Rohstoff: er ist ein billiger Geschmacksverstärker, der süchtig macht.370 Auch der Shokti Doi enthält viel Zucker, damit er den Kindern schmeckt. »Die Bangladescher haben einen ausgeprägten Hang zum Süßen und sind an ausgesprochen süßen Joghurt gewöhnt. Also experimentierte das Team von Grameen Danone mit verschiedenen Rezepten, um eine Zuckergehalt zu erreichen, der die Dorfkinder erfreuen und zugleich ihre Gesundheit verbessern würde«, schreibt Muhammad Yunus.371 Das ist zwar ein ernährungswissenschaftlicher Unsinn, doch wenn der »Banker der Armen« das so märchenonkelig aufschreibt, erscheint einem Danone direkt als gute Fee.
Tatsächlich weiß bislang niemand genau, wie viel Zucker im Shokti Doi steckt. Die Vitamine und Zusatzstoffe im Joghurt stammen vom deutschen Chemieriesen BASF, der mit Yunus ein eigenes »Social Business« in Bangladesch aufbaut. Laut Danone deckt der Joghurt 30 Prozent des Tagesbedarfs eines Kindes an Vitamin A, Zink und Jod.372 Der Organisation Global Alliance for Improved Nutrition (GAIN) zufolge würde der Joghurt den Ernährungsstatus von Kindern zwischen drei und 15 Jahren verbessern, die mindestens zwei Becher pro Woche essen. Es ist die bislang einzige ernährungswissenschaftliche Untersuchung zum Shokti Doi, und sie klingt ziemlich vage. Abgesehen davon, dass sich arme Familien auf dem Land nachweislich nicht zwei Becher pro Woche und Kind leisten können: GAIN ist nicht, wie Grameen behauptet, eine »unabhängige NGO«373, sondern erscheint viel eher wie eine Lobbyvereinigung der globalen Lebensmittelindustrie. Neben den Regierungen von USA, China, Indien, Bangladesch und diversen anderen asiatischen und afrikanischen Ländern gehören zu GAINs Partnern auch große Konzerne wie Unilever, Coca Cola, Cargill, Kraft Foods, Pepsico – und natürlich: Danone. GAIN wird unter anderem finanziell unterstützt von der Bill-&-Melinda-Gates-Stiftung, die mit 830 Mitarbeitern weltweit und einem Kapital von mehr als 36 Milliarden Dollar mit Abstand die größte Privatstiftung der Welt ist.374 Sie ist außerdem der zweitgrößte Geldgeber der Weltgesundheitsorganisation (WHO), obwohl sie weder parlamentarisch noch gesellschaftlich legitimiert ist.
Auch das deutsche Entwicklungshilfeministerium unter Dirk Niebel (FDP), der sich für die Ökonomisierung der Entwicklungshilfe starkmacht, hat eine »enge Zusammenarbeit« beschlossen: Die Bundesregierung unterstützt das Impfprogramm der Stiftung, weitere 7 Millionen Euro Steuern sollen in das stiftungseigene Wasseraufbereitungsprojekt in Kenia fließen.375
Gates, der Monopolist der Softwarebranche und mit einem Privatvermögen von rund 56 Milliarden US-Dollar der zweitreichste Mensch der Welt, scheint sich nun zum Monopolisten ökonomischer Weltrettung aufzuschwingen.
Die Stiftung investiert ausgerechnet in Konzerne wie Monsanto und Cargill, die Hunger und Armut in der Welt mit ihren Monopolen eher vorantreiben, als ihn wirksam zu bekämpfen, sowie in den Pharmakonzern Glaxo Smith Klein, der bekannt dafür ist, die Medikamente in den Entwicklungsländern zu teuer zu verkaufen. Und diese Vereinigung will nun objektiv die Vorteile von Danone-Produkten für Bangladescher nachgewiesen haben?
Konsumstatus statt Menschenrechte
»Die GAIN Business Alliance ist ein schnell wachsendes globales Netzwerk, das marktbasierte Lösungen für Mangelernährung vorantreibt. GAIN hat die Wirtschaftsallianz 2005 mit dem Ziel gegründet, die Wirtschaft dazu zu bringen, eine größere Rolle im Kampf gegen Mangelernährung zu spielen, indem sie sich auf dem Base-of-the-Pyramid-Markt engagieren.«376 »Base« oder auch »Bottom of the Pyramid«, kurz BOP, beschreibt den untersten Teil der Welteinkommenspyramide. Gleichzeitig ist BOP ein marktwirtschaftliches Konzept, das diese Menschen in den Kapitalismus einbinden will: als Kunden und Verkäufer. Ein lukrativer Markt, schließlich gehört ein Drittel der Weltbevölkerung, geschätzte vier bis fünf Milliarden Menschen, zum Bodensatz der Weltwirtschaft und nahezu ein weiteres Drittel der Weltbevölkerung zur aufstrebenden globalen Mittelschicht.
Erfunden hat das viel kritisierte377 BOP-Konzept der indisch-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Unternehmensberater C. H. Prahalad. In seinem Buch: Ideen gegen Armut. Der Reichtum der Dritten Welt, widmet sich Prahalad dem Marktpotenzial der »angehenden Verbraucher«: »Diese vier Milliarden können der Motor für die nächste Phase des globalen Handels und des Wohlstand sein.«378 Allerdings schuften die Armen ja schon jetzt bis zum Umfallen für den Wohlstand anderer: als billigste Arbeitskräfte für die westlichen Märkte in Sweatshops und auf Plantagen, wo nicht mehr ihr Essen wächst, sondern Rohstoffe und Lebensmittel zum Export in reiche Länder. Diese Ausbeutungsstrukturen, die der unregulierte Welthandel geschaffen hat, sind Voraussetzung für Wachstum und Profit der Wirtschaftsmächtigen. Doch das reicht offenbar nicht hin: Nun sollen die Armen auch noch als Kunden den Profit der Konzerne und ihrer Aktionäre mehren.
Wie kaum anders zu erwarten, interessiert sich Prahalad hauptsächlich für die Kaufkraft der Armen und Ärmsten: Laut einer Studie des Weltressourceninstituts und der International Finance Corporation beträgt diese fünf Billionen US-Dollar.379 In Prahalads Buch ist diese kalte Wirtschaftslogik in warme Worte gekleidet: »Die BOP-Konsumenten erhalten Produkte und Dienstleistungen zu Preisen, die sie sich leisten können, aber noch wichtiger ist, dass sie Anerkennung erhalten, respektvoll und fair behandelt werden. Der Aufbau von Selbstbewusstsein und Unternehmergeist am BOP ist wahrscheinlich der langlebigste Beitrag, den der private Sektor leisten kann.« Die Würde der Armen, ihr Recht auf Teilhabe ist in diesem Modell an ihren Konsumentenstatus gebunden – genau wie in den westlichen Konsumgesellschaften. Das Prinzip, einen Absatzmarkt zu schaffen, der auch die Ärmsten in den Konsumkapitalismus integriert, stellt weder die wirtschafts- noch die sozialpolitischen Strukturen der Armut infrage, ja, noch nicht einmal die Armut selbst. Stattdessen fördert es noch die Umverteilung vom Boden an die Spitze der Pyramide. Konsum wird in dieser Logik regelrecht als Menschenrecht gehandelt, wichtiger noch als der Zugang zu sauberem Wasser, medizinische Versorgung, Ernährungsunabhängigkeit und existenzsichernde Löhne, wie sie nur Regierungen durch entsprechende Regulierung garantieren können. Prahalad bezeichnet die Statusänderung der Armen zu Konsumenten als Teil des »integrativen Kapitalismus«.380 Damit bewegt er sich ganz in der Spur von Muhammad Yunus. Der empfindet den Kapitalismus als »unvollkommen«. Zu seiner Vervollständigung brauche es Mikrokredite und Sozialunternehmen, »die über die Gewinnmaximierung hinausgehen – ein Unternehmen, das sich ausschließlich der Aufgabe widmet, soziale und Umweltprobleme zu lösen«.381 Sei der Kapitalismus auf diese Weise erst einmal »vollständig«, würden »alle staatlichen Wohlfahrtsorganisationen nicht mehr gebraucht und könnten abgeschafft werden, und auch die staatliche Sozialhilfe wäre überflüssig. Almosen, Suppenküchen, Lebensmittelmarken, Schulen und Fahrten ins Krankenhaus zum Nulltarif sowie Straßenbettler hätten sich überlebt. Gleiches würde für die staatlichen Arbeitslosen- und Rentenversicherungen gelten«, träumt der Friedensnobelpreisträger, der wie alle Marktverfechter im Staat ein »Monster« sieht. 382
Stellen Sie sich Folgendes vor: Ihr Haus brennt. Doch weil sich der Staat keine Feuerwehr mehr leisten kann, löscht es keiner. Wenn das Haus niedergebrannt ist, verkaufen Ihnen Sales-Ladies eine Decke, damit sie nicht frieren, wenn sie künftig im Freien schlafen müssen. Klingt grauenhaft? Willkommen im »sozialen Kapitalismus«!
Markterschließung unter dem Deckmäntelchen des Sozialen
Shahidur bringt mich auf seinem Motorrad zu zwei lokalen Joghurtmanufakturen. Bogra ist Bangladeschs Joghurthauptstadt; hier wird in vielen kleinen und großen Betrieben der Mishti Doi hergestellt, ein karamellbrauner, süßer Joghurt. Er wird in Tontöpfen verschiedener Größen serviert, die man an vielen Straßenständen sieht; manche Männer tragen riesige runde Tabletts voller Joghurttöpfe durch die Straßen. Es heißt, der Mishti Doi sei hier vor 200 Jahren erfunden worden, als der König sich eine Süßspeise gewünscht habe. Noch heute wird diese ausschließlich auf die traditionelle Art und Weise von Hand hergestellt, ohne jegliche chemischen Zusätze. Schweißnasse Männer mit bloßem Oberkörper stehen im heißen Dampf und rühren in riesigen Eisenbottichen, die auf dem Feuer stehen. Die mit Zucker gesüßte Milch und wird so lange aufgekocht, bis sie eine bräunliche Farbe hat. Dann wird sie in Tontöpfe gefüllt und unter einer großen Haube aus Palmenblättern abgestellt, wo der Joghurt seine zuckrig glitzernde Oberfläche bekommt. Der Mishti Doi ist das Wahrzeichen von Bogra: Die Menschen identifizieren sich mit der Süßspeise, die auf keiner Hochzeit, keinem Festival und keiner Familienfeier fehlen darf. Ob sie den Shokti Doi, dessen winzige Becher im Vergleich viel günstiger verkauft werden, als Konkurrenz empfinden, frage ich die Fabrikbesitzer, die mir riesige Töpfe ihres goldbraunen Produkts zum Probieren hinstellen. Sie winken verächtlich ab, doch ich spüre, dass diese Frage an ihrem Stolz kratzt. Der Shokti Doi sei ein maschinell hergestelltes, künstliches Produkt, das hier niemanden interessiere. Manche sagen sogar, sie hätten noch nie davon gehört.
Im Interview habe ich Rhamin Khabirpour von Danone gefragt: »Ist der Shokti Doi günstiger als normaler Joghurt in Bangladesch?« – »Es gibt in Bangladesch sonst keinen Joghurt«, lautete seine höchst erstaunliche Antwort. Auch in den lobenden Medienbeiträgen zu Danone wird nirgends erwähnt, das Bogra die Hauptstadt des traditionellen Joghurts ist. »Es gab noch einen eher zufälligen Grund dafür, dass Bogra eine gute Wahl war: Die Stadt war in Bangladesch als Herkunftsort guten Joghurts bekannt. (…) Somit war es auch unter Marketinggesichtspunkten vernünftig, unsere Fabrik dort anzusiedeln«, räumt hingegen Muhammad Yunus ein.383 Und nicht nur das: Ein Viertel der Einwohner des Bogra-Districts ist unter 15 Jahren alt, die Zielgruppe des Danoneprodukts. Grameen-Danone rechnete damit, dass sich im Umfeld der Produktionsstätte 750 000 potentielle Kunden finden. 384 Jochen Ebert von Danone Grameen in Bangladesch gibt ganz unumwunden zu: »Der Shokti Doi ist sehr stark angelehnt an den Mishti Doi, ein klassisches lokales Joghurt-Produkt. Es gab eine seriöse marktforscherische Vorbereitung, welches Produkt ein Massenphänomen in dem Land darstellen könnte.«385 Und dennoch betont Khabirpour im Interview: »Nochmal: es gibt keine hidden agenda.«386
Fakt ist: 80 Prozent des Joghurts werden außerhalb Bogras vertrieben, 43 Prozent davon in den Supermärkten der großen Städte – zum Preis von zwölf Taka. In Bogra selbst liegt die Marktdurchdringung gerade einmal bei einem Prozent.387 Für den Shokti-Doi gibt es Fernsehspots mit Yunus und glücklichen Kindern – gerichtet an die bangladeschische Mittel- und Oberschicht, die man mit solchem Socialwashing offenbar genauso erreichen kann wie die westliche Konsumelite.388
2008, zwei Jahre nach der Eröffnung des Joint-Ventures und ein Jahr vor der medienwirksamen Verleihung des »Vision Award« an Grameen-Danone für das »innovative, sozial und finanziell nachhaltige Unternehmenskonzept«, stand die »soziale Joghurtfabrik« vor der Pleite. Sie konnte der wesentlichen Herausforderung des Social Business nicht gerecht werden: sich selbst zu tragen. Es darf weder subventioniert werden noch Verluste machen. Während damals auf der Projekthomepage noch die Rede davon war, bis 2016 50 solcher Fabriken in ganz Bangladesch errichten zu wollen, scheiterte das Unternehmen an der Kernforderung des Social Business: Die Herstellungskosten waren höher als gedacht, denn die Lebensmittelpreise schwanken in Bangladesch extrem. 2007 hatte sich der Milchpreis nahezu verdoppelt. Die Armen konnten die fünf Taka für einen 80-Gramm-Becher nicht zahlen und – Riesenüberraschung – zu wenige Sales-Ladies fanden den Verdienst attraktiv.389 Als die Fabrik beschloss, den Preis auf acht Taka zu erhöhen, brachen Verkauf und Vertriebsnetz komplett zusammen und der Betrieb musste von Danone mit 1,7 Millionen Euro bezuschusst werden. »Von jetzt an heißt unsere Strategie: 1. Verkaufen. 2. Verkaufen. 3. Verkaufen. 4. Kosten reduzieren«, sagte eine Mitglied des Beirats von Grameen Danone.390 War da nicht mal von 1. Bekämpfung der Mangelernährung, 2. Bekämpfung der Armut, 3. Selbstermächtigung von Frauen und 4. Schaffung von Arbeitsplätzen die Rede?
Was als neue Strategie angekündigt wurde, hat wenig zu tun mit »Innovation« und »Kreativität«, wie sie von den Apologeten des Sozialunternehmertums propagiert wird: billig herstellen und teuer verkaufen, das ist weiß Gott das älteste und ordinärste marktwirtschaftliche Erfolgsprinzip. Was das bedeutet, das spürten vor allem die 30 Fabrikarbeiter, die Sales-Ladies und die Armen. 133 Taka (ca. 1,30 Euro) verdienen die Arbeiterinnen bei Danone Grameen am Tag, Überstunden werden oft nicht bezahlt391 – damit verdienen die Danone-Arbeiter sogar weniger als ein einfacher Feldarbeiter und liegen noch unterhalb des örtlichen Armutslevels. Die Sales-Ladies erhalten pro verkauftem Becher 0,6 Taka – eine halben Cent – und einen Gratis-Becher je zehn verkaufter Becher, sobald sie 50 verkauft haben. Wenn sie mindestens 24 Tage im Monat arbeiten, erhalten sie 550 Taka im Monat. Im besten Fall, das hat Kerstin Humberg herausgefunden, verdienen die Frauen 120 Taka am Tag, im schlechtesten 60. Und auch für die Armen ist der Joghurt teuerer geworden: Die Menge wurde auf 60 Gramm pro Becher reduziert, der sieben Taka kostet.392
20 Prozent der Sales-Ladies sollen Mikrokreditnehmerinnen sein. Um den Joghurt zu bezahlen, den sie für den Konzern mit Milliardenumsatz an der Haustür verhökern, nehmen manche Frauen zunächst einen Kredit bei der Grameen Bank auf. Eine herrliche Win-win-Situation – für Danone und die Grameen Bank. Schließlich betragen die Zinsen auf den Mikrokredit 20 Prozent. Um mit dem »Gewinn« von 0,6 Taka pro Becher allein Zinsen und Tilgung des Kredits abzubezahlen, hätten die Frauen jedes Jahr fast 10 000 Joghurts verkaufen müssen.393 Wie kann man sich mit derart niedrigen Löhnen und zusätzlichen Schulden aus der Armut befreien? Die Antwort ist denkbar einfach: gar nicht.
Shahidur hat mir den riesigen Helm gegeben, der um meinen Kopf schlackert, als wir mit dem Motorrad durch die Schlaglöcher rumpeln. Es gibt viele Schlaglöcher auf den Straßen Bangladeschs. Wir fahren in den Stadtteil Betgari, wo die Danone-Fabrik steht. »Vielleicht finden wir dort noch Sales-Ladies«, sagt Shahidur. Die Danone-Fabrik ist ein weißes Gebäude, von einer Mauer umgeben. »A Social Business Enterprise« und »Welcome« steht auf der fadblau verwitterten Wand an der Pforte, auf der der Shokti Doi-Löwe längst verblasst ist. Er wirkt wie ein Fresco aus einer längst vergangenen Zeit. Um die Fabrik herum ist es still, man sieht keine Menschen. Den Eingang verschließt ein blau gestrichenes Metalltor, dahinter patrouillieren zwei Wachmänner. »Salam!«, ruft Shahidur fröhlich, »ich bringe hier einen Gast aus Deutschland, der schon viel Gutes über Grameen-Danone gelesen hat. Sie ist sehr interessiert an Social Business und würde sich die Fabrik gern ansehen.« Ein Wachmann kommt an den Zaun. »Nein, das ist nicht möglich. Sie müssen in der Zentrale in Dhaka fragen«, ruft der Mann durch das geschlossene Gatter.
Alles Insistieren hilft nichts, wir werden abgewimmelt, und ich schaffe es in dieser vermeintlichen Vorzeigefabrik nicht einmal bis zum Empfangstresen. »Jetzt fällt mir nur noch eine Möglichkeit ein«, meint Shahidur und schwingt sich wieder aufs Motorrad. Wir ruckeln über den sandigen Boden zu einem Haus, indem sich die Shurajana Social Service Association befindet. Hosne Dil Afroze Ruba, eine junge, bildhübsche Frau, hat diese kleine Einrichtung gegründet. Hier, nur eine Viertelstunde Fußweg von der Danone-Fabrik entfernt, unterrichtet sie mit Freunden die Zielgruppe des Shokti Doi kostenlos in Englisch und Mathematik. Sie hat das Haus von ihrem Geld gebaut, 50 Kinder aus armen Familien kommen jeden Tag zum Unterricht in ihr Wohnzimmer. Selbst das Schulmaterial verschenkt sie. Mit dieser Unterstützung möchte sie arme Familien entlasten und Frauen helfen, ein eigenes Einkommen zu generieren. Wenn es wirklich stimmt, dass die Fabrik, wie behauptet, 1 600 Arbeitsplätze im Umkreis von 30 Kilometern geschaffen hat394, wäre es nur naheliegend, dass Ruba jemanden kennt, der für Grameen-Danone arbeitet. Schließlich hat sie mit vielen Müttern und Kindern der Gegend Kontakt. Doch eine Sales-Lady sei ihr noch nie begegnet. Über das Projekt selbst weiß sie wenig. Sie sagt, sie wüsste gern mehr darüber, »aber es ist wirklich schwer, Zugang zu finden und Informationen zu bekommen«. Bei ihr ist Fazlul zu Besuch, er ist ebenfalls Reporter und unterstützt Ruba bei ihrem Projekt. Er sieht das Grameen-Danone Projekt kritisch: »Warum wollen die mit uns keinen Kontakt? Das ist alles völlig intransparent.Mir scheint das alles ein riesiger Bluff«, sagt Fazlul. Dazu gehört auch die Legende, dass der französische Ex-Nationalfußballspieler Zinédine Zidane, Pate von Grameen Danone, die Fabrik eröffnet habe. Sein Autogramm prangt auf einer Gedenktafel in der Fabrik. »Zidane war nie in Bogra«, sagt Fazlul. Er sei zwar, von einem Pulk Wachleute begleitet, nach Bangladesch gekommen, habe aber nur in Dhaka an einer Feier von Yunus teilgenommen und sei nach zwei Tagen zurückgeflogen. »Vielleicht finden wir in den Dörfern jemanden, der uns was sagen kann?«, sagt Ruba. »Lasst uns spazieren gehen.«
Die schwüle Hitze nimmt mir fast den Atem, meine Beine werden schwer, es fühlt sich an, als laufe ich durch die sprichwörtliche Waschküche. Auch für Frauen, die dieses Klima gewöhnt sind, muss es sehr beschwerlich sein, kilometerweit zu laufen, mit einer dreieinhalb Kilo schweren Kühltasche über der Schulter. Wir gehen eine gute Stunde und fragen jeden, der uns über den Weg läuft, jeden Feldarbeiter, jeden Bauern, jede Frau und jedes Kind. An allen Häusern und Höfen bleiben wir stehen und fragen. Aber niemand hat je eine Sales-Lady gesehen. Auch nicht die Hochzeitsgesellschaft, die sich unter Bäumen versammelt, von denen riesige Jackfrüchte hängen. Die Männer sind damit beschäftigt, die Pferde vor die bunt bemalten und mit Blumengirlanden geschmückten Holzkutschen zu spannen. Darauf sitzen schon die Frauen in ihren festlichen Saris und haben bei dem Geruckel Mühe, die Geschenkschachteln und Tontöpfe festzuhalten. In ihnen befindet sich goldbraun glänzender Mishti Doi.
Kerstin Humberg, Beraterin bei McKinsey, hat mit ihrer Doktorarbeit »Poverty Reduction through Social Business? Lessons learnt from Grameen Joint Ventures« in Bangladesch die erste wissenschaftliche Evaluation zu Grameen Danone vorgelegt und über das Projekt des französischen Wasserdienstleiters Veolia Waters geschrieben, der armen Bangladeschi aufbereitetes Flusswasser verkauft. Ihre Arbeit hatte Humberg auf dem Vision Summit in Potsdam vorgestellt. Sie schreibt, dass 175 Sales-Ladies den Joghurt regelmäßig verkaufen. Kein Wunder, dass kaum jemand sie zu Gesicht bekommt. Viele Frauen seien meist nach vier Stunden erschöpft, mehr als drei Dörfer am Tag können sie nicht bedienen. Selbst wenn jede jeden Tag drei Quadratkilometer bearbeitet, könnten sie nur ein Fünftel des Bogra Districts abdecken.395 Um den Verkauf ihres Shokti Doi anzukurbeln, hat Grameen Danone deshalb die internationale NGO Care engagiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg verteilte diese Organsation in Deutschland die noch heute berühmten Care-Pakete. Mittlerweile arbeitet Care mit den üblichen Verdächtigen aus dem illustren Kreis der multinationalen Konzerne zusammen. Wenn man die lange Business-Partner-Liste396 liest, glaubt man in Klaus Werner-Lobos Schwarzbuch Markenfirmen zu blättern, dem Standardwerk der Konzernkritik. Zu den Sponsoren und Partnern gehören Pharmakonzerne, die wegen Menschenversuchen (Bristol-Myers Squibb) und überteuerten Aids-Medikamenten (Abott) schwer kritisiert werden – und natürlich die Coca Cola Company, Cargill, Procter&Gamble, Walmart, McDonald’s und Kraft Foods. Care hat bereits Großkonzernen wie Unilever bei der Einführung ihrer Produkte auf den BOP-Märkten geholfen. Genau genommen fließt das Geld ahnungsloser Spender in die sozial verbrämte Markteroberung von Großkonzernen. Care schickte 19 eigene Verkaufsladies in andere Regionen Bangladeschs und in die Slums von Dhaka zum Haustürverkauf. Sie verkauften zusammen angeblich 16 000 Becher in einer Woche – mehr als 120 Stück pro Frau und Tag. Zu welchen Bedingungen und welchem Lohn, darüber ist nichts bekannt.397
Wir fahren in den östlichen Teil des Bogra Distrikts, an den Fluss Jamuna. So heißt der bangladeschische Teil des Brahmaputra, der 3100 Kilometer lange und wasserreichste Fluss Asiens, der im Himalaja entspringt. Er ist der Hauptstrom in Bangladesch, fließt weiter südlich mit Ganges und Meghna zusammen und mündet im Golf von Bengalen. Das Flussdelta macht den größten Teil des Landes aus, das deswegen immer wieder von schweren Überschwemmungen heimgesucht wird. Bangladesch hat bereits jetzt unter dem Klimawandel zu leiden. Stiege der Meeresspiegel um einen Meter an, läge ein Fünftel des Landes unter Wasser. Das bis zu 14 Kilometer breite Flussbett des Jamuna ist von wandernden Sandbänken, den Jamuna Chars, durchsetzt, auf denen kleine Dörfer gewachsen sind. Der Subdistrikt Sariakandi gehört zu den ärmsten Teilen des Bogra Districts, die Infrastruktur ist dürftig. Die Menschen dort besitzen wenig Land oder nur sandiges, auf dem sie nichts anbauen können. Noch dazu besteht die Gefahr, dass der Fluss, der immer mehr Wasser trägt, das Land mit sich reißt. Nicht wenige haben hier über Nacht Haus und Hof verloren, manche sogar mehrmals. Viele Menschen mussten deshalb wegziehen.
Hier in Sariakandi befindet sich ein Sammelpunkt von Grameen-Danone, an dem einige der insgesamt 280 Kleinbauern ihre Milch abliefern. Vor Sonnenuntergang erreichen wir die kleine Blechhütte, an der die Bauern mit ihren vollen Milchkannen stehen. Zwischen 24 und 26 Taka bekommen die Bauern für den Liter Milch, je nach Qualität, einen festen Vertrag haben sie nicht. Der Preis liegt unter dem lokalen Marktpreis von 30 bis 32 Taka pro Liter.398 Afsal Mondul, ein älterer Mann mit Rauschebart, dicker Brille und einem schmutzigen T-Shirt, das er bauchfrei unter der hageren Brust verknotet hat, sagt, er verdiene höchstens 4 500 Taka im Monat, »das Futter für die Tiere wird teurer, das Essen auch – es reicht nicht zum Leben«. Er hat nur eine einzige Kuh, die höchstens acht Liter am Tag gibt. »Wenigstens«, sagt er, »muss ich die Milch nicht mehr zum Markt bringen, der ist viel weiter weg.« Ein anderer zeigt sich zufrieden. »Ja, ich profitiere«, sagt der deutlich jüngere Mann. Es scheint, als sei es ihm ein bisschen unangenehm, das vor Afsal Mondul zuzugeben. Er könne jeden Tag 40 Liter liefern, was wohl bedeutet, dass er mehr Kühe besitzt. Jeder zweite Bauer hat für Grameen-Danone einen Mikrokredit von 10 000 bis 20 000 Taka aufgenommen, um sich eine weitere Kuh zu kaufen. Zwar fänden die meisten Bauern ihr Einkommen zu niedrig, doch Humberg betont, sie empfänden es positiv, dieses regelmäßig zu bekommen. Damit hätten sie eine Sicherheit auch dann, wenn die Marktpreise niedrig seien; das ist in der Regenzeit der Fall. Darüber hinaus seien sie nicht an Danone gebunden und könnten die Milch auch an andere Haushalte und auf dem Markt verkaufen. 399 Abhängig sind sie auf gewisse Weise aber doch: Denn von dem wenigen Geld müssen sie auch noch die verzinsten Kredite bezahlen, die sie für die Milchkühe aufgenommen haben. Während Danone von den günstigen Preisen profitiert. »Ich kann meine Milch nicht von sozialen Farmen kaufen, wenn die Milch dort 40 Prozent teurer ist, sondern muss die Milch so kaufen, dass ich zwar social impact erzeuge, aber keine zu hohen Kosten habe«, sagt Jochen Ebert von Grameen-Danone.400
Die Sales-Ladies können von ihrem Einkommen nicht leben und müssen sich in den Dörfern beschimpfen lassen. Den Armen ist der Joghurt zu teuer; stattdessen kauft ihn die urbane Mittelschicht. Ob er wirklich gegen Mangelernährung hilft, ist bislang nicht untersucht worden. Die Angestellten verdienen weniger als den staatlichen Mindestlohn. Und die Bauern müssen sich oft ebenfalls mit Preisen unter dem Marktwert zufrieden geben. Die Fabrik des börsennotierten Konzerns Danone, Jahresumsatz – man kann es nicht oft genug erwähnen – 15,2 Milliarden Euro, kann sich nur deshalb halten, weil sie die Preise so niedrig hält. Das aber ist nicht sozial, sondern Business as usual. Oder, wie es Jochen Ebert beschreibt: »Es ist einfach eine Zurechtrückung eines sozialromantischen Ansatzes, der nur dann funktioniert, wenn ich auch Geschäftsprinzipien ›kaltblütig‹ genug einsetze.«401 Indessen freut sich Muhammad Yunus, der stets betont, dass Social Business keine Charity-Veranstaltung sei, in seinem Buch mit dem hochtrabenden Titel Social Business. Von der Vision zur Tat: »Die Fabrik in Bogra ist inzwischen vollkommen ausgelastet, und das ist eine große Leistung. Der nächste Meilenstein wird das Erreichen des Kostendeckungspunktes sein, an dem die Einnahmen die Ausgaben decken. Bald darauf wird das Unternehmen dann einen Überschuss erwirtschaften, der in den weiteren Ausbau des Betriebs investiert werden kann.«402 Amen. Die zweite Grameen-Danone-Fabrik soll in Kürze nahe Dhaka eröffnet werden. Vermutlich, damit die dortigen Supermärkte noch besser damit bestückt werden können. Auf die Frage, ob die Konzerne ihn nur benutzen würden, um sich ein besseres Image zu verschaffen, antwortete der Banker ungewollt sinnfällig: »Vielleicht benutzen sie mich. Vielleicht benutze ich sie aber auch. Hauptsache, etwas Gutes entsteht.«403
Yunus freut sich im selben Buch schon auf weitere Geschäfte seines Joint Ventures mit Danone. So schreibe man nur noch »Shokti+« auf die Joghurtprodukte, »um Grameen Danone bei der künftigen Expansion auf andere Produktbereiche mehr Freiheit zu verschaffen – etwa bei in Flaschen abgefülltem Mineralwasser oder Babynahrung.«404 Was Flaschenwasser und künstliche Babynahrung in armen Ländern anrichten, habe ich bereits beschrieben. Kritiker wie der bangladeschische Wirtschaftswissenschaftler Anu Muhammad werfen Yunus vor, gezielt multinationale Konzerne ins Land zu holen und sich gleichzeitig für den Abbau staatlicher Strukturen bei Bildung, Gesundheit, Wasser- und Energieversorgung und in der Landwirtschaft einzusetzen. Davon profitiert nicht zuletzt Yunus selbst: zu seiner »Grameen Family« gehören 40 Firmen, die in allen wichtigen Wirtschaftszweigen des Landes tätig sind.
Dabei ist es keinesfalls so, dass die Apologeten des Social Business, die den Staat ablehnen, nicht doch die Hand aufhalten, wenn es um Staatsknete geht: Lebensmittelkonzerne wie Danone versuchen bereits, in der EU durchzusetzen, dass sie für ihre Social Businesses Geld aus dem Entwicklungshilfetopf bekommen.405 Und auch Yunus plädiert für Steuerbegünstigungen von Social Business. Der bangladeschische Handelsminister Faruk Khan stellte bei einem Social Business Kongress in Dhaka eine Steuerermäßigung von zehn Prozent in Aussicht. Dabei zahlen ja schon Unsocial Business-Firmen zu wenig Steuern in ihren Produktionsländern: Das britische Hilfswerk Christian Aid schätzt, dass den Entwicklungsländern pro Jahr 160 Milliarden Dollar dadurch verloren gehen, dass multinationale Konzerne ihre Gewinne mit fiktiven Transferpreisen oder gefälschten Rechnungen in Länder schaffen, in denen sie wenig bis keine Steuern bezahlen müssen. Christian Aid hat den Zusammenhang von Steuereinnamen und Kindersterblichkeit in den Jahren 1960 bis 2006 ausgewertet und kommt zu dem Schluss, das jedes Jahr 35 000 Kinder weniger sterben würden, wenn die Konzerne ihre Steuern korrekt bezahlen würden.406
Muhammad Yunus’ Zusammenarbeit mit multinationalen Großkonzernen hat nicht erst mit Social Business begonnen. 1998 hatte Yunus auf einem Mikrokreditgipfel in den USA ein Joint Venture ausgerechnet mit dem hoch umstrittenen Saatgutkonzern Monsanto verabredet, der mit genmanipuliertem Saatgut und Pflanzenschutzmitteln handelt. In Bangladesch, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebt, wollten Yunus und Monsanto das »Grameen Monsanto Netzwerk« einrichten. Dort sollten Mikrokreditnehmerinnen Saatgut und Pestizide als Sachkredit erhalten und an Bauern verkaufen. 150 000 Dollar wollte Monsanto investieren. Wenn man Arme dazu benutzt, andere Arme ins Verderben zu stürzen, reicht offenbar schon eine Investition von einem halben Prozent des jährlichen Werbebudgets.407 Als Yunus’ Flirt mit Monsanto bekannt wurde, gingen die Bauernverbände in Bangladesch auf die Barrikaden, internationale Kritiker des Konzerns starteten eine Kampagne, und schließlich gab Yunus das Projekt auf. Erfolgreicher war der Unternehmer und Banker allerdings mit dem Aufbau des größten Telefonanbieters seines Landes. Grameen Phone ist ein Joint Venture zwischen Grameen Telecom und der norwegischen Telefongesellschaft Telenor. Hier fand sein Prinzip der Grameen-Ladies erstmals Anwendung. Von 2000 an erhielten Frauen einen Kredit, um sich ein Handy kaufen zu können. Die Phone-Ladies sollten damit durch die Dörfer gehen und die Bewohner gegen Geld damit telefonieren lassen. Auch dieses Projekt wurde als Armutsbekämpfung verkauft. Tatsächlich schien das Business zunächst zu funktionieren. 50 000 Phone-Ladies konnten ein Einkommen generieren. Doch Grameen Phone versuchte mit allen Mitteln, die Zahl der Verkaufsladies zu erhöhen. Das führte dazu, dass sich dutzende Phone-Ladies in den Dörfern auf die Füße traten. 2005 gab es bereits 280 000 solcher Frauen, die von Grameen in einen verzweifelten Konkurrenzkampf um Kunden geschickt wurden. In der Folge sank das Einkommen der Frauen rapide. Selbst ein Mitarbeiter der Grameen Bank gab damals zu: »Heute bleiben Frauen, die ins Telefonbusiness einsteigen, arm.«408 Grameen Phone ist heute der größte Telefonkonzern des Landes mit dem größten Umsatz von ganz Bangladesch. Den Löwenanteil (55,6 Prozent) hält der norwegische Telefonkonzern Telenor (Umsatz: rund drei Milliarden Euro). Weil es mittlerweile 30 Millionen Mobiltelefone in Bangladesch gibt und die Preise rapide gesunken sind, braucht keiner mehr die Phone-Ladies. Sie sind jetzt vor allem die Protagonisten von Yunus’ Gründungsmärchen von Grameen Phone.
Es ist sieben Uhr und schon stockfinster, in Bangladesch geht die Sonne früh unter. Shahidurs Lieblingsort ist am Ende eines gemauerten Damms direkt am Wasser. Das leise Plätschern des großen Wassers mischt sich mit den Gesprächsfetzen aus der Teestube am Ufer. Schwarz erheben sich die Bäume der Flussinsel ins Nachtblau. Dann wächst ein orange leuchtendes Rund in den Himmel, ein fast voller Mond schiebt sich über die Baumwipfel und schickt kleine goldene Kreisel über das dunkle Wasser. »Siehst du«, flüstert Shahidur, »darum liebe ich mein schönes Land!«
Weitere Business-Samariter: Adidas, BASF und Otto
Wenn die gescheiterte Danone-Fabrik noch immer als Vorzeigemodell gilt – wie ist es dann erst um die anderen Social Businesses bestellt, die ebenfalls in Bangladesch ansässig sind? 2009 gab es einen regelrechten Boom: Im März verkündete der weltgrößte Chemiekonzern BASF, in Kooperation mit Muhammad Yunus mit Insektiziden präparierte Moskitonetze und Beutel mit Nahrungsergänzung an Arme zu verkaufen. Im November ließ das weltgrößte Versandhaus Otto verlauten, in Bangladesch eine »soziale Textilfabrik« errichten zu wollen. Und im selben Monat kündigte Adidas an, einen »Turnschuh für Arme« herzustellen, der vor Infektionen schützen soll. »In Bangladesch soll niemand mehr barfuß laufen«, sagte Yunus und versprach zur Überraschung von Adidas, dass der Schuh nur einen Dollar kosten werde.409 Michael Otto schwärmte, seine »Fabrik der Zukunft« solle »Vorbild werden für die Textilproduktion in Bangladesch und für ähnliche Fabriken auf der ganzen Welt«.410
Doch außer großen Worten hat man wenig von diesen Joint Ventures gehört. Distanzieren sich die Konzerne von Yunus, weil sein Stern nicht mehr so hell strahlt? Muhammad Yunus war zu einer Marke geworden, einem Soziallabel, mit dem sich westliche Konzerne gerne schmückten. Dann aber wuchs die Kritik an seinem Mikrokredit-Modell, in seinem Heimatland wurde Yunus mit Klagen überzogen, und im Mai 2011 schließlich musste er seinen Posten als Vorsitzender der Grameen Bank räumen. Gut möglich, dass die Konzerne, die mit ihm Geschäfte machten, die Gefahr witterten, den Unmut der Regierung auf sich zu ziehen. Das wäre keine gute Voraussetzung, um in Bangladesch Geschäfte zu machen.
»Mit Werten Wert schaffen«, beschrieb BASF-Vorstandsvorsitzender Jürgen Hamprecht das ehrgeizigen Ziel, bis 2013 jährlich 200 000 Moskitonetze zum Schutz vor Malaria und mehr als 15 Millionen Vitaminpäckchen gegen Mangelernährung zu verkaufen. Zur Gründung von Grameen-BASF stellte der Chemiekonzern – Umsatz: 63,9 Milliarden Euro – 200 000 Euro, 100 000 Moskitonetze und eine Million Vitaminpäckchen zur Verfügung.411 Langfristig sollten die Grameen-Frauen die Netze und Säckchen verkaufen. Ähnlich wie beim Shokti-Doi-Joghurt, auf Provisionsbasis und mit einem Mikrokredit als Startkapital. Die Vitaminsäckchen haben es wegen bürokratischer Hürden nie auf den Markt geschafft. Und Moskitonetze sind in Bangladesch überall günstig zu haben. Selbst in den schäbigsten Unterkünften des Landes hängen sie über dem Bett. An extrem Arme verteilen NGOs kostenlos Netze. Ansgar Wille von BASF Grameen Ltd. in Bangladesch sagt, man hoffe, dass die Menschen bereit seien, mehr Geld für Netze auszugeben, die dafür sorgen »dass die Mücke morgen nicht wieder kommt«.412 Ob BASF damit nicht eher lokale Anbieter verdrängt, scheint auch bei diesem Social Business eher Nebensache zu sein. Auch über die Herstellungsbedingungen – die ersten Netze wurden in Thailand produziert – ist nichts bekannt.
Beschichtet sind sie mit dem BASF-Insektizid Fendozin. Thomas Maurer, der Sicherheitsverantwortliche von BASF, räumt Bedenken bezüglich Gesundheitsschädlichkeit aus. Man habe das schlimmste Szenario getestet: »ein Säugling, der die ganze Nacht am Netz nuckelt«, die Menge des Fendozins sei hundertfach unter dem Grenzwert geblieben. Menschenversuche im Dienste der Weltrettung? Neuen Studien zufolge ist es sogar möglich, dass solche imprägnierten Netze die Resistenz von Malariamücken fördern könnten.413
Im Handelsblatt gab Hamprecht zu, mit diesem Social Business auch einen neuen Absatzmarkt ausloten zu wollen: »Das ist für uns ein völlig neuer und zudem kostengünstiger Weg für das Pre-Marketing zur Erschließung neuer Märkte und Kundengruppen.«414
Genau dieser Aspekt bewegte wohl auch Adidas dazu, den »One-Dollar-Trainer« für Bangladesch zu entwickeln. Adidas wollte diesen unter dem Markennamen seiner Tochter Reebook vertreiben. Die ist bereits Marktführer für Sportschuhe in Bangladesch. Dabei handelte es sich gar nicht um einen Turnschuh, sondern um eine geschlossene Sandale. »Ein billiges Paar Laufschuhe kostet hier genauso wenig, wenn nicht weniger«, sagt Kushi Kabir von Nijera Kori. »Während der Regenzeit, wenn die Böden auf den Land so aufgeweicht sind, dass man wadentief in Schlamm versinkt, geht man sowieso barfuß.« Ein Schlappen würde im Matsch stecken bleiben. In Bangladesch, wo 40 Prozent der Menschen unterhalb der Armutsgrenze von 1,35 Dollar pro Tag leben, wäre ein solcher Schuh für die Ärmsten im Verhältnis fast genauso teuer wie bei uns. »Der Schuh ist höchstens interessant für Menschen, die nicht auf dem Land leben und nicht arm sind«, vermutet Kabir. Und vermutlich könnte auch er die Lebensgrundlage der vielen Schuster in Bangladesch gefährden, die von frühmorgens bis spätnachts Sohlen stanzen, nähen und kleben. Gerade mal 40 Taka verdienen sie pro Schuh.415 Warum hilft Menschenfreund Yunus einem multinationalen Konzern dabei, diesen Schuster Konkurrenz zu machen?
Im Herbst 2010 gab es die erste Testphase: 5000 Schuhe wurden für einen Preis zwischen 80 und 120 Taka (0,80 und 1,20 Euro) verkauft.416 Ob sie tatsächlich an Arme vertrieben wurden und was die Ergebnisse der Testphase sind – dazu gibt es nur PR-Antworten von Reebook. Die Testschuhe jedenfalls kommen aus Indonesien. Die Arbeitsbedingungen in indonesischen Textilfabriken sind so miserabel wie die Löhne. Gleichwohl überstiegen beim »One-Dollar-Trainer« die Herstellungskosten immer noch den Verkaufspreis. Ein »Turnschuh für die Armen«, der im Sweatshop hergestellt wird? Das ist zynisch, aber logisch: Ware, die derart wenig Geld kosten soll, muss billig hergestellt werden. Doch faire Löhne sind im Social Business nicht vorgesehen. Es ist erstaunlich, dass Discounter wie Lidl und Kik hierzulande wegen ihrer Beschaffungspraxis und Niedriglohnpolitik heftig kritisiert werden, während Social Business, das nach genau dengleichen Prinzipien arbeitet, eine so große Anerkennung findet. Im November 2011 schließlich gab Adidas bekannt, mit dem Projekt in Bangladesch gescheitert zu sein. Sie hätten, sagte Konzernchef Herbert Hainer, nur Verlust gemacht: drei Dollar (!) habe der Schuh in der Herstellung gekostet – plus 3,50 Dollar Einfuhrzoll. Jetzt will es Adidas in Indien versuchen. Während die Ankündigung des Turnschuhs für die Armen für großes Presseecho sorgte, blieb diese Meldung in den Medien nur eine Randnotiz. Dabei ist Social Business von Adidas schon das zweite, das gescheitert ist.
Im Juli 2011 gab Otto bekannt, dass sich der Zeitplan für die soziale Textilfabrik »durch politische und praktische Komplikationen verzögert« habe.417 Der Baubeginn war für März 2010 geplant, im Jahr darauf hätten die ersten Kleidungsstücke in den Handel kommen sollen. Bis heute ist unklar, ob es die »Leuchtturmfabrik« jemals geben wird. Die wollte Otto nach neuesten Ökostandards bauen lassen, mit ordentlichen Sanitäranlagen, medizinischer Versorgung und Gratismittagessen. Ein sicheres, gut ausgestattetes Gebäude ist in Bangladesch gewiss ein großer Fortschritt. Doch die Menschen, die dort arbeiten, sollen nur den staatlichen Mindestlohn bekommen. Der lag damals, als Otto das Grameen-Joint-Venture verkündete, bei umgerechnet 19 Euro im Monat. Wenig später gab es heftige Proteste der Textilarbeiter auf den Straßen von Dhaka, die vom Militär blutig niedergeschlagen wurden, vier Menschen kamen zu Tode.418 Mehrere Aktivisten wurden verhaftet und gefoltert. Der Mindestlohn wurde auf 34 Euro pro Monat erhöht. Viel zu wenig: die Arbeiter und Gewerkschaften hatten 50 Euro gefordert.
Die Niedriglöhne der bangladeschischen Textilindustrie, in der 2,5 Millionen Menschen arbeiten, sind das Kapital, mit dem das bitterarme Land Investoren locken kann. Unter anderem auch Otto. In dem ZDF-Film »Nähen bis zum Umfallen«419 steht Michael Otto mitten in einer Fabrik. Der Reporter fragt: »Sind Sie nicht ein Ausbeuter, wenn Sie hier produzieren?« Michael Otto (Familienprivatvermögen: ca. 18,7 Milliarden Euro420): »Das sehe ich vollkommen anders. Denn man muss sehen, ohne Aufträge aus Industrieländern können sich Entwicklungsländer überhaupt nicht entwickeln.« Er hätte aber »keinesfalls etwas dagegen«, wenn Mindestlöhne angehoben würden. »Es ist natürlich schon manchmal sehr eigentümlich, dass Konsumenten ein T-Shirt für einen Euro kaufen und sich keine Gedanken darüber machen, dass dann womöglich eine Produktion zulasten der Menschen erfolgt ist. Wenn wir aber eventuell sogar höhere Preise für bestimmte Standards einfordern, dann ist der Konsument nicht bereit, dafür höhere Preise zu zahlen«, sagt Otto, dessen Konzern in der »Otto-Trendstudie« regelmäßig die Kaufbereitschaft ethischer Konsumenten misst. »Der Kunde will’s so!« – ein scheinheiliger Standardspruch, mit dem die Unternehmer Bullshit-Bingo spielen.
Aber auch ein teures T-Shirt ist nicht unbedingt unter besseren Bedingungen hergestellt. Selbst Hess Natur, der deutsche Pionier bei Bekleidung aus Bio-Baumwolle, wurde kritisiert, dass die Öko-Kleider nicht fair hergestellt würden.421 In einem Workshop auf dem Vision Summit in Potsdam verkündete Rolf Heimann von Hess Natur feierlich, dass man künftig mit Yunus kooperieren würde. Zu seinen Grameen-Unternehmen gehört auch eine Textilfabrik. Nach Selbstauskunft eine der fünf bestbezahlenden Firmen des Landes.
Diese Fabrik liegt in der Sonderwirtschaftszone in Savar, etwa eine Autostunde von Dhaka entfernt. Dort treffe ich Arbeiter von Grameen Knitwear. Khorshed Alam, ein Aktivist, der für westliche NGO unter anderem Recherchen in der Textilindustrie durchführt422 und das Institut Alternative Movement for Resources and Freedom Society (AMRF) leitet, hat mir zwei Kolleginnen zur Übersetzung ausgeliehen. Er schärft mir ein: »Nur zu Hause treffen. Unauffällig benehmen. Maximal eine Stunde bleiben.« Wenn man mit Textilarbeitern sprechen will, muss man konspirativ vorgehen, sonst gefährdet man ihren Job. Wir treffen uns vor dem Haus eines Gewerkschaftsmitglieds, die beiden Männer sind noch nicht da. Auf der Wäscheleine hängen riesige Tücher, dahinter werden wir sitzen. Der Mann telefoniert immer wieder, erst heißt es, sie kommen gleich, dann, dass sie abgesagt hätten. »Sie sagen, sie wollen nicht schon wieder Lügen erzählen.« Sie halten mich für einen Einkäufer oder Kontrolleur. Die allermeisten Menschen, die hierher kommen, haben geschäftlich mit der Textilindustrie zu tun und wollen gerne hören, dass in den Fabriken alles in Ordnung ist. Zu solchen Auskünften werden die Arbeiter nicht selten von ihren Bossen genötigt.423 »Bitte, sag ihnen, dass ich Journalistin bin, ich gehöre zu keinem Konzern und keiner Organisation.« Kurz darauf erscheinen zwei nervös wirkende Männer, einer hat ein Kleinkind auf dem Arm. Das meiste, sagen Mohammed und Nasmul********, sei wesentlich besser als in anderen Fabriken, vor allem jenen außerhalb der Wirtschaftszone. Doch mit dem Lohn sind sie nicht zufrieden. Ein ungelernter Arbeiter erhält dort nur wenig mehr als den staatlichen Mindestlohn. Nasmul ist Senior Operator, also in einer gehobeneren Position, eine Art Vorarbeiter. Er sagt, er verdiene 5 000, mit Überstunden 7 000 Taka (67 Euro). Mohammed, er ist erst Operator, verdient 4 200, mit Überstunden ebenfalls bis zu 7 000. Aber nicht immer würden die Überstunden bezahlt: »Nur die gesetzlich erlaubten zwei Stunden zwischen fünf und sieben Uhr.« Doch die Überstunden würden mehr, weil der Arbeitsdruck wachse – was nicht zuletzt daran liegt, dass sich immer mehr Unternehmen von Sozialmaskottchen Yunus angezogen fühlen. Auch C&A und Tchibo wollen in der Fabrik produzieren lassen, sagt Korshed Alam. Doch ausgerechnet die gestiegene Nachfrage von Firmen, die ihre Lieferkette sauber halten wollen, bringt die Arbeiter in die Bredouille. Nasmul sagt, wenn es viele Aufträge gebe, würden sie manchmal vom Management genötigt, nachts weiter zu arbeiten, manchmal bis zwei Uhr morgens. Wenn sie ihr Arbeitsziel nicht erreichten, würden sie vom Management beschimpft, es würde ihnen mit Kündigung gedroht. Gewerkschaftsarbeit sei ebenfalls nicht gern gesehen. »Und wenn wir mehr Geld fordern, gibt es Druck«, sagt Mohammed. Nasmul hat eine Familie mit drei Kindern, Mohammed schickt seinen Eltern auf dem Land Geld. »Wir bräuchten mindestens 9 000 Taka«, sagen sie. Es gebe Fabriken in der Zone, die würden viel besser bezahlen. Das bestätigt auch Khorshed Alam: »Grameen Knitwear bezahlt zwar ganz okay, aber es gibt Fabriken in der Wirtschaftszone, die zahlen mehr.«
Im Juli 2011 revoltierten die Arbeiter der sozialen Fabrik: Sie warfen Fensterscheiben ein und versuchten, Kartons mit Kleidern anzuzünden. Ihre Forderung: eine Erhöhung von Fahr- und Essensgeld und eine Beteiligung am Unternehmen. Der Geschäftsführer von Grameen Knitwear nannte die Forderungen »irrational«. Die Ausschreitungen waren so heftig, dass die Fabrik vorübergehend geschlossen werden musste.424 Vielleicht ist dieser Vorfall ein weiterer Grund für Otto gewesen, das Projekt der eigenen »Vorzeigefabrik« einzufrieren. Jedenfalls zeigt er, dass es kaum möglich ist, unter den kompetitiven Weltmarktbedingungen sozial gerecht zu produzieren. Existenzsichernde Löhne sind einfach nicht drin.
Kritik unerwünscht
In Wiesbaden steht Hans Reitz strumpfsockig auf dem Flur seines Büros und wühlt in seinem dunklen Wuschelhaar. Seine schwarze Hose ist hochgekrempelt, er trägt bunte Socken und einen Oversize-Pulli. Reitz ist der deutsche Statthalter von Muhammad Yunus, nach einem Treffen mit ihm 2007 hat er in Wiesbaden das Grameen-Creative Lab gegründet, das Unternehmen zu Social Business berät. Er war außerdem an der Gründung der deutschen Joint Ventures von BASF, Adidas und Otto mit Yunus beteiligt.
Reitz’ Büro ist im schnörkeligen Philippe Starck-Stil eingerichtet. In seinem Regal steht der Bildband The Power of Dignity. The Grameen Family. Auf dem Cover sieht man eine Frau im Sari vor einer Blechhütte. In der gelb beleuchteten Nische des weißen Regals wirkt das fast wie ein Bildnis der heiligen Jungfrau Maria vor dem Stall von Betlehem.
Oft trägt Reitz einen Schlapphut, sein Outfit ist sein Markenzeichen: sozial Engagierte sind empfänglich für den alternativen Touch, Unternehmer werten das als kreativ. Immer wieder erzählt Reitz von seinem »Überlebenskampf«425: er ist Sohn einer alleinerziehenden Mutter und wächst mit sechs Geschwistern in einem Dorf bei Regensburg auf. Mit 14 bricht er die Schule ab und jobbt in einem Sportladen. Mit Anfang 20 reist er nach Indien und lebt dort sieben Jahre »ein einfaches Leben«.426
Auf Kongressen hält er Vorträge, bei denen er, wie sein Vorbild, »the beautiful Gentleman Professor Yunus«, an Pathos nicht spart: »Es liegt in meiner DNA, meine Fähigkeiten dazu zu nutzen, anderen zu helfen«,427 sagt er dann. Oder: »Alle, die wir Wirtschaft betreiben, machen das für den Menschen, für die Schöpfung, für die anderen wunderbaren Wesen, die wir haben.«428 Neben seinem Social Business arbeitet er auch für nicht eben der Weltrettung verdächtige Großkonzerne wie Allianz, Adidas, BASF, Bertelsmann, E.on und Price Waterhouse Coopers. Er ist Gründer und Geschäftsführer der mehrfach preisgekrönten Event-Agentur Circ (Motto: »Leistung bedeutet Verantwortung. Verantwortung bedeutet Leistung«).429 Mit Inszenierungen kennt sich der 44-jährige also gut aus.
In das Grameen Lab hat Reitz 700 000 Euro investiert. Neben dem Grameen Creative Lab und der Event-Agentur hat der »Tausendsassa« (Wirtschaftswoche) eine Kaffeehauskette und ein Kindermodengeschäft gegründet, er betreibt außerdem ein afghanisches Restaurant in Wiesbaden. Den Jahresumsatz seiner Unternehmen schätzt er auf 20 Millionen Euro.430 Sein Gehalt, das er sich selbst auszahlt, sei gut 30 Prozent niedriger als sein Gehalt als Agenturchef. In den Leitlinien des Grameen Creative Lab steht, dass ein Geschäftsführer nie mehr als das Siebenfache des deutschen Durchschnittseinkommens verdienen dürfe. Für Wirtschaftsmagazine grenzt das an Kommunismus. Doch die »maximal 210 000 Euro im Jahr«, die Geschäftsführer gezahlt bekommen, sind immerhin 17 500 Euro brutto im Monat. Das übersteigt sogar den durchschnittlichen Lohn von Geschäftsführern in der Industrie: mit im Schnitt 186 165 Euro pro Jahr verdienen sie in Deutschland am meisten.431 Doch Reitz mache bei 90 000 Euro Schluss, 7 500 Euro brutto im Monat, »das reicht doch für ein gutes Leben«, schließlich sei es für ihn »eine Riesendose Freude, diese Arbeit zu machen«.432 In den Leitlinien des Grameen Social Lab ist ebenfalls festgelegt, dass die Mitarbeiter einen »marktgerechten Lohn« bekommen sollen. Marktgerechte Löhne, das sagt schon der Name, orientieren sich am Markt: Es sind wettbewerbsfähige Löhne. Darüber hinaus beschäftigt das Grameen Creative Lab »Volunteer Social Business Consultants«, die unentgeltlich drei Monate Vollzeit arbeiten.433 Aber wer wollte schon auf schnödes Geld pochen, wo es doch um die Rettung der Welt geht? Außerdem kann man sich ja jeden Tag eine »Riesendose Freude« aufmachen, und mit etwas Glück mal mit Yunus telefonieren.
Darauf angesprochen, warum die Social Businesses in Bangladesch hinter ihre Versprechen zurückfallen, sagt Reitz: »Wenn wir Geschäfte machen in einem Land, das zu den am wenigsten entwickelten der Welt gehört, ist es ganz normal, dass es in der Phase der Realisierung Herausforderungen gibt. Die Social Business-Idee ist in einer absoluten Pionierphase, man sollte das nicht überbewerten.« Weitere Sprüche aus dem Business-Bullshit-Bingo: »Das geht nicht von heute auf morgen.« – »Das ist ein Prozess.« – »Wir sind ja erst am Anfang.« – »Wir müssen lernen.« Das sind die Antworten, die ich in meinen Interviews für Enorm jedes Mal bekomme, wenn ich frage, wie die wohlfeilen Sozial- und Öko-Bemühungen das schädliche Kerngeschäft aufwiegen sollen. Bangladesch gilt als »Versuchslabor« der Konzerne für Social Business. Entsprechend betonen dessen Apologeten gerne »Lernkurven«434 der Unternehmen. Die Lebensrealität der Versuchskaninchen verkommt auf diese Weise allenfalls zur Maßeinheit wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit.
»Es sind mit Sicherheit alle Projektpartner in einer selbstlosen Art und Weise dort hingegangen und versuchen das nach vorne zu bringen. Es waren keine Interessen da, den Markt dorthin zu bringen, das können Sie mir glauben«, beteuert Reitz, ja, leicht gereizt. Hm hm. Jaja.
Selbst leiseste Kritik, das spürt man schnell, ist unerwünscht.
Auf meinen Artikel in Enorm darüber, wie weit die Social Businesses in Bangladesch hinter ihren Ankündigungen zurückbleiben, hagelte es aus der Weltretterszene Leserbriefe, die zum Teil feucht von Wuttränen waren. Die Besonneneren wären aber schon damit zufrieden gewesen, wenn das Heft von den Kiosken zurückgezogen und im nächsten eine Richtigstellung gedruckt worden wäre.
»Einige Leute erfinden einfach Geschichten, wie es ihnen passt«, wischte auch Muhammad Yunus den Einwand des Handelsblatt-Korrespondenten Helmut Hausschild vom Tisch, dass es auch gegen die Grameen Bank Vorwürfe gebe, sie treibe ihre Kunden in die Überschuldung.435 Dafür gibt es genug ernstzunehmen Belege. Doch gemäß dem TINA-Prinzip erteilen die Marktapologeten lieber Redeverbote, statt mit ihren Kritikern zu diskutieren. Dabei hatten alle beschriebenen Konzerne genug Gelegenheit, meine Bedenken zu zerstreuen: jeden einzelnen und auch das Yunus Center in Bangladesch hatte ich sogar schriftlich gebeten, Stellung zu nehmen. Bis auf Otto und Reebook (die mir eine nichtssagende Standardpressemitteilung schickten) habe ich bis heute auch auf Nachfrage keine Antwort bekommen.
Social Business und
Mikrokredite in Deutschland:
Neuauflage der Ich-AG
»Soziales Unternehmertun kann jeder. (…) Mit Social Business können wir praktisch das ganze Problem der Arbeitslosigkeit lösen. Wir können den Menschen helfen, aus der Fürsorge herauszukommen. Niemand braucht mehr Sozialhilfe. Die Menschen können für sich selbst sorgen.« Das sagte Muhammad Yunus bei seinem dritten Auftritt auf dem Vision Summit 2009 und warb so auch für eine Umsetzung des Social Business in Deutschland.436 Es ist das übliche Eigenverantwortungsgebrumm, mit dem Gerhard Schröder den Bürgern das umfassende Programm zur Zerstörung des Sozialstaats, die Agenda 2010, schmackhaft machen wollte. Dazu gehörte auch die so genannte Ich-AG, eine staatlich geförderte Existenzgründung für Arbeitslose. Auch Peter Hartz sprach damals pathetisch von »Fesseln durchschneiden« und »neue Kräfte freisetzen«.437 Als anekdotische Evidenz wurde in sämtlichen Medien und selbst auf Plakaten die Fotografin Merit Schambach angeführt, die in Berlin-Kreuzberg den »Senfsalon« gegründet hat und ihre Kreationen vom Himbeer- bis zum Knoblauchsenf in ganz Deutschland vertreibt. 2,1 Millionen solcher Ein-Mann-Unternehmen gibt es heute in Deutschland. Doch viele der Zwangsgründer – laut Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sind rund zwei Drittel dieser Kleinstunternehmen Notgründungen – kommen nur knapp über die Runden: Ein knappes Fünftel ist armutsgefährdet, 8,7 Prozent der Selbstständigen gelten als arm. Frank Wiessner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagt, dass es nur denen besser gehe, die verheiratet seien und sich auf ein zusätzliches Einkommen verlassen könnten. Dieser Anteil der Ich-AGs betrage aber nur 20 Prozent.438 Für das Alter: selber sparen. Für die Gesundheit: selber sorgen. Für sein Auskommen: anstrengen! Wer’s nicht hinkriegt: selber schuld. Ich-AG, die positive Umschreibung des mit sämtlichen Risiken Alleingelassenen als »eigener Herr«, wurde zum Unwort des Jahres 2002.
Andreas Heineke ist einer der bekanntesten Sozialunternehmer Deutschlands; er und seine Idee wurden bereits in vielen Magazinen porträtiert. In der Hamburger Speicherstadt betreibt er die Ausstellung »Dialog im Dunkeln«. Dabei sollen Blinde die Besucher durch dunkle Räume führen, um Verständnis für ihre Welt zu schaffen. Ohne Zweifel eine tolle Idee. »Dialog im Dunkeln« hat 110 Mitarbeiter und Ableger in 30 Ländern. Heineke sagt: »Wir haben uns vom Gutmenschentum befreit und nutzen normale betriebswirtschaftliche Prozesse. Auf der anderen Seite sind wir ein stromlinienförmiges Unternehmen. Wir müssen genau kalkulieren und unsere Finanzen planen, um am Markt zu bestehen.« Heineke, der immer wieder als Erfolgsbeispiel angeführt wird, zweifelt jedoch an dem Modell: »Social Entrepreneurship verträgt sich nicht mit finanziellem Erfolg. Wir müssen uns fragen, ob das Modell des Unternehmertums im sozialen Bereich wirklich das richtige ist.«439
Dennoch ist die Politik vom Sozialunternehmertum begeistert. Die Bundesregierung hat ein öffentliches Förderprogramm für Sozialunternehmer aufgelegt: Soziale Unternehmer können bis zu 200 000 Euro von der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau als Eigenkapital bekommen – unter der Voraussetzung, dass sich ein weiterer Investor daran beteiligt. Die Europäische Union hat ihrerseits einen Social-Enterprise-Fonds mit 90 Millionen Euro aufgelegt.440 Das Thema Social Entrepreneurship soll sogar in Schulen einziehen: Die Schwab Stiftung (deren Gründer Klaus Schwab hat auch das Weltwirtschaftsforum gegründet, ein Symbol der neoliberalen Globalisierung wie der G 8-Gipfel), Intel und verschiedene Universitäten haben bereits Unterrichtsmaterial für die Klassen acht bis zwölf vorbereitet.441 Damit soll wohl den Schülern so früh wie möglich vermittelt werden, dass der Staat ein Nichtsnutz ist und sie künftig für sich selbst verantwortlich sind. Beim Vision Summit 2011 waren bereits verschiedene Projekte zu Gast, die Kindern unternehmerisches Handeln und Denken beibringen wollen. Etwa die Initiative Rock it Biz: Hier lernen Schüler zum Beispiel, wie sie Investoren finden können, wenn sie etwa ihr Klassenzimmer verschönern wollen. Wenn irgendwann mal die Kommunen so klamm sind, dass sie kein kaputtes Schuldach mehr reparieren lassen können, wissen die Kinder dann wenigstens, wie man sich selbst darum kümmern kann. »Mehr und mehr Kinder werden so zu aufgeschlossenen, aktiven Menschen, die mit Selbstbewusstsein ihr eigenes und das Leben der Gesellschaft positiv gestalten«, heißt es bei Rock it Biz. »Je besser sie diese Aufgabe mit Selbstvertrauen, eigenen, neuen Ideen und Horizonten vor Augen lösen, desto besser werden sie sich fühlen, leichter ihre Ziele erreichen und weniger auf die Hilfe von außen angewiesen sein. Sie werden nicht auf irgendetwas warten, sondern aus sich heraus andere Menschen ermutigen, es ihnen gleichzutun.« Der Verein lebe nur von Spenden und agiere unabhängig von Unternehmen und Institutionen, »aber im Dienste der Sache«.442 Da überrascht es kaum, dass der Vision Summit 2012 unter dem Motto »Education!« steht – und man kann sich jetzt schon denken, dass bei all den »Bildungsinnovationen«, die dort verhandelt werden, die Verantwortung des Staates, bessere Bildung für alle zu garantieren, nicht die Hauptrolle spielen wird.
Zur ersten »Social Business City« Deutschlands hat sich Wiesbaden erkoren. Hans Reitz überzeugte lokale Unternehmer überzeugt, Geld für einen Social Business Fonds bereitzustellen. Es gibt bereits das Programm »Social Business Women«, das vom Unternehmensberater Thomas Schirmer vom Verein »Berufswege für Frauen« geleitet wird. Darin werden sozial benachteiligten Frauen, Alleinerziehenden und Migrantinnen, Kredite zwischen 5000 und 10 000 Euro zur Existenzgründung gewährt – zu acht Prozent Zinsen. Von dem Kredit müssen sie – Eigenverantwortung! – auch noch die Beratungen zahlen, die innerhalb des Projekts verpflichtend sind. So fließen 20 Prozent des Kredits zusätzlich zu den Zinsen wieder in den Verein.443 Der hat so volle Sicherheit, die Frauen das ganze Risiko.
Was, bitte schön, ist jetzt daran sozial? Nun bin ich selbst nicht sozial benachteiligt, aber mit Selbstständigkeit kenne ich mich als freie Autorin gut aus. Hätte ich statt des Existenzgründungszuschusses vom Arbeitsamt einen Kredit aufgenommen, müsste ich also gleichzeitig Aufträge an Land ziehen, meinen Lebensunterhalt davon bestreiten, fürs Alter vorsorgen und den Kredit abbezahlen – dann hätte ich wohl längst Privatinsolvenz anmelden müssen. Selbst wenn ich nebenbei noch versucht hätte, selbst gemachte Marmelade zu verhökern oder Hunde auszuführen.444
Mikrokredite werden in Deutschland zunehmend populär – unterstützt von der deutschen Regierung. Mittlerweile gibt es sogar 50 Mikrofinanzorganisationen in Deutschland, oft arbeiten sie mit den Arbeitsagenturen oder den Landesregierungen zusammen. Mit Geld aus dem Europäischen Sozialfonds wurde der Mikrokreditfonds aufgelegt, der seit Januar 2010 bisher 3200 Kredite vergeben hat. Darin stecken 100 Millionen Euro vom Bund und der EU. Ausgerechnet die ökosoziale Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken, die GLS Bank, ist in Deutschland der größte Vermittler von Mikrokrediten. Sie gibt den Mikrofinanzorganisationen Geld zu 7,5 Prozent Zinsen, die verleihen es zu einem höheren Satz weiter. Laut GLS darf der effektive Zinssatz maximal 8,9 Prozent betragen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und das Bundeswirtschaftsministerium sichern die Deals ab. Seit Anfang 2010 hat die GLS-Bank schon 4500 Mikrokredite von durchschnittlich 6000 Euro abgewickelt. Die Bank hat für ihr »Engagement« den »Preis für nachhaltige Entwicklung« von der Bundesregierung bekommen. Die Regierung will Mikrofinanzorganisation sogar mit einer Art Provision locken: Sie bekommen 800 Euro pro abgeschlossenem Kreditvertrag.445
Bis 2015 will die GLS-Bank jährlich 5000 neue Kreditnehmer dazugewinnen. Auch die GLS-Bank kann, wie Mikrofinanzorganisationen, als Erfolg nur die Rückzahlungsquote (97,8 Prozent) nennen. Und natürlich: schöne Geschichten. Sie finden sich auf der Homepage der Bank, die ihren Kunden verspricht: »Hier macht Geld Sinn.« Ausgerechnet ein Unternehmen, das »Golfmode für junge Leute« herstellt, gilt der GLS-Bank dort als Vorzeigeunternehmen.446 Echt? Golf? Nicht nur, dass große Flächen in den schönsten Naturlandschaften dafür hergenommen werden und für die Allgemeinheit nicht mehr zugänglich sind. In heißen Ländern wie Ägypten und Spanien werden die grünen Plätze, auf denen sich die Reichen von Loch zu Loch langweilen, mit wertvollem Trink- oder gar Grundwasser – ebenfalls auf Kosten von Allgemeinheit und Natur – bewässert, außerdem werden Pestizide zur Rasenpflege eingesetzt. In Entwicklungsländern wurden auch schon wertvolle Wälder für die Anlage von Golfplätzen abgeholzt und Kleinbauern vertrieben. Und da ist Geld tatsächlich sinnvoll eingesetzt?
Die »soziale Elite« von morgen
Nur 20 Kilometer westlich der »Social Business City« Wiesbaden, in Oestrich-Winkel im Rheingau, steht die European Business School (EBS), eine Privatuniversität, die sich als »unternehmerische Elitehochschule« und »Top-Adresse für die Führungelite von morgen« versteht. 850 Studenten zahlen hier 5000 Euro pro Semester für ihre Eintrittskarte in die Elite. Ein Drittel von ihnen geht später in die Steuerberatung, ein Drittel in die Finanzbranche.447 Julia Friedrichs besuchte für ihr Buch Gestatten Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen ein Symposium der EBS. »Survival of the fittest«, stand in der Einladung, Guido Westerwelle (FDP) hielt die Eröffnungsrede. Dabei nannte er die begeisterten Anzug- und Siegelring …, Entschuldigung: Leistungsträger »Exzellenzen«. Bei Testwahlen im dritten Semester, schreibt Friedrichs, hätten 80 Prozent der Studenten FDP gewählt. Doch Westerwelle mahnt auch an das »soziale Gewissen« der Studenten: »Nicht nur der Stärkste soll überleben, sondern auch der Schwache und Schwächste.«448 Christopher Jahn, damals Präsident der EBS, wollte dem elitären Nachwuchs ebenfalls Moral einimpfen. Er gehört zu den Verfechtern eines Eids für Manager, mit dem der Nachwuchs der Gier abschwören und sich zur Moral in der Wirtschaft bekennen soll.449 Er selbst hat sich am wenigsten daran gehalten: Der Ökonom hatte selbst einige Funktionen in der Unternehmensberatung Brain Net inne und soll laut Staatsanwaltschaft Scheinrechnungen über mindestens 180 000 Euro an sich selbst oder seine Firmen ausgestellt haben. Auf diese Weise hat er öffentliches Geld veruntreut: Die Hochschule wird vom Bund gefördert, während öffentliche Universitäten des Landes Hessen vor sich hinrotten. Trotz des Skandals sollen weitere 24,7 Millionen Euro für den Aufbau der Jurafakultät dort fließen.450 Wie sinnfällig, dass das neueste Gebäude auf dem Campus nach dem CDU-Politiker Walther Leisler Kiep benannt ist, der in Kohls Spendenaffäre verwickelt war. Für die Eliteuni gilt die Berufung eines solchen Gewährsmanns offenbar als Ansporn. Nur ein halbes Jahr nach der Betrugsaffäre geriet die EBS abermals wegen Veruntreuung von Steuermitteln in die Schlagzeilen: Sie musste knapp eine Million Euro an das Land Hessen zurückzahlen. Grund: Die Hochschulvertreter mieteten sich für Termine in Berlin Luxuslimousinen, zu »Strategiemeetings« traf man sich in einem Schweizer Vier-Sterne-Hotel, und in »Workshops« auf Mallorca planschten Professoren im Robinson Club im Hotelpool – mit freundlicher Unterstützung der Steuerzahler.451 Und ausgerechnet diese Hochschule hält nun den ersten deutschen Lehrstuhl für Social Business. Gesponsort von, raten Sie mal: Danone.