1

1856, London

Viscount Thomas Armstrong richtete sich kerzengerade auf. Seine Hände umfassten die geschwungenen Lehnen des Sessels, während er Harold Bertrams Worte verdaute. Obwohl der Marquess of Bradford seine Anfrage mit einer Ernsthaftigkeit vorgebracht hatte, wie man sie sonst vielleicht bei einem Geistlichen während einer Beerdigung kannte, flehte Thomas inständig, dass er sich verhört haben möge.

»Wie lautet der Wunsch, den ich dir erfüllen soll?« Obwohl Thomas sanft und ruhig sprach, peitschte die Frage durch die Luft, als ob jemand ein Gewehr abgefeuert hätte.

Der väterliche Freund lachte trübsinnig und warf einen raschen Blick auf die Tür des Herrenzimmers, bevor er sich wieder an Thomas wandte. »Ich … ich bitte dich darum, dass du meine Tochter in deine Obhut nimmst, solange ich mich in Amerika aufhalte.«

Es war bereits die zweite unsägliche Anfrage in ebenso vielen Tagen, die Thomas über sich ergehen lassen musste.

Just am Tag zuvor hatte ein Mitglied des Oberhauses ihm ein Angebot unterbreitet, das manch ehrlichen Menschen unverzüglich auf die Bahn des Verderbens zu schleudern vermochte. Niemals hätte Thomas es für möglich gehalten, dass es noch schlimmer kommen könnte.

Er irrte sich.

Das, worüber Harry sprach, drehte sich nicht um Politik oder tausend Pfund Schmiergeld wie die erste Offerte. Nein, es war hundertmal schlimmer.

»Es wäre bis, äh, bis Neujahr, es sei denn, ich kann meine Verhandlungen früher abschließen.«

Harold Bertram, dem Marquess of Bradford – oder Harry, wie enge Bekannte ihn zu nennen pflegten –, fehlte es nicht an Verstand, obwohl man in diesem Moment durchaus daran zweifeln konnte. In finanziellen und geschäftlichen Angelegenheiten besaß er sogar den schärfsten Verstand weit und breit, und er konnte sich, sofern ihm nicht gerade alles außer Kontrolle geriet, mit einer Eloquenz ausdrücken, wie manch ein Schriftsteller sie niemals erreichte. Seine neunzehnjährige Tochter allerdings war in der Lage, ihn an den Rand der Verzweiflung zu treiben. Doch sie schien selbst die Nerven eines schlachterprobten Soldaten aufreiben zu können, wie Thomas aus eigener Erfahrung wusste.

Er zog die Brauen hoch und starrte den Marquess, der verdächtig stumm geworden war, unverwandt an. In der Tat, Harry musste vorübergehend den Verstand verloren haben. So weit hatte das freche Ding ihn also inzwischen gebracht.

»Falls das ein Witz sein soll, lass dir gesagt sein, dass ich ihn nicht besonders amüsant finde«, erwiderte Thomas, als er sich so weit erholt hatte, dass er wieder sprechen konnte. »Ich verstehe dich doch richtig, dass wir uns über Lady Amelia unterhalten, oder? Es sei denn, du hast irgendwo noch eine andere Tochter versteckt, die nicht so respektlos und streitsüchtig ist wie besagte junge Dame.«

Es folgte ein unbehagliches Räuspern, gefolgt von einem abgrundtiefen, erschöpften Seufzen. »Himmel, vielleicht hast du ja eine Idee, was ich mit ihr anstellen soll? Wenn ich sie mitnehme, habe ich weder die Zeit noch die Kraft, sie davon abzuhalten, überall Unheil anzustiften. Ganz besonders in einem Land, mit dem ich nicht vertraut bin. Zurzeit bist du der einzige Mensch, dem ich so viel Vertrauen entgegenbringe, dass ich mich in dieser Angelegenheit an ihn wenden könnte. Ja, wenn die Reise nicht so bedeutsam wäre, würde ich versuchen, meinen Terminplan zu ändern …« Harry brach ab und blickte ihn flehentlich an.

Bei diesen Worten überkam Thomas ein Anflug von schlechtem Gewissen. Nicht lange, nur wenige Sekunden, aber immerhin. Seiner Einschätzung nach waren die Strapazen einer Geschäftsreise nach Amerika nicht mit jenen vergleichbar, die man auf sich nahm, wenn man Harrys widerspenstige Tochter beaufsichtigte.

Thomas beugte sich vor und krallte die Finger in die gepolsterte Armlehne. »Ich würde es als geringere Zumutung empfinden, falls du mich bitten würdest, stellvertretend für dich den Platz unter der Guillotine oder am Galgen einzunehmen.«

Harrys Augenbrauen zogen sich zusammen, und die Mundwinkel in dem bärtigen Gesicht zuckten leicht. »Ich will offen mit dir sprechen. Meine Tochter scheint wild entschlossen, mich möglichst frühzeitig ins Grab zu bringen. Sie hat es fertiggebracht, sich mit einem weiteren Tunichtgut einzulassen. Und diesmal wäre ich um ein Haar gezwungen gewesen, den nichtswürdigen Clayborough als meinen Schwiegersohn anzuerkennen, wenn mein Kammerdiener nicht aufgepasst und das Schlimmste verhindert hätte.« Er spie den Namen des Mannes mit einem Abscheu aus, als gäbe es keinen widerlicheren Laut auf Gottes weiter Flur.

»Harry«, stieß Thomas mit einem lang gezogenen Seufzer hervor und lehnte sich wieder zurück. »Vielleicht wäre es das Beste, wenn du ihr erlaubst zu heiraten, wen immer sie will. Das schiene mir einfacher, als sie durchs ganze Land zu verfolgen. Das Heiratsalter hat sie schließlich erreicht.«

Soll doch irgendein armer, unglücklicher Kerl daherkommen und sie nehmen, dachte Thomas. Er war sich sicher, dass der Mann schon bald nach der Hochzeit merkte, was er sich da aufgehalst hatte, und öffentlich Zeter und Mordio schrie.

Ein dumpfer Knall erfüllte den hohen Raum, als Harrys Fäuste donnernd auf die glänzende Oberfläche des Mahagonitischs niederfuhren. »Nein! Ein Verschwender wie er ist wirklich das Letzte, was ich als Schwiegersohn gebrauchen kann. Himmel noch mal, mir ist durchaus klar, dass es nicht einfach ist, mit meiner Tochter auszukommen. Aber als Vater ist es meine Pflicht, sie vor solchen Männern zu schützen.« Er senkte seine Stimme. »Ihre arme Mutter würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüsste, was aus ihrer einzigen Tochter geworden ist.«

In den Augen seines Freundes glomm eine zu Herzen gehende Traurigkeit auf, als er seine verstorbene Frau erwähnte. In diesem Moment schämte Thomas sich seines unsensiblen Vorschlags, Harrys Tochter mehr oder weniger zu ermuntern, einen Spieler und Glücksritter zu heiraten. Aber bei Gott, wenn überhaupt jemals eine Frau ein solches Schicksal verdient hätte, dann stand Lady Amelia Bertram sicher ganz oben auf dieser wenig rühmlichen Liste.

Es wäre Wahnsinn, über Harrys Bitte auch nur nachzudenken. Thomas würde den Teufel tun – und doch fühlte er sich als Freund verpflichtet, seine Ablehnung zu rechtfertigen. »Und was soll ich während deiner Abwesenheit mit ihr anstellen? Vermutlich wirst du mir nicht erlauben, sie arbeiten zu lassen?« Der Gedanke zauberte ein kleines bedauerndes Lächeln auf sein Gesicht. Schade, denn nichts weniger hätte sie verdient. Thomas war allerdings überzeugt, dass die verwöhnte junge Lady nicht einmal wusste, was das Wort Arbeit bedeutete. Ganz zu schweigen davon, dass so etwas für sie infrage käme. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie sie ihr keckes Näschen arrogant in die Luft reckte.

Harrys Gesicht jedoch strahlte wie das eines Waisenkinds aus dem East End, das eine funkelnde Krone auf der Straße gefunden hatte. »Also, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Das ist wirklich eine großartige Idee, wenngleich etwas ungewöhnlich. Ja, genau das könnte sie gebrauchen, um sich ein Mindestmaß an Mäßigung anzugewöhnen. Und diesmal bin ich fest entschlossen, ihr eine Lektion zu erteilen. Wohlgemerkt, bei dieser Arbeit darf es sich allerdings nicht um eine niedere Tätigkeit handeln«, fügte er mit ernsterer Miene hinzu.

Thomas staunte: Harry würde ihm tatsächlich gestatten, seine Tochter arbeiten zu lassen. Dabei war seine Bemerkung eigentlich nur scherzhaft gemeint. Amelia bei der Arbeit – welch absurde Vorstellung. Und doch so passend. Lord Armstrong lächelte.

Kurz darauf entdeckte er ein verräterisches Funkeln in den Augen des Marquess, das ihn zur Vorsicht mahnte. Mit Recht. »Vielleicht könntest du sie als Begleiterin deiner Schwestern einsetzen?«

Seiner Schwestern? Thomas erstarrte. Alles, nur das nicht. Diesen Zahn musste er dem guten Harry schleunigst ziehen, bevor Amelia mit Kisten und Koffern auf der Schwelle seines Hauses auftauchte. »In diesem Winter reisen meine Schwestern mit meiner Mutter für sechs Wochen nach Amerika.«

Auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, seiner Familie Lady Amelia aufs Auge zu drücken, käme dem Schrecken einer der zehn biblischen Plagen, die Ägypten heimsuchten, ziemlich nahe.

Seufzend fuhr Thomas sich mit der Hand durchs Haar. »Lieber Himmel, was verlangst du von mir? Du hast uns doch zusammen erlebt. Es würde mir leichter fallen, einen wilden Keiler zu zähmen als deine Tochter. Schon nach einer einzigen Stunde wäre meine Geduld erschöpft. Und dann erst mehrere Wochen. Deine Tochter braucht einen Wachhund.«

Harry presste die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen.

»Vielleicht findest du ja einen passenden Gentleman für sie, der besser geeignet ist, ihr Temperament im Zaum zu halten«, korrigierte sich Thomas. Er durfte nicht vergessen, mit wem er gerade sprach. So nahe Harry und er sich auch standen, der Mann blieb immer noch der Vater der jungen Frau.

Der Marquess zupfte an den Messingknöpfen seiner marineblauen Weste, als sei sie ihm plötzlich zu eng geworden. »Nun, ich kann nicht sagen, dass ich dir einen Vorwurf machen will. Denn ihr zwei habt nicht unbedingt einen vielversprechenden Start hingelegt.«

Ha! Das war wohl stark untertrieben. Genauso gut könnte man behaupten, Waterloo sei nur ein unbedeutendes Geplänkel zwischen rivalisierenden Nachbarländern gewesen. »Das hast du aber vorsichtig ausgedrückt«, meinte Thomas denn auch trocken.

Harry schob den Stuhl zurück und stand langsam auf; Thomas begriff den Wink und erhob sich rasch. Enttäuschung lag auf den Gesichtszügen des Marquess, als er seinem jungen Gast über den mit Federhaltern, eleganten schwarzen Tintenfässern sowie Papier- und Bücherstapeln bedeckten Tisch hinweg die Hand entgegenstreckte.

Thomas empfand mit einem Mal Bedauern. Nicht weil er das Ansinnen abgelehnt hatte, sondern weil er der Bitte nicht guten Gewissens zustimmen konnte. So leid es ihm tat: Solange er sich im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte befand, brachte er das nicht fertig. Niemals.

»Ich weiß, dass du mich nicht kränken willst. Obwohl ich gehofft hatte …« Harry lächelte schwach. »Es ist ein Unglück, dass Amelia sich nicht wenigstens einen Mann aussucht, wie du einer bist …«

Thomas betrachtete forschend den Freund, während er seine Hand drückte. Seit sechs Jahren kannte er Harry nun schon und war sich der tiefen Zuneigung des Mannes deutlich bewusst. Aber es konnte doch nicht sein, dass Harry ihm die Frage in der Hoffnung gestellt hatte, dass Amelia und er …?

Er versuchte, dem Gedanken auszuweichen, bevor er in seinem Kopf Gestalt annahm und sich dort einnistete. Schon die bloße Vorstellung war mehr als absurd, wenngleich es Harry zu Jubelschreien veranlassen würde, falls er sich derartige Gefühlsausbrüche überhaupt erlaubte. Eine Verbindung zwischen Amelia und ihm würde ihm nicht nur einen Schwiegersohn bescheren, den er bewunderte und respektierte, sondern der darüber hinaus genügend Standfestigkeit besaß, seine eigenwillige Tochter im Griff zu halten.

Dunkles Gelächter drang Thomas aus der Kehle. »In der Tat, das wäre eine Verbindung, die dem Feuer der Verdammnis Ehre machen würde.«

Harry verzog die Lippen zu einem dünnen Lächeln. »Ja, so scheint es.«

Schweigend gingen die Männer zur Tür des Herrenzimmers und blieben dort stehen. Harry legte die Hände auf Thomas’ breiten Rücken und klopfte ihm zweimal fest auf die Schultern.

»Es sind noch vier Wochen bis zur Abreise. Falls du es dir anders überlegst, lass es mich bitte wissen.«

Thomas bewunderte die Hartnäckigkeit des Älteren. Aber lieber würde er sich an Bord eines Gefangenenschiffs mit unbekanntem Ziel begeben, als sich um diese launische, kapriziöse Lady zu kümmern.

Amelia wusste, dass ihr Vater verärgert war.

Sie verharrten in lastendem Schweigen, seit dieser abscheuliche Mr. Ingles sie keine zwei Meilen außerhalb der Stadt buchstäblich aus der Kutsche gezerrt hatte. Angesichts des Gedränges am Piccadilly und in der Regent Street wären Lord Clayborough und sie besser beraten gewesen, ihre Flucht nach Gretna Green zu Fuß zu beginnen.

Vor einer halben Stunde war sie von ihrem Vater ins Herrenzimmer zitiert worden. Immer noch aufgebracht über die Ungerechtigkeit, drei Tage Arrest in ihrem Schlafzimmer absitzen zu müssen, trödelte sie herum, bevor sie sich ins Unvermeidliche schickte und die Treppe hinunterging, um dem erzürnten Marquess gegenüberzutreten.

Scheinbar unbekümmert stieß sie die Tür so schwungvoll auf, dass sie gegen irgendetwas auf der anderen Seite krachte.

Sie hörte ein dumpfes Geräusch und ein leises Brummen, das wie eine Mischung aus Schmerz und Überraschung klang. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück, die Hand immer noch auf dem Türknauf. Du lieber Himmel, was machte ihr Vater da?

Bevor sie den Gedanken zu Ende bringen konnte, schob sich Lord Armstrongs beeindruckende Gestalt in ihr Blickfeld. Mit seinen langen Fingern rieb er sich eine Stelle an der rechten Schläfe, beobachtete sie dabei mit zusammengekniffenen Augen – smaragdgrün unter dichten Wimpern – und durchbohrte sie mit einem Blick, als wolle er sie in die Knie zwingen.

So etwas jedoch widersprach ihrem Wesen, und zwar gründlich. Normalerweise zumindest, denn jetzt machte ihr Herz einen merkwürdigen Hüpfer, und der Pulsschlag beschleunigte sich beim Anblick des väterlichen Schützlings. Wieder einmal war sie zutiefst beunruhigt, dass es dem blondhaarigen Viscount gelang, eine solche Reaktion in ihr wachzurufen. Andererseits … Sie ließ den Blick verstohlen über seinen Körper gleiten und stellte fest, dass der elegante Mann eine berückende Männlichkeit ausstrahlte, die, wie sie sich widerwillig eingestehen musste, auf normale Frauen sicher anziehend wirkte, doch glücklicherweise war sie ganz anders.

»Verzeihung.« Amelia sprach leise und höflich. Sie öffnete die Tür weit genug, um mit dem steifen zweilagigen Unterrock unter dem blauen Volant ihres Kleides eintreten zu können. Sie kniff die Augen zusammen, denn die Sonnenstrahlen, die durch die großen Fenster an der östlichen Mauer des Hauses eindrangen, blendeten sie.

In ihre Nase stieg ein schwacher Hauch von Bergamotte und Rosmarin. Sein spezifischer Duft, den sie erkennen würde, selbst wenn sie seinen Verursacher nicht sah. Sie redete sich ein, dass sie diesen Duft verabscheute. Und den dazugehörigen Mann sogar noch mehr. Tief und langsam atmete Amelia durch und trat ein Stück zur Seite.

»Ich hatte nicht damit gerechnet, dass jemand so dicht hinter der Tür stehen würde«, fügte sie für den Fall hinzu, dass er ihre Bemerkung als Entschuldigung missverstehen könnte.

Ihr Vater setzte eine Miene auf, als würde er just in diesem Moment einen Schlaganfall erleiden, während Armstrong die Mundwinkel nach unten zog und die Augen zu einem Schlitz verengte. In aller Seelenruhe erwiderte Amelia seinen Blick. Sollte er sie doch anstarren – oder anglotzen, denn nichts anderes tat er ihrer Meinung nach. Was kümmerte es sie? Dem verrückt pochenden Herzen in ihrer Brust schenkte sie einfach keine Beachtung.

»Es ist eigentlich üblich anzuklopfen, bevor man eine geschlossene Tür öffnet«, antwortete der Viscount schlagfertig.

»Ich darf Sie daran erinnern, Mylord, dass ich in diesem Haus wohne.« Was für eine Frechheit, dass dieser Kerl versuchte, sie zu maßregeln. Wer hatte ihm erlaubt, sich auf diese Weise aufzuspielen?

»Amelia tut es sehr leid«, warf ihr Vater hastig ein.

Den Teufel tut es ihr. Das verdammte Weib hatte wahrscheinlich draußen vor der Tür nur auf die Gelegenheit gewartet, ihm den Schädel einzuschlagen. Thomas würde es ihr glatt zutrauen.

Rasch zügelte er seine wachsende Verärgerung. »Ja, Harry, das glaube ich auch«, sagte er vermittelnd.

»Ich hoffe, dass ich Sie nicht am Gehen hindere. Sie wollten doch gerade aufbrechen, nicht wahr?«, fragte sie in zuckersüßem Ton und verzog die Lippen zu einem Lächeln.

Bei jeder anderen Frau hätte Thomas sich ausgemalt, was er mit einem solchen Mund anstellen könnte, denn üppige tiefrosa Lippen waren der Traum eines jeden Mannes. Und wenn man es rein von der ästhetischen Seite betrachtete – wer hätte die atemberaubende Gestalt dieser dunkelhaarigen Schönheit nicht bewundert, die sich äußerst vorteilhaft in einem Kleid präsentierte, das exakt zu ihren saphirblauen Augen passte, während die taillierte Korsage einen Blick auf ihre samtig sahnefarbene Haut gestattete. Aber so umwerfend sie auch aussah, selbst wenn sie ihn darum anbetteln sollte, würde er sie zurückweisen. Nicht dass er das Betteln übel nähme. Oder es nach allen Regeln der Kunst genösse, nur einmal das Vergnügen zu haben, sie zurückweisen zu können.

»Äh … Thomas, vielen Dank für deinen Besuch. Ich denke, dass wir uns vor meiner Abreise noch einmal sehen.«

Armstrong nickte dem Marquess kurz zu. »Ja, damit rechne ich auch.« Er richtete seine Aufmerksamkeit auf sie. »Und wie immer war es mir ein Vergnügen, Lady Amelia«, verabschiedete er sich. Es gelang ihm, seine ausdruckslose Miene zu wahren, denn er war ein Meister der Verstellung.

Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte etwas in ihren blauen Augen auf, hauchte der makellosen, eisigen Schönheit ihrer Haltung Leben ein und wies darauf hin, dass irgendwo in ihr ein untergründiges Feuer glomm. Wenn er auch nur im Geringsten an ihr interessiert wäre – was ganz bestimmt nicht der Fall war –, dann hätte es ihm die größte Befriedigung verschafft, ihren frostigen Hochmut schmelzen zu sehen, bis nicht mehr als eine Pfütze auf dem Boden übrig blieb.

»Nun, wir sind uns wohl beide bewusst, dass es eine himmelschreiende Lüge wäre, wenn ich das Gleiche behaupten würde.«

Dieses vorlaute kleine Stück!

Harry sog die Luft so scharf ein, dass das Geräusch von den getäfelten Wänden widerhallte. »Amelia!«

Thomas hob abwehrend und begütigend die rechte Hand. Sie musste einfach immer das letzte Wort haben, da war nichts zu machen. Himmel noch mal, lieber wollte er splitternackt in einen Bottich voller Blutegel steigen, bevor er nur eine einzige Minute in ihrer Begleitung verbrachte. Jedenfalls hielt er sich schon viel zu lange in ihrer Nähe auf.

»Geht in Ordnung, Harry. Ich möchte keinesfalls, dass deine Tochter auch noch anfängt zu lügen.«

»Ich freue mich, dass wir in diesem Punkt einer Meinung sind«, erwiderte sie schnippisch.

Thomas zog es vor zu schweigen, bevor er womöglich ausfällig wurde. Er deutete ein Kopfnicken an und warf ihr einen letzten Blick zu. Du liebe Güte, was war nur an ihr, dass er bei ihren ätzenden Bemerkungen immer die Beherrschung verlor? Und warum um alles in der Welt machte sie ihm ständig Vorwürfe? Ihr Umgang mit ihm war mehr als nur kalt – wie es ihrem Ruf entsprach. Es schien, als trüge sie den typischen schwarzen Hut auf dem Kopf und käme auf einem Besen dahergeritten, genau wie ihre Schwestern aus der finsteren Zunft der Hexen.

Niemand sonst brachte dem charmanten Viscount Armstrong derartiges Missfallen entgegen, und schon gar keine Frauen, weder die Ladys noch die nicht ganz so damenhafte Weiblichkeit.

Nur Lady Amelia.

Viele Menschen behaupteten, dass sogar Kinder seiner Ausstrahlung erliegen würden.

Lady Amelia ganz bestimmt nicht.

Thomas ärgerte sich über die Richtung, in die seine Gedanken abgeschweift waren. Als ob es ihn interessierte, was ihr durch den Kopf spukte! Er wandte sich erneut an den Marquess. »Ich finde selbst hinaus. Schönen Tag, Harry! Lady Amelia.« Ruhig und gefasst verließ er das Haus.

Gefühlsausbrüche lagen nicht in Amelias Natur. Sonst hätte sie beim Anblick des sich verabschiedenden Lord Armstrong sicher Jubelschreie angestimmt.

Arroganter, unerträglicher Dreckskerl.

»Du hast dich unverschämt benommen«, tadelte ihr Vater sie mit unübersehbar missbilligender Miene.

Die Uhr auf dem Sims zeigte an, wie die Zeit verstrich, ohne dass Amelia eine Antwort gab. Als klar wurde, dass dies auch so bleiben würde, stieß Harry Bertram einen Seufzer aus. Amelia wusste sehr wohl, die Nuancen dieses besonderen Geräusches zu unterscheiden.

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und ging zu dem kleinen, kreisrunden Tischchen in der Ecke des Zimmers hinüber, auf dem eine kristallene Karaffe mit einem der kostspieligsten Portweine stand, die in ganz England zu bekommen waren. Mehrmals zerrte er ungeduldig an seinem Halstuch, bevor er es aufs Sofa warf und sich einen Drink einschenkte. Es war zehn Uhr am Vormittag.

»Du wolltest mich sprechen, Vater?«

Lord Bradford stellte sich ans Fenster, sein Profil ihr zugewandt, und führte das Glas an die Lippen. Einen Moment lang schien es, als würde er über die gelben Azaleen in seinem Garten nachdenken. Als er sich langsam zu ihr drehte, war jegliches Gefühl aus seinen Augen verschwunden.

Amelia schaute ihn an. Und es schoss ihr durch den Kopf, dass sie ihren Vater seit ihrem wirkungsvollen Auftritt noch gar nicht richtig betrachtet hatte. Er sah völlig anders aus als sonst: die Weste aufgeknöpft, das Haar wirr, der Nacken irgendwie dürr und nackt ohne das Halstuch. Man konnte sich fast zu der Behauptung versteigen, dass er auf elegante Art ungepflegt wirkte. Wenn ein Mann, vor dessen perfekter Kleidung sich jeder Schneider der Savile Road verbeugen würde, sich dermaßen gehen ließ, dann mussten schon höchst ungewöhnliche Dinge anstehen.

»Wie oft muss ich dich noch bitten, nicht so kühl mit mir zu sprechen? Es ist noch nicht lange her, dass du mich Papa genannt hast.«

Die letzte Bemerkung schien mehr an ihn selbst gerichtet. Vielleicht eine wehmütige Reminiszenz? Hastig und wie um sich selbst zu schützen verscheuchte Amelia diesen Gedanken, bevor er die Mauern durchdringen konnte, die ihr Herz umgaben. Dieser Teil von ihr, der einst Gefühlen zugänglich gewesen war, hatte sich fest abgekapselt. Wenn nicht gar in Nichts aufgelöst

»Mir ist ausgerichtet worden, dass du mich zu sprechen wünschst«, wiederholte sie, als hätte er nichts gesagt.

»Setz dich, Amelia.« Mit einer weiten Handbewegung deutete er auf die frisch aufgepolsterten ledernen Armsessel am Tisch, auf die eleganten Brokatstühle, das Sofa beim Kamin.

Amelia ließ den Blick flüchtig durchs Zimmer schweifen. »Ich würde es vorziehen, stehen zu bleiben.«

Sein Gesicht rötete sich, und seine Lippen zitterten, als er wieder das Wort ergriff. »Deine letzte Verrücktheit hat mich nicht nur unzählige Stunden voller Sorge, sondern auch eine erhebliche Summe Geldes gekostet.«

Amelia war überzeugt, dass Letzteres ihn am meisten schmerzte. Der Himmel möge verhüten, dass er auch nur einen Bruchteil mehr für sie aufwenden musste als eingeplant. Dabei war sein Vermögen groß genug, um eine Königin Zeit ihres Lebens auszustaffieren, denn er kannte nur ein einziges Ziel: noch mehr anzuhäufen. Trotzdem jammerte er jedes Mal, wenn für sein einziges Kind zusätzliche Ausgaben anfielen. Dabei war sie sich ziemlich sicher, dass er seinen letzten Sixpence geben würde, um Thomas Armstrong unter die Arme zu greifen, und zwar ohne mit der Wimper zu zucken.

Harry musterte sie mit zusammengezogenen Brauen. Die Falten um seine Augen und um seinen Mund ließen seine siebenundvierzig Jahre erkennen. »Du lässt mir keine andere Wahl, als auf die einzige Weise mit dir zu verfahren, die mir noch bleibt.« Seine Stimme klang hart und streng.

Im vergangenen Jahr war sie fortgelaufen, um Mr. Cromwell zu heiraten; die Strafe hatte darin bestanden, dass ihr das Nadelgeld für ein halbes Jahr gestrichen wurde. Was mochte er jetzt im Schilde führen? Wollte er ihr das Geld für neun Monate streichen? Nein, bestimmt plante er, sie von allen fernzuhalten, die nicht zum Kreis der heiratsfähigen adligen Gentlemen von Rang und Namen gehörten. Männer, die er ihr aufhalsen wollte, um sie endlich los zu sein.

»Soll ich für immer und ewig in mein Schlafzimmer eingeschlossen werden?« Sie bemerkte seinen kalten Blick und tarnte den aufkeimenden Schmerz in ihrem Herzen, indem sie die Brauen gelangweilt hochzog.

Harry hielt inne, die Augen zusammengekniffen und die Lippen geschürzt. Sie sah ihm an, dass er sie am liebsten durchschütteln würde, bis ihr schwindelte. Als er wieder das Wort ergriff, klang er jedoch seltsam gelassen. War das die berühmte Ruhe vor dem Sturm, der sich bereits ringsum zusammenbraute. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Taugenichtse, für die du bedauerlicherweise eine Vorliebe zu haben scheinst, auf die Idee kommen, im Kloster nach dir zu suchen.«