6. Selbstsicherheit und soziokulturelle Sicherheit

In seinem Buch Sicherheit als soziologisches und sozialpolitisches Problem hat Franz-Xaver Kaufmann Anfang der siebziger Jahre beklagt, »dass sich selbst im Begriff der ›sozialen Sicherheit‹ die heutige Gesellschaft nicht über ihren Egoismus erhebt, sondern dass dieser vielmehr die Konsequenz einer Entwicklung darstellt, mit der jene Formen des ›Sozialen‹ dem öffentlichen Bereich abhandengekommen sind, welche die sinnhafte Integration des ›Gesellschaftlichen‹ und des ›Einzelnen‹ bisher zu leisten vermochten.«89 Kaufmann rührt hier an den Kern des modernen Sicherheitsproblems, die unübersehbare Tatsache nämlich, dass unsere moderne Gesellschaft Sicherheit fast ausschließlich als Systemsicherheit zu gewährleisten trachtet und darüber die ebenso wichtigen, wenn nicht wichtigeren, Komponenten der Geborgenheit und der Selbstsicherheit sowie die Bedingungen, unter denen sie wachsen und bestehen können, weitgehend außer Acht lässt.

 

Wenn, wie das heute der Fall ist, Sicherheit nahezu ausschließlich als Systemsicherheit verstanden wird und alle Anstrengungen fast ausschließlich darauf gerichtet werden, die technische Apparatur zur Verteilung spezifischer Risiken auf die Gesamtgesellschaft und zur Angleichung individueller Erfolgschancen auszuweiten, erst recht, wenn die sicherheitstechnische Fantasie vor allem darauf abzielt, mit hohem technischen Aufwand Gefahrenpotenziale nach Möglichkeit vorbeugend auszuschalten, so bleiben fundamentale Ursachen menschlicher Verunsicherung weitgehend unberührt. Die Vereinsamung vieler alter Menschen in unserer Gesellschaft, die Erosion des Vertrauens im Umgang miteinander, die Belastung der Menschen durch exzessive Mobilitätsanforderungen, Leistungsstress und die ihnen oft abverlangte ständige Verfügbarkeit, die Tatsache, dass viele, insbesondere junge Menschen in den ihnen angebotenen beruflichen Karrieremöglichkeiten keinerlei Sinn und Erfüllung finden, die vielen Brüskierungen und Verletzungen in der sich verschärfenden Statuskonkurrenz, die massenhafte Entwertung von Lebensläufen durch Arbeitslosigkeit und forcierten Wandel – all das verlangt andere Antworten als die bloße Perfektionierung der bestehenden Sicherheitssysteme.

 

In einer Gesellschaft, in der das kapitalistische Eigennutzdenken alle Sphären des menschlichen Lebens durchdringt und in der zunehmend alle menschlichen Beziehungen zu einem Nullsummenspiel verkommen, bei dem man nur gewinnen kann, wenn andere verlieren – in einer solchen Gesellschaft erodiert das für ein gelungenes Zusammenleben unerlässliche Vertrauen. Es entsteht eine Atmosphäre der sozialen Kälte, in der jeder bemüht sein muss, sich auf eigene Faust und im Notfall auch gegen andere einen Sicherheitsvorteil zu verschaffen. Die Überzeugung, dass letztlich alles Bemühen, sich auf diese Weise dem menschlichen Sicherheitsdilemma zu entziehen, scheitern muss, gehört seit Jahrtausenden zum Weisheitsvorrat der Menschheit. »Sich gegen Diebe, die Kisten aufbrechen, Taschen durchsuchen, Kästen aufreißen, dadurch zu versichern, dass man Stricke und Seile darum schlingt, Riegel und Schlösser befestigt, das ist’s, was die Welt Klugheit nennt. Wenn nun aber ein großer Dieb kommt, so nimmt er den Kasten auf den Rücken, die Kiste unter den Arm, die Tasche über die Schulter und läuft davon, nur besorgt darum, dass auch die Stricke und Schlösser sicher festhalten. So tut also einer, den die Welt einen klugen Mann nennt, nichts weiter, als dass er seine Sachen für die großen Diebe beisammenhält.«90

 

Ein Gleichnis, mehr als zweitausend Jahre alt. Es stammt von dem Chinesen Dschuang Dsi. Mir scheint, das Gleichnis gibt auch heute noch Sinn: In unserem Sicherheitswahn sind wir drauf und dran, alles, was im Leben wertvoll ist, dem »großen Dieb«, den anonymen Apparaten und ihrer Zwangsgewalt zu opfern.

 

Die soziale Dimension der Sicherheit bleibt dabei außen vor. Selbstsicherheit und das Gefühl der Geborgenheit können aber nur entstehen, wenn ich mich anderen im weitesten Sinn liebend, d. h. ohne Gewinn- oder Vorteilsabsichten, nähere. Darum erweist sich die Verinnerlichung des Do-ut-des, des kapitalistischen Äquivalententausches, erweisen sich die habituell gewordenen und in allen Lebensbereichen angewandten Preis-Leistungs-Vergleiche heute als eines der Haupthindernisse auf der Suche nach Geborgenheit und Lebenszuversicht.

 

Die Fähigkeit, sich anderen Menschen liebend zuzuwenden, wird, wie uns Psychologen belehren, in der frühen Kindheit begründet, zuerst im Verhältnis zur Mutter, später auch im Verhältnis zu anderen Personen der näheren Umgebung. Sie ist nicht, wie häufig behauptet wird, eine Reaktion auf die zuverlässige Versorgung durch die Mutter, sie ist von Anfang an als sympathische Beziehung gegeben. Was schon der russische Anarchist Pjotr Alexejewitsch Kropotkin in seiner Schrift Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (1902) zu belegen versuchte und neueste psychologische und neurologische Forschungen bestätigen, hat Horst Eberhard Richter in seinem Buch Der Gotteskomplex jenen entgegengehalten, die in Anlehnung an das Menschenbild des Homo oeconomicus den Egoismus als alleiniges Handlungsmotiv des Menschen betrachten: »Die Mutter freut sich und leidet mit dem Säugling, wenn er wohlgemut strampelt oder wenn er sich quält. Sie fühlt sich wohl, wenn sie merkt, dass er zufrieden ist. Und nichts verschafft ihr natürlicherweise mehr Genugtuung, als ihm ein Lächeln oder eine Geste abzulocken, die sie als Behagen oder als positive Zuwendung deuten kann. Und der Säugling erwacht eingebettet in dieses positive Miteinander-Fühlen, das nicht erst durch die gut funktionierende orale Versorgungsverbindung sekundär hergestellt wird.«91

 

Ein Mensch, der diese frühe von Sympathie geleitete Bindung erfahren hat, der auch später in sozialen Verhältnissen Geborgenheit erfährt, ist in aller Regel in der Lage, mit Angst vernünftig, vielleicht sogar produktiv umzugehen. Für das seelische Gleichgewicht und damit für die Selbstsicherheit ist nichts wichtiger als die Erfahrung verlässlicher und vertrauensvoller Beziehungen zu anderen Menschen. Die Bedingungen zu erhalten oder zu schaffen, unter denen die Menschen diese Erfahrung machen können, muss Teil einer klugen Sicherheitspolitik sein. Darum ist Kündigungsschutz, sind geregelte und auf Dauer angelegte Arbeitsverhältnisse, sind Mieterschutz und kommunikative Nachbarschaften so wichtig. Darum sollten die Mobilitätsanforderungen an die Menschen nicht leichtfertig immer weiter erhöht werden. Menschen brauchen einen Ort, an dem sie zu Hause sind, an dem sie sich auskennen und an dem man sie kennt. Jedenfalls gilt das für die allermeisten Menschen. Heimat in diesem Sinn braucht nicht eine Trutzburg zu sein, auch nicht eine provinzielle Idylle. Sie kann offen sein zur Welt, sie kann das Sprungbrett für kühne Unternehmungen sein. Sie kann jenes Maß an Selbstsicherheit vermitteln, das man braucht, um sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen.

 

Die auf Ferdinand Tönnies zurückgehende idealtypische Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft kann dazu verführen, diese beiden Gesellungstypen als sich ausschließende Möglichkeiten der Organisation des Zusammenlebens anzusehen. Das erweist sich aber, wenn wir uns in die Niederungen der Lebenswirklichkeit begeben, als irreführend. In der gegenwärtigen Krise der verkürzten westlichen Rationalität ist es wichtig zu begreifen: Das Soziale, und d. h. auch soziale Sicherheit, ist ohne Gemeinschaftlichkeit nicht zu haben. Die Fragen, die in Zukunft beantwortet werden müssen, lauten: Wie kann Gemeinschaftlichkeit unter den neuen Bedingungen der Globalisierung gewährleistet werden? Was heißt und wie entsteht sozialer Zusammenhang in einer Weltgesellschaft?

 

Der Aspekt der Selbstsicherheit und der soziokulturellen Sicherheit oder Geborgenheit ist auch deswegen so bedeutsam, weil nur Menschen, die selbstsicher sind und sich geborgen fühlen, nicht dem wahnhaften Streben nach immer perfekterer technisch-organisatorischer Sicherheit verfallen. Barbara Ehrenreich hat in ihrem Buch Dancing in the Streets gezeigt, was in einer Gesellschaft passiert, wenn die rituellen Formen der Geselligkeit, die ausgelassenen Feste, das gemeinsame Mahl, der Tanz auf Straßen und Plätzen unter den Verdacht der Sündhaftigkeit fällt, wie es in der puritanischen Ära geschah. Die Folgen waren damals dieselben, die heute durch die forcierte Individualisierung, durch Stress und überhöhte Mobilitätsanforderungen zu beobachten sind: Vereinzelung, Lebensunlust, Zunahme von Angst und von depressiven Erkrankungen, wachsende Neigung zur Dämonisierung von anderen und ein geradezu hysterisches Sicherheitsbedürfnis.

 

Die soziale Dimension der Sicherheit berücksichtigen, das ist nach allem, was wir wissen, die beste Generalprävention. Zwar kann auch die Gemeinschaft, wenn sie sich von der übrigen Welt abkapselt und zur Fluchtburg wird, Angst und Aggression erzeugen. Auch kann sie uns nicht vor allen Gefahren beschützen  – und sie sollte auch gar nicht versuchen, das zu tun –, aber sie kann uns helfen, Unglück, Gefahren und Verluste, die in jedem Leben auftreten, besser zu bestehen und zu verarbeiten. Die Mutter, die ihr Kind in den Arm nimmt und es an die Brust drückt, wenn ein Gewitter niedergeht, die Gemeinde, die sich in der Kirche zum gemeinsamen Gebet trifft, wenn ein terroristischer Anschlag die Seelen erschüttert hat, die Nachbarn, die sich in der Küche der Frau treffen, deren Mann bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, die Bewohner einer Straße, die sich zu einem ausgelassenen Fest verabreden, obwohl in den Medien die Angst vor einer Epidemie geschürt wird – sie alle leisten womöglich mehr zur Bewältigung unserer Ängste, als alle ausgeklügelten Sicherheitssysteme.

 

Nur wenn wir bereit und in der Lage sind, die Grundfakten der menschlichen Existenz, vor allem die Tatsache unserer eigenen Sterblichkeit und Verletzlichkeit, mit Gelassenheit zu akzeptieren, können wir hinsichtlich der anderen, der gesellschaftlichen Seite unseres Sicherheitsproblems Vernunft (im unverkürzten Sinn) walten lassen. Tun wir das nicht, lehnen wir uns gegen das Gattungsschicksal des auf Freiheit angelegten, sterblichen Menschen auf, geraten wir immer auswegloser auf die Bahn eines übersteigerten Sicherheitsstrebens. Wir unterwerfen uns mehr und mehr den Sachzwängen der zu unserer Sicherheit geschaffenen Apparate, verstricken uns am Ende in hoffnungsloseste Abhängigkeit, liefern uns Mächten aus, die wir weder zu durchschauen noch zu kontrollieren vermögen, obwohl sie von uns selbst geschaffen wurden – und werden umso häufiger von Ängsten heimgesucht, je eifriger wir versuchen, uns gegen alle denkbaren Gefahren abzusichern.

 

Selbstsicherheit als gelassene Einsicht in die condition humaine ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass wir bei der Organisierung von Systemsicherheit (ich folge hier der Terminologie von Franz-Xaver Kaufmann) im menschlichen Rahmen bleiben. Nur sollten wir eines nicht aus dem Auge verlieren: Selbstsicherheit ist, ähnlich wie Geborgenheit, im strengen – organisatorisch-technischen – Sinn nicht herstellbar. Auch wenn wir den Einsatz von Seelsorgern, Pädagogen, Therapeuten, Ideologen und Drogen verdoppeln und verdreifachen, werden wir nicht produzieren können, was allein in dafür günstigen sozialen Beziehungen wachsen kann. Eine Kultur und das in ihr sich herausbildende Lebensmuster und Selbstverständnis verändert man nicht, wie man ein technisches System verändert. Wir können allenfalls versuchen, die Hindernisse auszuräumen, die einer Entwicklung entgegenstehen, die Selbstsicherheit und Geborgenheit fördert.

 

Das scheint erbärmlich wenig zu sein, läuft aber in der Konsequenz auf nicht weniger hinaus, als die tief greifende Veränderung der heute dominierenden Lebens- und Arbeitsweise. Die kulturellen Ressourcen, die wir dafür benötigen, stehen uns – auch hier in Europa – durchaus zur Verfügung, wir brauchen sie nicht aus fernöstlichen Kulturen zu importieren, obwohl eine Kenntnis dieser Kulturen auch in diesem Kontext nicht schaden kann. Die radikal individualistische ökonomistische Ideologie, die seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von jenseits des Atlantiks kommend auch bei uns um sich gegriffen hat, ist eine Möglichkeit, aber keineswegs das zwangsläufige Ergebnis der europäischen Geistesgeschichte. Zahlreiche Zeugnisse einer differenzierteren Sicht der Welt, eines anderen Verständnisses vom Menschen, einer anderen Auffassung von einem erfüllten Leben sind in unserer Kultur vorhanden, alle diese Ideen sind nach wie vor in den Köpfen vieler Menschen, sogar in ihrer Lebenspraxis lebendig. Auch in dem hier erörterten Zusammenhang geht es also nicht um einen völligen Bruch mit der Moderne, sondern um die Korrektur einer einseitigen Entwicklung; es kommt darauf an, jene Seiten der Moderne, die im Rausch der ökonomistischen und technizistischen Modernisierung vorübergehend aus dem Blick geraten sind, wieder ins Bewusstsein zu heben.