3. Salto mortale – oder: Der Ausbruch aus dem Goldenen Käfig
Das große Sicherheitsbedürfnis des modernen Menschen ist so offensichtlich, dass man leicht übersehen kann, dass Gefahren zuweilen auf Menschen auch stimulierend wirken und als lustvoll erlebt werden können, vor allem, wenn Menschen das Gefühl haben, dass sie allzu behütet aufwachsen und ihrem Leben die wirklichen Herausforderungen fehlen. Dann kann es passieren, dass sie plötzlich aus dem Goldenen Käfig oder aus der Langeweile einer abgesicherten Mittelmäßigkeit ausbrechen und bewusst Gefahren aufsuchen, um endlich den Pulsschlag des Lebens zu spüren. Klassisch die Darstellung, die Ernst Jünger in seinem Kriegstagebuch In Stahlgewittern von der Begeisterung der Jugend am Anfang des Ersten Weltkriegs gegeben hat: »Aufgewachsen in einem Zeitalter der Sicherheit, fühlten wir alle die Sehnsucht nach dem Ungewöhnlichen, nach der großen Gefahr. Da hatte uns der Krieg gepackt wie ein Rausch. (...) Der Krieg musste es ja bringen, das Große, Starke, Feierliche.«72 Zwei Jahre später pries Jünger in dem Essay Der Kampf als inneres Erlebnis das ekstatische Erlebnis der äußersten Gefahr noch einmal überschwänglich: »Die Ekstase, dieser Zustand des Heiligen, des Dichters und der großen Liebe ist auch dem großen Mut vergönnt. Da reißt Begeisterung die Männlichkeit so über sich hinaus, dass das Blut kochend gegen die Adern springt und glühend das Herz durchschäumt. Das ist ein Rausch über allen Räuschen, eine Entfesselung, die alle Bande sprengt. Es ist eine Raserei ohne Rücksicht und Grenzen, nur den Gewalten der Natur vergleichbar. Da ist der Mensch wie der brausende Sturm, das tosende Meer und der brüllende Donner. Da ist er verschmolzen in das All, er rast den dunklen Toren des Todes zu wie ein Geschoß dem Ziel.«73
Was Jünger hier als die Seelenverfassung seiner Generation beschreibt, hatte Tomaso Marinetti schon über ein Jahrzehnt zuvor im Futuristischen Manifest ganz ähnlich formuliert: »Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen. (...) Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag.« Die Verachtung, mit der Marinetti und Jünger das bürgerliche Sicherheitsstreben behandeln, ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder als antibourgeoiser Gestus zutage getreten, in der künstlerischen Bohème, in den verschiedenen Jugendbewegungen, in der marxistisch inspirierten und in der konservativ-revolutionären Gesellschaftskritik. Selbst in Adornos und Horkheimers Polemik gegen das überbordende Sicherheitsbedürfnis als Ausfluss bürgerlichen Besitzdenkens in der Dialektik der Aufklärung scheint diese Haltung noch durch: das Streben nach Sicherheit als Ausdruck bürgerlicher Spießergesinnung und der mangelnden Vitalität einer dem Untergang geweihten Spätkultur.
Freilich bedarf es nicht unbedingt gesellschaftskritischer Grundsätzlichkeit, um zu begreifen, dass in einer Gesellschaft der organisierten Sicherheit das gefahrvolle Abenteuer insbesondere für junge Menschen, aber nicht nur für sie, eine Faszination ausstrahlen kann. Ein solcher Ausbruch aus der geordneten, abgesicherten und ereignislosen »bürgerlichen« Welt ist in der Literatur vielfach als Akt der Befreiung beschrieben worden. Es wäre aber ein Irrtum, anzunehmen, dieses Phänomen sei erst in der bürgerlichen Epoche aufgetreten. Der spätmittelalterliche Ritter, der seine feste Burg verlässt, um in der Fremde Abenteuer zu erleben und Gefahren zu bestehen, ist die klassische Gestalt des vom Timos geleiteten Helden, der bewusst gefahrvolle Abenteuer aufsucht und sich vor anderen durch Geschick und Tapferkeit auszuzeichnen trachtet. Und seine Aventiure steht ganz offensichtlich in einer noch älteren Tradition – der Tradition antiker Heldengestalten wie Herakles oder Odysseus. Belege für diesen timotischen Drang finden wir aber auch überall im Alltag unserer Gesellschaft. Wer robust genug ist, sucht die Herausforderung heute vielleicht in gefährlichen Sportarten, als Rennfahrer, beim Bungee-Jumping, beim Besteigen eines Achttausenders oder bei einem Überlebenstraining für Führungskräfte. Auch weniger harmlose Formen des Kräftemessens wie bei der Fan-Randale im Fußballstadion gehören in diesen Kontext.
Sich bewusst der Gefahr auszusetzen, gehört seit jeher zu den sich anbietenden Methoden, Langeweile, Minderwertigkeitsgefühle, aber auch Angst zu überwinden. Wem die damit verbundenen realen Gefahren zu riskant sind, der kann sich mit Hilfe von Abenteuerromanen, Horrorfilmen oder Computerspielen zumindest virtuellen Gefahren aussetzen. In gewisser Weise gehört es zur normalen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, dass sie irgendwann die ständigen Ermahnungen der Eltern, der Lehrer, vorsichtig zu sein und Gefahren möglichst zu meiden, in den Wind schlagen und das gefährliche Abenteuer suchen. Sofern sie dabei das Risiko halbwegs rational einzuschätzen wissen und tollkühne Aktionen vermeiden – oder diese zumindest glimpflich überstehen –, ist dies oft eine Erfahrung, die die Lebenstüchtigkeit erhöht, indem sie übermäßige Vorsicht und Ängstlichkeit abbaut und das Selbstvertrauen und die Fähigkeit zur Risikoakzeptanz steigert.
Kluge Eltern und kluge Lehrer werden deshalb auch nicht versuchen, Kinder und Jugendliche möglichst vor jedem Risiko zu bewahren. Denn auch das lehrt die Lebenserfahrung: Wer allzu behütet aufwächst, wer nicht rechtzeitig lernt, Gefahren zu bestehen und Risiken zu ertragen, der wird entweder überängstlich und angesichts gefahrvoller Situationen, die im Laufe eines Lebens unvermeidlich auftreten, handlungsunfähig oder er stürzt sich irgendwann aus Überdruss an der eigenen ereignislosen und blutleeren Existenz Hals über Kopf in gefahrvolle Abenteuer, die für ihn und andere schreckliche Folgen haben, die Schmerz und Unglück, vielleicht gar den Tod bedeuten können.
Aber kehren wir noch einmal zu Ernst Jüngers Momentaufnahme des Ersten Weltkriegs zurück. War es wirklich nur die Langeweile einer durch und durch abgesicherten Existenz, die, wie uns Ernst Jünger glauben machen will, die jungen Männer im August 1914 scharenweise und in geradezu ekstatischer Begeisterung in den Krieg trieb? War, was sie in diesem Augenblick des Kriegsausbruchs als Erleichterung, als Erlösung erlebten, wirklich nichts anderes als die Erlösung von quälender Langeweile? Wenn man Lucian Hölschers sorgfältige Analysen protestantischer und sozialistischer Zukunftsvorstellungen im deutschen Kaiserreich, also in der Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, liest, erhält man einen Begriff davon, wie stark revolutionäre und apokalyptische Naherwartungen viele Menschen in Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts prägten.74 Zwar legte sich die geradezu hysterische Anspannung im letzten Jahrzehnt vor dem Ausbruch des Krieges etwas, aber gelöst war sie nicht. Die apokalyptischen Erwartungen waren mitsamt den sie begleitenden Ängsten und Hoffnungen lediglich in den Untergrund gedrängt worden und wirkten dort, wie wir an zahlreichen Zeugnissen der vorexpressionistischen und expressionistischen Kunst und Literatur erkennen können, weiter, entluden sich in eruptiven Schreckensfantasien. Das, was Jünger als Langeweile in einer total abgesicherten Situation wahrnimmt, wovon im Ernst bei der Mehrzahl der jungen Arbeiter und kleinen Angestellten ohnehin keine Rede sein kann, wird in vielen Fällen wohl eher das Gefühl einer unerträglichen, nach Auflösung schreienden Spannung gewesen sein, die schließlich in der Kriegsbegeisterung ein Ventil fand.
»Risiken werden«, schreibt Herfried Münkler, »überwiegend aus zwei Antrieben heraus eingegangen: Zum einen aus Gründen einer wirtschaftlichen Rationalität, die unter der Devise steht: ›Wer nichts wagt, der nichts gewinnt.‹ Zum anderen aber auch aus bloßer Abenteuerlust heraus, bei der nicht der materielle Gewinn, sondern die expressive Selbststeigerung im Vordergrund steht.«75 Das ist als Beschreibung nicht falsch, aber nicht vollständig. Denn es gibt wohl auch die von der Angst beflügelte Flucht nach vorn in die Konfrontation mit der Gefahr. Wenn die Angst in einer Gesellschaft zunimmt, neigen manche Menschen zu einer paradoxen Reaktion: Sie versuchen die Angst dadurch zu bannen, dass sie vor den Risiken die Augen verschließen und sich tollkühn der Gefahr aussetzen. Eine lange Zeit lähmende Angst kann unter besonderen Umständen plötzlich zur Triebkraft eines hochriskanten Aktionismus werden.
Das war offenbar am Anfang des Ersten Weltkriegs so, und das könnte im Prinzip auch heute wieder passieren, wenn der Angstpegel in der Gesellschaft weiter steigt. Das, was man gegen Ende des 19. Jahrhunderts, auf die Sozialdemokratie bezogen, den revolutionären Attentismus genannt hat, ging mit einer Gemütsstimmung einher, in der sich Angst und Hoffnung spannungsreich verbanden, die Angst vor dem »großen Kladderadatsch«, vor dem Zusammenbruch der gewohnten Welt, und die Hoffnung auf einen strahlenden Neubeginn. In der Zeit vor dem Weltkrieg kam allerdings für große Teile der männlichen Bevölkerung ein oft übersehener besonders verunsichernder und bedrohlicher Aspekt hinzu: die Erwartung einer dramatisch veränderten Frauenrolle. August Bebel hatte mit seinem 1879 veröffentlichten Bestseller Die Frau und der Sozialismus diesen Aspekt mit der Vorhersage einer baldigen Revolution aller Sozialverhältnisse verknüpft und damit den wilhelminischen Mann tief verunsichert.76 Gleichzeitig war durch das Auftreten der Suffragetten in London und durch Bohème-Gestalten wie Franziska zu Reventlow die neue emanzipierte Frau bereits für viele eher traditionell denkende Männer zum anschaulichen Schreckbild geworden. Die alle Klassen und Schichten der Gesellschaft und alle politischen Lager erfassende Kriegsbegeisterung mag also auch als ostentative Bekräftigung der Männlichkeit durch in ihrer Geschlechterrolle zunehmend verunsicherte Männer, vielleicht auch als Flucht vor den sich anbahnenden neuen Unwägbarkeiten im Geschlechterverhältnis in die Eindeutigkeit einer allein den Männern vorbehaltenen Welt des Krieges gedeutet werden.
Auch heute breitet sich wieder die Vorstellung aus, dass unsere Welt aus den Fugen ist, dass in nahezu allen Lebensbereichen die Sicherheit bietenden Selbstverständlichkeiten ins Wanken geraten sind. Mit wachsender Sorge nehmen wir in Europa wahr, wie das Zentrum innovativer Aktivität sich von Europa, vom Westen insgesamt, nach Asien zu verlagern beginnt. Wie ein unregulierter Weltfinanzmarkt mit seinen undurchsichtigen Manipulationen und hysterischen Reaktionen die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik auf der Ebene des Staates und ganzer Großregionen zunichtemacht. Gleichzeitig erweist sich der auf das Technisch-Ökonomische verkürzte Fortschrittsprozess immer deutlicher als ein Prozess gigantischer Zerstörung, wodurch die Zweifel am Sinn all unserer stolzen Leistungen weiter wachsen. Die Angst vor einer schleichenden Aushöhlung unseres Wohlstands oder vor einem neuen »großen Kladderadatsch« nimmt zu. Dass sie auf der einen Seite den Ruf nach erhöhten Sicherheitsanstrengungen erzeugt, ist unübersehbar. Zugleich könnte sie aber auch dazu führen, dass die Flucht in kriegerische Abenteuer für viele Menschen wieder attraktiv wird, wenn die verzweifelten Versuche, sich weltweit auf politische Stabilisierungsmaßnahmen zu einigen, auch weiterhin erfolglos bleiben.
Darum ist es so gefährlich, wenn, wie in Cancún oder erst kürzlich in Durban oder Cochabamba, die Weltgesellschaft sich nicht auf längst fällige energische Maßnahmen zur Bekämpfung der drohenden Klimakatastrophe verständigen kann. Wenn auf Gipfeltreffen Mal um Mal die im Grundsatz von allen geforderte Kontrolle der Finanzmärkte von einzelnen Ländern aus kurzsichtigem Egoismus verhindert wird. Wenn nationalistische Borniertheit und taktische Winkelzüge eine gemeinsame Politik gegenüber dem Iran torpedieren. Oder wenn die Genehmigung immer neuer jüdischer Siedlungen auf der Westbank und die dadurch beförderte Radikalisierung der Palästinenser im Nahen Osten jede Aussicht auf Frieden zerstören. Mit jeder gescheiterten UNO-Konferenz, mit jedem ergebnislosen Gipfeltreffen, mit jeder im Sand verlaufenden Vermittlungsaktion wächst die Gefahr, dass Gewalt bei der Durchsetzung der eigenen Interessen wieder erwägenswert, vielleicht gar als »Lösung« im doppelten Sinn wieder herbeigesehnt werden könnte.
In Europa scheint eine solche Entwicklung zurzeit noch kaum vorstellbar. Die schreckliche Erfahrung zweier Weltkriege sitzt den Menschen des Kontinents noch in den Knochen, auch die positive Erfahrung der Nachkriegsjahrzehnte, dass nach Jahrhunderten von Krieg und Zerstörung Europa durch geschickte Politik und intensivierte Zusammenarbeit zu einer Zone gesicherten Friedens werden konnte. Aber der von den Europäern mühsam und spät angenommene, ihnen mittlerweile fast schon zur Gewohnheit gewordene Geist der Kooperation muss sich heute weltweit bewähren, wenn er seine Attraktivität nicht einbüßen will. Und dafür scheinen die Aussichten im Augenblick nicht eben günstig zu sein, auch weil die Reichen und Mächtigen vielfach immer noch nicht begriffen haben, dass sie nicht in Frieden und gesichertem Wohlstand leben können, wenn sie die Lebensinteressen der Mehrheit weiter missachten.
Was die Europäer sich zumeist als mühsam erworbenen zivilisatorischen Fortschritt anrechnen, die Neigung, die Interessen der jeweils anderen zu berücksichtigen und Konflikte nach Möglichkeit kooperativ zu lösen, wird in manchen anderen Teilen der Welt ohnehin oft als Zeichen der Dekadenz, als Schwäche oder Feigheit gedeutet. In der Häme, mit der sich der US-amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld vor einigen Jahren über das »alte Europa« ausließ, weil mehrere europäische Regierungen und die große Mehrheit der Bevölkerung des Kontinents sich dem Irakkrieg des George W. Bush verweigerten, klang unverkennbar jene auch von Jünger zeitlebens vertretene Auffassung an, dass die Vitalität eines Volkes sich vor allem im Krieg beweise. Der den Republikanern nahestehende Politikwissenschaftler Robert Kagan brachte damals die in den USA verbreitete Sicht auf die simple Formel: »Amerikaner sind vom Mars und die Europäer von der Venus.« Während die Europäer schönen Träumen nachhingen, packten die Amerikaner die Probleme an und lösten sie. (Nach dem Fiasko im Irak und in Afghanistan wird er das heute wohl kaum noch behaupten können.) Die Europäer, so Kagan damals, lebten in einer kantischen Fantasiewelt ewigen Friedens, während allein die Amerikaner sich realistisch der Aufgabe stellten, in einer Welt Hobbes’scher Anarchie Ordnung zu schaffen.
Dass dieser Einschätzung ein geradezu groteskes Missverständnis der kantischen Position in der Schrift Zum Ewigen Frieden zugrunde liegt, ist das eine. Wichtiger ist die Abwertung aller Bemühungen um gewaltlose Konfliktlösung und das Aushandeln von Kompromissen als wirklichkeitsfremdes »Gutmenschentum« und/oder feige Drückebergerei. Da alles, was wir zur Abwehr der großen Gefahren, denen sich die Menschheit heute gegenüber sieht, sinnvollerweise unternehmen könnten, nur als Ergebnis mühsamer Aushandelsprozesse denkbar ist, ist es äußerst gefährlich, wenn genau dieser Politiktyp immer wieder – nicht nur in den USA – unter Generalverdacht gerät. Demokratie, die Suche nach Kompromissen, die Rücksichtnahme auf die Interessen und Sichtweisen der anderen, alles das ist heute zweifellos nötiger denn je. Aber wenn es nicht gelingt, auf diese Weise plausible Ergebnisse zu erzielen, kann eine solche Politik auch in Europa leicht vielen Menschen als verächtliche Schwäche und Dekadenz erscheinen. Das, was in unseren Medien immer mal wieder unter der Überschrift Politikverdrossenheit verhandelt wird, ist womöglich zum Teil ein Vorbote einer solchen Entwicklung. Wenn den Menschen die normale Gangart der Demokratie als langweilige und kontraproduktive Selbstbeschäftigung einer »politischen Klasse« erscheint, die längst den Kontakt zum Bürger und seinen Problemen verloren hat, kann auch bei uns auf einmal der Salto mortale als angemessene Weise der Fortbewegung erscheinen.