8. Macht Freiheit Angst?

Die Platzangst, die Angst, den schützenden Schatten der Kolonnaden oder des Torbogens zu verlassen, auf den offen einsehbaren Platz zu treten und sich neugierigen, womöglich feindlichen Blicken auszusetzen, führen einige Anthropologen auf die Urangst zurück, die unsere frühen Vorfahren im ostafrikanischen Grabenbruch empfanden, als sie sich anschickten, den schützenden Wald zu verlassen, um in der offenen Savanne zu jagen. Wer heute Platzangst hat, hat meist nicht so handfeste Gründe für das ihn beherrschende Gefühl wie unsere Ahnen in Ostafrika. Denn in aller Regel lauern auf offenen Plätzen in unseren Städten keine gefährlichen Säbelzahntiger, und dass man erschossen wird, sobald man die Deckung verlässt und ins Freie tritt, ist – zumindest in der Mitte Europas – auch nicht sehr wahrscheinlich. Platzangst betrachten wir heute gemeinhin als eine Krankheit der Seele, und verweisen die unter ihr Leidenden an den Psychotherapeuten.

 

Aber möglicherweise ist die Platzangst nur ein Sonderfall einer viel verbreiteteren, Beklommenheit auslösenden Befindlichkeit, die bei den meisten Menschen in unterschiedlichen Graden auftritt, wenn sie den Schritt ins Offene wagen. Wenn Freud und Erich Fromm recht haben, ist das Geburtstrauma, das Hinaustreten aus der Mutterhöhle, die Quelle der Urangst, auf die alle späteren Ängste zurückzuführen sind, auch und gerade die Furcht vor der Freiheit, über die Erich Fromm 1993 geschrieben hat. Man muss diese Theorie der Urangst nicht teilen, und tatsächlich ist sie unter Psychologen ja auch umstritten. Aber dass das Hinaustreten ins Leben, dass Emanzipation und die Übernahme von Verantwortung auch immer mit Angst verbunden sind, ist wohl nicht zu leugnen.

 

Freiheit heißt der Lockruf der Moderne, dem heute, wie überall auf der Welt zu beobachten ist, nur wenige auf Dauer widerstehen können, gegen den die Warnungen von Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, Priestern, Mullahs und Potentaten in aller Regel wenig auszurichten vermögen, obwohl wir reichlich Erfahrungen damit haben, wie strapaziös die Freiheit sein kann und wie oft sich die damit verbundenen Hoffnungen nicht oder jedenfalls nicht in vollem Umfang erfüllen. Weil der Ruf der Freiheit so unwiderstehlich ist, verlassen sich ihre Gegner, die selbst ernannten Vormünder und Diktatoren, auch lieber auf Verbote, Einschüchterung und Zwangsmaßnahmen als auf ihre angeblich so triftigen Argumente für eine hierarchische Ordnung, bei der die Masse dem Willen einiger weniger oder eines Einzelnen untertan ist.

 

Das Streben nach Freiheit gilt uns heute gemeinhin als selbstverständliches Menschenrecht, gar als etwas, das seit eh und je in der Natur des Menschen angelegt ist. Dass dennoch mehr als zweitausend Jahre europäischer Geschichte vergehen mussten, bis mit der amerikanischen und der französischen Revolution die Idee der Menschenrechte und des demokratischen Rechtsstaats sich allmählich in einem kleinen Teil der Welt durchsetzte, dass es auch danach immer wieder zu schrecklichen Rückfällen kam, sollte allerdings nicht übersehen werden. Emanzipation ist, wie wir aus Erfahrung wissen, in aller Regel nicht konfliktlos und ohne Anstrengung zu haben, weil sie gegen die Arroganz der Macht und gegen tradierte Dummheit und Verantwortungsscheu erkämpft werden muss. Dennoch wird die grundsätzliche Legitimität des Projekts seit dem 18. Jahrhundert, abgesehen von hinterwäldlerischen Rassisten und Fundamentalisten, kaum noch ernsthaft in Zweifel gezogen. Und doch ist mit jedem Schritt auf dem Weg der Befreiung, wie die Geschichte zeigt, auch ein Erschrecken verbunden, ein Erschrecken über die eigene Kühnheit, ein Erschrecken vielleicht auch vor der Verantwortung, die wir auf uns laden, wenn wir mit Kant den Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit wagen. Es beschleicht uns, wenn wir uns aus Abhängigkeiten befreien, eine hartnäckige Angst vor den möglichen Folgen einer Reise ins Ungewisse, vielleicht manchmal auch immer noch die beklemmende Furcht, der Hybris der Selbstermächtigung könne die Strafe der Götter auf dem Fuße folgen.

 

Freiheit ist fraglos ein kostbares Gut, und wo sie uns vorenthalten wird, sehnen wir uns nach ihr wie nach dem Paradies. Aber zugleich ist Freiheit immer auch eine Quelle von Unsicherheit, nährt sie Ängste. Die eigene und die Freiheit der anderen. Wir können nicht sicher wissen, was in den Köpfen der anderen vor sich geht, welche Absichten sie hegen, ob sie womöglich etwas im Schilde führen, was uns schaden könnte. Die Freiheit der anderen, ob es sich dabei um Familienangehörige, Nachbarn oder Fremde handelt, ist zwar Voraussetzung unserer eigenen Freiheit, aber sie bedeutet auch Kontrollverlust. Der Staat, die Eliten, die Mächtigen haben Angst vor der Freiheit, weil emanzipierte Bürger im Gegensatz zu Untertanen nicht berechenbar sind, weil sie sich nach Lust und Laune vernetzen, sich mit anderen zusammentun, um wer weiß was auszuhecken. Auch die moderne Kontrollhysterie des Staates ist ein Produkt der Angst vor der Freiheit; und sie nimmt mit der größeren Bewegungs- und Informationsfreiheit der Menschen im digitalen Zeitalter noch einmal zu.

 

Wir neigen dazu, zu übersehen, dass Unsicherheit notwendig und unabänderlich zum Leben eines freien Menschen gehört, und träumen von einem Zustand absoluter Sicherheit, den es nicht gibt und den es, wenn wir unsere Humanität ernst nehmen, auch gar nicht geben sollte. In seinem großen Werk Angst im Abendland weist der französische Historiker Jean Delumeau nach, dass Zauberei, Hexenwahn und Judenverfolgung, religiöse Ekstase und Inquisition im neuzeitlichen Europa nicht, wie es zum Beispiel bei Jacob Burckhardt den Anschein hat, als Überbleibsel »aus dem dunkelsten Mittelalter« anzusehen sind, sondern die Kehrseite des von Burckhardt so imposant geschilderten Prozesses darstellen, in dem der Mensch der Renaissance aus tradierten kollektiven Bindungen heraustritt und sich als freies Individuum begreift. Die individuelle Selbstermächtigung, das, was wir Freiheit nennen, ist offenbar von Anfang an mit Angst verbunden, und eben diese Angst ist das Eingangstor, durch das die Feinde der Freiheit und der Menschenrechte immer wieder einzudringen verstehen.

 

Derselbe Zusammenhang von kühnem Freiheitsdrang und zu Hysterie treibender Angst, den wir aus dem 16. Jahrhundert kennen, ist bei einem großen Teil der Akteure der Französischen Revolution aktenkundig. Die Raserei der Terreur ist – jedenfalls zum Teil – Ausfluss dieser Angst, der hysterischen Angst vor Unterwanderung, vor allgegenwärtigen Agenten des Adels, vor Ausländern allgemein und Engländern im Besonderen, vor allem aber der Angst vor der eigenen Kühnheit, die unbewusst vielleicht doch als Hybris betrachtet wird. Die Tatsache, dass viele Revolutionäre – unter ihnen Marat – Mesmers Séancen besuchten, andere vor wichtigen Entscheidungen Wahrsagerinnen zu Rate zogen, nicht wenige trotz ihrer antiklerikalen Einstellung, wenn sie sich unbeobachtet wähnten, in einer Kapelle eine Kerze anzündeten, bevor sie in die Konstituante eilten, um revolutionäre Beschlüsse zu fassen, all das zeigt, dass es mit dem Vertrauen auf die Vernunft auch bei ihnen so weit nicht her war.

 

Im Gegensatz zu dem, was eine heute verbreitete, meist postmodern inspirierte Geschichtsdeutung dem Zeitalter der Aufklärung nachsagt, war das Fortschrittsverständnis im 18. Jahrhundert keineswegs so naiv und ungebrochen, wie es oft dargestellt wird. Dieselben Menschen, die die Heißluftballons der Gebrüder Montgolfier als Zeichen einer neuen wissenschaftlich-technischen Moderne bejubelten, schwärmten für den »guten Wilden« und für die einfache Sittlichkeit des Landlebens. Dieselben Menschen, die die Vernunft zur Göttin erhoben, waren anfällig für Scharlatane und Wunderheiler wie Cagliostro und Mesmer. Die tatsächlich ziemlich ungebrochene Wissenschaftsgläubigkeit, die der Marquis de Condorcet in seiner berühmten Esquisse d’un Tableau historique des progrès de l’esprit humain von 1795 an den Tag legt, wurde von Aufklärern wie D’Alembert, Diderot oder Kant keineswegs geteilt. Und der angeblich naiv-vernunftgläubige Aufklärer Lessing hat uns den schönen Satz hinterlassen: Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.

 

Die Geschichte der Moderne ist einerseits ein imposanter Prozess der Befreiung und der Rationalisierung der Lebensverhältnisse, andererseits ist sie aber auch geprägt von periodisch auftretenden Angstepidemien. Der Historiker Lucian Hölscher hat dies in seinem Buch Weltgericht oder Revolution für das ausgehende 19. Jahrhundert und besonders für die Wilhelminische Epoche dargestellt. Er sieht, was die Befindlichkeit der Menschen angeht, eine deutliche Parallele zwischen den siebziger Jahren des 19. und des 20. Jahrhunderts: »Ebenso wie im Kaiserreich macht sich Ende der siebziger Jahre eine kollektive Angst vor einer globalen, selbstverschuldeten Katastrophe breit: damals der drohenden sozialen Revolution, jetzt der atomaren und ökologischen Selbstvernichtung der Menschheit. Ebenso wie damals reagiert ein substanzieller Teil der Bevölkerung auf die Bedrohung mit einer Annäherung an die Kirchen und die Wiederentdeckung religiöser Bedürfnisse und Traditionen.«57

 

Es war der Psychologe und Soziologe Erich Fromm, der in seinem 1941 erschienenen Buch Die Furcht vor der Freiheit vielleicht am gründlichsten analysiert hat, worin die merkwürdige Ambivalenz der neuzeitlichen Freiheitsgeschichte besteht. Das hypertrophe Sicherheitsstreben und die Lust an der Beherrschung anderer mit ihrer Kehrseite der Lust an der Unterwerfung haben den Prozess menschlicher Emanzipation von Anfang an begleitet und ihn zuweilen, wie im stalinistischen Russland und in Nazideutschland, auf brutalste Weise in sein Gegenteil verkehrt. Alain Ehrenberg hat eine ähnlich ambivalente Haltung des modernen Menschen zur Freiheit als eine Quelle der Depression ausgemacht. Ihm zufolge liegt der Depression ein Gefühl der Selbstüberforderung zugrunde, das er wiederum auf die radikale Freisetzung des Individuums in der avancierten kapitalistischen Gesellschaft zurückführt: »Wenn die Neurose das Drama der Schuld ist, so ist die Depression die Tragödie der Unzulänglichkeit. (...) Die Depression ist nicht die Krankheit des Unglücks, sondern die Krankheit (...) einer Persönlichkeit, die versucht, nur sie selbst zu sein: die innere Unsicherheit ist der Preis für diese ›Befreiung‹.«58 Er geht sogar noch weiter, indem er die Geisteskrankheit schlechthin als »Krankheit der Freiheit« bezeichnet.59

 

Auch die unruhigen Studenten der 68er-Zeit, die sich gegen das Establishment auflehnten, auf die Straße gingen und die allzu braven Bürger herausforderten, waren keineswegs so frei von Angst, wie sie vielleicht selbst glaubten. Und nicht wenige wiederholten im Kleinen, was die erste Hälfte des schrecklichen 20. Jahrhunderts im Großen vorexerziert hatte: die Flucht vor den Zumutungen der Freiheit und der Individualisierung in die vermeintliche Geborgenheit dogmatischer Weltanschauungssysteme. Wer sich unter roten Fahnen versammelte, sich in Sprechchören der Geborgenheit in der Gruppe versicherte, wer in so großer Zahl alsbald Zuflucht in dogmatischen Lehrgebäuden und Kaderorganisationen suchte, war ganz offensichtlich von derselben Angst geplagt, die, so scheint es, die meisten heimsucht, die sich ins Offene wagen.

 

Oder ins Offene gestoßen werden. Barry Glassner zeigt in seinem Buch The Culture of Fear, dass die amerikanische Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts von zahlreichen Ängsten heimgesucht wird, die überwiegend eingebildeten, von den Medien verstärkten oder erfundenen Gefahren gelten, während die realen Probleme oft übersehen oder verdrängt werden. Das gleiche Phänomen lässt sich auch in Europa, zumal in Deutschland, beobachten, und natürlich spielen die Medien hier eine entscheidende Rolle als Verstärker. Freilich sind die Medien nicht die Verursacher der Ängste. Diese scheinen vielmehr ihren tieferen Grund darin zu haben, dass immer mehr Menschen aus relativ stabilen Lebenszusammenhängen der Familie, der Nachbarschaft, des gemeinsamen Arbeitsortes etc. herausgerissen werden und sich weitgehend allein zurechtfinden müssen in einer unübersichtlichen, sich immer schneller wandelnden Welt.

 

Es spricht vieles dafür, dass Menschen besser mit dem Unbehagen und der Angst fertig werden, die neben dem Glücksgefühl und dem Bewusstsein der eigenen Stärke unabänderlich mit der Freiheit verbunden sind, wenn sie in stabilen sozialen Bezügen leben. Wenn sie nicht als atomisiertes Individuum ihrem Gott oder der Statuskonkurrenz oder den Unwägbarkeiten des Weltmarkts ausgeliefert sind. Darum ist die rituelle Bestätigung der Zusammengehörigkeit in kollektiven Festlichkeiten, wie Barbara Ehrenreich in ihrem Buch Dancing in the Streets aufgezeigt hat, so entscheidend, und darum war der Kampf der Puritaner und anderer religiöser Eiferer gegen die noch im Mittelalter so zahlreichen kollektiven Festlichkeiten entscheidend dafür, dass in der Neuzeit wahre Epidemien der Angst und der Depression auftraten. In ganz ähnlicher Weise scheint die moderne Arbeits- und Konsumgesellschaft mit ihrer ins Extrem getriebenen Leistungsideologie und Individualisierung heute angsttreibend zu wirken.

 

Der Pädagoge Alfie Kohn arbeitet in seinem Buch The Brighter Side of Human Nature diesen Zusammenhang heraus: »Immer wieder haben Sozialkritiker auf die wahnsinnige Mobilität in der amerikanischen Gesellschaft hingewiesen, auf den Mangel an Gemeinschaftlichkeit und der Bindung an gemeinsame Werte oder an den Wert dessen, was man mit anderen teilt. Wir sind voneinander getrennt, wir sind so radikal auf uns selbst zurückgeworfen, dass wir es uns nicht einmal mehr gestatten können, unsere Entfremdung einzugestehen. Stattdessen benehmen wir uns wie einsame Seelen, die damit prahlen, frei von allen Fesseln und Beschränkungen zu leben, und bestehen darauf, dass es sich nicht um eine Zwangslage, sondern um ein frei gewähltes Schicksal, nicht um eine Krise, sondern um einen Zustand fortgeschrittener Wertentwicklung handelt.«60

 

Eine andere Deutung des hier besprochenen Problems liefert Paul Virilio. Ausgehend von der Tatsache der ständigen Beschleunigung aller Prozesse in der modernen digitalen Gesellschaft und der damit einhergehenden Schrumpfung des Raums, glaubt er einen Wechsel von der Agoraphobie zur Klaustrophobie als Quelle des heutigen Angstpotentials festzustellen. 61 Der moderne Mensch, so Virilio, sei eingesperrt in eine »Welt der Unmittelbarkeit und der Simultaneität«.62 Der Raum – und mit ihm alle Dinge und Personen –, der sich früher um ihn herum – im Wortsinne – als Erfahrungsraum ausbreitete, sei ihm nun in jedem Moment in virtueller Simulation unmittelbar präsent, rücke ihm bedrohlich auf Leib und Seele, stelle sich seinem Drang, sich die Welt aus freien Stücken – d. h. für Virilio im sozialen Austausch mit anderen – anzueignen, in den Weg. Das so entstehende Gefühl der Beengtheit und der Atemnot löse klaustrophobische Ängste aus, mit denen das der sozialen Erfahrung beraubte Individuum heute allein gelassen werde, sodass es sie in aller Regel nicht verarbeiten könne.

 

Wenn Virilio recht hat, hätten wir es mit einer bedeutenden Veränderung der Lage zu tun. Aus der Angst vor der Freiheit und der damit verbundenen Verantwortung für die Gestaltung des eigenen Lebens würde nun die Angst vor dem radikalen Verlust der Freiheit, weil der Raum, den es zu gestalten gilt, dem medial vernetzten Individuum immer schon als besetzter virtueller Raum vorgegeben ist. Die tödliche Gefahr für die Freiheit besteht nach Virilio nicht mehr darin, dass die Menschen aus Angst vor den Strapazen und Unwägbarkeiten einer autonomen Lebensgestaltung in die Sicherheit autoritär geregelter Gemeinschaften fliehen könnten, sondern darin, dass ihnen als radikale Individuen im digitalen Zeitalter der soziale Gestaltungsraum endgültig abhandenkommen könnte.

 

Offenbar haben wir es heute mit zwei entgegengesetzten Tendenzen zu tun, die in gleicher Weise Angst erzeugen und zu Fluchtbewegungen inspirieren: zum einen die Flucht vor den Zumutungen der Überindividualisierung in die (nach außen abgeschlossene) Gemeinschaft, die wie Zygmunt Baumann zu Recht feststellt, Sicherheit und Geborgenheit verspricht, aber mit dem Verlust von Freiheit bezahlt werden muss, und zum anderen die Flucht vor der erdrückenden Dauerpräsenz eines virtualisierten Sozialen in die Traumwelt einer neoanarchistischen Asozialität. Auf beiden Fluchtwegen könnten die überforderten Individuen das Maß an Freiheit verspielen, das unter Menschen möglich ist. Denn wenn es richtig ist, dass Freiheit in der modernen Welt nur als institutionalisierte, d. h. durch die gleiche Freiheit der anderen begrenzte und normierte Freiheit möglich ist, kommt es darauf an, die Balance zwischen individueller Freiheit und kollektiver Verantwortung zu erhalten. Diese Aufgabe ist nicht anders zu bewältigen als durch mühsames Aushandeln kompromissbeladener Konsense. Die Kraft zu dieser Leistung werden die Individuen allerdings nur aufbringen, wenn sie sich zumindest zeitweise in gemeinschaftliche Ruhezonen zurückziehen können. Aus diesem Grunde kann die schroffe Entgegensetzung von Gemeinschaft und Freiheit, die Zygmunt Baumann in seinem Buch Gemeinschaften – Auf der Suche nach Sicherheit in einer bedrohlichen Welt vornimmt, nicht das letzte Wort sein.

 

Wenn wir verhindern wollen, dass die Überforderung der Menschen durch die extreme Individualisierung zu einer massenhaften Flucht aus der Freiheit unter die Fittiche einer neuen Despotie oder zu massenhafter Isolationshaft im Kerker bloß noch virtueller Weltwahrnehmung führt, müssen wir die soziale Dimension des Individuums wieder ins Licht rücken und die Gesellschaft so organisieren, dass die kooperativen Leistungen der Menschen ermutigt und ihre existenzielle Angewiesenheit auf ihre Mitmenschen von vornherein berücksichtigt wird. Statt der Chimäre des radikalen Leistungsindividualismus und dem falschen Idealbild des heroischen Einzelkämpfers weiter nachzulaufen, sollten wir uns endlich der Tatsache stellen, dass der Mensch Individuum und Sozialwesen ist und nur als Einheit von beiden sich seine Freiheit erhalten und sein Glück finden kann. Nur wenn wir Freiheit nicht nur als eine Sache des auf sich allein gestellten Individuums begreifen, wenn wir Freiheit nicht nur als Wahlfreiheit, sondern auch wieder als das Recht und die Aufgabe begreifen, zusammen mit anderen die eigenen Lebensumstände zu gestalten, können wir einigermaßen sicher sein, dass die Angst vor der Freiheit nicht in eine neue Form der freiwilligen Knechtschaft mündet.

 

Im tiefsten Grund unserer Seele ahnen wir vielleicht, dass die Idee der Freiheit mit der condition humaine nicht so einfach in Einklang zu bringen ist, wie die demokratische Sonntagsrhetorik es zumeist suggeriert, dass wir tatsächlich ein Wagnis eingehen, wenn wir den Versuch machen, uns auf die eigenen Füße zu stellen und uns von einem Teil der Zwänge zu befreien, die unser Leben von Geburt an bestimmen. Denn Freiheit bedeutet immer auch, dass wir uns auf ungesichertes Terrain begeben, dass wir Verantwortung übernehmen müssen für Dinge, die nicht vollständig unserer Kontrolle unterliegen. Der »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« verlangt, wie Kant richtig sah, nicht nur Einsicht, sondern auch Mut: Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Schütze nicht aus Angst vor der Freiheit einen Befehlsnotstand vor, verstecke dich nicht hinter persönlichen Autoritäten, hinter dem Weltgeist oder dem Weltmarkt, hinter der Partei oder hinter Sachzwängen! Lass dich nicht mit einer virtuellen Ersatzrealität abspeisen. Vergiss nicht, dass deine Freiheit die der anderen zur Voraussetzung hat, dass sie mehr ist als die Wahl zwischen vorgegebenen Optionen, dass sie sich erst in der kooperativen Gestaltung der Lebensumstände erfüllt. Übernimm Verantwortung für dein eigenes Leben, das ein endliches ist.