7. Wachsende Macht – wachsende Verantwortung
Macht Euch die Erde untertan! Es gibt kein anderes biblisches Gebot, dass die Menschheit so beflissen und so gründlich befolgt hat. In nur wenigen Jahrhunderten ist es ihr mit Hilfe von Wissenschaft und Technik gelungen, das dominium hominis, den Raum also, den der Mensch nach eigenen Vorstellungen gestaltet und beherrscht, bis zum Äußersten auszudehnen. Wir haben die Erde besiedelt, Wälder gerodet, Sümpfe trockengelegt, Tiere gezähmt und Pflanzen gezüchtet; wir haben auch den letzten Winkel der Erde erforscht und an die Stelle der Natur eine zweite, von Menschen gemachte gesetzt; wir sind in den Weltraum vorgestoßen, ins Innere der Materie eingedrungen, haben den genetischen Code entschlüsselt, moderne digitale Technik hat unseren Planeten schrumpfen und den Zugriff auf ungeheure Datenmengen (im wörtlichen und im übertragenen Sinn) zu einem Kinderspiel werden lassen. Heere von Wissenschaftlern sind dabei, das Geheimnis des Lebens und den Ursprung des Weltalls zu enträtseln. Kein Zweifel, noch nie in ihrer ganzen Geschichte waren die Menschen so mächtig wie heute. Aber diese ungeheure Macht erfüllt uns nicht nur mit Stolz, sie ängstigt uns auch, weil sie mit einer schier unmenschlichen Verantwortung verbunden ist. Und wenn wir zu unserer eigenen Überraschung auf Grenzen unserer Gestaltungsmacht stoßen, wenn trotz aller Vorkehrungen das Geschehen um uns herum plötzlich außer Kontrolle gerät und wir mit den ungewollten Folgen unseres eigenen Tuns konfrontiert werden, reagieren wir gekränkt und verängstigt wie alle Herrscher, wenn sie erkennen müssen, dass sie nicht allwissend und allmächtig sind.
»Seit der Mensch sich der Natur bemächtigt hat und diese auf technischen Wegen verändert, hat er Angst«, schreibt der Philosoph Jürgen Mittelstraß in einem Aufsatz unter dem Titel Die Angst und das Wissen.50 Was er meint, ist die Angst vor den Folgen der menschlichen Machtergreifung, die in den mythischen Erzählungen der Griechen von Prometheus und Ikarus als Hybris gedeutet und von den Göttern grausam bestraft wird. Und in der Tat ist es erstaunlich, in welchem Maße sich uns Heutigen bestätigt, was die Menschen in der Antike allenfalls erahnen konnten. Auf immer mehr Feldern werden wir heute mit der Tatsache konfrontiert, dass die machtvollen Systeme, die wir zu unserem Schutz und zur Befriedigung unserer immer weiter gestiegenen Ansprüche ersonnen haben, sich gegen uns wenden. Auch wenn die meisten Menschen wohl nicht der allzu pauschalen Diagnose Wolfgang Königs zustimmen würden, dass »die paradoxe Situation« heute darin bestehe, »dass die zum Schutz der Menschen geschaffene Technik zur Bedrohung der Menschen geworden ist«,51 so würden sie doch wohl einräumen, dass dies für viele unserer technischen Systeme gilt. Und in dem Maße, in dem es uns gelingt, mit Hilfe von Wissenschaft und Technik unsere Macht auszudehnen, wird auch das von Günther Anders sogenannte »promethische Gefälle zwischen Macht und Verantwortung« zu einem uns bedrängenden Problem.
Freilich, auch das wissen wir: Ein Zurück zu einem ursprünglichen Unschuldszustand gibt es nicht. Wir leben unwiderruflich in einer von Menschen gemachten und darum auch von ihnen zu verantwortenden Welt. Die einzige Option, die uns bleibt, wenn wir nicht als Spezies scheitern wollen, ist die, diese unsere Welt und unsere Stellung in derselben besser zu verstehen und uns nur so viel zuzutrauen, wie wir tatsächlich verantworten können. Man mag in der Entwicklung der Atombombe und im Einstieg in die Nutzung der Kernenergie einen unverzeihlichen Sündenfall sehen, aber das ändert nichts daran, dass sich das Wissen um diese bedrohlichen technischen Möglichkeiten nicht mehr aus der Welt schaffen lässt. Solange wir uns nicht dazu durchringen, in Zukunft nicht mehr alles zu tun, was wir können, solange es uns nicht gelingt, einen weltweiten Verzicht auf die Anwendung der nuklearen und der anderen unverantwortbaren Techniken zu vereinbaren und zu garantieren, werden wir mit der Angst vor der eigenen Ungeheuerlichkeit leben müssen.
Der Psychoanalytiker Martin Wangh hat das hohe Angstniveau in der heutigen Gesellschaft einmal als ein Falloutprodukt der Atombombe bezeichnet. Auch wenn wir es zu verdrängen suchen oder wortreich dementieren, wir wissen oder ahnen zumindest, dass wir uns mit der militärischen und mit der angeblich so friedlichen energiepolitischen Nutzung der Atomspaltung auf einen Weg begeben haben, den wir niemals hätten beschreiten dürfen. Zwar behaupten immer noch viele Politiker und Wissenschaftler, nach sorgfältiger Abwägung des Für und Wider die Verantwortung für diese Technik übernehmen zu können, aber wenn sie ehrlich sind, werden sie sich eingestehen, dass niemand bei nüchterner Betrachtung der Risiken dies von sich sagen kann. Bei der militärischen Nutzung reduziert sich denn auch, genau besehen, die Sicherheitsdiskussion auf die zumeist nur verklausuliert geäußerte vage Hoffnung, dass die Atombombe niemals einem Regime oder einer Organisation verfügbar sein wird, die selbst dann nicht vor ihrer Anwendung zurückschrecken würden, wenn damit die sichere Selbstvernichtung verbunden wäre. Bei der zivilen Nutzung ist die Lage kaum weniger absurd. Was die Entsorgung des strahlenden Mülls angeht, herrscht ebenfalls das Prinzip Hoffnung, und beim Katastrophenschutz sind der Dilettantismus und die Gesundbeterei derart bestürzend, dass eigentlich nur noch sarkastische Kommentare angebracht sind. Ulrich Beck hat die von Amts wegen verbreiteten idyllischen Vorstellungen, was im Falle eines ernsthaften Störfalls zu tun sei, vor einigen Jahren folgendermaßen kommentiert: »Ausländische Reaktorunfälle finden aus verwaltungstechnischen Gründen nicht statt, inländische Katastrophen sind so liebenswürdig, sich auf eine Gefährdung von neunundzwanzig Kilometer im Umkreis eines Kernkraftwerkes zu beschränken. In diesem Sinne wäre zu unterscheiden zwischen der Verwaltung des Nonsense und der Verwaltung des Nonsense mit Nonsensemitteln.«52
Das Fatale an unserer Lage ist, dass die Last der Verantwortung sich nicht einfach auf diejenigen abwälzen lässt, die diese technischen Systeme ersannen und ihre Installierung politisch ermöglichten. Denn der Geist, aus dem heraus sie geschaffen wurden, ist der Geist, der bewusst oder unbewusst auch unser Denken prägt und unser Handeln antreibt. Es sind unsere eigenen Wünsche und Erwartungen, unsere eigenen Machtgelüste und Grandiositätsfantasien, die Wissenschaftler, Techniker und Politiker immer wieder motivieren, Grenzen zu überschreiten – auch solche, die sie vielleicht besser respektierten. Immer wieder haben Denker und Dichter die Welt der Technik als die »große Selbstbegegnung des Menschen« (Josef Luitpold) gepriesen. Und in der Tat hat sich der Mensch mit allen Facetten seines Wesens in seinen Produkten auf imponierende Weise zum Ausdruck gebracht. Heute aber stellen wir erschrocken fest, dass wir im Spiegel unserer eigenen Schöpfungen immer häufiger einem zwielichtigen Ungeheuer begegnen, das uns einerseits fasziniert und andererseits, von Grauen erfasst, zurückschrecken lässt.
Die Ambivalenz unserer Einstellung zu unseren eigenen Produkten ist bei der Gentechnik oder bei der Präimplantationsdiagnostik heute vielleicht am augenfälligsten. Instinktiv scheuen die meisten von uns davor zurück, den Lockrufen jener Biowissenschaftler zu folgen, die sich heute daranmachen, als eugenische Anthropotechniker die soziale, geistige und physische Natur des Menschen zu verbessern. Viele Menschen lehnen solche Eingriffe in die Schöpfung aus religiösen Gründen ab; sie glauben darin den verwerflichen Versuch des Menschen zu erkennen, Gott zu spielen, und sind überzeugt, dass er nur in einer Katastrophe enden kann. Aber auch ganz und gar säkularisierte Menschen sehen darin nicht selten eine höchst fragwürdige Grenzüberschreitung, weil sie annehmen, dass der Mensch der damit verbundenen Verantwortung nicht gewachsen ist. Wahrscheinlich wären die meisten Menschen froh, wenn unsere Kultur das Wissen um diese Möglichkeit nie hervorgebracht hätte. Aber was, wenn sich herausstellte, dass mit den hier gewonnenen Erkenntnissen tatsächlich schwere Erkrankungen und Behinderungen vermieden werden könnten, wie von interessierter Seite behauptet wird? Wer von uns würde dann freiwillig auf ihre Inanspruchnahme verzichten? Und würden wir, wenn wir uns tatsächlich dem hier möglichen Fortschritt verweigerten, nicht in ein neues moralisches Dilemma geraten, weil wir Leid, das zu verhindern gewesen wäre, nicht verhinderten?
Nicht zu tun, was wir können, das fällt uns modernen Menschen am schwersten. Sobald unsere wissenschaftliche Neugier und unser Machtstreben eine neue technische Möglichkeit hervorgebracht haben, tendiert diese dazu, sich von einer Möglichkeit zu einem Muss zu entwickeln. Weil wir verhindern können, dass ein behindertes Kind auf die Welt kommt, fühlen wir uns verpflichtet, vorbeugend einzugreifen, wenn uns eine entsprechende Diagnose gestellt wird, selbst dann, wenn wir eigentlich nicht von der Weisheit eines solchen Handelns überzeugt sind. Schließlich, so sagen wir uns beschwichtigend, können wir so Leid verhindern und uns selbst und der Gesellschaft eine Menge Kosten ersparen. Wenn die Börsen in New York, London oder Singapur die neuen digitalen Möglichkeiten des Flash Trading und des Derivathandels nutzen, müssen wir es in Frankfurt und an jedem anderen Börsenstandort auch tun, um im Wettbewerb bestehen zu können, auch wenn wir ahnen, dass damit im Weltfinanzmarkt ein chaotischer Prozess in Gang gesetzt wird, der fast zwangsläufig in die Katastrophe führen muss.
Wer sich trotz schwerer Bedenken mit den neuen Möglichkeiten arrangiert, wird im Nachhinein oft mehr oder weniger gute Gründe finden, um sein Tun vor sich selbst und vor anderen zu legitimieren. So werden nicht selten aus Zwangsverpflichteten scheinbar überzeugte Anhänger der gefährlichen neuen Techniken. Oder man erklärt sich einfach für nicht zuständig und blendet die eigene Verantwortung aus, konzentriert sich ganz auf sich selbst, die eigene Familie, den eigenen Beruf, das eigene Fortkommen. Die seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts rasant zunehmende Ich-Bezogenheit bei gleichzeitiger Verarmung der sozialen Beziehungen interpretiert Martin Wangh als den – vergeblichen – Versuch, angesichts einer nicht zu verantwortenden Gesamtentwicklung den Kreis menschlicher Verantwortung so radikal zu begrenzen, dass Fragen nach dem Sinn und der moralischen Zulässigkeit riskanter technologischer Großprojekte nach Möglichkeit ausgeblendet werden. Aber, so Wang, die Ängste, die wir verdrängen, holen uns zumeist wieder ein, und als Stirner’sche Einzelne sind wir ihnen erst recht hilflos ausgeliefert.53
Horst Eberhard Richter hat schon Ende der siebziger Jahre in seinem Buch Der Gotteskomplex die Entwicklung der modernen Gesellschaft als eine »neurotische Flucht aus narzisstischer Ohnmacht in die Illusion narzisstischer Allmacht« beschrieben.54 Für ihn kommt dieser Prozess einer »neurotischen Überkompensation« am Ende des Mittelalters in Gang, als die Menschen sich mehr und mehr aus der Geborgenheit der Gotteskindschaft zu lösen und sich als eigenverantwortliche Individuen zu begreifen beginnen. Der virtuoso, der stolz und eigenmächtig alle Fesseln der Tradition abstreifende, von wissenschaftlicher Neugier und prometheischem Schöpferdrang getriebene Renaissancemensch, ist eine frühe Verkörperung dieser angstgetriebenen Selbstermächtigung. Von nun an geht es um die Beherrschung der Natur, um möglichst vollständige Kontrolle – auch der eigenen Emotionen und Triebe. Schwäche ist peinlich, sie wird überspielt und verdrängt oder schlägt um in Grandiositätsfantasien, vergleichbar mit Nietzsches Vorstellung vom »Übermenschen«, die heute in der von Biowissenschaftlern genährten Hoffnung auf die anthropotechnische Verbesserung des Menschen wiederauftaucht. In der Folge werden Tod, Krankheit und Behinderung immer radikaler aus dem öffentlichen gesellschaftlichen Leben hinausgedrängt. »Zu den noch am wenigsten gelösten Schlüsselproblemen unserer Zivilisation«, schreibt Richter, »gehört der Umgang mit der Schwäche, mit der Zerbrechlichkeit, mit der Endlichkeit.«55
Heute wird uns von allen Seiten schmerzhaft klargemacht, dass der Versuch des modernen Menschen, gottgleiche Allwissenheit und Allmacht und damit Kontrolle über alle Lebensprozesse zu erlangen, gescheitert ist. Die eine Zeitlang erfolgreich verdrängte Angst kehrt zurück und sie nimmt panische Züge an, wenn wir erkennen, dass die Instrumente und Systeme, die wir zum Zwecke unserer Machterweiterung geschaffen haben, sich längst verselbstständigt haben. Martin Buber hat in seinem Buch Das dialogische Prinzip die heutige Lage früh so beschrieben: »Die Heizer häufen noch die Kohlen, aber die Führer regieren nur noch zum Schein die dahinrasendenen Maschinen. Und in diesem Nu, während du redest, kannst du es wie ich hören, dass das Hebelwerk der Wirtschaft in einer ungewohnten Weise zu surren beginnt; die Werkmeister lächeln dich überlegen an, aber der Tod sitzt in ihren Herzen. Sie sagen dir, sie passten den Apparat den Verhältnissen an; aber du merkst, sie können fortan nur noch sich dem Apparat anpassen, solange er es eben erlaubt.«56
Die Krise der Moderne, die bei Buber noch in den Bildern der prädigitalen, fordistischen Welt zum Ausdruck gelangt, ist in erster Linie die Krise des Westens. Es ist keineswegs ausgeschlossen, dass aus ihr etwas positiv Neues, eine konviviale Welt, eine der Natur des Menschen angemessenere Lebensweise hervorgeht. Aber um die Krise in diesem Sinne produktiv auflösen zu können, müssten wir sie zunächst einmal anerkennen, müssten wir die Notwendigkeit zu einem grundlegenden Kurswechsel begreifen. Das fällt den meisten von uns auch deswegen schwer, weil trotz aller offensichtlichen Fehlentwicklungen die Vorbildfunktion des Westens in der Welt immer noch groß ist. Wenn wir uns heute in der Welt umschauen, so sehen wir zwar neue aufsteigende Mächte wie China, Indien oder Brasilien, die ihre Mitspracherechte immer nachdrücklicher geltend machen, aber insgesamt ist die Dominanz der westlichen Länder nach wie vor erdrückend. Es wird sich hieran trotz des rasanten Tempos, in dem einige Schwellenländer aufholen, und trotz der unübersehbaren Schwächung der USA und Europas in nächster Zeit wohl auch wenig ändern. Zudem folgt der Aufstieg der Schwellenländer weitestgehend derselben Logik, die die Dominanz des Westens hervorgebracht hat. Damit aber tragen die westlichen Länder auf absehbare Zeit, ob es ihnen gefällt oder nicht, auch weiterhin die Hauptverantwortung für den Zustand der Welt.
Macht und Verantwortung sind nun einmal nicht voneinander zu trennen. Das wird im Prinzip auch von den meisten westlichen Politikern nicht geleugnet, obwohl sie sich immer noch scheuen, daraus die richtigen, die verantwortungsvollen Konsequenzen zu ziehen. Kaum war Deutschland im Jahre 1990 vereinigt und damit mit Abstand der mächtigste Staat in Europa geworden, war allenthalben die Rede davon, dass Deutschland nun auch mehr Verantwortung übernehmen müsse. Zuvor hatten sich die beiden deutschen Staaten, wenn es um internationale Verpflichtungen ging, meistens mit Erfolg in den Schatten ihres jeweiligen Großverbündeten geduckt. Das, so die fast einhellige Meinung in der Politik und in der veröffentlichten Meinung, sei nun nicht mehr möglich. Aber diese richtige Einsicht führte nicht zu dem naheliegenden Entschluss, die Entwicklungshilfe aufzustocken, sich für faire Austauschbeziehungen mit den Ländern Afrikas einzusetzen oder entschlossen auf Abrüstung und eine Eindämmung des Rüstungsexports zu drängen. Vielmehr ließen sich die Deutschen in fragwürdige Kriege hineinziehen und glaubten ausgerechnet am Hindukusch die Freiheit verteidigen zu müssen. Schlagartig wurde deutlich, was hier in Wirklichkeit mit Verantwortung vor allem gemeint gewesen war: die Demonstration der eigenen Macht.
Allerdings ist es, genau besehen, mit dem Selbstbewusstsein der Mächtigen in der westlichen Welt heute nicht mehr allzu weit her – von dem alten Sendungsbewusstsein des 19. und 20. Jahrhunderts gar nicht zu reden. Seit sich gezeigt hat, dass das Schwellenland China die durch den Zusammenbruch der Lehman-Bank ausgelöste Weltfinanzkrise sehr viel besser überstanden hat als die westlichen Länder, seit die Schuldenkrise in Europa und in den USA, die zu einem erheblichen Teil die Folge der Bankenkrise ist, die Handlungsfähigkeit der Staaten untergräbt, geht im Westen die Angst vor einem unabwendbaren und unumkehrbaren Niedergang um. Aber statt nun wirklich globale Verantwortung zu übernehmen, tun wir alles, um unseren schwindenden Machtvorsprung so lange wie möglich zu erhalten. Wir verbarrikadieren uns in unserem Wohlstand, obwohl wir längst wissen, dass wir ihn nicht werden sichern können, wenn wir ihn nicht mit den anderen teilen. Wir reden zwar von Globalisierung, von globaler Verantwortung, von der Notwendigkeit einer gerechten vorwärtsweisenden Weltinnenpolitik, aber wenn es praktisch wird, wenn es um faire Handelsbeziehungen, um den Zugang zu wichtigen Ressourcen, wenn es um das Teilen von Macht und Reichtum geht, sind alle guten Vorsätze zumeist schnell wieder vergessen. Auch darum ist der Zustand der Welt, wie er ist, werden seit Jahrzehnten G8-, G12-, G20-Gipfel veranstaltet, folgt eine UNO-Konferenz der anderen, während sich die soziale Situation der Mehrheit der Weltbevölkerung verschlechtert, wichtige Rohstoffe, Nahrung und trinkbares Wasser knapp werden und die Erderwärmung mit ihren absehbar katastrophalen Folgen weiter zunimmt.
Vielleicht ist der tiefste Grund der modernen Angst in einem nicht offen eingestandenen Schuldgefühl zu sehen, das mit unserer immer destruktiver werdenden Wirtschafts- und Lebensweise zu tun hat. Selbst wenn wir uns mit den ökologischen Fragen im Detail nicht auskennen, so wissen wir doch in aller Regel, dass wir mit unserer Art zu wirtschaften und zu leben die Biosphäre verwüsten und unseren Kindern und Enkeln damit die Zukunft verbauen. Auch wenn wir es zu verdrängen suchen, wir sind uns doch zumeist bewusst, dass, während wir im Überfluss leben, Millionen von Menschen in Afrika, Lateinamerika und Asien in Armut dahinvegetieren und Hunger leiden. Die Staaten des Westens, in denen nicht mehr als zwölf Prozent der Weltbevölkerung leben, schreibt Jean Ziegler in seinem Buch Der Hass auf den Westen, hätten mit ihren großen Konzernen und der von ihnen dirigierten Finanzwirtschaft sich die ganze Welt unterworfen; sie seien verantwortlich für Hunger, Elend und Unterentwicklung. In der Tat ist es nicht leicht, sich der Einsicht zu entziehen, dass wir alle, die wir vom gegenwärtigen Zustand der Welt profitieren, Komplizen der Spekulanten und Ausbeuter sind. In unserer säkularisierten Kultur werden zwar nur wenige Menschen die archaische Vorstellung teilen, dass unsere Hybris zwangsläufig ein göttliches Strafgericht nach sich ziehen werde. Aber die Erwartung einer Art poena naturalis, die ja auch immer eine Schuld voraussetzt, ist möglicherweise unterschwellig auch in unserer modernen Zivilisation virulent und erzeugt heute bei vielen Menschen ein Gefühl schuldhafter Bedrückung, das sich zwar verdrängen, aber in seiner Wirkung nicht ganz ausschalten lässt.
Wieder einmal, wie am Ende der Antike und in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, verstärkt sich das Gefühl, in einer Endzeit zu leben. Leben mit dem »Restrisiko«, wie lange kann das noch gutgehen? Die Rechnung für die Zerstörung der Biosphäre, für die Verschwendung des über viele Jahrtausende angesammelten Naturkapitals, für die Missachtung der Lebensinteressen der Mehrheit der Weltbevölkerung, für die leichtfertige Überschreitung von Grenzen des Verantwortbaren, wird sie uns heute präsentiert? Müssen wir jetzt für das bezahlen, was wir in unserem Machtrausch angerichtet haben? Lars von Trier hat in dem Film Melancholia diese Stimmung in bedrückende Bilder gefasst. Am Ende kommt über die verängstigten Menschen in ihrem prächtigen Schloss ein allen heilsgeschichtlichen Sinns beraubtes apokalyptisches Geschehen: Der Planet Melancholia kollidiert mit der Erde und alles Leben, jedenfalls alles höhere, wird auf einen Schlag vernichtet. Die Einzige, die das Verhängnis kommen sieht, ist die depressive Schwester der Hausherrin, und, weil sie längst alle Hoffnung aufgegeben hat, ist sie auch die Einzige, die weiß, was zu tun ist: die hektische Suche nach einem Ausweg aufgeben und das Unvermeidliche gefasst über sich ergehen lassen.
Die Hellsicht des verdunkelten Gemüts – das alte Kassandramotiv gewinnt heute wieder an Faszination. Plötzlich werden technische Katastrophen, die längst in Büchern und Filmen zu unterhaltsamen Erzählungen verarbeitet wurden und all ihre Schrecken verloren zu haben schienen, wieder zu ominösen Zeichen, die wir zuvor in unserem Hochmut meinten missachten zu können. Die »unsinkbare« Titanic geht am 15. April 1912, zwei Jahre vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, unter und mit ihr eintausendfünfhundert Menschen. War das eine frühe Warnung? Am 3. Mai 1937, zwei Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, stürzt der Zeppelin Hindenburg in New York brennend ab. Auch das ein Menetekel? Viele andere Bilder und Daten von Katastrophen haben sich in unser Gedächtnis eingebrannt. Am 28. Februar 1986 verglüht das Spaceshuttle Challenger und mit ihm die sechsköpfige Besatzung, am 3. Juni 1998 bringt ein gebrochener Radreifen bei Eschede einen ICE zum Entgleisen und am 23. Juni 2011 stürzt in China ein Hochgeschwindigkeitszug von einer Brücke. Jährlich sterben im Straßenverkehr 1,2 Millionen Menschen; seit der Erfindung des Automobils sind es insgesamt ca. 50 Millionen. Angeblich absolut sichere Kernkraftwerke explodieren in Three Mile Island, in Tschernobyl, in Fukushima. In der modernen Medienwelt erleben wir alle diese Katastrophen hautnah mit, die Bilder besetzen unsere Fantasie, sind ständig abrufbar, verbinden sich mit anderen Bildern und Schreckensmeldungen.
Weil die meisten Menschen keine klare Vorstellung davon haben, wie wir anders leben könnten, friedlicher, ökologisch vernünftiger, sozial gerechter und dennoch oder auch gerade deswegen glücklicher und erfüllter, weil sie, wenn sie eine Vorstellung von einem anderen Leben haben, in aller Regel nicht daran glauben, dass sich diese angesichts der Schwerkraft unserer Gewohnheiten und der mächtigen Interessen, die mit der bisherigen Lebensweise verbunden sind, durchsetzen ließe, können sie sich nicht zu erlösendem Handeln entschließen, verlieren am Ende gar die Lebenszuversicht, verfallen in Schwermut oder werden zynisch. Vor uns, das ist die zumeist unausgesprochene Überzeugung vieler Menschen, vielleicht der Mehrheit, liegt eine lange Periode des Niedergangs, der harten Verteilungskämpfe und der Ressourcenkriege, des Verzichts und der Freiheitsbeschränkung. Auch wenn man entschlossen ist, um seinen eigenen Anteil am kleiner werdenden Kuchen mit Zähnen und Klauen zu kämpfen – froh wird man in dieser Perspektive nicht.