2. Sinnvolle Dezentralisierung oder kommunitaristische Regression
Die globalisierte Welt mit ihren der politischen Kontrolle entwachsenen chaotischen Prozessen und Interdependenzbeziehungen wirkt auf viele Menschen heute wie ein Meer voller unvorhersehbarer Gefahren. Wenn in einem viele tausend Kilometer entfernten Winkel der Welt eine ansteckende Krankheit ausbricht, haben wir Grund, uns vor Ansteckung zu fürchten; Bürgerkriege und soziale Missstände in Asien und in Afrika führen dazu, dass immer mehr verzweifelte Menschen aus fernen Ländern in Europa einen Platz zum Überleben suchen und für uns zum Problem werden; Rating-Agenturen in Übersee entscheiden über das Wohl und Wehe ganzer Volkswirtschaften in Europa; ein anonymer Dämon namens die Finanzmärkte fordert immer neue Opfer, und die Politiker scheinen keine andere Wahl zu haben, als seinen Anordnungen zu gehorchen, um ihn bei Laune zu halten. Fast täglich erfahren die Menschen, dass die einst so wirksam Schutz organisierenden Nationalstaaten unter den neuen Bedingungen diesen nicht mehr bieten können. Dass eben diese Staaten vielmehr, um im globalisierten Wettbewerb und angesichts eines tyrannischen Weltfinanzmarkts bestehen zu können, ihre wohlfahrtsstaatlichen Sicherungen Schritt für Schritt abbauen und die Menschen in eine Konfrontation mit anonymen globalen Mächten zwingen, die sie unter keinen Umständen bestehen können. Kein Wunder, dass in dieser Situation die Außenwelt und alles Fremde von vielen als Bedrohung empfunden wird und immer mehr Menschen, sofern sie die Mittel dazu haben, sich aus der zerfallenden großen Gesellschaft zurückziehen und sich in homogenen Gemeinschaften abzuschließen trachten, um sich so gegen die Zumutungen und Bedrohungen des Fremden zu schützen.
Überall in den westlichen Städten kann man seit Jahren beobachten, wie dieser Prozess der Separierung und der Abschottung fortschreitet. Was unter den postkolonialen Bedingungen der Dritten Welt für die einheimischen Eliten schon seit Langem üblich war, ist in den letzten Jahrzehnten auch in der Ersten Welt an der Tagesordnung, am auffälligsten in den USA. In dem Maße, indem die einstmals zuverlässige soziale Ordnung der großen Gesellschaft, die den Umgang mit dem Fremden berechenbar machte, zerfällt und die sozialen Unterschiede und mit ihnen die Angst vor sozialem Abstieg zunehmen, wächst die Neigung, sich in möglichst homogene Gemeinschaften zurückzuziehen, die Reichen in gated communities, die Mittelschicht in gepflegte Vorstadtsiedlungen oder gentrifizierte Altbauviertel. Für die einheimische Unterschicht und die Mehrheit der deklassierten Fremden bleiben da zumeist nur möglichst ethnisch homogene moderne Großstadt-Gettos. Dass dieser Prozess angesichts der »Krise des öffentlichen Raums« (Zygmunt Baumann) eine gewisse Logik hat, ist kaum zu bestreiten. Handeln im Sinne zweckorientierter Praxis setzt eine funktionierende soziale Ordnung voraus, in der die Reaktionen der anderen einigermaßen berechenbar sind. Nur wenn eine solche Ordnung institutionell verbürgt ist, stellt sich das Vertrauen ein, das als Basis aller zivilen Kommunikation und Interaktion unerlässlich ist. Erodiert die soziale Ordnung und damit das Vertrauen, das für die Interaktionen in einem gemeinsamen Raum der Öffentlichkeit Voraussetzung ist, liegt es in der Tat nahe, sich in Interessengemeinschaften oder ethnisch homogene Gemeinschaften zurückzuziehen, weil hier noch am ehesten berechenbare Reaktionen der Interaktionspartner erwartet werden können.
Die Haken an der Sache sind freilich leicht zu erkennen. Wer die Geborgenheit und Sicherheit einer solchen abgeschotteten Gemeinschaft erstrebt, muss auf einen Teil seiner Individualität und Freiheit verzichten und insofern ein sacrificium rationis erbringen, als er sich gegen Informationen und Überlegungen, die die fraglose Einheit der Gemeinschaft gefährden könnten, weitgehend immunisieren muss. Wo dies geschieht, handelt es sich in der Tat um einen Rückschritt, um eine Umkehrung jenes modernen Prozesses der Emanzipation des Individuums, der gewöhnlich auch als Ausgang des Menschen aus der geistigen Enge, der sozialen Kontrolle und der Rückständigkeit der (dörflichen oder kleinstädtischen) Gemeinschaft in die Freiheit und Anonymität der vernunftgeleiteten großen Gesellschaft gedeutet wurde. Allerdings zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass Gemeinschaft und Gesellschaft keineswegs sich ausschließende Organisationsformen sind, wie es Ferdinand Tönnies in seiner 1887 veröffentlichten Abhandlung Gemeinschaft und Gesellschaft und nach ihm viele Soziologen suggerierten.
In der modernen urbanen Gesellschaft stoßen wir an vielen Stellen auf gemeinschaftliche Lebensformen, die durchaus mit der Offenheit der modernen Gesellschaft vereinbar sind, ja, diese sogar für viele Menschen erst lebbar machen. Selbst dort, wo Menschen sich, verschreckt durch die Strapazen der pluralistischen Gesellschaft, in möglichst homogene Gemeinschaften zurückziehen, gelingt die Abschottung gegenüber der Umwelt angesichts der engen Verflechtung unterschiedlicher Lebenssphären und der grenzenlosen Möglichkeiten der Kommunikation heute niemals total. Auch in diesen abgeschotteten Gemeinschaften bleibt man angewiesen auf die Leistungen von Menschen, die außerhalb der Gemeinschaft leben, lässt sich die Begegnung mit den Fremden – und sei es die durch die Medien vermittelte – niemals völlig vermeiden. Zudem kann eine moderne Gemeinschaft, wenn sie den erreichten Grad der Spezialisierung in Expertenkulturen nicht drastisch zurückfahren und damit Stagnation riskieren will, niemals jene Homogenität des Denkens und Handelns erreichen, die manche in ihrer Sehnsucht nach Beheimatung und Geborgenheit für wünschenswert halten. Kommunikation und Interaktion in Expertenkulturen reichen zwangsläufig über den Kreis der Gemeinschaft hinaus und führen zu unterschiedlichen perspektivischen Weltdeutungen. Damit aber erschweren sie auch die kommunitäre Identitätsstiftung.
Dass die Geborgenheit in Kleingemeinschaften wie der Familie, dem Freundeskreis oder der Nachbarschaft stabilisierend wirken und helfen kann, die vielfältigen Risiken des modernen Lebens zu bestehen, ist zweifellos richtig. Auch hat die kleine Gemeinschaft einen wesentlichen Anteil daran, jene Tugenden (z. B. Wahrhaftigkeit und Zuverlässigkeit) zu entwickeln und zu befestigen, ohne die moderne Gesellschaften nicht lebensfähig sind.66 Was die Engländer den politischen Körper (body politic) nennen, also das Gemeinwesen oder die Gesamtheit der Staatsbürger, bleibt ohne die Erfahrung der anschaulichen Körperlichkeit des Sozialen in der kleinen Gemeinschaft ein leeres Abstraktum. Aber die Gemeinschaft ist nur insofern sozial produktiv, als sie spannungsreich auf die große Gesellschaft bezogen bleibt. Die absolut störungs- und angstfreie Idylle – das erleben auch allzu selbstbezügliche Liebespaare immer wieder – ist ein unerfüllbarer Traum – und ein nicht einmal durchweg schöner dazu. Gemeinschaften, die sich gegenüber der Außenwelt abschließen, werden alsbald steril, fördern nicht die Entwicklung und Stärkung des Individuums, sondern engen es ein, fallen alsbald hinter den erreichten Stand von Wissenschaft und Technik zurück und behindern jede Art von Kreativität. Nur wenn sie offen bleiben für Einflüsse von außen, für die Begegnung mit dem Fremden, sind sie als augenfälligster Ausdruck der Sozialnatur des Menschen und als Einübungsfeld sozial-empathischer Verhaltensweisen wirklich produktiv. In diesem Sinne betont auch ein Kommunitarist wie Amitai Etzioni: »Wir brauchen neue Gemeinschaften, in denen die Menschen Wahlmöglichkeiten haben, die genug Raum für divergente Subgemeinschaften bieten und doch gemeinsame Bande aufrechterhalten.«67
Was sich bei der Abschottung in homogenen Gemeinschaften am negativsten auswirkt, ist, dass die ausbleibende Provokation durch das Fremde und die Fremden allzu leicht zu Provinzialität im Denken und Innovationsträgheit im Handeln führt. Zu Recht spricht Herfried Münkler in diesem Zusammenhang von einer »kommunitaristischen Regression«. Denn in der Tat bedeutet der Rückzug aus der großen Gesellschaft in die abgeschottete Gemeinschaft die Zurücknahme einer entscheidenden zivilisatorischen Leistung der Moderne; der Fähigkeit nämlich, »mit Fremden zu interagieren, ohne ihnen ihr Fremdsein zum Vorwurf zu machen oder sie zu nötigen, das, was sie zu Fremden macht, abzulegen oder zu verleugnen.«68 Und genau dieser Fähigkeit verdankt die moderne Gesellschaft einen Großteil ihrer erstaunlichen Anpassungs- und Innovationsfähigkeit.
Für unseren Zusammenhang ist aber entscheidend, dass sich auch der Sicherheitsgewinn, den sich die Menschen von der Abschottung in möglichst homogenen Gemeinschaften versprechen, in aller Regel nicht oder nicht in dem erwarteten Umfang einstellt. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat immer wieder auf den Teufelskreis von Angst, Abschottung und vermehrter Angst hingewiesen, so 1986 in dem Buch Verfall und Ende des öffentlichen Lebens – Die Tyrannei der Intimität und 1994 in Civitas – Die Großstadt und die Kultur des Unterschieds. Das, was er in den achtziger und neunziger Jahren in den USA beobachtet hat, ist mittlerweile auch in Europa zu konstatieren. »Das Wachstum der amerikanischen Städte hat in den letzten zwei Jahrzehnten zur Entstehung ethnisch relativ homogener Wohnviertel geführt, und es scheint kein Zufall zu sein, dass die Angst vor Außenseitern in dem Maße gewachsen ist, wie diese Wohnviertel vom Rest der Stadt abgeschnitten worden sind.«69 Dieselbe negative Dialektik betonen auch Zygmunt Baumann und Herfried Münkler: »Das Projekt der Abschottung gegen die Polyphonie des städtischen Lebens in den Enklaven kommunitärer Einförmigkeit ist so selbstzerstörerisch wie selbstverstärkend. (...) Mit zunehmender Neigung zur Homogenität wächst der Horror vor dem Fremden draußen vor der Tür.«70 »Je eingemauerter oder eingezäunter die Gemeinschaft ist, desto bedrohlicher und feindlicher wird für sie die Welt außerhalb, was zu einem weiter wachsenden Sicherheitsbedürfnis führt, noch höheren Mauern, noch größerem Misstrauen gegenüber Fremden etc.«71
Flüchten oder angreifen, das sind die Alternativen, vor die sich Tiere gestellt sehen, wenn sie bedroht werden. Der Mensch dagegen hat im Laufe der Geschichte subtile Techniken und Systeme entwickelt, die ihm auch andere Wege eröffnen, sich zu schützen. Heute, da diese Techniken und Systeme in vielen Fällen versagen, neigen einige Menschen zur Flucht hinter die Mauern einer möglichst homogenen Gemeinschaft. Was aber, wenn man in seiner Fluchtburg sich trotzdem nicht sicher fühlt, wenn die Abgeschlossenheit einem erst recht das Gefühl gibt, von bösen Mächten umzingelt zu sein? Wir wissen, dass Tiere, auf der Flucht in die Enge getrieben, oft mit verzweifelter Aggression reagieren. Etwas Ähnliches scheint es auch bei Menschen zu geben, unabhängig davon, ob sie sich freiwillig aus der großen Gesellschaft zurückgezogen haben oder ob sie in die Isolation abgeschoben wurden. Wo immer Menschen sich aus der großen Gesellschaft mit ihren Fremdheitszumutungen absondern, um Schutz und Geborgenheit in einer möglichst homogenen Gemeinschaft zu finden, entwickelt sich allzu leicht jene berüchtigte Wagenburgmentalität, die zu wahnhaften Bedrohungsfantasien und zu aggressiven Ausfällen gegen alle neigt, die allein schon, weil sie nicht zur eigenen Gemeinschaft gehören, als Feinde wahrgenommen werden.
Das tiefe Misstrauen dörflicher Gemeinschaften gegenüber dem Landstreicher, dem Herumtreiber ohne Heim und Herd, der bis heute anhaltende Hass auf die Zigeuner, die massiven Vorbehalte gegenüber Schwarzen in der US-amerikanischen Suburbia-Mittelschicht und neuerdings die pauschale Verdächtigung von Muslimen als potenzielle Terroristen, alle diese Phänomene stammen weitgehend aus derselben Quelle. Wenn in den modernen Wagenburgen die Angst zunimmt, findet sich auch schnell eine Gruppe von Fremden, die an allem schuld ist, was als Beeinträchtigung oder Bedrohung empfunden wird. Gefahren, die von der modernen Technik, der modernen Wirtschafts- und Lebensweise ausgehen, werden in Bedrohungen durch einen identifizierbaren Urheber uminterpretiert: So wird aus Umweltverschmutzung Brunnenvergiftung, aus einem durch technisches Versagen ausgelösten Brand Brandstiftung, aus einem Unfall ein terroristischer Anschlag. Das geradezu Tragische ist, dass die hier zu beobachtende Umdeutung der modernen Gefahren in die Bedrohung durch äußere Feinde Abwehrmaßnahmen nahelegt, die die Bedrohungslage eher verschärfen, als sie abzumildern, und damit das Gefühl der Unsicherheit zumeist noch erhöhen. Dabei ist unsere Situation heute gerade dadurch gekennzeichnet, dass die größten Gefahren aus unserer eigenen Lebensweise, aus den Widersprüchen unserer eigenen Welt und unseres eigenen Handelns herrühren. Hier, bei uns selbst und nicht irgendwo »da draußen« hätten wir also anzusetzen, wenn es darum geht, mehr Sicherheit zu gewinnen.
Die Tendenz zur Abschottung in möglichst homogenen Gemeinschaften sollte freilich nicht mit sinnvoller Dezentralisierung verwechselt werden. Die weitere pauschale Zentralisierung der Entscheidungs- und Versorgungsstrukturen wäre genau so wenig eine vernünftige Antwort auf die modernen Sicherheitsprobleme wie die Flucht in die vermeintliche Idylle der homogenen Gemeinschaft. Im Gegenteil: Hoch zentralisierte Strukturen sind wegen der großen Zahl zu verarbeitender Informationen besonders fehleranfällig; sie neigen dazu, die von Ort zu Ort, von Gruppe zu Gruppe differierenden Bedürfnisse an der Basis zu vernachlässigen oder zu verfehlen, sie haben erhöhte Transportkosten und Transportverluste zur Folge, verursachen, wenn etwas schiefgeht, wesentlich größere Schäden als dezentrale Strukturen und sind deswegen bevorzugte Ziele für kriegerische und terroristische Angriffe. Aus all diesen Gründen sind sie oft weniger leistungsfähig als dezentrale Strukturen und erfordern zudem einen extrem hohen Sicherheitsaufwand.
Nun kann eine moderne Gesellschaft sicherlich nicht ohne zentrale Strukturen des Rechts, der Verwaltung, der militärischen und sozialen Sicherung auskommen. Angesichts der vielfältigen Probleme, denen wir uns gerade heute in Europa ausgesetzt sehen, kann vernünftigerweise auch nicht bezweifelt werden, dass wir die Demokratie in Europa stärken und eine handlungsfähige und verantwortliche europäische Exekutive schaffen müssen. Angesichts der gegenwärtigen Krise der EU beginnen hier und da sogar konservative Regierungen einzusehen, dass eine Harmonisierung der Fiskal-, Steuer- und Sozialpolitik der Mitgliedsstaaten der EU unter der Kontrolle eines in seinen Befugnissen erheblich erweiterten Europaparlaments dringend erforderlich ist, wenn das europäische Projekt nicht scheitern soll. Aber dies muss keineswegs bedeuten, dass in Zukunft möglichst alles in Brüssel oder Straßburg entschieden wird und die Kompetenzen der nationalen, der Landes- bzw. der Regional- und der Kommunalparlamente entsprechend immer weiter reduziert werden. Eine solche Überzentralisierung wäre in vieler Hinsicht gefährlich. Im Gegenteil käme es darauf an, durch kluge Entscheidungen auf der jeweils höheren Ebene Raum zu schaffen für Selbstbestimmung und Eigenaktivität auf den unteren Ebenen. In vielen Bereichen ist es in der Tat sinnvoll, dezentralen Entscheidungs- und Leistungsstrukturen Vorrang vor zentralen einzuräumen. Der Grundgedanke des altehrwürdigen Subsidiaritätsprinzips, die Forderung nämlich, die Dinge, die sich in kleineren Einheiten ressourcenschonend, kostengünstig, bedürfnisgerecht und risikoärmer regeln lassen, nicht auf die jeweils höhere Ebene zu verlagern, ist durchaus einleuchtend – unter demokratietheoretischen Gesichtspunkten, aber auch unter ökologischen.
Wenn wir die sich anbahnende Klimakatastrophe verhindern wollen, ist weitgehende Dezentralisierung, vor allem bei den Versorgungsstrukturen, zweifellos eine richtige Maßnahme. Schon heute gehen vermehrt Menschen bewusst wieder dazu über, Produkte ihres täglichen Bedarfs nach Möglichkeit aus der näheren Umgebung zu beziehen. Das gilt für Nahrungsmittel, Möbel, Geschirr, Kleidung, Kinderspielzeug etc. Manchmal, nicht immer, müssen sie dafür noch einen höheren Preis bezahlen als für die Massenprodukte, die auf den globalen Märkten angeboten werden. Aber auch die Vorteile einer solchen Nahbereichsversorgung liegen auf der Hand: Teure und umweltbelastende Verpackung und die entsprechende Entsorgungsarbeit auf der Seite der Konsumenten können zumeist eingespart werden; die kürzeren Transportwege bedeuten weniger Emissionen und weniger Lärmbelästigung durch Lastwagenverkehr; die engere, manchmal sogar persönliche Beziehung zwischen Konsumenten und Produzenten ermöglicht eine sorgfältigere Berücksichtigung der jeweiligen Konsumentenbedürfnisse und lässt es von vornherein angeraten erscheinen, den Konsumenten keine unfairen Nachfolgekosten aufzubürden; viele die Gesundheit der Verbraucher gefährdende Maßnahmen zur Haltbarmachung von Nahrungsmitteln können entfallen.
Selbst wenn man die übergeordneten ökologischen Gesichtspunkte außer Acht lässt, kann man sich also – aus wohlverstandenem Eigeninteresse – für eine weitgehende Versorgung aus dem Nahbereich entscheiden. Voraussetzung ist allerdings, dass es in der näheren Umgebung Geschäfte, landwirtschaftliche oder handwerkliche bzw. kleingewerbliche Betriebe gibt, die die entsprechenden Güter anbieten. Hier zeigt sich, dass Entscheidungen zugunsten ökologisch vernünftigerer Alternativen zumeist nicht allein individuell getroffen werden können, sondern durch politische Rahmenentscheidungen (hier vor allem kommunalpolitische und regionale Planungen und ordnungspolitische Rahmensetzung) ermöglicht und gefördert werden müssen.
Ähnliche Überlegungen lassen sich auf den unter ökologischen Gesichtspunkten so wichtigen Bereich der Energieversorgung anwenden. Um Leitungsverluste zu minimieren und im Falle von Störungen den Schaden in Grenzen zu halten, empfiehlt es sich, auch die Energieversorgung nach Möglichkeit dezentral zu organisieren. Das ist im Übrigen auch das Organisationsprinzip, das den regenerativen Energien am angemessensten ist: Solarenergie kann oft auf dem Dach, Erdwärme im Garten, Wasserkraft am nahen Bach oder Fluss gewonnen und direkt am Gewinnungsort oder in seiner Nähe genutzt werden. Ähnliches gilt in windreichen Regionen auch für die Windenergie. Vielerorts setzen kommunale Versorgungseinrichtungen wie die Stadtwerke dieses Konzept bereits um. Sie könnten dies noch effektiver tun, wenn ihre Position gegenüber den großen Energieversorgern durch politische Entscheidungen gezielt gestärkt würde. Wo die Energiegewinnung vor Ort nicht ausreicht, wird im Sinne des Subsidiaritätsprinzips auf weiter entfernte Energiequellen zurückgegriffen werden müssen. Dabei sollte aber immer beachtet werden, dass die Transportverluste, die Unfall- und Anschlagrisiken und die Kosten für die Sicherheit mit der Entfernung ansteigen. Die Atomenergie ist – darüber besteht heute, jedenfalls in Deutschland, weitgehend Konsens – sowohl unter einer solchen nüchternen Kosten-Nutzen-Abwägung als auch aus Gründen der Sicherheit ein unsinniges Projekt. Allein die völlig ungelöste Entsorgungsfrage ist Grund genug, aus dieser Energieart auszusteigen. Ob ein Großprojekt wie die massenhafte Erzeugung von Solarstrom in der Sahara (Desert Tech) und sein Transport über schwer zu schützende Leitungssysteme nach Europa einer rationalen Prüfung unter den genannten Gesichtspunkten standhält, ist allerdings fraglich.
Unter ökologischen Gesichtspunkten sind eine Stärkung der kommunalen Selbstverwaltung und Selbstversorgung und die Revitalisierung der Nahbereiche geradezu zwingend. Zugleich wäre sie ein wesentlicher Beitrag zur Risikominimierung und damit zur Gewinnung von Sicherheit. Gemeinderäte und Verwaltungen, die dafür sorgen, dass die Ansiedlung von riesigen Supermärkten am Stadtrand verhindert wird, damit die Geschäfte in der Innenstadt überleben können, ermöglichen es vielen Menschen eben dadurch, ihre täglichen Einkäufe zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erledigen, und tun damit mehr für die Eindämmung des überbordenden Autoverkehrs, als alle wohlmeinenden Appelle je erreichen könnten. Auch Verwaltungseinrichtungen mit Publikumsverkehr und öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Altenheime, Ambulanzkrankenhäuser mit kleineren Bettenstationen oder Bibliotheken sollten aus denselben Gründen möglichst ebenfalls im Innenstadtbereich angesiedelt sein. Solche Maßnahmen führen, wie die Erfahrung zeigt, innerhalb kurzer Zeit zu einer wirksamen Belebung der Innenstadtbereiche, sie fördern die Kommunikation unter den Bewohnern und kommen zudem ihrer Gesundheit und ihrem Wohlbefinden zugute.
Viele Arbeitsplätze können im digitalen Zeitalter in die Wohnbereiche zurückverlagert werden, weil sie keine Belästigung oder Gesundheitsgefährdung der Anwohner mehr darstellen und zwecks Kooperation leicht mit entfernten Arbeitsplätzen über Datenleitungen vernetzt werden können. Die Voraussetzungen dafür müssen aber in der Raum- und Bauplanung der Gemeinden geschaffen werden. Die Vorteile für die Arbeitenden und für die Allgemeinheit liegen auf der Hand: Die Arbeitenden sparen zeitraubende und teure Fahrten zum Arbeitsplatz und tragen zugleich dazu bei, dass für alle die Umweltbelastung durch den Verkehr verringert wird. Wenn mehr Menschen während der Arbeit und in ihrer Freizeit vermehrt Zeit in ihrer Wohngemeinde oder in der näheren Umgebung zubringen, wachsen auch die Chancen, die Gemeindedemokratie neu zu beleben. Die Bewohner der berüchtigten Schlafstädte im Einzugsgebiet der Großstädte beteiligen sich in der Regel weder an den öffentlichen Angelegenheiten ihres Wohnortes noch an denen ihres Arbeitsortes. Fernpendler fallen schon allein deswegen für die Beteiligung an der kommunalen Demokratie aus, weil ihnen zumeist gar keine Zeit bleibt, sich mit den öffentlichen Angelegenheiten in ihrem Wohnort zu befassen, geschweige denn, sich ehrenamtlich in Vereinen und Initiativen zu betätigen. Für die Belebung der Demokratie könnte es also von großer Bedeutung sein, wenn in Zukunft wieder mehr Menschen an ihrem Wohnort oder zumindest in der Nähe desselben arbeiteten und allzu lange Fahrten zum Arbeitsplatz vermieden werden könnten.
Wenn die Menschen sich wieder zusammen mit anderen mehr um die politische Gestaltung ihrer Lebensumstände kümmern, kann dies dazu beitragen, das heute so verbreitete Gefühl zu überwinden, schutzlos anonymen Mächten ausgeliefert zu sein, und dies wiederum könnte der Neigung entgegenwirken, sich in möglichst homogenen Gemeinschaften abzuschotten. Unter dem Gesichtspunkt der Sicherheit ist allerdings noch bedeutsamer, dass Gesellschaften, die in einem hohen Maß dezentral organisiert sind und sich im Zweifelsfall auf die individuelle oder zivilgesellschaftliche Selbsthilfekompetenz der Menschen verlassen können, auf Unfälle, Anschläge oder Naturkatastrophen weitaus elastischer reagieren als hochzentralisierte Gesellschaften. Die Folgen solcher Zwischenfälle halten sich in stärker dezentral organisierten Gesellschaften zumeist in engen Grenzen. Entsprechend fühlen sich die Menschen in solchen Gesellschaften weniger bedroht, sodass ein Großteil des heute üblichen Sicherheitsaufwands überflüssig wird. Dagegen schwebt über eher zentralistisch organisierten Gesellschaften mit einem hohen Anteil an Risikotechnologie eine permanente Notstandsdrohung, und entsprechend sind die Aufwendungen für Sicherheit hier um ein Vielfaches höher. Als Fazit kann also festgehalten werden: Funktionale Dezentralisierung ist im Gegensatz zur Abschottung in homogenen Gemeinschaften mit der Offenheit moderner Gesellschaften vereinbar und kann wesentlich dazu beitragen, unsere modernen Sicherheitsprobleme abzumildern.