5. Der Verfall lebensleitender Institutionen

Wer vor fünfzig, sechzig Jahren einen Lebenslauf schreiben musste, für den waren die markanten Stationen, die er zu erwähnen hatte, weitgehend vorgegeben: Geburt, Einschulung, Kommunion oder Konfirmation, Hauptschulabschluss, Mittlere Reife oder Abitur, Wehrdienst, Lehre oder Studium, Berufseintritt, Eheschließung, Geburt der Kinder, der eine oder andere Karriereschritt, vielleicht noch ein Hinweis auf langjährige Mitarbeit bei der Caritas oder der Diakonie, auf die Mitgliedschaft in einem Verein, einer Gewerkschaft, einer Partei, schließlich Ruhestand. Ein Leben führen, das hieß noch vor wenigen Jahrzehnten für die meisten Menschen, eine im wesentlichen bekannte Reihe von Stationen zu durchlaufen und dabei einen weitgehend vorgeprägten Satz von Rollen einzunehmen. Der Lebenslauf fand in der Regel auf einer vorgezeichneten Bahn statt, war weitestgehend absehbar und in Grenzen planbar. Wem das nicht abenteuerlich genug war, der konnte aus der Routine ausbrechen, sich verweigern, auf fantasievolle und provokative Weise anders leben, aber zumeist auch wieder in die Sicherheit eines institutionalisierten Lebens zurückkehren, wenn er des Abenteuers überdrüssig wurde.

 

Das ist heute anders. Wer als junger Mensch heute »ins Leben tritt«, weiß in der Regel nicht so recht, worauf er sich da einlässt und wohin die Reise geht. Die alten Laufbahnordnungen sind demontiert, der lebenslange Beruf auf der Basis in der Jugend erworbener Qualifikationen eine Ausnahme, die Garantien des Sozialstaats und politisch geregelter Arbeitsbeziehungen sind durchlöchert. Leben ist für eine wachsende Zahl von Menschen zum unberechenbaren Risiko geworden. Während die Menschen über Jahrtausende davon ausgehen konnten, dass die Welt, in der sie lebten, morgen und übermorgen mehr oder weniger so aussehen würde, wie heute, leben sie heute in dem Bewusstsein, dass morgen schon alles anders sein kann: faszinierend, beunruhigend, deprimierend anders.

 

Überall haben die traditionell lebensleitenden Institutionen – Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Nachbarschaftsvereine, Kleingartenkolonien, stabile Belegschaften an festen Arbeitsplätzen  – unter dem Druck gesteigerter Mobilitätsanforderungen und angesichts radikalisierter Marktbeziehungen in einer globalisierten Welt ihre bindende und Halt gebende Funktion weitgehend eingebüßt. Gleichzeitig sind nahezu überall in der westlichen Welt die Halteseile des sozialstaatlichen Sicherungssystems brüchig geworden. »Alles was Sicherheit bietet«, schreibt Zygmunt Baumann in seinem Buch Die flüchtige Moderne, »verdampft, während die dem Individuum zugeschriebenen (...) Verantwortlichkeiten in bisher unbekanntem Maße wachsen.«32 Den Menschen wird immer öfter zugemutet, als radikale Individualisten ihr Leben sozusagen aus dem Nichts selbst zu entwerfen und sich auf eine Reise zu begeben, von der niemand wissen kann, wohin sie geht. Das mag auf den ersten Blick für manchen stimulierend erscheinen und eine Zeitlang gar als berauschende Freiheit erlebt werden, erweist sich aber bald für die meisten Menschen schlicht als Überforderung.

 

Natürlich gab es auch schon früher Krisenzeiten, in denen die tradierten Rahmenbedingungen des Lebens fragwürdig wurden und die Menschen sich gezwungen sahen, ihrem Leben eine neue Ordnung zu geben, so z. B. in der hellenistischen Epoche, als die epikureische Tendenz des Denkens die Sorge um das Selbst in den Mittelpunkt der Philosophie rückte, im 5. Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als die antike Welt zusammenbrach, und während der Renaissance, die unter dem Tarnnamen der Wiedergeburt den Auftakt zu einer langen Reihe revolutionärer Veränderungen gab. Aber erst die Moderne bringt eine derart schnelle Folge grundstürzend neuer Erkenntnisse der Wissenschaft und einen so umfassenden, sich ständig beschleunigenden Wandel, dass bei den Menschen neben den euphorischen Fortschrittserwartungen auch eine tiefe existenzielle Verwirrung erzeugt wird.

 

Gustave Flaubert hat in seinem aus dem Nachlass veröffentlichten Roman Bouvard und Pécuchet die Lage des modernen Menschen ironisch am Beispiel zweier bildungsbeflissener Rentner geschildert, die sich vergebens bemühen, Ordnung in das auf sie einstürmende Wissenschaos zu bringen, um so Sicherheit zu erlangen:

»›Die Sonne ist millionenmal größer als die Erde, der Sirius ist zwölfmal so groß wie die Sonne, die Kometen haben eine Länge von vierunddreißig Millionen Meilen.‹

›Das ist ja zum Verrücktwerden‹, sagte Bouvard (...).

Pécuchet fuhr fort:

›Die Geschwindigkeit des Lichts beträgt achtzigtausend Meilen pro Sekunde. Ein Lichtstrahl der Milchstraße braucht sechs Jahrhunderte, bis er zu uns kommt. Und so kann es vorkommen, dass ein Stern, den wir beobachten, längst verschwunden ist. Viele sieht man nur zu gewissen Zeiten, andere kommen niemals wieder oder ändern ihre Stellung; alles ist in Bewegung, alles vergeht.‹

›Aber die Sonne bewegt sich nicht.‹

›Das glaubte man früher. Heute sagen die Gelehrten, sie bewege sich mit rasender Geschwindigkeit auf das Sternenbild des Herkules zu.‹«33

Der verzweifelte Versuch der beiden Biedermänner Bouvard und Pécuchet, durch die Einverleibung aller wissenschaftlicher Erkenntnisse ihrer Zeit festen Boden unter den Füßen zu bekommen, scheitert auf absurde Weise – ein Menetekel, das unsere heutige Situation schlagartig erhellt. Wenn alles in Bewegung ist, wir uns an nichts Verlässliches mehr halten können, verlieren wir selbst, verliert unser Leben seinen fassbaren Sinn. Niklas Luhmann hat die moderne Orientierungslosigkeit in seiner systemtheoretischen Begrifflichkeit so benannt: »Die moralische Gewissheit guten Handelns versagt als Angstdämpfung, wo hohe, nahezu beliebige Komplexität der Welt und der Gesellschaft institutionalisiert sind. Dann wird Sicherheit zum Problem und zum Thema.« 34

 

Natürlich wissen wir alle, dass Sicherheit und Geborgenheit auch als beengend erlebt werden und Atemnot erzeugen können. Die überraschungslose Stereotypie des Alltags, die im Großen und Ganzen immer gleichen Tages-, Wochen- und Jahresabläufe, die Arbeits- und Freizeit-, die Haushalts- und Eheroutine verursachen nicht selten quälende Langeweile und Überdruss und nähren den verzweifelten Wunsch nach Abwechslung. In unserer Gesellschaft, in der die Autonomie zum »höchsten Wert« (Alain Ehrenberg) geworden ist, werden solche Reaktionen wahrscheinlicher und natürlich tragen auch sie zur Delegitimierung sozialer Bindungen und Institutionen bei. Aber wenn alles im Fluss ist, wenn wir ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden, wenn um uns herum die Welt sich in rasendem Tempo verändert, geraten wir unter Dauerstress, verlieren die Orientierung und brechen am Ende womöglich unter der psychischen Überforderung zusammen. Ohne einen festen Bezugspunkt, ohne eine übersichtliche Rhythmisierung des Alltags, ohne stabile Leitplanken, ohne Verpflichtungen gegenüber der Familie, den Freunden, den Arbeits- oder Vereinskollegen, ohne die Einbettung in stabile Sozialbeziehungen, ganz auf sich selbst und ihre erratischen Wünsche zurückgeworfen, gelingt es den meisten Menschen offenbar nur schwer, ihrem Leben einen Sinn und eine Kontur zu geben.

 

Allzu vorschnell glaubten manche Soziologen und Psychologen in den achtziger Jahren eine neue Jugend heranwachsen zu sehen, die radikalindividualistisch nur noch »ihr Ding« mache und sich allenfalls auf Zeit und immer nur unter dem Aspekt des egoistischen Lustgewinns auf andere Menschen einlasse. Nicht einmal die Kontinuität des eigenen Ich schien diese neue Jugend noch nötig zu haben. Ihr »multiples Selbst«, so war zu hören und zu lesen, ermögliche es ihnen, sich chamäleonartig an die sich immer schneller wandelnde Umwelt anzupassen. Für diese neue Jugend, so wurde uns suggeriert, lösten sich die Grenzen zwischen den Kulturen auf, sie sei in der Lage, ihre Identität je nach Laune und Bedarf zu wechseln. Jedoch, wie der Kulturanthropologe Christoph Antweiler zu Recht betont, haben Menschen »ein psychisches Bedürfnis an Stabilität und Standardisierung«, wozu außerdem eine »starke psychische Orientierung und auch physische Beschränkung auf lokale Räume« gehört.35 Auch die Tatsache, dass alle Jugenduntersuchungen der letzten Jahre regelmäßig zu dem Ergebnis kommen, dass Familie und Freundschaft auf der persönlichen Wertskala junger Leute ganz oben stehen, scheint das zu belegen. Gegen die starken Kräfte, die die Vereinzelung der Menschen in der modernen Gesellschaft vorantreiben, setzen sich diese offenbar instinktiv zur Wehr, indem sie sich des Schutzes der Kleingemeinschaft zu vergewissern trachten.

 

Die »zappeligen Wesen, die Ich genannt werden« (Ludwig Marcuse), sind auf sich allein gestellt ganz offensichtlich nicht in der Lage, halbwegs unbeschädigt durchs Leben zu kommen. Ohne stabile, verpflichtende und vertrauenstiftende Sozialbeziehungen geht es offenbar nicht. Was Ludwig Marcuse mitten in dem grauenhaften Pandämonium des Zweiten Weltkriegs seiner Zeit bescheinigt, gilt heute erst recht. Die Dynamik der Moderne tendiert dazu, alle einst so klar erscheinenden Konturen von Ich und Welt zu verwischen und so Unsicherheit und Angst zu erzeugen: »Wer heute lebt kann seine Welt nicht fassen – und kann sich selber nicht fassen; und diese Rätselhaftigkeit von Gebilden, mit denen man so eng verbandelt ist wie mit seinem Ich und seiner Gesellschaft, schafft Unsicherheit. Sieht man in die Welt, so sieht man eine undurchdringliche Wildnis. Sieht man in den Spiegel, so verirrt man sich in sich selbst. Die Welt ist eine Fremde; und das eigene Ich ist nicht eine Spur vertrauter.«36

 

Als Jürgen Habermas in den achtziger Jahren von der »neuen Unübersichtlichkeit« sprach, ging es ihm vor allem um die manifeste Krise des Wohlfahrtsstaats und die Erschöpfung der arbeitsgesellschaftlichen Utopie: »Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus.«37 Von den drei zentralen Steuerungsressourcen moderner Gesellschaften, Geld, Macht und Solidarität, so Habermas, hätten sich die beiden ersten zulasten der letzteren durchgesetzt, sodass es auf breiter Basis zu sozialer Desintegration und Sinnverlust komme.38 Damals freilich, als die Konsequenzen des marktradikalen Rückfalls noch nicht offen zutage lagen, traf diese Einrede auf wenig Zustimmung. Die wohlfahrtsstaatliche Ordnung – die in den USA nach der Roosevelt’schen Politik des New Deal und im westlichen Europa unter dem nachwirkenden Schock des Faschismus und angesichts der Herausforderung durch den Sozialismus auf der Basis eines gesellschaftlichen Kompromisses zwischen der Arbeiterbewegung und den bürgerlichen Parteien möglich geworden war –, war im Grunde schon brüchig geworden, als, wiederum in den USA, mit der einseitigen Kündigung des Bretton Woods-Vertrags das Ende der Nachkriegszeit eingeläutet wurde. Als daraufhin in Großbritannien Margret Thatcher und in den USA Ronald Reagan die neoliberale Revolution in Gang setzten, die bald die ganze westliche Welt und nach 1989 auch die Länder des ehemaligen Sowjetimperiums erfasste, kam es zu einem Prozess der Deregulierung aller Sozialverhältnisse sowie einer vom Finanzkapital angetriebenen Beschleunigung allen Marktgeschehens, die die Lebenswelten der Menschen von Grund auf destabilisierten.

 

Die daraus resultierende Unübersichtlichkeit führt nicht nur zu einer wachsenden Angst vor Kontrollverlust. Gleichzeitig schwinden bei vielen Menschen die individuellen Ressourcen, mit der unübersichtlichen Situation fertig zu werden, weil durch die Schwächung und teilweise Auflösung der lebensleitenden Institutionen auch die Möglichkeiten der zivilgesellschaftlichen Selbsthilfe eingeschränkt werden. Das Gefühl, in ein unübersichtliches, nicht kontrollierbares Geschehen verstrickt zu sein, ohne im Notfall auf Ressourcen individueller und kollektiver Selbsthilfe zurückgreifen zu können und dennoch unwiderruflich für das Gelingen des eigenen Lebens verantwortlich zu sein, überfordert immer mehr Menschen, stiftet Versagensängste und fördert depressive Gemütslagen. Sie fühlen sich ausgeliefert, allein gelassen mit einer Welt, die sie nicht mehr begreifen.

 

Die Nationalstaaten können heute angesichts der Gewalt globalisierter Prozesse die Sicherheitserwartungen der Menschen nicht mehr erfüllen. Im Gegenteil: »Der Postwohlfahrtsstaat aktualisiert Unsicherheit im Spannungsfeld von zugespitzter Individualisierung einerseits und postnationaler Staatlichkeit andererseits.«39 Anders ausgedrückt: Die heute überall im neoliberalen Ungeist betriebene Sozialpolitik (die im Grunde keine Sozialpolitik ist) zerstört solidarische Sicherungen und bürdet den Mühseligen und Beladenen die Verantwortung für ihr Los auf, die sie beim besten Willen nicht tragen können. Auf der Ebene des politisch verfassten Europas könnten neue stabile Sozialbeziehungen im Prinzip institutionalisiert werden. Aber hier herrscht heute eine durch nationale Engstirnigkeit und neoliberale Voreingenommenheit bewirkte Konfusion, die jedes koordinierte Handeln nahezu unmöglich macht. Das Ergebnis ist eine sich ausbreitende Stimmung des Rette-sich-wer-kann, die nicht nur immer häufiger zu nationalen Alleingängen führt, sondern auch im Alltagsleben der Menschen den Blick für solidarische Lösungsmöglichkeiten trübt. Zwar hat die frohe Botschaft des Neoliberalismus, dass jeder Einzelne seinen Marschallstab im Tornister trage und, wenn er es nur energisch genug wolle, auch den Aufstieg zu Wohlstand und Sicherheit schaffen könne, nach dem Debakel der Finanzkrise ihre Überzeugungskraft weitgehend eingebüßt. Aber bisher haben weder die einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union noch die Union als Ganze daraus die fälligen Schlussfolgerung gezogen und sich zu einer gemeinsamen Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik aufraffen können, die allein die Voraussetzungen für mehr Sicherheit schaffen könnte.

 

Wenn jeder, auf sich allein gestellt, das für ein halbwegs angstfreies Leben notwendige Maß an Sicherheit herstellen muss, sind die meisten Menschen hoffnungslos überfordert. Zwar werden sie, wie dies ja auch aus den Jugenduntersuchungen hervorgeht, mangels anderer Möglichkeiten verstärkt den Schutz kleiner Gemeinschaften suchen. Doch solche Freundschaftsverbände können in unserer modernen Welt mit ihrem hohen Maß an Interdependenz und ihren gesteigerten Mobilitätsanforderungen allzu oft gerade das nicht leisten, was heute am wichtigsten ist: unter schnell wechselnden Bedingungen ein Minimum an Planbarkeit des Lebens zu garantieren. Wenn ihnen der Schutz des Sozialstaates entzogen wird, werden die Inseln des Privaten und des Kleingemeinschaftlichen allzu oft zu Zonen der Verelendung und Verwahrlosung.

 

Überall in Europa, so sieht es jedenfalls aus, greifen heute Angst und Unsicherheit um sich, übrigens auch – besonders deutlich seit dem 11. September 2001 und erst recht nach der Finanzkrise – in den USA, wo man sich traditionell so gern über die German Angst oder den Europessimismus mokiert. Es ist ein diffuses Gefühl des Bedrohtseins, in dem sich die Angst vor sozialem Abstieg mit der vor Kriminalität, terroristischen Anschlägen und der wachsenden Macht Chinas und anderer Schwellenländer vermischt. Auf diese Weise wird aus identifizierbaren und abgrenzbaren Gefahren eine unheimliche, unidentifizierbare Bedrohung. Wie sehr davon unser Denken beherrscht wird, zeigt sich an der Tatsache, dass sie sogar in offiziellen Memoranden der NATO ihren Niederschlag findet. In einem Strategiepapier unter dem Titel Towards a Grand Strategy for an Uncertain World, verfasst im Auftrag des Bündnisses von fünf ehemaligen Generälen, wird ganz im Sinne dieser diffusen Angststimmung eine umfassende und nicht identifizierbare Bedrohung evoziert: »Die wichtigste Herausforderung der kommenden Jahre wird sein, auf das vorbereitet zu sein, was sich nicht vorhersagen lässt.«40

 

Während wir uns auf Gefahren vorbereiten, die keiner kennt und keiner kennen kann, vernachlässigen wir bedrohliche Entwicklungen, die klar zutage liegen. Es wird heute kaum mehr bezweifelt, dass die durch die neoliberale Revolution bewirkte Deregulierung aller Sozialverhältnisse ganz wesentlich zur Verunsicherung der Menschen beigetragen hat. Sie hat nicht nur vielen Menschen die Möglichkeit genommen, ihr Leben einigermaßen zuverlässig zu planen. Sie hat auch die Unterschiede zwischen Arm und Reich drastisch vergrößert und damit im unteren Drittel der Gesellschaft Resignation und Apathie erzeugt, während in den oberen zwei Dritteln die Statuskonkurrenz an Härte noch einmal beträchtlich zunahm. Inzwischen hat sich auch das große Fortschrittsversprechen, das mit diesem Prozess verbunden war, nämlich höhere Wachstumsraten und beschleunigte Innovation und als Folge davon mehr Wohlstand für alle, als trügerisch erwiesen. Die hohen Wachstumsraten stellen sich allen Anstrengungen zum Trotz nicht ein, die zuweilen als ökologisches Ei des Kolumbus angepriesene Dematerialisierung des Wachstums durch die Verlagerung von der Realwirtschaft zur Finanzwirtschaft ist ein Flop, und die Beschleunigung der Innovation erweist sich als Quelle neuer kaum beherrschbarer Risiken, weil für so etwas wie Technikfolgenabschätzung gar keine Zeit mehr bleibt. Dagegen geht die Konzentration des Reichtums in wenigen Händen ungebremst weiter, nimmt die Armut schnell weiter zu.

 

Die erste Reaktion unseres Zivilisationstyps auf Verunsicherung ist immer die Suche nach technischen Lösungen. Wenn mit der Kluft zwischen Arm und Reich auch die Kriminalität steigt, versuchen wir uns selbst und unser Hab und Gut mit aufwendiger Sicherungstechnik zu schützen, besuchen einen Kurs in Selbstverteidigung oder schaffen uns, sofern wir uns das leisten können, einen Bodyguard an. Wenn uns angesichts der immer härter werdenden Statuskonkurrenz Versagensangst befällt, gehen wir zum Psychiater, schlucken Antidepressiva oder vertrauen uns einem der zahlreichen Gurus an, die uns mit positivem Denken zum Erfolg zu führen versprechen. Was wir dabei übersehen, ist, dass Sicherheit in erster Linie ein soziales und erst in zweiter Linie ein technisches Problem ist.

 

Der entscheidende Grund für das sich ausbreitende Klima der Angst ist in der sozialen Verfasstheit unserer Gesellschaft zu suchen. Es gehört unabänderlich zur condition humaine, dass wir allerhand Gefahren ausgesetzt sind: Wir können einen Unfall haben, Opfer eines Verbrechens werden, einen uns lieben Menschen verlieren, krank werden, sterben. Das Wissen um unsere Verletzlichkeit ist uns stets gegenwärtig, aber normalerweise wirft es uns nicht aus der Lebensbahn. In aller Regel haben wir früh gelernt, mit Gefahren zu leben, und gar nicht so selten gelingt es uns, trotz aller Gefahren, die uns umgeben, relativ unbeschwert zu leben. Was uns dabei vor allem hilft, sind stabile und institutionalisierte Beziehungen zu anderen Menschen, von denen wir wissen, dass sie denselben Gefahren ausgesetzt sind wie wir, auf deren Beistand und deren Mitgefühl wir uns im Notfall verlassen können. Wenn wir aber nicht mehr in stabilen sozialen Beziehungen leben, wenn die sozialen Institutionen der Gesellschaft zerbröckeln, wir uns als Einzelkämpfer durchschlagen müssen und unser Verhältnis zu anderen Menschen von Misstrauen und Konkurrenzdenken geprägt ist, dann wird die condition humaine, die unter anderen Bedingungen mit einer gewissen Gelassenheit ertragen werden kann, zu einer niederdrückenden Last. Wir schauen uns um, sehen, dass wir, ganz auf uns allein gestellt, den vielfältigen Gefahren des Lebens begegnen müssen, und mit einem Schlag wird uns unser Ausgesetztsein bewusst. Also bewaffnen wir uns, fahren, wenn wir es uns leisten können, in vierradgetriebenen Vorstadtpanzern, rüsten unsere Wohnungen zu Festungen auf, trauen niemandem mehr über den Weg, rufen nach strengeren Gesetzen, härteren Strafen, mehr Polizei.

 

Eine verständliche Reaktion. Und weil der erhöhte Sicherheitsaufwand in vielen Branchen den Umsatz in die Höhe schnellen lässt, weil er Arbeitsplätze sichert und neue schafft und manchem Politiker eine willkommene Profilierungschance bietet, ist sie durchaus systemrational, erscheint sie vielen auf den ersten Blick als naheliegende und vernünftige Lösung des Problems. Dass sie dennoch nicht vernünftig ist, dämmert uns erst, wenn wir bemerken, dass bei allem bis ins Extrem gesteigertem Sicherheitsaufwand wir uns dennoch keineswegs sicherer fühlen. Die technisch-organisatorischen Schutzwälle, die wir um uns errichten, wehren nicht nur Feinde und Gefahren ab, sie hindern uns oft auch daran, mit anderen Menschen vertrauensvolle Beziehungen einzugehen. Die institutionalisierte Kultur des Misstrauens verwandelt Besucher in Eindringlinge, Kollegen in Konkurrenten, Konkurrenten in Feinde, Fremde in potenzielle Attentäter. Aber der Mensch bleibt trotz allem ein soziales Wesen, er ist angewiesen auf den vertrauensvollen Austausch mit anderen, isoliert von seinen Mitmenschen, in einer vermeintlich oder tatsächlich feindlichen Umgebung kann er sich nicht voll entfalten und verliert am Ende womöglich seine Menschlichkeit.