23. KAPITEL

Von einem wütenden Oberbefehlshaber und einer schön singenden Frau

Fredrik Reinfeldt setzte sich mit einem belegten Brot und einem dreifachen Espresso auf den einen Sessel in seinem Büro. Frisch restauriert mittels Dusche, neuen Kleidern und lehmfreien Schuhen. Auf dem anderen Sessel saß seine südafrikanische Chinesischdolmetscherin mit einer Tasse schwedischem Tee in der Hand. In den Kleidern vom Vortag. Aber die war freilich auch nicht auf dem Kartoffelacker zugange gewesen.

»So sah der Herr Ministerpräsident also aus, bevor er sich so eingesaut hat« sagte Nombeko.

»Wie spät ist es?«, fragte Fredrik Reinfeldt.

Es war zwanzig vor zehn. Also noch Zeit genug, um die Dolmetscherin zu briefen.

Der Ministerpräsident erzählte von seinen Plänen, Hu Jintao zum Klimagipfel 2009 in Kopenhagen einzuladen, nachdem er selbst hoffentlich Ratspräsident der EU geworden war.

»Man wird sich viel über Umwelt und Investitionen in diesem Bereich unterhalten«, meinte er. »Und ich möchte, dass China beim nächsten Klimaprotokoll mit an Bord ist.«

»Sieh an«, sagte Nombeko.

Ein anderer kontroverser Punkt, den der Ministerpräsident anschneiden wollte, war die Vermittlung schwedischer Auffassungen zu Demokratie und Menschenrechten. Gerade hier war es besonders wichtig, dass Nombeko wortwörtlich übersetzte und keine selbst gewählten Formulierungen einstreute.

»Sonst noch was?«, fragte Nombeko.

Ja, natürlich werde man auch über Geschäfte sprechen, Import wie Export. China wurde auch als Exportland immer wichtiger für Schweden.

»Jährlich exportieren wir schwedische Waren im Wert von zweiundzwanzig Milliarden Kronen«, sagte der Ministerpräsident.

»Zwanzig Komma acht«, korrigierte Nombeko.

Der Ministerpräsident trank seinen Espresso aus und sagte sich noch einmal, dass er gerade den mit Abstand seltsamsten Tag seines Lebens erlebte.

»Sonst noch irgendwelche Anmerkungen von Dolmetscherseite?«, fragte er.

Ohne jede Ironie.

Nombeko fand es gut, dass es bei diesem Treffen um Demokratie und Menschenrechte gehen sollte, denn dann konnte der Herr Ministerpräsident hinterher behaupten, dass es bei den Gesprächen um Demokratie und Menschenrechte gegangen sei.

Zynisch ist sie also auch noch, in all ihrer Brillanz, dachte Fredrik Reinfeldt.

* * * *

»Herr Ministerpräsident. Es ist mir eine Ehre, Sie zu treffen – diesmal unter etwas weniger chaotischen Umständen«, lächelte Präsident Hu und hielt ihm die Hand hin. »Was Sie angeht, Fräulein Nombeko – unsere Wege kreuzen sich ja immer wieder. Und das auf angenehmste Art, muss ich hinzufügen.«

Nombeko erwiderte, dass sie das genauso sah, aber sie müssten ihre Erinnerungen an die Safari in Südafrika später austauschen, sonst würde der Herr Ministerpräsident ungeduldig.

»Ansonsten wird er gleich mit der einen oder anderen Bemerkung zu Demokratie und Menschenrechten anfangen, weil er findet, dass es da noch ein bisschen hapert bei Ihnen. Und damit liegt er ja gar nicht mal so weit daneben. Aber der Herr Präsident muss sich keine Sorgen machen, ich glaube, er wird das ganz vorsichtig anschneiden. Also, wenn Sie bereit sind – können wir loslegen?«

Hu Jintao verzog das Gesicht ein wenig, verlor aber trotzdem nicht die gute Laune. Dafür war diese Südafrikanerin viel zu charmant. Außerdem war es das erste Mal, dass eine Dolmetscherin die Dinge schon übersetzte, bevor sein Gegenüber sie sagte. Nein, falsch, es war doch schon das zweite Mal. Dasselbe war ihm ja schon mal vor vielen Jahren in Südafrika passiert.

Tatsächlich schnitt der Ministerpräsident die heiklen Themen sehr behutsam an. Er beschrieb die schwedische Einstellung zur Demokratie, unterstrich die schwedische Wertschätzung der freien Meinungsäußerung und bot den Freunden in der Volksrepublik an, ihnen bei der Entwicklung ähnlicher Traditionen behilflich zu sein. Und dann forderte er mit gedämpfter Stimme, dass die politischen Gefangenen des Landes auf freien Fuß gesetzt werden sollten.

Nombeko übersetzte, doch bevor Hu Jintao antworten konnte, fügte sie auf eigene Faust hinzu, was der Herr Ministerpräsident eigentlich sagen wolle, war, dass man Schriftsteller und Journalisten nicht einfach einsperren konnte, bloß weil sie unangenehme Dinge schrieben. Oder Leute zwangsumsiedeln oder das Internet zensieren …

»Was sagen Sie denn da alles?«, fragte der Ministerpräsident.

Er merkte, dass die Übersetzung doppelt so lang geriet, wie sie eigentlich hätte sein müssen.

»Ich habe nur das vermittelt, was der Herr Ministerpräsident gesagt hat, und dann habe ich verdeutlicht, was damit gemeint war, um das Gespräch anzukurbeln. Wir sind doch wohl beide ein bisschen zu müde, um noch den ganzen Tag hier zu sitzen, oder?«

»Verdeutlicht, was damit gemeint war? Habe ich mich bei unserer Vorbesprechung nicht klar genug ausgedrückt? Das ist hier Diplomatie auf höchstem Niveau, da kann die Dolmetscherin nicht einfach frei dazuerfinden!«

Na, ihretwegen. Nombeko versprach, so wenig wie möglich dazuzuerfinden, und wandte sich an Präsident Hu, um ihm zu erklären, dass der Ministerpräsident gar nicht glücklich über ihre Einmischung war.

»Das kann ich verstehen«, sagte Hu Jintao. »Aber übersetzen Sie jetzt doch bitte, und sagen Sie ihm, dass ich die Worte des Herrn Ministerpräsidenten und die des Fräuleins Nombeko gehört habe und genug politisches Urteilsvermögen besitze, beides voneinander zu unterscheiden.«

Daraufhin setzte Hu Jintao zu einer längeren Antwort an, in der er die Guantánamo-Basis auf Kuba erwähnte, in der manche Gefangene seit fünf Jahren darauf warteten, überhaupt zu erfahren, wie die Anklage lautete. Unglücklicherweise war der Präsident auch bestens informiert über die misslichen Vorfälle von 2002, als Schweden auf Verlangen der CIA schön brav zwei Ägypter ausgewiesen hatte, die daraufhin ins Gefängnis geworfen und gefoltert wurden, wobei sich im Nachhinein herausstellte, dass mindestens einer der beiden dummerweise unschuldig gewesen war.

Der Präsident und der Ministerpräsident tauschten sich noch weiter aus, bis Fredrik Reinfeldt irgendwann fand, dass es jetzt genug war. Und sich dem Umweltthema zuwandte. Dieser Teil des Gesprächs gestaltete sich wesentlich reibungsloser.

Eine Stunde später wurden Tee und Kuchen serviert, auch für die Dolmetscherin. In der formlosen Stimmung, die an der Kaffeetafel gerne mal entsteht, ergriff der Präsident die Chance, diskret seine Hoffnung zu äußern, dass die dramatischen Ereignisse des Vortages sich in Wohlgefallen aufgelöst hatten.

Ja, danke, durchaus, meinte der Ministerpräsident, auch wenn er dabei nicht ganz überzeugend wirkte. Nombeko sah Hu Jintao an, dass er gerne mehr gewusst hätte, und fügte aus reiner Höflichkeit hinzu, dass Reinfeldt zu der Lösung neige, die Bombe in einen Bergstollen wegsperren und den Eingang für immer zumauern zu lassen. Im nächsten Moment dachte sie, dass sie das wahrscheinlich gar nicht hätte sagen dürfen, aber immerhin hatte sie diesmal nichts dazuerfunden.

Hu Jintao hatte sich in jüngeren Jahren mit dem Thema Nuklearwaffen beschäftigt (das hatte mit der Südafrikareise begonnen), und er hätte im Interesse seines Landes gern noch mehr über die Bombe erfahren. Sie war zwar schon ein paar Jahrzehnte alt, und die Bombe an sich brauchte China auch gar nicht, denn in den chinesischen Streitkräften hatte man mehr Megatonnen, als ein Mensch sich vorstellen konnte. Doch wenn die Angaben seines Nachrichtendienstes korrekt waren, könnte die Bombe – in demontiertem Zustand – China einen einzigartigen Einblick in die südafrikanische und damit auch israelische Kernwaffentechnologie geben. Und das konnte sich wiederum als wichtiges Puzzleteilchen bei der Analyse des Kräfteverhältnisses zwischen Iran und Israel erweisen. Die Iraner waren übrigens gut Freund mit China. Beziehungsweise so halb gut. Öl und Erdgas flossen aus dem Iran Richtung Osten, während China niemals heiklere Bundesgenossen gekannt hatte als die in Teheran (gut, Pjöngjang vielleicht mal ausgenommen). Unter anderem waren sie schrecklich schwer zu durchschauen. Bauten die nun ihre eigenen Atomwaffen? Oder war das alles nur Säbelrassen, hinter dem nicht mehr steckte als konventionelle Waffen und dick aufgetragene Rhetorik?

Nombeko unterbrach Hu Jintaos Überlegungen.

»Wie ich das sehe, spekuliert der Herr Präsident eventuell auf die Bombe. Soll ich den Ministerpräsidenten fragen, ob er bereit ist, sie Ihnen zu überlassen? Als Geschenk, um Frieden und Freundschaft zwischen Ihren Ländern zu festigen?«

Während Präsident Hu dachte, dass es vielleicht passendere Friedensgeschenke gab als eine Atombombe von drei Megatonnen Sprengkraft, fuhr Nombeko mit dem Argument fort, dass China schon so viele Bomben von der Sorte besaß, dass eine mehr oder weniger kaum einen Unterschied machen dürfte. Und sie war sicher, dass Reinfeldt die Bombe nur zu gern auf die andere Seite der Erdkugel verschwinden sähe. Oder noch weiter weg, wenn das möglich wäre.

Hu Jintao antwortete, es liege zwar in der Natur der Atombombe, Schaden anzurichten, obwohl das natürlich nicht wünschenswert war. Doch obwohl Fräulein Nombeko sein Interesse an der schwedischen Bombe ganz richtig erkannt hatte, war es wohl kaum passend, den Ministerpräsidenten um einen Gefallen dieser Art zu bitten. Daher bat er Nombeko, weiter zu dolmetschen, bevor der Ministerpräsident Grund hatte, sich wieder zu ärgern.

Doch es war bereits zu spät.

»Worüber reden Sie da, verdammt noch mal?«, rief der Ministerpräsident zornig. »Sie sollen dolmetschen und basta!«

»Ja, entschuldigen Sie, Herr Ministerpräsident, ich habe nur versucht, ein Problem für ihn zu lösen«, sagte Nombeko. »Aber es ging nicht so recht. Also reden Sie nur weiter. Über Umweltprobleme und Menschenrechte und so.«

Den Ministerpräsident ereilte schon wieder das Gefühl, das ihn in den letzten vierundzwanzig Stunden regelmäßig überkommen hatte. Gerade war mal wieder etwas so Absurdes geschehen, dass es unmöglich schien: Seine Dolmetscherin hatte diesmal keine Menschen gekidnappt, sondern seine Unterredung mit dem Staatsoberhaupt eines anderen Landes.

Während des Mittagessens konnte Nombeko das Honorar, das sie weder verlangt noch angeboten bekommen hatte, vollauf rechtfertigen. Sie hielt ein lebhaftes Gespräch zwischen Präsident Hu, dem schwedischen Ministerpräsidenten, dem Volvochef, dem Electroluxchef und dem Ericssonchef aufrecht – und das tatsächlich fast ohne sich selbst einzumischen. Nur bei ein paar Gelegenheiten rutschte ihr die Zunge aus. Zum Beispiel, als Präsident Hu dem Volvochef zum zweiten Mal für das wundervolle Geschenk gedankt hatte. Diesmal fügte er hinzu, dass die Chinesen selbst nicht so schöne Autos bauen könnten, und Nombeko übersetzte seine Worte nicht, sondern schlug ihm vor, dass sein Land und er Volvo doch gleich komplett kaufen könnten, dann müssten sie nicht mehr neidisch sein.

Oder als der Electroluxchef erzählte, wie man sich für die Vermarktung verschiedener Produkte seiner Firma in China einsetzte, und Nombeko die Idee in den Raum stellte, Hu könne in seiner Eigenschaft als Sekretär der Kommunistischen Partei Chinas doch in Erwägung ziehen, all die loyalen Parteimitglieder zu ermuntern, sich Electroluxprodukte zu kaufen.

Diesen Gedanken fand Hu so gut, dass er den Electroluxchef sofort fragte, was für einen Rabatt er sich vorstellen könnte, wenn China eine Bestellung von sechsundachtzig Millionen siebenhundertzweiundvierzigtausend Teekochern aufgeben würde.

»Wie viele?«, fragte der Electroluxchef.

* * * *

Der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte hielt sich gerade im Urlaub in Ligurien auf, als der Ministerpräsident ihn über seine Assistentin anrufen ließ. Er solle einfach auf direktem Wege nach Hause kommen. Das war nicht als Wunsch der Regierungskanzlei formuliert, sondern schlichtweg als Befehl. Es ging um die nationale Sicherheit. Und der Oberbefehlshaber sollte bei dieser Gelegenheit auch in der Lage sein, einen mündlichen Bericht über »den aktuellen Status militärisch genutzter Bergstollen in Schweden« abzuliefern.

Der Oberbefehlshaber bestätigte den Empfang des Befehls und überlegte zehn Minuten, was der Ministerpräsident wohl wollen könnte, ehe er es aufgab und sich eine Jas 39 Gripen bestellte, um sich mit der Geschwindigkeit nach Hause fliegen zu lassen, die der Ministerpräsident indirekt vorgegeben hatte (nämlich mit doppelter Schallgeschwindigkeit).

Doch die schwedische Luftwaffe kann auch nicht einfach auf jedem Acker in Norditalien landen, den sie sich in den Kopf gesetzt hat, sondern musste sich zum Cristoforo-Colombo-Flughafen nach Genua umleiten lassen, wohin der Oberbefehlshaber wiederum zwei Stunden brauchte, wegen des dichten Verkehrs, der wie immer und ohne Ausnahme auf der A10 und an der Italienischen Riviera herrschte. Vor halb fünf Uhr nachmittags würde er nicht in der Regierungskanzlei sein, ganz egal, wie viele Schallmauern er auf dem Flug durchbrach.

* * * *

Das Mittagessen im Sager’schen Haus war vorbei. Bis zum Treffen mit dem Oberbefehlshaber der Streitkräfte waren es noch ein paar Stunden. Der Ministerpräsident hatte eigentlich das Gefühl, dass er jetzt bei der Bombe sein sollte, aber er beschloss, sich noch eine Weile auf Nombeko und die unzuverlässige Celestine zu verlassen. Er war nämlich entsetzlich müde, nachdem er über dreißig Stunden so ziemlich alles mitgemacht hatte, was ein Mensch nur mitmachen kann, ohne ein Auge zuzutun. Also entschied er sich für ein kleines Nickerchen in der Regierungskanzlei.

Nombeko und Celestine folgten seinem Beispiel, allerdings im Führerhäuschen ihres Kartoffellasters auf einem Parkplatz in Tallkrogen.

* * * *

Unterdessen wurde es für den chinesischen Präsidenten und sein Gefolge Zeit, die Heimreise anzutreten. Hu Jintao war mit seinem Besuch zufrieden, aber nicht halb so zufrieden wie Präsidentengattin Liu Yongqing. Während ihr Mann den Sonntag mit Politik und in Butter geschwenktem gedünsteten Dorsch verbracht hatte, hatten sie und ein paar andere Damen der Delegation zwei großartige Ausflüge gemacht. Erst auf den Bauernmarkt in Västerås und anschließend auf ein Gestüt in Knivsta.

In Västerås hatte sich die Präsidentengattin erst an original schwedischer Handwerkskunst erfreut, doch dann kam sie zu einem Stand mit allem möglichen Import-Krimskrams. Und mitten in all dem Trödel – die Präsidentengattin wollte ihren Augen kaum trauen! – stand eine echte Tongans aus der Han-Dynastie!

Als Liu Yongqing dreimal in ihrem mäßigen Englisch nachgefragt hatte, ob der Verkäufer wirklich den Preis meinte, den er genannt hatte, meinte er, dass sie feilschen wollte, und wurde wütend:

»Und ob! Ich verlange zwanzig Kronen für das Stück und keine Öre weniger!«

Die Gans war in einer von mehreren Kisten Gerümpel gewesen, die er aus einem Nachlass in Sörmland gekauft hatte (der Verstorbene wiederum hatte die Gans für neununddreißig Kronen von einem seltsamen Amerikaner auf dem Markt von Malma gekauft, aber das konnte der jetzige Verkäufer natürlich nicht wissen). Eigentlich hatte er die Nase voll von dem Ding, aber diese Ausländerin war so schroff gewesen und hatte mit ihren Freundinnen in einer Sprache gegackert, die kein Mensch verstehen konnte. Deswegen hielt er jetzt rein aus Prinzip an seinem Preis fest. Zwanzig Kronen, oder das Geschäft war gestorben, fertig.

Am Ende hatte die Alte dann doch bezahlt – fünf Dollar! Rechnen konnte die ja wohl auch nicht.

Der Verkäufer war zufrieden, die Präsidentengattin glücklich. Und sie sollte noch glücklicher werden, als sie sich im Gestüt Knivsta in den schwarzen dreijährigen Kaspischen Ponyhengst Morfeus verliebte. Das Pferd sah aus wie ein ausgewachsenes, normal großes Pferd, hatte aber nur ein Stockmaß von einem Meter und würde – wie alle Kaspischen Ponys – auch nicht mehr größer werden.

»Will haben!«, sagte Liu Yongqing, die seit ihrem Aufstieg zur Präsidentengattin eine herausragende Fähigkeit entwickelt hatte, ihren Willen durchzusetzen.

Aber aufgrund all dieser Einkäufe, die das Gefolge nun mit nach Hause nehmen wollte, war bei Cargo City am Flughafen Arlanda ein Papierkrieg sondergleichen entbrannt. Hier hatte man nicht nur alle praktischen Gerätschaften, die zum Be- und Entladen nötig waren, sondern auch den vollen Einblick, welche Stempel in welchem Zusammenhang erforderlich waren.

Die wertvolle Han-Dynastie-Gans rutschte gerade noch so mit durch. Schlimmer war es da schon mit dem Minipferd.

Der Präsident saß bereits auf seinem Präsidentensessel im Präsidentenflugzeug und fragte seinen Sekretär, warum sich der Abflug so verzögerte. Die Antwort lautete, das kleinere Problem sei der Transport des Präsidentenvolvos aus Torslanda, der momentan noch dreißig, vierzig Kilometer Weges vor sich hatte. Wesentlich problematischer sei es mit dem Pferd, das die Präsidentengattin gekauft habe. Die Leute hier auf dem Flughafen waren wirklich seltsam – die schienen doch glatt nach dem Motto zu leben, dass Regeln dazu da waren, befolgt zu werden. Dass es hier um die Wünsche des chinesischen Präsidenten ging, schien überhaupt nicht relevant zu sein.

Der Sekretär gab zu, dass sich die Gespräche ziemlich schwierig gestaltet hätten, denn der Dolmetscher lag ja immer noch im Krankenhaus und würde bis zum Abflug nicht wieder gesund werden. Mit den Details wolle der Sekretär seinen Präsidenten natürlich nicht belasten, aber um es kurz zu machen: Die Delegation würde gern noch ein letztes Mal diese Südafrikanerin engagieren, wenn der Präsident das für passend hielt. Ob sie wohl die Erlaubnis des Präsidenten hätten, sie zu fragen?

So kam es, dass Nombeko und Celestine von einem Anruf geweckt wurden, als sie sich gerade Kopf an Fuß zum Schlafen ins Führerhäuschen des Kartoffellasters gelegt hatten. Nun fuhren sie mit Laster, Bombe und so weiter zu Cargo City in Arlanda, um dem chinesischen Präsidenten und der Delegation mit ihren diversen Zollerklärungen zu helfen.

* * * *

Wer glaubt, dass er noch nicht genug Probleme im Leben hat, der schaffe sich in Schweden ein Säugetier an, ein paar Stunden vor dem Heimflug auf die andere Seite des Erdballs, und bestehe darauf, dass dieses Tier auf jeden Fall mitfliegen muss.

Nombeko sollte unter anderem dafür sorgen, dass das Landwirtschaftsministerium ein gültiges Exportzertifikat für das Kaspische Kleinpferd ausstellte, welches erst vor wenigen Stunden der Präsidentengattin Liu Yongqing tief in die Augen geschaut hatte.

Außerdem mussten dem zuständigen Vertreter der Behörde mehrere Impfbescheinigungen für das Tier vorgelegt werden. Da Morfeus kaspisch war und das Reiseziel Peking lautete, kam nach den Vorschriften des chinesischen Landwirtschaftsministeriums noch ein Coggins-Test hinzu, um sicherzustellen, dass dieses Pferd, das in Knivsta, tausend Kilometer südlich vom nördlichen Polarkreis, geboren und aufgewachsen war, nicht unter der Ansteckenden Blutarmut der Einhufer litt.

Des Weiteren mussten im Flugzeug Beruhigungsmittel mitgeführt werden, Spritzen und Kanülen, mit dem man dem Tier eine Injektion verabreichen konnte, wenn es in der Luft in Panik geraten sollte. Außerdem ein Bolzenschussgerät, für den Fall, dass mit dem Pferdchen wirklich alle Pferde durchgingen.

Last, but not least musste der Distriktbeauftragte des Veterinäramtes das Tier in Augenschein nehmen und es auf dem Flugplatz identifizieren. Als sich herausstellte, dass der Chef der Veterinärmedizinischen Distriktklinik auf Dienstreise in Reykjavik war, warf Nombeko das Handtuch.

»Ich sehe schon, dieses Problem erfordert eine alternative Lösung«, sagte sie.

»Und wie soll die deiner Meinung nach aussehen?«, fragte Celestine.

Nachdem Nombeko das Pferdeproblem für Hu Jintaos Frau gelöst hatte, musste sie schleunigst zur Regierungskanzlei, um dort Bericht zu erstatten. Es war wichtig, dass sie dort ankam, bevor der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte eintraf, daher sprang sie in ein Taxi, nicht ohne Celestine vorher streng ermahnt zu haben, mit ihrem Kartoffellaster ja kein Aufsehen im Straßenverkehr zu erregen. Celestine versprach es, und hätte sich auch sicher daran gehalten, wäre im Radio nicht plötzlich Billy Idol gekommen.

Zwanzig, dreißig Kilometer nördlich von Stockholm war es aufgrund eines Unfalls nämlich zu einem Verkehrsstau gekommen. Nombeko und das Taxi kamen noch vorher durch, aber Celestine mit dem Kartoffellaster blieb in der rasch immer länger werdenden Schlange stecken. Wie sie später erklärte, war es physisch unmöglich, in einem stehenden Auto zu sitzen, wenn im Radio Dancing with Myself gespielt wird. Also entschied sie sich, auf die Busspur auszuweichen.

Und so kam es, dass eine fast schon headbangende Frau nördlich von Rotebro in einem Kartoffellaster mit falschem Kennzeichen eine im Stau stehende Zivilstreife rechts überholte – und natürlich prompt an den Straßenrand gewinkt wurde.

Während der Polizeiinspektor das Kennzeichen überprüfte und herausfand, dass es zu einem roten Fiat Ritmo gehörte, dessen Nummernschilder vor Jahren als gestohlen gemeldet worden waren, ging sein Kollege, der Polizeianwärter, zu Celestine, die das Fenster heruntergekurbelt hatte.

»Sie dürfen nicht auf der Busspur fahren, auch nicht, wenn es einen Unfall gegeben hat«, erklärte der junge Polizist. »Dürfte ich bitte mal Ihren Führerschein sehen?«

»Nein, darfst du nicht, du Bullenschwein«, sagte Celestine.

Ein paar tumultartige Minuten später saß sie auf dem Rücksitz des Polizeiautos, mit Handschellen, die ihren eigenen nicht ganz unähnlich waren. Und die Leute in den stehenden Autos rundum fotografierten wie wild.

Der Polizeiinspektor hatte schon viele Dienstjahre auf dem Buckel, und er erklärte dem Fräulein ganz seelenruhig, dass sie ihnen genauso gut gleich sagen konnte, wie sie hieß, wem das Fahrzeug gehörte und warum sie mit falschem Kennzeichen durch die Gegend fuhr. Der Polizeianwärter warf unterdessen einen Blick in den Laderaum des Lasters. Darin stand eine große Kiste, und wenn man an der Seite an der richtigen Stelle ein bisschen herumfriemelte, konnte man das Ding sicher auf … na bitte, war doch schon offen.

»Was, zum Teufel …?«, sagte der junge Polizist und rief sofort den Inspektor, um ihm zu zeigen, was er entdeckt hatte.

Wenig später waren die beiden wieder bei der gefesselten Celestine, um ihr weitere Fragen zu stellen, diesmal bezüglich des Inhalts der Kiste. Aber sie hatte sich mittlerweile wieder gefangen.

»Wie war das noch, ihr wolltet wissen, wie ich heiße?«, fragte sie.

»Furchtbar gerne«, sagte der immer noch seelenruhige Polizeiinspektor.

»Édith Piaf«, sagte Celestine.

Und dann begann sie zu singen:

Non, rien de rien

Non, je ne regrette rien

Ni le bien qu’on m’a fait

Ni le mal; tout ça m’est bien égal!

Sie sang immer noch, während sie zum Polizeirevier in Stockholm gefahren wurde. Und auf der Fahrt dachte sich der Inspektor, man konnte über den Polizeiberuf ja sagen, was man wollte – aber abwechslungsreich war er.

Der Polizeianwärter erhielt den Auftrag, den Laster behutsam zu selbigem Revier zu fahren.

* * * *

Am Sonntag, dem 10. Juni 2007, um 16.30 Uhr hob das chinesische Flugzeug in Stockholm–Arlanda Richtung Peking ab.

Ungefähr zur selben Zeit war Nombeko zurück in der Regierungskanzlei. Es gelang ihr, sich bis ins Allerheiligste durchzufragen, indem sie die Assistentin des Ministerpräsidenten anrief und ihr erklärte, sie habe wichtige Informationen für den Chef betreffend Präsident Hu.

Wenige Minuten, bevor der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte das Büro betreten sollte, wurde Nombeko vorgelassen. Fredrik Reinfeldt sah schon bedeutend munterer aus, denn er hatte fast anderthalb Stunden schlafen können, während Nombeko in Arlanda gewesen war und mit Papieren, Pferdchen und anderem Pipapo gehext hatte. Er fragte sich, was sie jetzt wohl noch auf dem Herzen haben könnte. Er hatte sich eigentlich vorgestellt, dass sie sich erst wieder sprechen würden, sobald der Oberbefehlshaber informiert war, und der Moment für die … sagen wir mal, für die … Endverstauung gekommen war.

Tja, die Umstände hatten die Unterredung mit dem Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte aber überflüssig gemacht. Hingegen wäre es wohl passend, Präsident Hu so bald wie möglich mal kurz anzurufen.

Nombeko erzählte weiter, von dem Kaspischen Kleinpferd und der geradezu unüberschaubaren Menge bürokratischer Erfordernisse, die es zu erfüllen galt, wenn das Tier nicht zurückbleiben sollte (was sicher für große Verärgerung bei der Präsidentengattin und ihrem Mann gesorgt hätte). Stattdessen war Nombeko auf die unkonventionelle Lösung verfallen, das Pferd in dieselbe Kiste zu sperren wie den bereits ordnungsgemäß deklarierten Volvo, den der Präsident schon am Freitag von den Volvo-Werken in Torslanda bekommen hatte.

»Will ich das alles wirklich wissen?«, unterbrach sie der Ministerpräsident.

»Ich befürchte, es ist doch besser, wenn Sie das alles wissen«, meinte Nombeko.

Die Sache war nämlich die, dass das Pferdchen nicht mit dem Volvo in diese Kiste passte. Wenn man das Tier jedoch in die Kiste mit der Atombombe packte und stillschweigend die Zollpapiere der Autokiste auf die Bombenkiste übertrug, dann wurde Schweden sowohl das Kaspische Pony als auch die Atombombe in einem Aufwasch los.

»Wollen Sie damit sagen, dass …«, sagte der Ministerpräsident und stockte mitten im Satz.

»Ich bin sicher, Präsident Hu wird begeistert sein, dass er die Bombe mitnehmen durfte, die wird seinen Technikern bestimmt alle möglichen Erkenntnisse bringen. Und China ist ja schon voll mit Mittel- und Langstreckenraketen, da macht eine Drei-Megatonnen-Bombe doch auch keinen Unterschied mehr, oder? Und stellen Sie sich vor, was für ein Glück, dass die Präsidentengattin ihr Pferd mitnehmen konnte! Zu dumm nur, dass jetzt der Volvo in Schweden geblieben ist. Der steht halt in der Kiste in unserem Kartoffellaster. Vielleicht könnte der Herr Ministerpräsident ja jemand damit beauftragen, das Ding so rasch wie möglich nach China verschiffen zu lassen. Oder was meinen Sie, wie wir da verfahren sollten?«

Fredrik Reinfeldt wurde nicht ohnmächtig von den ganzen Informationen, die gerade auf ihn eingeprasselt waren, denn dazu hatte er keine Zeit. Gerade klopfte auch schon wieder seine Assistentin an die Tür und verkündete, dass der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte jetzt eingetroffen war und draußen wartete.

* * * *

Noch vor wenigen Stunden hatte der Oberbefehlshaber mit seiner lieben Frau und den drei Kindern beim späten Frühstück im Hafen der entzückenden Stadt San Remo gesessen. Nachdem ihn der Rückruf aus der Regierungskanzlei erreicht hatte, war er in einem Taxi bis nach Genua gefahren, wo ein Prachtexemplar von Kampfflugzeug, der Stolz der schwedischen Luftwaffe, auf ihn wartete: eine Jas 39 Gripen, die ihn mit doppelter Schallgeschwindigkeit und mit einem Kostenaufwand von dreihundertzwanzigtausend Kronen nach Schweden zum Militärflughafen Uppsala-Ärna brachte. Von dort wurde er im Auto weitergefahren und verspätete sich am Ende noch um ein paar Minuten, weil es auf der E4 einen Unfall gegeben hatte. Während der Verkehr stillstand, konnte der Oberbefehlshaber der schwedischen Streitkräfte ein Stück Alltagsdrama am Straßenrand beobachten. Die Polizei hatte eine Lkw-Fahrerin vor den Augen des Oberbefehlshabers angehalten. Erst hatte man der Frau Handschellen angelegt, dann hatte sie angefangen, irgendein französisches Lied zu singen. Seltsam.

Die Unterredung mit dem Ministerpräsidenten hatte sich dann noch seltsamer gestaltet. Der Oberbefehlshaber hatte befürchtet, dass fast schon Kriegszustand herrschte, da der Regierungschef ihn mit solchem Nachdruck nach Hause beordert hatte. Jetzt saß der Mann einfach da und wollte die Bestätigung, dass sich die schwedischen Bergstollen in einsatzbereitem Zustand befanden und ihre Funktion bei Bedarf erfüllen konnten.

Der Oberbefehlshaber erwiderte, soweit er wisse, konnten alle ihre Funktion erfüllen, und es gebe ganz bestimmt den einen oder anderen freien Kubikmeter, je nachdem, was der Herr Ministerpräsident dort verwahren wolle.

»Wunderbar«, sagte der Ministerpräsident. »Dann möchte ich den Oberbefehlshaber unserer Streitkräfte gar nicht länger aufhalten, er hat ja auch Urlaub und so, wenn ich das richtig verstanden habe.«

Nachdem der Oberbefehlshaber lange genug nachgegrübelt hatte, was wohl geschehen war, kam er zu dem Schluss, dass sich diese Sache seinem Verständnis entzog, woraufhin seine Verwirrung in Gereiztheit umschlug. Dass man ihm nicht mal im Urlaub seinen Frieden ließ! Zu guter Letzt rief er den Piloten des Jas 39 Gripen-Kampfflugzeugs an, der ihn am Vormittag abgeholt hatte und sich noch immer auf dem Militärflugplatz nördlich von Uppsala aufhielt.

»Hallo, hier ist Ihr Oberbefehlshaber. Hören Sie, könnten Sie wohl so nett sein, mich wieder nach Italien runterzufliegen?«

Da gingen noch mal dreihundertzwanzigtausend Kronen durch den Schornstein. Plus weitere achttausend, weil der Oberbefehlshaber beschloss, sich mit einem Helikoptertaxi zum Flughafen bringen zu lassen. Der betreffende Helikopter war übrigens eine dreizehn Jahre alte Sikorsky S-76a, die vor geraumer Zeit von der Versicherungssumme für einen gestohlenen Hubschrauber desselben Typs gekauft worden war.

Eine Viertelstunde vor dem Abendessen kam der Oberbefehlshaber an, um mit seiner Familie in San Remo Meeresfrüchte zu speisen.

»Wie war die Besprechung mit dem Ministerpräsidenten, Schatz?«, fragte seine Frau.

»Ich denke darüber nach, bei der nächsten Wahl die Partei zu wechseln«, antwortete der Oberbefehlshaber.

* * * *

Als Präsident Hu den Anruf des schwedischen Ministerpräsidenten annahm, befand er sich immer noch in der Luft. Eigentlich griff er bei internationalen politischen Gesprächen niemals auf sein mittelmäßiges Englisch zurück, aber in diesem Fall machte er eine Ausnahme. Er war viel zu neugierig, was Ministerpräsident Reinfeldt von ihm wollen könnte. Und es dauerte auch nicht lange, da brach er in schallendes Gelächter aus. Fräulein Nombeko war schon etwas ganz Besonderes, fand der Herr Ministerpräsident nicht auch?

Der Volvo wäre zwar schön gewesen, aber was der Präsident nun stattdessen bekommen hatte, war noch ein bisschen besser. Außerdem war seine geliebte Gattin so überaus zufrieden, dass sie das Pferd nun doch mit im Gepäck hatten.

»Ich werde dafür sorgen, dass Ihnen das Auto so bald wie möglich nachgeschickt wird«, versprach Fredrik Reinfeldt und tupfte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ja. Oder mein Dolmetscher kann ihn nach Hause fahren«, überlegte Hu Jintao. »Wenn er irgendwann mal wieder gesund wird. Nein, wissen Sie was? Schenken Sie ihn Fräulein Nombeko, ich finde, das hat sie sich verdient.«

Ferner versprach Präsident Hu, die Bombe nicht in ihrem Originalzustand zu benutzen. Vielmehr würde sie unmittelbar in ihre Einzelteile zerlegt werden und damit aufhören zu existieren. Vielleicht wollte Ministerpräsident Reinfeldt ja gerne an den Erkenntnissen teilhaben, die die chinesischen Atomtechniker dabei gewannen?

Nein, das wollte Ministerpräsident Reinfeldt nicht. Das war die Art von Kenntnissen, auf die sein Land (oder das Land des Königs) jederzeit verzichten konnte.

Sprach Fredrik Reinfeldt und bedankte sich bei Präsident Hu noch einmal für seinen Besuch.

* * * *

Nombeko kehrte in ihre Suite im Grand Hôtel zurück und schloss die Handschellen des immer noch schlafenden Holger 1 auf. Danach küsste sie den ebenfalls schlafenden Holger 2 auf die Wange und breitete eine Decke über die Gräfin, die neben der Minibar im Schlafzimmer auf dem Teppich eingeschlafen war. Dann ging sie zu ihrer Nummer zwei zurück, legte sich neben ihn, schloss die Augen und – konnte sich gerade noch fragen, wohin Celestine wohl verschwunden sein mochte, bevor sie selbst einschlief.

Am nächsten Tag um Viertel nach zwölf wachte sie wieder auf, weil Nummer eins, Nummer zwei und die Gräfin ihr mitteilten, dass das Mittagessen serviert war. Gertrud, die auf dem Boden neben der Minibar gelegen hatte, hatte von allen am unbequemsten geschlafen und war deswegen auch als Erste auf den Beinen gewesen. In Ermangelung anderer Beschäftigung hatte sie im Informationsprospekt des Hotels geblättert – und dabei etwas Großartiges entdeckt. Das Hotel hatte es so eingerichtet, dass man sich erst ausdenken konnte, was man gerne hätte, dann den Hörer abnahm und es der Person am anderen Ende der Leitung mitteilte, woraufhin diese sich für den Anruf bedankte und, ohne lange zu fackeln, das Gewünschte aufs Zimmer schickte.

Roomservice nannte sich das offenbar. Der Gräfin Virtanen war egal, wie das in irgendwelchen anderen Sprachen hieß, sie fragte sich nur, ob es in der Praxis wohl wirklich funktionierte.

Also begann sie damit, sich probeweise eine Flasche Mannerheim zu bestellen – und die war gekommen, auch wenn das Hotel eine Stunde brauchte, um sie zu besorgen. Dann bestellte sie Kleidung für sich selbst und die anderen und schätzte dabei die Größen, so gut es eben ging. Diesmal dauerte es zwei Stunden. Und jetzt auch noch ein dreigängiges Mittagessen für alle, ausgenommen die kleine Celestine. Die war ja immer noch nicht hier. Ob Nombeko wohl wusste, wo sie sich aufhielt?

Das wusste die soeben aufgewachte Nombeko nicht. Aber dass irgendetwas vorgefallen sein musste, war offensichtlich.

»Ist sie mit der Bombe verschwunden?«, sagte Holger 2 und fühlte, wie allein der Gedanke seine Fieberkurve schon wieder steigen ließ.

»Nein, die Bombe sind wir ein für alle Mal los, mein Lieber«, sagte Nombeko. »Heute ist der erste Tag vom Rest unseres Lebens. Ich erklär es dir später, aber jetzt essen wir erst mal was, und dann will ich zum ersten Mal seit ein paar Tagen duschen und mich umziehen, bevor wir Celestine suchen gehen. Übrigens – das war ein toller Einfall, uns Kleidung zu bestellen, Gräfin!«

Das Mittagessen hätte wunderbar geschmeckt, wenn Holger 1 nicht die ganze Zeit gejammert hätte, weil seine Freundin verschwunden war. Wenn sie nun die Bombe gezündet hatte, ohne dass er es miterleben durfte?

Nombeko sagte zwischen zwei Bissen, dass Holger es zwangsläufig miterlebt hätte, wenn Celestine das getan hätte, aber das sei ja nicht der Fall, denn sonst säßen sie jetzt nicht hier und äßen Trüffelpastete, statt tot zu sein. Außerdem befände sich das, was sie seit ein paar Jahrzehnten gequält hatte, inzwischen auf einem anderen Kontinent.

»Ist Celestine auf einem anderen Kontinent?«, fragte Holger 1.

»Komm, iss jetzt«, sagte Nombeko.

Nach dem Mittagessen duschte sie, zog sich neue Kleider an und ging an die Rezeption, um gewisse Obergrenzen bei den zukünftigen Bestellungen der Gräfin Virtanen zu besprechen. Sie schien ein bisschen zu sehr auf den Geschmack gekommen zu sein, was ihren neuen adligen Lebensstil anging, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich einen Privatjet und ein Privatkonzert von Harry Belafonte bestellte.

Unten an der Rezeption sprangen ihr jedoch die Abendzeitungen ins Auge. Die Schlagzeile des Expressen – über einem Bild von Celestine im Clinch mit zwei Polizisten – lautete:

HIER WIRD DIE

SINGENDE FRAU

FESTGENOMMEN

Eine jüngere Frau mittleren Alters war tags zuvor auf der E4 nördlich von Stockholm wegen eines Verkehrsdelikts von der Polizei angehalten worden. Statt sich auszuweisen, hatte sie behauptet, Édith Piaf zu sein, und von da an nur noch Non, je ne regrette rien gesungen. Und das so lange, bis sie in ihrer Zelle einschlief.

Die Polizei wollte kein Bild veröffentlichen, aber der Expressen wollte sehr wohl und hatte zu diesem Zweck auch eine Reihe vorzüglicher Fotos von Privatpersonen gekauft. Erkannte jemand diese Frau wieder? Sie war offensichtlich Schwedin, denn mehrere fotografierende Zeugen hatten ausgesagt, dass sie die Polizisten auf Schwedisch beleidigt hatte, bevor sie sich aufs Singen verlegte.

»Ich glaube, ich weiß, was für Beleidigungen das waren«, murmelte Nombeko, vergaß darüber völlig, mit der Rezeption über die Obergrenzen beim Roomservice zu sprechen, und kehrte mit einem Exemplar der Zeitung in die Suite zurück.

Die Nachbarn der schwer geprüften Eltern Gunnar und Kristina Hedlund in Gnesta entdeckten das Bild auf der ersten Seite des Expressen. Zwei Stunden später war Celestine in der Zelle des Polizeireviers im Zentrum von Stockholm mit ihrer Mutter und ihrem Vater wiedervereint. Celestine merkte, dass sie gar nicht mehr wütend auf die beiden war, und sagte, sie wolle einfach nur raus aus der verdammten Zelle und ihnen ihren Freund vorstellen.

Die Polizei wünschte sich nichts mehr, als die lästige Frau endlich loszuwerden, aber erst gab es da noch so einiges zu klären. Der Kartoffellaster hatte falsche Kennzeichen gehabt, aber wie sich herausstellte, war das Fahrzeug nicht gestohlen. Eigentümerin war Celestine Hedlunds Großmutter, eine verrückte alte Dame von achtzig Jahren. Sie nannte sich Gräfin und meinte, als solche über jeden Verdacht erhaben zu sein. Wie die falschen Nummernschilder an ihren Wagen gelangt waren, konnte sie sich auch nicht erklären, aber sie konnte sich gut vorstellen, dass das irgendwann in den Neunzigern passiert sei, als sie ihn mehrfach an jugendliche Kartoffelpflücker aus Norrtälje ausgeliehen hatte. Dass man den jungen Burschen aus Norrtälje nicht trauen konnte, wusste die Gräfin ja schon seit dem Sommer 1945.

Nachdem Celestine Hedlund identifiziert war, gab es keinen Grund mehr, sie länger festzuhalten oder Untersuchungshaft zu beantragen. Sie hatte ein Bußgeld für ihr verkehrswidriges Verhalten zu erwarten, mehr nicht. Die Nummernschilder anderer Autos zu stehlen, war freilich ein Verbrechen, aber egal, wer nun der Dieb war – die Tat war vor zwanzig Jahren begangen worden und somit verjährt. Mit falschem Nummernschild durch die Gegend zu fahren, war ein weiteres Vergehen und überdies noch verfolgbar, aber der Polizist hatte es so satt, sich pausenlos Non, je ne regrette rien anzuhören, dass er beschloss, Celestine habe dieses Verbrechen nicht vorsätzlich begangen. Außerdem hatte er sein Sommerhäuschen zufälligerweise ganz in der Nähe von Norrtälje, und letzten Sommer hatte man ihm doch glatt seine Hollywood-Schaukel aus dem Garten gestohlen. Die Gräfin mochte also durchaus recht haben mit ihren Anspielungen auf den Lebenswandel der Norrtäljer Jugend.

Einzig offene Frage blieb der nagelneue Volvo im Laderaum des Kartoffellasters. Ein erster Kontakt mit dem Werk in Torslanda ergab, dass das Auto sensationellerweise dem chinesischen Präsidenten Hu Jintao gehörte. Doch nachdem die Firmenleitung Kontakt mit dem Stab des Präsidenten in Peking aufgenommen hatte, rief man zurück und teilte mit, dass der Präsident das Auto einer Frau geschenkt hatte, deren Namen er nicht nennen wollte. Celestine Hedlund, durfte man wohl vermuten. Auf einmal war man über diese bizarre Geschichte mitten aufs Parkett der internationalen Hochpolitik geschlittert. Der verantwortliche Polizist sagte sich, mehr wolle er gar nicht wissen. Und der verantwortliche Staatsanwalt schloss sich dieser Meinung an. Und so wurde Celestine Hedlund wieder auf freien Fuß gesetzt und rollte mit ihren Eltern im Volvo davon.

Der Polizist achtete aber trotzdem genau darauf, wer von den dreien sich da nun hinters Steuer setzte.