7. KAPITEL

Von einer Bombe, die es nicht gab, und einem Ingenieur, den ziemlich bald dasselbe Schicksal ereilte

Nombeko saß wieder hinter ihrem Zwölftausendvolt-Zaun, und die Zeit verging. Die Erkenntnis, dass ihre Strafe im Endeffekt keine Obergrenze hatte, ärgerte sie immer noch weniger als die Tatsache, dass ihr das nicht von Anfang an klar gewesen war.

Ein paar Jahre nach Bombe Nummer eins waren die Bomben Nummer zwei und drei fertig geworden. Nach weiteren zwanzig Monaten auch die Bomben Nummer vier und fünf.

Die beiden Teams arbeiteten inzwischen völlig getrennt voneinander, sie wussten nicht einmal von der Existenz des jeweils anderen. Und immer noch kontrollierte allein der Ingenieur am Ende jedes fertige Exemplar. Da die Waffen in einem der gepanzerten Lagerräume im Bürotrakt des Ingenieurs lagerten, konnte er diese Kontrollen ganz ungestört durchführen. Und sich auch von seiner Putzfrau assistieren lassen, ohne dass jemand deswegen die Augenbrauen hochgezogen hätte. Wer auch immer da nun wem assistierte.

Der beschlossene und budgetierte Bedarf lag wie gesagt bei sechs Bomben zu jeweils drei Megatonnen. Doch der oberste Projektleiter, Engelbrecht van der Westhuizen, hatte keine Kontrolle mehr über das, was hier vor sich ging – wenn er die denn überhaupt jemals gehabt hatte –, denn er war regelmäßig schon morgens um zehn sternhagelvoll. Und seine Hilfskraft war zu sehr mit Putzen und heimlicher Lektüre beschäftigt, um immer alle Pannen für ihn aufzufangen. Außerdem bekam sie nie ihre neue Scheuerbürste, deswegen dauerte es so viel länger, bis der Boden sauber war.

Und so kam es, dass nach Nummer vier und fünf das nächste Bombenpaar produziert wurde, also die Bomben Nummer sechs – und sieben!

Versehentlich war also eine Atombombe zu viel gebaut worden, eine Bombe jenseits aller Protokolle.

Es gab eine Bombe, die es gar nicht gab.

Als die Putzfrau des Ingenieurs die Bescherung entdeckte, unterrichtete sie ihren Chef, der darüber so bekümmert war, wie es sich gehörte. Bomben, die es nicht gab, taten gut daran, nicht zu existieren, sonst machten sie nichts als Ärger. Der Ingenieur konnte sie ja schlecht hinter dem Rücken des Präsidenten und der Regierung wieder zerstören. Im Übrigen wusste er sowieso nicht, wie das ging. Und den Rechenfehler vor den Forschungsteams aufzudecken, hatte er auch nicht vor.

Nombeko tröstete Ingenieur van der Westhuizen damit, dass mit der Zeit vielleicht noch mehr Bomben bestellt werden würden, und die Bombe, die es gar nicht geben durfte, konnte in ihrem Versteck einfach weiterhin nicht existieren, bis sie es eines Tages doch durfte.

»Genau, was ich mir gerade gedacht habe«, sagte der Ingenieur, obwohl er sich in Wirklichkeit gedacht hatte, dass die Putzfrau zu einer richtig appetitlichen Frau herangewachsen war.

Die Bombe, die es nicht gab, wurde daher in den verbliebenen leeren Lagerraum neben dem Raum mit den sechs anderen Bomben gesperrt. Dort hatte nur der Ingenieur selbst Zutritt. Abgesehen von Wiehießsienochgleich natürlich.

Nach über zehn Jahren innerhalb des Doppelzauns der Forschungsanlage hatte Nombeko alles gelesen, was in der überschaubaren Bibliothek von Pelindaba lesenswert war. Und anschließend auch noch den Großteil von dem, was nicht lesenswert war.

Die Dinge wurden nicht besser dadurch, dass sie inzwischen eine richtige Frau von bald sechsundzwanzig Jahren geworden war. Während sich Schwarze und Weiße immer noch nicht mischen durften, wenn sie richtig informiert war, denn das hatte Gott so bestimmt, behauptete das Erste Buch Mose beziehungsweise die Reformierte Kirche. Nicht dass sie irgendein interessantes Objekt auf der Anlage gefunden hätte, mit dem sie sich gerne gemischt hätte, aber trotzdem. Sie träumte davon, dass es irgendwo einen Mann für sie gab, und von dem, was sie zusammen machen könnten. Nicht zuletzt aus gewissen Perspektiven. Sie hatte Bilder davon gesehen, in Literatur von unwesentlich höherer Qualität als der, die der britische Friede-auf-Erden-Professor 1924 fabriziert hatte.

Nun, lieber war sie ohne so etwas wie Liebe hinter dem Zaun der Forschungsanlage am Leben, als jenseits dieses Zauns nicht mehr am Leben zu sein. Denn dann würde sie nur den Maden näherkommen, in der Erde, in der man sie begrub.

Daher hörte Nombeko auf sich selbst und erinnerte den Ingenieur immer noch nicht daran, dass aus den sieben Jahren mittlerweile elf geworden waren. Sondern blieb, wo sie blieb.

Noch ein Weilchen.

* * * *

Den südafrikanischen Streitkräften wurde laufend der Etat von einer Wirtschaft erhöht, die sich diese Ausgaben nicht leisten konnte. Immerhin ging ein Fünftel des hoffnungslos unausgeglichenen Staatshaushalts ans Militär, während sich das Ausland ständig neue Embargos ausdachte. Was die südafrikanische Volksseele am meisten schmerzte, war die Tatsache, dass sie Fußball und Rugby mit sich selbst spielen mussten, weil sonst keiner mehr mit ihnen spielen wollte.

Doch die Nation kam trotzdem noch irgendwie zurecht, weil das Handelsembargo ja auch alles andere als weltweit galt. Es gab noch genügend Politiker, die sich gegen weitere Sanktionen aussprachen. Premierministerin Thatcher in London und Präsident Reagan in Washington verliehen ungefähr der gleichen Meinung Ausdruck, dass nämlich jedes weitere Embargo den ärmsten Teil der Bevölkerung am schlimmsten traf. Oder wie es der Vorsitzende der Schwedischen Liberalen Ulf Adelsohn so elegant ausdrückte:

»Wenn wir Waren aus Südafrika boykottieren, werden die armen Neger da unten doch arbeitslos.«

Gleichzeitig drückte der Schuh aber noch woanders. Das Unangenehmste für Thatcher, Reagan (und auch Adelsohn) war nicht die Ablehnung der Apartheid an sich – Rassismus war schon seit mehreren Jahrzehnten politisch nicht mehr tragbar. Nein, das Problem war vielmehr die Frage, was an die Stelle dieses Systems treten sollte. Wenn man die Wahl hatte zwischen, sagen wir mal, Kommunismus und Apartheid, fiel die Entscheidung gar nicht mehr so leicht. Besser gesagt: Leicht war sie schon, nicht zuletzt für Reagan, der schon in seiner Zeit als Präsident der Schauspielergewerkschaft dafür gekämpft hatte, dass man keine Kommunisten nach Hollywood lassen sollte. Wie würde es aussehen, wenn er Milliarden und Abermilliarden von Dollars fürs Wettrüsten mit dem Sowjetkommunismus ausgab, gleichzeitig aber zuließ, dass eine Variante desselben in Südafrika ans Ruder kam? Außerdem hatten die Südafrikaner inzwischen Kernwaffen, diese Saftsäcke, auch wenn sie es abstritten.

Zu denen, die sich Thatchers und Reagans Rumgeeiere vor der Apartheidspolitik überhaupt nicht anschließen konnten, gehörten auch der schwedische Ministerpräsident Olof Palme und Libyens sozialistischer Führer Muammar al-Gaddafi. Palme tönte: »Die Apartheit kann nicht reformiert werden, die Apartheid muss eliminiert werden!« Wenig später wurde er selbst eliminiert, von einem Irren, der nicht ganz wusste, wo er war oder warum er tat, was er da tat. Oder von einer Person, auf die das genaue Gegenteil zutraf, das wurde nie so richtig ermittelt.

Gaddafi hingegen sollte sich noch viele Jahre bester Gesundheit erfreuen. Er ließ tonnenweise Waffen an die südafrikanische Widerstandsbewegung ANC liefern und brüstete sich lautstark mit dem hehren Kampf gegen das Regime der weißen Unterdrücker in Pretoria, während er selbst den Massenmörder Idi Amin in seinem Palast versteckte.

Ungefähr so lagen die Dinge, als die Welt wieder einmal zeigte, wie seltsam sie sein kann, wenn sie sich von dieser Seite zeigen will. Denn in den USA taten sich Demokraten und Republikaner zusammen und machten gemeinsame Sache mit Palme und Gaddafi und gegen ihren eigenen Präsidenten. Der Kongress drückte ein Gesetz durch, das jede Form von Handel und jede Art von Investitionen in Südafrika verbot. Es gab nicht mal mehr Direktflüge von Johannesburg in die USA. Wenn ein Pilot es trotzdem versuchte, hatte er die Wahl, entweder in der Luft umzudrehen oder sich abschießen zu lassen.

Thatcher und andere politische Führer in Europa und der Welt begriffen, woher der Wind wehte. Und da keiner im Lager der Verlierer stehen will, schlossen sich immer mehr Nationen den USA, Schweden und Libyen an.

Das Südafrika, wie man es kannte, bekam tiefe Risse.

Nombeko hatte aufgrund ihres Hausarrests in der Forschungsanlage nur begrenzte Möglichkeiten, die weltweiten Entwicklungen zu verfolgen. Ihre drei chinesischen Freundinnen wussten immer noch nicht viel mehr, als dass die Pyramiden in Ägypten standen, und das schon seit einer ganzen Weile. Vom Ingenieur bekam sie auch keine Hilfe. Seine Analysen begrenzten sich immer mehr auf hervorgeknurrte Kommentare wie:

»Jetzt haben diese Schwulen im amerikanischen Kongress also auch ein Embargo angezettelt.«

Außerdem konnte Nombeko ja nicht pausenlos im Wartezimmer mit dem Fernseher den mittlerweile schon dünn gescheuerten Boden schrubben.

Doch abgesehen von dem, was sie dennoch aus den Fernsehnachrichten aufschnappen konnte, hatte sie auch noch eine gute Beobachtungsgabe. Sie merkte, dass sich da draußen gewisse Dinge taten. Nicht zuletzt deswegen, weil es so aussah, als würde sich gar nichts mehr tun. Niemand rannte mehr über die Korridore, es kam auch kein Premierminister oder Präsident mehr zu Besuch. Dass der Alkoholkonsum des Ingenieurs von viel auf noch mehr angestiegen war, war ebenfalls ein Signal.

Nombeko befürchtete, dass der Ingenieur sich bald Vollzeit der Kognakflasche widmen und sich dabei in die Zeiten zurückträumen würde, als er seiner Umgebung noch weismachen konnte, dass er überhaupt von irgendwas eine Ahnung hatte. Und im Sessel daneben konnte dann ja der Präsident sitzen und sich in den Bart murmeln, dass die Schwarzen dran schuld waren, wenn dieses Land jetzt vor die Hunde ging. Was mit ihr passieren würde, wenn es dazu kommen sollte, verdrängte sie lieber.

»Ich frage mich, ob die Wirklichkeit nicht langsam die Gans und ihre Genossen einholt?«, sagte Nombeko eines Abends zu ihren drei chinesischen Freundinnen.

Und das in fließendem Wu-chinesischen Dialekt.

»Zeit wäre es«, antworteten die Chinesinnen.

In gar nicht mal so unebenen isiXhosa.

* * * *

Die Zeiten wurden immer schwerer für P. W. Botha. Aber als das große Krokodil, das er nun mal war, hielt er es eben auch in tiefem Wasser aus und sorgte nur dafür, dass die Nasenlöcher und die Augen immer schön über der Oberfläche blieben.

Freilich konnte er sich Reformen vorstellen, man musste schließlich auch mit der Zeit gehen. Zum Beispiel bei der althergebrachten Einteilung des Volkes in Schwarze, Weiße, Farbige und Inder. Jetzt sorgte er erst mal dafür, dass die beiden Letzteren Stimmrecht bekamen. Die Schwarzen übrigens auch, aber nicht in Südafrika, sondern in ihren jeweiligen Homelands.

Botha lockerte auch die Restriktionen im allgemeinen Umgang zwischen den Rassen. Schwarze und Weiße durften nun auf derselben Parkbank sitzen – zumindest theoretisch. Sie konnten auch ins selbe Kino gehen und sich denselben Film ansehen – zumindest theoretisch. Und sie konnten auch Körperflüssigkeiten miteinander austauschen – zumindest theoretisch (na gut, das vielleicht auch praktisch, aber da waren dann entweder Geld oder Gewalt im Spiel).

Im Übrigen konzentrierte der Präsident alle Macht auf sich, mistete noch ein paar Menschenrechte aus und führte die Pressezensur ein. Die Zeitungen waren doch selber schuld, wenn sie nicht gescheit genug waren, etwas Gescheites zu schreiben. Wenn ein Land ins Schlingern kommt, ist handfeste Führung gefragt, kein Wir-haben-uns-alle-lieb-Kuscheljournalismus von der ersten bis zur letzten Seite.

Doch wie Botha es auch anfasste, es wollte nicht gelingen. Die Wirtschaft des Landes war erst ganz leicht in Fahrt gekommen, um kurz darauf jedoch ins Stocken zu geraten und dann abzusacken. Und es war auch nicht kostenlos einzurichten, das Militär jede Unruhe in so gut wie jedem Slum niederschlagen zu lassen. Die Schwarzen waren ja mit nichts zufrieden. Man denke nur daran, wie Botha dem verdammten Nelson Mandela angeboten hatte, ihn freizulassen, wenn er im Gegenzug versprach, sich in Zukunft etwas fügsamer gegenüber der Regierung zu verhalten. »Hör auf, Ärger zu machen«, war Bothas einzige Forderung. »Nein, dann bleib ich lieber, wo ich bin«, sagte dieser Mistkerl nach zwanzig Jahren auf seiner Gefängnisinsel, und das tat er dann auch.

Mit der Zeit stand fest, dass die größte Veränderung, die P. W. Botha mit seiner neuen Verfassung auf den Weg gebracht hatte, darin bestand, sich vom Premierminister zum Präsidenten gemacht zu haben. Und Mandela zu einer größeren Ikone denn je.

Im Übrigen war alles gleich geblieben. Nein, falsch. Im Übrigen war alles schlimmer geworden.

Botha bekam die Dinge langsam satt. Er begriff, dass eine Machtübernahme durch den ANC tatsächlich denkbar war. Und dann … tja, wer legte schon einer kommunistischen Negerorganisation freiwillig sechs Atomwaffen in die Hand? Da war es doch besser, die Waffen abzubauen und eine PR-Nummer daraus zu machen! »Wir übernehmen unsere Verantwortung« und der ganze Schmus, und das Ganze unter den Augen der internationalen Atomenergie-Organisation IAEA.

Ja, so konnte man das doch tatsächlich machen. Der Präsident war noch nicht so weit, eine Entscheidung in dieser Frage zu treffen, aber er rief den verantwortlichen Ingenieur in Pelindaba persönlich an, um ihn in Standby-Position zu versetzen. (Hatte der wirklich schon um neun Uhr morgens gelallt? Nein, unmöglich.)

* * * *

Ingenieur van der Westhuizens kleiner Rechenfehler (der aus sechs Bomben sieben werden ließ) wurde plötzlich zu einem sehr ungemütlichen Geheimnis. Der Präsident hatte von der Möglichkeit gesprochen, dass man die sechs Atombomben zerstören musste. Die sechs Bomben. Die siebte nicht. Denn die gab es ja gar nicht.

Nun musste der Ingenieur also entweder seinen Fehler zugeben und damit auch bekennen, dass er ihn jahrelang verheimlicht hatte – und einen unehrenhaften Abschied samt minimaler Pension dafür in Kauf nehmen.

Oder die ganze Sache zu seinem Vorteil wenden. Und sich dadurch finanziell unabhängig machen.

Der Ingenieur hatte Angst. Aber nur, bis er den letzten halben Liter Klipdrift im Blut hatte. Dann fiel ihm die Wahl plötzlich ganz leicht.

Er konnte die Uhr lesen. Und er wusste, dass seine Stunde geschlagen hatte. Es wurde Zeit, sich mal ernsthaft mit den Mossadagenten A und B zu unterhalten.

»He, du, Wieheißtdunochgleich!«, lallte er. »Kannst du mal die beiden Juden herholen? Ich will mit ihnen ins Geschäft kommen!«

Engelbrecht van der Westhuizen hatte sich bereits ausgerechnet, dass sein Auftrag früher oder später auslaufen würde, dass der ANC bald das Land übernehmen könnte und er sich keine Karriere mehr zu erwarten brauchte. Also galt es, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen, solange man noch Schäfchen hatte.

Wiehießsienochgleich ging die Agenten holen, die den ganzen Prozess ab und an für den Kooperationspartner Israel überwacht hatten. Während sie durch die Flure wanderte, dachte sie sich, dass der Ingenieur nun mindestens einen Schritt zu weit ging. Wenn nicht gar zwei.

Die Mossadagenten A und B wurden in das Büro des Ingenieurs geführt. Nombeko stellte sich in die Ecke, wo der Ingenieur sie immer haben wollte, wenn es brenzlig wurde.

Ingenieur van der Westhuizen meinte, in dieser Unterredung den Ton angeben zu können.

»Ah, Jude Nummer eins und Jude Nummer zwei, Schalom miteinander! Setzt euch doch. Kann ich Sie mit einem kleinen Vormittagskognäckchen locken? Hey du, Wieheißtdunochgleich, gieß meinen Freunden hier doch mal was ein!«

Nombeko flüsterte den Agenten zu, dass sie auch Wasser anzubieten hatte, sollten sie das vorziehen. Sie zogen es in der Tat vor.

Ingenieur van der Westhuizen nahm kein Blatt vor den Mund: Er hatte schon immer Glück im Leben gehabt, und eben dieses Glück hatte ihm prompt eine Atomwaffe in den Schoß gelegt, von deren Existenz niemand wusste und die daher auch niemand vermissen würde. Eigentlich sollte er sie selbst behalten, meinte der Ingenieur, und sie direkt in den Präsidentenpalast schicken, sobald dort dieser Terrorist Mandela hockte. Aber er fühlte sich doch ein wenig zu alt, um auf eigene Faust Krieg zu führen.

»Deswegen wüsste ich gern, Jude A und Jude B, ob ihr nicht mal euren Chefjuden in Jerusalem anrufen wollt, um ihn zu fragen, ob er eine Bombe von der besonders durchschlagenden Sorte kaufen möchte. Ihr bekommt sie auch zum Freundschaftspreis. Nein, eigentlich doch nicht. Dreißig Millionen will ich dafür. Zehn Millionen pro Megatonne. Prost! Auf euch.« Der Ingenieur leerte sein Glas und bedachte die Flasche, die jetzt leer war, mit einem strafenden Blick.

Die Mossadagenten A und B bedankten sich höflich für das Angebot und versprachen, mit der Regierung in Jerusalem dahingehend Rücksprache zu halten, ob man sich vorstellen konnte, ein derartiges Geschäft mit Herrn van der Westhuizen zu machen.

»Na ja, also nachlaufen muss ich hier keinem«, sagte der Ingenieur. »Wenn es euch nicht passt, verkaufe ich das Ding eben an jemand anders. Und im Übrigen habe ich jetzt keine Zeit mehr, um mit euch hier rumzusitzen und zu quasseln.«

Damit verließ der Ingenieur sein Büro und die ganze Anlage, auf der Suche nach neuem Kognak. Die beiden Mossadagenten blieben mit Nombeko zurück. Sie wusste, was für die Israelis auf dem Spiel stand.

»Entschuldigen Sie, wenn ich das so sage, aber ich frage mich gerade, ob das Glück des Herrn Ingenieur wohl in diesem Moment zu Ende gegangen ist.«

Sie fügte nicht hinzu »und meines gleich mit«. Aber sie dachte es.

»Ich habe Ihre Klugheit schon immer bewundert, Fräulein Nombeko«, sagte Mossadagent A. »Deswegen danke ich Ihnen im Voraus für Ihr Verständnis.«

Er fügte nicht hinzu: »Sie befinden sich selbst in einer reichlich unguten Lage.« Aber er dachte es.

Es war nicht so, dass Israel gar nicht haben wollte, was der Ingenieur da anbot. Ganz im Gegenteil. Das Problem war nur, dass der Verkäufer schwer alkoholisiert und völlig unberechenbar war. Es wäre lebensgefährlich, wenn er nach Abschluss ihrer Geschäfte lallend durch die Straßen lief und jedem auf die Nase band, woher er das ganze Geld hatte. Andererseits konnte man nicht einfach mit einem »Nein, danke« auf sein Angebot antworten, denn was würde dann mit der Bombe geschehen? Der Ingenieur brachte es fertig und verhökerte sie am Ende an irgendeinen x-Beliebigen.

Deswegen musste es auch so kommen, wie es dann kam. Mossadagent A heuerte einen armen Teufel im Slum von Pretoria an, der ihm für die folgende Nacht ein Auto stehlen sollte, einen Datsun Laurel, 1983er Baujahr. Zum Dank bekam der arme Teufel fünfzig Rand (wie abgesprochen) sowie einen Schuss in die Stirn (auf Eigeninitiative des Agenten).

Mit dem Auto setzte Agent A der Glückssträhne des Ingenieurs kurzerhand ein Ende, indem er ihn ein paar Tage später überfuhr, als van der Westhuizen auf dem Heimweg von der Bar war, die er immer aufsuchte, wenn seine eigenen Klipdriftvorräte aufgebraucht waren.

Der plötzliche Verlust seines Glücks fiel gleich so drastisch aus, dass er noch ein zweites Mal überfahren wurde, als A stehen blieb und den Rückwärtsgang einlegte, und ein drittes Mal, als der Agent sich eiligst davonmachte.

Ironie des Schicksals, dass der Ingenieur auf dem Bürgersteig dahinging, als es geschah.

»War das etwa schon alles?«, dachte er zwischen dem zweiten und dem dritten Mal, genau wie Nombeko elf Jahre zuvor in ähnlicher Lage.

Und das war tatsächlich alles.

* * * *

Mossadagent B suchte Nombeko auf, sowie die Nachricht vom Tod ihres Vorgesetzten die Forschungsanlage erreicht hatte. Noch wurde der Vorfall als Unfall eingestuft, aber das sollte sich ändern, sobald Zeugen und diverse Techniker vor Ort ihre Aussagen gemacht hatten.

»Wir hätten da vielleicht das eine oder andere zu besprechen, Fräulein Nombeko«, sagte er. »Und leider eilt es.«

Nombeko sagte erst gar nichts, dachte aber umso mehr. Sie dachte, dass der Garant für ihr physisches Wohlbefinden, der unverbesserliche Suffkopp van der Westhuizen, jetzt tot war. Sie dachte, dass es ihr in nicht allzu ferner Zukunft ähnlich ergehen würde. Wenn sie jetzt nicht ganz schnell dachte.

Aber das tat sie. Und dann sagte sie:

»Ja, allerdings. Dürfte ich Sie daher bitten, Herr Agent, Ihren Kollegen zu einem Treffen im Büro des Ingenieurs mitzubringen, in exakt dreißig Minuten?«

Agent B hatte schon vor langer Zeit bemerkt, dass Fräulein Nombeko ein helles Köpfchen war. Ihm war klar, dass sie um ihre prekäre Situation wusste. Das versetzte seinen Kollegen und ihn in eine überlegene Position.

Fräulein Nombeko besaß die Schlüssel zu den verbotensten Fluren und die Möglichkeit, sich darin zu bewegen. Sie würde dafür sorgen, dass die Agenten ihre Bombe bekamen. Im Gegenzug würden sie ihr eine Notlüge auftischen.

Das Versprechen, dass sie weiterleben durfte.

Aber nun hatte sie sich eine halbe Stunde erkauft. Warum wohl? Der Agent kapierte fast alles, aber das nicht. Na gut, eine halbe Stunde war ja bloß eine halbe Stunde, auch wenn die Dinge inzwischen etwas eilten. Die südafrikanische Sicherheitspolizei konnte jeden Augenblick dahinterkommen, dass der Ingenieur ermordet worden war. Danach würde es sich wesentlich schwieriger gestalten, eine Bombe von drei Megatonnen aus der Anlage herauszuschaffen, selbst für den Geheimagenten eines kooperierenden Geheimdienstes.

Na gut, eine halbe Stunde war immer noch bloß eine halbe Stunde. Agent B nickte.

»Dann sehen wir uns um 12.05 Uhr.«

»12.06 Uhr«, sagte Nombeko.

In diesen dreißig Minuten tat sie nichts anderes, als abzuwarten, dass die Zeit ablief.

Die Agenten waren genau zum verabredeten Zeitpunkt zurück. Nombeko saß auf dem Sessel des Ingenieurs und lud sie freundlich ein, auf der anderen Seite des Schreibtischs Platz zu nehmen. Das Bild war mal ein ganz anderes. Eine junge Schwarze auf einem Chefsessel im Herzen des südafrikanischen Apartheidsystems.

Nombeko sprach die einführenden Worte. Sie sagte, ihr sei klar, dass die Herren Mossadagenten hinter der siebten Atombombe her waren, die es nicht gab. Oder irrte sie sich da?

Die Agenten schwiegen, weil sie die Wahrheit ungern so offen aussprechen wollten.

»Lassen Sie uns bei diesem Treffen doch alle aufrichtig sein«, forderte Nombeko sie auf. »Sonst kommen wir keinen Schritt weiter, und dann ist es auf einmal zu spät.«

Agent A nickte und meinte, Fräulein Nombeko habe die Dinge ganz richtig erfasst. Wenn Israel mit ihrer Hilfe an die Bombe käme, würden sie ihr im Gegenzug helfen, aus Pelindaba herauszukommen.

»Ohne dass ich hinterher so überfahren werde wie der Ingenieur?«, fragte Nombeko. »Oder erschossen und in der nächsten Steppe verbuddelt?«

»Aber nicht doch, Fräulein Nombeko«, log Agent A. »Wir haben nicht die Absicht, Ihnen auch nur ein Haar zu krümmen. Was denken Sie denn eigentlich von uns?«

Nombeko schien sich mit dem Versprechen des Agenten zu begnügen. Sie fügte hinzu, im Übrigen sei sie schon einmal im Leben überfahren worden, und das reiche.

»Wie wollen Sie die Bombe überhaupt hier rauskriegen, wenn ich fragen darf? Vorausgesetzt, ich verschaffe Ihnen Zugang zum Lagerraum.«

Agent B antwortete, das dürfte ganz leicht sein, wenn sie sich nur beeilten. Die Kiste mit der Bombe konnte ans israelische Außenministerium in Jerusalem adressiert und noch in der Anlage mit entsprechenden Dokumenten als Diplomatenpost aufgegeben werden. Diplomatenbriefe wurden mindestens einmal pro Woche über die Botschaft in Pretoria verschickt, und es machte keinen Unterschied, wenn eine größere Kiste darunter war. Zumindest, solange der südafrikanische Sicherheitsdienst nicht die Sicherheitsstufe erhöhte und die Kiste öffnete – worauf Nombeko und die Agenten Gift nehmen konnten, sobald denen aufging, wie der Ingenieur ums Leben gekommen war.

»Tja, für diese Maßnahme darf ich den Herren Agenten noch einmal ganz besonders danken«, sagte Nombeko aufrichtig und versöhnlich. »Wer von Ihnen hatte denn die Ehre?«

»Das spielt doch keine Rolle«, sagte Agent A, der den Ingenieur auf dem Gewissen hatte. »Passiert ist passiert, und wir wissen, dass Fräulein Nombeko die Notwendigkeit dieser Maßnahme einsieht.«

Aber ja doch, das sah Nombeko natürlich ein. Sie sah aber auch, dass die Agenten ihr soeben in die Falle gegangen waren.

»Und wie gedenken Sie die Sicherheitsfrage für meine Wenigkeit zu lösen?«

Die Agenten hatten sich vorgestellt, dass sie Nombeko einfach in den Kofferraum ihres eigenen Autos luden, weil kein Risiko bestand, entdeckt zu werden, solange die Sicherheitsstufe nicht erhöht wurde. In Pelindaba war der israelische Geheimdienst all die Jahre über jeden Verdacht erhaben gewesen.

Sobald sie draußen waren, wollten sie direkt in den Busch fahren, die Frau aus dem Kofferraum holen – und ihr einen Schuss in die Stirn verpassen, oder auch in die Schläfe oder ins Genick, je nachdem, wie stark sie zappelte.

Durchaus ein bisschen bedauerlich, denn Fräulein Nombeko war in vielerlei Hinsicht eine einzigartige Frau und hatte ebenso wie die Agenten van der Westhuizens kaum verhohlene Verachtung zu spüren bekommen, die nur auf der wirren Überzeugung des Ingenieurs basierte, eine überlegene Rasse zu repräsentieren. Schade um die junge Frau, aber in dieser Angelegenheit mussten eben Rücksichten auf höhere Interessen genommen werden.

»Wir hatten uns vorgestellt, Sie im Kofferraum hier rauszuschmuggeln«, sagte Agent A und ließ Teil zwei des Unternehmens wohlweislich unter den Tisch fallen.

»Gut«, sagte Nombeko. »Aber das reicht nicht.«

Sie fuhr fort, dass sie nicht vorhabe, auch nur einen Finger für die Herren Agenten zu krümmen, ehe sie ihr ein Flugticket von Johannesburg nach Tripoli in die Hand gedrückt hatten.

»Nach Tripoli?«, echoten Agent A und Agent B. »Was wollen Sie denn da?«

Darauf hatte Nombeko keine befriedigende Antwort parat. All die Jahre hatte ihr immer die Nationalbibliothek in Pretoria als Ziel vorgeschwebt, aber da konnte sie jetzt ja nicht mehr hingehen. Sie musste ins Ausland. Und Gaddafi in Libyen war jedenfalls auf der Seite des ANC.

Nombeko meinte, dass sie zur Abwechslung mal in ein Land fahren wollte, in dem man ihr freundlich gesinnt war, und da klang Libyen doch ganz gut. Aber bitte, wenn die Herren Agenten da einen besseren Vorschlag für sie hatten, nur raus damit.

»Versuchen Sie es bloß nicht mit Tel Aviv oder Jerusalem. Zu meinem Plan gehört nämlich, dass ich mindestens noch eine Woche am Leben bleibe.«

Mossadagent A war immer entzückter von der Frau im Chefsessel. Hier musste man wirklich aufpassen, dass sie am Ende nicht doch noch ihren Willen durchsetzte. Sie musste doch merken, dass ihre Verhandlungsposition schwach war – dass sie schon beim Herausschmuggeln aus der Anlage keine andere Wahl hatte, als den Agenten zu vertrauen, denen sie nicht vertrauen konnte. Dass sie aber die Umstände der folgenden Abläufe zumindest zu ihrem Vorteil beeinflussen konnte. Das Problem bestand bloß darin, dass es niemals eine Phase zwei oder drei für sie geben würde. Sowie der Kofferraumdeckel zuschlug, war sie auf dem Weg zu ihrem eigenen Grab. Und dann war es ganz egal, was auf dem Ticket stand. Tripoli? Oh, aber sicher doch. Oder gleich der Mond?

Doch zuerst musste das Spiel zu Ende gespielt werden.

»Ja, Libyen dürfte sich anbieten«, sagte Agent A. »Zusammen mit Schweden ist es das Land, das am energischsten gegen das Apartheidsystem protestiert. Da würden Sie innerhalb von zehn Sekunden Asyl bekommen, Fräulein Nombeko.«

»Na bitte!«, sagte Nombeko.

»Aber Gaddafi hat natürlich auch so gewisse Seiten«, fuhr der Agent fort.

»Was für Seiten?«

Agent A erzählte gern von diesem Idioten in Tripoli, der einmal Granaten über Ägypten abgeworfen hatte, nur weil dessen Präsident Israel auf eine Anfrage geantwortet hatte. Es konnte nicht schaden, bei Fräulein Nombeko den Eindruck zu erwecken, dass man sich um sie sorgte. Und Vertrauen aufzubauen, bis zum unvermeidlichen Genickschuss.

»Ja, Gaddafi ist genauso hinter Kernwaffen her wie Südafrika, er hat es bis jetzt bloß noch nicht ganz so gut hingekriegt.«

»Hoppla«, sagte Nombeko.

»Na ja, dafür hat er zum Trost mindestens zwanzig Tonnen Senfgas auf Lager, und dazu die weltweit größte Fabrik für chemische Waffen.«

»Auweia«, sagte Nombeko.

»Außerdem hat er die gesamte Opposition verbieten lassen, ebenso wie jegliche Streiks und Demonstrationen.«

»Ach, komm«, sagte Nombeko.

»Und er tötet alle, die ihm widersprechen.«

»Hat der denn überhaupt keine menschliche Seite?«, fragte Nombeko.

»Doch, schon«, meinte der Agent. »Er hat sich rührend um den Exdiktator Idi Amin gekümmert, als der aus Uganda fliehen musste.«

»Ja, davon hab ich gelesen«, sagte Nombeko.

»Da gibt es noch mehr zu erzählen«, sagte Agent A.

»Oder auch nicht«, sagte Nombeko.

»Verstehen Sie mich recht, Fräulein Nombeko. Wir sind um Ihr Wohlergehen besorgt, auch wenn Sie vorhin durchblicken ließen, dass man uns nicht vertrauen könnte. Ich muss sagen, dass diese Andeutung uns beide gekränkt hat. Aber wenn Sie unbedingt nach Tripoli wollen, werden wir selbstverständlich alles Nötige veranlassen.«

Das saß, dachte Agent A.

Das saß, dachte Agent B.

Das war ja wohl das Dümmste, was ich in meinem ganzen Leben gehört habe, dachte Nombeko. Und das, wo ich es schon mit Assistenten des Sanitätsamtes von Johannesburg sowie alkoholisierten Ingenieuren mit verzerrtem Selbstbild zu tun hatte.

Die Agenten sollten um ihr Wohlergehen besorgt sein? Sie war zwar in Soweto geboren, aber nicht hinter dem Mond.

Trotzdem, Libyen klang doch nicht mehr so lustig.

»Dann vielleicht doch Schweden?«, meinte sie.

Ja, das wäre sicherlich vorzuziehen, fanden die Agenten. Da hatte man zwar gerade erst den Ministerpräsidenten umgebracht, aber normale Menschen konnten sich dort sicher auf den Straßen bewegen. Und wie gesagt, die Schweden waren schnell bei der Hand mit Asyl für Südafrikaner, solange sie sich als Gegner des Apartheidregimes ausgaben, und die Agenten hatten Grund zu der Annahme, dass das auf Nombeko zutraf.

Nombeko nickte. Dann schwieg sie kurz. Sie wusste, wo Schweden lag. Fast ganz oben am Nordpol. Weit weg von Soweto, was ja im Grunde ganz gut war. Weit weg von allem, was bis jetzt ihr Leben ausgemacht hatte. Ob ihr wohl irgendetwas fehlen würde?

»Wenn Sie gerne etwas nach Schweden mitnehmen würden, Fräulein Nombeko, werden wir keine Mühe scheuen, Ihnen jeden Gefallen zu tun«, sagte Agent B, um weiteres Vertrauen aufzubauen, das jeder Grundlage entbehrte.

Wenn ihr so weitermacht, glaub ich euch fast noch, dachte Nombeko. Aber nur fast. Es wäre äußerst unprofessionell von euch, wenn ihr nicht versuchen würdet, mich zu töten, sobald ihr bekommen habt, was ihr wollt.

»Eine Kiste Antilopen-Trockenfleisch wäre schön«, sagte sie. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Schweden Antilopen gibt.«

Nein, das glaubten A und B auch nicht. Die Agenten wollten sofort Adressaufkleber für ein großes und ein kleines Paket organisieren. Die Bombe in der Kiste ans Außenministerium in Jerusalem, via Botschaft in Pretoria. Und das Antilopenfleisch konnte Fräulein Nombeko dann ja in ein paar Tagen in der israelischen Botschaft in Stockholm abholen.

»Dann sind wir uns also einig?«, fragte Agent A und fand, dass sich alles ganz trefflich gefügt hatte.

»Ja«, sagte Nombeko, »wir sind uns einig. Aber da ist noch was.«

Noch was? Agent A hatte in seinem Beruf ein ausgeprägtes Gespür und jetzt spürte er, dass sein Kollege und er sich zu früh über ihren Sieg gefreut hatten.

»Ich sehe ja ein, dass es eilt«, sagte Nombeko. »Aber ich muss noch etwas erledigen, bevor wir loskönnen.«

»Etwas erledigen?«

»In einer Stunde sehen wir uns wieder hier, also um 13.20 Uhr. Am besten halten Sie sich ran, um bis dahin sowohl das Flugticket als auch das Antilopenfleisch zu organisieren«, sagte sie und verließ den Raum durch die Tür hinter dem Schreibtisch des Ingenieurs, die die Agenten nicht durchschreiten durften.

Die Agenten blieben allein zurück.

»Haben wir sie unterschätzt?«, sagte A zu B.

B schaute bekümmert drein.

»Wenn du das Ticket besorgst, kümmer ich mich um das Fleisch«, sagte er.

* * * *

»Wissen Sie, was das hier ist?«, fragte Nombeko, als die Besprechung fortgesetzt wurde, und legte einen Rohdiamanten auf den Schreibtisch des Ingenieurs.

Agent A verstand sich auf allerlei. Er konnte zum Beispiel problemlos erkennen, ob eine tönerne Gans aus der Han-Dynastie stammte oder in den Siebzigerjahren in Südafrika angefertigt worden war. Und er konnte sofort erkennen, dass dieses Objekt hier wahrscheinlich einen Wert von ungefähr einer Million Schekel hatte.

»Ja, das weiß ich«, sagte er. »Worauf wollen Sie hinaus, Fräulein Nombeko?«

»Worauf ich hinauswill? Ich will nach Schweden. Und nicht in die nächste Grube hinter einem Gestrüpp in der Savanne.«

»Und zu diesem Zweck wollen Sie uns einen Diamanten geben?«, fragte Agent B, der im Gegensatz zu Agent A womöglich immer noch den Fehler beging, Nombeko zu unterschätzen.

»Aber was denken Sie von mir, Herr Agent?«, erwiderte sie. »Nein, mit dem Diamanten will ich nur untermauern, dass ich kurz nach unserem letzten Treffen ein kleines Päckchen aus der Anlage schicken konnte. Und jetzt müssen Sie sagen, ob Sie glauben, dass mir das gelungen ist, mithilfe eines solchen Diamanten zum Beispiel. Und ob ich im Anschluss – wieder mithilfe eines solchen Diamanten – eine Bestätigung vom Empfänger erhalten habe, dass das Paket sicher bei ihm angekommen ist. Und ob Sie glauben, dass einer der stolzen und durch die Bank unterbezahlten Mitarbeiter von Pelindaba sich auf ein solches Arrangement eingelassen haben könnte. Oder ob Sie das nicht glauben.«

»Ich verstehe nicht ganz«, sagte Agent B.

»Aber ich befürchte das Schlimmste«, murmelte A.

»Genau«, sagte Nombeko lächelnd. »Ich habe unser Gespräch vorhin aufgenommen, in dem Sie den Mord an einem südafrikanischen Bürger zugeben sowie den Versuch, eine südafrikanische Teufelswaffe zu stehlen. Mit Sicherheit ist Ihnen beiden klar, was für Konsequenzen es für Sie und Ihre Nation hätte, wenn dieses Band abgespielt werden würde von … tja, sagen Sie es mir … Wohin ich es habe schicken lassen, behalte ich für mich. Aber der Empfänger hat mir über meinen bestochenen Kurier mitteilen lassen, dass das Band da ist, wo es sein soll. Das heißt, außerhalb dieser Anlage. Wenn es innerhalb der nächsten vierundzwanzig, nein, Entschuldigung, dreiundzwanzig Stunden und achtunddreißig Minuten von mir abgeholt wird – Kinder, wie die Zeit doch immer verfliegt, wenn man sich gut amüsiert –, haben Sie mein Wort, dass es in Vergessenheit gerät.«

»Und wenn Sie es nicht abholen, wird es publik?«, ergänzte A.

Nombeko hielt eine Antwort für überflüssig.

»Dann ist diese Besprechung wohl beendet. Mal sehen, ob ich die Tour im Kofferraum überlebe. Aber ich hab nur schon mal das Gefühl, dass meine Chancen gestiegen sind. Sie liegen jetzt bei über null.«

Dann stand sie auf, gab Bescheid, dass das Paket mit dem Antilopenfleisch innerhalb der nächsten dreißig Minuten an die Poststelle geliefert werden sollte und dass sie selbst für die größere Kiste nebenan Sorge tragen würde. Außerdem freue sie sich auf die vorschriftsmäßige Dokumentation mit allen nötigen Stempeln und Formularen, die garantierte, dass das Paket von keinem geöffnet werden durfte, der sich nicht eine diplomatische Krise ans Bein binden wolle.

A und B nickten griesgrämig.

* * * *

Die israelischen Agenten analysierten die neue Situation. Sie hielten es für glaubhaft, dass die verdammte Putzfrau ein Band mit ihrem letzten Gespräch hatte, aber sie waren sich nicht ganz so sicher, ob es ihr tatsächlich gelungen war, es aus Pelindaba hinauszuschmuggeln. Ein Diamant befand sich nachweislich in ihrem Besitz, und wenn sie einen hatte, konnten sie durchaus auch mehrere haben. Und wenn sie mehrere hatte, wäre es möglich, dass einer der Mitarbeiter auf der Anlage, der Zugang zu geheimen Dokumenten hatte, der Versuchung erlegen war, sich und seine Familie für den Rest seines Lebens finanziell abzusichern. Möglich, aber nicht sicher. Einerseits lebte die Putzfrau (ihren Namen benutzten sie nicht mehr, dafür waren sie viel zu wütend auf sie) seit elf Jahren in der Forschungsanlage, andererseits hatten die Agenten niemals beobachtet, dass sie auch nur mit einem einzigen Weißen Umgang gehabt hätte, abgesehen von ihnen. Sollte einer der zweihundertfünfzig Mitarbeiter wirklich seine Seele an die Frau verkauft haben, die alle hinter ihrem Rücken Kaffer nannten?

Doch wenn die Agenten die sexuelle Dimension hinzurechneten, also die Möglichkeit – beziehungsweise das Risiko –, dass die Putzfrau auch ihren Körper eingesetzt hatte, verschob sich die Quote zuungunsten der Agenten. Wer unmoralisch genug war, für einen Diamanten etwas für sie zu tun, hatte vielleicht nicht so viel Moral, um sie hinterher nicht auch anzuzeigen. Aber wenn derjenige obendrein auf ein sexuelles Abenteuer spekulierte, würde er sich sehr wohl auf die Zunge beißen. Oder in einen anderen Körperteil, wenn er gelenkig genug war.

Unterm Strich kamen die Agenten A und B auf ein sechzigprozentiges Risiko, dass Nombeko die genannten Trümpfe wirklich in der Hand hielt, während die Wahrscheinlichkeit, dass sie nichts hatte, bei vierzig Prozent lag. Und diese Quote war zu schlecht. Der Schaden, den sie ihnen und – vor allem! – der israelischen Nation zufügen konnte, war nicht abzusehen.

Deswegen lautete der Beschluss, dass die Putzfrau wie geplant im Kofferraum mitfahren sollte, dass sie wie geplant ihr Ticket nach Schweden bekam, dass ihre zehn Kilo Antilopenfleisch wie geplant nach Stockholm geschickt wurden – und dass ihr nicht wie geplant ins Genick geschossen werden sollte. Oder in die Stirn. Oder woanders hin. Sie war immer noch ein wandelnder Risikofaktor. Aber wenn sie tot war, war das Risiko nun noch größer.

Neunundzwanzig Minuten später bekam Nombeko von Agent A Flugtickets und das versprochene Antilopenfleisch sowie die vorschriftsmäßig ausgefüllten Formulare für die Diplomatenpost in zweifacher Ausfertigung. Sie bedankte sich und erklärte, sie sei in einer Viertelstunde reisefertig und wolle sich bloß noch vergewissern, dass die beiden Pakete korrekt für den Versand vorbereitet wurden. Damit meinte sie – auch wenn sie es nicht sagte –, dass sie mit den drei Chinesenmädchen noch ein ernstes Wörtchen reden musste.

»Ein großes und ein kleines Paket?«, wiederholte Kleine Schwester, die kreativste von allen. »Hättest du etwas dagegen einzuwenden, Nombeko, wenn wir …«

»Das ist es ja gerade«, sagte Nombeko. »Diese Pakete dürfen nicht an eure Mutter in Johannesburg gehen. Das kleine Paket muss nach Stockholm, das ist für mich; allein das ist ja wohl Grund genug, dass ihr es nicht anrührt, hoffe ich. Und das große soll nach Jerusalem.«

»Jerusalem?«, fragte Mittlere Schwester.

»Ägypten«, erklärte Große Schwester.

»Gehst du weg?«, fragte Kleine Schwester.

Nombeko fragte sich, wie der Ingenieur jemals auf den Gedanken verfallen konnte, diesen drei Mädchen die Post anzuvertrauen.

»Ja, aber sagt keinem was. Ich werde bald hier rausgeschmuggelt, dann fahre ich nach Schweden. Jetzt müssen wir Abschied nehmen. Ihr wart tolle Freundinnen.«

Und sie umarmten einander.

»Pass auf dich auf, Nombeko«, sagten die Chinesenmädchen auf isiXhosa.

»s141.tif«, antwortete Nombeko. »Lebt wohl!«

Dann ging sie ins Büro des Ingenieurs, sperrte seine Schreibtischschublade auf und nahm sich ihren Pass.

»Market Theatre bitte, Marktplatz, Downtown Johannesburg«, sagte Nombeko zu Agent A, als sie in den Kofferraum des Autos mit dem Diplomatenkennzeichen kroch.

Sie klang wie ein ganz normaler Fahrgast eines ganz normalen Taxifahrers. Es sah auch so aus, als würde sie Johannesburg in- und auswendig kennen – und als ob sie wüsste, wohin sie unterwegs war. In Wirklichkeit hatte sie noch vor ein paar Minuten ein letztes Mal in einem Buch der Bibliothek von Pelindaba geblättert und sich den Ort herausgesucht, der wahrscheinlich der überlaufenste des ganzen Landes war.

»Alles klar«, sagte Agent A. »Wird gemacht.«

Und dann machte er den Kofferraum zu.

Jetzt war ihm klar, dass Nombeko nicht vorhatte, sie zu der Person zu führen, in deren Besitz sich das Band befand, so dass sie beide auf einmal hätten umnieten können. Ihm war auch klar, dass Nombeko im Gewimmel am Marktplatz in nicht mal zwei Minuten untertauchen konnte. Ihm war klar, dass Nombeko gewonnen hatte.

Die erste Runde.

Doch sobald die Bombe in Jerusalem angekommen war, gab es keine Beweise mehr, die auf Abwege geraten und sie in Schwierigkeiten bringen könnten. Dann konnten sie das Band abspielen, so viel sie lustig waren und wo sie lustig waren. Die Agenten konnten einfach alles abstreiten. Es waren sowieso alle gegen Israel, da war es ja klar, dass Bänder dieser Art im Umlauf waren. Aber so was für bare Münze zu nehmen, war doch einfach nur lächerlich.

Und damit war die zweite Runde eingeläutet.

Niemand legte sich ungestraft mit dem Mossad an.

* * * *

Das Auto mit den Agenten verließ Pelindaba am Donnerstag, dem 12. November 1978, um 14.10 Uhr. Um 15.01 Uhr desselben Tages rollte der Wagen mit der Ausgangspost des Tages durch dieselben Tore. Mit einer Verspätung von elf Minuten, weil man aufgrund einer Sperrgutsendung das Fahrzeug hatte wechseln müssen.

Um 15.15 Uhr stellte der Leiter der Ermittlungen im Fall van der Westhuizen fest, dass der Mann ermordet worden war. Drei voneinander unabhängige Zeugen gaben ganz ähnliche Aussagen ab. Und zwei von ihnen waren Weiße.

Diese Aussagen wurden auch von den Beobachtungen bestätigt, die der Chefermittler vor Ort gemacht hatte. Auf dem zerquetschten Gesicht des Ingenieurs fanden sich an drei Stellen Spuren von Gummi. Er musste von mindestens drei Reifen überfahren worden sein, einem mehr, als jedes normal gebaute Auto pro Seite hat. Folglich war der Ingenieur entweder von mehr als einem Auto überfahren worden oder – wie die Zeugen übereinstimmend behaupteten – mehrmals von ein und demselben.

Es dauerte weitere fünfzehn Minuten, doch um 15.30 Uhr wurde das Niveau der Sicherheitsstufe in der Forschungsanlage heraufgesetzt. Der schwarzen Putzfrau in der äußeren Wache sollte sofort gekündigt werden, ebenso der schwarzen Putzfrau im zentralen G-Flügel und den drei Asiatinnen in der Küche. Bevor sie eventuell freigelassen wurden, sollten alle fünf einer Risikoanalyse durch die Sicherheitspolizei unterzogen werden. Sämtliche ein- und ausfahrenden Fahrzeuge waren zu kontrollieren, und wenn der Oberbefehlshaber der südafrikanischen Streitkräfte höchstpersönlich am Steuer saß!

* * * *

Am Flugplatz fragte Nombeko sich durch, folgte dem Menschenstrom und hatte die Sicherheitskontrolle passiert, bevor sie überhaupt gemerkt hatte, dass es eine gab. Im Nachhinein war ihr natürlich klar, dass Diamanten in einem Jackenfutter den Metalldetektor nicht ausschlagen lassen.

Da die Mossadagenten gezwungen waren, das Ticket so kurzfristig zu besorgen, waren nur noch die teuersten Plätze frei gewesen. Entsprechend fiel auch ihr Platz aus. Das Personal brauchte eine ganze Weile, bis es Nombeko klargemacht hatte, dass das angebotene Glas Champagne de Pompadour Extra Brut im Ticketpreis inbegriffen war. Ebenso das folgende Essen. Sie wurde auch freundlich, aber bestimmt wieder an ihren Platz zurückgebracht, als sie versuchen wollte, den Stewardessen beim Abräumen zu helfen.

Doch bis zum Dessert hatte sie es endgültig kapiert. Es gab mit Mandeln gratinierte Himbeeren, die sie mit einer Tasse Kaffee hinunterspülte.

»Darf ich Ihnen einen Kognak zum Kaffee anbieten?«, fragte die Stewardess freundlich.

»Ja, bitte«, sagte Nombeko. »Haben Sie Klipdrift?«

Kurz darauf schlummerte sie ein und schlief sanft und gut – und lange.

Als sie am Flugplatz Stockholm–Arlanda angekommen war, folgte sie den Anweisungen der so elegant ausgetricksten Mossadagenten. Sie ging zum erstbesten Grenzpolizisten und bat um politisches Asyl. Als Grund gab sie ihre Mitgliedschaft in der verbotenen Organisation ANC an, was sich besser anhörte, als dass sie dem Geheimdienst einer anderen Nation gerade geholfen hatte, eine südafrikanische Atomwaffe zu stehlen.

Die erste Befragung durch die schwedische Grenzpolizei wurde in einem hellen Zimmer vorgenommen, dessen Fenster zur Start- und Landebahn hinausging. Dort draußen tat sich gerade etwas, was Nombeko noch nie zuvor erlebt hatte. Es schneite. Der erste Schnee des Winters, mitten im südafrikanischen Frühsommer.