8. KAPITEL

Von einem Match, das unentschieden ausging, und einem Unternehmer, der sein Leben nicht leben durfte

Ingmar und Holger 1 waren sich einig, dass man Mamas Andenken am besten ehrte, indem man den Kampf weiterführte. Nummer zwei war ganz sicher, dass sich Papa und Brüderchen da irrten, begnügte sich aber mit der Frage, wer ihrer Meinung nach denn nun das Geld verdienen sollte?

Ingmar runzelte die Stirn und gab zu, dass er dieses Detail nicht mit der nötigen Aufmerksamkeit bedacht hatte, bei all den anderen Dingen, die er in letzter Zeit zu bedenken hatte. In Henriettas Zuckerdose steckten immer noch ein paar Hunderter, aber die würden bald genauso verschwunden sein wie Henrietta selbst.

In Ermangelung anderer Ideen beschloss der ehemalige Postbeamte, sich erneut um seinen Job als Assistent des Oberbuchhalters zu bewerben, der nur noch zwei Jahre bis zur Pensionierung warten musste. Und der ihm ins Gesicht sagte, dass er unter gar keinen Umständen vorhatte, sich diese zwei Jahre von Herrn Qvist verderben zu lassen.

Der wütende Kommunist, der seine Enkel nie kennenlernte (und auch Ingmar nie zu fassen bekam), verstarb völlig verbittert im Alter von einundachtzig Jahren, nachdem er seine Tochter verloren hatte, seine Frau verschwunden war und der Kapitalismus um ihn her blühte und gedieh. Da er nicht mehr lebte, musste er zumindest nicht mit ansehen, wie sein gesamter Besitz von den Holgers und Ingmar übernommen wurde. Holger 1, den es wirklich gab, war der Erbe.

Der Anführer der Kommunisten in Södertälje hatte neben seiner politischen Tätigkeit mit dem Import und Verkauf von Produkten aus der Sowjetunion zu tun gehabt. In letzter Zeit war er in Schweden über die Marktplätze gezogen, um seine Waren zusammen mit der Größe der Sowjetunion anzupreisen. Ab und zu funktionierte beides ganz leidlich, aber der Gewinn reichte gerade zur Deckung der nötigsten Grundbedürfnisse, inklusive eines Farbfernsehers, zweier wöchentlicher Besuche im Spirituosengeschäft und dreitausend Kronen Parteispende pro Monat.

Zu den Dingen, die Nummer eins von seinem Großvater erbte, gehörten ein gut erhaltener Lkw und eine Garage, die zugleich als Lager diente und mit Krimskrams vollgestellt war. Der alte Mann hatte in all den Jahren etwas schneller eingekauft, als er verkaufen konnte.

Zu den Waren gehörten schwarzer und roter Kaviar, saure Gurken und geräucherter Krill. Es gab georgischen Tee, weißrussisches Leinen, russische Filzstiefel und Robbenfelle von den Inuit. Da gab es Emaillegefäße aller Art, inklusive dem typischen grünen Abfalleimer mit Pedal zum Öffnen. Da gab es furashki, die russischen Militärmützen, und ushanki, Pelzmützen, in denen man unmöglich frieren konnte. Da gab es Wärmflaschen aus Gummi und Schnapsgläser mit aufgemalten Vogelbeeren. Und geflochtene Strohschuhe in Größe siebenundvierzig.

Da gab es fünfhundert Exemplare des Kommunistischen Manifests auf Russisch und zweihundert Ziegenhaarschals vom Ural. Und vier Felle von Sibirischen Tigern.

Das alles und noch viel mehr fanden Ingmar und die Jungen in der Garage. Und last, but not least:

Eine zweieinhalb Meter hohe Leninstatue aus karelischem Granit.

Wenn Ingmars Schwiegervater noch am Leben gewesen wäre und Lust bekommen hätte, sich mit seinem Schwiegersohn zu unterhalten, statt ihn zu erwürgen, hätte er ihm erzählt, dass er die Statue billig von einem Künstler in Petrozavodsk gekauft hatte, der den Fehler begangen hatte, dem Großen Führer der sozialistischen Revolution menschliche Züge zu verleihen. Der stahlgraue Leninblick wirkte eher verlegen, und die Hand, die geradewegs in die Zukunft weisen sollte, schien dem Volk, das Lenin doch führen sollte, eher zuzuwinken. Der Bürgermeister der Stadt, der die Statue bestellt hatte, regte sich schrecklich auf, als er das Ergebnis sah, und er machte dem Künstler klar, dass das Ding sofort verschwinden müsse, wenn der Bürgermeister nicht dafür sorgen solle, dass der Künstler selbst verschwand.

Ausgerechnet in diesem Augenblick war Ingmars Schwiegervater des Weges gekommen, mal wieder auf einer seiner Shoppingtouren. Zwei Wochen später lag die Statue in Södertälje und winkte einer Garagenwand zu.

Ingmar und Nummer eins stöberten in den Reichtümern und lachten dabei fröhlich. Dieses Zeug würde die Familie ja jahrelang ernähren!

Nummer zwei war von der Entwicklung der Dinge nicht ganz so begeistert. Er hatte gehofft, dass der Tod seiner Mutter nicht vergebens gewesen war, dass sich danach wirklich etwas ändern würde.

»Vielleicht hat Lenin nicht unbedingt überall den höchsten Marktwert«, versuchte er es und wurde sofort zum Schweigen gebracht.

»Mein Gott, bist du negativ«, sagte Papa Ingmar.

»Aber echt. Mein Gott, bist du negativ«, sagte Holger 1.

»Genauso wenig wie das Kommunistische Manifest auf Russisch«, fügte Nummer 2 noch hinzu.

* * * *

Die Waren in der Garage ernährten die Familie volle acht Jahre. Papa Ingmar und die Zwillinge traten in die Fußstapfen von Ingmars Schwiegervater, von Marktplatz zu Marktplatz, und konnten sich mit einer gewissen Gewinnmarge einen erträglichen Lebensstandard sichern, vor allem deswegen, weil die Kommunisten in Södertälje keinen Anteil mehr von den Einnahmen bekamen. Genauso wenig wie das Finanzamt übrigens.

Nummer zwei wünschte sich dabei die ganze Zeit weit weg, tröstete sich aber mit dem Gedanken, dass während der Marktjahre zumindest keine Zeit für republikanische Schnapsideen blieb.

Nach diesen acht Jahren war nur noch die zweieinhalb Meter hohe Leninstatue übrig sowie vierhundertachtundneunzig von den fünfhundert Exemplaren des Kommunistischen Manifests auf Russisch. Ein Exemplar hatte Ingmar auf dem Markt in Mariestad einem Blinden verkaufen können. Das zweite war auf dem Weg nach Malma Marken draufgegangen, als Ingmar Magen-Darm-Grippe bekam und das Auto anhalten musste, um sich in einen Straßengraben zu hocken.

Insofern hatte Holger zwei doch recht behalten.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Holger 1, der in seinem ganzen Leben noch keine eigene Idee gehabt hatte.

»Egal, was. Solange es bloß nichts mit dem Königshaus zu tun hat«, sagte Holger 2.

»Das hat es aber«, sagte Ingmar. »Davon hatten wir in letzter Zeit viel zu wenig.«

Ingmar hatte einen Einfall, wie sie durch eine Umarbeitung der Leninstatue doch noch mal etwas Geld zum Leben verdienen konnten. Ihm war nämlich aufgefallen, dass genau dieser Lenin eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem schwedischen König hatte. Sie mussten ihm bloß den Bart abhacken, ein bisschen was von der Nase wegklopfen und aus dem Käppi einfach Locken machen – und schwupps, war Wladimir Iljitsch kaum mehr von Seiner Majestät zu unterscheiden!

»Hast du tatsächlich vor, eine zweieinhalb Meter hohe Königsstatue zu verkaufen?«, fragte Holger 2 seinen Vater. »Hast du denn überhaupt keine Prinzipien?«

»Jetzt werd mal nicht unverschämt, mein lieber abtrünniger Sohn. Not kennt kein Gebot, das habe ich schon gelernt, als ich noch jung war und so übel dran, dass ich das neue Fahrrad eines Soldaten von der Heilsarmee beschlagnahmen musste. Der hieß übrigens auch Holger.«

Und dann fuhr er fort, dass die Holgers ja gar nicht ahnen konnten, wie viele begüterte Königsanhänger es in diesem Lande gab. Eine Königsstatue konnte zwanzig- bis dreißigtausend einbringen. Vielleicht sogar vierzig. Und dann mussten sie nur noch den Lkw verkaufen.

Ingmar legte los. Er klopfte und feilte und polierte eine ganze Woche lang. Und es gelang ihm besser als erwartet. Als Holger 2 das Resultat sah, dachte er, dass man von seinem Vater ja denken konnte, was man wollte, aber um einen Ausweg war er so schnell nicht verlegen. Und er war auch nicht ganz ohne eine gewisse künstlerische Ader.

Blieb nur noch der Verkauf. Ingmar stellte sich vor, dass sie die Statue einfach in den Laderaum ihres Lkws hievten, um dann sämtliche Grafen und Barone auf den Gütern rund um Stockholm abzuklappern, bis einer von ihnen einsah, dass er ohne einen schwedisch-karelischen Granitkönig im Garten nicht leben konnte.

Doch es war gar nicht so einfach, die Statue da hochzubefördern, schließlich durfte der König auch nicht hinten runterpurzeln. Holger 1 war mit Feuereifer dabei, seinem Vater zu helfen, wenn der ihm nur sagte, was er machen solle. Nummer zwei stand mit den Händen in den Hosentaschen daneben und sagte gar nichts.

Ingmar betrachtete seine zwei Söhne und entschied, dass es besser war, wenn keiner der beiden ihm hier reinpfuschte. Papa würde das Ganze allein in die Hand nehmen.

»Jetzt geht mal ein paar Schritte zurück und stört mich nicht«, sagte er und befestigte nach einem ausgeklügelten System Halteseile kreuz und quer an der Statue.

Und dann fing er an zu kurbeln. Und bugsierte die Königsstatue tatsächlich ohne jede Hilfe bis an die Kante des Lkws.

»So, jetzt nur noch das letzte Stückchen«, sagte der Königshasser befriedigt, eine Sekunde, bevor ein Halteseil riss.

Damit fand Ingmar Qvists langer Lebenskampf sein Ende.

Der König neigte sich nämlich demütig zu ihm vor, sah ihm zum ersten Mal in die Augen und fiel dann langsam, aber unerbittlich direkt auf seinen Schöpfer.

Ingmar hauchte unter dem Gewicht des Königs sofort sein Leben aus, während dieser selbst in vier Teile zerbrach.

Holger 1 war völlig verzweifelt. Direkt neben ihm stand Nummer zwei und schämte sich, weil er rein gar nichts empfinden konnte. Er betrachtete seinen toten Vater und neben ihm den zerbrochenen König.

Wie es aussah, war dieses Match unentschieden ausgegangen.

In der Provinzzeitung von Södertälje stand ein paar Tage später zu lesen:

Mein geliebter Vater

Ingmar Qvist

hat mich verlassen.

In unendlicher Trauer

Södertälje, den 4. Juni 1987

HOLGER

Vive la République

* * * *

Holger 1 und 2 waren identische Kopien voneinander. Und gleichzeitig so gegensätzlich wie nur was.

Nummer eins hatte nicht eine Sekunde lang die Berufung seines Vaters infrage gestellt. Nummer zwei kamen als Siebenjährigem erste Zweifel, die in den folgenden Jahren immer stärker wurden. Als Nummer zwei zwölf war, wusste er, dass Papa einfach nicht ganz richtig im Kopf war. Seit dem Tod seiner Mutter stellte er Ingmars Ideen immer öfter infrage.

Aber er ging nie fort. Im Laufe der Jahre hatte er ein immer größeres Verantwortungsgefühl für seinen Vater und seinen Bruder entwickelt. Und außerdem waren Nummer eins und zwei ja Zwillinge. Das war ein Band, das man nicht so leicht durchtrennte.

Warum die Brüder so ungleich waren, war schwer zu sagen. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass Holger 2 – der, den es eigentlich gar nicht richtig gab – eine allgemeine Begabung hatte, die dem ersten völlig abging.

Deswegen ergab es sich ganz selbstverständlich, dass Nummer zwei während ihrer Schullaufbahn die schriftlichen und mündlichen Prüfungen ablegte und seinem Bruder das Autofahren beibrachte, nachdem er selbst den Führerschein gemacht hatte. Auch den Lkw-Führerschein. Großvaters Volvo F406 war der einzige nennenswerte Besitz der Brüder. Soll heißen: Holger 1 besaß ihn. Denn um etwas zu besitzen, musste man ja existieren.

Als ihr Vater weg war, spielte Nummer zwei mit dem Gedanken, zu den Behörden zu gehen und sie von seiner Existenz in Kenntnis zu setzen, um dann ein Studium zu beginnen. Und ein Mädchen zu finden, das er lieben konnte. Und mit dem er Liebe machen konnte. Wie sich das wohl anfühlte?

Aber als er genauer darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass das alles gar nicht so einfach war. Durfte er denn überhaupt das gute Abiturzeugnis nutzen? Gehörte das nicht seinem Bruder? Per definitionem hatte Holger 2 ja nicht mal eine Grundschulausbildung, oder?

Außerdem gab es dringlichere Fragen zu klären. Zum Beispiel, wie die Brüder das Geld verdienen sollten, um sich satt zu essen. Holger 1 gab es schließlich richtig, er hatte sowohl Pass als auch Führerschein und sollte sich daher wohl einen Job suchen können.

»Einen Job?«, sagte Nummer eins, als die Sache zur Sprache kam.

»Ja, eine Arbeit. Ist ja nicht ungewöhnlich, dass Leute im Alter von sechsundzwanzig Jahren so was haben.«

Holger 1 schlug vor, dass sich doch lieber Nummer zwei darum kümmern solle, im Namen von Nummer eins. Ungefähr so, wie sie es all die Jahre auch in der Schule gehandhabt hatten. Aber Nummer zwei meinte, jetzt, nachdem der König Papa erschlagen hatte, werde es Zeit, die Jugend hinter sich zu lassen. Holger 2 hatte nicht vor, die Arbeit für seinen Bruder zu tun – und ganz bestimmt auch nicht für Papa Ingmar.

»Das war nicht der König, das war Lenin«, sagte Holger 1 trotzig.

Nummer zwei meinte, es sei völlig egal, wer auf Ingmar gefallen sei, das hätte genauso gut Mahatma Gandhi sein können. Aber das war jetzt Geschichte. Jetzt wurde es Zeit, sich eine Zukunft aufzubauen. Gerne zusammen mit seinem lieben Bruder, doch nur, wenn Nummer eins versprach, alle Ideen von Staatsstreichen auf den Müll zu werfen. Nummer eins murmelte, dass er doch sowieso nie Ideen hatte.

Damit gab sich Holger 2 zufrieden und dachte in den nächsten Tagen darüber nach, wie der nächste Schritt in ihrem Leben aussehen könnte.

Am dringendsten war das Geld, das sie brauchten, um Essen auf den Tisch zu bringen.

Die Lösung sah so aus, dass sie den Tisch verkauften. Beziehungsweise gleich das ganze Haus.

Das Häuschen der Familie in der Nähe von Södertälje wechselte den Besitzer, und die Brüder zogen in den Laderaum ihres Volvo F406-Lkws.

Doch es war ein Häuschen, das sie da verkauft hatten, kein Schloss, und im Großen und Ganzen war es nicht in Schuss gehalten worden, seit Papa Ingmar irgendwann vor vierzig Jahren durchgedreht war. Der offizielle Besitzer Holger 1 bekam nur hundertfünfzigtausend Kronen für das elterliche Heim. Wenn die Brüder nichts unternahmen, würde dieses Geld bald wieder aufgebraucht sein.

Nummer eins fragte Nummer zwei, was seiner Meinung nach das oberste Viertel von Papas Statue wert sein könnte. Da holte Nummer zwei ein Stemmeisen und zertrümmerte das Ding nach allen Regeln der Kunst, damit dieses Thema ein für alle Mal vom Tisch war. Als er fertig war, versprach er, dass er auch die vierhundertachtundneunzig verbliebenen Exemplare des Kommunistischen Manifests auf Russisch verbrennen würde, aber vorher wollte er eine Runde spazieren gehen, denn er musste ein Weilchen alleine sein.

»Bitte denk nicht zu viel nach, während ich weg bin.«

* * * *

Aktiengesellschaft Holger & Holger? Konnte das wohl funktionieren? Ein Fuhrunternehmen? Denn das zumindest hatten sie ja im Leben: einen Lkw.

Holger 2 setzte eine Annonce in die Provinzzeitung: »Kleines Fuhrunternehmen sucht Aufträge« und bekam sofort Antwort von einem Kissengroßhändler in Gnesta, der Hilfe brauchte, weil sein bisheriger Auslieferer nicht nur jeden fünften Transport vergessen hatte, sondern auch jede zweite Überweisung ans Finanzamt und dafür jetzt in die Justizvollzugsanstalt Arnö gewandert war. Der Staat glaubte, dass der Auslieferer achtzehn Monate brauchen würde, bis er sich wieder an die Gesellschaft angepasst hatte. Der Kissengroßhändler, der den wahren Charakter seines Auslieferers kannte, dachte sich, dass sich das wohl durchaus länger hinziehen könnte. Auf jeden Fall saß der Auslieferer jetzt eben dort, wo er saß, und der Unternehmer brauchte sofort Ersatz.

Das Unternehmen Gnesta Daunen & Inletts AG stellte seit unzähligen Jahren Kopfkissen für Hotels, diverse Landgerichte und Behörden her. Erst ging es gut, dann schlechter, am Ende gar nicht mehr. Da feuerte der Unternehmer seine vier Mitarbeiter und fing stattdessen an, Kissen aus China zu importieren. Das machte ihm das Leben zwar einerseits leichter, aber es war auch anstrengend, und langsam, aber sicher begann er sich alt zu fühlen. Der überarbeitete Mann hatte alles satt und machte nur weiter, weil er schon lange vergessen hatte, dass das Leben noch etwas anderes zu bieten haben konnte.

Holger 1 und 2 trafen ihn in seinem Büro mit angeschlossenem Lager am Stadtrand von Gnesta. Die Gegend sah heruntergekommen aus, ein Lager und ein abbruchreifes Haus mit einem gemeinsamen Hof und eine seit vielen Jahren ungenutzte Töpferwerkstatt auf der anderen Straßenseite. Der nächste Nachbar war ein Schrottplatz, ansonsten war das Gelände völlig verlassen.

Da Holger 2 reden konnte und Holger 1 auf Geheiß seines Bruders den Mund hielt, fasste der Unternehmer Vertrauen zu der potenziellen neuen Auslieferungslösung. Die Wohnungen in dem Abbruchhaus waren nicht gerade die schönsten der Welt, aber wenn die Brüder eine von ihnen beziehen wollten, oder auch zwei, ginge das in Ordnung. Der Unternehmer selbst wohnte im Zentrum der kleinen Ortschaft.

Es sah so aus, als würde sich alles zum Besten ordnen, aber da teilte die Schwedische Rentenanstalt dem Unternehmer brieflich mit, dass er demnächst ja fünfundsechzig Jahre alt war und daher das Recht hatte, in Pension zu gehen. Daran hatte er gar nicht gedacht. Was für ein Glück! Jetzt war es also an der Zeit, das Rentenalter zu genießen. Nichtstun als Vollzeitbeschäftigung, genau danach sehnte sich der Unternehmer. Vielleicht sogar ein bisschen Remmidemmi? Seit dem Spätsommer ’67 hatte er nicht mehr versucht, einen draufzumachen. Damals war er nach Stockholm gefahren, um in den Nalen zu gehen, nur um herauszufinden, dass der berühmte Tanzpalast zugemacht hatte und jetzt eine Freikirche war.

Der Pensionsbescheid war für den Unternehmer ein Grund zur Freude. Für Holger und Holger war er eher problematisch.

Tja, da die Brüder nichts zu verlieren hatten, beschloss Nummer zwei, in die Offensive zu gehen. Er schlug vor, dass Holger & Holger doch die gesamte Firma des Kissengroßhändlers übernehmen könnten, inklusive Lager, Abbruchhaus und Töpferei. Zum Ausgleich sollte er von den Brüdern fünfunddreißigtausend Kronen pro Monat auf die Hand bekommen, solange er lebte.

»Als Extrapension«, meinte Holger 2. »Wir haben nur nicht so richtig Bargeld, mit dem wir den Herrn Unternehmer rauskaufen könnten.«

Der frisch gebackene Rentner überdachte die Sache. Dann überdachte er sie noch ein bisschen. Und sagte zum Schluss:

»Abgemacht! Aber sagen wir doch dreißigtausend, nicht fünfunddreißig. Und unter einer Bedingung!«

»Was für eine Bedingung?«, sagte Holger 2.

»Na ja, also das ist so …«, begann der Unternehmer.

Der Preisnachlass war an die Bedingung geknüpft, dass Holger und Holger ihm versprachen, die Verantwortung für den amerikanischen Ingenieur zu übernehmen, den der Unternehmer vor vierzehn Jahren in einem Versteck in der Töpferwerkstatt entdeckt hatte. Der Amerikaner hatte im Vietnamkrieg Tunnels für das Militär gebaut, war ständig von den Vietkong angegriffen worden, schwer verletzt und in einem Krankenhaus in Japan behandelt worden, hatte sich erholt, sich durch den Boden des Krankenzimmers nach draußen gegraben, war nach Hokkaido geflohen, mit einem Fischtrawler bis an die sowjetische Grenze gefahren, dort auf ein Schiff der sowjetischen Küstenwache umgestiegen, in Moskau gelandet, dann in Helsingfors und zum Schluss nach Stockholm und Schweden weitergefahren. Dort gewährte man ihm politisches Asyl.

Doch in Stockholm hatte der Vietnamdeserteur geglaubt, überall die CIA zu sehen. Er war völlig runter mit den Nerven und felsenfest davon überzeugt, dass sie ihn finden und wieder in den Krieg schicken würden. Und so war er aufs Land geirrt und in Gnesta gelandet, hatte eine stillgelegte Töpferwerkstatt entdeckt, sich hineingeschlichen und unter einer Plane zum Schlafen hingelegt. Es war mehr als Zufall, dass er dort gelandet war, denn im Grunde seines Herzens war der Amerikaner nämlich Töpfer. Ingenieur und Offizier war er nur auf Befehl seines Vaters geworden.

In der Töpferei hatte der Kissengroßhändler nicht allzu viele getöpferte Waren, sondern vielmehr den Teil seiner Buchführung, der das Tageslicht scheute. Und deswegen suchte er jede Woche ein paarmal diese Räume auf. Dort, zwischen den Ordnern, schaute eines Tages ein verschrecktes Gesicht hervor – der Amerikaner, dessen sich der Unternehmer prompt erbarmte. Der Mann durfte bleiben, aber nur wenn er in eine der Wohnungen im Abbruchhaus in der Fredsgatan 5 zog. Wenn der Amerikaner die Töpferwerkstatt wieder zum Leben erwecken wollte, bitte sehr, aber die Tür zu dem fensterlosen Raum dort hinten sollte auf jeden Fall geschlossen bleiben.

Der im ersten Moment etwas erschrockene Amerikaner hatte das Angebot angenommen, woraufhin er sofort und ohne Erlaubnis anfing, einen Tunnel von der Erdgeschosswohnung in der Fredsgatan 5 bis hin zur Töpferwerkstatt auf der anderen Seite zu graben. Als der Unternehmer ihn darauf ansprach, antwortete er, dass er einen Fluchtweg brauche, sollte eines Tages die CIA an die Tür klopfen. Der Tunnelbau dauerte mehrere Jahre, und als er endlich fertig war, war der Vietnamkrieg schon lange vorbei.

»Ganz richtig ist er nicht im Kopf, das kann man nicht anders sagen, aber er gehört zu unserer Abmachung«, sagte der abgearbeitete Unternehmer. »Im Übrigen fällt er ja niemandem zur Last. Soviel ich weiß, lebt er davon, dass er selbst getöpferte Waren auf den Märkten in der Gegend verkauft. Verrückt, aber er schadet keinem, außer vielleicht sich selbst.«

Holger 2 zögerte. Er hatte das Gefühl, dass er nicht noch mehr Wahnwitz in seinem Leben brauchen konnte. Mit seinem Bruder und dem Erbe seines Vaters hatte er schon genug am Hals. Andererseits würde dieses Arrangement es den Brüdern ermöglichen, genau wie der Amerikaner in das Abbruchhaus zu ziehen. Ein richtiges Dach über dem Kopf, statt der Matratze im Lkw.

Die Entscheidung fiel so aus, dass sie sich bereit erklärten, die Verantwortung für den amerikanischen Töpfer mit den kaputten Nerven zu übernehmen. Daraufhin wurde alles, was der ehemalige Unternehmer besaß, auf die neu gegründete Aktiengesellschaft von Nummer eins überschrieben.

Endlich konnte der Abgearbeitete einfach mal ausspannen! Gleich am nächsten Tag fuhr er nach Stockholm, um erst dem Sture-Bad einen Besuch abzustatten und anschließend Hering und einen Schnaps im Sture-Hof zu genießen!

Doch er dachte nicht daran, dass seit seinem letzten Besuch in der quirligen Großstadt der Rechtsverkehr eingeführt worden war. Dass eben dies auch in Gnesta galt, hatte er nicht mal gemerkt. Also schaute er beim Aussteigen in der Birger Jarlsgatan genau in die falsche Richtung.

»Leben, hier komme ich!«, sagte er.

Und wurde im nächsten Augenblick von einem Bus überfahren.

»Das ist aber traurig«, sagte Holger 1, als die Brüder davon erfuhren.

»Ja. Und billig«, meinte Holger 2.

Holger und Holger besuchten den amerikanischen Töpfer, um ihm von ihrer Abmachung mit dem so tragisch verunglückten Kissengroßhändler zu erzählen und ihm mitzuteilen, dass der Herr Töpfer gern weiter hier wohnen durfte, weil das zur Absprache mit dem Verstorbenen gehörte und man Absprachen schließlich einhielt.

Holger 2 klopfte an.

Stille.

Holger 1 klopfte auch an.

»Kommt ihr von der CIA?«, hörte man eine Stimme.

»Nein, von Södertälje«, sagte Holger 2.

Noch ein paar Sekunden Stille. Dann wurde die Tür vorsichtig aufgemacht.

Die Begegnung der Männer verlief positiv. Es begann abwartend, aber als Holger und Holger andeuteten, dass mindestens einer von ihnen ebenfalls kein ganz unkompliziertes Verhältnis zur Gesellschaft hatte, wurde es besser. Man hatte dem Amerikaner zwar Asyl gewährt, doch er hatte sich seither nicht mehr bei den schwedischen Behörden gemeldet, daher konnte er nur raten, wie viel der Entscheid von damals noch wert war.

Der Töpfer fand sich damit ab, dass das Abbruchhaus einen neuen Besitzer hatte, und beschloss zu bleiben, weil, wie er sich selbst sagte, die Wahrscheinlichkeit äußerst gering war, dass die Herren Holger und Holger für den amerikanischen Geheimdienst arbeiteten. Eigentlich ging sie sogar gegen null, denn so verschlagen die von der CIA auch sein mochten, sie wären wohl kaum darauf verfallen, zwei identisch aussehende Agenten zu schicken, die obendrein auch noch denselben Namen trugen.

Der Amerikaner zog sogar das Angebot von Holger 2 in Erwägung, ab und zu beim Kissenausliefern einzuspringen. Allerdings nur, wenn das Auto dann mit falschen Kennzeichen ausgestattet wurde, damit die CIA ihn nicht ausfindig machen konnte, für den Fall, dass eine ihrer Tausende von Überwachungskameras in diesem Land ein Foto von ihm machte.

Holger 2 schüttelte den Kopf, gab Nummer eins jedoch den Auftrag, nachts ein Paar Nummernschilder zu stehlen. Als der Töpfer dann auch noch verlangte, dass der Lkw schwarz umlackiert werden müsste, damit er den amerikanischen Geheimdienst auf einem dunklen Waldweg besser abschütteln konnte, wenn sie ihn eines Tages doch aufspürten – da fand Nummer zwei, dass es nun aber genug war.

»Ich glaube, wenn ich’s mir recht überlege, liefern wir unsere Kissen doch lieber selbst aus. Aber trotzdem danke.«

Der Töpfer sah ihm lange nach. Warum hatte der denn so plötzlich seine Meinung geändert?

* * * *

Holger 2 hatte den Eindruck, dass sich das Leben im Großen und Ganzen gar nicht gut entwickelte, trotz des Arrangements mit dem Kissenunternehmen und dem Abbruchhaus. Außerdem musste er eifersüchtig feststellen, dass es Nummer eins gelungen war, eine Freundin zu finden. Seiner Ansicht nach war die zwar auch nicht ganz richtig im Kopf, aber Gleich und Gleich gesellte sich ja bekanntlich gern. Es war ein junges Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren, das auf alles wütend zu sein schien, außer vielleicht auf Holger 1. Die beiden hatten sich im Zentrum von Gnesta kennengelernt, als die junge Zornige eine Ein-Mann-Demonstration gegen das korrupte Bankensystem veranstaltete. Sie hatte als selbst ernannte Repräsentantin des nicaraguanischen Präsidenten Daniel Ortega einen Kredit über eine halbe Million Kronen beantragt, doch der Bankdirektor – zufällig auch der Vater der jungen Zornigen – hatte erwidert, der Kredit werde nicht auf Antrag eines Vertreters bewilligt, vielmehr müsse Präsident Ortega schon höchstpersönlich in Gnesta vorstellig werden, sich legitimieren und seine Kreditwürdigkeit nachweisen.

Kreditwürdigkeit? Wie würdig war wohl der Bankdirektor selbst, der seiner einzigen Tochter auf diese Art die kalte Schulter zeigte?

Daher die Demonstration. Die jedoch nur begrenzten Erfolg hatte, weil das Publikum einzig aus dem Vater des Mädchens bestand, der in der Tür zu seiner Bank stand, zwei abgerissenen Männern auf einer Parkbank, die darauf warteten, dass es endlich zehn Uhr schlug und das Spirituosengeschäft aufmachte – und Holger 1, der ins Zentrum musste, um Pflaster und Desinfektionsmittel zu kaufen. Er hatte sich nämlich bei dem Versuch, ein Loch im Boden der Wohnung zu reparieren, mit dem Hammer auf den Daumen gehauen.

Was der Vater des Mädchens dachte, war leicht zu erraten. Die zwei abgerissenen Männer fantasierten vor allem darüber, was man für eine halbe Million im Spirituosengeschäft bekommen könnte (der kühnere der beiden tippte auf hundert Flaschen Explorer-Wodka) – während Holger 1 von der Erscheinung des Mädchens schier geblendet war. Sie kämpfte für einen Präsidenten, der seinerseits heftigen Wind von vorn hatte, um es mal milde auszudrücken, denn er hatte sich mit den USA und dem größten Teil der Welt überworfen.

Als das Mädchen fertig demonstriert hatte, stellte er sich vor und erzählte von seinem Traum, den schwedischen König abzusetzen. Innerhalb von fünf Minuten war ihnen klar, dass sie füreinander geschaffen waren. Das Mädchen ging zu seinem unglückseligen Vater, der immer noch in der Tür zur Bank stand, und erklärte ihm, er könne sich zum Teufel scheren, denn sie ziehe jetzt ein bei … äh, wie hieß er überhaupt? Holger!

Nummer zwei wurde aus der gemeinsamen Wohnung geworfen und musste sich eine eigene Bleibe in der noch heruntergekommeneren Wohnung gegenüber einrichten. Und unterdessen ging das Leben weiter seinen unguten Gang.

Eines Tages musste er mit einer Lieferung zum Flüchtlingslager in Upplands Väsby, nördlich von Stockholm. Holger 2 fuhr aufs Gelände, parkte vor dem Lager des Heims, sah eine Schwarze, die offenbar ganz neu angekommen war, allein auf einer Bank sitzen, dachte sich weiter nichts dabei und begann, die bestellten Kissen hineinzutragen. Als er wieder herauskam, wurde er von der Frau angesprochen. Er gab ihr eine höfliche Antwort, woraufhin sie spontan ihrer Verwunderung darüber Ausdruck verlieh, dass es Männer wie ihn überhaupt gab.

Dieser Kommentar traf ihn mitten ins Herz, und er konnte sich seine Antwort nicht verkneifen, die da lautete:

»Das Problem ist, dass es mich ja gar nicht gibt

Wenn er gewusst hätte, was danach kam, wäre er vielleicht eher davongelaufen.