4. KAPITEL
Von einem barmherzigen Samariter, einem Fahrraddieb und einer immer nikotinsüchtigeren Hausfrau
Nachdem er Henriettas Geld ausgegeben hatte, bekam Ingmar fast den ganzen Rückweg von Nizza nach Södertälje nichts in den Magen. Doch in Malmö traf der schmutzige, ausgehungerte Postbeamte auf einen Soldaten der Heilsarmee, der nach einem langen Tag im Dienste des Herrn auf dem Nachhauseweg war. Ingmar fragte ihn, ob er ein Stückchen Brot entbehren könnte.
Der Heilsarmist ließ sich sofort vom Geist der Liebe und des Mitleids ergreifen, und das so gründlich, dass er Ingmar mit zu sich nach Hause nahm.
Dort lud er seinen Gast zu Rübenmus mit Speck ein und richtete ihm anschließend das eigene Bett, um selbst auf dem Boden vor dem Herd zu schlafen. Ingmar gähnte und meinte, die Freundlichkeit des Soldaten beeindrucke ihn zutiefst. Woraufhin der Mann erwiderte, die Erklärung für seine Taten finde sich in der Bibel, nicht zuletzt im Lukasevangelium, in dem die Geschichte vom barmherzigen Samariter zu lesen stand. Er fragte Ingmar, ob er ihm ein paar Zeilen aus der Heiligen Schrift vorlesen dürfe.
»Natürlich darf er das«, sagte Ingmar, »aber bitte leise, denn ich muss schlafen.«
Und dann schlummerte er ein. Und wachte am nächsten Morgen vom Geruch frischer Brötchen auf.
Nach dem Frühstück bedankte er sich beim barmherzigen Soldaten, verabschiedete sich und stahl ihm dann das Fahrrad. Während er davonstrampelte, überlegte er, ob nicht auch in der Bibel stand, dass Not kein Gebot kennt. Ganz sicher war er sich allerdings nicht.
Das Diebesgut veräußerte er jedenfalls in Lund und kaufte sich vom Erlös eine Zugfahrkarte bis nach Hause.
Im Haus traf er auf Henrietta. Bevor sie den Mund aufmachen konnte, um ihn willkommen zu heißen, teilte er ihr mit, dass jetzt der Zeitpunkt zum Kindermachen gekommen sei.
Henrietta hatte eigentlich eine ganze Reihe Fragen, nicht zuletzt die, warum Ingmar plötzlich ohne den verdammten Karton mit amerikanischen Soldatenkondomen mit ihr zwischen die Laken schlüpfen wollte. Aber sie war natürlich nicht dumm und ergriff die Gelegenheit. Sie bat ihren Mann nur, vorher zu duschen, denn er roch fast genauso übel, wie er aussah.
Das allererste kondomlose Abenteuer des Paares dauerte vier Minuten. Dann war Ingmar fertig. Doch Henrietta war trotzdem zufrieden. Ihr geliebter Trottel war wieder zu Hause, und er hatte tatsächlich die Kondome in den Mülleimer geworfen, bevor sie miteinander ins Bett gingen. Sollte das etwa gar bedeuten, dass der ganze Unfug jetzt endlich ein Ende haben würde? Und dass sie vielleicht bald mit einem kleinen Baby gesegnet sein würden?
Fünfzehn Stunden später wachte Ingmar wieder auf. Zunächst erzählte er, dass er den König unten in Nizza tatsächlich getroffen hatte. Beziehungsweise eigentlich umgekehrt. Der König hatte ihn getroffen. Mit einem Spazierstock am Kopf.
»Na so was aber auch!«, sagte Henrietta.
Ja, das konnte man wohl sagen. Aber trotzdem war Ingmar dem König nur dankbar. Denn der hatte ihm die Augen geöffnet. Und ihm klargemacht, dass die Monarchie eine Erfindung des Teufels war, die ausgerottet werden musste.
»Eine Erfindung des Teufels?«, wiederholte seine Frau verblüfft.
»Die ausgerottet werden muss.« Doch dazu waren sowohl Geduld als auch List vonnöten. Dass Ingmar und Henrietta ein Kind bekamen, gehörte auch zum Plan. Übrigens würde er Holger heißen.
»Wer?«, fragte Henrietta.
»Unser Sohn, wer denn sonst?«
Henrietta, die sich ihr ganzes Leben lang insgeheim eine Elsa gewünscht hatte, gab zu bedenken, dass es genauso gut eine Tochter werden konnte, wenn sie denn überhaupt ein Kind kriegten. Doch darauf bekam sie nur zu hören, sie solle gefälligst nicht so negativ sein. Wenn sie Ingmar stattdessen ein bisschen Essen machte, versprach er ihr zu erzählen, wie die Zukunft aussehen sollte.
Henrietta fügte sich seinem Wunsch. Sie briet Fleischreste mit Kartoffeln und servierte dazu rote Bete und Ei.
Während er aß, berichtete Ingmar detaillierter von seiner Begegnung mit Gustaf V. Zum ersten – aber bei Weitem nicht letzten – Mal erzählte er vom »Laufburschen« und »Flegel«. Und zum zweiten – aber bei Weitem nicht letzten – Mal von dem silbernen Spazierstock, der ihn an der Stirn getroffen hatte.
»Und deswegen soll jetzt die Monarchie ausgerottet werden?«, fragte Henrietta. »Mit Geduld und List? Und wie genau soll das deiner Meinung nach aussehen?«
Was sie nicht aussprach, sich aber im Stillen dachte, war, dass Geduld und List rückblickend betrachtet keine besonders ausgeprägten Eigenschaften ihres Ehegatten waren.
Ja, Geduld sei eben erforderlich, weil Henrietta und er zwar am Vortag ein Kind gemacht hatten, es aber doch noch ein paar Monate dauerte, bis es endlich da war, wenn er da richtig informiert war. Und dann noch mal mehrere Jahre, bis Holger alt genug war, um die Nachfolge seines Vaters anzutreten.
»Was denn für eine Nachfolge?«, fragte Henrietta.
»In meinem Kampf, liebe Henrietta. In meinem Kampf.«
Ingmar hatte bei seiner Fahrt per Anhalter quer durch Europa genug Zeit zum Nachdenken gehabt. Die Monarchie auszulöschen würde nicht einfach werden. Das war wohl eher ein Projekt auf Lebenszeit. Und da kam eben Holger ins Spiel, denn wenn Ingmar abtreten musste, bevor der Kampf gewonnen war, musste sein Sohn in seine Fußstapfen treten.
»Warum eigentlich ausgerechnet Holger?«, fragte Henrietta, die in diesem Moment noch viel mehr hätte fragen können.
Tja, eigentlich konnte der Junge heißen, wie er wollte, denn wichtig war nicht der Name, sondern der Kampf. Doch es wäre unpraktisch, ihm keinen Namen zu geben. Erst hatte Ingmar an Wilhelm gedacht, nach dem berühmten Schriftsteller und Republikaner Vilhelm Moberg, aber dann war ihm eingefallen, dass einer der Söhne des Königs genauso hieß, der Prinz und Herzog von Södermanland.
Stattdessen war er, beginnend bei A, alle Namen durchgegangen, die ihm so einfielen, und als er auf seiner Fahrradtour von Malmö nach Lund bei H angekommen war, musste er an den Soldaten der Heilsarmee denken, den er tags zuvor getroffen hatte. Der hieß eben Holger und hatte wahrlich ein gutes Herz, auch wenn er seine Reifen wirklich nachlässig aufgepumpt hatte. Die Ehrenhaftigkeit und Großzügigkeit, die Holger ihm gegenüber an den Tag gelegt hatte, war wirklich bemerkenswert gewesen. Außerdem konnte sich Ingmar nicht entsinnen, dass es auf der Welt einen einzigen Adligen dieses Namens gab. Holger war so weit entfernt vom Adelskalender, wie es die Situation verlangte.
Damit war Henrietta also so ungefähr im Bilde. Der flammendste Monarchist Schwedens wollte sein Leben nun also dem Vorhaben weihen, das Königshaus in den Staub zu stürzen. Er wollte seiner Berufung bis in den Tod folgen und vorher dafür Sorge tragen, dass seine Nachkommen bereit waren, wenn ihm die Stunde schlug. Alles das zusammengenommen machte ihn zu einem sowohl listigen als auch geduldigen Menschen.
»Nicht meine Nachkommen«, korrigierte Ingmar. »Mein Nachkomme. Er soll Holger heißen.«
* * * *
Wie sich herausstellte, war Holger nicht annähernd so eifrig wie sein Vater. In den nächsten vierzehn Jahren widmete Ingmar sich im Wesentlichen zwei Dingen:
1. Alles über Unfruchtbarkeit zu lesen, was er in die Finger bekam, und
2. den König als Staatsmann und Person umfassend und unkonventionell zu schmähen.
Daneben vernachlässigte er seine Arbeit als Beamter auf dem rangniedrigsten Posten in der Post von Södertälje nicht mehr, als sein Vorgesetzter zur Not noch tolerieren konnte, und entging auf diese Art einer Kündigung.
Nachdem er die ganze Stadtbibliothek von Södertälje durchgeackert hatte, fuhr Ingmar regelmäßig nach Stockholm in die Königliche Bibliothek. Ein verabscheuungswürdiger Name, aber dort hatten sie Bücher bis zum Horizont.
Ingmar lernte alles, was es über Störungen des Eisprungs, Chromosomenabweichungen und gestörte Spermienproduktion zu wissen gab. Als er tiefer im Archiv grub, fand er auch Informationen, deren wissenschaftlicher Wert eher fragwürdig war.
So kam es zum Beispiel, dass er an manchen Tagen mit nacktem Unterkörper herumlief, von seiner Heimkehr von der Arbeit (gewöhnlich eine Viertelstunde vor Dienstschluss) bis zu dem Moment, wo es Zeit wurde, ins Bett zu gehen. Auf diese Art hielt er seine Hoden kühl, und das konnte der Schwimmfähigkeit der Spermien nur zugutekommen, wie Ingmar gelesen hatte.
»Könntest du wohl die Suppe umrühren, während ich die Wäsche aufhänge, Ingmar?«, sagte Henrietta vielleicht einmal.
»Nein, da kommen meine Hoden zu nahe an den Herd«, antwortete Ingmar.
Henrietta liebte ihren Mann noch immer, weil er so voller Leben war, aber zum Ausgleich brauchte sie hie und da eine John Silver mehr. Und noch eine. Übrigens brauchte sie noch eine Zigarette mehr an dem Tag, als Ingmar sich nützlich machen wollte und Sahne kaufen ging. Aus purer Vergesslichkeit unten ohne.
Ansonsten war er eher verrückt als vergesslich. Zum Beispiel hatte er gelernt, wann mit Henriettas Monatsblutung zu rechnen war. So konnte er an aussichtslosen Tagen wegfahren, um seinem Staatsoberhaupt das Leben schwer zu machen. Und das tat er dann auch. Im Großen wie im Kleinen.
Unter anderem gelang es ihm, Seine Majestät an dessen neunzigstem Geburtstag, dem 16. Juni 1948, zu ehren, indem er genau im richtigen Augenblick ein dreizehn Meter breites Transparent direkt über der Kungsgatan und dem königlichen Gefolge entrollte, auf dem stand: »Verrecke, alter Bock, verrecke!« Gustaf V. sah zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich schlecht, aber diese Aufschrift hätte ein Blinder lesen können. Wie Dagens Nyheter am nächsten Tag berichtete, hatte der König gesagt: »Der Schuldige soll gefasst und mir vorgeführt werden!«
Jetzt auf einmal.
Nach seinem Erfolg auf der Kungsgatan hielt sich Ingmar bis zum Oktober 1950 relativ bedeckt. Da heuerte er einen ahnungslosen jungen Tenor der Stockholmer Oper an, damit er sich vor Schloss Drottningholm stellte und unter dem Fenster des Zimmers, in dem der König im Sterben lag, das Lied »Bye-bye, Baby« sang. Der Tenor wurde von den Leuten verprügelt, die sich ebenfalls dort versammelt hatten, während Ingmar, der sich in den Gebüschen der Umgebung von früheren Gelegenheiten her gut auskannte, entkommen konnte. Der misshandelte Tenor schrieb ihm einen erbosten Brief und verlangte nicht nur die vereinbarte Bezahlung von zweihundert Kronen, sondern weitere fünfhundert Schmerzensgeld. Doch da Ingmar ihm einen falschen Namen und eine noch falschere Adresse gegeben hatte, verhallte diese Forderung ungehört, alldieweil der Chef der Müllabfuhr von Lövsta den Brief las, zusammenknüllte und in Verbrennungsofen 2 warf.
1955 folgte Ingmar dem neuen König durchs Land, ohne dass ihm irgendein neuer Coup gelingen wollte. Fast wäre er verzweifelt, und er dachte sich, dass gröbere Maßnahmen gefragt waren als bloße Meinungsbildung. Der König saß ja fester denn je auf dem Thron mit seinem fetten Arsch.
»Kannst du es denn nicht gut sein lassen?«, fragte Henrietta.
»Jetzt bist du schon wieder so negativ, meine Liebe. Ich habe gehört, dass man positiv denken muss, wenn man Kinder kriegen will. Außerdem habe ich gelesen, dass du kein Quecksilber trinken solltest, weil das einer entstehenden Schwangerschaft schadet.«
»Quecksilber?«, wunderte sich Henrietta. »Warum um Himmels willen sollte ich denn plötzlich Quecksilber trinken?«
»Aber das sag ich doch die ganze Zeit! Und du solltest auch kein Soja essen.«
»Soja? Was ist das denn?«
»Keine Ahnung. Aber iss es nicht.«
Im August 1960 hatte Ingmar wieder eine neue Idee, wie sie schwanger werden könnte, und wieder war es etwas, was er gelesen hatte.
»Also, wenn du Kopfstand machst, während wir … es tun … dann können die Spermien leichter …«
»Kopfstand?«
Henrietta fragte ihren Mann, ob er noch alle Tassen im Schrank habe, und noch während sie es aussprach, ging ihr auf, dass ihr genau dieser Verdacht durchaus schon vorher gekommen war. Aber egal. Es würde ja doch nichts draus werden. Sie hatte resigniert.
Umso überraschender war, dass die bizarre Stellung die Sache unterhaltsamer machte, als sie seit Langem gewesen war. Beide begleiteten das Abenteuer mit freudigen Ausrufen. Henrietta machte sogar einen Vorschlag, als sie entdeckte, dass Ingmar nicht sofort eingeschlafen war:
»Das war gar nicht so blöd, mein Schatz. Wollen wir es noch mal versuchen?«
Ingmar, der sich selbst wunderte, dass er noch wach war, erwog Henriettas Worte und antwortete:
»Verdammt – ja!«
Ob es beim ersten oder beim zweiten Durchgang geschah, war im Nachhinein nicht festzustellen, aber nach dreizehn Jahren fruchtloser Bemühungen wurde Henrietta endlich schwanger.
»Holger, mein Holger, endlich bist du unterwegs!«, jubelte Ingmar den Bauch an, als er es erfuhr.
Henrietta, die genug über Blumen und Bienen wusste, um eine Elsa nicht ganz auszuschließen, ging daraufhin in die Küche, um sich eine Zigarette anzuzünden.
* * * *
In den folgenden Monaten schaltete Ingmar einen Gang hoch. Jeden Abend las er vor Henriettas wachsendem Bauch laut aus Vilhelm Mobergs Deswegen bin ich Republikaner vor. Beim Frühstück plauderte er jeden Morgen durch den Nabel seiner Frau mit Holger über die republikanischen Gedanken, die ihn gerade erfüllten. Nicht selten wurde Martin Luther angegriffen, der die Meinung vertreten hatte, »wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsere Eltern und Herren nicht verachten noch erzürnen«.
Es steckten mindestens zwei Fehler in Luthers Argumentation. Erstens war Gott nicht vom Volk gewählt. Und man konnte ihn auch nicht absetzen. Natürlich konnte man konvertieren, wenn man wollte, aber die Götter schienen letztlich ja doch alle vom selben Schrot und Korn zu sein.
Zweitens musste man sich fragen, wer diese Herren denn wohl sein sollten und warum wir sie nicht erzürnen sollten.
Henrietta mischte sich selten in Ingmars Monologe vor ihrem Bauch, doch ab und zu musste sie ihn unterbrechen, weil sonst das Essen auf dem Herd angebrannt wäre.
»Warte, ich bin noch nicht fertig«, sagte Ingmar dann manchmal.
»Die Grütze aber schon«, antwortete Henrietta. »Du und mein Nabel müsst euch morgen weiter unterhalten, wenn du nicht willst, dass das Haus in Flammen aufgeht.«
Dann war es so weit. Einen ganzen Monat zu früh. Als das Fruchtwasser abging, war Ingmar glücklicherweise gerade von seiner Arbeit im verfluchten viel zu königlichen Postamt heimgekommen, wo er sich unter Androhung von Repressalien zu guter Letzt doch das Versprechen hatte abringen lassen, Gustav VI. Adolfs Konterfei nicht mehr auf sämtlichen Briefmarken, die ihm in die Finger kamen, mit Hörnern zu versehen. Und dann ging es ganz schnell. Henrietta schleppte sich zum Bett, während sich Ingmar beim Versuch, die Hebamme anzurufen, derart in der Telefonschnur verhedderte, dass er die ganze Buchse aus der Wand riss. Er stand immer noch fluchend auf der Schwelle zur Küche, als Henrietta nebenan ihr gemeinsames Kind gebar.
»Wenn du fertig geflucht hast, kannst du gern reinkommen«, keuchte sie. »Aber nimm eine Schere mit, du musst hier nämlich eine Nabelschnur durchschneiden.«
Eine Schere fand Ingmar zwar nicht (in der Küche kannte er sich nicht so gut aus), aber dafür eine Kneifzange aus dem Werkzeugkasten.
»Junge oder Mädchen?«, fragte die Mutter.
Der Form halber warf Ingmar einen Blick auf die Stelle, wo die Antwort auf diese Frage zu finden war, dann sagte er:
»Klar ist das ein Holger.«
Gerade wollte er seine Frau auf den Mund küssen, da sagte sie:
»Au! Ich glaube, da kommt noch eins.«
Der frischgebackene Vater war verwirrt. Erst hätte er beinahe die Geburt seines Sohnes miterlebt, wenn er sich nicht im Flur im Kabel verheddert hätte. Und wenige Minuten später kam – noch ein Sohn!
Ingmar konnte es nicht gleich verarbeiten, denn Henrietta erteilte ihm nun mit schwacher, aber bestimmter Stimme eine ganze Reihe von Anweisungen, was er zu tun hatte, um das Leben von Mutter und Kind nicht zu gefährden.
Aber dann hatten sich die Dinge beruhigt, alles war gut gegangen, abgesehen davon, dass Ingmar nun plötzlich mit zwei Söhnen auf dem Schoß dasaß, wo er doch ganz klar gesagt hatte, dass es nur einer werden sollte. Sie hätten es an jenem Abend eben nicht zweimal machen sollen – jetzt hatten sie den Salat.
Henrietta bat ihren Mann, keinen Blödsinn zu reden, und betrachtete ihre zwei Söhne, erst den einen, dann den anderen. Und dann sagte sie:
»Ich finde, es sieht so aus, als wäre der Linke Holger.«
»Ja«, murmelte Ingmar. »Oder der Rechte.«
Man hätte die Frage so entscheiden können, dass es natürlich der Erstgeborene sein musste, doch in der allgemeinen Aufregung mit dem Mutterkuchen und dem ganzen Drum und Dran hatte Ingmar Nummer eins und Nummer zwei verwechselt, und jetzt wusste er gar nicht mehr, wer wer war.
»Verdammich!«, sagte er und wurde sofort von seiner Frau zurechtgewiesen.
Schimpfwörter sollten nicht das Erste sein, was ihre Söhne zu hören bekamen, nur weil es zufällig einer zuviel geworden war.
Ingmar verstummte. Er überdachte die Situation noch einmal und fasste einen Entschluss.
»Das ist Holger«, sagte er und deutete auf das rechte Kind.
»Aha«, sagte Henrietta. »Und wer ist dann der andere?«
»Das ist auch Holger.«
»Holger und Holger?« Henrietta überkam die jähe Lust auf eine Zigarette. »Bist du ganz sicher, Ingmar?«
Und ob er das war.