IM MAI 1942, EIN JAHRVOR IHREM TOD, schreibt Simone Weil in einem Brief an ihren geistlichen Freund Pater Perrin über ein Schlüsselerlebnis aus ihrer Jugend: »Mit vierzehn Jahren verfiel ich eine jener grundlosen Verzweiflungen des Jugendalters, und ich wünschte ernstlich zu sterben, wegen der Mittelmäßigkeit meiner natürlichen Fähigkeiten ... Nicht dies schmerzte mich, dass ich auf äußerliche Erfolge verzichten sollte, sondern dass ich niemals hoffen durfte, den Zugang zu jenem transzendenten Reich zu finden, zu dem einzig die echten großen Menschen Zutritt haben und in dem die Wahrheit wohnt. Ich wollte lieber sterben, als ohne sie zu leben. Nach Monaten innerer Verfinsterung empfing ich plötzlich und für immer die Gewissheit, dass jedes beliebige menschliche Wesen, selbst wenn es so gut wie keine natürlichen Fähigkeiten besitzt, in dieses dem Genie vorbehaltene Reich der Wahrheit eindringt, sobald es nur die Wahrheit begehrt und seine Aufmerksamkeit in unaufhörlicher Bemühung auf die Erreichung gerichtet hält.«1

Zwischen diesem Erlebnis und den Zeilen an Pater Perrin liegt in der Tat eine lange Zeit unaufhörlicher Wahrheitssuche. Dass Simone Weil in eine solch tiefe Verzweiflung geraten konnte, ist bezeichnend für ihr Wesen. Entweder–oder. Das könnte man als Motto über ihr Leben setzen. Entweder die Wahrheit oder der Tod.

 

Simone Weils Stammbaum lässt sich nicht sehr weit zurückverfolgen. Ihr Großvater väterlicherseits war Kaufmann in Straßburg. In dieser zauberhaften elsässischen Stadt mit dem prächtigen Münster kam auch der Vater, Bernard Weil, zur Welt. Seine Eltern waren streng religiös ausgerichtet, ganz im Gegensatz zu den Eltern von Simones Mutter, Salomea Weil. Salomea, die Tochter von künstlerisch veranlagten Freidenkern, die ihr Judentum nie besonders ernst nahmen, kam aus Rostow am Don. Sie war sehr musikalisch, aber vor allem praktisch begabt. Seit 1902 lebte sie in Paris, wo sie auch ihren späteren Mann kennenlernte. Was genau Salomea gemacht hat, ob sie eine spezielle Ausbildung erhielt, ist aus den spärlichen Quellen nicht zu erschließen. Bernard jedoch wählte die medizinische Fakultät der Universität und wurde Arzt. 1905 heirateten die beiden.

Bernard und Salomea haben bereits einen drei Jahre alten Sohn, als Simone am 3. Februar 1909 in Paris geboren wird. Sie ist eine Frühgeburt und während der ersten Monate ihres Lebens kränklich. Als überaus anmutig und »liebreizend« wird sie beschrieben, darüber hinaus erfahren wir über ihre Kindheit nur wenig.

Die Eltern sind sensible, warmherzige Menschen und führen eine harmonische Ehe, in der es wenig Streit gibt. Da die Religion für sie keine große Rolle spielt, bleibt ihren Kindern das Judentum fremd. Dass den Eltern der Zusammenhalt in der Familie wichtig ist, beweist das Verhalten des Vaters während des Ersten Weltkriegs: Er wird eingezogen und nimmt seine Frau und die Kinder von Garnison zu Garnison mit. Hier liegt einer der Gründe, warum die Geschwister eine sehr enge Beziehung zueinander entwickeln. Sie sind die meiste Zeit zusammen, André bringt seiner Schwester sogar das Lesen bei, was seinen Vater freudig überrascht. Außerdem lernt Simone durch ihren Bruder viele Märchen und Sagen kennen. Die Märchen wirken sich sehr prägend auf ihre Lebensanschauung aus. Besonders hat es ihr Frau Holle angetan. Dass jemand, der Bescheidenheit übt und hart arbeitet, umso reicher beschenkt wird, gibt der Vorstellungskraft des Mädchens reiche Nahrung.

Die Bilderwelt der Märchen beeinflusst die Entwicklung Simone Weils nachdrücklich. Vor allem der Kampf zwischen Gut und Böse beeindruckt sie. Das Gute und die Frage nach dem richtigen Weg, um ein guter Mensch zu werden, werden später die Hauptthemen ihres Philosophierens sein.

Von der dreijährigen Simone wird erzählt, sie habe, als ihr eine Cousine einen Ring schenken wollte, geantwortet: »Ich mag keinen Luxus.«2 Normalerweise wünschen sich Kinder mit drei Jahren mehr, als sie bekommen können, und denken nicht daran, freiwillig auf etwas zu verzichten. Simone Weil ist eine Ausnahmeerscheinung, das ist schon frühzeitig zu erkennen.

Gemeinsam mit ihrem Bruder betritt sie aber nicht nur die Welt der Märchen, sondern auch die der Mathematik und der Naturwissenschaften. Diese Hobbys bleiben für die Kinder nicht ohne Folgen: Die intensive Beschäftigung mit der Biologie bewirkt, dass beide zum Beispiel eine riesige Angst vor Bakterien entwickeln. André wäscht sich ständig die Hände und öffnet und schließt die Türen mit dem Ellenbogen, um nicht mit Bakterien in Kontakt zu kommen. Simone wehrt sich gegen Umarmungen und gegen manche Speisen. Hier gibt es bereits Hinweise auf einen Charakterzug, den sie nie ablegen wird: den Wunsch, »rein« zu sein, alles zu verneinen, was beschmutzt und ihren strengen moralischen Vorstellungen widerspricht.

Durch diese für ein Kind bereits sehr hohe Reflexionsebene ist Simone Weil vorbereitet auf die Krise, in die sie in der Pubertät stürzt. Vielleicht kann man ja im Leben jedes Philosophen und jeder Philosophin ein Erlebnis ausmachen, das als Initialzündung wirkt. René Descartes zum Beispiel erzählt von drei Träumen, die ihn eines Nachts heimsuchten und ihm Hinweise gaben darauf, was denkerisch auf ihn zukommen würde.

So etwas Ähnliches erlebt Simone Weil im Alter von vierzehn Jahren. Die Frage nach dem Sinn ihres Lebens und des Lebens überhaupt lässt sie nicht mehr los. Ihre ganze Person, Denken und Emotionalität, werden in den Strudel dieser existenziellen Fragen hineingezogen. Nichts anderes mehr kann Simone Weil interessieren und nichts kann sie aus diesem Zustand befreien. Es ist finster in ihrem Inneren und sie hat keine Ahnung von einer Lösung ihres Problems. Aber sie wäre nicht Simone Weil, würde sie nicht verbissen daran arbeiten. So ist sie eben, ernster und disziplinierter als die meisten ihrer Altersgenossinnen. Nicht umsonst ist neben der Philosophie die Mathematik zeitlebens ihr zweites Lieblingsfach. Auch hier ist zähes Durchhaltevermögen gefragt. Manchmal aber kann es sein, dass sich die Lösung unvermittelt, wie ein Blitz, einstellt. Genau so erlebt es Simone Weil: Plötzlich, nach langen Monaten ernsthaften und verzweifelten Ringens ist ihr klar, dass ihr nur eine Möglichkeit bleibt: Sie muss sich einfach auf den Weg machen in der Gewissheit, dass die konsequente Suche irgendwann belohnt werden wird. Diese Gewissheit ist ihr klar und deutlich aufgegangen wie Descartes’ cogito ergo sum (Ich denke, also bin ich). Wie für diesen Denker gilt für Simone Weil: Alles, was erkannt wird, muss klar und deutlich vor dem geistigen Auge liegen. Die Vorbildfunktion der Mathematik ist eindeutig.

Simone Weil ist eine sehr gute Schülerin, wenn es um intellektuelle Leistungen geht. Probleme bereiten ihr Handarbeit oder bildende Kunst. Diese Fähigkeiten werden auch zu Hause nicht gefördert. Alles Phantasievolle, Spielerische kommt zu kurz. Als sie klein war, hatte sie fast keine Spielsachen, auch keine Puppe.

Den ersten Teil der Bakkalaureatsprüfung in Griechisch und Latein legt sie bereits mit fünfzehn Jahren ab. Danach wechselt Simone Weil das Gymnasium und geht aufs Lycée Victor Duruy, wo sie trotz ihrer großen Begabung für Mathematik als Hauptfach Philosophie wählt. Sie hält die Fähigkeit zum mathematischen Denken für eine völlig natürliche Sache, die jedem Menschen in die Wiege gelegt wird. Sie kann es nicht nachvollziehen, wenn jemand in Mathematik keine guten Leistungen erbringt. Und so stürzt sie sich auf das in ihren Augen viel Anstrengendere, die für sie größere geistige Herausforderung, und das ist die Philosophie.

In ihrem Auftreten ist Weil zu dieser Zeit extrem eigenwillig. Sie gibt sich unangepasst, provozierend, bezeichnet sich als Atheistin und fühlt sich sozialrevolutionären Kreisen zugehörig. Ihr äußeres Erscheinungsbild ist relativ ungepflegt, auf »Pariser Chic« legt sie wie auch in der späteren Zeit keinerlei Wert. Die Gleichaltrigen haben es nicht leicht mit ihr. Man muss eine ganze Weile graben, bis man zu dem weichen Kern in ihrem Inneren vorstößt. Simone Weil hat im Umgang etwas Starres, ihre hohen Ansprüche wirken oftmals eher abstoßend als anziehend. »Sie konnte nicht anders, als sofort voll und ganz Partei ergreifen und ihre Ideen augenblicklich in die Tat umsetzen, so wie sie keinen wie auch immer gearteten Kompromiss duldete. Ihre Kameraden, denen das nicht entgangen war, nannten sie deshalb den ›kategorischen Imperativ im Unterrock‹.«3 Der ›kategorische Imperativ‹ stammt von Immanuel Kant und beinhaltet die Forderung, immer so zu handeln, dass das eigene Handeln als Gesetz für alle anderen Menschen gelten könnte.

Nur wer Simone Weil besser kennt, weiß um ihr sensibles Innenleben. Sie gibt sich nie einfach einem Gefühl hin. Gefühle haben für sie etwas von Egoismus und Passivität an sich. Leben bedeutet in ihren Augen jedoch, aktiv zu sein, etwas erreichen zu wollen sowohl im Denken als auch im Handeln. Was Freundschaften betrifft, so bleibt sie gerne auf Abstand. Sie ist der Meinung, dass man nie mit einem anderen eine Einheit bilden könne und somit Distanz das prägende Element jeder Beziehung sein sollte.

Es ist völlig klar, dass eine solche Haltung die jungen Leute in ihrer Umgebung nicht gerade ermuntert, den Kontakt zu ihr zu suchen. Dennoch finden sich immer wieder Gleichgesinnte, mit denen Weil rauchend und diskutierend in Cafés sitzt. Besonders angetan hat es ihr ein Student namens Pierre Letellier. Er vertritt das gleiche Lebensideal wie sie, möchte Philosoph sein und Arbeiter, Intellektueller und Proletarier. Weil freundet sich auch mit einer Frau an, die das ganze Leben zu ihr stehen und später eine Biografie über sie schreiben wird: Simone Pètrement. Stärker noch als zu Gleichaltrigen fühlt sie sich jedoch zu Personen hingezogen, die älter sind und von denen man ihrer Meinung nach viel lernen kann.

Im Oktober 1925 begegnet die inzwischen sechzehnjährige Simone Weil einem Mann, der sie philosophisch maßgeblich beeinflusst: Émile Chartier, genannt Alain. Er ist Gymnasialprofessor und sein Hauptgebiet ist die Religionsphilosophie. Hochinteressant und ungewöhnlich sind vor allem seine Thesen zum Atheismus, zu dem sich ja auch Weil bekennt. Für Alain bedeutet der Atheismus einen Weg zu Gott. Der Mensch, der Gott leugne, könne ihm näher sein als derjenige, der einen festen Begriff von ihm habe. Die Religion dürfe nie ein Trost sein. Sie sei der Weg zum höchsten Gut. Der Gedanke, dass Gott nicht Nähe, sondern Ferne bedeute, muss einer wie Simone Weil einleuchten. »Um zu Gott zu gelangen ... müssen wir durch die unendliche Dichte von Raum und Zeit hindurch. Die Liebe ist hierbei womöglich noch größer. Sie ist so groß wie der Abstand, der zu überwinden ist.«4 Anstrengung ist erforderlich, um einen Bezug zu Gott herzustellen. Hier ist Simone Weil denkerisch zu Hause, der philosophische Ansatz Alains bietet ihr Stoff zum Weiterdenken. Seine Thesen wirken auch deshalb so nachhaltig, weil sie ihn persönlich kennenlernen kann. Hier tritt ihr die Philosophie sozusagen leibhaftig entgegen, nicht aus grauen, trockenen Büchern. Tagtäglich erlebt sie Alain im Unterricht und bekommt von ihm Sonderaufgaben gestellt. Dieser Lehrer erkennt die große Begabung seiner Schülerin und lässt sie vor allem Aufsätze schreiben. Er ist der Überzeugung, dass durch das schriftliche Formulieren das Denken geschult werde. Zum ersten Mal wird Weil bei Alain auch mit sozialistischen und gewerkschaftlichen Ideen bekannt gemacht. Er lehrt sie, dass die Ursachen der Unterdrückung nicht durch zu einfache Lösungen beseitigt werden können.

Alain mag die Entscheidung Simone Weils, Lehrerin zu werden, nicht unwesentlich beeinflusst haben. Von 1928 bis 1931 besucht sie die École Normale Supérieure, eine staatliche Ausbildungsanstalt für zukünftige Lehrer. Gleichzeitig hört sie Vorlesungen an der Universität, wo sie auch Simone de Beauvoir begegnet, auf die sie einen großen Eindruck macht. In ihren Memoiren schreibt die Philosophin und Schriftstellerin Beauvoir: »Sie interessierte mich wegen des großen Rufes der Gescheitheit, den sie genoss, und wegen ihrer bizarren Aufmachung; auf dem Hof der Sorbonne zog sie immer von einer Schar alter Alainschüler umgeben herum. Eine große Hungersnot hatte China heimgesucht, und man hatte mir erzählt, dass sie bei Bekanntgabe dieser Nachricht in Schluchzen ausgebrochen sei; diese Tränen zwangen mir noch mehr Achtung für sie ab als ihre Begabung für Philosophie. Ich beneidete sie um ein Herz, das imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen.«5

Simone Weil ist eine Radikale, das fällt auch den anderen auf. Dennoch möchte sie nicht totale Außenseiterin, sondern auch ein wenig wie ihre Mitstudentinnen sein und tritt deshalb in eine Rugby-Mannschaft ein. »Man konnte sie vom Spielplatz zurückkommen sehen, über und über mit Schmutz bedeckt, voll blauer Flecken und von einer Verzweiflung besessen, über die ihr exzentrisches Benehmen kaum hinwegtäuschen konnte. Für ihre schwächliche Gesundheit hatte sie nur hochmütige Verachtung.«6 Bei einem Spiel erkältet sie sich so stark, dass eine chronische Stirnhöhlenvereiterung zurückbleibt. Weil, die schon immer zu Kopfschmerzen neigt, erfährt in den kommenden Jahren eine solche Verschlimmerung dieses Übels, dass die Schmerzen manchmal bis an die Grenze des Erträglichen heranreichen. In solch akuten Zuständen kann es sein, dass sie den Wunsch verspürt, die Leute in ihrer Umgebung genau an der Stelle zu schlagen, wo bei ihr der Schmerz sitzt, um ihnen eine Ahnung von ihrer Qual zu geben.

 

Im Jahr 1931 beginnt Weil mit ihrer Lehrtätigkeit in Le Puy. Ihr Ruf ist nicht der beste, und so schickt man sie in die Provinz, um von dieser Radikalen, dieser vierge rouge (roten Jungfrau), wie sie genannt wird, zunächst einmal Ruhe zu haben. Aber da täuscht man sich gründlich: Weil wird überall, wo sie hinkommt, Möglichkeiten finden, sich politisch zu betätigen. Für sie ist früh schon klar, dass das Denken nicht nur eine Sache der Intellektuellen ist, sondern alle Menschen gleichermaßen angeht, die sogenannten Unterprivilegierten sogar ganz besonders. So nimmt sie in Le Puy sogleich Kontakt auf zu den Gewerkschaften, deren politisches Programm ihr geeignet erscheint, die Lage der Arbeiter zu verbessern.

Ihre Arbeit als Philosophielehrerin nimmt Simone Weil sehr ernst. Dabei geht sie ganz unakademisch vor. Ihre Schülerinnen sollen lernen, eigene Gedanken zu entwickeln und sie schriftlich in kleinen Aufsätzen niederlegen. Für Weil dient die Philosophie nicht nur der Erkenntnis, sondern ganz wesentlich auch der Persönlichkeitsbildung. Aus diesem Grund gibt sie auch Kurse in der Volkshochschule, vor allem für Leute aus dem Arbeitermilieu. Sie ist der Meinung, die Lage der Arbeiter könne sich durch mehr Bildung und ein differenzierteres Denken verändern. Die Kluft zwischen intellektueller und körperlicher Arbeit könnte dadurch verringert werden.

Weils Philosophieschülerinnen schließen jedoch bei der Schlussprüfung nicht sehr erfolgreich ab: Nur zwei bestehen das Abitur. Ihre Lehrerin hat ihnen zu wenig an abfragbarem, klassischem philosophiegeschichtlichen Wissen beigebracht. Trotzdem ist sie bei den Mädchen sehr beliebt. Sie geben ihr die Namen »La Simone« und »Notre mère Weil«, was bei der körperlich so zarten Erscheinung überrascht. Es muss an ihrer starken geistigen Ausstrahlung liegen oder vielleicht das betreffen, was Sokrates meinte, wenn er die Philosophie eine »Hebammenkunst« nannte. Weil hilft ihren Schülerinnen beim »Gebären« eigener Gedanken. Das kann so spannend sein, dass Noten dabei offenbar in den Hintergrund treten. Bei den Eltern allerdings sieht die Reaktion anders aus: Man zeigt sich höchst alarmiert. Verstärkt wird dieses Misstrauen auch durch Weils Benehmen generell: Sie lädt Arbeitslose zu den Schulmahlzeiten ein, sitzt mit ihnen bei Kartenspiel und Rotwein zusammen, gibt sich mit Steinklopfern ab und besucht düstere Lokale. Man hat sie im Visier und eines Tages wird sie beim Rektor vorgeladen. Ihre Arbeitgeber beschließen, die aufmüpfige Person nach Auxerre zu versetzen.

Simone Weil hat es sich schon früh angewöhnt, sehr bescheiden zu leben. Ihre Mutter macht sich Sorgen um ihr körperliches Wohl und begleitet die Tochter zunächst. Sie gibt dem Wirt, in dessen Restaurant Simone Weil isst, zusätzliches Geld, damit er auf besonders nahrhafte Kost achtet. Ihre Tochter lässt sich jedoch nicht darauf ein: Sie begnügt sich weiterhin mit den billigsten Speisen, und der Wirt kann sie nicht davon überzeugen, dass ihr ablehnendes Verhalten keinen Sinn macht, weil das Essen ohnehin schon bezahlt ist.

Eine solch übertrieben scheinende Selbstbescheidung ist schwer zu verstehen. Weil fühlt in sich die Pflicht, sich nichts zu gönnen. Wo will sie hin mit dieser Rigorosität? Was verspricht sie sich davon, wenn sie sich jeden leiblichen Genuss vorenthält? Wer ist diese Frau, die von ihren Schülerinnen verehrt wird, es schafft, andere zum selbstständigen Denken zu bringen, aber gleichzeitig so viele Leute schockiert und gegen sich aufbringt?

Simone Weils Verhältnis zur Schulleiterin und zu ihren Kollegen ist schlecht. Ihr hoher Anspruch verhindert jeden zwanglosen Umgang. Die legitimierten Autoritäten haben große Probleme mit ihr und Weil hat Probleme mit diesen Hierarchien. Bereits in Le Puy hatte sie dem Schulrat auf seine Bemerkung hin, ihre Schülerinnen würden schwerlich das Abitur schaffen, geantwortet, ihr sei das ziemlich egal. In ihren Kursen in Auxerre geht sie auf die gleiche Weise vor wie in Le Puy: Sie ermuntert die Schülerinnen vor allem zum Schreiben. »Das Einzige, was Sie in einem Jahr lernen können, ist, etwas zu schreiben, was einen Sinn hat. Um Philosophen zu werden, fehlt es Ihnen an Zeit.«7

Weil verwendet keine Schulbücher, sondern nimmt Originaltexte, zum Beispiel die Meditationes von Descartes. Dieser Text soll als Anregung für eigene Gedanken dienen. In diesem Werk geht Descartes aus von einem grundsätzlichen Zweifel. Könnte es nicht sein, dass wir uns etwas vormachen und die Welt nichts ist als ein Traum oder eine Täuschung? Vielleicht führt uns ja ein »genius malignus«, ein böser Geist, an der Nase herum. Diese Ideen aus den Meditationes regen Weil an, ihren Schülerinnen ein Aufsatzthema zur Bearbeitung zu geben, das sich mit Descartes’ Thesen auseinandersetzt: »Nur der Zweifel kann helfen.« Ein anderes Mal wählt sie die Politeia von Platon, ein Werk, das den idealen Aufbau des Staates philosophisch zu erörtern versucht. Den Schülerinnen soll der Text als Grundlage dienen für ein genaueres Nachdenken über Gerechtigkeit in Politik und Gesellschaft. »Man soll also lernen und studieren ohne irgendein Verlangen nach guten Noten, nach Examenserfolgen, nach irgendwelchen Schulergebnissen, ohne die geringste Rücksicht auf seine natürlichen Neigungen und Fähigkeiten.«8

Das Lernen gleicht hier fast einer rituellen Handlung. Äußerste Aufmerksamkeit ist gefordert, ein Begriff, dem in Weils Denken eine Schlüsselposition zukommt.

Gleichzeitig arbeitet sie im kommunistischen Flügel der Gewerkschaft für Erziehung mit. Dennoch versucht sie, sich von den Kommunisten nicht restlos vereinnahmen zu lassen. Weil glaubt nicht an eine Lösung der Probleme auf dem Weg eines revolutionären Umsturzes. Ihr scheint es sinnvoller, dass die einzelnen Menschen sich für ihre Sache einsetzen. Eine kritische Bewusstseinshaltung erscheint ihr vorrangig, nicht purer Aktionismus.

Von Weils zwölf Schülerinnen bestehen wieder nur drei das Abitur. Sie muss erneut die Schule wechseln und wird diesmal nach Roanne in die Gegend der Haute-Loire versetzt, einen Ort, den sie sich selbst ausgesucht hat. Weil liebt diese Region mit ihren Bergwerken, den Fabriken und Gewerkschaftsgenossen. Der neuerliche Schulwechsel belastet sie nicht sonderlich, ist sie doch überzeugt davon, den ihr anvertrauten jungen Mädchen etwas für ihre weitere Entwicklung Wichtiges beigebracht zu haben. Wie bei den vorausgegangenen Umzügen kommt auch jetzt ihre Mutter wieder mit, um zu helfen, was Simone Weil gern annimmt.

In Deutschland hat inzwischen Hitler die Macht ergriffen. Weil ist politisch aktiver denn je und trägt am 3. Dezember 1933 die rote Fahne bei einer Demonstration der Bergarbeiter gegen die Herabsetzung ihrer Löhne um vierzig Prozent. Bei ihrer Begabung zur Abstraktion ist es klar, dass sie sich auch theoretisch mit Marx und Lenin beschäftigt. Getreu ihrem Grundsatz, dass Begriffe klar und deutlich zu sein haben, kritisiert sie Marx’ Begriff der »gesellschaftlichen Klasse«, der in ihren Augen niemals wirklich logisch zu Ende gedacht wurde. Ansonsten schätzt sie die materialistische Denkweise, weil sie frei mache von Illusion und Täuschung. Atheismus und Materialismus seien die einzige Möglichkeit, ein Leben ohne Selbstbetrug zu führen. Sehen, was ist, nicht, was man sich wünscht. Ausgehen von den Tatsachen, ohne die Hoffnung zu hegen, es könne von irgendwoher Rettung kommen.

Simone Weil ist frei von jeder Schwärmerei. Um am eigenen Leib zu erleben, was es heißt, in der Fabrik zu arbeiten, lässt sie sich für ein Jahr vom Lehrerinnendasein befreien und möchte Erfahrungen als Industriearbeiterin sammeln. Wie soll sie das schaffen, mit ihrer schwächlichen Konstitution, den Kopfschmerzen, die unvermindert heftig und andauernd sind. Aber sie will sich unbedingt dieser Situation aussetzen, niemand kann sie abhalten davon, keiner wird nach seiner Meinung gefragt. Solche Entscheidungen fällt Simone Weil selbst und allein. Und so beginnt sie Anfang Dezember 1934 als Hilfsarbeiterin in der Elektrofirma Alsthom in Paris. Minutiös trägt sie abends in ihr Tagebuch all das ein, was sie tagsüber erlebt hat. Sie arbeitet im Akkord, aber aufgrund ihrer schwächlichen körperlichen Verfassung schafft sie die geforderten Stückzahlen nicht. Weil erfährt auf drastische Weise, dass es schier unmöglich ist, Akkordarbeit und Philosophie zu verbinden. In der Fabrik ist Tempo gefragt und Weil muss über ihre körperliche Durchhaltekapazität hinaus arbeiten. Eigentlich möchte sie sich zuschauen bei der Arbeit und ihr Tun reflektierend begleiten. Sie hatte sich vorgenommen, Subjekt und Objekt gleichzeitig zu sein, was ihr aber nicht gelingt. »Die Erschöpfung lässt mich schließlich die wahren Gründe meines Aufenthaltes in der Fabrik vergessen, macht die stärkste Versuchung dieses Lebens fast unüberwindlich: nicht mehr denken, einziges Mittel, um nicht zu leiden. Nur am Samstagabend und am Sonntag kehren Erinnerungen zurück, Ideenstücke, erinnere ich mich auch ein denkendes Wesen zu sein. Entsetzen erfasst mich, als ich meine Abhängigkeit von äußeren Umständen feststelle: Es genügte, dass sie mir eines Tages eine Arbeit ohne wöchentlichen Ruhetag aufzwingen – was schließlich immer möglich ist –, und ich würde zu einem Lasttier, gehorsam und ergeben (wenigstens in meinen Augen).«9

Zum Philosophieren braucht man Muße und Abgeschiedenheit. Harte körperliche Arbeit macht die Menschen träge im Denken, unfähig zur erforderlichen Konzentration. Was Weil allerdings auffällt bei ihren Arbeitskolleginnen und Kollegen, ist, dass sie emotional keineswegs verhärten, sondern freundlich sind und einander viel Güte zeigen.

In einem Brief an eine Schülerin schreibt Weil: »Vor allem meine ich einer Welt von Abstraktionen entflohen zu sein und mich unter wirklichen Menschen zu befinden – guten oder schlechten, jedoch von einer wirklichen Güte oder Bosheit. Sofern es sie gibt, ist besonders die Güte in einer Fabrik etwas Wirkliches; denn der geringste freundliche Akt, vom einfachen Lächeln bis zur Hilfeleistung, erfordert einen Sieg über die Müdigkeit, über die Lohnbesessenheit, über alles, was bedrückt und dazu verleitet, sich in sich selbst zurückzuziehen.«10

Apathisch sind die Menschen in der Fabrik, müde und gefangen in ihrer niederdrückenden Arbeit. Aber gerade in einer solchen Atmosphäre zeigt sich, was die einfachsten Regungen von Güte und Freundlichkeit bedeuten. Selbst Weil mit ihrem hohen abstrakten Anspruch, ihren theoretischen Forderungen, ist glücklich über ein Lächeln. Sie ist plötzlich Glied einer Gemeinschaft, die Schranken zwischen ihr und den anderen fallen.

Am 5. April 1935 hört Simone Weil bei Alsthom auf und wechselt zu einer Firma in Boulogne-Billancourt. Sie arbeitet an der Presse und erreicht auch hier wieder die gewünschte Stückzahl nicht. »Ich gehe zu Fuß an die Seine. Dort setze ich mich ans Ufer auf einen Stein, trübsinnig, ausgelaugt, das Herz von ohnmächtigem Zorn erfüllt, mit dem Gefühl, meiner ganzen Lebenssubstanz entleert zu sein. Ich frage mich, ob ich, sollte ich für immer zu dieser Art Leben verurteilt sein, täglich die Seine überqueren könnte, ohne mich eines Tages hinunterzustürzen.«11

Durch das »Experiment Fabrikarbeit« ist Simone Weil in eine Krise geraten. Ihre Ideen von einer Humanisierung der Arbeitswelt durch die Bildung der Arbeiter werden infrage gestellt. Ihr ist klar geworden: Keiner, der über seine Kräfte hinaus gefordert wird, wehrt sich. Denken in dieser Situation würde bedeuten, noch mehr zu leiden. Man stelle sich einen Arbeiter vor, der am Abend völlig ausgelaugt aus der Fabrik kommt und sich dann hinsetzt, um über den Sinn des Lebens nachzudenken. Das Bewusstsein seines Unglücks würde ihn nur noch mehr niederdrücken, ihn noch zusätzlich schwächen.

Simone Weil setzt sich stellvertretend für die Arbeiter dem Bewusstsein des Unglücks aus, sie sieht das als eine Art Einweihung ins wirkliche Leben. Die theoretische Auseinandersetzung mit der Fabrikarbeit, wie sie auch im Marxismus stattfindet, wird für Weil bereichert durch direkte Erfahrung. Dabei hat man den Eindruck, sie erlebe dies alles mit einem überwachen, sensiblen Bewusstsein. »Klar und deutlich« ist für Weil die Erkenntnis des Unglücks, das für die Arbeiter ihr Leben bedeutet. Diese Menschen sind in ihren Augen entwurzelt.

Entwurzelung ist für Simone Weils Nachdenken über die Lage der Arbeiter ein Grundbegriff. Herausgerissen aus jeder Art von sinnvollem Leben können sie daher in diesem Leben keine Wurzeln mehr schlagen. Um sie und in ihnen ist eine gähnende Leere, ein Abgrund, den sie gar nicht mehr wahrnehmen, weil sie zu müde sind. Was Marx auf intellektueller Ebene analysiert und Entfremdung nennt, hat Simone Weil am eigenen Leib erfahren. Ihr Begriff der Entwurzelung ist noch radikaler als Marx’ Begriff der Entfremdung: »Während meiner Fabrikzeit, als ich in den Augen aller und in meinen eigenen mit der anonymen Masse ununterscheidbar verschmolzen war, ist mir das Unglück der anderen in Fleisch und Seele eingedrungen. Nichts trennte mich mehr davon, denn ich hatte meine Vergangenheit wirklich vergessen, und ich erwartete keine Zukunft mehr, da mir die Möglichkeit, diese Erschöpfungszustände zu überleben, kaum vorstellbar erschien.«12 Zu dem, was Weil analysieren und philosophisch durchleuchten möchte, ist sie in eine äußerste körperliche Nähe getreten. »Dennoch kann nichts auf der Welt das Gefühl des Menschen verhindern, für die Freiheit geboren zu sein. Niemals, was auch geschehen mag, kann er die Knechtschaft ertragen; denn er denkt.«13

Simone Weil wird sich nicht einfach mit der Tatsache der Entwurzelung des Arbeiters zufriedengeben. Der philosophische Trieb in ihr ist zu stark. Auch wenn sie im Moment ratlos ist und eine große Leere in sich fühlt, geht ihr Denken bereits über diese Leere hinaus. Bei der Erkenntnis, dass die Arbeiter moderne Sklaven sind, die ein menschenunwürdiges Dasein fristen, kann sie nicht stehen bleiben. Trotzdem ist es bezeichnend für sie, dass sie keinen Traum von einem besseren Leben hegt, sondern versucht, ein Ideal zu entwerfen. Ein Ideal ist für sie im Unterschied zum Traum ganz wirklichkeitsnah, auch wenn es sich nie ganz verwirklichen lässt. Nach Erkenntnis streben und aus der Erkenntnis der Realität heraus ein Ideal entwerfen, so stellt sich Simone Weil ein Leben in Freiheit vor.

Aber hat Weil nicht auch irgendeinen persönlichen Wunsch? Hat sie überhaupt so etwas wie ein privates Leben, sehnt sich nach Liebe und Freundschaft? In der Zeit der Fabrikarbeit schreibt sie über die Freundschaft, man solle sie nicht wünschen oder sich erträumen, auch nicht suchen, denn da sie eine Tugend sei, solle man sie üben. Freundschaft könne kein Heilmittel gegen Einsamkeit sein.

Simone Weil lebt ihr Leben in einem nahezu unvorstellbaren Grad an Bewusstheit. Sie hat den Blick in ihrem Denken und Tun immer auf die ganze Menschheit gerichtet. Dieses Leben ist auf seine Art leidenschaftlich und wahrscheinlich erlebt Weil ihre Art Glück darin.

 

Um eine kleine Ruhepause kommt Simone Weil nach der aufreibenden Fabrikarbeit nicht herum. Sie fährt mit ihren Eltern nach Portugal. Ihre Mutter ist wie immer sehr besorgt um die angeschlagene Gesundheit ihrer Tochter, und das zu Recht.

In Portugal hat Weil, die Atheistin, eine intensive Begegnung mit dem Christentum. Sie wird dieses Erlebnis später in einem Brief so darstellen: »In einem körperlich elenden Zustand betrat ich eines Abends jenes kleine portugiesische Dorf, das ach! auch recht elend war; allein, bei Vollmond, eben am Tage des Patronatsfestes. Es war am Ufer des Meeres. Die Frauen der Fischer zogen, mit Kerzen in den Händen, in einer Prozession um die Boote und sangen gewiss sehr altüberlieferte Gesänge, von einer herzzerreißenden Traurigkeit. Nichts kann davon eine rechte Vorstellung vermitteln. Niemals habe ich etwas so Ergreifendes gehört, außer dem Gesang der Wolgaschlepper. Dort hatte ich plötzlich die Gewissheit, dass das Christentum vorzüglich die Religion der Sklaven ist, und dass die Sklaven nicht anders können, als ihm anhängen, und ich unter den Übrigen.«14

Simone Weil macht ihre ganz persönliche Erfahrung mit dem Christentum. Es ist keine Spur von Schwärmerei darin, und genau das passt zu Weil. Nachdenken und ein direktes Erleben kommen in diesem einen besonderen Moment zusammen. Wir werden Zeugen eines intuitiven und gleichwohl absolut klaren Erfassens einer bestimmten Wirklichkeit. Simone Weil ist von der rein abstrakten Denkweise fortgeschritten zu einem Philosophieren, das der sinnlichen Erfahrung einen großen Raum beimisst. Erkenntnis ist zwar immer noch das Ergebnis intensiven Nachdenkens, aber sie ergibt sich nicht auf rein logischem Weg, sondern hat etwas Spontanes an sich. So ungewöhnlich ist das eigentlich gar nicht. Fast jeder sieht sich irgendwann einmal einem schier unlösbaren Problem gegenüber. Man grübelt und grübelt und kommt nicht von der Stelle, bis man plötzlich eine Einsicht hat. Kant würde sagen, Simone Weil ist hier zu einer echten »Vernunfterkenntnis« gelangt. Sie geht zwar von der sinnlichen Wahrnehmung aus, übersteigt diese jedoch und gelangt zu einer Erkenntnis, die etwas mit der allgemeinen Frage nach dem Sinn des Lebens zu tun hat. Beweisen lässt sich ihre Aussage nicht.

Dieses Erlebnis und die Erkenntnis, die es mit sich bringt, bedeutet einen Wendepunkt in Simone Weils Leben. Mehr denn je wird sie Abstand nehmen von rein abstrakten Spekulationen. Das wird bereits deutlich, als sie eine neue Lehrerinnenstelle in Bourges antritt. Eine ihrer Schülerinnen ist die Tochter eines Gießereibesitzers. Weil besichtigt mit einigen Leuten den Betrieb und spricht den Wunsch aus, die Arbeiter mögen ihr anonym schreiben, wie es ihnen in der Fabrik gehe. Die Fabrikleitung stimmt diesem Wunsch jedoch nicht zu, aus Angst vor einer Stärkung des Klassenbewusstseins bei den Arbeitern.

Simone Weil liegt viel daran, den Kontakt zur praktischen Arbeit nicht völlig zu verlieren. Da in ihrer Schulklasse auch eine Bauernstochter ist, nimmt sie die Gelegenheit wahr, die Landarbeit kennenzulernen. Sie möchte keinen Lebensbereich auslassen, ihre Aufmerksamkeit auf alles richten. Ihr Kopfweh ist manchmal unerträglich und dann möchte sie am liebsten sterben. Aber sobald die Schmerzen nachlassen, stürzt sie sich in all die Aufgaben, die ihr im Leben wichtig erscheinen. Im Grunde ist sie voller Vitalität: Sie schreibt zum Beispiel Artikel für die Arbeiterzeitung Entre nous, in denen sie den Arbeitern unter anderem die klassische griechische Literatur nahebringen will.

Allerdings kann sie nur noch bis zum Ende des Jahres 1935 in Bourges bleiben, obwohl sie hier als Lehrerin anerkannt ist und sich mit ihren Kollegen besser versteht als mit denen an den anderen Schulen. Ihren spezifischen Lebensstil behält sie jedoch bei. Und weil sie nicht richtig ins Bild der Stadt passt, wünschen vor allem die bürgerlichen Kreise ihren Weggang. Diese Lehrerin wirbelt zu viel Staub auf, und warum sie sich vorrangig um die Belange der Arbeiter kümmert, wollen die feinen Leute nicht verstehen. Doch Simone Weil wird deshalb ihre Ansichten und ihr Auftreten in der Öffentlichkeit nicht ändern. Diese Philosophin ist keine Bewohnerin des Elfenbeinturms, sondern eine Person, die die Öffentlichkeit sucht, um ihre Gedanken »unters Volk« zu bringen.

 

Ein neues »Abenteuer« wartet bereits: In Spanien bricht im Juli 1936 der Bürgerkrieg aus. Das Militär, das sich aus Monarchisten, Teilen der katholischen Kirche und Faschisten zusammensetzt, erhebt sich gegen die Volksfrontregierung, in der sich Republikaner, Kommunisten, Sozialisten und Syndikalisten finden. Das Ausland mischt kräftig mit, und die neuesten Waffen werden ausprobiert – eine gute Übung für den nahe bevorstehenden Zweiten Weltkrieg.

Simone Weil ist erklärte Pazifistin und fühlt sich dennoch verpflichtet, sich jetzt auf die Seite der Schwächeren zu stellen. Sie reist nach Barcelona und schließt sich einer kleinen Gruppe von zweiundzwanzig Leuten an, sogenannten Syndikalisten. Die Bewegung der Sydikalisten hatte sich am Ende des 19. Jahrhunderts gebildet. Sie sind gegen Parteien und setzen sich für die »direkte Aktion« ein sowie für eine Stärkung der Gewerkschaften. Die Gruppe, zu der Simone Weil gehört, ist in Pina am Ufer des Ebro stationiert. Sie besteht vor allem aus Franzosen und Russen, aus deutschen Emigranten und US-amerikanischen Intellektuellen. Weil will auf keinen Fall im »Lager des Siegers« sein. Sie ist der Ansicht, nur ein Gleichgewicht der Kräfte könne für dauerhaften Frieden sorgen. Deshalb lässt sich die überzeugte Pazifistin sogar zum »Dienst an der Waffe« ausbilden. »Nur das Gleichgewicht vernichtet die Gewalt. Weiß man, wodurch das Gleichgewicht der Gesellschaft gestört ist, so muss man sein Möglichstes tun, um der zu leichten Schale ein Gewicht hinzuzufügen. Auch wenn das Gewicht das Böse ist, so mag es, wenn man es in dieser Absicht handhabt, dennoch vielleicht gelingen, sich nicht zu beflecken.«15

Ihre Ungeschicklichkeit und die starke Kurzsichtigkeit zwingen Simone Weil jedoch, zurückhaltend zu sein in ihrem tatkräftigen Engagement. Dennoch kommt es eines Tages zu einem Unfall. Man hat ein Loch für den Kochtopf ins Unterholz gegraben, damit das Feuermachen die Leute nicht verrät. Ihre Augen spielen Weil einen bösen Streich, sie bemerkt das Loch nicht und tritt mit dem Fuß in einen Topf mit heißem Öl. Damit ist ihr Intermezzo an der Front beendet und sie muss wegen schwerer Verbrennungen ins Krankenhaus nach Barcelona. Die Eltern bringen sie von dort nach Sitges in ein Krankenhaus. Der Vater ist jedoch mit der dortigen Behandlung so unzufrieden, dass er seine Tochter in einem Hotelzimmer selbst pflegt.

Aus der Distanz erfährt Simone Weil dann, welche Grausamkeiten die von ihr unterstützten Syndikalisten begehen. Diese Tatsache belastet ihr Gewissen und zwingt sie, erneut nachzudenken über den Sinn beziehungsweise Unsinn von Gewalt. Sie geht mit den Eltern nach Paris zurück, wo sie die Nachricht ereilt, dass ihre Gruppe zerschlagen und viele Mitglieder getötet wurden. Der Unfall hat ihr also höchstwahrscheinlich das Leben gerettet.

Der Bürgerkrieg in Spanien entwickelt sich immer mehr zu einem Krieg zwischen verschiedenen Staaten. In einem Zeitungsartikel schreibt Weil: »Wenn das Unglück der Zeit will, dass der Bürgerkrieg heute ein Krieg ist wie jeder andere und fast unausweichlich zu einem internationalen Krieg wird, kann man daraus nur den Schluss ziehen: auch den Bürgerkrieg vermeiden.«16

Simone Weil schreibt Artikel für Zeitungen, in denen es hauptsächlich um Fragen der Gewerkschaftsbewegung geht. Sie beschäftigt sich aber auch mit Musik und Kunst. Vor allem Monteverdi, Bach, Mozart und gregorianische Gesänge hört sie gern. Sie bevorzugt eine Musik, die nicht so gewaltig tönt. Wagner zum Beispiel ist ihr fremd. Sie vergleicht die Musik mit der Politik, aber wie hier ist auch in der Kunst, der Mathematik und der Philosophie ein Ausgleich der Kräfte und Spannungen der Idealfall.

Als Weil im April 1937 die erste Reise nach Italien unternimmt, bekommt diese Einstellung neue Nahrung. Sie reist allein und genießt die Eindrücke mit allen Sinnen, kann sich über die Natur- und Kunstschönheiten Italiens freuen. Sie hört sich Opern an wie zum Beispiel Der Liebestrank von Donizetti, Aida von Verdi und Die Hochzeit des Figaro von Mozart. Den intensivsten Eindruck hinterlässt aber Leonardo Da Vincis Gemälde Das Abendmahl in Florenz. Diese Stadt hat es ihr besonders angetan: »Was Florenz angeht, so ist es meine eigene Stadt. Unter seinen Ölbäumen muss ich ein früheres Leben verbracht haben. Sobald ich die schönen Brücken über den Arno sah, fragte ich mich, wie ich so lange hatte fortbleiben können. Und Florenz wunderte sich ohne Zweifel ebenfalls, weil Städte es lieben, geliebt zu werden. Es gibt noch viele schöne Dinge hier, die ich nicht gesehen habe; es ist nämlich nicht meine Gewohnheit, Städte zu besichtigen, ich lasse sie in mich einsickern durch Osmose.«17 Simone Weil wird sich nicht untreu, aber sie wehrt sich nicht wie sonst gegen den puren Genuss. Sie akzeptiert den lustvollen Anteil an der Erkenntnis und vergisst den schmerzvollen für eine Weile.

In Assisi schließlich hat sie die zweite intensive Begegnung mit Gott. In der Stille einer Kapelle fühlt sie den Wunsch niederzuknien, zum ersten Mal in ihrem Leben, wie sie selbst betont. Die tagelange Betrachtung der Kunstschätze Italiens, das Hören von Musik hat Weil auf diese Form der Andacht vorbereitet. Sie erlebt Gott als etwas Großes, das einen zwingt, auf die Knie zu sinken. Dieselbe Andacht spürt sie vor den Gemälden und Bauwerken und beim Musikhören.

Simone Weil nimmt ihre Tätigkeit als Lehrerin wieder auf und hat das Glück, für das Schuljahr 1937 / 38 nach Saint-Quentin zu kommen, einer Stadt nicht weit von Paris entfernt und mit einem hohen Arbeiteranteil. Eine Wunschstelle also. Trotz der vielen Versetzungen wird sie hier sofort eingestellt. Ihre Unterrichtsweise hat sich nicht geändert. Noch weniger als sonst besteht ihr Philosophieunterricht im Auswendiglernen philosophischer Merksätze. Stattdessen sollen ihre Schülerinnen häufig eigene Gedanken zu von der Lehrerin ausgewählten literarischen Texten niederschreiben. Der Essay ist ihre bevorzugte Gattung, weil er eine offene, undogmatische, assoziative Art des Denkens zulässt. Da kann beispielsweise ein Zitat aus einem Roman von Balzac als Ausgangspunkt für weitreichende Gedanken dienen. Auch sollte nicht wild spekuliert, sondern klar argumentiert werden. Wird einmal ein Philosoph herangezogen, so ist es zumeist Platon, der keine allzu abstrakten Abhandlungen geschrieben hat. Simone Weil zieht ein bildhaftes Denken vor.

Nebenher schreibt sie weiterhin politische Artikel. Die Frage, ob eine Revolution im marxistischen Sinn wirklich die Gesellschaft verändern könnte, beschäftigt sie noch immer. Sie kommt zu dem Schluss, dass man Abstand nehmen muss von der utopischen Vorstellung eines Umsturzes. Sie glaubt nicht daran, dass die Arbeiter in der Lage sein werden, Träger einer Revolution zu sein. Der langsame Weg scheint ihr realistischer. Ihre Philosophie ist eine Mischung aus Idealismus und Realismus und sie arbeitet ständig an ihrem Weltbild. Weils Philosophie entwickelt sich im Gespräch mit der Wirklichkeit, im Abwägen all dessen, was sie beobachtet und womit sie sich auseinandersetzt.

Inzwischen nimmt das Kopfweh wieder unerträgliche Formen an, sodass sich Simone Weil Mitte Januar 1938 vom Schuldienst beurlauben lassen muss. Sie fährt mit ihrer Mutter über Ostern nach Nordfrankreich in die Benediktinerabtei Solesmes, wo sie allen Gottesdiensten beiwohnt und täglich gregorianische Gesänge hört. »Ich hatte bohrende Kopfschmerzen; jeder Ton schmerzte mich wie ein Schlag; und da erlaubte mir eine äußerste Anstrengung der Aufmerksamkeit, aus diesem elenden Fleisch herauszutreten, es in seinen Winkel hingekauert allein leiden zu lassen und in der unerhörten Schönheit der Gesänge und Worte eine reine und vollkommene Freude zu finden. Diese Erfahrung hat mich auch durch Analogie besser verstehen lassen, wie es möglich sei, die göttliche Liebe durch das Unglück hindurch zu lieben. Ich brauche nicht eigens hinzuzufügen, dass im Verlauf dieser Gottesdienste der Gedanke an die Passion Christi ein für alle Mal in mich Eingang fand.«18

Simone Weil ist zur Mystikerin geworden. Der starke körperliche Schmerz, den sie immer wieder auszuhalten hat, eröffnet ihr einen persönlichen Zugang zu Christus und den Qualen, die er am Kreuz erduldete. Ihr bisheriger Lebenslauf, der gekennzeichnet war durch Selbstverzicht, Sorge um die Mitmenschen, konsequente Suche nach Wahrheit, scheint sie im Grunde prädestiniert zu haben für eine solch extreme Erfahrung. Ihre Philosophie tendiert immer stärker in Richtung Verwandlung des inneren Menschen. Genau eine solche Verwandlung erlebt sie selbst.

Man könnte vielleicht erwarten, dass Simone Weil nun ein Leben in Beschaulichkeit beginnt, etwa ins Kloster geht und den weltlichen Dingen abschwört. Das tut sie aber gerade nicht. Die Zeit scheint ihr derart aus den Fugen zu sein, so viel Ungeheuerliches passiert, Krieg, Vertreibung, Rassismus, dass eine für die politische Analyse derart begabte und noch dazu persönlich interessierte Frau sich nicht einfach zurückziehen kann. Auch hat ihre mystische Erfahrung einen starken Bezug zu ihrem sozialen Engagement: Sie erlebt Christus als Leidenden, als einen, der Schmerzen zu ertragen hat. Damit stellt er sich auf die gleiche Stufe wie die Schwachen, denen seit jeher Weils ganze Zuwendung gilt. Philosophie und existenzielle Erfahrung sind nun zu einer Einheit zusammengeschmolzen.

Da die Kopfschmerzen nun schon das ganze Jahr über andauern, hat Weil Angst, an einem Tumor zu leiden, und konsultiert mehrere Ärzte, von denen jedoch keiner eine konkrete Diagnose stellen kann. Es ist kaum zu glauben, dass die Frau in diesem elenden Zustand unzählige Bände kompliziertester Literatur liest: Herodot, Plutarch, Tacitus und andere. Außerdem beschäftigt sie sich intensiv mit dem Alten Testament, das ihr jedoch wenig zusagt, weil ihr der alttestamentarische Gott zu mächtig erscheint. Sie bezeichnet ihn als »Gott der Heerscharen«, der ihrer Meinung nach allzu irdische Züge trägt. Weils Gott hingegen ist zwar auch mächtig, hat aber dieser Macht entsagt, um sich in Christus mit den Schwachen zu identifizieren. Nachdem er die Menschen erschaffen hatte, überließ er sie sich selbst. Er greift nicht persönlich ein, will aber auch keinen blinden Gehorsam. Die Menschen sind in die Freiheit entlassen und müssen selbst erkennen, was gut ist und was schlecht.

 

Als der Zweite Weltkrieg beginnt, denkt Simone Weil darüber nach, wie man Deutschland zu einer Kehrtwende zwingen könnte. Das Thema Krieg und Frieden bleibt zentral. Sie geht aber in ihrer philosophischen Fragestellung über die konkrete Situation hinaus und betrachtet diese Problematik allgemeiner: Wie steht es mit dem Unglück als solchem, welche Rolle könnte die Erfahrung von Unglück für das Leben des Einzelnen bedeuten? Sie kommt der Erkenntnis immer näher, dass Unglück und Leid die einzige Möglichkeit für den Menschen sind, Gottes Liebe zu erfahren. Nahrung für ihr Denken findet sie nicht nur in der Bibel, sondern auch in anderen religiösen Schriften, so zum Beispiel in der Bhagavadgita, einem indischen Gedicht, aufgebaut in der Form eines Dialogs zwischen dem Gott Krishna und Arjuna. Es geht darum, ob Arjuna gegen seine Brüder in den Krieg ziehen soll. Krishna ist dafür, meint aber, er solle zusehen, dass sein Inneres nicht berührt werde von seinem Tun.

Weil steht im gleichen Zwiespalt wie Arjuna: Soll sie für den Krieg gegen Hitler sein oder nicht? Immerhin weiß sie, dass er viele unschuldige Menschen das Leben kosten würde. Wie kann man sich einsetzen für etwas, das vielleicht mit Gewalt verbunden ist, ohne sein Inneres zu belasten? Simone Weil ist der Meinung, der Mensch sollte sich niemals ganz und gar in etwas hineinziehen lassen. Ein Rest, nämlich das kostbarste Innere, sollte unbelastet, in gewisser Weise »rein« bleiben. Denken und Handeln können nicht immer in einem harmonischen Miteinander agieren. Handelt man, so muss man sich entscheiden. Man kann nicht ewig zaudern, sonst kommt man nie dazu, zu handeln. Widerspruch und Unvollkommenheiten machen also unser tägliches Leben aus. Gott bleibt in der Ferne, mischt nicht mit. Christus jedoch nimmt eine Mittelstellung ein und stellt eine neue Art der Nähe zu Gott her. Dies aber wird erst dann möglich, wenn man sich aus dem Getriebe zurückzieht, das Unglück als solches akzeptiert und auf diese Weise frei wird für die direkte Gotteserfahrung.

Simone Weils Vorstellungen sind nicht auf den ersten Blick nachzuvollziehen. Es zeigt sich immer von Neuem, dass sie nicht nach Wissen strebt, sondern danach, ihr Inneres für die Begegnung mit Gott bereitzumachen. Daneben aber scheut sie sich nicht, direkt einzugreifen, in einem engen Praxisbezug zu bleiben. So arbeitet sie seit 1940 am Projekt einer Formation von Frontkrankenschwestern. Weil ist der Meinung, Hitler verleite die Menschen zu einer Art »Götzenverehrung«, indem er ihnen den Glauben an ein imaginäres Heldentum einrede. Dem möchte sie etwas entgegensetzen, das aus »echter Inspiration« entsteht.

In diesem Zusammenhang wird auch Weils Frauenbild deutlicher erkennbar: »Frauen laufen immer Gefahr zu stören, wenn sie nicht ein gewisses Maß an kaltblütiger und männlicher Entscheidungskraft mitbringen, die sie davon abhält, sich, unter welchen Bedingungen auch immer, für jemand Wichtiges zu halten. Diese kaltblütige Entscheidungskraft verbunden mit der Zärtlichkeit, die die Hilfestellung bei den Leiden und Todeskämpfen erfordert, findet sich selten in ein und demselben menschlichen Wesen. Aber, obgleich selten, ist dies nicht unauffindbar.«19 Dass Simone Weil ein hohes Maß an Entschlusskraft und Härte an den Tag legen kann, hat sich bisher zur Genüge gezeigt. Was sie will, setzt sie in Gang. Ein starker Wille ist ihre herausragende Charaktereigenschaft.

 

Am 10. Mai 1940 wird es für die Franzosen ernst: Nazideutschland greift die Niederlande, Belgien und Luxemburg an. Natürlich will Weil zunächst nicht fliehen. Ihre Eltern bestehen jedoch darauf, Paris gemeinsam zu verlassen. Ihr Ziel ist die unbesetzte Zone und sie gelangen nach Vichy. Auf dem Weg dorthin gewöhnt Weil es sich an, auf dem Fußboden zu schlafen. Bis zu ihrem Tod wird sie diese Gewohnheit beibehalten.

Simone Weil ist der Meinung, dass Frankreich mit Deutschland nie hätte einen Waffenstillstand aushandeln dürfen. Sie hat vor, nach England zu gehen, um sich dort den französischen Antifaschisten anzuschließen. Eine direkte Einreise ist jedoch nicht möglich. So begibt sie sich mit ihren Eltern nach Marseille, wo sich noch viele andere Ausreisewillige aufhalten. Sie stellt einen Antrag auf Ausreise nach Algerien und möchte dort als Lehrerin angestellt werden, was ihr jedoch nicht bewilligt wird. Die Ablehnung, so vermutet sie, hat etwas damit zu tun, dass sie Jüdin ist. Simone Weil kann das nicht nachvollziehen, denn sie hat keinen großen Bezug zum Judentum. Nie hat sie eine jüdische Synagoge betreten und auch nie an einem jüdischen Gottesdienst teilgenommen. Diese Einstellung erscheint allerdings ziemlich naiv. Offenbar wird ihr nicht wirklich bewusst, was Antisemitismus bedeutet und dass es dabei keine Rolle spielt, ob man seinen Glauben praktiziert oder nicht.

In Marseille schreibt Weil Zeitungsartikel und betätigt sich sozial. Zum Beispiel verschenkt sie Lebensmittelkarten, was die Frage aufwirft, ob sie die Idee hat, sich aufzuopfern, denn sie gönnt sich nicht einmal das Nötigste an Nahrung und gestaltet ihr Leben immer asketischer.

Weil besucht ein Treffen der Jeunesse ouvrière chrétienne (der Christlichen Arbeiterjugend), ist sehr angetan von dieser Gemeinschaft und schreibt für die Cahiers du Sud einen Artikel darüber: »Diese kleinen Jungen haben gespürt, dass die Materie selbst, über das wirtschaftliche System und die Chefs hinaus, sie niederdrückt, sie jeden Tag beugt. In der Fabrik drückt die Materie ohne Unterlass die Körper und die Gedanken nieder und zwingt fast unausweichlich dazu, abzusteigen. Sie sind mehr als andere der Materie unterworfen; aber sobald sie sich ihrer selbst bewusst werden, spüren sie mehr als andere, dass sie ihr unterworfen sind.«20 Intellekt und Materie sind in Weils Denken Kontrahenten. Die Materie beugt den Menschen, der Geist führt ihn zum Bewusstsein seiner selbst.

Im Mai 1941 veröffentlicht Simone Weil in derselben Zeitschrift, dem wichtigsten Organ der freien Zone, einen Artikel mit dem Titel La Philosophie. Als Journalistin ist sie mittlerweile viel gefragt und genießt hohes Ansehen. Weil betont in dem oben genannten Artikel auch die große Bedeutung der griechischen Philosophie, da bei ihr alles auf Ausgleich der Kräfte ausgerichtet sei. Es komme auf das Gleichgewicht an. Sie wendet sich gegen die Systemphilosophie, weil diese das Heil des Menschen, die Entwicklung des inneren Lebens, vernachlässige. Der größte Anreiz für das Philosophieren könne nur die Loslösung des Denkens von der Materie sein. Wenn es zu einem Gleichgewicht der Kräfte komme, dann könne die Materie den Geist nicht mehr beugen.

 

In Marseille lernt Weil neue Menschen kennen, so die Dichter Jean Tortel und Jean Lambert. Außerdem trifft sie alte Bekannte aus der Heimat wieder: einen Schulkameraden aus der Gymnasialzeit und einen Klassenkameraden ihres Bruders mit Schwester. Diese Frau, Hélène Honnorat, ist gläubige Katholikin und Weil führt sie in die katholischen Kreise von Marseille ein. Damit tut sie für sich selbst nichts minder Gutes, lernt sie doch so den fast blinden Dominikanerpater Perrin kennen.

Mit dieser Begegnung beginnt ein lebendiges Gespräch über alle Fragen des Glaubens, die Weil unbeantwortet mit sich herumträgt. Bisher ist sie der katholischen Kirche nicht beigetreten. Ein wesentlicher Hinderungsgrund ist, dass die Kirche aufgrund ihrer Machtfülle die Unabhängigkeit des Individuums einschränke. Außerdem stört es sie, dass die Kirche die Wahrheit anderer Religionen nicht anerkennt. Simone Weil erscheint es konsequenter, sich nicht taufen zu lassen, sozusagen auf der Schwelle zu bleiben und doch Christin zu sein.

Durch Pater Perrin lernt Weil den katholischen Philosophen Gustave Thibon kennen und besucht ihn auf seinem malerisch gelegenen Gut in der Ardèche. »Ich will nicht von ihrem Aussehen sprechen. Sie war keineswegs hässlich, wie man gesagt hat, aber vorzeitig gebeugt und gealtert durch ihre strenge Lebensweise und ihre Krankheit, nur die wunderbaren Augen hatten den Schiffbruch ihrer Schönheit überlebt. Will auch nicht reden von ihrer ganz unwahrscheinlichen Kleidung und dem Gepäck, ihre königliche Ahnungslosigkeit wusste nicht nur nichts von den Regeln der weiblichen Eleganz, sondern nicht einmal etwas von jener selbstverständlichen Kunst der Unauffälligkeit.«21

Thibon erkennt in Simone Weil zugleich eine Verwandte wie auch eine Fremde. Im Denken fühlt er sich ihr nahe, in der Lebensweise nicht. Er bewundert die Tiefe ihrer Ansichten, das asketische Leben aber kann er nicht teilen mit ihr. Es kommt häufig zu kleinen Reibereien, als Weil zum Beispiel darauf dringt, selbst bei Blitz und Hagel unter freiem Himmel zu schlafen. Thibon stellt ihr das fast verfallene Häuschen seiner Schwiegereltern zur Verfügung. Wenigstens das akzeptiert sie. Thibon kann kurz durchatmen. Natürlich möchte sie auch in die Landarbeit eingeführt werden, doch sie ist zu ungeschickt, um wirklich eine Hilfe darzustellen. Was Thibon ebenfalls provoziert, ist ihre penetrante Nahrungsverweigerung. Sie ernährt sich manchmal nur von wilden Früchten, außerdem rührt sie all die Lebensmittel nicht an, die Städtern nicht zugänglich sind. Dabei könnte sie sich doch hier in der guten Luft und bei frischer Kost erholen und Kräfte sammeln, aber nein, damit würde sie ja ihrer Einstellung zuwiderhandeln. Thibon ist hilflos.

Entschädigt wird er allerdings durch die Abende, an denen sie zusammen Platon im Originaltext lesen. Weil ist des Griechischen mächtiger als Thibon, außerdem ist sie eine sehr gute Pädagogin und hilft ihm, seinen Horizont in Bezug auf griechische Philosophie zu erweitern. Da sie mit kurzen Unterbrechungen fast zwei Monate auf dem Gut verweilt, haben sie genug Zeit dafür. Revanchieren kann sich Thibon, indem er ihr die Werke des Mystikers Johannes vom Kreuz leiht. Ein sehr anschaulicher Grundbegriff dieses Denkers, der von 1542  1591 lebte, ist die dunkle Nacht der Seele. Dieses Bild versucht den Zustand zu verdeutlichen, in dem der Mensch offen wird für die Begegnung mit Gott. Er hat vorher alle Abhängigkeiten des irdischen Lebens hinter sich gelassen. Dieser Gedanke muss Weil ansprechen, gehen doch ihre eigenen Überlegungen und Erfahrungen genau in dieselbe Richtung.

Zu dieser Zeit lernt sie auch das Vaterunser im griechischen Urtext auswendig und rezitiert den Text mehrmals am Tag. Am Morgen vor der Arbeit ist es eine Einübung in die Aufgaben des Tages. Sie spricht von der »unendlichen Süßigkeit dieses griechischen Textes«. Weil findet ihre Nahrung hier, wozu also braucht sie überhaupt noch irdische Kost? Sie neigt zum Extremen, das Leben einer Normalbürgerin wird sie niemals führen können, und beeindruckt durch die Vehemenz, mit der sie für Gerechtigkeit und die Freiheit des Einzelnen eintritt.

 

Im Oktober 1941 kehrt Simone Weil nach Marseille zurück, wo sie sechs Monate lebt. Die meiste Zeit widmet sie der geistigen Arbeit und schreibt vor allem an dem Traktat Das Unglück und die Gottesliebe. Das Unglück steht für Weil in direktem Zusammenhang mit dem Sozialen: »Wahrhaftes Unglück liegt nur dann vor, wenn das Ereignis, das ein Leben ergriffen und entwurzelt hat, es unmittelbar oder mittelbar in allen seinen Teilen, in seinem sozialen, psychologischen und physischen Teil, getroffen hat. Der soziale Faktor ist wesentlich. Nur dort gibt es wahrhaftes Unglück, wo auch in irgendeiner Form ein sozialer Abstieg oder die Furcht vor einem solchen Abstieg vorliegt.«22

Aber gerade in diesem Unglück liegt die Möglichkeit, Gott zu begegnen. So hat das Unglück eine positive Kraft in sich, eine Richtung hin zu Gott.

Man kann natürlich einwenden, dass Weil ein vorrangig intellektuell ausgerichteter Mensch ist, dass sie zwar in der Fabrik die Grausamkeit entfremdeter Arbeit am eigenen Leib erfahren hat, aber trotzdem eben jederzeit wieder aufhören konnte, dort zu arbeiten. Was aber ist mit den Menschen, die gezwungen sind, diese Arbeit zu tun, weil sie Geld zum Überleben brauchen, weil sie vielleicht Verantwortung für eine ganze Familie tragen? Was Weil mit großer Willensanstrengung durchgehalten hat, tun andere täglich aus äußerer Notwendigkeit. Das Zentrum des Unglücks als »Entwurzelung« wirklich zu erleben, um wartend in einer solchen Leere schließlich Gottes Ankunft aus unendlicher Ferne zu erfahren, dies kann kein Lebensentwurf für die Massen sein. Hier entfernt sich Weil von der Realität der Menschen, um die es ihr eigentlich geht.

Ein anderes Grundwort ihrer Philosophie ist die Aufmerksamkeit. In einem Brief an den seit dem Ersten Weltkrieg querschnittsgelähmten Dichter Joe Bousquet, den sie in Marseille kennen gelernt hat und der nun in Carcassonne lebt, schreibt sie im April 1942: »Die Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form des Großmuts. Es ist sehr wenigen Geistern gegeben, zu entdecken, dass die Dinge und die Lebewesen existieren. Seit meiner Kindheit wünsche ich nichts anderes, als vor meinem Tod diese völlige Offenbarung bekommen zu haben.«23

Simone Weil strebt nach der direkten totalen Offenbarung der Wirklichkeit aller Dinge. Weils Neigung zur Mystik ist offensichtlich.

Für die einfachen menschlichen Freuden und Bedürfnisse hat Simone Weil immer weniger Verständnis und so kann der folgende Satz nur befremdlich wirken: »Die Wurzel des Bösen ist die Träumerei.«24 Warum den Menschen ihre Träume nehmen? In Weils Augen ist es Zeitvergeudung, zu träumen, und die Menschen sollten ihre Kraft und Phantasie im Sinne eines Lebens auf das Gute hin nutzen. Alles Egoistische ist zu überwinden, damit es wieder zu einer »Einwurzelung« in Gott kommen kann. Natürlicherweise sind wir dem Materiellen verhaftet, müssen uns aber von dieser Abhängigkeit frei machen, um Gott als das absolut Gute zu finden.

Diesen Gedanken findet Weil bereits bei Platon und seiner Idee des Guten. Sie sieht sich immer wieder in der Philosophiegeschichte um und hat bevorzugte Denker, die sie in ihrem Sinn interpretiert. Außerdem liest sie buddhistische, hinduistische und aus dem Taoismus stammende Texte, beschäftigt sich aber auch hier nur mit den Aspekten, die sie ernsthaft interessieren. Was für ihr eigenes Denken nicht wirklich von Belang ist, lässt sie außer Acht. Sie strebt aber nicht eine Vermischung verschiedener Religionen an, sondern sucht nach dem spirituellen Kern, der in ihnen allen steckt.

 

Im Sommer 1942 beschließen Simone Weil und ihre Eltern, Marseille zu verlassen, um in die USA auszuwandern. Weil begleitet ihre Eltern, die sich als Juden in Frankreich unsicher fühlen, nur ungern. Überzeugend wirkt einzig der Gedanke, so doch noch nach England zu gelangen und sich dort der französischen Widerstandsbewegung anzuschließen, die die Aufgabe hat, Informationen ins besetzte Frankreich zu schleusen oder Sabotageakte vorzubereiten.

Die erste Station ist Casablanca, wo alle Auswanderer karg untergebracht sind und auf dem Boden schlafen müssen, was Simone Weil ja gewöhnt ist. Im Juli kommt die Familie endlich in New York an, wo sie André treffen, der schon 1940 in die USA ausgewandert ist. Er hatte seit 1922 in Göttingen, Paris und Rom Mathematik studiert und 1928 promoviert. Danach lebte er in Straßburg. Die tiefe Verbundenheit zwischen den Geschwistern war trotz der unterschiedlichen Lebenswege nie in eine Krise geraten. Nach wie vor ist der Familienzusammenhalt eine große Stütze in Weils Leben.

Zunächst wohnt sie mit ihren Eltern in einem Hotel, dann in einem Apartment. Weil jedoch möchte nach wie vor unbedingt nach England reisen, obwohl die Einreisebedingungen hart sind. Sie schreibt viele Briefe an Freunde und Bekannte in London. Maurice Schumann, der in London für die französische Exilregierung arbeitet, legt bei deren Kommissar für Inneres und Arbeit ein gutes Wort für sie ein und erwirkt die Erlaubnis, Weil nach London zu holen. Sie wünscht sich eine gefährliche Arbeit, zu anderem fühlt sie sich nicht berufen.

Am 10. November verlässt sie New York und ihre Eltern mit den Worten: »Wenn ich mehrere Leben hätte, würde ich euch eines widmen, aber ich habe nur ein Leben.«25

Bis Liverpool dauert es zwei Wochen. Danach muss Weil weitere drei Wochen im Durchgangslager eines Londoner Vororts verbringen, weil man sie aufgrund ihrer bisherigen sozialen Betätigungen und aufrührerischen Gedanken als »gefährlich« einstuft. Sie darf nicht schreiben, keine Briefe verschicken und nicht telefonieren. Trotzdem lässt sie sich nicht unterkriegen, ist sogar zu Späßen aufgelegt und verkleidet sich zum Beispiel eines Nachts als Geist, womit sie ihre Mitbewohner zu Tode erschreckt.

Maurice Schumann hilft auch jetzt und Weil kann das Lager endlich verlassen.

Im Januar 1943 kommt sie bei einer Witwe unter, die sich Sorgen macht um ihre schlimm hustende Untermieterin. Weil achtet weniger denn je auf ihre Gesundheit, heizt nicht richtig und isst ungenügend aus Solidarität mit den hungernden Franzosen.

Bei der Exilregierung bekommt Weil nur eine Schreibtätigkeit. Sie soll Texte analysieren, die von der Widerstandsbewegung entworfen werden. Aber auch jetzt arbeitet sie ihre Philosophie weiter aus und versucht zunehmend, eine gedankliche Verbindung herzustellen zwischen dem gesellschaftlichen Leben der Menschen und der Spiritualität. In der Gesellschaft selbst, so die Botschaft, müsse spirituelles Leben möglich sein. Entfremdete Arbeit solle abgeschafft werden, damit sich die Menschen sich auf das Wesentliche konzentrieren könnten. Weils Philosophie ist eine Verbindung aus politischer Theorie und Mystik. Es solle jedem Menschen gegönnt sein, zum unpersönlichen Kern in seinem Leben vorzudringen. Hierfür seien die gesellschaftlichen Bedingungen zu schaffen.

Weil arbeitet wie besessen. Nächtelang sitzt sie am Schreibtisch, gönnt sich keine Pause außer am Sonntag, wo sie eine befreundete Familie besucht. Sie lehnt alle Speisen ab, die sie für luxuriös hält.

Viele Projekte schwirren in Weils Kopf umher, so unter anderem die Idee, Frontkrankenschwestern auszubilden. An Maurice Schumann schreibt sie: »Die Anstrengung, die ich hier unternehme, wird bald durch eine dreifache Grenze beendet sein. Die eine Grenze ist gefühlsmäßiger Art, denn der ständig wachsende Schmerz, mich fehl am Platze zu fühlen, wird schließlich gegen meinen Willen, wie ich fürchte, das Denken hindern. Die andere ist intellektueller Natur; es ist offensichtlich, dass in dem Moment, wo mein Denken sich dem Konkreten zuwendet, es mangels Objekt am Ende sein wird. Die dritte ist physisch, denn die Müdigkeit wächst.«26

Weil schläft nicht mehr als drei Stunden, vernachlässigt ihre Gesundheit völlig. Eines Tages findet eine Freundin sie bewusstlos in ihrem Zimmer. Sie wird ins Krankenhaus gebracht, verweigert aber die Nahrung, kommt auf eigenen Wunsch in ein Sanatorium, isst aber auch hier nicht.

Am 24. August 1943 stirbt Simone Weil an Herzversagen aus Schwäche. Kompromisslos bis zur Selbstaufgabe war sie ihr Leben lang. Am Ende verließ sie die Kraft. In ihrem Denken und Handeln hat sie hingewiesen auf gesellschaftliche Mängel, die auch heute noch bestehen. Die Frage nach der Bedeutung und dem Sinn von Arbeit ist noch immer eine Grundfrage des Zusammenlebens von Menschen in der ganzen Welt.