»IN MEINEN TRÄUMEN SAH ICH immer eine glänzende Zukunft vor mir. Ich träumte von Glück und von Ruhm, denn ich war überzeugt, dass ich zu etwas Großem bestimmt sei und in die engen bürgerlichen Verhältnisse, in denen ich geboren war, gar nicht hineingehörte.«1 So Edith Stein über ihre Jugendphantasien. Als sie beginnt, ihre Autobiografie niederzuschreiben, ist sie bereits zweiundvierzig und man schreibt das Jahr 1933. Sind die alten Träume noch lebendig oder sind sie längst einer nüchternen Wirklichkeit gewichen? Hat das Große, von dem sie träumte, schon begonnen?

 

Edith Stein wird am 12. Oktober 1891 als jüngstes Kind in eine jüdische Familie hineingeboren, die ihre Religion lebt und gleichzeitig patriotisch eingestellt ist. Ihre Eltern fühlen sich als deutsche Juden. Der Vater, Siegfried Stein, betreibt einen Holzhandel in Breslau. Die Mutter, Auguste Stein, kommt aus einer geistig sehr aufgeschlossenen Familie, geht aber keinem Beruf nach. Sie bekommt elf Kinder, von denen vier sehr früh sterben. Mit der Erziehung der verbleibenden sieben fühlt sie sich völlig ausgelastet, bis zwei Jahre nach Ediths Geburt der Vater bei der Besichtigung eines Waldes an einem Hitzschlag stirbt. Auguste Stein steht plötzlich allein da mit ihren vielen Kindern und einem nicht gerade florierenden Holzhandel. Ihr Mann war kein begnadeter Geschäftsmann. Zur großen Überraschung der Verwandtschaft beschließt die mutige Frau, das Geschäft unter eigener Regie weiterzuführen.

Sie krempelt die Ärmel hoch und bringt es tatsächlich zuwege, dass der Betrieb besser läuft als je zuvor. Endlich kann sie einmal zeigen, was in ihr steckt. Ein ausgeglichenes Gemüt hilft ihr, mit den Strapazen fertig zu werden. Mit einer robusten Gesundheit und gewaltigem Arbeitseifer gesegnet, lebt sie zudem aus der Zuversicht, dass Gott ihr schon beistehen werde. Neben der Freude an der Arbeit besitzt sie auch einen ausgeprägten Sinn für die Entwicklung ihrer Kinder. Soweit sie es sich leisten kann, fördert sie das Familienleben durch Ferienaufenthalte und Feiern. Die hohen jüdischen Feste werden würdig begangen und zu jedem Sabbat bäckt die Mutter die länglichen, zu Zöpfen geflochtenen Weißbrote. Auch Spiele kommen nicht zu kurz und der Holzplatz wird längst nicht nur zum Abwickeln der Geschäfte genutzt. Obwohl die Kinder ihren Vater früh verloren haben, können sie eine frohe und abwechslungsreiche Kindheit erleben, in der sie mit ihren verschiedenen Begabungen und Sorgen ernst genommen werden.

 

Edith, das Nesthäkchen, wird von der Mutter besonders liebevoll behandelt. Sie ist ein waches, übermütiges Mädchen, das gern herumtobt und nur so sprüht vor witzigen Einfällen. »Miezekatze« wird sie von den Geschwistern genannt und so benimmt sie sich auch. Sie hat einen sehr eigenen Kopf und lässt sich längst nicht alles sagen. Was sie durchsetzen will, setzt sie durch. »Aber in meinem Innern gab es noch eine verborgene Welt. Was ich am Tage sah und hörte, das wurde dort verarbeitet. Der Anblick eines Betrunkenen konnte mich tage- und nächtelang verfolgen und quälen ... Wenn in meiner Gegenwart von einer Mordtat gesprochen wurde, lag ich nachts stundenlang wach und das Grauen trat aus allen dunklen Ecken auf mich zu.«2

Edith Stein hat ein Innenleben, von dem die anderen nicht viel erfahren. Darin liegt ein erster Hinweis auf ihre Fähigkeit, sich im Stillen mit dem, was sie erlebt und wahrnimmt, auseinanderzusetzen. Eine intensive Gedanken- und Phantasietätigkeit beginnt sich bereits in der Kindheit zu entfalten.

Als ihre Lieblingsschwester Erna in die Schule kommt, gerät Edith Stein in eine Krise. Sie wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich auch ein Schulkind sein zu können. Sie hat Glück: Ihre älteste Schwester Else macht gerade ihr Lehrerinnenexamen und kann erreichen, dass Edith vorzeitig aufgenommen wird. Die schafft das Pensum spielend und auch auf ihr Verhalten wirkt sich die Schule positiv aus: Sie legt einen Teil ihrer Widerspenstigkeit ab. Wie die anderen Mädchen in ihrer Schule weiß sie, wie wichtig es für das spätere Fortkommen ist, gute Leistungen zu erzielen. Die Zeit dafür ist günstig, denn anders als früher setzt man sich nun ein für eine höhere Bildung von Mädchen, auch wenn dies nur diejenigen aus den so genannten »besseren« Schichten betrifft. Das Leistungsprinzip herrscht vor, für bessere Leistungen gibt es Prämien. Ist man einige Jahre hindurch fleißig und zeigt ausreichende Begabung, hat man jetzt auch als Mädchen die Möglichkeit, das Abitur zu machen.

Edith Stein ist fleißig und strebsam, und doch entschließt sie sich 1906, bevor sie in die Oberstufe des Lyzeums aufgenommen wird, die Schule zu verlassen und nach Hamburg in den Haushalt ihrer Schwester Else zu gehen. Sie selbst sagt später zu dieser Entscheidung: »Zum Teil lag es wohl daran, dass mich mancherlei Fragen, vor allem weltanschauliche, zu beschäftigen begannen, von denen in der Schule wenig die Rede war.«3 Hierin zeigt sich ein bereits jetzt, mit fünfzehn Jahren, stark ausgeprägter Charakterzug: der Wille zur geistigen Unabhängigkeit und der Wunsch nachzudenken, um mit sich ins Reine zu kommen. In der Schule nimmt stures Auswendiglernen die meiste Zeit in Anspruch, es muss gebüffelt werden. Doch für Menschen mit einem Sinn für Fragen, die über den reinen Lernstoff hinausgehen, bietet die Schule nicht genügend Zeit und Raum. Edith Stein denkt zu dieser Zeit viel über den Glauben ihrer Familie nach. Sie nimmt wahr, wie wenig echten Anteil ihre Geschwister an den religiösen Riten nehmen. Sich selbst bezeichnet sie in dieser Zeit als Atheistin.

Edith Stein hat großes Glück mit ihrer Mutter, die sie nicht zwingt, in der Schule zu bleiben, und sie die Reise nach Hamburg antreten lässt. Zehn Monate verbringt sie im Haus der Schwester und deren Mann, einem Arzt. Edith Stein darf nach Herzenslust in den vielen Büchern lesen, die es in diesem Haushalt gibt. Religiöses Leben spielt in dieser Familie kaum eine Rolle, sodass ihr Gast sich auch in dieser Beziehung frei fühlen kann. Nach den zehn Monaten kehrt Edith Stein nach Breslau zurück und bereitet sich auf die höhere Schule vor. Sie muss hart arbeiten, freut sich aber, so richtig gefordert zu sein und zeigen zu können, was in ihr steckt. Sie schafft die Aufnahmeprüfung, ist in der Klasse bald die Beste und besteht das Abitur glänzend. Der Rektor der Schule hat für diese besondere Schülerin einen treffenden Spruch parat: »Schlag an den Stein, und Schätze springen hervor.«4

Neben der Schule pflegt Edith Stein noch andere Interessen: Sie besucht sehr gern das Theater und die Oper. Zu ihren Lieblingsopern gehört Fidelio von Beethoven. »Ein bevorstehender Theaterabend war mir ein leuchtender Stern, der allmählich näher kam. Ich zählte die Tage und Stunden, die mich noch davon trennten.«5

Nach dem Abitur besucht sie ihren Onkel David in Chemnitz, von Beruf Apotheker und innerhalb der Familie eine Respektsperson. Er sähe es am liebsten, wenn alle seine Nichten Ärztinnen würden. Edith Stein zeigt aber natürlich auch hier, dass sie ihren eigenen Kopf hat. Sie möchte unter allen Umständen Philosophie studieren, weiß jedoch auch, dass man mit diesem Fach nur eine Universitätslaufbahn, und dies bedeutet die Habilitation, anstreben kann. Für Frauen ist es bislang aber nicht möglich, sich zu habilitieren. Also bleibt die Philosophie zunächst Nebenfach, und Edith Stein wählt Germanistik und Geschichte mit dem Ziel, Lehrerin zu werden. Erna hingegen erfüllt dem Onkel seinen Wunsch und studiert Medizin.

Germanistik und Geschichte interessieren Edith Stein zwar, doch im Grunde gilt ihre Leidenschaft der Philosophie – hier liegt ein Feld vor ihr, auf dem sie experimentieren und zeigen kann, was in ihr steckt. Vom ersten Semester an belegt sie Vorlesungen und Seminare in diesem Fach. Wie enorm ihr Arbeitspensum ist, wie viel an Vorbereitung und Hausarbeiten sie leistet, fällt ihr kaum auf, denn es überwiegt die Dankbarkeit, überhaupt studieren zu dürfen.

Stein ist beliebt und hat viele Freundinnen und Freunde. Daneben hält sie engen Kontakt zu ihrer Familie. Eine gute Beziehung besteht nach wie vor zu ihrer Schwester Erna, die mit dem Mediziner Hans Biberstein befreundet ist. Zusammen mit der Medizinerin Lilli Platau und der Naturwissenschaftlerin Rose Guttmann unternimmt sie viele Wanderungen. Eine enge Freundschaft verbindet Stein auch mit der Protestantin Käthe Scholz, einer temperamentvollen und lebenslustigen Frau. Die beiden diskutieren intensiv über weltanschauliche Fragen, wobei die konfessionelle Zugehörigkeit keine Rolle spielt, dafür aber vor allem politische Aspekte besprochen werden. Käthe Scholz ist konservativer als Edith Stein, die sich stärker für Frauenfragen engagiert und Mitglied des »Preußischen Vereins für Frauenstimmrecht« wird. Im Zentrum stehen Fragen wie die nach der Entscheidung der Frauen für Familie oder Beruf und der Förderung weiblicher Intelligenz. Den preußischen Staat als solchen kritisiert Stein nicht und folgt hierbei der politischen Grundhaltung ihrer Eltern. Dem sehr stark ausgeprägten Nationalismus, dem Käthe Scholz huldigt, steht sie allerdings kritisch gegenüber.

Intellektuell ist Edith Stein das Universitätsmilieu in Breslau bald zu eng. Ihr Denken will über das hinaus, was sie hier lernen kann. Bei ihrer Arbeit stößt sie immer wieder auf einen Namen: Edmund Husserl. Dessen Logische Untersuchungen sind in der philosophischen Szene dieser Zeit in aller Munde. Ein Kommilitone erzählt Stein von Professor Husserl und der philosophischen Richtung, die er begründet hat und »Phänomenologie« nennt. Außerdem hört sie von der Husserl-Schülerin Hedwig Martius, die bereits ein hohes Ansehen in der Forschung genießt, ein Hinweis darauf, dass Husserl auch Frauen fördert, was in Stein eine ungemeine innere Erregung hervorruft. Sie wittert die Chance ihres Lebens und hofft, endlich einen Lehrer gefunden zu haben, mit dessen Hilfe sie einen entscheidenden Schritt im Denken tun kann.

Husserl lehrt in Göttingen, wohin es viele philosophiebegeisterte Studenten zieht. Was aber genau im Denken Husserls übt eine derartige Faszination aus? Seine Denkmaxime lautet: »Zu den Sachen selbst.« Unterschiedlichste »Sachen«, die Husserl als »Phänomene« bezeichnet, nehmen wir wahr, sie gehören zu unserer Wirklichkeit. Der Ausdruck »Phänomen« kommt vom griechischen Wort phainomenon, was wörtlich übersetzt »das Erscheinende« bedeutet. Um diese Phänomene geht es in Husserls Philosophie. Ihnen sollen wir uns auf eine direkte Weise zuwenden, ohne vorgefasste Theorien oder Meinungen. Schließlich haben wir sowohl im Alltag wie auch in der Wissenschaft ständig mit Phänomenen zu tun. Immer sind da Dinge, die wir wahrnehmen und die wir begreifen wollen. Die Naturwissenschaften haben mit Naturphänomenen zu tun, die Psychologie beschäftigt sich mit seelischen Phänomenen und die Medizin forscht über Krankheitsbilder. Wenn man im Alltag über einen anderen Menschen staunt, sagt man vielleicht zu ihm: »Du bist schon ein Phänomen.« Ausdrücke wie »ein phänomenal gutes Essen« oder »eine phänomenal schwere Mathearbeit« zeigen, dass eine bestimmte Sache dem, der damit zu tun hat, besonders nahegeht, ihm sehr stark bewusst wird. Darum geht es Edmund Husserl mit seiner Phänomenologie, der Lehre von den Phänomenen.

Die nächste Frage ist die nach der Art und Weise, wie wir die Sachen wahrnehmen. Der Schwerpunkt liegt nun auf der Tätigkeit. Was uns selbstverständlich erscheint, stellt Husserl infrage. Selbstverständlich haben wir ein Bewusstsein und selbstverständlich ist da die so genannte Außenwelt (die Objekte), die auf irgendeine Weise in unserer bewussten Wahrnehmung (im Subjekt) auftritt. Vor allem im 19. Jahrhundert war man davon ausgegangen, dass Außenwelt und Innenwelt streng voneinander unterschieden sind, dass aber alles, was wir wahrnehmen können, im Inneren des Bewusstseins für uns da ist. Das menschliche Bewusstsein nimmt also eine Vorrangstellung ein.

Husserl versucht nun, den Phänomenen selbst eine größere Bedeutung einzuräumen, indem er sagt, dass das Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas ist. Das Bewusstsein ist nie leer, sondern immer gerichtet auf eine Sache. Husserl betont den Charakter des Gerichtetseins. Innen- und Außenwelt sind also nicht zunächst getrennt, um dann in eine Beziehung zu treten, sondern Innen- und Außenwelt stehen immer schon in einer Beziehung zueinander. Früher sprach man im philosophischen Fachjargon von der so genannten Subjekt-Objekt-Spaltung. Genau diese Ansicht hinterfragt Husserl und kommt zu einer anderen Meinung. Für ihn existiert eine solche Subjekt-Objekt-Spaltung gar nicht. Im Gerichtetsein des Bewusstseins ist es möglich, die Dinge so zu erkennen, wie sie sind, unabhängig von jeder subjektiven Meinung. Husserl ist ein sehr exakter Denker und gerade dies gefällt seinen Schülern. Die Phänomenologen sind Realisten und sie sind radikal. Es ist diese Art von Radikalität, die Edith Stein anspricht und die sie lange gesucht hat.

Im April 1913 reist Stein nach Göttingen. Sie findet zusammen mit der Freundin Rose Guttmann, die sie überreden konnte, ihr Studium ebenfalls in Göttingen fortzusetzen, ein idyllisch gelegenes Zimmer. In der Nähe ist eine kleine Kirche, die dreimal am Tag den Angelus läutet, Zeichen für eine gewisse Ordnung im Tagesablauf, die Edith Stein für ihre innere Ausgeglichenheit braucht. Der Tag muss strukturiert sein, sonst verliert sie leicht den Halt.

 

Göttingen hat einen guten Ruf als Universitätsstadt. Hier lebten und arbeiteten viele bedeutende Gelehrte, überall in der Stadt sind Gedenktafeln angebracht. Auch Bismarck hat hier studiert. Das Verhältnis zwischen Studenten und Professoren ist streng geregelt, und zu einer Berühmtheit wie Edmund Husserl kann man nicht einfach so hingehen. Edith Stein sucht zuerst den Privatdozenten Dr. Adolf Reinach auf, Husserls rechte Hand, der ihr einen Sprechstundentermin bei Husserl besorgt. Husserl fragt Fräulein Stein, ob sie denn schon etwas von ihm kenne. Als sie ihm antwortet, sie habe den ganzen zweiten Band der Logischen Untersuchungen gelesen, ist der Herr Professor verblüfft und bezeichnet die immense Leseleistung als Heldentat: Edith Stein ist bei ihm aufgenommen. Husserl ist nicht uneitel und fühlt sich geschmeichelt durch das Interesse und den Ehrgeiz dieser Studentin.

Husserl sperrt sich nicht gegenüber kritischen Fragen und Einwänden und steht im Ruf, ein dialogbereiter Lehrer zu sein. Allerdings wissen seine Studentinnen und Studenten auch, dass sie selbst etwas bieten müssen. Der Professor hat einen hohen Anspruch und setzt Kenntnisse voraus. Einführungen gibt er keine. Stein kann das nur recht sein. Sie hat eine Art Heimat für ihren Geist gefunden und ist lernbegierig. Neben der Philosophie vernachlässigt sie das »Brotstudium« jedoch nicht, sondern hört weiterhin auch Vorlesungen in Germanistik und Geschichte.

Stein besucht die philosophischen Vorlesungen und Seminare und geht zu den Treffen der »Philosophischen Gesellschaft«, die 1907 von Husserls Schülern gegründet worden ist. Auch in diesem Kreis hält Stein mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg. Da ihre Antworten zeigen, wie gescheit sie ist, hat sie schnell Neider und vor allem Neiderinnen. So lädt man sie zu den privaten Treffen der Phänomenologen nicht ein. Dabei könnte sie so vieles beisteuern. Das Konkurrenzdenken, besonders unter den Frauen in diesem Kreis, ist immens und Stein leidet darunter. Mit der Zeit findet sie jedoch unter den Meisterschülern des Professors Freunde. Einer von ihnen ist der Pole Roman Ingarden, der sich jederzeit für sie einsetzen wird, auch in schwierigen Zeiten.

Edith Stein ist eigentlich nur für das Sommersemester 1913 nach Göttingen gekommen. Nun merkt sie, dass sie nicht mehr zurück nach Breslau kann. Sie entschließt sich, bei Husserl zu promovieren, falls er sie nimmt. Ein Thema hat sie sich bereits überlegt: »Darum war ich nicht in Verlegenheit. In seinem Kolleg über Natur und Geist hatte Husserl davon gesprochen, dass eine objektive Außenwelt nur intersubjektiv erfahren werden könne, d. h. durch eine Mehrheit erkennender Individuen, die in Wechselverhältnis miteinander stünden.«6

Sie schlägt Husserl vor, über das Problem der Einfühlung aus phänomenologischer Sicht eine Dissertation anzufertigen. So arbeitet Edith Stein doppelt: für die Dissertation und für das Staatsexamen. Sie ist glücklich, denn sie hat eine erfüllende Arbeit gefunden, Freunde, mit denen sie die Freizeit verbringen kann, und ist umgeben von einer schönen Landschaft. So kann sie das Studentinnenleben in seiner Mischung aus Arbeit, Diskussion und Freude an der Natur genießen.

Nach dem Sommersemester 1913 wohnt Stein allein, denn ihre Freundin Rose ist nach Breslau zurückgekehrt. Einsamkeitsgefühle beschleichen sie, aber sie hat so viel zu tun, dass sie ihnen nicht nachkommen kann. »Bücher nützten mir nichts, solange ich mir die fragliche Sache nicht in eigener Arbeit zur Klarheit gebracht hatte.«7 So arbeitet Stein Tag und Nacht.

Im nächsten Sommersemester findet sie eine neue Freundin, die fünfunddreißigjährige Toni Meyer, die in Göttingen phänomenologische Studien betreiben will. Steins Studentinnenleben bleibt unbeschwert, bis am 28. Juni 1914 das österreichische Thronfolgerpaar in Sarajewo ermordet wird und der Erste Weltkrieg beginnt.

Viele der Kommilitonen werden eingezogen oder melden sich freiwillig. Stein möchte sich dem Roten Kreuz zur Verfügung stellen und macht einen Krankenpflegekurs. Sie erkrankt jedoch an einem Bronchialkatarrh und geht zurück nach Göttingen. Um sich nicht ganz unnütz vorzukommen, beteiligt sie sich an Strickaktionen der Kommilitoninnen, obwohl sie keine große Begabung für Handarbeiten hat. Man schickt das Gefertigte an die Studienfreunde im Feld. Husserl hält weiterhin Vorlesungen, und auch Edith Stein führt ihr Studium fort.

Anfang 1915 macht sie ihr Staatsexamen mit Auszeichnung, doch zum Feiern bleibt keine Zeit. Bald schon meldet sie sich zum Dienst in einem Lazarett in Mährisch-Weißkirchen, wo sie auch die Arbeit im Operationssaal nicht scheut.

Im Herbst kehrt Stein nach Breslau zur Familie zurück und bleibt dort einige Monate, bevor sie, wieder in Göttingen, erfährt, dass Husserl einen Ruf nach Freiburg im Breisgau erhalten hat.

Edith Stein kann Husserl noch nicht folgen, weil in Breslau dringend Lehrerinnen gebraucht werden, eine Aufgabe, die Stein annimmt, obwohl sie keinerlei schulpraktische Erfahrung hat. Nebenher arbeitet sie bis zur physischen Erschöpfung an ihrer Dissertation, die immer umfangreicher wird. Um Ostern 1916 ist die Arbeit fertig.

Stein geht darin von der Tatsache aus, dass wir Menschen uns nie in einem Zustand reiner Ichhaftigkeit befinden, also nie abstrakte Personen sind. Grundlegend wichtig ist die große Bedeutung, die sie dem Körper gibt, wenn es um die Charakterisierung der Einfühlung geht. Der Körper ist kein Hinderungsgrund für eine Erkenntnis des anderen Menschen, im Gegenteil. Wenn zum Beispiel jemand errötet, nehmen wir seine Scham wahr, wenn er die Faust ballt, sehen wir, dass er zornig ist. Einfühlung heißt auch Wahrnehmung von Zeichen, die der Körper gibt. Dabei kann es natürlich vorkommen, dass ich diese Zeichen falsch interpretiere. Eine Täuschung ist nie auszuschließen. Es kann sich bei der anderen Person durchaus auch um das eigene Ich handeln. Wenn ich in meine eigene Vergangenheit zurückgehe, habe ich mich selbst quasi als andere Person vor Augen. Außerdem kann es vorkommen, dass jemand anderer mich besser erkennt, als ich mich selbst wahrnehme. So kann es zum Beispiel sein, dass man einem anderen etwas Gutes tut und dabei nicht bemerkt, dass es einem dabei auch darauf ankommt, gelobt zu werden.

Im dritten Teil der Dissertation wendet sich Stein der »Einfühlung geistiger Personen« zu. Sie hat dabei eine Grundlegung der Geisteswissenschaften im Auge. Kritisch betrachtet sie die naturwissenschaftliche Methode, mit der man ihrer Meinung nach Geistiges nicht erfassen kann. Übertragen auf die Geschichte heißt das, eine historische Figur kann uns nie über Daten und Fakten wirklich nahekommen. Wir müssen uns in sie als Person einfühlen können. Schüler bemängeln ja oft, dass im Unterricht die Fakten viel zu stark im Vordergrund stehen und eine lebendige Geschichte mit Menschen aus Fleisch und Blut nicht erfahrbar wird. Genau hier setzt Stein an.

Ich und die anderen, das ist das große Thema von Edith Steins Philosophie. Sie möchte philosophisch durchleuchten, was zwischen den Menschen geschieht, indem sie das von Husserl Gelernte auf ihr Thema anwendet. Zwischenmenschlichkeit lautet das »Phänomen«, das sie interessiert und das sie in all seinen Facetten auffächert. So stellt sich zum Beispiel auch zwischen mir und einer Figur, der ich in einem Buch begegne, eine Art »Zwischenmenschlichkeit« her, auch in sie fühle ich mich ein.

 

Stein bereitet sich auf ihre mündliche Doktorprüfung vor und ist damit völlig ausgelastet. Husserl liest nun endlich ihre Arbeit und weiß die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit ihres Denkens zu schätzen. Er merkt, dass er in Stein nicht nur eine Anhängerin seiner Philosophie vor sich hat, sondern eine Studentin, die einen eigenen, eigenwilligen philosophischen Weg einschlägt. Heute fällt es schwer, sich vorzustellen, was es zu Anfang des 20. Jahrhunderts für eine Frau bedeutete, in ihrem Denken akzeptiert zu werden. Edith Stein hat großes Glück, dass Husserl in diesem Punkt Toleranz zeigt.

Im Hause des Professors lernt Stein den jungen Martin Heidegger kennen. Dieser ist zwar auch mit der Phänomenologie verbunden, gehört aber nicht zum engeren Kreis der Husserl-Schüler und es ergibt sich keine nähere Bekanntschaft.

Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass Husserl einen Assistenten sucht. Die Arbeitsweise des »Meisters«, wie ihn seine Schüler nennen, ist sehr unsystematisch. Er schreibt seine Gedanken vielfach auf Zettel und dazu noch in der sogenannten Gabelsbergerschen Kurzschrift. Zum Ordnen kommt er dann praktisch nicht mehr, deshalb soll das jemand anders für ihn übernehmen. Auf einem Spaziergang mit Husserl macht Stein ihm das Angebot, sich dieser Aufgabe zu stellen. Husserl ist glücklich wie ein Kind und führt mit seiner »Assistentin« mitten auf der Straße eine Art Freudentanz auf. Allerdings besteht Klarheit darüber, dass sie für ihre Arbeit nicht viel Geld bekommen wird.

Im August 1916 legt Stein das Rigorosum, die mündliche Doktorprüfung, ab und erhält die Gesamtnote »summa cum laude«, die beste Beurteilung, die man bekommen kann und die normalerweise den Freibrief zur Habilitation und damit zur Professorenlaufbahn bedeutet – wenn man als Mann zur Welt kam.

Bevor sich Edith Stein Gedanken macht über ihre weitere akademische Laufbahn, feiert sie erst einmal ihren Erfolg und genießt es, einen Kranz aus Efeu und Margeriten aufgesetzt zu bekommen. Husserl, der abends in seinem Haus ein Essen gibt, freut sich mit seiner Schülerin.

Im Oktober 1916 zieht Stein nach Freiburg, um ihre Tätigkeit bei Husserl aufzunehmen. Die Aufgabe gestaltet sich nicht gerade einfach: Stein muss die manchmal reichlich zusammenhanglosen Textfragmente des Philosophen in die richtige Ordnung bringen und leistet eine enorme Denkarbeit, die der »Meister« in keiner Weise honoriert. Er sieht sich die Ausarbeitung seiner Assistentin nicht einmal an, sondern sitzt bereits über der Ausarbeitung neuer Gedankengänge. Stein selbst sieht ihre Arbeit keineswegs nur als Dienst am Meister. Sie ist überzeugt davon, dass sie die Gedankensplitter so zusammenfügt, dass ein für die Leser verständlicher Text entsteht. Ihr Selbstvertrauen, was ihre philosophische Begabung betrifft, ist groß.

Stein »darf« über ihre Entzifferungstätigkeit hinaus einen phänomenologischen Anfängerkurs abhalten. Was ihr allerdings verwehrt bleibt, ist die Möglichkeit einer Habilitation. In diesem Punkt endet Husserls Einsatz für die akademische Laufbahn seiner begabten Studentin, denn er ist wie die meisten seiner Kollegen der Meinung, eine Habilitation »schicke« sich nicht für Frauen. Das Verhältnis zwischen ihm und Edith Stein wird dadurch zunehmend angespannt.

Zum Glück gibt es jemanden, dem Stein sich vorbehaltlos anvertrauen kann: Roman Ingarden, der zwei Jahre jünger ist als Stein, aus Krakau kommt und wie seine Kommilitonin Professor Husserl nach Freiburg gefolgt ist. Eine sehr herzliche, warme Beziehung entsteht. Ingarden liest Steins Dissertation und schreibt eine ausführliche Kritik. Stein antwortet schriftlich, trotz der räumlichen Nähe: »Dass ich es lernen muss, in die Tiefe zu gehen, ist mir auch längst fühlbar geworden. Ich glaube allerdings, dass hier der wunde Punkt meiner Begabung liegt. Ich arbeite im Grunde mehr mit dem armseligen Verstande als mit intuitiver Veranlagung, vielleicht bin ich gerade deshalb zur Assistentin des Meisters geeignet.«8

Edith Stein ist eine sehr strenge Denkerin, deren Analysen klar und durchsichtig sind. Dass es ihr dennoch nicht an Emotionalität mangelt, zeigen immer wieder ihre Reaktionen auf Husserls Ansprüche. Sie wehrt sich dagegen, seine »Dienerin« zu sein, die ohne Widerspruch gehorcht. Vielleicht ahnt sie auch, dass die Arbeit, die sie hier zu machen hat, ihr eigenes denkerisches Fortkommen nicht nur fördert, sondern manchmal sogar eher behindert und gefangen hält im Nachvollzug der Gedanken eines anderen. Stein möchte ihre philosophischen Ideen unbedingt systematisch weiterentwickeln.

Über all dies spricht sie mit Roman Ingarden. Die Beziehung zwischen den beiden wird immer intensiver. Zumindest von Steins Seite ist Liebe im Spiel. Am 24. Dezember 1917 schreibt sie: »Mein Liebling, diesen Abend möchte ich noch einmal bei Dir sein und Dir manches sagen, was ich Dir schuldig geblieben bin.«9 Näheres über die Art der Beziehung können wir den spärlichen Quellen nicht entnehmen, nur, dass Stein sich in einer Krise befindet, sich unsicher ist, wohin ihr Weg sie führen wird.

Der Krieg, in dem so mancher ihrer Kommilitonen gefallen ist, bedrückt sie und ihre Assistentinnentätigkeit bei Husserl ist nicht weniger deprimierend. Roman Ingarden ist inzwischen in seine Heimat Polen zurückgekehrt, ebenfalls sehr niedergeschlagen. Am 28. Februar 1918 »kündigt« Stein bei Husserl. Er akzeptiert, ihm bleibt nichts anderes übrig. Was Stein in der Arbeit bei Husserl vermisste, lässt sich mit ihren eigenen Worten am besten ausdrücken: »Wo eine Person der anderen als Subjekt dem Objekt gegenübertritt, sie erforscht und auf Grund der gewonnenen Erkenntnis planmäßig ›behandelt‹ und ihr beabsichtigte Wirkungen entlockt, da leben sie in Gesellschaft zusammen. Wo dagegen ein Subjekt das andere als Subjekt hinnimmt und ihm nicht gegenübersteht, sondern mit ihr lebt und von seinen Lebensregungen bestimmt wird, da bilden sie miteinander eine Gemeinschaft.«10 Edith Stein hätte gern mit dem Lehrer in einer Gemeinschaft gearbeitet, in der jeder ernst genommen wird. Sie fühlt sich von Husserl wie ein Objekt behandelt, mit dem man rechnen kann und über das man bestimmt.

Inzwischen bricht in Deutschland die alte Ordnung zusammen. Der Krieg ist verloren, Kaiser Wilhelm II. ins Exil nach Holland gegangen. Stein leidet darunter wie alle anderen. Sie hat immer starken Anteil genommen am Schicksal ihres Landes. Wenn ihr auch der Wirbel um den Kaiser übertrieben schien, so war sie doch eine Patriotin gewesen. Dem Neuen, das im Entstehen begriffen ist, steht sie gleichwohl positiv gegenüber. In ihrem Innern herrscht eine Mischung aus Trauer und Zuversicht. Erneut stürzt sie sich in die Arbeit und schreibt ein Werk mit dem Titel Beiträge zur philosophischen Begründung der Psychologie und der Geisteswissenschaften. Mit ihrer Dissertation zum Thema Einfühlung hat sie ja bereits ihr Interesse an psychologischen Themen bekundet. Begründen lässt sich das aus Edith Steins Sicht damit, dass in der Psychologie von Spekulationen abgesehen und das tatsächlich Erkennbare in den Blick genommen werden muss. Auch hier heißt ihrer Meinung nach die Devise: »Zu den Sachen selbst.«

Edith Stein richtet nun den philosophischen Blick auf den Bewusstseinsstrom, also das, was unser bewusstes Leben ausmacht und beeinflusst. Wir werden durch Wahrnehmungen bewegt und reagieren auf eine bestimmte Weise. Beispielsweise empfindet jemand an einem Frühlingstag Licht und Wärme als sehr angenehm, was allerdings auch zusammenhängt mit der individuellen und momentanen Verfassung dieser Person. Einem Menschen, der deprimiert ist, kann ein Frühlingstag sogar auf die Nerven gehen, ihm wäre es lieber, es wäre kalt und regnerisch. Stein nennt dies »Lebensgefühl«. Es herrscht eine gewisse Kausalität in diesem Bereich: Die äußeren Eindrücke beeinflussen das Erleben, aber andererseits beeinflusst auch die Art des Erlebens die Aufnahme äußerer Eindrücke. Eine gegenseitige Abhängigkeit ist zu beobachten. Stein geht es aber darum, zu schauen, wo das unabhängige geistige Leben anfängt. Sie stellt die Frage nach der Freiheit des Menschen. Einen Anfang dafür sieht sie in dem, was sie Motivation nennt. Die Psyche wird durch etwas, das sie als wertvoll erkannt hat, motiviert, und diese Motivation mündet schließlich in eine Handlung. Absolute Freiheit herrscht jedoch auch hier noch nicht. Häufig sind auf diesem Gebiet die verschiedensten Voreingenommenheiten zu finden, die die Motivation zu einer Handlung färben. Ein Stück weiter in Richtung Freiheit reicht für Stein der »Vorsatz«, weil in diesem Fall ein Mehr an Willenskraft im Spiel ist. Vorsätzlich handelt nur derjenige, der die Handlung aus starker Überzeugung heraus will.

Edith Stein geht in ihren Überlegungen vom »Normalmenschen« aus. Wie sieht sein bewusstes Leben aus, wovon wird es angetrieben, wie kommt es überhaupt zu Handlungen? Der Horizont, vor dem sie fragt, ist allerdings ein anderer. Was sie letztlich und auf dem Umweg über diese eher handlungstheoretischen Fragen philosophisch interessiert und antreibt, ist der Wunsch, etwas herauszufinden über die Möglichkeit des Menschen, im absoluten Sinn frei zu sein. Mit der Untersuchung dieser Frage steht sie aber denkerisch noch ganz am Anfang.

Stein hat den Gedanken an eine Habilitation noch nicht aufgegeben. Dabei denkt sie noch immer an Husserl, der ja eigentlich als liberal eingestellter Mann gilt und den Frauen gewisse Rechte einräumt. Er schreibt für Stein zwar ein glänzendes Gutachten, dessen letzte Zeilen einen aber vorsichtig aufhorchen lassen: »Sollte die akademische Laufbahn für Damen eröffnet werden, so könnte ich sie an allererster Stelle und aufs Wärmste für die Zulassung zur Habilitation empfehlen.«11 Der Herr Professor kann also nicht über seinen Schatten springen. So mutig er im Denken ist – die gesellschaftliche Ordnung will er auf keinen Fall umstoßen, und was nicht üblich ist, lässt sich nicht erzwingen. Stein versucht ihr Glück in Göttingen, Kiel und Hamburg: vergebens. Man hat etwas gegen Frauen im akademischen Betrieb und manchmal auch etwas speziell gegen Husserl-SchülerInnen.

 

Edith Stein arbeitet weiter. Das Thema Gesellschaft und Gemeinschaft, mit dem sie sich seit der Dissertation beschäftigt, liegt ihr nun verständlicherweise verstärkt am Herzen. Hat sie doch gerade schmerzlich erfahren, wie die Gesellschaft mit Akademikerinnen umgeht. Sie hat Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, in der ein Mensch den anderen wahrnimmt und anerkennt, unabhängig von Geschlecht, Herkunft, denkerischer Ausrichtung und anderen Faktoren.

Stein arbeitet meistens zu Hause in Breslau. Daneben bietet sie in einem privaten Rahmen Kurse in Phänomenologie an, zu denen sich bis zu fünfzig Personen versammeln. Über die nun endlich zustande gekommene Ehe zwischen Schwester Erna und Hans Biberstein kann sie sich freuen, denn am Leben Ernas hat sie immer aufrichtigen Anteil genommen. Sie selbst befindet sich gerade wieder in einer neuen Liebesgeschichte. Hans Lipps heißt der Auserwählte, ein Schüler Husserls, der mit dem Meister gerade einen Konflikt auszutragen hat. Stein stellt sich auf Lipps’ Seite, der angetan zu sein scheint von der angehenden Philosophin, mehr aber offensichtlich nicht.

Stein ist uneins mit sich. Wohin soll sie sich wenden? Wie könnte ihre Zukunft aussehen? Wo wäre eine Gemeinschaft in ihrem Sinn zu verwirklichen? Der Bereich eines reinen, freien Geistes beschäftigt sie, doch wie ihm nahekommen? Es erscheint fast folgerichtig, dass Stein zu diesem Zeitpunkt beginnt, sich mit dem Christentum auseinanderzusetzen. Sie liest ein Buch des Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, der in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte und geistige Übungen für die Christen niedergeschrieben hat. Diese Übungen umfassen dreißig Tage, in denen der Christ sein Gewissen erforschen soll, sich die Hölle vorzustellen hat, aber auch die Gnade Gottes. Der Gnade wird er gewahr, indem er sich in den Lebensweg von Jesus »einfühlt«. Damit wäre eine unmittelbare Nähe zu einem der Grundthemen Edith Steins hergestellt. Durch Einfühlung also kann sich nach der Vorstellung Ignatius’ von Loyola der Mensch Jesus nähern. Dieser Gedanke muss Stein imponieren und ihr Auftrieb geben. Sie hat sich nicht zu entfernen von ihrem bisherigen Denkweg, wenn sie einen Bezug zum Christentum herstellen möchte. Es bedarf keiner philosophischen Kehrtwendung, um mit Jesus in Kontakt zu kommen.

 

Bereits im Sommer 1920 hat Stein eine wichtige Bekanntschaft geschlossen, die sich immer mehr zu einer engen Freundschaft entwickelt: Sie hat die Phänomenologin Hedwig Conrad-Martius kennengelernt. Den Sommer 1921 verbringt sie in Bergzabern im Haus von Hedwig und deren Mann Theodor. Trotz der Krise, in der sie sich befindet, fühlt sich Edith Stein bei den beiden wohl und hilft ihnen, ihr Obstgut zu bewirtschaften. In dieser Zeit und im Haus der Freundin fällt ihr wahrscheinlich die Autobiografie der Teresa von Ávila in die Hände. Teresa wurde 1515 geboren und gründete den Orden der »Unbeschuhten Karmeliterinnen«. Ihr Leben lang strebte sie nach christlicher Vollkommenheit. Gleichzeitig war sie eine wache Beobachterin der Politik und eine unerbittliche Kritikerin des damaligen spanischen Königs Philipps II. Bei dieser Frau findet Edith Stein etwas von dem, was sie selbst sucht: Absolutheit im Denken und im Handeln.

Die Radikalität Teresas von Ávila spricht Edith Stein aus der Seele, und ihr wird nun klar, dass sie den christlichen Glauben annehmen, aber nicht wie Hedwig Conrad-Martius Protestantin, sondern Katholikin werden will. Vieles kommt in diesem entscheidenden Moment ihres Lebens zusammen: Die Möglichkeit der Habilitation scheint ein für alle Mal ausgeschlossen, Hans Lipps hat sich ganz von ihr gelöst, das Christentum übt eine wachsende Faszination auf die Denkerin aus. Für Edith Stein selbst bedeutet das Nachdenken über die Freiheit der Person nun mehr als all die anderen Themen, mit denen sie sich bisher beschäftigt hat.

Warum jemand in einer bestimmten Situation so und nicht anders handelt, ist schwer auszumachen. Vielleicht hätte sich Steins eigenes Leben anders entwickelt, wenn sie Philosophieprofessorin an einer Universität hätte werden können oder wenn sie geheiratet hätte, was sie sich im Fall von Hans Lipps durchaus hätte vorstellen können. Aber nun ist alles anders gekommen: Am ersten Januar 1922 lässt Edith Stein sich taufen.

Schwerer als alles andere ist es, ihrer Mutter diesen Schritt zu beichten und zu erklären. Die ist entsetzt, und mehr noch, sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie meint, ihren Kindern den jüdischen Glauben nicht intensiv genug nahegebracht zu haben. In der ersten Zeit nach Edith Steins Geständnis verbietet sie ihrer Tochter sogar das Haus. Auch über ein Gespräch kommt es nicht zum gegenseitigen Verständnis. Doch es ist nicht nur die Mutter, die nicht versteht, auch Edith ist so überzeugt von der Wahrheit ihres neuen Glaubens, dass sie die Brücke nicht schlagen kann. Zwei radikale und konsequente Frauen treffen aufeinander, jede zeigt sich ganz und gar erfüllt von ihrer Religion. Zwischen ihnen klafft ein Spalt, den selbst die Liebe, die sie füreinander empfinden, nicht schließen kann.

 

Für Edith Stein beginnt ein neues Leben. Sie wird es mit der gleichen Radikalität leben wie das vergangene. Die wissenschaftliche Arbeit hat zunächst einmal zu ruhen. Stein unterrichtet Deutsch und Geschichte im Lehrerinnenseminar der Dominikanerinnen in Speyer, wo sie nur ein winziges Zimmerchen bewohnt, aber wegen der großen räumlichen Nähe die Möglichkeit hat, so oft in die Kirche zu gehen, wie sie möchte. Und jetzt, so kurz nach dem Übertritt zum Katholizismus, tut sie nichts lieber: »Konnte sie es möglich machen, bei Gelegenheit drei heilige Messen nacheinander mitzufeiern, so sah man sie während aller hl. Messen in ehrfürchtiger, straffer Haltung – nie ein Anlehnen, nie ein Sitzen. Und in jeder heiligen Messe folgte sie mit großer Andacht allen Gebeten des Priesters.«12

Von 1923 bis 1931 ist Edith Stein als Lehrerin in Speyer tätig. Ihre Schülerinnen sind beeindruckt von ihrer starken Persönlichkeit und ihrer wachen Intelligenz. Zur eigentlich philosophischen Tätigkeit kehrt sie zurück, als sie ihre Beschäftigung mit Thomas von Aquin (um 1225  1274) beginnt. Stein kann den möglichen Eintritt ins Kloster sehr gut verbinden mit dem Wunsch, sich auch weiterhin der Philosophie zu widmen. »In der Zeit unmittelbar vor und noch eine ganze Weile nach meiner Konversion habe ich nämlich gemeint, ein religiöses Leben führen heiße, alles Irdische aufgeben und nur in Gedanken an göttliche Dinge leben. Allmählich habe ich aber einsehen gelernt, dass in dieser Welt anderes von uns verlangt wird und dass selbst im beschaulichsten Leben die Verbindung mit der Welt nicht durchschnitten werden darf ...«13

Philosophie ist für Edith Stein ganz im Sinne von Husserl und Thomas von Aquin »strenge Wissenschaft«. »Es ist dabei nicht an eine Analogie mit irgendeiner anderen Wissenschaft zu denken. Es bedeutet nur, dass Philosophie keine Sache der Gefühle und der Phantasie, der hochfliegenden Schwärmerei oder auch der persönlichen Ansicht, sozusagen Geschmackssache, ist, sondern eine Sache der ernst und nüchtern forschenden Vernunft.«14 Was Thomas von Aquin von Husserl unterscheidet, ist, dass es bei ihm nicht nur die natürliche Vernunft gibt, sondern auch die übernatürliche, ins Göttliche reichende. Für Edith Stein ist der der Gnade Gottes zu verdankende Glaube zum ersten Prinzip geworden. Was sich daraus jedoch theoretisch ergibt, bleibt Sache der Philosophie.

Aber Edith Stein hat außer dem Philosophieren und dem Unterrichten noch andere Aufgaben. Zwischen 1928 und 1932 hält sie an verschiedenen Orten Vorträge zu Frauenfragen. Dabei interessiert sie sich nicht nur für den Gleichheitsgedanken, sondern auch für die Frage nach dem Unterschied zwischen den Geschlechtern. Stein ist der Meinung, die Frau entscheide sich in den sie betreffenden Dingen für einen persönlicheren Zugang als der Mann. Der Mann gehe viel sachlicher und unpersönlicher an die Themen heran. Um zu einer ausgewogenen Persönlichkeit heranzureifen, bedarf es nach Edith Steins Meinung beider Elemente und man sollte sachlich wissenschaftlich arbeiten können, ohne den persönlichen Aspekt zu vernachlässigen.

In ihren Vorträgen zur Frauenfrage ist Steins Ansicht oft mehrdeutig. Manche Äußerungen befremden, so etwa, wenn sie 1930 vor dem Bildungsausschuss des deutschen Katholischen Frauenbundes fordert, die Frau solle sich, da sie ihrer Natur nach zur Mutter und Gattin bestimmt sei, der Erziehung ihrer Kinder widmen und ihrem Mann gegenüber gehorsam sein. Sie selbst lebt ja gerade nicht dieser Forderung entsprechend, sondern bleibt unverheiratet und widmet sich mit ganzer Kraft einer »Männerdisziplin«, der Philosophie.

 

Im Frühjahr 1931 gibt Edith Stein ihre Lehrerinnentätigkeit in Speyer auf. Noch einmal möchte sie es mit einer Habilitationsschrift versuchen, diesmal mit einem Thema zur christlichen Philosophie. Sie arbeitet über »Akt und Potenz«, ausgehend von Thomas von Aquin. Stein setzt sich auseinander mit der Fähigkeit zu Aktivität und Selbstentfaltung. Aber sie hat wieder kein Glück: Die Habilitation bleibt ihr verwehrt, wobei jetzt zur Frauenfeindlichkeit noch der wachsende Antisemitismus hinzukommt. Stein weiß nun endgültig, dass diese Tür für sie verschlossen bleiben wird, und so verbannt sie den schönen Wunschgedanken für alle Zeit aus ihrem Kopf. Stattdessen bewirbt sie sich in Münster, wo das Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik, das unter kirchlicher Trägerschaft steht, eine Dozentin für »Fragen der Frauenbildung« sucht. Edith Stein bekommt die Stelle und hat die Aufgabe, Vorlesungen über christliche Erziehung zu halten.

Doch schon nach einem Jahr ändert sich wieder alles: Hitler wird am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt. Juden verlieren ihre beruflichen Positionen und auch Stein muss die Dozentur aufgeben. Was bleibt ihr noch? Alle Berufswünsche haben sich zerschlagen. Es ist, als ziehe sich eine Schlinge immer enger um ihren Hals. Wo ist noch ein Ort, an dem sie frei atmen kann? Zum freien Atmen braucht sie die Möglichkeit, ihre Radikalität zu leben. Es muss ein Ort sein, an dem es keine Halbheiten gibt und man alles von ihr fordert.

Edith Stein stellt sich im Juni 1933 im Kölner Karmelitinnen-Kloster vor und wird angenommen. Gerade jetzt kann ihre Familie einen solchen Schritt überhaupt nicht verstehen: Juden werden diskriminiert und bedrängt, und sie zieht sich in ein Kloster zurück. Stein selbst sieht es ganz anders: Für sie bedeutet der Eintritt ins Kloster nicht die Flucht vor der Solidarität mit ihrem Volk, sondern die Annahme des Kreuzes, das die Juden zu tragen haben, indem sie von den Nazis verfolgt werden. Und so lautet denn ihr Ordensname auch Theresia Benedicta a Cruce, die vom Kreuz Gesegnete. Dass Stein sich große Sorgen macht um ihr Volk, zeigt der Versuch einer Audienz bei Papst Pius XI. Sie ist überzeugt davon, dass ein weltweites Rundschreiben des Papstes etwas zur Rettung der Juden beitragen könnte, doch sie hat keinen Erfolg: Ein von ihr verfasstes Schreiben gelangt zwar auf den Schreibtisch des kirchlichen Oberhauptes, hat jedoch keine direkte Wirkung.

Auch nach dem Eintritt ins Kloster gibt Edith Stein das Philosophieren nicht auf. Dass ihr die Erlaubnis dazu erteilt wird, ist nicht selbstverständlich, denn die Karmeliterinnen sind ein sehr strenger, ganz auf Abgeschlossenheit und Gebet ausgerichteter Orden. Doch Edith Stein darf sogar Besuche empfangen und ihre Korrespondenz weiterhin pflegen. So weiß sie genau, was in Deutschland vor sich geht. Am 27. April 1938 stirbt Husserl in Freiburg im Breisgau. Weil er Jude war, redet fast niemand darüber. Trotz dieser traurigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung verfällt Stein nicht in Depression und Passivität. Sie beginnt mit ihrem philosophischen Hauptwerk, dem sie den Titel Endliches und ewiges Sein gibt.

Sie ist der Meinung, der Mensch, der innerhalb der zeitlichen Begrenztheit sein Leben vollziehe, erhalte eine letzte Begründung für dieses sein endliches Sein nur durch das göttliche, ewige Sein. Daher brauche die Philosophie notwendigerweise die Theologie, ohne selbst Theologie werden zu müssen. »Sie bedarf der Ergänzung von der Theologie her, ohne dadurch Theologie zu werden.«15

Wie Descartes, Augustinus oder Husserl geht Stein davon aus, dass die Gewissheit des eigenen Seins die erste Wirklichkeit für uns Menschen ist. Egal, was ich denke, wahrnehme oder empfinde – Tatsache ist der jeweilige Akt des Denkens, Wahrnehmens und Empfindens. »Diese Gewissheit des eigenen Seins ist – in einem gewissen Sinne – die ursprünglichste Erkenntnis.«16 Gerade in diesem Bewusstsein von der eigenen Wirklichkeit in der Zeit, im Bewusstsein also der eigenen Endlichkeit, drängt sich für Stein die Idee des Ewigen, nicht zeitlich Gebundenen auf. Die Idee eines unendlichen Seins ist das Gegenbild zu unserer Endlichkeit. Der Mensch findet sich als in die Welt »geworfen« vor. Hier nimmt Stein einen Ausdruck von Martin Heidegger auf. Die »Geworfenheit« bedeutet für den Menschen, nicht zu wissen, woher er kommt, sondern sozusagen überrascht zu werden von seinem Hiersein. Wenn er anfängt zu philosophieren, stellt sich ihm unweigerlich die Frage nach dem Woher. Dieser philosophierende Mensch findet keine Ruhe, er muss immer weiterfragen nach einem Grund seines Seins. Edith Stein deutet die »Geworfenheit« des Menschen als »Geschöpflichkeit«. Wir Menschen sind Geschöpfe Gottes und im Wissen darum können wir Ruhe und Halt finden, einen Sinn, der Geborgenheit vermittelt. Diesen Sinn kann der Mensch niemals selbst schaffen.

Nach Beendigung des Werkes 1937 bemüht sich Stein um eine Veröffentlichung, was aber durch die Tatsache verhindert wird, dass sie Jüdin ist. Ende 1939 gibt sie dieses Vorhaben endgültig auf und Endliches und ewiges Sein wird erst 1950 erscheinen können.

Den Mitschwestern im Kloster wird die Gefährdung Edith Steins sehr bald bewusst. Sie muss dringend in Sicherheit gebracht werden. Ende 1938 zieht sie um nach Holland in das Karmelitinnenkloster von Echt. Aber als im Mai 1940 deutsche Truppen die Niederlande besetzen, ist auch hier die Ruhe bedroht. Edith Steins Schwester Rosa, die nach dem Tod der Mutter 1936 ebenfalls der katholischen Kirche beigetreten war, flieht trotz der Gefahr ebenfalls nach Echt und übernimmt im Kloster den Pfortendienst. Erna ist in die USA emigriert, Else nach Kolumbien. So lebt die Familie in alle Winde verstreut und Edith Steins Gemeinschaft ist der Orden.

Im Sommer 1942 wird der 400. Geburtstag von Johannes vom Kreuz, Begründer des männlichen Zweigs der Unbeschuhten Karmeliter, gefeiert. Stein soll eine Studie über die Theologie dieses Ordensmannes schreiben. Sie verfasst eine Interpretation seiner Gedichte und nennt diese Schrift Kreuzeswissenschaft. Selbst hat sie nie Gedichte geschrieben, umso intensiver versenkt sie sich in diese so ganz andere, völlig untheoretische Form der Begegnung mit Gott. Mehr und mehr entfernt sie sich vom strengen Denken der Philosophie und nähert sich der Möglichkeit einer mystischen Einheitserfahrung an.

Edith Stein beginnt sich aus der Welt zurückzuziehen, als wüsste sie, dass sie es ohnehin bald tun muss. Dieser erste Abschied ist ein freiwilliges, den Sinnen und der philosophischen Forschung Entsagen. In den letzten Monaten ihres Lebens spielt die Philosophie für Edith Stein keine Rolle mehr. Sie wählt das Bild Dunkle Nacht »von Johannes vom Kreuz, um ihre Situation auszudrücken: In der Nacht hält sich der Mensch offen für die direkte Begegnung mit Gott. Die Sinne und die Vernunft schweigen. Keine Rationalität vermag diese Nacht zu erhellen. Vollendet wird der Prozess durch Gott selbst, indem er die Hingabe des Menschen annimmt.

Doch ein anderes, endgültigeres Abschiednehmen steht bevor. Nach der Besetzung der Niederlande durch die Deutschen wird die Situation für Edith und Rosa Stein immer gefährlicher. Sie bekommen zwar die Erlaubnis, in der Schweiz in einem Karmeliterinnenkloster aufgenommen zu werden, aber die Ausreiseerlaubnis wird nicht erteilt. Am 2. August 1942 werden die beiden Frauen von den Nazis abgeholt. »Komm, wir gehen für unser Volk«17, sagt Edith zu Rosa. Am 9. August trifft der Zug in Auschwitz ein. Beide sind wahrscheinlich noch am selben Tag vergast worden.

 

Den weitaus größten Teil ihres Lebens war Edith Stein eine leidenschaftliche Philosophin. Dass sie zuletzt die Philosophie eingebettet sah in den Glauben, hat ihr vielleicht geholfen, den Transport nach Auschwitz und die drohende Ermordung leichter zu ertragen. Beim Versuch, dieses Ende zu verstehen, stößt das Denken an seine Grenze.