IM WINTERSEMESTER 2007 / 08 STEHT AUF DEM Vorlesungsplan der Philosophischen Fakultät an der Technischen Universität Darmstadt eine Vorlesung von Professorin Petra Gehring mit dem Titel Hegel denken. Am Anfang der ersten Sitzung begrüßt Frau Gehring die Studentinnen und Studenten und betont, wie sehr sie sich freue, sie nach einem Forschungsfreisemester wiederzusehen. Sie leide sozusagen unter Entzugserscheinungen. Dann spricht sie von der »Zumutung«, die es bedeuten könne, sich ein ganzes Semester nur mit Hegel zu beschäftigen. Allerdings habe sie der Vorlesung bewusst nicht den Titel Georg Friedrich Wilhelm Hegel gegeben, sondern Hegel denken, womit sie den Schwerpunkt auf die Tätigkeit legen wolle. Auf die Praxis komme es an, und nicht, sich mit einer toten Person zu befassen. Und dann beginnt sie mit der Textanalyse.

 

Petra Gehring ist der Überzeugung, dass man als Philosophin Privates und Berufliches nicht trennen kann. Bei ihr speziell sei es so, dass sie seit ihrer Kindheit in einer Welt der hitzigen Debatten lebe. Von morgens bis abends wurde geredet in dem Akademikerhaushalt, in dem sie groß wurde.

1961 wurde Gehring in Düsseldorf geboren. Ihr Vater ist Physiker, ihre Mutter Historikerin. Das Haus ihrer Kindheit und Jugend war ein lautes Haus, wie sie selbst sagt, ihre Familie sei eine »Diskutierfamilie«, für Gäste nicht ganz unanstrengend. Petra Gehring, ihre beiden Schwestern und die Eltern überboten sich bei der Suche nach den besten Argumenten.

Als Gehring zwölf Jahre alt war, zog die Familie nach Laasphe, einem Dorf im Südsauerland. Schrecklich öde war das: Mädchen mit Faltenröcken, und auch sonst alles eher bieder und brav. Gehring hielt sich am Leben durch Provokation, und im Dorf galt man schon als provozierend, wenn man in rosa Latzhosen durch die Straßen ging. Latzhose gegen Faltenrock, Rebellion gegen Stillehalten, offener Blickkontakt gegen niedergeschlagene Augen. Dazu die antiautoritär eingestellten Eltern. Bücher gab es in Mengen, die Töchter brauchten nur ins Regal zu greifen. Petra Gehring erinnert sich nicht an besondere, sehr stark prägende Leseerlebnisse und sagt, sie bewegte sich lektüremäßig irgendwo zwischen Karl May, dem Kamasutra und der Geschichte von Moses aus der Bibel. Bei der Wahl der Themen, die sie interessieren, war Gehring schon damals sehr offen. Es gab und gibt kein Lieblingsbuch, keinen Lieblingstext. Jeder neue Text eröffnet einen neuen Aspekt der Wirklichkeit. Es gibt keine Hierarchie der Texte, nicht die Suche nach der perfekten Geschichte. Die ganze Wirklichkeit in all ihren Formen und Schattierungen regt Gehring schon immer zum Nachdenken an. Von den verschiedenen Weisen der Beschäftigung mit dem Wirklichen oder dem Leben geht eine große Faszination aus. Was überhaupt macht das Wirkliche der Wirklichkeit aus? Wie bildet sich das, was wir als das Wirkliche anerkennen, heraus? Diese philosophische Grundfrage stellt sich Gehring nicht nur unmittelbar, sondern vor allem über die Beschäftigung mit Texten. Es sind Texte, die die Lust an philosophischen Fragestellungen wachrufen: »Es war schon in der Schule klar. Irgendwie ein drogenartiger Effekt der Texte.«1 Gehring stellt sich der Frage nach der Wirklichkeit mit Leidenschaft, Vehemenz und nie nachlassender Konzentration. In den Urlaub fahren, nein, das könne sie sich eigentlich nicht vorstellen, denn Semesterferien zu haben bedeute, endlich einmal am Stück arbeiten zu können.

Petra Gehring hat in Gießen, Marburg und Bochum studiert. Philosophie war von Anfang an Hauptfach, zunächst studierte sie parallel Jura, um ihren Eltern zu zeigen, dass sie auf jeden Fall von etwas würde leben können. Irgendwann erschien ihr das aber unehrlich, und so wagte sie es schließlich, ihr geliebtes Fach Philosophie in das Zentrum des Studiums zu stellen. »Ich finde, es ist das reichhaltigste und untergründigste, das die europäische Universität besitzt.«2 Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft wurden in ihrem Magisterstudium die beiden Nebenfächer. Philosophie war in den 1980er-Jahren fast ein reines Männerfach. Philosophiestudentinnen waren Exotinnen, man sah sie ein wenig befremdet an und witterte eine Merkwürdigkeit, einen vielleicht nicht sichtbaren Makel, denn wieso man als Frau Philosophie studieren möchte, war den meisten schwer verständlich. Selbst unter Akademikerinnen war die Philosophin eine fremdartige Erscheinung. Die anderen schauten einen an, als vermuteten sie irgendeinen gut kaschierten körperlichen oder psychischen Makel. Es war eine Gratwanderung, aber wen das philosophische Fieber erfasst hat, den kann nichts vom einmal eingeschlagenen Weg abbringen. So war es zumindest bei Petra Gehring.

Die junge Studentin nahm nicht nur ihr Studium sehr ernst, sondern engagierte sich auch politisch, und zwar in der freien Frauenbewegung. In Marburg arbeitete sie im autonomen Frauenzentrum mit. Dabei ging es ihr weniger um Theoriebildung als um gemeinsame Unternehmungen, Kochen, Motorradfahren, Tanzen. Die eigene Unabhängigkeit spüren, das war wichtig, es war, wie Gehring sagt, auch eine »Wurzel« für das eigene Denken. Die Frauen haben dabei eine Art von einfachem Sosein erfahren, sich nicht an vorgeschriebene Regeln gehalten. Trotzdem waren sie nicht gedankenlos, sondern haben unter anderem nächtelang diskutiert über die verschiedensten Themen. Diese Art, ihren Alltag zu gestalten, trennte Gehring von ihrem wissenschaftlichen Arbeiten. Die Bereiche sollten nicht vermischt werden, meint sie. Die Wissenschaft kann nicht alles sein, sie kann niemals ein »Zuhause in der Wahrheit« bieten, kann keine Identität schaffen. Das gilt besonders für die sogenannte Frauenforschung, die immer wieder betont, hier würden Frauen wissenschaftliche Methoden auf die Erforschung ihrer selbst anwenden. Das erscheint Gehring seltsam und befremdlich. Ihr Anliegen war und ist es nie primär, philosophische Frauenforschung zu betreiben, das käme ihr zu einseitig vor. Trotzdem betreibt sie unter anderem Studien zur Geschlechterforschung. Aber sie lässt sich nicht einseitig vereinnahmen. Gehring hat die Philosophie nicht gewählt, um eine bestimmte thematisch festgelegte Forschung zu betreiben, sondern weil sie das Fach liebt. Ihre Lehrer waren fast durchgängig Männer, bei denen sie, wie sie sagt, viel gelernt hat, und die sich ihr gegenüber fair verhalten haben. Ihr ist keine Professorin begegnet, wohl aber eine Dozentin, die ihr wichtig war und die ihr zeigte, dass man als Frau sehr wohl das Leben einer Denkerin führen kann.

Bei den »explizit feministischen« Wissenschaftlerinnen ist Gehring bis heute nicht wirklich angekommen. Sie vermutet, dass das daran liegt, dass man ihr kein Etikett anheften kann, dass sie in ihrem Denken zu wenig gebunden ist an spezifisch weibliche Themen. »Ironischerweise empfinde ich meine Randstellung jetzt als große Freiheit. Ich bin in keiner Weise auf eine bestimmte Ecke oder bestimmte Forschungs-Kooperationen festgelegt, und ich kann jederzeit authentisch meine eigene Meinung von Arbeitsgebieten vertreten. Abschieben in die ›nur-Frau‹-Ecke kann man mich – jedenfalls aus inhaltlichen Gründen –, nicht. Ich kann sagen: Das mache ich auch, aber deswegen könnt ihr mich trotzdem nicht irgendwie abschieben oder verbuchen.«3 Gerade diese charakteristischen Eigenschaften sind es, die Gehrings Denken so spannend machen. Es ist ihr fast peinlich zuzugeben, dass es die Wirklichkeit ist, die sie interessiert. Natürlich, was sonst könnte eine Philosophin zum Denken anregen. Die Wirklichkeit, wie Gehring sie erlebt, wahrnimmt, ist eine, an deren Oberfläche sich permanent Blasen bilden, Wellen, und deren Tiefe nicht als solche zu isolieren ist. Es gibt diese vermeintliche Tiefe nicht, es gibt nur immer wieder Veränderungen, Verschiebungen im Wirklichsein der Welt, und wir Menschen sind daran beteiligt.

 

Seit 2002 ist Petra Gehring Philosophieprofessorin an der TU Darmstadt. Das Philosophische Seminar ist im Schloss untergebracht und man muss eine enge Wendeltreppe hinaufgehen bis in den 2. Stock. Der Gedanke des elfenbeinernen Turms befremdet Gehring nicht, das sei selbstverständlich der Bereich der Philosophie, bloß seien die Türen offen und jeder könne nach Belieben eintreten. Ihr macht die Lehre ebenso viel Freude wie die Forschung und selbst Verwaltungsaufgaben sieht sie nicht als übermäßige Belastung an. Es gibt ja immer etwas zu beobachten, neue Themen zu erschließen. Petra Gehring sagt über ihre Arbeitsweise, sie sei sowohl text- und begriffsbezogen als auch bezogen auf die unmittelbare Auseinandersetzung mit dem, was sich zeige. »Ich selbst würde als Drittes noch die Geschichte nennen. Ich arbeite immer auch historisch. Wie etwas ist und wie es sein kann, ruft die Frage herauf: Wie ist es geworden? Weswegen konnte etwas so selbstverständlich werden, dass dieses bestimmte Etwas einen Wirklichkeitswert hat, der dann eineindeutig wird oder gar alternativlos scheint?«4

Es gibt viele Dinge, mit denen wir selbstverständlich umgehen, ohne sie zu hinterfragen. Sie gehören zu unserer Wirklichkeit, und niemand käme auf die Idee, sie zu leugnen. Jede Zeit lebt andere Möglichkeiten, definiert und interpretiert die Welt auf ihre spezifische Weise. Wie wir Freude und Schmerz erleben, was uns Bildung bedeutet, wie wir mit Behinderungen umgehen, wie wir uns dem Tod stellen, welche Rolle das Zusammenspiel von Körper und Geist spielt: All diese Phänomene gehören zur Wirklichkeit, machen sie aus und bestimmen unser Verhältnis zu ihr. In das Spiel des Wirklichen sind wir einbezogen, wir können uns nicht heraushalten. Wir helfen mit, dass sich eine bestimmte Struktur von Wirklichkeit offenbart. Wir handeln, analysieren, träumen und halten das, was sich uns bietet, für die Wirklichkeit. Wir nehmen mit den Sinnen wahr und leben mit Begrifflichkeiten. Genau das aber ist auch ein Punkt, der Petra Gehring interessiert: Wie kommt es zu bestimmten Begriffen, wie hängen sie zusammen mit den Erscheinungen und wie entwickeln sie sich im historischen Kontext?

Petra Gehrings Augen beginnen zu leuchten, wenn sie von ihrer Mitarbeit am Historischen Wörterbuch der Philosophie spricht. So hat sie zum Beispiel im Rahmen dieser Tätigkeit das Begriffspaar Ursache/Wirkung im Bereich von Rechtswissenschaft, Sozialwissenschaften und Geschichtswissenschaft untersucht. Ein anderer Begriff, dem sie sich zuwendet, ist der der Verkettung. »Der Terminus < V.> generalisiert die Idee der fest angelegten Verknüpfung diskreter Elemente zu einem Zusammenhang, primär der Abfolge, Reihe oder Serie.«5 Die Geschichte eines solchen Begriffs nachzuvollziehen, erweist sich für Gehring als ungemein spannendes Unterfangen. Man lernt viel über die Denkweisen innerhalb verschiedener Epochen, wenn auch in sehr verkürzter Form. Man erfährt auf komprimierte Weise Grundsätzliches über einzelne Philosophen. Wie haben zum Beispiel Kant, Leibniz oder Husserl den Begriff der Verkettung verwendet? Was verändert sich im Lauf der Zeit bezüglich des Verstehens eines solchen Begriffs? Welcher Unterschied besteht genau zwischen Verkettung und Verknüpfung? Dass solche Fragen interessant sind und ganz neue Horizonte eröffnen, zeigt das Historische Wörterbuch der Philosophie. Petra Gehring macht es Freude, in die Geschichte philosophischer Begriffe hinabzusteigen, ihre Entwicklung zu verfolgen und dadurch neue Einsichten über den Wandel in der Gestalt der Wirklichkeit zu gewinnen. Begriffe nämlich sind ja nicht einfach abstrakte, starre Formeln, blasse Hülsen, in denen sich die Wirklichkeit versteckt. Begriffe sind sogar eine besonders konzentrierte, intensive Form der Wirklichkeit. Sie fordern auch immer heraus, zu untersuchen, was sie auslassen, was in ihnen vielleicht nicht gesagt wird, was sie verschweigen. Wenn zur Analyse von Begriffen das Beobachten der direkt sinnlich gegebenen Wirklichkeit kommt, wird eine neue Qualität hinzugefügt. Petra Gehrings Denken spielt sich nicht im luftleeren Raum der Abstraktion ab, sondern in der Konfrontation mit der täglich neu sich bietenden Realität, mit dem, was so oder so und immer wieder anders »Leben« heißt. Darin liegt Gehrings »Unruhe« begründet. Immer neu wird ihr Denken affiziert von Themen, von Realitäten, die nicht übergangen sein wollen, die sich aufdrängen, die bedacht sein müssen. Für Gehring ist Philosophie eine positiv besetzte Unruhe des Denkens, ein permanenter Spaziergang im Gelände dessen, was als wirklich gilt. An ein Ende kommt eine solche Unruhe nicht, eine endgültige Ruhe kann es nicht geben, denn immer scheint Neues auf, das den Anspruch hat, mithineingenommen zu werden in die philosophische Auseinandersetzung. So hat Gehring im Wintersemester 2007 / 08 eine Vorlesung zum Thema Theorien des Todes und der Endlichkeit gehalten.6 Wie wurden und werden heute Tod, Sterben und Endlichkeit in der philosophischen Theorie gedacht und in der Praxis gelebt? Verändert das Nachdenken über den Tod unser Verhältnis zu ihm? Gerade bei diesem Thema zeigt sich die enge Verknüpfung von Lebenspraxis und Denken. In ihrer Vorlesung nimmt Gehring die StudentInnen auf eine Reise mit, die nicht nur Bildungserlebnis ist, sondern existenzielle Herausforderung trotz des Abstandes, den die Theorie schafft. »Abstand ist immer gut«, sagt Gehring in der ersten, einleitenden Sitzung lachend, aber Abstand schließt Beteiligtsein und existenzielle Betroffenheit nicht aus.

 

Bis 2001 hat Petra Gehring in Wohngemeinschaften gelebt, auch das ist ungewöhnlich für eine Wissenschaftlerin und zeigt, wie wichtig ihr das Gespräch und das Bezogensein auf andere Menschen sind. In einer Wohngemeinschaft kann man einander schwerlich ausweichen. Meistens ist es die Küche, in der sich alle irgendwann am Tag treffen. Eine totale Unabhängigkeit ist nicht möglich, gegenseitige Rücksicht ist eine Selbstverständlichkeit. Zu viel Individualismus schadet dem Wohnklima. Genau diesen Eindruck hat man, wenn man Petra Gehring gegenübertritt: Man wird auf der Stelle hineingenommen in ein Gespräch, man fühlt sich nie taxiert, misstrauisch begutachtet, auf Vor- und Nachteile geprüft. Es kommt auf den Zwischenraum an, der sich in der Begegnung eröffnet, von Anfang an, auch wenn man sich vorher nicht gekannt hat. Man kann im Moment beobachten, wie eine Wirklichkeit geschaffen wird, die Wirklichkeit eines Gesprächs, in dem die Teilnehmer sich die Wortbälle zuwerfen.

Worte, Sprache, auch das ein Thema Petra Gehrings. Sie sagt von sich, sie sehe es als einen lebenslangen Lernprozess an, Texte zu schreiben, die sprachlich auf der Höhe des eigenen Anspruchs ankommen. Gehring ist eine sehr anspruchsvolle Schreiberin, und ein Hauptanliegen ist es ihr, am eigenen Stil zu feilen, nie einfach etwas hinzuschreiben, sich stilistisch weiterzuentwickeln. Ihren Texten merkt man die Arbeit am Stilistischen an, sie nimmt ihre LeserInnen ernst, möchte sie nicht mit zweitklassiger Kost abspeisen.

Petra Gehring beschäftigt sich aber auch mit anderen Aspekten von Sprache. So untersucht sie zum Beispiel das Vermögen der Sprache, wie eine durch körperlichen Einsatz hervorgerufene Handlung zu wirken. Als Beispiel dient ihr eine Verletzung, die durch Sprache verursacht wird. »Im Moment der sprachlichen Verletzung wirkt nicht die Sprache verletzend, sondern in einem solchen Moment fungiert die Sprache als Ding. Die fragliche Sprechhandlung verwandelt sich – auch wenn Wörter gesagt werden mögen – in ihrem Sinn, in der Art ihrer physischen Qualität. Sie wird zu einer physischen Handlung der Person, die spricht.«7 Hier sind Extremsituationen angesprochen, in denen es so etwas wie einen letzten Satz gibt, auf den das Gegenüber nicht mehr antwortend reagieren kann, ein Satz wie ein Hieb, der sitzt. »Zwischen Autofahrern eskalierender Streit, das nackte Rechthaben, die verzerrten Vorhaltungen der Eifersucht, die kalte Wut des provozierten Uniformträgers, die Pfeile gegen die allerverletzlichste Stelle im Ehekrieg, der ultimative Punkt einer Eskalation: der allerletzte Satz, den jemand in der Abkehr herausschleudert, bevor er oder sie geht.«8 In einem solchen letzten Satz demonstriert sich nicht unbedingt die Macht des Stärkeren. Er kann auch aus einem Gefühl äußersten Gedemütigtseins oder in der Konzentration auf das Selbstmitleid hervorgestoßen werden. »Gewollt oder ungewollt scheint dieser Akt die sprachliche Geste in ein anderes ihrer selbst zu verwandeln. Aus den Worten springt eine Fratze.«9 In einem solchen Moment kann die Sprache selbst als Tat bezeichnet werden. Die Reaktion dessen, der die Sprache auf diese Weise »abbekommt«, ist körperlicher Natur: »vom kalten Schreck bis zur elektrisierenden Anregung reagieren wir physisch auf erlebte Sprache.«10 Solche Erlebnisse kennen wir alle, zum Beispiel das Zusammenzucken unter einer Schimpftirade oder das In-die-Luft-Springen bei Bekanntgabe einer freudigen Nachricht. Überall in solchen Momenten wirkt Sprache direkt auf den Körper der angesprochenen Person.

An diesem Beispiel wird Petra Gehrings Arbeitsmethode besonders deutlich. Es ist ein bestimmtes Phänomen, was sie beobachtet und was sie interessiert. Sie untersucht das Phänomen vor dem Hintergrund dessen, was andere bereits darüber gesagt haben. In unserem Beispiel sind es Maurice Merleau-Ponty (1908  1961) und Judith Butler (geb. 1956), die sich ebenfalls mit der Körperkraft von Sprache beschäftigt haben. Außerdem kennen wir alle aus der Alltagssprache den Begriff der verletzenden Sprache. Es kann passieren, dass man einer anderen Person den Vorwurf macht, durch einen bestimmten Satz oder auch nur ein Wort verletzt worden zu sein. Gehring versucht herauszufinden, was wir wirklich meinen, wenn wir das sagen, und sie untersucht, ob das, was Butler und Merleau-Ponty dazu sagen, das Phänomen ausreichend in den Blick nimmt. Beide Stoßrichtungen ihres Philosophierens werden klar: Gehring lässt sich anregen von den Phänomenen selbst und von Texten. Sie beobachtet, konstatiert, nimmt mit den Sinnen wahr und liest, ist eine manische Leserin. Was sie dann denkerisch daraus macht und was wir lesen können, ist ein Angebot für eine neue Auseinandersetzung. Es ist so, als würde in das Geflecht aus Bedeutungen und Sachverhalten, das bereits besteht, ein neuer Faden hineingewebt werden. Das betrifft all ihre Themen.

 

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Petra Gehring stark mit all dem, was man unter den Begriffen »Biotechnologie« oder »Bioethik« zusammenfassen kann: Hirnforschung, Gentechnik, Sterbehilfe, Organtransplantation, Stammzellenforschung. Dabei geht es Gehring weniger um die Konzeption einer neuen Ethik als darum, zu allererst einmal zu verstehen, was in all diesen Bereichen geschieht, wie Wirklichkeit hier ausgelegt wird, vielleicht neue Wirklichkeit geschaffen wird. Warum überhaupt sind Fragen der Biotechnologie so in aller Munde, werden in der Öffentlichkeit immer präsenter? Und welche Worte verwendet man, wenn es um diese Themen geht? Wie und warum werden die neuen Technologien so und nicht anders problematisiert? Gehrings Anliegen ist es also nicht, Handlungsanregungen zu geben, sich zu fragen, welches Handeln am besten, ethisch vertretbar wäre. Ihre Fragen sind grundsätzlicherer Natur: Wie kommt es überhaupt zu einer solchen Vorrangstellung biotechnologischer Forschung? Und auch jetzt wieder ist ihre Vorgehensweise in Teilen historisch: Wann hat man angefangen, sich dem rein physischen, stofflichen Leben von Menschen näher zuzuwenden, das Körperliche als solches in den Blick zu nehmen?

Ausgehend vom Werk des französischen Philosophen Michel Foucault (1926  1984) untersucht Gehring in ihrem 2006 erschienenen Buch Was ist Biomacht. Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens die wachsende Bedeutung der Beschäftigung mit dem »Leben« in einem physisch-naturwissenschaftlichen Sinn. Foucault geht in seiner Untersuchung vom 18. Jahrhundert aus. Dort sieht er die wachsende Tendenz, sich mit dem Körper, mit den physischen Gegebenheiten der Menschen intensiv wissenschaftlich zu befassen und die Ergebnisse dann auch politisch zu verwerten. So kommt zur Biomacht die Biopolitik hinzu.

Petra Gehring geht aber, wie wir bereits mehrfach sehen konnten, nicht nur historisch vor, sondern stellt sich den Herausforderungen unserer Zeit: Stammzellenforschung, Organtransplantation, Hirnforschung, Sterbehilfe. Der Körper oder Teile des Körpers sind zu etwas geworden, das benutzt werden kann, mit dem man arbeitet, das verwertet wird: »Eine der Revolutionen des biomedizinischen Zeitalters ist die bioindustrielle Erschließung und die ökonomische Inwertsetzung des menschlichen Körpers. ... Die Biomedizin hat den Körper als Ressource entdeckt.«11 Das sind Gedanken, auf die man selbst nicht unbedingt kommen würde, die aber sofort einleuchten. Man ist es bereits gewöhnt, ganz selbstverständlich zum Beispiel über Organtransplantation zu sprechen, und ist sich nicht klar darüber, dass der Körper in diesem Fall eigentlich wie eine Art Ersatzteillager behandelt wird. Was mithilfe der »Ersatzteile« hergestellt werden soll, ist Gesundheit. »Nicht mehr durch das Umgehen mit Kranken definiert sich in der Moderne die Medizin, sondern als das Feld der Herstellung von Gesundheit, das Feld einer Gesundheitsproduktion.«12 Was bedeutet das zum Beispiel für die Eigentumsrechte an Körperteilen? Wem gehört ein Spenderorgan? Man weiß, dass in Drittweltländern Menschen mit dubiosen Argumenten dazu gebracht werden, Organe zur Verfügung zu stellen, die dann sozusagen exportiert werden. Gehring fragt, was denn zum Beispiel passiert, wenn ein solches Spenderorgan auf dem Transportweg abhandenkommt, zerstört wird: Wer haftet dann, wer hat eventuell Schadenersatzzahlungen zu leisten?

Solche Fragen stellen wir uns normalerweise nicht. Gehring schärft unsere Aufmerksamkeit, indem sie auf Probleme dieser Art hinweist. Sie weckt zum Beispiel ein Interesse für den rechtsphilosophischen Aspekt. Diese »unruhige« Philosophin öffnet immer wieder neue, ungewöhnliche Türen, zeigt, wie spannend es ist, sich mit anscheinend gar nicht so wichtigen, allzu abstrakt erscheinenden Dingen zu beschäftigen. Sie macht damit deutlich, dass vieles konkreter ist, als wir glauben, und uns selbst betreffen kann, bevor wir uns versehen. Nichts ist so weit weg, dass diese Denkerin es nicht hereinholen könnte in die philosophische Auseinandersetzung. Damit zeigt sie natürlich auch, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. Die Philosophie hat es heute mit einer Wirklichkeit zu tun, die in ungeheurem Maße an Komplexität gewonnen hat. Und Gehring gehört nicht zu denen, die sich »bescheiden«, die Abstriche machen, sich nur um einen kleinen Teil dessen kümmern, was uns täglich herausfordert. Die große Herausforderung besteht für sie darin, alle Möglichkeiten der Wirklichkeitsbildung zu untersuchen, in jeder Ecke, jeder Nische zu beobachten, was sich tut, wie Möglichkeiten in die Tat umgesetzt werden, von woher vielleicht Gefahr drohen könnte. Sie zeigt damit aber auch, welch wunderbare Disziplin die Philosophie sein kann, wie vielfältig ihre Arbeitsgebiete sind, wie eng verzahnt sie ist mit anderen Forschungsgebieten, vor allem mit Technik, Medizin und Recht. Der elfenbeinerne Turm hat in der Tat weit offene Türen und steht inmitten des Lebens.

Ein Thema, mit dem Gehring sich in ihrem Buch über Biomacht auch beschäftigt, ist die stark in die Diskussion geratene Gentechnik. Gehring geht auch hier wieder zunächst begriffsgeschichtlich vor. Sie beginnt beim Begriff der Züchtung und recherchiert, wo und wann es zuerst eine Vorstellung davon gab. Gehring findet heraus, dass schon im Alten Testament davon gesprochen wird, und zwar im Buch Genesis. Dort wird von Jakob erzählt, der als Schafhüter in die Dienste des Laban kommt. Auf listige Weise schafft es Jakob, die starken und ganz besonders gefleckten Tiere zu vermehren, und wird dadurch reich. Dem Laban bleiben die schwächlicheren Tiere. Zur Rede gestellt, argumentiert Jakob damit, dass es Gott selbst gewesen sei, der ihn auf diese Weise wohlhabend gemacht habe. Züchtung betrifft in diesem Fall aber noch nicht den Menschen, sondern Tiere.

Das sieht bei Platon in seiner Schrift Politeia anders aus: Hier geht es darum, eine Ordnung in die Fortpflanzung des Menschen zu bringen. Die besten Männer und Frauen im Staat sollen ausgewählt werden und in einer besonderen Gemeinschaft zusammenleben und Kinder miteinander zeugen. Kinder, die verstümmelt zur Welt kommen oder sonst nicht dem gewünschten Vorbild entsprechen, sollen ausgesetzt oder versteckt gehalten werden. Züchtung hat für Platon eine politische Funktion: Dem Staat sollen auf diese Weise nützliche Bürger geboren werden, Züchtung ist der erste Schritt auf dem Weg zu einer Auslese bildungsfähiger Bürger. Dieser Aspekt bleibt über eine sehr lange Zeit vorherrschend, wenn es darum geht, so etwas wie eine Züchtung von Eliten voranzutreiben: »Mit der Züchtung beginnt die Bildung.«13 Die Verbindung von Züchtung und Bildung in unterschiedlicher Form reicht bis ins 19. Jahrhundert. Bei Darwin findet sich eine Variante, die eine kontroverse Diskussion in Gang gebracht hat: Für ihn ist die Natur selbst die beste Züchterin. Dieser Ansicht folgen längst nicht alle Forscher der nachdarwinischen Generation. Es entsteht die »Eugenik«, die Lehre von der Verbesserung der Erbanlagen, die die Evolution des Menschen wenigstens zum Teil in die Hand des Menschen selbst geben möchte. »Anders als die Elitezüchtung früherer Zeiten zielt die moderne Eugenik der Idee nach aufs Ganze: die menschliche Gattung (›Rasse‹) oder mindestens die Gesamtbevölkerung eines Landes oder einer Nation.«14 Dabei wird die Schwelle von eventuell miteinzukalkulierenden Tötungen schon vor der Jahrhundertwende überschritten. Der Rassenhygieniker Alfred Ploetz plädiert unter anderem dafür, Arme nicht allzu intensiv zu unterstützen. Man könne sich außerdem dieser Menschen entledigen, indem man sie als »Kanonenfutter« im Krieg verwendet. Im Laufe der Zeit ergeben sich zwei verschiedene Bedeutungen von Züchtung: Die eine Bedeutung betrifft die Bildung und geht einher mit Phänomenen wie der Selbstzucht, die zweite Bedeutung ist rein biologischer Natur und betrifft die Weitergabe von Erbgut durch Fortpflanzung. Oswald Spengler schließlich tritt in seinem 1919 erschienen Werk Der Untergang des Abendlandes dafür ein, dass Züchtung sich auf das Blut zu erstrecken habe und dass damit vollkommene aristokratische Stände erzeugt werden könnten bzw. sich selbst züchten. Dieser »rassische Elite-Diskurs« verbindet sich in der NS-Zeit mit der nationalsozialistischen Rassenhygiene. »In den 1930er-Jahren wird die Züchtung und ›besondere Förderung der nordischen Leitrasse‹ zum Ziel.«15 Das Ganze mündet in der Judenvernichtung, der Verfolgung und Tötung der Roma und Sinti, dem Mord an behinderten Menschen, in Zwangssterilisationen. Nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges gibt sich die eugenische Wissenschaft zerknirscht und versucht, sich dezent aus der Auseinandersetzung zurückzuziehen. Das Züchtungsthema ist damit natürlich nicht vom Tisch. »Nur wenige kritische Reflexionen problematisieren das Züchtungsthema jenseits der allzu naheliegenden Frage nach der NS-Geschichte und -Ideologie.«16 In der internationalen Diskussion taucht das Problem sehr bald schon wieder auf, allerdings unter einem anderen Blickwinkel. Das Zauberwort heißt »Gentechnologie«. Damit ist Petra Gehring wieder bei dem Stichwort gelandet, das ihr den Antrieb gab für die beschriebene Begriffsuntersuchung. Das Phänomen, das am Anfang interessierte, ist die Gentechnologie. Gehrings philosophische Vorgehensweise war zunächst eine Begriffsanalyse, die historisch vorgeht; an deren Ende taucht die Gentechnologie noch einmal neu auf, hat aber den Charakter des Einmaligen, völlig Neuen verloren. Es ist ja nicht so, dass solche Dinge aus dem Nichts plötzlich da sind, sondern sie entwickeln sich. Petra Gehring zeigt, dass in unserer hochkomplexen Welt ein philosophischer Blick gefragt ist, der nicht nur in eine Richtung schaut, sondern einerseits genau auf das blickt, was sich an gegenwärtigen Tendenzen und Phänomenen zeigt und ebenso genau die Geschichte dieser Phänomene analysiert.

 

Neben der Gentechnik ist auch die Hirnforschung ein Thema, das vor allem in Bezug auf die Frage nach einem freien Willen in den letzten Jahren eine breite, auch in den Feuilletons der großen Zeitungen hitzig geführte Debatte provoziert hat. »Haben wir lediglich das Gefühl, einen freien Willen zu haben? Legt eigentlich das Gehirn fest, was wir wollen und tun?«17 Vor allem zwei Neurobiologen bestimmen den Gang dieser Diskussion: Gerhard Roth und Wolf Singer. Sie sind der Meinung, unser Gehirn bestimme, was wir tun, und wir müssten die Idee eines freien Willens endgültig begraben. Petra Gehring interessiert in diesem Zusammenhang besonders auch die rechtspolitische Seite, denn wenn Menschen nicht frei sind, können sie auch für begangene Straftaten nicht voll verantwortlich gemacht werden.

Die Neuroforscher sind der Meinung, dass dem sogenannten freien Willen eine Entscheidung des Gehirns vorausgeht, dass also das Gehirn immer schon entschieden hat, was wir tun, und wir nur das subjektive Gefühl haben, die Entscheidung aus freiem Willen getroffen zu haben, und sie versuchen auch, diese These experimentell zu belegen. Gehring argumentiert nicht gegen die Experimente, sondern gegen die Interpretation der Ergebnisse. Freiheit ist ja sowieso nie absolut, sagt Gehring, sondern immer gebunden an Umstände. Außerdem ist der Begriff der freien Handlung nicht als Glied innerhalb einer Kausalkette zu begreifen. Auch wenn ich unter Kausalzwang stehe, kann ich als Person frei sein. Gehring führt das Beispiel einer Sportlerin an, die trotz einer Ausweichbewegung im Wettkampf getroffen wird, zu Boden geht und verliert. So der kausale Zusammenhang. Sie kann aber aus freier Entscheidung am Wettkampf teilgenommen und das Verlieren als Möglichkeit akzeptiert haben.

In der Hirnforschung gibt es seit einigen Jahren bildtechnische Verfahren, die es erlauben, Prozesse im Gehirn anschaulicher zu machen. Gehring ist es wichtig zu betonen, dass diese Bilder aber nicht die Wirklichkeit sind, sondern dass es sich um Artefakte handelt. Es gibt den Blick in das Innere des Gehirns nicht, weil am lebenden Gehirn (des Menschen) nicht experimentiert werden darf. »Die Hirnforschung kann über das lebende menschliche Gehirn – allen schönen Bildern zum Trotz – im Grunde nach wie vor wenig sagen, denn bis auf den klinischen Sonderfall (jemand muss operiert werden) ist das lebende Gehirn des Menschen für die experimentierende Forschung tabu.«18

Das Menschenbild der Hirnforscher ist materialistisch. Gehrings Anliegen ist es, zu zeigen, dass es sich um ein Bild vom Menschen handelt, das weitreichende Folgen haben kann, sobald es nämlich erlaubt sein sollte, experimentell am lebenden Gehirn zu arbeiten, und auch dann, wenn diese Theorie Eingang fände in das Strafrecht. Die unbefristete Verwahrung von Verbrechern könnte eine der Folgen sein. Das aber sei ein in den Demokratien unzulässiger Vorgang, so Gehring: »Demokratien – so auch der deutsche Grundkonsens seit 1945 – leben davon, sich mit dem Verbrechen nicht ›objektiv‹, also durch biomedizinische Festschreibung (und Wegsperren) abzufinden. Demokratien leben davon, begrenzt zu strafen und Straftätern zwar soziale Hilfe zu bieten, nicht jedoch sie (oder gar ihr ›Gehirn‹) einer Dressur zu unterwerfen, als Voraussetzung dafür, dass man sie wieder in die Gesellschaft entlässt.«19 Genau davor warnt Petra Gehring. Sie tut es aber wie auch in anderen Fällen nicht durch einen Gegenentwurf. Sie führt auch nicht eine bestimmte Ethik ins Feld, argumentiert nicht in moralischen Kategorien. Ihre Arbeit ist nicht frontal ausgerichtet, sondern versteht sich weit eher als ein »indirektes« Vorgehen: »Kein Essenzialismus des Lebens, keine Natur, keine Moderation durch Ethik. Was stattdessen bleibt, wäre so etwas wie eine indirekte Arbeit der Kritik – auf dem Wege von phänomenologischen, historisch-vergleichenden und dabei machttheoretisch grundierten Bewegungen der Rückfrage und Beschreibung.«20

Philosophie sucht bei dieser Philosophin nicht mehr nach dem »Wesen« einer Sache, sie bewegt sich nicht in zwei Welten, einer eigentlichen und einer uneigentlichen, einer wahren und einer falschen. Ihre Philosophie geht vielmehr aus von einem klaren Blick auf Tatsächliches und untersucht die Vorgeschichte dessen, was sich ihr augenscheinlich darbietet. Erkenntnisse stellen sich dabei, wie immer in der Philosophiegeschichte, auch unvermutet ein. Das kritische Potenzial der Philosophie wird bei Petra Gehring hervorragend sichtbar. Dass sie sich den immer wieder aufflammenden und sich hartnäckig haltenden Ethikdebatten eher verschließt, wird damit verständlich. »Ethikdebatten lassen distanzierte, etwa historisch vergleichende, wissenschafts- oder auch mediensoziologische Perspektiven nicht zu.«21 Sätze wie dieser finden sich in einem Vortrag, den Gehring 2006 bei einem Symposium über Hirnforschung gehalten hat. Sie betont auch hier wieder die Komplexität des Gehirns, die einen vereinfachenden Blick nicht zulässt und mit keiner einzelwissenschaftlichen Herangehensweise zu fassen ist.

Eine amüsante Variante des Hirnthemas hat Petra Gehring in ihrer Rezension Das weibliche Gehirn. Die hormonell gesteuerte Gefühlsmaschine vorgestellt (FAZ 5. 2. 2007). Die Autorin von Das weibliche Gehirn, die amerikanische Neuropsychiaterin Louann Brizendine, ist der Meinung, Frauen sollten sich die neuesten Ergebnisse der Hirnforschung einverleiben, denn sie könnten sich und ihr Verhalten dadurch besser verstehen. Es sind, Brizendine zufolge, die Hormone, die das Hirn »fluten« und so Einfluss nehmen auf die Psyche von Mann und Frau. Brizendine erklärt zum Beispiel die weibliche Liebe wie folgt: »Wie wir heute wissen, ist alles, was uns an dem potentiellen Partner fasziniert, durch die Evolution des Liebestriebs fest in unserem Gehirn verdrahtet: die bevorzugten Merkmale von Gesicht und Körperbau, die Bewegungen, von denen wir uns verführen lassen, und die pulssteigernde Anziehungskraft. Die kurz- und langfristige ›Chemie‹ zwischen zwei Menschen mag zufällig erscheinen, aber in Wirklichkeit ist unser Gehirn von vornherein entsprechend programmiert.«22 Gehring weist nach, dass Brizendine nicht einmal auf dem neuesten Stand der Forschung ihrer Kollegen ist. »Die Zunft ist weiter als sie. So kommt beispielsweise der Zürcher Neuropsychologe Lutz Jäncke zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen. Jäncke zog aus, um den kategorialen Unterschied zwischen Mann und Frau zu finden – und fand ihn nicht.«23

 Selbst in der Hirnforschung weiß man inzwischen, welch großen Einfluss Kultur auf die Funktionsweise des Gehirns ausübt.

Brizendine scheue sich nicht, die ungeheure Rolle bestimmter Hormone anzupreisen. Sie werden als Allheilmittel dargestellt. »Brizendine – das sollte man an dieser Stelle nachtragen – leitet eine ›Women’s Mood and Hormone Clinic‹ in San Francisco.«24 So liegt der Verdacht nahe, dass es dieser Autorin weniger um seriöse Forschung geht, als um eine Werbekampagne für Hormone. »Wesentlich interessanter als Brizendines Buch dürften die Reaktionen sein, die es auslösen wird. In den Vereinigten Staaten soll es sich bereits um einen Bestseller handeln. Ganz gewiss passt es in den naturalistischen Zeitgeist und bietet seinen Leserinnen eine geschmeidige Mischung aus einer ›neuen Weiblichkeit‹ der besonderen neuronalen Fähigkeiten und alten Geschlechterklischees, die auf breiter Front bestätigt werden. Männer wie Frauen finden reichlich Munition für Witze jeweils übereinander. Wer sich über das Buch aber vor allem freuen dürfte, sind Hormonhersteller, Endokrinologen und Apotheker – beiderlei Geschlechts.«25

Für Petra Gehring klingt es verdächtig, wenn sich jemand feministisch gebärdet und gleichzeitig eine Firma vertritt, die Frauen mit Hormonen behandelt.

Feminismus: Auch das ist ein Thema der Philosophin. Wie bereits betont, findet sie es merkwürdig und doch auch spannend, dass die explizit feministischen Wissenschaftlerinnen ihre Arbeit praktisch nicht wahrnehmen. »Einerseits habe ich eben keinen ›richtigen‹ bekennenden Feminismus gemacht und passte daher weder in Netzwerke noch wurde mir in inhaltlicher Hinsicht vertraut. Andererseits habe ich diese fast immer erst an der Uni irgendwann zu Frauenthemen ›bekehrten‹ Wissenschaftlerinnen auch meinerseits als langweilig und eng empfunden.«26 Dass es ein Manko sein soll, nicht festgelegt zu sein, kann Gehring nicht verstehen. Andererseits kann sie diese Art von Freiheit eben auch positiv nutzen und unbeäugt ihre Forschung betreiben. Sie fühlt sich nicht verpflichtet, einem Etikett gerecht zu werden. Sie sucht sich ihre Themen, beziehungsweise lässt sich finden von ihnen, wie es Philosophinnen und Philosophen immer schon getan haben. Jede Art von Festlegung wäre eine Hemmung und liefe dem zuwider, was für Petra Gehring Philosophie bedeutet.

 

Petra Gehring ist eine Liebhaberin von Texten. Das wurde mehrfach deutlich. Sie ist auch eine sehr sorgfältige Leserin und fordert immer wieder dazu auf, sorgfältig zu lesen. Besonders intensiv hat sie sich der Lektüre der Werke des Philosophen Michel Foucault gewidmet und ein Buch über ihn geschrieben: Foucault – Die Philosophie im Archiv. Dabei interessierte Gehring vor allem die Methode Foucaults und sein Zugriff auf die Wirklichkeit. Im »Wie« des Vorgehens steckt immer philosophisch Bedeutsames. Wie Gehring selbst war auch Foucault ein »unruhiger Philosoph«, der die Tätigkeitsfelder, die Themen immer wieder gewechselt hat. Und wie Gehring arbeitete er stark historisch: »Es ist eine eigentümliche Verbindung von Philosophie und historischer Archivarbeit, die Foucaults Texte stiften, und auf die Spezifik dieser Verbindung kommt es an.«27 Sätze wie diese lassen sich ohne Probleme auf Gehring selbst anwenden. Auch für sie gilt: Das »Wie« des philosophischen Vorgehens ist bedeutsam, Philosophie ist eine Tätigkeit. Die Wirklichkeit ist in diesem Sinn nie eine feststellbare Größe, sondern ein Prozess, ein Werdendes. Und sie ist eine Art »Archiv«, in dem es sich lohnt, zu stöbern. »Er ist derjenige Tiefenraum, der im Zuge der Analyse erschlossen wird und in dem die Analyse sich bewegt.«28 Das Archiv ist aber keineswegs eine Art dunkler Keller oder »Speicherraum« der Vergangenheit, in dem sich die Forschung bewegt, sondern das Archiv ist etwas, das selbst in Bewegung ist. Das Überlieferte ist ja nicht einfach vergangen, es hat eine eigene Art von Gegenwärtigkeit, und darum geht es. Wenn Petra Gehring sich mit »alten« Texten beschäftigt, hat man den Eindruck, sie würden durch das Lesen erneuert werden. Die Philosophin, die angetrieben wird durch die Neugierde der Wirklichkeit der eigenen Zeit gegenüber, taucht ein ins Archiv und belebt die Vergangenheit.

Es spielt keine Rolle, ob sich Petra Gehring mit der Traumtheorie von Georg Christoph Lichtenberg oder dem Mythos der Nymphe Echo beschäftigt, immer sind ihre Aussagen innig verbunden mit den Phänomenen und immer betreffen sie die Gegenwart, indem sie von der Vergangenheit sprechen.

Petra Gehring hat viel vor. Die Themen werden ihr niemals ausgehen, immer neue Phänomene tun sich auf, wollen untersucht werden. Ein aktuell sehr spannendes Thema ist die philosophische Erörterung von Traum und Wirklichkeit. Im Sommersemester 2007 organisierte sie an der TU Darmstadt eine Vorlesungsreihe über Träume mit dem Titel: »Was steckt dahinter?« Sie führt in der einleitenden Vorlesung aus, dass es noch keinen wirklichen Fortschritt gebe in der Erforschung der Träume. Immer wieder hat man sich daran versucht und ist zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Die Traumerfahrung bleibt weiterhin etwas Geheimnisvolles. Völlig klar, dass dies ein Thema ist für Petra Gehring. Aber im Kopf hat sie sicherlich bereits auch weitere Ideen. Und weil sie ihre Lehrverpflichtungen ernst nimmt und einen inensiven Kontakt zu ihren StudentInnen pflegt, kommt sie während des Semesters nur sehr begrenzt zum Schreiben. Seit dem WS 2007 / 08 ist Gehring zudem Vizepräsidentin der TU Darmstadt, was bedeutet, dass die Zeit zum Forschen stark beschnitten wird.

 

Was Petra Gehring manchmal ein wenig Sorge macht, ist, dass ihre Freunde zu kurz kommen, dass Kontakte über größere Distanzen schwer aufrechtzuerhalten sind. Ihr schwebt vor, in ihrer Wohnung regelmäßig eine Art »Salon« einzurichten, Leute einzuladen, mit ihnen zu diskutieren, vielleicht Vorträge oder Lesungen anzubieten. Die Öffnung des elfenbeinernen Turms liegt ihr sehr am Herzen. Erleichtert wird die Durchsetzung dieses Anliegens auch durch die elektronischen Medien. So kann man beispielsweise am Computer Vorlesungsmitschnitte von Lehrveranstaltungen Gehrings anhören. Am wichtigsten aber ist und bleibt es, das eigene Denken voranzubringen, der Philosophie immer neue Themen zu erschließen, die Herausforderung der Wirklichkeit anzunehmen und ihr mit dem Denken auf den Leib zu rücken.