7

Es zog mich körperlich nach Manazuru.

Mein Körper bewegte sich, ohne dass ich es wollte, wie von alleine.

»Schon wieder nach Manazuru?«, fragte meine Mutter, als ich aufbrach.

Ich weiß noch, dass Momo sich gerade im Flur die Schuhe anzog und meiner Mutter einen Abschiedsgruß zurief, während ich hastig die Eier mit Speck auf meinem Teller verschlang. Ich weiß auch noch, dass ich einen Kloß im Hals hatte und das Schlucken mir schwerfiel, aber wer die Eier mit Speck gemacht hatte - meine Mutter oder ich - weiß ich nicht mehr. Auch daran, ob ich das Geschirr anschließend in die Küche brachte und abwusch, kann ich mich nicht erinnern. Jedenfalls ging ich in mein Zimmer, nahm einen dicken Pullover aus dem Schrank, zog meinen Mantel an und wickelte mir einen Schal um den Hals. Ich packte Portemonnaie und Unterwäsche in eine Tasche, sprang über Momos braune Hausschuhe, die sie unordentlich in den Flur geworfen hatte, und griff nach der Tür.

»Warte«, sagte meine Mutter.

»Ja?«

»Was gibt es denn so Besonderes in Manazuru?«, fragte sie mich mit bedrückter Miene.

Ich wich ihrem Blick aus.

Als mein Vater noch lebte, hatte ich einmal geträumt, wie meine Mutter Geschlechtsverkehr hatte. Ihre glatte Haut schimmerte im Dunkeln. Ich sah sie nur von hinten, aber ich brauchte ihr Gesicht nicht zu sehen, um zu wissen, dass es meine Mutter war. Der Mann hätte mein Vater sein können oder auch nicht. Es spielte keine Rolle. Für mich war nur wichtig, dass es meine Mutter war.

Die Szene machte mir Angst. Zugleich war ich auch erleichtert. Ich hatte es nicht sehen wollen, aber da ich es nun endlich gesehen hatte, brauchte ich fortan nicht mehr auf der Hut zu sein.

Das Gesicht meiner Mutter mutete mich ebenso traurig an wie damals in meinem Traum ihr Rücken.

»Nichts, aber ich fahre trotzdem.« Meine Stimme klang nicht wie meine, aber natürlich war sie es. Ich verließ das Haus.

Die Bahn war furchtbar voll.

Von allen Seiten eingequetscht wurde ich von Station zu Station befördert, ohne mich rühren zu können. Ich fühlte mich wie der Zweig eines Baumes. Mit einem Blick in die Runde stellte ich fest, dass auch die anderen Passagiere in diesem überfüllten Waggon sich an die Stangen klammerten wie Zweige an einem Baum oder sich um sie wanden wie Efeu oder Misteln um ihre Wirtspflanze.

Sooft die Bahn hielt, wurden Fahrgäste wie Atem ausgestoßen und eingesogen. Obwohl ich kaum Luft bekam, war ich wie in Trance. Was vielleicht daher rührte, dass ich nichts vorhatte. Hätten sich Erledigungen und Termine in meinem Kopf gedrängt wie Insekteneier, hätte ich mich wohl nicht so frei gefühlt.

Am Bahnhof Tokio stieg ich in einen Zug nach Manazuru. Ich setzte mich an ein Fenster zur Meerseite. Obwohl noch nichts davon zu sehen war, konnte ich es riechen.

»Es sieht nach Regen aus«, sagte die Frau mir gegenüber zu ihrem Mitreisenden.

Ich blickte aus dem Fenster. Der Himmel war fahl. Er war weder grau noch blau, sondern hatte eine wässrige Farbe, die mich an die dünne Flüssigkeit erinnerte, die bisweilen als erstes aus einer Farbtube kommt. Bei roter Farbe ist sie blassrot, bei schwarzer Farbe ganz leicht schwarz.

Vielleicht roch es nach Regen und gar nicht nach Meer. Hinter Fujisawa fiel ein feiner scharfer Regen ins Meer, das man ungefähr ab Ninomiya hin und wieder sehen konnte.

Ich dachte an das traurige Gesicht meiner Mutter, als ich gegangen war.

Und an Seiji.

Bei meinem ersten Besuch in Manazuru war der Frühling schon etwas weiter gewesen als jetzt. Milane kreisten am unendlich weiten Himmel.

»Wir müssen einen Schirm kaufen«, sagte die Frau mir gegenüber.

»Wir nehmen ein Taxi«, sagte der Mann.

Die leicht ineinander verschlungenen Finger der beiden waren mir unangenehm bewusst. Ich sah ihre rotlackierten Nägel, seinen schuppig-rauhen Ringfinger, ihren kleinen Finger mit dem Muttermal und seine knochigen Gelenke so deutlich vor mir, als würde ich sie durch eine Lupe betrachten.

»Bitte, stirb nicht«, sagte sie.

Wahrscheinlich hatte ich mich verhört. Aber ich wollte es gar nicht wissen und hörte absichtlich weg.

Er antwortete nicht.

»Stirb nicht«, sagte sie noch einmal.

Ich hatte mich also nicht verhört. Ich war gelangweilt.

Gleich würden wir in Manazuru sein. Ihre schlanken Finger spielten mit seiner Hand.

Es regnete heftig.

Nachdem ich an einem Kiosk einen durchsichtigen Schirm erworben hatte, trat ich auf die Straße. Der Bus zum Strand würde erst in einer Stunde kommen. Also beschloss ich, zu Fuß zu gehen und drückte meine Tasche energisch an die Seite.

Der Regen spritzte an meine Beine. »Hier bin ich«, rief ich der Frau zu, die mir in Manazuru zu folgen pflegte.

Keine Antwort.

Nachdem ich zwanzig Minuten gegangen war, fror ich entsetzlich. Ich sah durch den Schirm zum Himmel, aber der prasselnde Regen nahm mir die Sicht. Der durchnässte Saum meines Mantels klatschte mir gegen die Beine.

An einer Stelle, wo die Straße bergab führte, gab es ein paar Geschäfte. Ein Nudellokal mit einem Werbe-Banner hatte geöffnet. Es war gerade Mittagszeit und ziemlich voll. Ich bestellte Udon mit heißer Brühe.

Ich löffelte die Suppe. Sie war so heiß, dass ich mir fast die Zunge verbrannte. Ich aß langsam, während sich das Lokal leerte.

»Die Pension Suna ist doch hier ganz in der Nähe, nicht wahr?«, fragte ich die Kellnerin.

»Sie meinen sicher das Minato-ya am Strand«, erwiderte sie.

Ich spürte so etwas wie den Schatten der Frau.

Ich schöpfte die letzten Tropfen meiner Suppe mit dem chinesischen Löffel. Der Schatten schwebte leicht lauernd in der Höhe meiner Hüfte. »Du kommst immer, wenn ich esse, was?«, murmelte ich. Der Schatten verdichtete sich ein wenig.

Als ich das Lokal verließ, hatte es aufgehört zu regnen. Der Himmel war dunkler als während des Regens. Ich überquerte den grauen Asphalt und ging an den Strand.

Die Wellen waren hoch.

Ich versuchte, an Seiji zu denken, aber ich konnte nicht.

»Wenn du nach Manazuru kommst, musst du auch ganz hier sein«, ertönte die Stimme der Frau.

Der Schatten hatte mittlerweile deutliche Gestalt angenommen. Die Frau hatte langes Haar und sah hübscher aus als früher. Auch ihre Stimme war klarer.

»Hast du ein Zimmer genommen?«, fragte sie.

»Noch nicht. Ich weiß nicht, ob ich heute hier übernachte oder nicht.«

»Dann kann es sein, dass du nie wieder zurückkommst.«

»Was soll das heißen?«, fragte ich, aber sie gab keine Antwort.

Ich ging mit ihr zum Strand hinunter. »Wir sind wie Freundinnen«, sagte ich, und sie lächelte.

Sie streckte mir ihre Hand entgegen, und ich umschloss sie fest.

»Es ist das erste Mal, dass wir uns so direkt berühren«, sagte sie leise.

Ich setzte mich auf einen nassen Felsen und blickte auf den Horizont. Eine lange Brücke überspannte die Bucht. Wir hielten uns noch immer an den Händen. Ihre Hände waren warm, so als sei sie lebendig.

»Warum können wir uns auf einmal berühren?«, fragte ich.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht sind wir uns näher als früher?«

War ich wieder nach Manazuru gekommen, weil ich der Frau nun so nah war?

»Ich will Rei sehen«, bat ich sie.

»Willst du das wirklich?«

»Ja.«

»Auch wenn du dann vielleicht nicht mehr zurückkannst?«

»Dann ist es eben so.«

»Und deine Tochter?«

»Sie braucht mich nicht mehr.«

»Glaubst du das wirklich?«, sagte die Frau und runzelte die Stirn. »So einfach ist das nicht.«

»Natürlich ist das nicht einfach«, sagte ich. Ich umklammerte ihre Hand. Sie löste sich auf. Leere blieb zurück. Die Frau war verschwunden.

»Geh nicht!«, rief ich.

Die Wellen tosten. Zwei schwarze Lastwagen dröhnten hintereinander über die Brücke. Die Frau kam nicht wieder.

Ich hatte nicht gewusst, wie einsam es hier war.

Nachdem ich lange gelaufen war, gelangte ich vom Strand auf eine Anhöhe mit einem Schrein der Glücksgöttin Benten. Dort betete ich. Im Dämmerlicht waren die Schemen einiger Statuen zu sehen. Der Schrein wirkte heruntergekommen, dennoch wurde mir leichter ums Herz. Ich hatte das behagliche Gefühl, mich an einem vertrauten Ort zu befinden.

Ich blieb eine Weile sitzen und wartete, ob vielleicht etwas Bekanntes auftauchen würde, aber nichts erschien.

Als mir kalt wurde, machte ich mich wieder auf den Weg. Ich stieg die Schreintreppe hinunter und kam in ein Dorf mit gepflegten Häusern und Hecken. Alle Fenster waren fest verschlossen. Keine Menschenseele. Ich stieg die Stufen zu einem Chigo-Schrein hinauf. Weder im Inneren noch auf dem Gelände war jemand zu sehen.

Ich ging die Treppe hinunter und bog in der Mitte in einen schmalen, von Häusern gesäumten Weg ein. Alle Türen waren geschlossen. Die Mandarinenbäume hingen voller kleiner Früchte, an denen die Vögel pickten. Ihr Gezwitscher war das einzige Geräusch.

Der Weg führte abwechselnd steil bergauf und bergab. Ich kam an eine Schule und lauschte auf Kinderstimmen, aber auch hier war kein Mensch. Der Wind kräuselte die Pfützen im Schulhof. Es klingelte zur Pause. Ich wartete, ob jemand aus dem Schulgebäude kam. Doch niemand erschien. Alle Klassenzimmer waren dunkel und schienen verlassen.

Hallo, rief ich aufs Geratewohl.

Und noch einmal: Hallo!

Ich beschleunigte meine Schritte, eilte an einer Statue des Bodhisattvas Jizō vorbei und kam an einer Feuerwehrwache heraus. Die roten Wagen standen wie eingefroren in einer Reihe. Auch hier rührte sich nichts. Ich verließ den Pfad und fand die Straße, auf der der Bus fuhr.

Doch so weit ich auch ging, ich sah weder ein Auto, noch fuhr der Bus an mir vorbei. An einer Haltestelle las ich den Fahrplan. Der nächste sollte in zehn Minuten kommen. Ich dachte an den Tag im Sommer, als das Schiff gekentert war. Da es so kalt war, sah ich mich nach einem Lokal um, aber nichts hatte geöffnet.

Ich setzte mich auf die Bank. Schließlich zog ich mir Kaffee aus einem Automaten neben der Haltestelle. Mit Zucker. Das tat ich sonst nie. Wieder auf der Bank, umfasste ich die Dose mit beiden Händen. Sie kühlte rasch ab.

Ich öffnete die Dose und trank. Noch einmal schaute ich auf den Fahrplan und dann auf meine Uhr: Der Bus fuhr in zehn Minuten. Als ich den Kaffee ausgetrunken hatte, sah ich wieder auf die Uhr. Der Bus fuhr in zehn Minuten.

Über dem Meer kreiste ein einsamer Milan.

Wer weiß, wie oft vergewisserte ich mich, dass der Bus in zehn Minuten fahren würde.

Wo war ich gelandet?

Es wehte eine Brise. Auf dem Häuschen, wo man die Karten für die Schiffsrundfahrten um die Halbinsel von Manazuru kaufte, saßen ein paar Möwen. Auf dem verfallenen Dach wuchs Gras. Die Möwen kreischten.

Alles - der Fischmarkt, die Nudellokale und Kneipen um den Markt herum, sogar der Steinbruch am Berg - war verfallen. Aus den Rissen im Asphalt der Straße wucherte mageres struppiges Gras.

Über der Bank an der Haltestelle tanzte ein Mückenschwarm. Obwohl es Winter war, wimmelte es von den fliegenden Insekten.

»Komm zurück!«, hörte ich die Frau rufen.

Aber sehen konnte ich sie nicht. In zehn Minuten fuhr der Bus. Ich hatte Angst, die Bank zu verlassen und zögerte. Wie Ohrensausen überfiel mich der Gedanke an Rei. Ich liebte ihn. Aber eigentlich wusste ich noch immer nicht, was das Wort Liebe bedeutete. Vermutlich konnte man meine Gefühle für ihn als Liebe bezeichnen. Liebe hatte keinen Nutzen. Besonders hier nicht. Dennoch liebte ich Rei.

Auch nachdem er mich verlassen hatte, liebte ich ihn noch. Ich konnte nicht aufhören, ihn zu lieben. Es war schwierig, jemanden zu lieben, der nicht da war. Das Gefühl verkehrte sich in sich selbst. Wie man einen Stoffbeutel wendet, kehrte sich auch das Gefühl von außen nach innen.

Verwandelte sich nach innen gekehrte Liebe in ihr Gegenteil?

Nein.

War das Gegenteil von Liebe Hass? Oder war Hass gleichbedeutend mit Liebe? Das ließ sich nicht so einfach klären.

Es wurde zu etwas Vagem, Trübem, Undeutlichem, Fremdartigem.

In zehn Minuten fuhr der Bus.

Es war kalt. Der Milan kreiste unablässig über der gleichen Stelle.

Einmal im Frühling hatten Rei und ich einen Ausflug ins Grüne unternommen.

Ich trug Momo auf dem Arm, die Forsythien leuchteten gelb, und die Spiersträucher hatten weiße Blüten.

»Da, eine Schaukel«, sagte Rei.

Ich gab ihm Momo und setzte mich auf die Schaukel. Ich schwang hoch hinauf und blickte auf die beiden hinunter. Bei jedem Schwung lachte Momo laut.

Sobald ich mich nicht mehr abstieß, verlor die Schaukel an Fahrt. Ich erwartete, dass sie rasch zum Stillstand kommen würde, aber sie schwang noch lange kraftlos hin und her.

Rei setzte Momo auf dem Boden ab und stieß mich von hinten an. Erneut gewann die Schaukel an Schwung. Momo versuchte aufzustehen. Sie konnte noch nicht allein laufen. Einen Moment lang stand sie aufrecht da, fiel aber sofort wieder auf ihr Hinterteil. Sie saß mit gespreizten Beinchen da und klatschte vergnügt in die Hände.

Rei stieß mich kräftig an.

Hör auf, bitte!, bat ich. Er lachte nur. Ein volles, heiteres Lachen.

Wenn ich die Augen schloss, empfand ich die Höhe stärker. Ich hatte das Gefühl, zwischen Himmel und Erde zu pendeln, obwohl ich in Wirklichkeit höchstens zwei Meter über dem Boden war.

Wohin werde ich geschleudert, wenn ich jetzt loslasse?, dachte ich, die Augen fest zugekniffen, tief im Innersten meines Gehirns.

Sooft Reis Hände meinen Rücken berührten, kehrte mein Körper zur Erde zurück, aber etwas anderes, das weder mein Körper noch mein Geist war, etwas Undefinierbares, etwas Vages, das kehrte nicht zurück.

Als ich die Augen wieder öffnete, breitete sich vor mir die Wiese aus, und Momo und Rei sahen mich an. Sie waren unverändert.

Ich stemmte die Füße kraftvoll in den Boden und hielt die Schaukel an. Wieder klatschte Momo in die Hände.

Als Rei sie hochhob, lachte sie noch lauter.

Es war im Herbst auf der gleichen Wiese.

An ihrem Ende gab es eine Seilbahnstation mit einem kleinen kastenförmigen Waggon, der wie ein Käfer an einem Stahlseil den Berghang hinaufkroch.

»Komm, wir fahren mit der Seilbahn«, schlug Rei vor.

Gegen meinen Willen stieg ich ein.

Etwa in der Mitte gab es noch eine Station, an der alle außer uns ausstiegen. Da die Bahn automatisch betrieben wurde, waren wir nun ganz allein. Die Durchsagen kamen über Lautsprecher.

An der nächsten Station hielt die Bahn an. Der Lautsprecher fiel plötzlich aus. Es schien etwas nicht in Ordnung zu sein. Doch Rei sah weiter gelassen aus dem Fenster.

»Komm, wir steigen aus und durchtrennen das Seil«, sagte er, als wäre ihm gerade eine besonders gute Idee gekommen.

»Das geht nicht«, sagte ich. Ich war sicher, dass ich träumte. Ob man das Seil durchschneiden konnte, auch wenn es nur im Traum war?

Wir stiegen an der zugigen Station aus und drückten einen Alarmknopf. Der Waggon rollte langsam in Richtung Tal, überschlug sich auf dem Berghang, traf unten auf und zerschellte.

»Rei, ich habe Angst. Warum sind wir hier?«, fragte ich.

»Da ist doch nichts dabei. So geht es eben zu im Leben«, antwortete er.

Hin und wieder traf mich ein starker Windstoß, so dass ich beinahe davongeweht worden wäre. Obwohl ich träumte, spürte ich die Kraft und die Kälte des Windes ganz deutlich.

Tief unter uns breitete sich die herbstliche Wiese aus. Ich legte meine Hand um Reis Hüfte. Gestern, als er von der Arbeit nach Hause kam und ich seinen Anzug auf einen Bügel hängte, hatte ich die herausgesprengten Schrauben und die glänzenden verdrehten Stahlteile des geborstenen Waggons vor mir gesehen.

»Ja, so etwas kommt im alltäglichen Leben wohl häufig vor.«

»Ja, stimmt«, pflichtete er mir bei.

Der Herbstwind riss an unseren Haaren und zersauste sie. Ich überlegte, was ich am Abend kochen sollte, und hoffte nervös, die nächste Bahn würde bald kommen.

Wir waren wieder auf der gleichen Wiese, aber es war nicht Frühling und auch nicht Herbst, sondern der Sommer ging seinem Ende entgegen.

Ich hielt Rei die Frau mit dem Muttermal vor.

Er schwieg. Er versuchte nicht einmal, sich herauszureden. Ich fröstelte. Ich sah ihn an, aber er starrte nur ausdruckslos geradeaus.

Mein Rei hatte sich tief in sich zurückgezogen. Vor mir stand nur seine äußere Hülle.

Ich ohrfeigte ihn.

Er erbleichte, schwieg aber weiter.

»Die Frau hat keine Schuld«, stieß er nach einem Moment hervor.

»Liebst du mich nicht mehr?«, fragte ich.

»Lieben...«, murmelte er nachdenklich. »Dieses Wort ist mir fremd.«

Wieder fröstelte ich.

All die Worte, die wir bisher gewechselt hatten, verloren in diesem Moment ihren Sinn.

Ich klammerte mich an ihn.

Er stieß mich nicht von sich, wich aber ein wenig zurück.

Ich hatte in der festen Überzeugung gelebt, dass Momo, Rei und ich miteinander verschmolzen waren, als Familie eine harmonische Einheit bildeten.

Doch in diesem Spätsommer, auf dieser Wiese wies Rei mich zurück.

Dennoch klammerte ich mich an ihn. Ich brachte meine Lippen an sein Ohr. »Bitte, geh nicht«, flüsterte ich.

Er legte leicht die Arme um mich. Trotz dieser Geste der Nähe fühlte ich mich weiter zurückgestoßen. Obwohl - oder gerade weil - er mich umarmte, ergriff mich Verzweiflung.

»Ich lasse dich nicht gehen«, schrie ich.

Rei verstärkte den Druck seiner Arme. Hielt mich fest, als wäre ich ein tobendes Kind.

In diesem Moment sah ich rot. Hätte ich ein Messer gehabt, ich hätte auf ihn eingestochen. Das Blut wäre aus seinem Körper gesprudelt, und ich hätte darin gebadet. Ich hätte gewartet, bis der letzte Tropfen aus ihm herausgelaufen war. Dann hätte ich seinen reglosen Körper fest an mich gepresst und mein Gesicht darin vergraben.

Rei sah mich ruhig an.

Ich konnte nicht einmal weinen. Unter seinem Blick packte mich unermessliches Verlangen nach seinem Körper Hätte ich mich nur nie in ihn verliebt, dachte ich. Wäre ich ihm nur nie begegnet.

Reis Blick tat mir weh. Aber ich genoss diesen Schmerz Obwohl ich so verzweifelt und einsam war, machte er mich: glücklich.

»Rei«, sagte ich.

»Kei«, erwiderte er.

Über der spätsommerlichen Wiese schwirrte ein dichter Mückenschwarm.

In zehn Minuten fuhr der Bus. Und ich saß frierend auf einer Bank am Meer in Manazuru, wo die Mücken tanzten.

Ein Schatten traf mich.

Ich schaute nach oben. Ein großer Vogel flog über mich hinweg. Geräuschvoll teilten die weißen Schwingen den Wind.

»Ein Reiher«, sagte ich laut. Mein erstarrter Körper entspannte sich etwas.

Der Reiher flog über die Hügel hinweg und verschwand. Wieder sah ich auf die Uhr. Beide Zeiger standen auf der Zeit, um die der Bus in zehn Minuten abfahren sollte. Der Sekundenzeiger bewegte sich.

Der Reiher kehrte zurück, aber er war nicht allein, ein zweiter Reiher war bei ihm. Sie ließen sich auf zwei benachbarten Dächern am Berghang nieder. Reglos saßen sie da, die langen Beine leicht angewickelt, als wollten sie für immer dort verharren.

Die Hälfte der Dachziegel war abgestürzt, zwischen den verbliebenen hatte sich Moos angesiedelt, und hier und da sprossen Gräser. Die halb aus der Führung gerissenen hölzernen Läden moderten vor sich hin.

In den ersten zehn Jahren wirkt ein unbewohntes Haus nur leer, aber danach entwickelt es ein Eigenleben. Durch die zerbrochenen Scheiben klettert Efeu ins Innere. Hier war ein Großteil der Blätter braun und welk, aber auch ein paar frische grüne rankten sich darunter hervor.

Risse durchzogen die schmutzig grauen Außenmauern wie eine Zeichnung. Doch es lag nicht an dem wuchernden Efeu und dem Gras auf dem Dach, dass das verfallene Haus ein Eigenleben zu haben schien.

Ich erhob mich und ging auf eines der Häuser zu, auf dem ein Reiher saß.

Die beiden Vögel blickten von ihren getrennten Dächern in entgegengesetzte Richtungen. Sie hatten weiße Flügel und schwarze Schnäbel. Die Krallen, mit denen sie sich festhielten, waren gelb.

Ich stieß das von Insekten zerfressene Tor auf. Die Scharniere brachen, und das Tor fiel langsam und quietschend ab. Der Garten war gar nicht so verwildert. Nur ein paar magere und kurze Gräser bogen sich im Wind.

Ich hatte erwartet, die Haustür verschlossen zu finden, aber sie ließ sich leicht öffnen. In Schuhen betrat ich das Innere.

Schimmelgeruch umfing mich. Mit angehaltenem Atem öffnete ich eine Schiebetür mit fast völlig zerfetzter Papierbespannung. An der Wand über der Tür hingen drei Fotografien in schmalen Rahmen. Von rechts zeigten sie eine Frau mit hochgesteckten Haaren, einen Mann in Festtagskleidung und ein Baby auf einem Futon. Die Fotos waren so angebracht, dass die drei auf diejenigen herunterschauten, die durch die Tür gingen.

Ob das Kind auf dem Foto links vielleicht schon im Babyalter gestorben war?

Seine großen glänzenden Augen erinnerten mich an Momo. In einer Nische des Zimmers schimmerte matt ein buddhistischer Altar. Wahrscheinlich war das Gold im Laufe der Jahre verblasst. Obwohl ich das Kind auf dem Bild gar nicht kannte, kamen mir die Tränen.

Seit wann dieser Ort wohl so verfallen und düster war?

Die Namensschilder an den Häusern waren abgeblättert und unleserlich. Ich durchstreifte ein leeres Haus nach dem anderen, ein Zimmer nach dem anderen, und hinterließ meine Fußspuren in den Staub bedeckten Fluren und auf den Tatami, nachdem die Bewohner ihr Leben abgeschlossen und sie verlassen zu haben schienen.

Die Frau war nicht bei mir, obwohl sie mir am Strand noch gefolgt war.

Auf einmal saßen auf allen Dächern Reiher. Während ich durch die Häuser ging, dachte ich an die Vögel, die nur durch die dünne Decke und den Dachstuhl von mir getrennt waren. Die reglosen, weißen Reiher waren die einzigen hellen Punkte in der düsteren, traurigen Szenerie.

Als ich nach Rei rief, erschien er.

»Bist du einsam?«, fragte ich. Rei lächelte ein wenig.

»Nimm mich in die Arme.«

Er gehorchte mir nicht. Stattdessen sah er mir in die Augen. Sein Blick war immer durchdringend gewesen, doch nun sah er mich vage und kraftlos an.

«Kommst du zu mir?«, fragte er.

Ich wünschte es mir. Aber dann konnte ich vielleicht nicht am Leben bleiben. Keine leichte Entscheidung. Wollte ich mit ihm gehen oder wollte ich leben? Wie sollte ich mich entscheiden?

»Kommst du?«, fragte er noch einmal.

»Ich würde gern.«

»Also?« Wieder lächelte er. »Aber du hast recht. Das kann man wahrscheinlich nicht selbst entscheiden«, flüsterte er. Reis leise Stimme erfüllte mich mit Sehnsucht.

»Aber wie hast du es denn gemacht?«

»Tja, ich...«, sagte Rei und sah mich wieder an. Diesmal war sein Blick eindringlicher. Licht fiel in seine Augen. Ich kannte sie sehr gut. Seine Augen. Oft hatte ich mein Gesicht ganz nah an seines herangebracht und hineingesehen. Auch jetzt sah ich ihm in die Augen, in diesem Moment, im nächsten und noch im übernächsten, betete ich, dass ich sie nie vergessen würde. Ich legte meine Hände auf seine Wangen und flehte: »Bitte, geh nicht. Du musst mir gehören.«

»Wir sind doch verheiratet«, erwiderte er verwundert.

»Es genügt mir nicht, mit dir zusammen zu sein. Ich bin einsam, auch wenn wir zusammen sind.«

»Es reicht also nicht, wenn ich da bin?«, sagte Rei bereits etwas gelangweilt.

»Einfach weil du du bist, Rei, ist alles so gekommen.«

»Du liebst mich wirklich sehr.« Rei lachte und schob mein Gesicht beiseite. Nicht unwillig, sondern liebevoll.

Bei seiner Geste spürte ich, wie ich wieder in die andere Welt gezogen wurde.

Mein Gefühl. Es war, als würde ich langsam durch klares Wasser auf den unbekannten Grund eines tiefen Sees sinken. Unzählige kleine Blasen stiegen neben mir auf, und auch ich wurde zu einer runden Perle, die am Ende zu Boden sank und reglos dort liegen blieb.

Rei kannte sie nicht. Meine Gefühle. Aber ich kannte seine ja auch nicht. Ich kannte weder die Gefühle meiner Mutter noch die meines Vaters, nicht einmal von Seijis Gefühlen hatte ich eine Ahnung.

Ich wusste nichts. Und in meiner Unwissenheit war ich hier gelandet.

Ich nahm Reis Hand und setzte mich in Bewegung.

Wir verließen die Wiese, durchquerten das Wasser, schwebten durch die Luft, kehrten zur Wiese zurück und gingen endlos weiter.

Ich zog ihn an der Hand hinter mir her. Er folgte mir ruhig. Nach langer Zeit kamen wir an.

Ich war erschöpft und ließ mich auf eine Bank am Ende der Wiese sinken. Rei setzte sich neben mich. Ich legte meinen Arm um seine Hüfte und lehnte mich an ihn. Er streichelte mein Haar.

»Du bist älter geworden«, sagte er.

»Bist du seit damals nicht älter geworden?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht. Ich kann mich ja selbst nicht sehen.«

Von Liebe überwältigt, umschlang ich ihn fester. Ein Schwarm Reiher erhob sich von der Wiese, etwa zwanzig oder dreißig Vögel, die mit großen Flügelschlägen davonflogen.

»Habe ich dich getötet, Rei?«

Er antwortete nicht.

Ich hatte ihm die Kehle zugedrückt. Dennoch war er nicht gestorben. »Eine Frau wie du will mich erwürgen? So ein Schwächling bin ich wirklich nicht.« Rei lachte. Ich gab ihm eine Ohrfeige. Ein leises Klatschen ertönte, das kraftlos verhallte. »Tut nicht weh.« Wieder lachte er.

Ich wollte ihn umbringen. Er sollte von meiner Hand sterben, nicht von der eines anderen.

Warum verlor man am Ende so völlig den Boden unter den Füßen, wenn man jemanden liebte? Obwohl ich das Gewicht von Reis Körper ganz stark gespürt hatte, verlor er unversehens seine Form, wurde transparent, und meine ausgestreckten Hände griffen ins Leere.

Ich betastete Reis Körper neben mir auf der Bank. Haltlos bedeckte ich ihn von der Hüfte bis zu den Rippen, von der Brust bis zum Hals, vom Kinn über Mund und Nase bis zur Stirn mit Küssen. Mein Speichel floss, voll heftigem Verlangen umklammerte ich ihn noch fester, rief seinen Namen, rief »ich liebe dich«. Obwohl wir so eng aneinander gepresst saßen, dass nicht die geringste Distanz zwischen uns war, und meine Begierde nicht nachließ, begann Reis Körper - ach, welche Qual, welche Qual - sich aufzulösen, löste sich ganz auf, bis nur das Gefühl blieb, dann zerstob auch das Gefühl und nichts blieb, obwohl die Begierde nicht verschwand, bis in alle Ewigkeit. Die Reiher flogen davon.

Ich ließ Rei los und musterte ihn genau.

Neben mir saß ein Mann mit schwarzem Haar, sein Atem war warm, er wirkte desinteressiert.

»Rei, unser Baby, unsere kleine Momo, ist erwachsen geworden. Sie wird mich verlassen und allein in die Welt hinnausgehen. Sie hat deinen Blick, den verwegenen Blick. Bald wird sie leidenschaftlich lieben oder hassen.«

Rei lächelte.

»Momo«, sagte er, als würde er sich den Namen auf der Zunge zergehen lassen.

Reiher glitten im Tiefflug heran. Flügel schlagend landete einer nach dem anderen auf der Wiese.

Noch einmal streckte ich die Arme nach Rei aus, um ihn zu umschlingen.

Doch dort, wo ich seinen Körper geglaubt hatte, war nichts.

Langsam führte ich meine Arme zusammen. Zuerst formten sie einen Kreis, dann kamen sie überkreuz, und schließlich umarmte ich mich selbst.

»Bist du fort?«, rief ich.

»Ich bin doch da.« Die Frau erschien.

»Nicht du! Rei.«

»Rei war von Anfang an nicht hier«, sagte sie.

Mir wurde klar, dass sie recht hatte. Wieder sah ich auf den Fahrplan neben der Bank. Der Bus fuhr in zehn Minuten. Auf der Wiese scharten sich nur die Reiher.

»Ich bin müde«, klagte ich, denn ich fühlte mich noch erschöpfter als vorher.

Wie wehleidig ich war. Ich musste selbst ein bisschen lachen. Immer und immer wieder war ich müde. Ich hätte vor Müdigkeit schreien, stöhnen und toben können. Doch es war nur meine Seele, die aufgewühlt war, und weil mein Körper nicht Schritt halten konnte, regte ich mich immer mehr auf, bis ich das Gefühl bekam, aus der eigenen Haut zu fahren.

Irgendwann hatte ich gelernt, diese Erschöpfung zu beschwichtigen.

»Die meisten Dinge kann man beherrschen«, pflichtete die Frau mir bei.

Sie wurde von immer mehr Angehörigen umringt. Eine ältere Frau, eine junge, ein alter Mann, einer, der nicht mehr ganz jung war, ein junger, Kinder und noch mehr Kinder. Alle streckten die Hände nach ihr aus. Einer griff nach ihrem Bein, ein anderer fasste sie am Arm, jemand hockte sich auf ihre Schulter, und noch jemand umschlang ihren Hals.

»Ihr seid schwer«, sagte die Frau und schüttelte sie ab.

Die meisten fielen zu Boden, hängten sich aber gleich wieder an sie. Einige klebten richtiggehend an ihr, so energisch sie sie auch beiseite schob. Es nahm kein Ende.

»Ich bin daran gewöhnt.«

Besonders ein Kind umklammerte hartnäckig mit beiden Armen und Beinen ihre Knie, so dass ihre Waden sich langsam blau färbten.

»Ts, schon wieder.« Die Frau schnalzte mit der Zunge. »Meine Beine sterben ab, weil das Blut nicht zirkulieren kann. Aber ich bin es ja gewöhnt. Immer das Gleiche.«

Allmählich fühlte ich mich sehr unbehaglich.

Hoffentlich kam bald der Bus.

Ich sah auf die Uhr. Der Sekundenzeiger bewegte sich, krabbelte wie ein Lebewesen über das Zifferblatt.

Mir reicht es, dachte ich und schloss die Augen. eigentlich sollte dieser Gedanke genügen, um mich wieder nach Manazuru zurückzuversetzen. Aber es funktionierte nicht. Der Bus kam nicht. Die Frau stand, wenn auch schwer behängt mit ihren Angehörigen, gleichmütig da.

Als ich sie verließ, um Rei zu folgen, stellte eine andere Frau sich mir in den Weg.

Die mit dem Muttermal am Hals.

Sie zeigte mit dem Kinn auf Rei, der unter einer Sommerdecke schlief.

Die Frau glitt neben ihn unter die Decke und flüsterte ihm etwas zu. Rei wachte auf und nahm sie in die Arme. Und nicht nur das, er spreizte ihre Beine und drang in sie ein.

In seiner Eindeutigkeit war mir dies weniger unerträglich als die Situation, in der sie sich damals gegenüber saßen und sprachen.

Körper sind austauschbarer als Gefühle.

Zuerst wusste ich nicht, welcher Körper wem gehörte. Rei? Oder der Frau mit dem Muttermal? Doch je genauer ich hinsah, desto schwieriger wurde es, sie zu unterscheiden.

In Wirklichkeit war ein Koitus viel nüchterner, als man es sich vorstellte. Eine klebrige, geräuschvolle, obszöne Angelegenheit, aber im Grunde immer dasselbe. Wie außergewöhnlich die Stellungen und wie heftig die Stöße auch waren, man hatte stets den Eindruck, es irgendwo schon einmal erlebt zu haben.

Bei Gefühlen war das nicht so einfach.

In ihnen war alles enthalten. Alles, was ich seit meiner Geburt erlebt hatte, alles, was ich bereits vergessen glaubte.

Außerdem schlossen sie Dinge ein, die ich niemals gesehen, ja, von denen ich nicht einmal etwas geahnt hatte.

Rei nahm die Frau von der Seite, dann diagonal, dann wieder von vorn, es war öde.

»Das reicht« sagte eine Stimme. Es war die Frau aus Manazuru.

»Ich bin nicht wütend«, sagte ich zu ihr. Wieder überkam mich Selbstmitleid.

»Das ist doch alles Vergangenheit.«

»Aber ich liebe ihn noch immer.«

»Obwohl du ihn längst vergessen hast?«

»Ich habe Rei nie vergessen«, widersprach ich.

Sie lachte spöttisch. »Hast du doch. Du kommst doch nicht seinetwegen nach Manazuru, sondern nur deinetwegen.«

Die Frau mit dem Muttermal stöhnte. Sie hatte eine schöne, laszive Stimme. Hatte ich auch so gestöhnt? Rei bewegte sich stumm und ernst.

Es kommt mir vor, als hätte ich diesen Mann noch nie gesehen, dachte ich.

»Siehst du, du hast ihn vergessen.« Die Frau lachte abschätzig.

Alle Reiher flogen auf einmal auf. Beim Rauschen ihrer Flügel schauten Rei und die Frau auf. Ihre Unterkörper blieben ineinander verschlungen. Wirklich öde, dachte ich erneut.

Neuerdings hatte ich beim Schlucken das Gefühl, dass etwas meine Kehle blockierte.

Der Bus kam, und ich stieg ein. Die Frau saß neben mir. Zusehends entschwand die Wiese meinen Blicken. Auch die in der Dämmerung schwebende, verschlungene Silhouette von Rei und der Frau mit dem Muttermal war bald nicht mehr zu sehen.

Der Himmel war dunkel. Sämtliche Häuser und Geschäfte waren verfallen. Der Bus fuhr durch Straßen und dann in den Wald. Die Frau und ich waren die einzigen Fahrgäste. Der Fußboden im Bus roch nach Schmieröl.

Die Nase an die Fensterscheibe gedrückt, betrachtete die Frau die vorüberziehende Landschaft. Wie ein kleines Kind, dachte ich. In diesem Moment verwandelte sie sich in Momo.

»Bitte nicht«, sagte ich, und sie verwandelte sich wieder zurück.

»Dein Kind ist deine Schwäche.«

»Hatte ich Rei wirklich vergessen?«, murmelte ich, ohne auf ihre Bemerkung einzugehen. »Die ganze Leidenschaft und Liebe, die mich erfüllte, war nicht auf ihn gerichtet?«

»Ist doch egal«, sagte die Frau.

»Werde ich sterben?« Ich griff mir an den Hals. »Komme ich so oft nach Manazuru, weil mein Tod bevorsteht?«

»Manazuru ist kein Ort, an dem man stirbt«, sagte die Frau unwillig, während sie weiter aus dem Fenster schaute.

Als ich mich kleinlaut entschuldigte, wich ihr Unmut, und sie betrachtete wieder begeistert die Landschaft.

Der Bus fuhr in den dichten Wald, den sie das »Wäldchen« nannte. »Schau«, sagte sie und deutete eifrig mit dem Finger, »dort habe ich immer Holz gesammelt. Und dort zum ersten Mal mit einem Mann geschlafen. Da drüben habe ich mein Kind bekommen. Und dort wurde ich nach meinem Tod begraben. Die Stelle da hinten hatte ich sehr gern, obwohl sie eigentlich nichts Besonderes an sich hat.«

»Kann ich jetzt nie mehr zurück?«, fragte ich sie.

»Glaube ich nicht. Du bist doch da.«

»Wie meinst du das?«

»Erst wenn du nicht mehr da bist, kannst du nicht mehr zurück.«

»War das so bei Rei?«

»Weiß ich nicht. Es geht mich auch nichts an«, erwiderte sie schroff und fing wieder an zu zeigen. »Dort habe ich gewohnt. Dort bin ich krank geworden. Da habe ich mich nach meiner Krankheit erholt. Da bin ich alt geworden. Und dort wurde ich geboren.«

Der Bus drosselte die Geschwindigkeit. Sooft sie mit dem Finger auf eine Stelle zeigte, leuchtete diese matt auf. »Es ist schön hier«, sagte ich und brachte mein Gesicht näher an ihres heran.

»Ja, sehr schön«, pflichtete sie mir bei.

Sonnenstrahlen drangen durch die Bäume. Es hatte aufgehört zu regnen. Ich sehnte mich nach Momo.

»Ich will nicht sterben.« Dieser Wunsch war stärker als meine Sehnsucht nach Momo.

Was sollte aus meiner Mutter und Momo werden, wenn ich tot war? Selbst wenn Momo schon sehr selbständig war, würde mein Tod sie zum Weinen bringen. Auch meine Mutter würde weinen.

In meiner Kehle steckte noch immer dieses harte Ding, und ich verspürte dieses Stechen in der Brust. Der Bus kurvte durch den Wald, und die Frau fuhr fort, mir die Orte ihrer Vergangenheit zu zeigen.

Schließlich hielt der Bus an.

Wir stiegen aus und standen am Ende der Landzunge.

Ich war schon einmal hier gewesen. Das weiße Rasthaus, das zuerst eingestürzt und dann wieder erstanden war, nachdem ich dort Kaffee getrunken hatte, war nun bis zur Unkenntlichkeit verfallen.

Die Frau ging vor mir her die Treppe zum Strand hinunter. Sie führte auf einen betonierten Abhang, an den sich weitere Stufen anschlossen.

Es war windstill. Die See hatte sich zurückgezogen, und der steinige Meeresboden lag bis zu einem großen Felsen weit draußen frei.

»Wollen wir hingehen?«, fragte die Frau.

Sie nahm mich an der Hand, und wir sprangen von Stein zu Stein. Aber der Felsen erwies sich als so steil und zerklüftet, dass wir ihn nicht erklimmen konnten. Wir kehrten an den Strand zurück und blickten auf den Horizont, bis die Sonne untergegangen war.

»Bist du zufrieden?«, fragte sie.

»Ja«, antwortete ich im Ton eines kleinen Kindes, das mit seiner Mutter spricht. »Ja, und diesmal fahre ich wirklich nach Hause.«

»Das ist gut«, sagte die Frau milde und begann vor mir die Treppe hinaufzusteigen. Ihre Beine waren schlank. Am liebsten hätte ich mich an ihnen festgeklammert, wie vor kurzem das Kind.

»Ich bin traurig«, sagte ich.

»Ich weiß. Aber da man kann nichts machen.«

»Ich bin aber trotzdem traurig.«

»Du musst jetzt gehen«, sagte die Frau und brachte mich an den Bus. Als ich mich umdrehte, winkte sie mir zu.

Der Bus fuhr wieder durch das Wäldchen und den Hügel hinunter. Unten lag die Stadt. Sicher war sie nun nicht mehr verfallen, und Häuser und Geschäfte waren hell erleuchtet.

Ich spürte etwas und drehte mich um. Es war Seiji.

»Seiji!«, rief ich und noch einmal: »Seiji!«

Mit einem vagen Ausdruck wandte er sich mir zu. Er bewegte den Mund, schien etwas zu sagen. Was, konnte ich nicht verstehen.

Einen Augenblick später war Seiji verschwunden, und der Bus fuhr in die Stadt ein. Die Fenster der Häuserreihen, die sich bis ans Meer erstreckten, waren von weißem und gelblichem Licht erhellt. Ich stieg am Bahnhof Manazuru aus und kaufte mir eine Fahrkarte. Ein paar Frauen, die vor dem Schalter standen, unterhielten sich darüber, dass der Eilzuschlag hier etwas günstiger sei als im Zug beim Schaffner. Mit einem Windstoß fuhr mein Zug in den Bahnhof ein. Ich drehte mich noch einmal um. Zwei Reiher flogen in Richtung des Landesinneren. Ihre weißen Schwingen leuchteten in der Dunkelheit.

»Manazuru«, flüsterte ich sehnsüchtig. Auch wenn ich noch hier war, empfand ich große Wehmut. Wieder verspürte ich einen Stich in der Brust.