Zweiundzwanzig

Am nächsten Morgen machten wir eine Fahrt mit dem Auto, und ich war ganz aufgeregt, weil … nun ja, eben weil wir Auto fuhren! Auch Maya hatte gute Laune, deswegen wusste ich, dass wir nicht zur Arbeit fuhren, denn in letzter Zeit hatte sie dabei nie gute Laune gehabt. Aber erst, als die Fahrt vorbei war und Maya die Tür für mich öffnete, begriff ich, wo wir waren.

Jakobs Wohnung.

Ich lief voraus, sprang die Treppe hinauf und bellte vor der Tür, was ich niemals getan hätte, als ich noch hier wohnte.

Ich konnte riechen, dass Jakob zu Hause war, und hörte ihn zur Tür kommen. Als er öffnete, sprang ich an ihm hoch, hüpfte und drehte mich vor Freude im Kreis.

»Ellie! Wie geht es dir, mein Mädchen? Sitz!«

Ich setzte das Hinterteil auf den Boden, aber es kam gleich wieder hoch.

»Hallo, Jakob«, sagte Maya von der Treppe her.

»Komm rein, Maya«, sagte Jakob.

Ich war so glücklich, Jakob wiederzusehen, dass ich mich neben ihn setzte, als er sich vorsichtig in einem Sessel niederließ. Am liebsten wäre ich ihm auf den Schoß geklettert, und bei Ethan hätte ich es bestimmt getan, aber Jakob erlaubte keine Albernheiten.

Als die beiden sich unterhielten, schnüffelte ich ein wenig in der Wohnung umher. Mein Körbchen war nicht mehr da, aber mein Geruch hing noch im Schlafzimmer, und es hätte mir nichts ausgemacht, auf dem Teppich zu schlafen oder – falls Jakob es erlaubte – in seinem Bett.

Dann ging ich ins Wohnzimmer zurück. Als ich an Maya vorbeikam, streckte sie die Hand aus und streichelte mir über den Rücken. In dem Moment wurde mir schreckhaft bewusst, dass ich Maya verlassen musste, wenn ich zu Jakob zurückkehrte.

Als Hund kann man sich nicht aussuchen, bei wem man wohnt. Mein Schicksal würde so oder so von den Menschen bestimmt werden. Trotzdem fühlte ich mich innerlich ganz zerrissen.

Mit Jakob war die Arbeit einfacher als mit Maya. Aber Maya kannte diese tiefe und durchdringende Trauer nicht. Vor allem in Mamas Haus war sie immer sehr glücklich, wenn sie mit all den Kindern spielen konnte. Jakob wiederum hatte den eindeutigen Vorteil, dass er keine Katzen besaß.

Der Sinn meines jetzigen Lebens war klar: Such, Zeig und Menschen retten. Ich war ein guter Hund. Für Jakob und Maya stand die Arbeit im Vordergrund. Das bedeutete, dass keiner von beiden mich je so bedingungslos lieben würde wie Ethan. Aber Maya brachte mir eine Zuneigung entgegen, zu der Jakob niemals fähig gewesen wäre.

Nervös begann ich auf und ab zu gehen.

»Musst du mal raus?«, fragte Maya mich. Ich hörte das Wort »raus«, aber Maya hatte es so unentschlossen ausgesprochen, dass ich nicht reagierte.

»Nein«, sagte Jakob. »Dann würde sie sich an die Tür setzen.«

»Stimmt, das habe ich schon mal gesehen«, sagte Maya. »Ich lasse die Hintertür meist offen. Da kann sie kommen und gehen, wann sie will.«

Sie schwiegen eine Weile. Ich ging in die Küche, aber wie üblich war der Fußboden blitzblank, ohne die geringste Spur von etwas Essbarem.

»Wie ich höre, hast du eine Arbeitsunfähigkeitsrente beantragt«, sagte Maya schließlich.

»Ja. Innerhalb von fünf Jahren bin ich zweimal angeschossen worden. Ich finde, das reicht.« Jakob lachte, aber es klang eher, als ob er bellte.

»Wir werden dich vermissen«, sagte Maya.

»Ich bin ja nicht aus der Welt. Ich habe mich an der Uni in LA immatrikuliert. Wenn ich mich dahinterklemme, kann ich in eineinhalb Jahren mein Jura-Examen in der Tasche haben.«

Wieder schwiegen die beiden. Ich merkte, dass Maya sich nicht mehr wohl in ihrer Haut fühlte. Ich hatte das schon öfter erlebt, wenn Menschen sich mit Jakob unterhielten: Statt das Gespräch fortzuführen, verstummten sie irgendwann. Etwas an seiner Art schien sie früher oder später mundtot zu machen.

»Wann machst du die Prüfung?«, fragte Jakob nach einer Weile.

Seufzend legte ich mich auf neutralem Grund etwa in der Mitte zwischen den beiden hin. Ich hatte keine Ahnung, was als Nächstes passieren würde.

»In zwei Wochen, aber …« Maya sprach nicht zu Ende.

»Aber?«, hakte Jakob nach.

»Ich glaube, ich breche den Lehrgang ab«, brach es plötzlich aus Maya heraus. »Ich komme einfach nicht mit. Ich hatte ja keine Ahnung … Na, jedenfalls glaube ich, dass andere als Hundeführer besser geeignet sind.«

»Das kannst du doch nicht machen!«, sagte Jakob. Ich hob den Kopf und sah ihn überrascht an. Warum wurde er plötzlich so ärgerlich? »Man kann einen Hund doch nicht von einer Hand in die andere geben! Ellie ist der beste Hund, den wir je hatten. Wenn du sie jetzt im Stich lässt, verdirbst du sie vielleicht für immer. Wally sagt, ihr beide hättet eine echte Beziehung zueinander entwickelt.«

Ich klopfte mit dem Schwanz auf den Boden, als ich meinen Namen hörte, aber nur ein bisschen, denn Jakobs Stimme klang sehr ernst.

»Ich bin den Anforderungen körperlich nicht gewachsen, Jakob«, sagte Maya. Ich merkte, dass auch sie jetzt ärgerlich wurde. »Ich war nun mal nicht bei der Marine, sondern bin eine einfache Streifenpolizistin, die mit Müh und Not den jährlichen Fitnesstest besteht. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, aber es ist einfach zu schwer für mich.«

»Zu schwer!« Jakob sah Maya so missbilligend an, dass sie mit den Schultern zuckte und den Blick abwandte. Sie war jetzt nicht mehr wütend, sondern schämte sich, und ich ging zu ihr und berührte ihre Hand mit der Nase. »Was meinst du, wie schwer ein erneuter Wechsel erst für Ellie sein muss? Ist dir das ganz egal?«

»Natürlich nicht.«

»Aber es ist dir zu viel Arbeit.«

»Nein, Jakob, ich bin diesem Job einfach nicht gewachsen. Mir fehlen die notwendigen psychischen Voraussetzungen.«

»Dir fehlen die nötigen Voraussetzungen. Die psychischen.«

Ich spürte, dass Maya mit den gleichen Gefühlen zu kämpfen hatte, die bei ihr manchmal zu Tränenausbrüchen führten. Ich wollte sie trösten und schob ihr noch einmal meine Nase in die Hand. Als Jakob wieder das Wort ergriff, sah er Maya nicht direkt an, und seine Stimme war friedlicher.

»Als ich das erste Mal angeschossen wurde, war meine Schulter so kaputt, dass ich ganz neu lernen musste, sie zu bewegen. Ich war jeden Tag beim Physiotherapeuten und stemmte Gewichte. Mann, hat das wehgetan! Außerdem bekam meine Frau damals gerade ihre letzten Chemos. Mehr als einmal wollte ich aufgeben. Das war schwer.« Jakob sah Maya jetzt an. »Susan lag im Sterben, aber sie gab niemals auf, nicht, bis alles vorbei war. Und ich wusste: Wenn sie durchhalten konnte, konnte ich es auch. Es ist das einzig Richtige. Versagen ist keine Option, solange Erfolg lediglich eine Frage des Durchhaltens ist. Ich weiß, dass es schwer ist, Maya. Aber du musst es versuchen.«

Die Düsternis und Schwermut, die ich von Jakob kannte, ergriff wieder von ihm Besitz, und sein Ärger verflog. Er sackte in seinem Sessel zusammen und war plötzlich ganz erschöpft.

Irgendetwas sagte mir, dass ich nicht wieder zu ihm ziehen und mit ihm arbeiten würde. Er hatte einfach kein Interesse mehr an »Such«.

Obwohl Maya traurig war, spürte ich wachsende Entschlossenheit in ihr, eine Kraft, die sie antrieb, wie an dem Tag, als sie mit mir am Meer entlanggelaufen war.

»Okay. Du hast ja recht«, sagte sie zu Jakob.

Jakob tätschelte mir den Kopf, als wir uns verabschiedeten, und zeigte keinerlei Bedauern. Er schloss die Tür, ohne mir noch einmal hinterherzublicken. Er und Maya hatten über mein Schicksal entschieden, und es war meine Pflicht, zu tun, was sie wollten.

Danach fuhren Maya und ich zu den Hügeln vor der Stadt. Dort lief sie, bis sie vor Erschöpfung über ihre eigenen Füße fiel, und am nächsten Tag gingen wir nach der Arbeit wieder laufen. Mir machte es großen Spaß, aber Maya war hinterher häufig verzweifelt und hatte Schmerzen.

Einige Tage darauf war sie nach dem Laufen zu müde, um aus dem Wagen zu steigen, als wir nach Hause kamen. Mit schweißüberströmtem Gesicht blieb sie bei offenen Fenstern sitzen. »Ich schaffe es nicht, Ellie. Es tut mir so leid!«, sagte sie traurig.

Ich sah, dass Emmet und Stella uns vom Fenster aus beobachteten. Wahrscheinlich wussten sie nicht mal, was ein Auto war. Und Tinkerbell hatte sich wahrscheinlich schon versteckt, als sie bloß den Motor hörte.

»Alles in Ordnung, Maya?«, fragte Al besorgt. Der Wind blies in die entgegengesetzte Richtung, deswegen hatte ich ihn nicht gerochen. Ich streckte den Kopf aus dem Fenster, damit er mich streicheln konnte.

»Oh, hi, Al.« Maya stieg aus dem Wagen. »Ja, ja. Ich habe nur … nachgedacht.«

»Ach so. Ich habe dich ankommen sehen.«

»Ja.«

»Da dachte ich, ich komme mal rüber und frage, ob du vielleicht meine Hilfe brauchst.«

»Nein, nein. Ich war bloß mit dem Hund laufen.«

Ich stieg aus und erleichterte mich im Garten. Dabei sah ich Emmet und Stella herausfordernd an, aber sie drehten sich angewidert weg.

»Okay«, sagte Al und atmete tief durch, ehe er fragte: »Sag mal, hast du abgenommen?«

»Wie, bitte?« Maya sah ihn wie erstarrt an.

Al erschrak. »Nicht, dass du dick gewesen wärst. Weil du Shorts trägst, fiel mir gerade nur auf, dass deine Beine viel dünner geworden sind.« Aber je mehr er sagte, desto elender fühlte er sich. Dann zog er sich auch schon zurück. »Ich muss dann auch wieder.«

»Danke, Al. Das war sehr nett«, sagte Maya.

Al blieb stocksteif stehen. »Ich finde, du brauchst keinen Sport zu treiben. So wie du aussiehst, bist du perfekt.«

Maya lachte, und Al lachte auch. Ich wedelte mit dem Schwanz, um den Katzen am Fenster zu zeigen, dass ich – im Gegensatz zu ihnen – den Witz verstanden hatte.

Ungefähr eine Woche darauf unternahmen wir etwas, das mir immer besonders viel Spaß machte: Zusammen mit ein paar anderen Leuten und ihren Hunden gingen wir in den Park mit den vielen Spielgeräten. Auf Mayas Kommando kroch ich in enge Röhren und lief über kippelige Bretter. Schritt für Schritt kletterte ich eine Leiter hinunter und demonstrierte, dass ich geduldig auf einem schmalen Balken sitzen konnte, der einen halben Meter über dem Boden schwebte. Die ganze Zeit über ignorierte ich die anderen Hunde und konzentrierte mich auf meine Aufgaben.

Dann machten wir Such mit einem Mann, der auf seiner Flucht in den Wald ein Paar alte Socken verloren hatte. Maya war so aufgeregt, dass ich mir besonders viel Mühe gab und ein rasantes Tempo vorlegte. Maya begann wieder zu keuchen und zu schwitzen. Noch bevor ich den Mann fand, war mir klar, dass er auf einen Baum geklettert war. Auch Wally hatte das ein paarmal getan, und deswegen wusste ich, dass der Menschengeruch dann anders in der Luft hing als bei Personen, die am Boden blieben. Maya wunderte sich, als ich ihr am Fuß des Baumes zeigte, dass ich mit Such fertig war, denn von dem Mann war nichts zu sehen. Geduldig setzte ich mich hin und sah zu dem grinsenden Mann auf, bis Maya endlich begriff, was los war.

An diesem Abend fand in Mamas Haus ein großes Fest statt. Alle streichelten mich und nannten mich beim Namen.

»Jetzt, da du die Prüfung bestanden hast, musst du erst mal was Ordentliches essen«, sagte Mama zu Maya.

Es klingelte an der Tür, was in diesem Haus sonst fast nie passierte, weil alle einfach so hereinplatzten. Ich folgte Mama an die Tür, und als sie öffnete, spürte ich, dass ihr das Herz aufging. Es war Al, der Mama Blumen überreichte. Ich erinnerte mich daran, wie Ethan Hannah Blumen geschenkt hatte, und das verwirrte mich, denn ich hatte immer gedacht, dass Al Maya gern hatte – und nicht Mama, aber wenn es um solche Dinge ging, habe ich die Menschen wohl nie richtig verstanden.

Die ganze Familie wurde still, als Al in den Garten hinterm Haus kam, wo lauter Tische und Bänke aufgestellt worden waren. Maya ging auf ihn zu, und beide waren ganz nervös, als Al seinen Mund kurz auf ihr Gesicht drückte. Dann nannte Mama die Namen aller Anwesenden, und Al schüttelte allen männlichen Personen die Hand. Danach redeten und lachten alle weiter.

Im Laufe der nächsten Tage fanden und retteten wir zwei Kinder, die von zu Hause weggelaufen waren, und verfolgten die Spur eines Pferdes zurück, um die Reiterin zu finden, die heruntergefallen war und sich das Bein verletzt hatte. Ich musste daran denken, wie Flare Ethan im Wald abgeworfen hatte, und fragte mich, warum sich die Leute überhaupt mit Pferden abgaben, wo es doch so unzuverlässige Tiere waren. Wenn jemand schon einen oder zwei Hunde hatte und immer noch mehr Tiere haben wollte, sollte er doch lieber einen Esel nehmen, wie Jasper, denn über einen Esel kann man wenigstens lachen. Jedenfalls Grandpa hatte das gekonnt.

Einmal fanden Maya und ich einen toten, alten Mann im Wald. Ich fand es deprimierend, an seinem kalten Körper zu riechen, denn das hatte nichts mit Retten zu tun. Obwohl Maya mich lobte, hatten wir beide keine große Lust, hinterher mit dem Stock zu spielen.

Wir besuchten Al in seinem Haus, und er servierte Maya ein Hähnchengericht zum Abendessen. Beide lachten, und dann brachte ein Lieferservice eine Pizza. Ich schnüffelte an den Hähnchenstücken, die Al mir hinlegte, und fraß sie eigentlich nur aus Höflichkeit, denn sie hatten eine dicke Kruste, die nach Ruß schmeckte.

Später an diesem Abend merkte ich, dass Maya von dem toten Mann erzählte, denn dabei wurde sie wieder genauso traurig wie im Wald. Auch mit Jakob hatte ich einige Tote gefunden, aber ihn hatte es nie traurig gemacht. Andererseits hatte es ihn aber auch nie glücklich gemacht, wenn wir Leute fanden, die wir retten konnten. Er hat einfach immer nur seine Arbeit erledigt, ohne etwas Besonderes dabei zu empfinden.

Als ich jetzt über Jakob nachdachte, wurde mir klar, dass die kühle Entschlossenheit, mit der er mir Such beigebracht hatte, hilfreich gewesen war, um über die Trennung von Ethan hinwegzukommen. Er ließ mir keine Zeit zu trauern, denn dafür hatte ich zu viel zu tun. Maya hingegen war ein gefühlsbetonter Mensch. Ihre Art, mich zu lieben, erinnerte mich an meinen Jungen, und ich vermisste ihn sehr. Es war aber nicht mehr dieser stechende Schmerz in der Brust, sondern eine wehmütige Trauer, die mich meist überkam, wenn ich mich abends hinlegte, und die mich bis in meine Träume begleitete.

Eines Tages flogen Maya und ich erst mit einem Flugzeug und dann mit einem Hubschrauber in Richtung Süden. Ich dachte an den Tag, als Jakob von dem Hubschrauber weggebracht wurde, und war froh, dass ich wieder ein Flughund sein durfte. Maya war sehr aufgeregt und fühlte sich beim Fliegen nicht recht wohl. Im Grunde konnte ich sie verstehen, denn Autofahren machte viel mehr Spaß, weil es nicht so schrecklich laut war wie das Fliegen.

Wir landeten an einem Ort, der anders war als alle, die ich je gesehen hatte. Viele Hunde und Polizisten waren schon da, und die Luft vibrierte von Sirenengeheul und war voller Rauch. Die Häuser ringsum drohten einzustürzen, und manche Dächer waren bereits heruntergefallen.

Maya war ziemlich eingeschüchtert, und selbst ich gähnte nervös. Ein Mann kam auf uns zu. Er war schmutzig und trug einen Plastikhelm. Als er die Hand ausstreckte, um Maya zu begrüßen, roch sie nach Asche, Blut und Lehm.

»Ich koordiniere das amerikanische Katastrophenschutz-Kommando in diesem Sektor. Danke, dass Sie gekommen sind.«

»Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist«, sagte Maya.

»Was Sie hier sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Regierung von El Salvador ist völlig überfordert. Es gibt über viertausend Verletzte, Hunderte von Toten, und wir finden immer noch Verschüttete, die überlebt haben. Seit dem 13. Januar hatten wir ein halbes Dutzend Nachbeben, einige davon sehr heftig. Also seien Sie bitte vorsichtig!«

Maya nahm mich an die Leine und führte mich über ein endloses Trümmerfeld. Wenn wir an ein Haus kamen, wurde es zunächst von den Männern, die uns folgten, überprüft. Anschließend ließ Maya mich manchmal von der Leine, und ich musste hineingehen und suchen. Manchmal wiederum betraten wir die Häuser gar nicht erst, sondern führten unsere Suche nur an den Außenmauern durch, und ich blieb angeleint.

»Hier ist es nicht sicher, Ellie. Ich muss dich an der Leine lassen, damit du nicht hineinläufst«, erklärte mir Maya dann.

Einer der Männer hieß Vernon, und da er nach Ziegen roch, erinnerte er mich an die Ausflüge in die kleine Stadt, die ich manchmal mit Ethan und Grandpa unternommen hatte. Es war eins der wenigen Male, dass ich bei der Arbeit an Ethan dachte, denn wenn ich suchte, musste ich alles andere vergessen und mich auf meinen Job konzentrieren.

In den folgenden Stunden fanden Maya und ich vier Menschen. Alle waren tot. Nach dem zweiten verlor ich die Freude an Such, und bei dem vierten – eine junge Frau, die unter einem Haufen eingestürzter Backsteine lag – hätte ich Maya beinahe nicht auf meinen Fund aufmerksam gemacht. Sie merkte, wie mir zumute war und versuchte mich aufzumuntern, streichelte mich und wedelte mit dem Gummiknochen vor meiner Nase herum, aber das interessierte mich nur mäßig.

»Vernon, tust du mir einen Gefallen und versteckst dich irgendwo?«, fragte sie, als ich mich müde zu ihren Füßen niederließ.

»Mich verstecken?«, fragte Vernon überrascht.

»Sie muss zwischendurch mal jemanden finden, der noch lebt. Würdest du es bitte tun? Zum Beispiel da drüben in dem Haus, das wir gerade durchsucht haben. Wenn sie dich findet, musst du so tun, als seist du überglücklich.«

»Na gut.«

Ich merkte, dass Vernon fortging, aber ich achtete nicht auf ihn.

»Okay, Ellie«, sagte Maya nach einer Weile. »Lass uns noch jemanden suchen!« Widerwillig erhob ich mich. »Los, Ellie!«, sagte Maya ganz aufgekratzt, aber ich merkte, dass sie nur so tat. Trotzdem trottete ich zu einem Haus, das wir bereits durchsucht hatten. »Such!«, befahl Maya.

Ich betrat das Haus und blieb überrascht stehen. Obwohl wir hier schon gewesen waren und es daher ganz normal war, dass es noch nach Vernon roch, hatte ich den Eindruck, dass sein Geruch ganz frisch war. Neugierig arbeitete ich mich zum hinteren Teil des Hauses vor. Jawohl! In einer Ecke lagen ein paar Decken, die stark nach Vernon rochen, also nach Schweiß und Ziegen. Schnell lief ich zu Maya zurück. »Zeig!«, sagte sie.

Sie folgte mir im Laufschritt, und als sie die Decken zurückschlug, sprang Vernon heraus und lachte.

»Du hast mich gefunden! Guter Hund!«, rief er und wälzte sich mit mir über die Decken. Ich sprang auf ihn rauf und leckte ihm übers Gesicht, und dann spielten wir eine Weile mit dem Gummiknochen.

Maya und ich arbeiteten die ganze Nacht hindurch und fanden noch mehrere Menschen, darunter auch immer wieder Vernon. Seine Verstecke wurden immer besser, aber seit ich Wally an den unmöglichsten Orten gefunden hatte, konnte mich keiner so leicht austricksen. Alle übrigen Personen, die Maya und ich fanden, waren tot.

Die Sonne ging schon auf, als wir zu einem Haus kamen, aus dem scharfer, beißender Rauch aufstieg. Ich war wieder an der Leine, und meine Augen tränten von dem starken chemischen Geruch, der aus dem eingestürzten Gebäude kam.

Unter einer niedrigen Mauer fand ich einen toten Mann, und ich machte Maya auf ihn aufmerksam.

»Den hatten wir schon entdeckt«, sagte jemand zu Maya. »Aber wir können ihn da nicht so einfach herausholen. Wir wissen nicht, was sich in den Fässern befindet, aber es ist mit Sicherheit giftig. Hier muss erst mal ein Entsorgungsteam durch.«

Aus einigen Metallfässern leckte eine Flüssigkeit, die mir fürchterlich in der Nase brannte. Ich versuchte, den Geruch zu ignorieren und mich auf Such zu konzentrieren.

»Okay, guter Hund«, sagte Maya. »Lass uns woanders weitermachen, Ellie.«

In dem Moment roch ich wieder jemanden und machte Maya darauf aufmerksam, indem ich mich ganz steif machte. Es war eine Frau, und ich konnte sie nur schwach riechen, weil der Geruch der Chemikalien alles überlagerte.

»Schon gut, Ellie. Hier gehen wir erst mal raus. Komm mit!«, sagte Maya und zog sanft an meiner Leine. »Komm, Ellie!«

Ganz aufgeregt versuchte ich weiter, Maya begreiflich zu machen, dass ich noch jemanden gefunden hatte. Wir konnten doch nicht einfach gehen!

Diese Frau lebte.