39.

 

E

s war bereits seit Stunden dunkel. Gutenberg und Thomas hatten das Anwesen abgeriegelt und sich in die Werkstatt zurückgezogen.

»Hört Ihr das Gejohle?«, fragte Gutenberg und Thomas nickte. »Sie verbrennen jetzt die Hexe. Es ist ein schönes Schauspiel, aber die meisten nehmen es ernst. Der Aberglauben ist schlimmer als die Pest. Die Menschen wollen belogen werden.

Sie ertragen die Wahrheit nicht. Wenn du ihnen ein Licht hinstellst, wählen sie die Finsternis. Ich habe es nie begriffen.«

»Die Erfindung wird alles verändern!«, sagte Thomas.

Gutenberg legte den Kopf auf die Seite und blickte Thomas mit den großen, fragenden Augen eines Kindes an. Das Licht einer Kerze spiegelte sich in seinen Pupillen. »Wird sie das wirklich? Ich gestehe, dass ich immer darauf hoffte, wenn ich grübelte, wenn ich nicht weiter wusste und an einem technischen Problem verzweifelte. Mangelnde Bildung verschuldet die Dummheit der Menschen, sagte ich mir. Wenn man ihnen Bildung leicht zugänglich macht, wird alles besser. Mittlerweile bezweifle ich das. Ich bin älter geworden, skeptischer auch. Ich glaube heute, man kann die Welt mit Büchern überschwemmen, und die Menschen werden sich immer noch nach ihrem Aberglauben zurücksehnen. Es reicht nicht, sich bilden zu können, man muss es auch wollen!« Gutenberg trat zum Fenster, in dem sich die mächtige, fast bis zur Decke reichende Druckerpresse spiegelte. »Das Feuer muss in vollem Gang sein. Man sieht den Widerschein über den Dächern. – Habt Ihr Euch schon einmal Gedanken über Eure Zukunft gemacht? Das Richteramt werdet Ihr nicht zurückbekommen, wie auch immer die Sache ausgeht. Der Kurfürst ist zu stolz, um eine getroffene Entscheidung rückgängig zu machen.«

»Ich werde die Jurisprudenz an den Nagel hängen.«

»Ich könnte noch Hilfe brauchen – zum Beispiel einen zweiten Korrektor.«

Thomas lächelte ihm zu. »Ich denke darüber nach. – Und jetzt mache ich den Rundgang.«

Er stand auf und verließ die Werkstatt. Er trug einen Bund mit sämtlichen Schlüsseln bei sich. Er ging über den Hof zum Wohngebäude, durchquerte die Küche und stellte sicher, dass die Haustür verschlossen war. Während er an den Fensterläden jeden Riegel prüfte, dachte er über Gutenbergs Angebot nach, das ihn überraschte, obwohl er im Stillen darauf gehofft hatte.

So ging es ihm oft, wenn er etwas herbeisehnte: Er erschrak, sobald der Wunsch Wirklichkeit werden wollte.

Durch die Ritzen eines Ladens schaute er nach draußen auf die Straße. Eine verspätete Maske hastete Richtung Markt. Er dachte an Katharina. Er war nach dem Gespräch mit Hennings Frau am Haus der Roths vorbeigegangen, hatte sie aber nicht gesehen. Er hätte ihr gern eine Nachricht zukommen lassen, aber es war unmöglich gewesen.

Thomas ging in den ersten Stock und schaute nach dem Rechten. Gutenbergs Haus war menschenleer, und er kam sich mit seiner kleinen Öllampe etwas verloren vor. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass im Haupthaus alles in Ordnung war, prüfte er im angrenzenden Gebäude die Verriegelung des Hoftores, wo ihm ebenfalls nichts Besonderes auffiel. Danach überquerte er den Innenhof und ging zum rückwärtigen Teil des weitläufigen Anwesens.

Er betrat ein lang gestrecktes, zweigeschossiges Gebäude, in dem sich unten die Waschküche und Lagerräume befanden. Thomas öffnete eine Tür und leuchtete hinein. Dort hing Marias Wäsche und reflektierte die schwachen Strahlen der Lampe. Zur Straße hin gab es keine Tür, sondern nur ein Fenster, das fest verriegelt war.

Nachdem Thomas die Räume zu ebener Erde inspiziert hatte, wollte er auch ins Obergeschoss. Eine steile Holztreppe führte hinauf. Thomas nahm die ersten Stufen – als er plötzlich mit dem linken Fuß wegrutschte, mit dem Kopf gegen die Wand schlug und mit knapper Not einen schlimmen Sturz verhinderte. Die Lampe schwankte und drohte zu verlöschen. Als die Flamme sich schließlich wieder beruhigte, hielt Thomas sie nach unten und beleuchtete die Stufen.

Sie waren mit Schlamm bedeckt, der noch ganz frisch war, als er daran fasste. Er sah Fußabdrücke, und an manchen Stellen lagen kleine Erdklumpen, die von einer Sohle abgefallen waren. Thomas betrachtete die Abdrücke. Sie waren groß. Sollte er Gutenberg rufen? Er beschloss, der Sache allein auf den Grund zu gehen. Obwohl er leise auftrat, knarrten die Bretter unter seinen Füßen.

Thomas erreichte das Obergeschoss, und ein dunkler Gang lag vor ihm. Er hörte ein Geräusch. Es ließ sich nicht präzise deuten. Er war sich nicht einmal sicher, woher es kam. Jetzt löschte er die Lampe und stellte sie neben die oberste Trittstufe.

Es war eine Weile still. Dann hörte er wieder das Geräusch. War es eine Stimme? Er hatte gehofft, dass sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, aber es kam ihm vor, als stehe er vor einer Mauer. Er machte einen unsicheren Schritt auf das Geräusch zu, während er mit der Hand an der Wand entlangtastete.

Je weiter er vorankam, desto sicherer glaubte er eine Stimme zu hören. Ein seltsames Murmeln. Nun erkannte er unter einer Tür einen Lichtstreifen, der so schwach war, dass er ihn von der Treppe aus nicht hatte sehen können.

Er hatte Angst, Lärm zu machen. Das Gemurmel setzte manchmal aus und begann dann von neuem. Als er den Lichtstreifen erreichte, tastete er nach der Tür und presste sein Ohr dagegen. Es war eine Stimme, erkannte er, die einen Monolog zu halten schien. Er konnte keine Worte ausmachen. Die Stimme einer Frau oder eines Kindes? Dann ging ihm mit einem Mal ein Licht auf! Mit einem Gefühl der Erleichterung, aber auch verärgert klopfte er an die Tür.

»Komm rein!« Marias Stimme klang nicht überrascht.

Er öffnete die Tür.

»Bist du’s, Johannes?«, fragte sie.

»Nein, Thomas.«

»Was machst du denn hier?«

Er betrat eine einfache Kammer mit rohen Bretterwänden und sah Maria auf ihrem Bett sitzen. Sie hielt ein Buch in der Hand, und auf dem kleinen Tisch neben dem Bett flackerte eine Kerze. Sie blickte ihn fragend und ungläubig an.

»Das wollte ich eigentlich dich fragen«, sagte Thomas.

»Das ist mein Zimmer

»Ich dachte, du wärst auf dem Fest.«

»Danach steht mir nicht der Sinn.«

»Weiß Gutenberg, dass du noch hier bist.«

»Natürlich, ich habe es ihm doch gesagt.«

Sie machte ein ernstes Gesicht, und Thomas fragte sich, weshalb Gutenberg ihn nicht unterrichtet hatte.

»Ich habe deine Stimme gehört«, sagte Thomas. »Ich dachte, ein Fremder sei im Haus.«

»Ich muss laut lesen. Weil ich es nicht richtig kann.«

»Was hast du da?«

»Das Buch der Natur.«

»Den Megenberg?«

»Die Welt steckt voller Wunder. Wusstest du, dass der Pelikan seine Jungen vom eigenen Blut ernährt?«

»Wer hat dir das Buch gegeben?«

»Johannes«, erwiderte sie. »Er unterrichtet mich im Lesen. Aber wann komme ich schon zum Üben?!«

Sie zeigte auf eine Illustration. »Schau nur, hier.« Thomas erkannte ein Wesen mit langem Hals und spitzem Schnabel, das sich die eigene Brust aufriss und drei Junge nährte. Maria klappte das Buch zu und legte es auf den Beistelltisch. Ornamente zierten den braunen Ledereinband, an dessen Kanten Metallbeschläge saßen, um ihn vor Verschleiß zu schützen.

»Kommt Johannes oft zu dir?«

Ihre Augen verengten sich ein wenig. »Nur wenn alle schlafen«, gestand sie widerstrebend.

»Seit wann habt ihr ein Verhältnis?« Dass Thomas so unverblümt fragte, entsprang seiner Verärgerung. Hätte Gutenberg ihn informiert, wäre ihm der Schrecken erspart geblieben.

»Schon lange«, sagte sie mit unsicherer Stimme.

»Warum die Heimlichtuerei?«

»Damit es kein Gerede gibt«, sagte sie. »Er will keinen Ärger mit der Kirche. Schließlich sollen sie seine Bibeln kaufen.«

Thomas sah ihre verschmutzten, überdimensionalen Holzpantinen auf dem Boden stehen. »Deine Spuren haben mich ganz schön erschreckt. Ich dachte, da ist ein Riese unterwegs.«

»Ja, die Dinger sind mir viel zu groß.«

Thomas betrachtete sie aufmerksamer. »Was ist los? Du siehst traurig aus.«

Ein seltsamer Glanz lag in ihren Augen. »Ich bekomme ein Kind von ihm«, sagte sie. »Aber er wird mich nie heiraten.«