15.
T
homas saß in seinem Arbeitszimmer. Der Kurfürst hatte ihn zu sich bestellt, und er wusste nicht, worum es ging. Bis dahin war allerdings noch Zeit. Deshalb dachte er über die Spur nach, auf die ihn der Baumeister (nach dem man immer noch erfolglos suchte) gebracht hatte. Der Abt des Karmeliterordens hatte ein Verhältnis mit Klara Roth gehabt. Der Orden war angesehen, und der Mann an seiner Spitze besaß Macht. Da Thomas sich bereits hinreichend unbeliebt gemacht hatte, wollte er behutsam vorgehen. Der Abt gehörte dem geistlichen Gericht an, mit dem er in Zukunft zusammenarbeiten musste, und so beschloss er, unter dem Vorwand eines Antrittsbesuchs das Gespräch mit ihm zu suchen.
Thomas machte sich spontan auf den Weg zum Kloster, denn er war sehr ungeduldig. Es war fraglich, ob der Abt Zeit für ihn hatte. Das Mainzer Karmeliterkloster war von einer Mauer umgeben. Durch das geöffnete Tor betrat Thomas das Klostergelände. Die Wirtschaftsgebäude und die Kirche waren in einem guten Zustand. Thomas begab sich ins Kapitelhaus und fragte einen Mönch, wo der Abt zu finden sei. Er erklärte ihm, weshalb er gekommen sei, und der Mann bat ihn, im Kapitelsaal zu warten.
Thomas hatte kaum Zeit, den großen, von Säulen getragenen Raum zu betrachten, als ein weiterer Mönch erschien und ihn aufforderte, ihm zu folgen. Sie traten ins Freie, und Thomas sah von weitem den Abt aus der Richtung des Kreuzgangs auf sie zukommen.
Der Abt begrüßte Thomas mit festem Händedruck und führte ihn zu einem kleinen Haus, das neben dem Kapitelgebäude lag. Hier wohnte der Abt, und ein Raum diente dem Empfang von Gästen. Thomas ließ sich zu einem Becher Wein überreden. Ein Novize brachte einen Krug, zwei Becher und etwas Brot – ein Ritual, mit dem in den meisten Klöstern ein wichtiger Gast empfangen wurde. Sie machten sich miteinander bekannt. Der Abt hieß Siegmund, und Thomas schätzte ihn auf Mitte fünfzig. Er hatte einen wuchtigen Schädel, und die Stirn war von einer tiefen Furche durchzogen.
»Bisher bin ich leider kaum dazu gekommen, mich in meine Aufgaben einzuarbeiten«, sagte Thomas. »Sicher habt Ihr von dem Mordfall gehört?«
Thomas hatte sich bei Fuchs erkundigt, bevor er sich auf den Weg machte. Siegmund stammte aus Bacharach am Rhein. Sein Vater hatte ein Vermögen im Holzhandel verdient, und Siegmund als jüngster Sohn war von Geburt an für die geistliche Laufbahn bestimmt gewesen. Mit Schenkungen verhalf der Holzhändler seinem Sohn zu raschem Aufstieg. Auch als Siegmund Abt wurde, habe sein Vater tief in die Tasche greifen müssen. Siegmund galt als entscheidungsfreudig, geschickt im Verhandeln und findig darin, die Interessen des Ordens zu vertreten.
Die ohnehin beachtliche Furche vertiefte sich, als Siegmund die Augenbrauen zusammenzog. »Ihr meint Klara Roth?«
»Die Suche nach dem Täter nimmt meine ganze Zeit in Anspruch.«
»Ich wünschte, ich könnte Euch helfen«, sagte der Abt.
Sie setzten sich, und der Abt stellte Thomas ein paar belanglose Fragen über seine Herkunft und seinen bisherigen Werdegang. Thomas mochte den Mann, der vom Alter her sein Vater hätte sein können und sicher über große Erfahrung verfügte. Er schien keine Vorurteile ihm gegenüber zu haben.
»Kanntet Ihr die Tote?«, fragte Thomas.
Falls die Frage dem Abt unangenehm war, so ließ er sich nichts anmerken. »Selbstverständlich. Ihr Vater steht dem Kaufhaus vor, ich habe häufig mit ihm zu tun. Das Kloster ist ein Wirtschaftsbetrieb, wir bieten unsere Waren im Kaufhaus an, und wir erhalten viele Lieferungen von dort. Karl Roth ist ein zuverlässiger Geschäftspartner, ich schätze ihn sehr. Seine Tochter kannte ich schon, da war sie noch so groß …« Der Abt hielt seine Hand in Höhe des Tisches über den Boden.
»Ich bin für jeden Hinweis dankbar, der mir weiterhilft«, sagte Thomas.
»Ihr Tod geht mir nahe«, sagte Siegmund. »Außerdem habe ich gehört, dass der Baumeister vermisst wird. Besteht zwischen den beiden Fällen ein Zusammenhang?«
»Vielleicht. Die beiden hatten ein Verhältnis miteinander.«
Der Abt schaute überrascht auf.
»Offenbar hatte Klara Roth mehrere Männerbekanntschaften dieser Art«, fügte Thomas hinzu.
Zunächst erwiderte Siegmund nichts. Seine Augen waren nun noch wacher, während sie in denen von Thomas forschten.
»Wäre es nicht für die Lösung des Falls wichtig, zu wissen, wer die andern Bekanntschaften waren?«, fragte er.
»Das ist richtig!«
»Kennt Ihr die Namen?«
»Ich kenne sie zum Teil«, sagte Thomas und machte eine vage Geste mit der Hand. Siegmund zeigte zunächst keine Reaktion. Dann stand er auf, verschränkte die Hände auf dem Rücken und ging etwas steif im Raum auf und ab.
»Ich will offen reden«, sagte er. »Obwohl ich mir nicht sicher bin, wie weit Eure eigene Offenheit geht. Ich weiß nicht, was Ihr wisst – und was Ihr erst noch herausbekommen wollt. Es spielt aber keine Rolle. Denn was ich Euch sage, geschieht unter vier Augen. Es gibt keine Zeugen.«
Thomas nickte.
»Ich war einer von Klaras Liebhabern«, sagte der Abt und beobachtete ihn scharf. »Ich dachte mir, dass Ihr es wisst«, fuhr er fort, als eine Reaktion ausblieb. »Und deshalb ist es mir lieber, wenn wir mit offenen Karten spielen. Ich kann Euch vielleicht helfen. Aber ich erwarte eine Gegenleistung. Nämlich, dass Ihr Stillschweigen wahrt. Oder weiß noch jemand Bescheid?«
»Nein«, sagte Thomas.
»Ich bin kein Heiliger und hatte nie die Absicht, einer zu werden. Ich ging nicht freiwillig ins Kloster. Die ersten Jahre waren hart, aber je höher man steigt, desto bequemer lebt man. Mein Vater war Geschäftsmann, und das bin ich im Grunde auch: Ich stehe einer florierenden Gemeinschaft vor, die ihren Wohlstand zu einem erheblichen Teil mir verdankt. Auch halte ich wenig vom Zölibat. Was soll an der Ehe schlecht sein? Waren nicht die Apostel fast alle verheiratet? Ich kenne keine Bibelstelle, die das Zölibat rechtfertigt. Aber ich bin gezwungen, meinen Mund zu halten. Stellt Euch vor, es gäbe ein Gesetz, das es Richtern verbietet, zu heiraten. Was macht Ihr, wenn Ihr Euren Beruf liebt? Zwingt man Euch nicht zur Heimlichtuerei?«
»Ich kann schweigen«, sagte Thomas.
»Dann will ich zur Sache kommen. Ich hoffe, dass der Mörder gefunden wird, und ich habe eine Vermutung. Sie basiert auf einem Gespräch zwischen Klara und mir. Für gewöhnlich war sie zurückhaltend, gab wenig von sich preis. Aber einmal hatten wir beide getrunken, und sie machte Anspielungen.«
Der Abt schien in seinem Gedächtnis zu kramen oder eine treffende Formulierung zu suchen.
»Was waren das für Anspielungen?«, fragte Thomas.
»Ich solle die Stunden genießen, sagte sie mir und wörtlich: ›Wer weiß, was kommt! Ich spiele mit dem Gedanken, wegzugehen.‹ Die Treffen mit ihr waren mir ans Herz gewachsen, trotz der Risiken. – Es ist schließlich keine Kleinigkeit, sich einmal die Woche nachts aus dem Kloster zu schleichen. – Sie lächelte, als sie meine Furcht bemerkte. Es amüsierte sie wohl, dass wir Dinge taten, die in jeder Predigt verurteilt werden. Sie sagte: ›Ich träume davon, nach Straßburg zu ziehen, wo mich niemand kennt, und mir dort ein kleines Haus zu kaufen. Ich werde innerhalb der Stadtmauern leben, verstehst du. Erst dann habe ich mich von Mainz und meiner Familie gelöst.‹ ›Und woher nimmst du das Geld?‹, fragte ich; denn das, was sie von mir bekam, war dafür zu wenig. Sie antwortete: ›Mit etwas Glück werde ich bald reich sein. Ich habe einen dicken Fisch an der Angel. Ich besitze ein Geheimnis, das viel Geld wert ist.‹ ›Was für ein Geheimnis?‹. ›Wenn ich es dir sage, ist es kein Geheimnis‹, ›Hast du den Stein der Weisen gefunden?‹ Und sie erwiderte im gleichen Ton: ›Vielleicht nicht gerade den Stein der Weisen, aber immerhin das Geheimnis der Schwarzen Kunst.‹ Und dann lachte sie, als habe sie einen guten Witz gemacht. Ich verstand kein Wort. ›Das macht der Wein‹, sagte sie. ›Vergiss alles, ich rede Unsinn.‹ Ich spürte aber, dass ein Funke Wahrheit in dem war, was sie erzählte.«
Thomas dachte an die beiden Worte im Totentanz. Er hatte die kleine Randnotiz nicht vergessen, sie beschäftigte ihn immer wieder. Er erinnerte sich auch an ein Gespräch, das er mit Katharina darüber geführt hatte, auf dem Weg zurück in die Stadt. Ihnen war aufgefallen, dass Klara an verschiedenen Stellen Bemerkungen an den Rand notiert hatte. Sie gehörte offenbar zu den Menschen, die einem Text gern ihre eigenen Gedanken beifügten. Fand sie es interessant, nach längerer Zeit die Randnotizen zu lesen?
»Natürlich war ich neugierig geworden«, fuhr der Abt fort, »ich goss ihr Wein nach, aber es nützte nichts. Mehr war aus ihr nicht rauszubekommen. Auch bei den folgenden Treffen nicht. Ich habe hin und her überlegt. Dann fiel mir dieses Kräuterweib ein, diese Frau, mit der sie sich häufiger traf.«
»Wer ist das?«
»Eine alte Frau. Klara erwähnte einmal, dass sie in einem kleinen Dorf Richtung Oppenheim wohnt.«
»Wie heißt das Dorf?«
»Neuhof.«
»Und die Frau?«
»Falls sie ihren Namen erwähnt hat, so habe ich ihn vergessen.«
»Was wollte Klara bei ihr?«
»Unterricht nehmen. Sie wollte bei ihr lernen, welche Kräfte bestimmte Kräuter haben. Und jetzt zählt mal eins und eins zusammen. Mir gegenüber spricht sie von Schwarzer Kunst und davon, dass sie ein Geheimnis kennt, das sie verkaufen will. Und gleichzeitig geht sie zu der Frau und lässt sich in ihre Kunst einweisen. Meiner Meinung nach ist die Alte eine Hexe. Und der Mord hat mit Magie zu tun und Hexerei.«
Thomas konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Ist das Euer Ernst?«
Das Gesicht des Abtes wirkte plötzlich verändert, und Thomas fragte sich, ob er ihn beleidigt habe. »Mir ist nicht nach Scherzen zumute«, sagte er kühl.